Susanne Riedinger

Der Sternenhimmel im Juni



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Weltgeschichte am Firmament


Der gestirnte Himmel weist jetzt ganz das schöne sommerliche Bild auf, das sich in den Abendstunden durch den hohen Stand der bekannten polnahen Konstellationen, das Heraufrücken von Adler und Schwan und den Wegfall der unteren Sterne des sonst so auffallenden Großen Sechsecks kennzeichnet.

Der bemerkenswerteste der Fixsterne ist jetzt Wega, der weiße Hauptstern der Leier. Um 22 Uhr steht sie hoch im Osten, ein rechtwinkliges Dreieck mit Atair und Deneb, den hellen Sternen der oben erwähnten Vogel-Figuren bildend. Tief im Osten erblickt man unter dem Schwan das hübsche kleine Viereck des Delphins, und unter dem Adler das des "Sobieskischen Schildes".

Dieser Sternbildname, der anläßlich der Befreiung Wiens von den Türken in den Atlas von J. Hevelius (1690) erstmalig aufgenommen wurde, ist der einzige, der am Himmel an geschichtliche Ereignisse der letzten Jahrhunderte erinnert, während andere dynastischen Ursprunges wie das "Herz Karls II.", das "Brandenburger Szepter", der "Poniatowskische Stier" und die "Friedrichs Ehre" ( an der Grenze von Andromeda und Eidechse zum Ruhme Friedrichs des Großen konstruiert ) bald wieder aus den Sternverzeichnissen verschwanden.


Aus einer deutschen Tageszeitung des Jahres 1938



* * * * *
 

Morgens war es kühl, klar und sonnig, und es sah so aus, als würde das schöne Wetter den ganzen Tag anhalten. Eckart Weber fuhr mit der Bahn bis Georgensmühl. Unterwegs stiegen Grüppchen von Männern zu, frohgelaunt, scherzend, manche ein munteres Lied anstimmend. Viele hatten altmodische Hüte auf, an denen Blumen steckten: Margeriten, Akelei und Primelchen, Nelken und Anemonen, oder welche aus Papier, wie es sie an den Schießbuden auf dem Jahrmarkt gibt.

Passend zu den Hüten und Westen, zur sommerlich frischen Kleidung, schwenkten viele einen Spazierstock mit gebogenem Griff und daran befestigt eine Fahrradklingel oder ein Glöckchen, das bei jedem Schritt bimmelte.

Schwere Rucksäcke trugen sie auf dem Rücken, in denen Flaschen klapperten. Sie zogen kleine Bollerwagen hinterher, die mit vereinter Kraft in das Zugabteil gehievt wurden, und auf denen volle Holzbierkästen geladen waren, auf manchen auch ein mittelgroßes Fass, und dazu allenfalls ein Korb mit Proviant, denn feste Nahrung war heute nur halb so wichtig.

Obwohl es gerade acht Uhr vorbei war, hatten einige der Ausflügler schon ordentlich einen in der Krone, und Eckart dachte, sie müssten wohl vor Sonnenaufgang und auf nüchternen Magen den ersten Schluck genommen haben. Sie hielten halbgeleerte Bierflaschen in der Hand oder hatten solche in der Tasche stecken, griffbereit, um alle paar Minuten daraus zu trinken.

In jeder Gesellschaft kursierten Flaschen mit Schnaps, wasserklarer Korn, rotbrauner Branntwein, dunkelfarbiger hochprozentiger Kräuterlikör, und war die Pulle drei-, viermal herumgereicht worden, machte sich einer den Spaß daraus, den letzten und den allerletzten Tropfen auf die Zunge fallen zu lassen, als lechze er wie ein Dürstender nach Flüssigkeit.

Man rief sich lauthals zu, begrüßte die Hinzukommenden mit albernen Sprüchen, sang spontan eine Strophe, erzählte einen unanständigen Witz und prostete sich unentwegt zu. Der Zug füllte sich, der Schaffner hatte alle Hände voll zu tun und musste vor allem den dauernden Aufforderungen zum Trinken widerstehen, denn schließlich befand er sich im Dienst, und auch am Männertag muss ein Dienstmann Haltung bewahren.

