| Susanne Riedinger |
| Der Sternenhimmel im Juni |
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Dann ist es Ulrike, die Karl bittet, mit ihr in die Sporthalle zu gehen, um sich ein bisschen zu bewegen. Das Essen ist ausgezeichnet und reichlich, selbst um zehn Uhr abends gibt es noch belegte Schnitten. In der Kajüte fasst sich Ulrike kontrollierend an Bauch und Hüften, und sie nimmt die englischen Geldscheine aus dem Schlüpferbund, weil sie anfangen zu drücken.
Karl besucht einen Vortrag mit allerlei Wissenswertem über das Schiff. Der Anker besteht aus Siemens-Martin Stahl-Formguss und wiegt 6894 Kilo. Die Ankerkette ist 100 Meter lang, und ein Glied wiegt 30 Kilo. "Deutsche Kilo?" will ein Junge wissen und kassiert dafür spöttisches Gelächter. Auch der Wäschebestand an Bord ist beträchtlich: es gibt 4000 Stück Bettwäsche, außerdem 2000 Wolldecken, 2000 Tischtücher, 3000 Badetücher, 1000 Barbier-Servietten, 5000 Matratzen-Schonbezüge, 1000 Keilkissen, 7000 Küchentücher und und und. Dann kommen Angaben, bei denen sich Ulrike nicht zu wundern braucht, wo all das bleibt: pro Mahlzeit werden 400 Liter Suppe, 300 Kilo Gemüse, 15 Zentner Kartoffeln zubereitet oder verarbeitet. Dazu kommen 20 halbe Schweine. Die Bratwürste haben eine Gesamtlänge von 250 Metern. Die täglichen 20000 Teller werden maschinell gesäubert, doch die 3000 Tassen werden handgewaschen, desgleichen die Butterteller, Bestecke und Silberkannen. Ob es neunhunderter oder fünfhunderter Silber wäre, will der Junge in einem zweiten Versuch wissen und wird abermals ausgelacht.
Sie nähern sich Madeira, und Ulrike hat immer noch keine Nachricht von Hans. "Du sollst ihn ja auch anrufen", sagt Karl. "Ist das wahr?" fragt sie ganz entgeistert. "Hatten wir das so verabredet?" Karl sieht sie befremdlich an, sie bemerkt seinen Blick, hält die Hand vor die Augen und seufzt "Natürlich, ich weiß es. Ich bin auf einmal so zittrig, ich glaube, ich stehe das nicht durch." Karl sagt nichts, aber er nimmt seine ganze Autorität zusammen und sagt fast befehlend "Und doch wirst du ihn anrufen." Sie wirft sich auf die Koje und starrt nach oben, so wie Erich im Krankenbett, nur nicht so ruhig und zufrieden, sondern bang und verschüchtert. "Ich tu's ja", sagt sie, "gleich morgen, wenn wir auf der Insel sind."
Die Wahrheit ist: sie hat Angst davor, dass die mit Hans vereinbarte Mitteilung ungesagt bleibt. Im Innern hat sie ein schlimmes Gefühl, das mit jeder Seemeile, die sie unterwegs sind, stärker und wahrhaftiger wird. Die heimliche Flucht vom Schiff wird misslingen. Niemand wird da sein, der sie erwartet, ihnen weiterhilft, sie in Sicherheit bringt. Es wird letzten Endes eine lächerliche, idiotische und obendrein selbstmörderische Aktion werden, die nicht nur ihr eigenes, sondern auch Karls Leben so gründlich kaputtmacht, wie es Erich in seinem schlimmsten Suff nicht verbrochen hätte. "Du willst doch nicht etwa bloß mit ein paar Pfund mehr Fett am Hintern wieder in deinen Fotoladen zurückgehen?" hört sie Karl sagen. Sie springt auf und knallt ihm eine auf die Backe, dass sofort die Finger sich rot darauf abzeichnen. Karl wendet sich zur Seite und muss weinen. Ulrike rennt aus der Kajüte.
Eine Stunde später steht Ulrike an der Reling und schaut auf die Küste von Madeira, die schon zum Greifen nahe ist. Karl kommt hinzu. Sie betrachten die sonnenüberflutete Landschaft. Karls Wange hat wieder die normale Farbe, keiner von beiden erwähnt die Sache. Zerklüftete Felsen ragen aus dem Meer empor und reichen ein Stück an den Hängen der Insel hinauf. Im Sonnenlicht und unter der Gischt der anbrandenden Wellen hat ihre glatte, blanke Oberfläche einen goldgelben Glanz. Die Gesteine verlieren sich alsbald in der üppigen Vegetation, und den größten sichtbaren Teil des Ufers bildet ein heller Strand, über dessen mittlerem Abschnitt sich ein Ort mit kreuz und quer erbauten Häusern erhebt, mit roten Ziegeldächern, kleinen, blumengeschmückten Fenstern und Balkonen mit Schatten spendenden Schirmen und Markisen. Dazwischen winden sich schmale Gässchen und steinerne Treppen hinauf und hinab, und zum Wasser hin öffnet sich der Hafen mit den zahllosen Booten und Seglern und einer langen, massiven Mole zum Anlegen der Dampfer.
Oben, auf der Höhe der Insel, erkennt man die Bergstation des Torreiro de Lucia, und über die hügelige Gegend erstrecken sich Weingärten und Felder, Pflanzungen von Zuckerrohr und Bananen. Dichte, grüne Wäldchen mit Farnen und Palmen wechseln sich ab mit Gruppen von Drachenbäumen und Magnolien, hier und da stehen krummgewachsene Kakteen. Bezaubernder Duft von tausend Blüten und Früchten, betörender Vogelgesang, verwirrender Lärm vom Markt und Hafen, Musik, Gesang, Hundegebell und das Blöken von Lämmern dringen bis zum Schiff herüber. Es ist als hätte sich die lebendige Fülle der Natur und des menschlichen Geschicks auf dieser Insel ausgebreitet. Für einen Augenblick vergisst Ulrike, auf welcher Reise sie unterwegs sind und kommt sich vor wie im Märchen.
Auf der Uferpromenade spazieren sie an bunten Ständen entlang, an denen einheimische Souvenirs feilgeboten werden, besonders die feinen und in unendlichen Variationen gemusterten Stickereien sind bei den Besuchern beliebt. Sie fahren mit der Zahnradbahn den Berg hinauf, von wo man einen weiten Ausblick über die ganze Insel und über das Meer bis zum Horizont hat. Die "Schlittenstraße" ist eine Attraktion, Ochsenfuhrwerke mit Kufen statt mit Rädern gleiten bergab auf dem Straßenpflaster aus kugelköpfigen Steinen, die das Meer an Land gespült hat. Es gibt so viel zu entdecken, dass die Stunden wie im Fluge vergehen. In der nur ganz allmählich schwindenden Nachmittagshitze liegen schließlich viele der Urlauber faul in den überdimensionalen Hängematten, die zwischen den Palmenstämmen am Strand gespannt sind und erholen sich für den Abend.
Ein Bordfest wird veranstaltet, alles ist wundervoll geschmückt mit Lampions und Girlanden. Büfetts und Bars sind aufgebaut, jeder kann sich nach Herzenslust bedienen oder sich von einem der schmucken Küchenmädchen auf den Teller servieren lassen. Eine Kapelle mit Insulanern spielt südliche Weisen, und auf dem anderen Deck gibt es Tanzmusik mit humoristischen Progammeinlagen. Der Sportsmann im karierten Anzug will Ulrike gerade um einen Tanz bitten, als ein Schiffssteward auf sie zukommt und sagt, es sei ein Ferngespräch für sie angemeldet worden. "Woher weiß der denn, wer Sie sind?" wundert sich der Karierte. "Keine Ahnung", erwidert sie, "aber Sie entschuldigen mich bitte."
Sie folgt dem Steward in die Funkstation, an den zwei Apparaten wird gesprochen. "Sie können warten", sagt ein junger Matrose, "es kann allerdings etwas dauern, es geht der Reihe nach." "Natürlich. Kann ich mich dort hinsetzen?" "Ja. Sie können sich auch etwas zu trinken bestellen, wenn Sie möchten." Der Matrose macht einen sehr freundlichen Eindruck. "Vielen Dank, später vielleicht." "Gut. Ich muss zurück an mein Funkgerät." "Ja. Danke, dass Sie mir Bescheid gesagt haben." "Bitte, gern geschehen." Karl kommt angerannt. Bevor er etwas sagen kann, fragt sie ihn "Na, amüsierst du dich gut?" Dabei klingt ihre Stimme als würde sie gleich versagen, Schweiß steht ihr auf der Stirn und sie hält sich krampfhaft an den Armlehnen fest. "Ja, es ist toll, es ist alles gut, ich habe mich noch nie so wohlgefühlt", sagt er, um sie zu beruhigen.
Sie wiederholt ihm, was der Matrose gesagt hat. Karl schlägt vor, hier zu warten, sie könne zurück auf Deck gehen, er würde sie blitzschnell rufen. Sie schüttelt den Kopf. "Geh' du wieder hoch." "Ich setz' mich auch hierher." Sie sitzen schweigend eine halbe Stunde lang da. Dann sind beide Apparate frei, aber es tut sich nichts. Dann erscheint plötzlich der Matrose und sagt "Apparat zwei, bitte." Ulrike schießt hoch. "Apparat zwei. Welcher ist das?" "Der rechte." "Ach ja, steht ja drüber." Der Matrose lächelt und verschwindet. "Bleib' du hier", sagt sie zu Karl. Sie greift den Hörer und lauscht.
Sie hört eine Stimme, die hallt wie in einer Kirche, es pfeift und rauscht, und dann klingt die Stimme wie das Sirren einer Äolsharfe und entfernt sich in Windeseile. Im nächsten Moment ist sie klar und deutlich. "Ulrike? Bist du dran?" Es ist eine Frauenstimme. "Ja, ich bin's, wer ist denn da?" "Hier ist Anna." "Anna." "Mensch, ist das aufregend. Ulrike, ich wollte dich mal anrufen." "Anna? Von wo rufst du denn an?" "Na, von zu Hause." "Aus Gothardau?" "Du hättest mal was sagen können, dass du verreist." "Das ging so schnell. Ist noch jemand da?" "Was? Das knattert immer so in der Leitung." "Bei mir nicht. Ist noch jemand bei dir?" "Ja, Wolf ist hier. Er grüßt dich, und Karlchen auch." "Grüß' ihn zurück." Karl zupft sie am Ärmel. "Frag' ob sie weiß, wie es Vater geht." Sie nickt. Da hört sie jemand sagen "... und vom Schuppen hat's die Schindeln runtergefegt, als wären es Quoooaaaalsss..." - die weiteren Worte werden durchgeleiert und zerhackt. Dann ist Anna wieder da. "Was war'n das?" "Weiß nicht, war wohl jemand in der Leitung. Anna, hast du mit Hans gesprochen?" "Und bring' mir was mit, muss nichts Großes sein." "Ja, mach' ich, hast du ..." "Wenn du wieder da bist, habe ich auch eine Überraschung für dich, also wir beide, Wolf und ich." "Ach du lieber Himmel." Die fremde Stimme nähert sich wieder wie ein Fisch, der gegen den Strom schwimmt. "... beim Pfarrer ... Sonntag in acht Tagen ..." "Hast du schon jemand kennengelernt? Na, du erzählst mir alles, dann kommst du nicht so leicht wieder weg." "Anna! Warte. Hast du mit Hans gesprochen?" "Ja. Es geht ihm gut. Stell' dir vor, er hat bei uns im Garten eine Antenne gebaut, und ich habe Heifetz gehört." "Was hast du gehört?" "Jascha Heifetz, wie er Tschaikovsky spielt, direkt aus London. Wolf hat erst gemuckt, weil's doch ein Jude ist, aber dann fand er die Musik auch ..." "Anna, hat Hans irgendwas gesagt?" "Nee, ich sollte bloß den Sender wieder wegdrehen. Jetzt muss ich Wolf auch schon Tschaikovsky vorspielen." "Weißt du, wie es Karls Vater geht?" "Nee." Es gibt eine Pause.