Eckart wollte sich in Georgensmühl mit Freunden treffen, und gemeinsam würden sie zunächst den Albertsgrund hinauf bis zum Farnsteiner Kreuz wandern, wo man über die weitere Wanderroute entscheiden werde. Im Zug sah er ein paar bekannte Gesichter, und er machte hier und da ein Schwätzchen und tat sich im übrigen an seiner Flasche Gothardauer Bier gütlich, die für die ganze Fahrt reichte. Er wollte nicht, dass es ihm so ginge wie jenen hastigen Gesellen, die ihren ersten Rausch schon vor dem Frühstück auf der Parkbank oder im Schatten am Wegesrand überstehen mussten.

"Wo geht's bei euch hin?", fragte der dicke Wiesner, den Eckart vom Rangierbahnhof in Ohrafurt her kannte, wo er angefangen hatte, als er vor einem halben Jahr zum Arbeitsdienst gegangen war. Eckart sagte es ihm, und der andere meinte, da könnte man sich womöglich auf dem Wege wiedersehen, oder in der Taubacher Hütte, die extra zum heutigen Männertag nach gründlicher Renovierung neueröffnet ward, einen Humpen kühles Bier trinken.

"Klar", erwiderte Eckart, "Hauptsache, der Wirt hat vorgesorgt." "Ich habe gehört, er hat dreißig Fässer in den Keller geschafft", sagte der Wiesner und wischte sich, obwohl es noch früh war und die Sonne gerade erst die Luft erwärmte, mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. "Na, dann treffen wir uns am besten gleich dort im Keller, Prost."

Die Freunde erwarteten Eckart, und nach einer Begrüßungsrunde, für welche einer sogar kleine Schnapsgläser aus Blech mit aufgeprägten Wappenbildchen von Thüringer Ortschaften austeilte und dazu auch einen zünftigen Trinkspruch parat hatte, marschierten alle Mann durch das schattige Waldtal, auf dem Weg am Bach entlang, und wenn Pinkelpause angesagt war, gab's auch gleich einen Grund, den Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen.

Man redete über die Arbeit, über abwesende Kollegen, über Autos, über Fußball. Die deutsche Auswahl hatte gegen Aston Villa in Stuttgart zwei eins verloren, aber nur, weil der Straf-Elfmeter in der zweiundvierzigsten Minute völlig ungerechtfertigt war. Außerdem, so bedeutsam war das Spiel gar nicht, viel wichtiger war, dass die zweite Mannschaft von Grünengottern wegen einer Absage an den Gegner von den Meisterschaftsspielen der dritten Klasse gestrichen worden war, worüber sich der Brandau, dessen Bruder bei Grünengottern Mittelstürmer war, herrlich aufregen konnte.

"Das ist eine Sauerei", rief er und nahm einen langen Schluck aus der Bierflasche, "die Eisenacher Borussia schickt zu jedem Spiel von Grünengottern Spitzel, die sich alles aufschreiben, wer welche Technik hat und welche Strategie gespielt wird. Und nachher verhökern sie die Informationen an die Mühlhausener Neunundneunzig und an Wacker, das weiß ich, weil es mir jemand von Wacker verraten hat. Die füllen ihre Kasse damit, was sie sich bei Grünengottern abgucken. Ist doch klar, dass die irgendwann sagen: da spielen wir eben diesmal nicht, da können die andern sehen, was ohne Grünengottern von der Meisterschaft übrigbleibt."

So wurde schwadroniert und gelacht, getrunken und gestänkert. Und der Kosekirche ging wie immer allen auf den Geist mit seinen Spintisierereien. "Hör' mal", sagte er, als er neben Eckart an den Büschen stand und das Wasser ließ, "Wenn wir am Tag ein Telegramm nach Amerika schicken, ist dort Nacht und alle Leute schlafen. Wer soll's dann lesen?" "Was weiß ich, der Präsident." "Der Präsident, der schläft auch." "Dann lesen sie's später." "Später ist es eh' zu spät, 'n Telegramm, was man erst nach 'n paar Stunden liest, das ist 'rausgeschmissnes Geld, da kann man gleich 'n Brief schreiben." "Kannst du ja." "Was soll ich denn nach Amerika schreiben? Hej, wartet auf mich." Das einzige, was der Kosekirche gut konnte, war Vogelstimmen zu imitieren, und weil man am Morgen einen Kuckuck gehört hatte, musste er bis zum Farnsteiner Kreuz immer mal den Kuckuck nachahmen. So blieb man gleichzeitig von seinem Gefasel verschont.