"Ulrike, bist du noch da?" "Ja, ich bin noch dran." "Ich will dich nicht länger aufhalten, du hast doch bestimmt 'ne Verabredung oder so was." "Ja, es ist Bordfest", sagt Ulrike und spürt, wie sie gleich umkippen wird. Sie hält sich an der Wand aufrecht. "Ein Bordfest, Gott ist das romantisch, also dann ..." "Ja." "Und denk' an das Mitbringsel, irgendwas Kleines, Originelles. Ach, und übrigens, Hans gibt dir 'nen Tip: in Tunis bei der ..." "Was? Was hat er gesagt? In Tunis? Oder in Tripolis?" "Ja richtig, in Tripolis bei der ... Wolf, wie hieß die Moschee noch mal? ... Bei der Su-ni-zi-ja-Moschee, da soll es einen ganz exotischen Basar geben, den müsst ihr ..." "Anna? Anna?"
Die Leitung ist zusammengebrochen. Karl hält den Hörer ans Ohr. "Die ist weg. Was hat sie von Vater gesagt?" "Es geht ihm besser, er probiert neue Prothesen aus." "Wie will er da bloß die Treppe rauf und runter kommen." "Merk' dir mal: Sunizija-Moschee." "Was ist damit?"
"Ein Wunderwerk der Technik, diese Telefone, nicht wahr?" Der Mann steht wie aus dem Nichts vor Ulrike. Er hat eine Parteiuniform an. Er ist hager und hat stark hervorstehende Wangenknochen und dunkle Halbmonde unter den Augen. Er lächelt gekünstelt. Ulrike erkennt ihn wieder, es ist derselbe, der in Hamburg, als sie an Bord gingen, ihre Ausweispapiere umständlich geprüft hat. "Erstaunlich, ja. Und so deutlich", sagt Ulrike und drückt unbemerkt Karls Hand. Hinter ihnen schaut der Matrose durch die Tür, vielleicht will er erklären, weshalb das Gespräch abgebrochen ist. Als er den anderen sieht, verdrückt er sich gleich wieder.
"Sie werden auch immer kleiner", sagt er. "Wer?" "Die Telefonapparate." "So, ja. Sie sind sehr handlich." "Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden die Telefone so klein sein, dass sie in jede Hosentasche passen." "Meinen Sie? Wenn ich das noch erleben sollte, müsste ich mir eine Hosentasche annähen." Er lacht, es ist ein hässliches, schadenfrohes Lachen. "Ja ja, die Frauen und die Technik. Na, oder sie werden nur so groß sein wie ein Knopf, man wird sich so ein winziges Telefon anheften können." Ulrikes Blick fällt auf sein glänzendes Abzeichen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, das an seinem Revers steckt. Karl sagt "Wie soll man denn da wählen können?" Er mustert ihn wie einen schmutzigen Hund. "Wählen? Da muss gar nicht mehr gewählt werden, es gibt eine stehende Verbindung zwischen allen Volksgenossen, und natürlich nach oben, zur Führung." Er hebt den Kopf, und man sieht seine knorpelige Gurgel. "Phantastisch sich das auszumalen", sagt Ulrike, "ich würde gern mehr darüber erfahren, doch leider müssen wir wieder nach oben zum Bordfest, man wartet auf uns."
Sie schiebt ihn sachte zur Seite und zieht Karl an der Hand hinter sich her. "Ja, auf ein andermal, Fräulein Friedewald", ruft er ihr nach, "wir sehen uns gewiss." Dann holt er sie ein. "Übrigens, was ich noch sagen wollte, falls Sie meine Hilfe brauchen oder mir irgendetwas mitteilen wollen, hier ist meine Karte mit der Telefonnummer auf diesem Schiff. Selbstverständlich wird alles streng vertraulich behandelt." Auf der weißen Visitenkarte steht ein Name, darunter "Reisebegleiter" und eine dreistellige Nummer. "Was sollte ich Ihnen mitteilen?" fragt Ulrike. "Nur für alle Fälle. Es kann auch auf so einem fröhlichen Schiff manchmal böse Überraschungen geben, wenn Sie wissen, was ich meine." "Tut mir Leid." "Nun, man muss immer wachsam sein und auf alles achten, was der Urlaubsfreude und der Volksgesundheit schaden könnte." Ulrike ist versucht zu fragen, was die Volksgesundheit damit zu tun habe, aber sie will ihn endlich loswerden. "Das mit dem Bescheid geben gilt natürlich auch für den Jungen, er kann doch schon lesen, oder?" "Er kann sogar lesen und schreiben." "Umso besser. Er soll ruhig alles aufschreiben, was er so sieht und hört. Aber bitte die Zettelchen mitbringen, die interessieren mich sehr."
"Was wollte der von uns?" fragt Karl. "Scheint so, dass wir als Spitzel für ihn arbeiten sollen." "Kriegt man das bezahlt?" "Weiß nicht, habe ich noch nicht gemacht. Vielleicht bekommt man eine Extraportion Nachtisch." "Das fällt doch sofort auf. Was ist nun mit dieser Moschee?" Ulrike gibt ihm die wenigen Fakten wieder und fügt hinzu, was es damit auf sich haben könnte. Am nächsten Morgen - draußen ist strahlender Himmel und schönstes Sommerwetter - sitzen sie in der Kabine auf den Betten und bewegen sich in Gedanken durch die Straßen von Tripolis, von denen sie vermuten, dass sie sehr eng und voll von Menschen sind. "Wie kommen wir dahin?" fragt Karl. "Wir nehmen ein Taxi." "Gibt es so was da? Ich denke, da laufen nur Kamele rum." "Dann nehmen wir ein Kamel." "Eins für uns beide?" "Stell' nicht so dumme Fragen, wir werden es sehen, wenn es soweit ist." "Also übermorgen."
Auf einmal fährt Ulrike zusammen. "Mensch, wir sind komplette Idioten, wozu haben wir das ganze Zeug eingepackt, wir können sowieso nicht mit dem Gepäck zu einem harmlosen Stadtrundgang von Bord gehen." "Ich habe nur meinen Rucksack." "Der ist auch noch zu dick." "Wir könnten mehrere Sachen übereinander anziehen." "Klar, bei der Hitze, wie praktisch." Nach dem Frühstück wird alles ausgeräumt und neu auf seinen Rucksack und ihre große Strandtasche verteilt, mit der sie auf Madeira schon an Land gegangen war. Die Straße von Gibraltar ist längst vorbei, sie fahren an der afrikanischen Küste entlang, die manchmal als dünner heller Streifen am Horizont sichtbar war. Dann umschiffen sie die Spitze des alten Karthago und nehmen Kurs südwärts.
Ulrike wird immer stiller und zugleich unruhiger, sie beginnt sogar wieder damit, an den Fingernägeln zu kauen, was sie seit ihrer Kindheit nicht mehr getan hat. Auf Deck geht sie allen Leuten möglichst aus dem Weg, und wenn sie in eine Unterhaltung verwickelt wird, hat sie bald irgendeine Ausrede parat und verschwindet. Einmal sagt sie zu Karl "Wenn es passieren sollte, dass wir uns verlieren, dann ..." "Was dann?" "Tja, wenn ich das wüsste." Zum Abendessen häuft sie auf den Teller, was drauf passt, holt sich nach, stopft alles in sich hinein und nuschelt mit vollem Mund "Man muss vorsorgen, wer weiß, wie lange wir ohne Essen auskommen müssen." "Man wird dich einsperren, weil du mit dem Bild in deinem Pass keine Ähnlichkeit mehr hast." "Oh Gott, der Pass, das Geld!" Sie springt auf und rennt in die Kabine, dann weiß sie plötzlich nicht mehr, wo sie es versteckt hat.
Am Tag bevor sie Tripolis erreichen, plagen Ulrike heftige Bauch- und Kopfschmerzen. Sie nimmt eine von den Tabletten, die gegen die Seekrankheit sind, mittags noch mal zwei. Am Nachmittag muss sie sich mehrmals übergeben. Karl ruft nach dem Bordarzt, obwohl sie es ihm verbietet. Eine Schwester kommt und untersucht sie und äußert den Verdacht auf Lebensmittelvergiftung. Sie will wissen, was Ulrike in den letzten vierundzwanzig Stunden gegessen hat. "Alles", antwortet sie. Dann bekommt sie auch Fieber und Schüttelfrost und in der Nacht redet sie im Schlaf, und Karl überlegt, ob er laut singen soll, um sie zu übertönen, falls sie ungewollt etwas verrät.
Sie legen im Hafen von Tripolis an. Der Bordarzt kommt selbst und überprüft Ulrikes Zustand. Sie liegt blass und schweißnass in der Koje. Der Bordarzt gibt ihr Medikamente und sagt, sie kann leider nicht das Schiff verlassen. Er notiert alles auf einem ärztlichen Formular. "Und ich?" fragt Karl. Der Arzt sagt "Ich werde sehen, ob ich für dich was organisieren kann, warte solange."
Karl sitzt und wartet. Draußen ist das Meer zu sehen und ein paar Gebäude, wo der Hafen anfängt, man kann den Lärm von der Stadt hören. Zum Landgang werden die Passagiere über die Bordlautsprecher aufgefordert, den Anweisungen zu folgen. Ulrike schläft, der Rucksack liegt griffbereit unterm Bett. Der Arzt kommt nicht wieder. Dafür aber schleicht der "Reisebegleiter" auf einmal vor ihrer Kajüte herum, und Karl kommt es so vor, als würde er sie beide beobachten.
Mittags wird Ulrike wach, steht auf, und Karl denkt, es würde ihr besser gehen. Aber sie findet kaum den Weg zur Toilette und den Bissen von dem Brötchen, das ihr Karl hingelegt hat, spuckt sie gleich wieder aus. Auf dem Schiff ist es ruhig, nur die Geräusche vom Land kommen herüber und das Gekreische der Seevögel über dem Deck dringt herein. Dann und wann läuft ein Matrose auf dem Gang und über die Treppe, und irgendwo weit hinten im Rumpf wird an einer Maschine herumgebastelt, die manchmal eine Weile rattert. Karl fragt Ulrike "Was ist denn nun?" Und sie murmelt "Was soll sein? Wir sind in Afrika." "Ja und, machen wir uns jetzt von Bord?" "Na klar, gleich geht's los." Sagt es und dreht sich in ihrer Koje zur Wand.
Die Tür öffnet sich einen Spalt breit und ein Mann steckt den Kopf herein. "Ist Ulli da?" "Nein, ich heiße Karl." Er deutet auf den Hügel unter der Decke. "Und der?" "Das ist mein Zimmergenosse, kommen Sie vom Arzt?" Der junge Mann schüttelt den Kopf. "Seid ihr aus Gothardau?" Karl hält es für besser, irgendwas anderes zu sagen. "Komisch", meint der Mann, "ich hätte schwören können, ich kenne sie ... ihn, den da." Ulrike hebt den Kopf und guckt über die Schulter. "Was ist'n los?" Der junge Mann lächelt. "Wie wär's mit einem Kaffee, wie versprochen." "Versprochen? Wer?" "Ich bin's, der Franz, vom Fliegerhorst. Erinnerst du dich, als ihr Fotos gemacht habt vom Musikkorps, das nicht da war, und du warst der Ulli."
Ulrike setzt sich mühsam auf die Bettkante und fährt sich mit den Fingern durchs Haar. "Und du bist der Franz." "Ja." "Was machst du hier?" "Ich bin Koch, für diese Saison. Kann ich 'n Moment reinkommen?" "Sie ist ziemlich schwer krank", meint Karl, dem das nicht recht ist. "Lass nur", beruhigt ihn Ulrike, "es ist Franz, ich kenne ihn zwar kaum, aber er scheint in Ordnung zu sein." "Und ob", sagt Franz und lächelt wieder. "Du willst nicht bloß spionieren?" "Junge, sehe ich so aus?" "Und warum bist du noch an Bord, wo alle anderen an Land sind?" "Wird schon seinen Grund haben." "Hat sie sich an deinem Fraß vergiftet?" "Karl! Nimm's ihm nicht übel, wir hatten eigentlich was anderes vor, als hier rumzuhängen." Er tritt an das Kabinenfenster und versucht, nach der Seite hin zu lugen. "Ah ja, die fernen Lande rufen", sagt er und in seiner Stimme liegt eine Zufriedenheit, als ob er nach großer Anstrengung kurz vor der Vollendung seiner Arbeit steht.