Am Farnsteiner Kreuz gab's Bratwurst vom Rost, gleich zwei Fleischer aus Gothardau und aus Taubach waren zu Gange. Daneben war ein kleines Bierzelt aufgebaut, in dem sich die Theke mit Ausschank befand, während die Gäste sich überall unter den Bäumen platziert hatten. Jemand spielte auf dem Akkordeon. Es ging auf die Mittagszeit zu, und es war sehr warm geworden. Die ersten unausweichlichen Streitigkeiten brachen aus, und so plötzlich, wie einer den andern beleidigte oder eine Beleidigung mit einem Faustschlag erwiderte, und die beiden Streithähne sich zum Vergnügen der anderen eine Weile herumbalgten, so plötzlich hörte das kleine Spektakel auch wieder auf, man versöhnte und umarmte sich und trank auf das gegenseitige Wohl.

Nach der ausgiebigen Erholungspause wurde die Wanderung fortgesetzt, doch einen Kilometer weiter bemerkte man, dass einer der Kumpane fehlte, also kehrte die Truppe um und kam diesmal aus der anderen Richtung am Farnsteiner Kreuz an. Und weil die Bratwurst immer noch so lecker duftete, und der Durst schon wieder unerträglich war, stärkte man sich abermals. Bis zur Taubacher Hütte brauchten sie anderthalb Stunden, und die letzten Flaschenvorräte wurden unterwegs aufgebraucht. In dem Gartenlokal tobte das Leben, ein Kommen und Gehen war da, abgesehen von jenen, die seit dem Vormittag hier saßen und die keine zehn Pferde mehr weggebracht hätten.

Eckart traf hier tatsächlich den dicken Wiesner, der auf der Bank am langen Tisch saß, etliche leere und halbvolle Humpen vor sich. "Du sitzt hier und nicht im Keller?", fragte Eckart, und Wiesner glotzte ihn aus glasigen Augen an und raunte "Ich bin nicht der Kellner, Alter. Hol' dir gefälligst selber." Dann erkannte er ihn doch und hob schwerfällig den Arm. "Du bist's, Heil Eckart", lallte er, "ich geb' dir einen aus." "Ich komme sofort", meinte Eckart und wollte vorher mit jemand anderem plaudern, aber den verlor er in dem Gedränge aus den Augen und landete schließlich bei den Freunden.

Der Kosekirche redete schon wieder Stuss. "Mit der Bibel, das ist doch alles total unglaubhaft. Adam und Eva waren die ersten Menschen, und von denen stammen Kain und Abel ab. Der Kain hat den Abel erschlagen, und danach, so steht es in der Bibel, ging er in ein anderes Land und nahm sich ein Weib zur Frau. Nun soll mir mal einer erklären, wo dieses Weib herkommt." "Das möchtest du gerne wissen, was? Damit du dir dort auch eine holen kannst, hier kriegst du ja keine." Kosekirche plusterte sich auf und schimpfte, und die anderen lachten ihn aus, und einer sagte "Mach' den Kuckuck, Mann." Und er imitierte wirklich den Kuckuck, und so gut, dass die Gäste um ihn herum staunten.

Auch eine Gruppe von Jungen war stehengeblieben und lauschte Kosekirches Gezwitscher, der dem Kuckuck die Stimmen einiger anderer Vögel folgen ließ. Die Jungen hatten HJ-Uniformen an, und ein erwachsener Bursche war offensichtlich ihr Kameradschaftsführer. "Heute dürft ihr auch mal 'n Bier trinken, Jungens", rief ihnen jemand zu, "immer bloß Limonade, da kriegt man die Krätze von." Die Hitlerjungen lachten, ließen sich jedoch nicht überreden, schwenkten ihre Limonadeflaschen und gingen weiter.

Der Brandau winkte Eckart zu und bedeutete ihm herüberzukommen. "Ich hab' zwei Mädchen aufgerissen, ich geb' dir die eine ab, wir gehen hinten in den Wald." Eckart fand den Vorschlag nicht eben berauschend. "Wieso ich?" "Na, weil ich 'n Kumpel bin, und außerdem hat die eine gesagt, sie will's mit dir machen." "Wer ist sie?" "Du kennst sie vom Sehen, ich weiß jetzt nicht genau ihren Namen, nun komm' schon."