Karl macht Ulrike hinter seinem Rücken Zeichen, doch sie winkt ab. Dann besinnt sich Franz. "Der Kaffee." Er geht vor die Tür und kommt mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Tassen mit Kaffee stehen, der dampft und herrlich duftet. "Junge, an dich habe ich leider nicht gedacht", sagt er entschuldigend. "Wieso? Es sind doch zwei Tassen." "Pfiffiges Kerlchen. Eigentlich wollte ich mit Ulli zum Abschied einen trinken." "Was für ein Abschied? Fährst du nicht mit zurück?" Franz legt den Finger an den Mund. "Pst. Nicht so laut. Nein, der liebe Franz wird diese Reise nur bis hierher machen." "Wissen deine Leute das?" fragt Karl, der wieder misstrauisch wird. Auch Ulrike fängt an zu grübeln.
Franz sagt "Das ist jetzt alles nicht so wichtig. Ich wollte eigentlich nur jemandem aus der alten Heimat Lebewohl sagen." "Warum rufst du nicht an, wir haben auch telefo..." Ulrike wirft ihm einen scharfen Blick zu. Karl sieht an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie sich in den letzten zehn Minuten erstaunlich erholt hat, oder sie zwingt sich jedenfalls dazu, einen munteren Eindruck zu machen. Und da ist etwas, das in ihren Augen aufleuchtet wie ein genialer Gedanke, und Karl begreift sofort, was sie meint. Sie schlürft anscheinend genüsslich den Kaffee und fragt, als wäre sie über alles im Bilde "Was willst du tun, so mutterseelenallein in diesem fremden Land? Etwa Thüringer Klöße kochen?" Franz lacht. "Unterschätze mich mal nicht." "Das würde ich nie tun. Ich stelle es mir nur sehr schwierig vor." "Niemand hat behauptet, dass es einfach wäre, aber ich werde es schaffen. Ich schlage mich nach Westen durch, nach Algier und weiter bis nach Casablanca. Dort kenne ich jemand, der hat ein kleines Restaurant, er heißt Rick, bei ihm kann ich als Koch anfangen, und irgendwann werde ich mein eigenes Cafe aufmachen."
"Dann kommen wir dich besuchen." "Ja gern, ihr seid immer willkommen, ihr habt alles frei. Allerdings glaube ich nicht, dass ihr so bald von zu Hause in die weite Welt reisen könnt." "Und wenn schon", sagt Ulrike und trinkt den Kaffee bis auf einen Rest aus, "wir fahren auch nicht nach Hause zurück." Franz erstarrt vor Verblüffung. "Wie?" "Na wie. Glaubst du, du wärst der einzige, der solche Träume hat?" Franz sagt "Ihr wollt doch nicht auch in Casablanca ..." "Dir Konkurrenz machen? Das überlegen wir uns noch, mein Rhabarberkuchen ist ausgezeichnet, damit könnte ich die Gäste verwöhnen." "Und ich bin ein flinker Kellner", meint Karl. "Das ist nicht fair", sagt Franz trotzig wie ein Kind. "Einstweilen gehen wir in die andere Richtung." Er atmet erleichtert auf.
"Aber vorher ..." "Was?" "Wirst du uns dabei helfen, vom Schiff zu kommen." "Ich? Seid ihr verrückt?" "Bist du es? Ich meine, wir wissen doch jetzt Bescheid über das, was wir vorhaben, da sollten wir zusammenhalten." "Ulli, du hast es wirklich faustdick hinter den Ohren, das habe ich damals gleich erkannt. Schade eigentlich, dass wir ..." "Wie ist dein Plan?" unterbricht ihn Karl, der seinen Rucksack unter dem Bett hervorgeholt hat. Franz gibt ein paar Einzelheiten preis, doch angesichts der neuen Situation muss man anders vorgehen. Franz sagt "Ich habe den Auftrag, mit dem zweiten Hilfskoch auf den Markt zu gehen, um Lebensmittel einzukaufen, und dabei wollte ich mich absetzen. Ulli kann als Hilfskoch gehen, im Verkleiden ist sie ja gut. Dich verstecken wir in dem Lieferwagen. So viel ich weiß, müssen wir bloß durch eine Pass- und Zollkontrolle, die KdF-Flotte hat hier nie Schwierigkeiten gehabt." "Und was machen wir mit dem anderen Koch?" Franz überlegt. "Überlasst das mir."
"Geht mal beide raus, ich will mich umziehen", sagt Ulrike, und Karl flüstert sie zu "Lass ihn nicht aus den Augen." Sie gehen zur Küche. "Ich werde für Ulli eine Arbeitskluft holen." "In Ordnung, ich komme mit." "Es ist besser, wenn du ..." Da erscheint der zweite Hilfskoch, der eine Kiste schleppt. Er ruft Franz etwas zu. Instinktiv macht Karl einen Schritt hinter einen der großen Spültische und duckt sich, eine innere Stimme sagt ihm, dass er sich nicht blicken lassen darf. Die beiden Köche verschwinden hinter einer Tür, eine Zeitlang ist es still. Dann öffnet sich eine andere Tür und jemand rennt durch den Raum. Karl hebt den Kopf über die Tischkante, es ist jemand Unbekanntes. Auf dem Tisch liegt ein Schreibblock und ein Stift. Auf dem obersten Blatt steht eine Liste mit Zutaten und der Anfang einer Speisenfolge. Die Minuten vergehen. Wenn sich Franz nun aus dem Staub gemacht hat, denkt Karl. Soll er zurück zu Ulrike? Er hätte die Sache vermasselt. Soll er Franz hinterher laufen?
Dann hat er einen Einfall. Er angelt sich den Schreibblock und kritzelt ein paar Zeilen auf einen Zettel, es sieht schrecklich aus. Er steckt ihn ein und erschrickt, als ihm das Bündel mit Wäsche auf die Arme fällt. "Hier", sagt Franz, "und jetzt komm', wir müssen uns beeilen." "Hast du ihn kaltgemacht?" fragt Karl und seine Stimme zittert."Der ist uns nicht mehr im Weg." Karl überfällt die Angst, sein Herz beginnt wild zu pochen, er kann sich nicht bewegen. Franz dreht sich um. "Was ist? Mensch, Junge, halte den Kopf nach hinten, auch das noch." Franz reißt ihm die Wäsche aus den Händen, nimmt ein Spültuch, lässt kaltes Wasser drüber laufen und wringt es aus, dann legt er es Karl um den Nacken. Dem blutet so heftig die Nase, dass es vorn in großen Klecksen auf das Hemd tropft. "Hört schon wieder auf", stammelt Karl und klingt wie ein Ertrinkender, "ist er wirklich tot?" "Quatsch. Nur eingesperrt."
Ulrike ist bereit. Sie zieht sich die Küchensachen an. "Perfekt, wie ein echter Kesselkommandant", meint Franz, dann sagt er "Wir müssen nach unten auf das Fahrzeugdeck, wir nehmen die Nottreppe." Auf halbem Weg ruft Karl "Ich habe was vergessen, bin gleich wieder da", und bevor die beiden etwas erwidern können, ist er um die Ecke und die Treppe hinaufgesprungen. Nur Sekunden später ist er zurück. "Scheiße! Mach' das nicht noch mal", sagt Franz außer sich vor Zorn. "Was war denn?" flüstert Ulrike. "Hab' nur mein Hemd dagelassen." Später wird man in der Kabine ein fürchterliches Durcheinander vorfinden. Alles, was nicht in Rucksack und Strandtasche gepasst hat, liegt verstreut umher. Aber noch merkwürdiger ist dies: in der Kaffeeneige der einen Tasse finden sich Spuren einer aufgelösten Schlaftablette. Karls blutbeschmiertes Hemd liegt am Boden, und aus der Brusttasche ragt ein Zettel, auf dem steht:
Hilfe ! der Koch will uns entfüren er will uns als Sklafen auf dem Markt Feilbiten Sagt es meinem Vater!
* * * * *
Ulrike stand in der Küche und bereitete das Frühstück zu. Es war Samstag früh um halb acht. Sie hatte das Radio angeschaltet, und es kam ein Lied, von einer Swingcombo gespielt, das Ulrike kannte, weil sie es zur Zeit fast jeden morgen brachten, und sie konnte es schon mitpfeifen. Sie schreckte die gekochten Eier mit kaltem Wasser ab. Eine junge Frau schaute zur Küchentür herein, kraulte sich in den Haaren und fragte verschlafen "Ist das Bad frei?" "Guten Morgen, Thekla, ja, du kannst." Sie deckte den Tisch, stellte Marmelade, Butter, Weißbrot hin, brühte den Kaffee auf.
Dann kam Thekla, die Mitbewohnerin, sie hatte sich in Nullkommanichts zurecht gemacht, die Haare sorgfältig hochgesteckt, sich sogar geschminkt, nur die Fingernägel hatte sie nicht lackiert. "Ich muss mir dann noch die Nägel lackieren", sagt sie, um anzudeuten, dass ihr dafür genügend Zeit eingeräumt werden müsse, und sie setzte sich an den Frühstückstisch. "Hm, schön hast du das wieder gemacht." Sie nahm einen Schluck Kaffee. Im Radio kam keine Musik mehr, es wurde nur gesprochen. Thekla sagte "Können wir nicht was anderes einstellen?" "Wir müssen das lernen." "Was?" "Was die sagen." "Aber ich verstehe kein Wort." "Eben, das sollst du ja lernen." "Großer Gott, nachher reden sie doch bloß banales Zeug. Wir hatten uns darauf geeinigt, ein Tag so und ein Tag so." "Ja, und heute ist Fremdsprachentag." "Bitte", sagte Thekla und sah Ulrike flehentlich an. "Dir kann man auch nie was abschlagen", sagte Ulrike und suchte einen anderen Sender. "Ja, lass das. Oh nein, das ist englisch, auch nicht besser." Ulrike fand einen, wo sie deutsch redeten. "Keine Musik, aber man versteht es wenigstens. So, und nun lass uns frühstücken."
Nach einer Weile sagte Thekla, während sie kaute "Macht es dir was aus, wenn ich nicht mitkomme?" "Hast du was anderes vor?" "Ja, der eine Mechaniker von der Werkstatt hat gefragt, ob ich mit ihm einen Ausflug mache." "Wann hat er gefragt? Vorhin?" "Nee, vorgestern schon, aber ich wollte eigentlich erst nicht." "Welcher ist es, der kleine mit der Glatze?" "Spinnst du? Der ist doch schon ein Opa. Nein, der lockige, weißt du, der immer 'Ulrickie' zu dir sagt." "Hauptsache, er kennt deinen Namen." "Klar kennt er den." Dann sagte sie "Vielleicht ziehen wir auch zusammen, dann habt ihr hier mehr Platz." Ulrike verschluckte sich am Kaffee. "Du gehst das erste Mal mit ihm aus und willst gleich mit ihm zusammenziehen?" "Na ja, jetzt wo wir uns allmählich hier einleben, muss man an die nächsten Schritte denken, das solltest du auch tun." "Oh ja, gibt es da nicht noch einen Mechaniker?"
Von draußen rief jemand. Ulrike ging hinaus. Thekla schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. Da kamen im Radio Nachrichten. Thekla hörte genau zu, dann rief sie Ulrike. "Sie haben den Krieg angefangen." "Was ist los?" "Hör' doch, die Deutschen haben Polen angegriffen, in Görlitz ist ein Radiosender angegriffen worden." "Sei mal still." Sie hörten beide hin. Der Empfang war schlecht. "Kommt das aus Berlin?", fragte Thekla. "Das ist das deutsche Radio aus Paris." "Dann wird es schon stimmen, was sie sagen." "In Gleiwitz haben sie den Sender überfallen." "Gleiwitz, Görlitz, irgendwo da."