Die beiden Mädchen waren zur Stelle, Eckart kannte die eine tatsächlich, aber auch er wusste nicht, wie sie heißt. Sie gingen im Wald den Abhang hinunter bis zu einem kleinen Teich, an dessen gegenüberliegendem Ufer dichte Büsche standen. Brandau ging vorneweg, die Mädchen folgten ihm Arm in Arm und tuschelten und kicherten unablässig, Eckart stolperte hinterdrein. "Kommen Sie?" sagte die eine. "Ich bin schon da. Wie weit willst du denn noch?" "Nicht weiter", sagte Brandau, schnappte sich die eine und verschwand mit ihr im Gebüsch, wo es sofort zur Sache ging.

"Woll'n wir hier, oder da drüben?", fragte das Mädchen Eckart. "Lieber dort", erwiderte er. Sie legten sich auf den weichen Waldboden, sie küssten sich ein bisschen und zupften an der Wäsche herum. Es wurde nichts Richtiges. Sie sagte, als wollte sie ihn trösten "Ich bin auch nicht in der richtigen Stimmung." "Ich habe zuviel getrunken", sagte er. "Ist ja auch Männertag." "Gehen wir wieder zurück?" "Ich warte auf meine Freundin." "Gut, ich warte mit." Sie unterhielten sich eine Weile über alles Mögliche, bis Brandau mit seinem Mädchen auftauchte. "Ihr seid schon fertig? Mann oh Mann, ihr habt's aber eilig gehabt." "Eigentlich nicht so sehr."

Sie kletterten den Hang hinauf. Am Rand des Kneipengartens sah Eckart die Hitlerjungen, die sich im Kreis unter einem Ahorn niedergelassen hatten. Einer sprach, und die anderen hörten ihm aufmerksam zu, der Große nickte und dann erklärte er ihnen etwas. Eckarts Blick traf sich mit dem eines Jungen, der neben dem Kameradschaftsführer saß.

Der Junge hatte einen glatten, braunen Haarschopf, der in schönem Schwung über den Ohren kurzgeschnitten war und auf dem es von einem Sonnenstrahl glänzte. Er hatte muntere, beinahe freche Augen und ein sanftes Lächeln um den Mund, von dem Eckart für einen Moment glaubte, es gelte ihm. Aber sie kannten einander nicht, und als wäre der Junge ebenfalls von Eckarts Anblick irritiert, wandte er mit einer Spur von Verlegenheit den Kopf zur Seite. Auch Eckart schaute weg, und obwohl er sich gern vergewissert hätte, ob ihn der Junge auch wirklich wahrgenommen hatte, sagte er eher abwesend irgendetwas zu Brandau und den Mädchen, die jetzt die Männer aufforderten, ihnen etwas zu spendieren.

Zwischen den Tischen liefen sie Wiesner in die Arme, der wieder in guter Verfassung war. "Ich such' dich überall, ich will dir einen ausgeben." "Ich bin aber nicht allein", meinte Eckart und zeigte auf die anderen. "Na, dann für alle, heute bin ich nicht knausrig, was darf's denn für die Damen sein?" Die Mädchen hakten sich links und rechts bei dem Dicken ein, und so gingen sie schnurstracks zur Theke. "Ich glaube, die haben uns abgehängt", sagte Eckart. "Mehr wollte ich auch gar nicht von der", entgegnete Brandau.

Die Truppe war zerfallen. Einige waren anderswo untergekommen, Kosekirche saß an einen Baum gelehnt im Gras und schlief, eine Hand voll Tapferer ließ die Gläser klingen und die ganze Welt hochleben. Einer hatte im Tornister die eiserne Reserve, eine Flasche Rhöntropfen, gefunden, die dreimal reihum ging, bevor sie leer unterm Tisch landete.

* * * * *

An dem Freitag nach Himmelfahrt hat Eckart zwar nicht arbeitsfrei, doch man reißt an diesem Tag keine Bäume aus, zumal in dem Reichsbahn-Ausbesserungswerk, in dem er seinen Arbeitsdienst leistet, ohnehin fast ausschließlich Männer beschäftigt sind; die haben alle am Vortag tüchtig gefeiert. So nimmt auch keiner daran Anstoß, dass Eckart erst gegen zehn zur Arbeit erscheint, er ist bei weitem nicht der späteste.