Ulrike fiel ein, dass sie auf einer von Hans' Karten bei dem Ort Gleiwitz das Zeichen für einen Radiosender eingezeichnet hatte, ein schmales spitzes Dreieck mit zwei Halbkreisen an der Spitze, die die Wellen darstellten. "Polen wird ein Kinderspiel", hatte Hans gesagt, "sechs, höchstens acht Wochen, und es ist vollständig besetzt." "Und dann?" hatte Ulrike gefragt, und Hans war mit dem Finger an der russischen Grenze entlanggefahren. "Dann rückt die Front nach Osten, dann geht es erst richtig los."
"Was ist?", fragte Thekla, "ist dir nicht gut?" "Ich glaube, mir wird schlecht." Sie schwankte und hielt sich an der Tischkante fest, um nicht zu fallen. "Setz' dich, du bist ganz bleich." Ulrike plumpste auf den Stuhl, sprang aber gleich wieder auf und rief aus dem offenen Fenster, durch das die Morgensonne herein schien "Karl! Karl, komm' sofort ins Haus, sofort!" Sie schrie, dass sich ihre Stimme überschlug. "Beruhige dich", sagte Thekla, "es ist alles in Ordnung." Ulrike setzte sich und schöpfte Atem, ihre Hände zitterten. Karl erschien in der Tür. "Was ist? Ich habe schon vorhin gefrühstückt." Thekla machte ihm ein Zeichen. "Ist nichts." Sie schaltete das Radio aus.
Dann plapperte sie irgendetwas, um Ulrike abzulenken, die sich langsam erholte. Thekla nahm das Nagellackfläschchen, schüttelte es, schraubte es auf und strich ganz akkurat mit dem kleinen Pinsel über ihre Fingernägel, wobei sie ununterbrochen redete. Schließlich fragte sie "Stört dich der Geruch?" Ulrike schüttelte den Kopf. "Manche mögen das nicht." "Mach' nur." "Ist dir wieder gut?" Ulrike nickte. Draußen hupte es, und einen Moment später stand Tante Gertrud in der Küche. "Guten Morgen allerseits. Seid ihr soweit?" "Hast du das gehört?", fragte Ulrike. "Der Angriff auf Polen? Ja. Das war doch vorauszusehen." "Ihr könnt immer alles voraussehen." "Ich nicht", sagte Thekla und pustete über ihre Finger, "ich hätte gedacht, sie machen erst was anderes."
Thekla erklärte Gertrud, weshalb sie nicht mitkommen würde, und so stiegen die beiden Frauen und Karl in Gertruds Wagen und fuhren los. Ulrike hatte die Sprache wiedergefunden und es gab nur ein Thema für sie. Gertrud nahm das alles sehr gelassen, und es gelang ihr tatsächlich, Ulrikes Ängste zu vertreiben. Selbst als die Rede darauf kam, ob die Deutschen hier im Land nun Repressalien zu befürchten hätten, meinte Gertrud, dass es allenfalls so ähnlich kommen würde wie im Jahre 1914, als man vorübergehend interniert worden war. "Wir sind freie Bürger, wir haben nichts Ungesetzliches getan, und wir sind Mitglieder dieser Gesellschaft, die ihren Beitrag zum Gemeinwohl leisten, niemand hat hier etwas dagegen einzuwenden, dass du eine Deutsche bist oder ein Jude, wir führen keinen Krieg."
"Gehen wir zu Harper's?", fragte Karl von der Rückbank. "Wenn du willst, ich muss nur vorher auf die Bank wegen ein paar Überweisungen", sagte Gertrud, "und du Rike? Wohin möchtest du?" "Ähm, ich wollte mir das neue Kaufhaus in der Kidmans Road anschauen. Ach nein, zuerst muss ich zum Schuhmacher, ich hoffe, er repariert mir die noch mal." Sie holte ein Paar ziemlich lädierte Lederschuhe aus dem Beutel und betrachtete sie fast ein bisschen wehmütig. Sie blickte kurz nach hinten und flüsterte dann Gertrud zu "Die hat zuletzt der Möller in Gothardau erneuert." Karl sagte "Kein Wunder, dass du mit den Schlumpen keinen Liebhaber gefunden hast." "Die haben mir gute Dienste geleistet." "Natürlich."
"Also, ich setze euch an der Main Street Kreuzung Zwölfte ab, und wir treffen uns dann am Lüderitzdenkmal." "Kannst du bitte kurz anhalten, ich muss mal pullern", sagte Karl. "Kannst du dich nicht 'n bisschen gewählter ausdrücken?" sagt Ulrike. "Wie denn?" "Na, einfach: ich müsste mal dringend." "Das kann alles mögliche heißen." Gertrud stoppte den Wagen am Straßenrand. "Sieh dich vor, hier gibt es Schlangen." "Wirklich? Ulrike, gibst du mir deine Schuhe?" "Ach so, jetzt sind sie auf einmal gut genug." Sie reichte sie ihm nach hinten, er schlüpfte hinein und lief hinter das Auto. "Kann weitergehen. Was soll's in dem Kaufhaus denn geben?" "Das wollen wir ja sehen."
Sie fuhren in die Stadt hinein, und Gertrud ließ sie aussteigen. "Bis gleich." Sie bummelten an den vielen kleinen Läden mit den hübschen Schaufenstern vorbei. "Ich hol' mir ein Eis", sagte Karl, "willst du auch eins?" "Ja, Vanille." "Hätte ich sowieso gebracht, weiß ich doch, dass es deine Lieblingssorte ist." Ulrike lachte, dann rief sie "Karl, wo sind meine Schuhe?" "Die Schuhe? Ach du heiliger Strohsack, die habe ich da an der Straße stehengelassen." "Was?" "Tut mir wirklich Leid. Ich gebe dir was von meinem Taschengeld für 'n paar neue." Ulrike wusste nicht, ob sie heulen oder lachen sollte. Was für ein Tag sollte das werden? Erst die Kriegsmeldung, dann Gertruds unerschütterlicher Gleichmut, und nun Karl, der die Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten beseitigte, auch wenn sie tatsächlich schon unansehnlich geworden waren.
Sie blickte in das Schaufenster einer Konditorei und sah sich im Spiegelbild. Sie zupfte ein wenig an ihren Haaren in der Stirn und zog den Rock ein Stück nach unten, so dass der schöne Schwung ihrer Hüften zur Geltung kam. Karl stand wieder neben ihr, und bei ihm war Isabell. Karl sagte "Isabell fragt, ob ich mit zu ihr gehen kann, ihre Eltern bringen mich heute Abend nach Hause." "Ist es so?", fragte Ulrike, und Isabell nickte. Auf der anderen Straßenseite sah Ulrike Isabells Mutter, die freundlich herüberwinkte. Sie grüßte zurück. "Ist das mein Eis?", fragte Ulrike Karl und zeigte auf das, welches Isabell in der Hand hielt. Isabell war ein so schönes Mädchen, dass Ulrike sich jedesmal dabei ertappte, wie sie eifersüchtig wurde, wenn die kleine Freundin mit Karl zusammen war. "Ich konnte sie doch nicht leer ausgehen lassen", meinte Karl. "Ist Vanille deine Lieblingssorte?", fragte Isabell, und Ulrike bejahte. "Meine auch", erwiderte sie und leckte genüsslich am Eis. "Da haben wir ja schon mal was Gemeinsames." "Dann bis heute Abend. Ach so, hier, für die Schuhe", sagte Karl und drückte Ulrike ein Geldstück in die Hand. "Behalte das mal", meinte sie, "du brauchst es vielleicht auch noch. Passt auf euch auf." "Wird gemacht."
Ulrike berichtete Gertrud die Sache mit den Schuhen. Gertrud lachte und meinte, dann müssten sie schleunigst welche kaufen. Sie gingen in das neue Warenhaus, wo es eine Schuhabteilung gab. Ulrike fand ein Paar Sandalen hübsch, doch dann entdeckte sie flache, weiße Schuhe mit einem schwarzen Streifen ringsherum, die ihr besonders gefielen. Der Verkäufer nahm sie von dem kleinen Podest, wo sie ausgestellt waren, Ulrike setzte sich, und der Verkäufer streifte, nachdem er sie um Erlaubnis gefragt hatte, erst den rechten, dann den linken über ihre zierlichen Füße. "Ich komme mir vor wie Aschenputtel", sagte Ulrike. Der Verkäufer sah sie fragend an, und Gertrud sagte "She feels like Cinderella." "Well, Cinderella, you looks like so pretty", meinte er lachend. Sie behielt sie gleich an.
Sie verbrachten anderthalb Stunden in dem Kaufhaus. Dann machte Gertrud den Vorschlag "Lass uns bei dem Wiener einen Kaffee trinken." "Einverstanden." Sie setzten sich auf die Terrasse, wo ein angenehmes Lüftchen ging und man einen Blick aufs Meer hat. "Gibst du mir deine Sonnenbrille?", fragte Ulrike. "Ja. Wir können uns auch dort in den Schatten setzen." "Nein, nein, lass nur." Dann sagte sie leiser "Ich möchte nur unauffällig herausfinden, ob uns der Mann da drüben anguckt." "Welcher? Der junge Offizier?", fragte Gertrud und drehte sich volle Breitseite zu ihm um. Er lächelte ihnen zu. "Jetzt kannst du deine Sonnenbrille auch wiederhaben." "Sieht ganz fesch aus. Das ist britische Armee, ich glaube, die sind hier stationiert." "Und ich glaube, der kommt jetzt herüber." Er stellte sich vor. "Leutnant John Parker", und dann sagte er noch eine Menge mehr, was Ulrike so schnell nicht verstehen konnte. Gertrud musste dolmetschen. "Er fragt, ob er uns Gesellschaft leisten darf", und Ulrike nickte und versuchte, ein paar englische Sätze zu bilden, und schließlich redeten sie alle durcheinander, und Ulrike fragte ihn aus, nachdem sie ihm über sich erzählt hatte. Er bestellte Kaffee und fragte die Damen, ob sie einen Drink möchten. Ulrike studierte die Karte, dann sagte sie, er solle für sie entscheiden. Er überlegte kurz und dann schien er das Richtige gefunden zu haben.
Gertrud sagte "Ich werde mal am Büfett schauen, was es an Kuchen gibt." "Das steht auch auf der Karte", sagte Ulrike. "Ich will es aber sehen", erwiderte Gertrud, "ihr werdet doch einen Moment ohne mich auskommen." Ulrike und der Leutnant sprachen über das Wetter, über die Aussicht, über das Städtchen und die Freundlichkeit der Leute. Sie führte ihm ihre neuen Schuhe vor, und er fand sie wunderschön, und dabei kam ihm auch gleich ein Kompliment für die ganze Person über die Lippen. Sie wurde ein bisschen rot im Gesicht und sagte, dass ihm seine Uniform auch gut stünde. Der Kellner brachte die Drinks, und sie prosteten sich zu, und es schmeckte phantastisch. Sie redeten und redeten und kamen vom Hundertsten ins Tausendste, und als Gertrud wiederkam, hatten sie den zweiten Drink in Händen, und es kam ihnen vor, als hätte ihre Unterhaltung gerade erst angefangen.
"Ich möchte nicht drängen", sagte Gertrud, "aber wir haben ein Stück Rückweg vor uns." "Ja, natürlich", sagte Ulrike und machte John begreiflich, dass sie leider aufbrechen müssten. Er hatte volles Verständnis und verabschiedete sich sehr galant. "Ein netter Mann", sagte Ulrike. Gertrud meinte "Habt ihr euch verabredet?" "Nein." "Warum nicht?" "Ich kann doch nicht so einfach ... das muss er doch ..." Sie schaute noch einmal zurück, er stand am Tisch und sah ihnen nach. Vielleicht hatte er auf Ulrikes Blick gewartet, jedenfalls holte er sie ein und sagte, dass er zufällig morgen in ihrer Gegend zu tun habe, und ob sie etwas dagegen hätte, wenn er sie besucht. Ulrike hatte alles richtig verstanden, aber sie sah Gertrud an und ließ John einen Augenblick in gespannter Erwartung, bevor sie erwiderte, dass sie sich darüber sehr freuen würde.
ENDE
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