Doch der Branntwein und die verschiedenen Biersorten mit ihren Nachwirkungen haben seinen Kopf ordentlich strapaziert und gelegentliche Schwindelanfälle zwingen zu Ruhepausen. Als dann zum Feierabend ein Kumpel bei ihm vorbeischaut und seinen Rucksack von ein paar übriggebliebenen Flaschen entleert, ist Eckart noch vor Sonnenuntergang so müde und erledigt, dass er sich ins Bett legt und durchschläft bis Samstagmittag.

Er schlurft nur in Unterwäsche in die Küche, um sich einen Kaffee zu überbrühen. Therese, die ab und zu Haushaltsdienste bei der Familie Weber versieht, bereitet das Essen vor. Er wünscht einen Guten Morgen, und sie wechseln ein paar Worte. Aber Therese kann dann nicht umhin, ihm zu sagen, er möge bitte etwas anziehen, bevor er hier Kaffee trinkt. "Ich habe doch was an", meint er. Sie erwidert darauf nichts und verleiht mit geringschätziger Miene ihrer bekannten Abscheu darüber Nachdruck, dass jemand in Unterwäsche die Speiseküche betritt.

Eckart kennt das, trotzdem legt er sich mit ihr an. "Es ist gar nicht sicher, dass ich meinen Kaffee hier trinke." "Aber es würde mich freuen", entgegnet Therese herzlich, "dann hätte ich jemand zur Unterhaltung." "Ist Papa nicht da?" fragt er, obwohl er weiß, dass Doktor Weber, selbst wenn er im Hause wäre, etwas anderes zu tun hätte, als mit Therese zu tratschen, denn auf Tratsch und Klatsch läuft ihre Unterhaltung meistens hinaus. "Der Doktor holt Anna vom Bahnhof ab. Das hättest du eigentlich machen sollen." "Ach, kommt sie heute schon?" fragt er scheinbar ahnungslos und schlürft vom heißen Kaffee. Wie Therese das Geräusch hört, dreht sie sich vor der Anrichte um und wirft ihm einen empörten Blick zu. "Schon gut, Therese, ich muss sowieso erst mal pinkeln gehen."

Zur gleichen Zeit ist Doktor Richard Weber am Gothardauer Bahnhof. Er verfrachtet gerade Annas schwere Reisetasche auf den Rücksitz seines silbergrauen Hanomag 900. "Willst du dir nicht ein größeres Auto anschaffen, Papa? Leisten könntest du dir's doch." "Das wäre schon möglich", meint er, während er den Beifahrersitz wieder nach hinten klappt und Anna beim Einsteigen höflich die Hand darbietet, "aber diese Kiste ist mir ans Herz gewachsen. Und da ich euch nicht mehr umherkutschieren muss und Christine so selten fährt, reicht er völlig aus." "Machst du immer noch so viele Hausbesuche?" "Natürlich, ich bin ja der Landarzt. Und auch da hat mich mein 'Hanomäxchen' nie im Stich gelassen."

'Hanomäxchen' - solche kindischen Bezeichnungen mag Anna nicht, und seitdem sie in Berlin studiert und nur in den Ferien zu Hause ist, fällt ihr manchmal richtig auf, wie unernst, man könnte fast behaupten, ein bisschen ungehörig Richard erscheint, als habe er seine vorbildliche Vaterrolle nun abgelegt, nachdem er seine Pflicht getan hat.

Dann macht er auch gleich eine Bemerkung über Annas feine Strümpfe, die ihm offenbar sofort aufgefallen sind. "Tragen so was die jungen Mädchen in Berlin?" "Auch ältere Mädchen tragen das", meint sie lachend. "Gefällt mir, wünschte, deine Mutter würde ..." Anna gibt ihm ein Küsschen auf die Wange. "Ach Papa, du weißt doch, was für einen Schatz du an Mama hast, auch wenn sie nun mal so ist wie sie ist." Er klopft ihr lächelnd aufs Knie. "Das ist wahr, ich bin vielleicht der glücklichste Mann weit und breit. Ich brauche bloß immer jemanden, der es mir bewusst macht."

"Übrigens kann ich ja mal mit ihr sprechen, wegen der Strümpfe und so." "Das würdest du tun? Aber sage nicht, ich hätte ..." "Nein. Aber im Ernst, wie geht es Mama?" "Besser." "Wirklich?" "Oder man sollte sagen: unverändert besser. Diese Art von Depression lässt einen Menschen nie mehr ganz los, man kann lediglich versuchen, mit ihr umzugehen. Und ich glaube, das gelingt Christine ganz gut."

Sie fahren durch die Stadt, vorbei an der Orangerie und dem Friedrichspalais, die breite Straße der SA entlang und an der Bürgeraue hinauf auf die Straße, die stadtauswärts nach Weilershausen führt. Die Webers wohnen in einem schmucken Einfamilienhaus in der Gemeinde Borsberg, zehn Fahrtminuten von der Stadt entfernt. Doktor Weber war einer der ersten, die auf dem idyllischen Fleckchen am Waldrand, etwas abseits der Siedlung, gebaut hatten.

Mittlerweile sind vier weitere Häuser hier erstanden, aber es ist nach wie vor ein sehr beschaulicher Ort. Hinter dem Haus erstreckt sich bis zum Wäldchen ein Garten, er ist Christines Reich und Refugium, und im ganzen Landkreis gibt es wahrscheinlich keinen schöneren. Schon oft sind Besucher hergekommen, nur um Frau Doktor Webers Garten zu besichtigen und zu bestaunen.

Das Auto hält vorm Haus, Richard Weber hupt zum Zeichen, dass sie da sind. Anna steigt aus und geht ein paar Schritte. Sie streckt sich und atmet tief durch. Sie genießt den Anblick der Thüringer Berge, die sich sanftwellig und blaugrün in einiger Entfernung erheben. Oh, und diese frische, reine Luft, sie ist das einzige, was Anna in der Großstadt vermisst.

"Schau hierher", ruft Doktor Weber und zeigt auf die Hausseite. "Ja. Ich sehe, es steht." "Es steht? Fällt dir sonst nichts daran auf?" "Hm." "Das Dach ist neu, ganz neue Ziegel." "Ja, jetzt sehe ich's. War das alte denn schon zu alt?" "Was heißt zu alt. Mal was Neues, das kann nichts schaden." "Mensch, Papa, mir scheint, du wirst selber wieder jung." "Na na, nun übertreibe nicht, schließlich ist es bloß ein neues Dach überm Kopf." "Nee, auch sonst so, ich befürchte ... ah' da ist Therese!"

Eckart hatte gefragt, was es zu essen gäbe, Kaninchenbraten mit Klößen und Rotkohl und zum Nachtisch Apfelkompott. "Klingt gut", hatte er gesagt, und Therese hatte hinzugefügt "Schmeckt auch gut." Dann war ein Freund von Eckart gekommen, und die beiden sind auf und davon. "Du wirst doch wohl mit uns essen, wenn deine Schwester da ist", hatte Therese fast drohend gemeint. "Sie bleibt ja ein paar Tage, und von deinem Essen probiere ich heute abend was." Therese war eingeschnappt. "Wenn dann noch was da ist."

Mama schläft oder hat sich jedenfalls in ihr Zimmer zurückgezogen. Alle kennen das, keiner möchte sie stören. "Sei nicht traurig", sagt Anna zur Haushälterin und Köchin, "dann speisen wir eben zu dritt." Dann kommt Lothar Aufhaus, der Schultheiß der Borsberg-Gemeinde, um irgendetwas mit Doktor Weber zu besprechen. Gern nimmt er das Angebot an, sich mit zu Tisch zu setzen, und so hat Therese das Gefühl, dass ihre Arbeit und Mühe nicht vergebens war.

Bei der Unterhaltung dreht sich natürlich alles um Anna und ihr Studium in Berlin am Konservatorium. "Kaum dass du weg bist, ist das erste Jahr auch schon um", sagt Therese, und der Schultheiß möchte wissen, was sie denn nun schon so spielen kann. Anna nennt ein paar Werke und Komponisten, und die anderen staunen und raunen ehrfurchtsvoll. "So weit her ist das alles nicht", schwächt sie ihr Können ab.

Der Schultheiß sagt "Es ist kein Meister aus allen Wolken gefallen." "Vom Himmel gefallen", verbessert Therese. "Bitte? Sagte ich doch." "Nein, Sie gebrauchten den Ausdruck: aus allen Wolken gefallen, und das bedeutet eher soviel wie unangenehm überrascht sein." "Therese, Sie legen heute wieder jedes Wort auf die Goldwaage. Doch ich lasse mich gern belehren." Nach dem Essen gehen Doktor Weber und der Schultheiß in das Arbeitszimmer.

Anna hilft Therese beim Abräumen und in der Küche beim Abwasch, und nun kann die gute Frau endlich alle Begebenheiten, die sich ereignet haben und die Gerüchte, die sich darum ranken, loswerden, und Anna hört zu, fragt nach, will alles haarklein wissen, lacht, spottet und wundert sich ein ums andere Mal, woher Therese das alles bloß weiß. "Man hat eben so seine Quellen", meint sie nicht ohne Stolz. "Ich schaffe die Apfelschalen gleich weg, kommen die auf den Kompost im Garten?" Therese bejaht es, und Anna geht mit der Schüssel durch die hintere Tür nach draußen.

Dieser Garten ist wirklich eine Augenweide und an manchen Stellen, zum Beispiel hinten am Zaun oder an der alten Laube, in berauschender Fülle und in sonderbarer Ordnung bewachsen wie ein Zaubergarten. Als Kind traute sich Anna nicht, bestimmte Ecken und Winkel zu betreten, blieb beim Spielen lieber vorn auf dem kleinen Wäscheplatz, der immer einen flachen Rasen hatte, und auf dem sie von drinnen, durchs Fenster gesehen werden konnte.

Denn wer weiß, ob Eckart nicht doch Recht hatte, wenn er davon sprach, dass hinter der Hecke und dort, wo der wilde Wein im Herbst seine Blätter blutrot werden ließ, ein scheußliches Ungeheuer haust, das es, von Zeit zu Zeit jedenfalls, auf kleine Mädchen abgesehen hat. Wenn der Ball mal in die Büsche rollte oder im hohen Bogen irgendwo jenseits der Sträucher landete, konnte sich einer von den Jungs Ansehen erwerben, wenn er ihn wiederholte und dabei noch alle Körperteile dran hatte.

Zwischen den grünen Stauden der Blumenbeete zeigt sich ein blauer Stoff, jemand ist dort am Werke. Anna will etwas zurufen, doch dann erkennt sie die Person. "Mama! Du treibst dich hier herum, und wir denken, du sitzt in deiner Kemenate." Christine richtet sich auf, sie trägt ein himmelblaues Kleid mit kleinen Rüschen an den Ärmeln, darüber eine Schürze aus grobem Leinen. Sie hat volles, blondes, lockiges Haar, das sie sehr jugendlich erscheinen lässt. An ihren Fingern haftet Erde, und mit dem Handrücken streicht sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

"Kind, Anna, du bist schon da?" Das ist typisch Mama, diese theatralische Bestürzung. Dabei könnte Anna wetten, dass sie ihre Ankunft längst bemerkt, ja wahrscheinlich sogar beobachtet hat. Aber der Berg kommt natürlich nicht zum Propheten. "Ich bin heute ganz früh in den Garten gegangen, es gibt jetzt so viel zu tun, die Zeit rennt einem davon, alle diese Blumen wollen umsorgt sein, es ist schlimmer als eine Schar hungriger Vögel." Sie breitet die Arme aus und zeigt im Umkreis auf ihre ganze Pracht.

"Es ist herrlich hier." "Das meiste kommt erst, wir haben gutes Wetter dieses Jahr." Sie bittet Anna, die Pumpe zu bedienen, die versteckt neben einem Schneeballstrauch mit weißen Blüten steht. Die Pumpe reicht nicht ins Grundwasser, sondern in eine unterirdische Wasserkammer, die vor Jahren angelegt und in der warmen Jahreszeit über eine Leitung ständig aufgefüllt wird.

Christine säubert sich die Hände unter dem Strahl. "Ist das nicht zu kalt?" fragt Anna. "Huh, grade richtig, es fördert die Durchblutung." "Betreibst du jetzt auch einen Gesundheitsgarten?" "Jeder Garten dient der Gesundheit." Sie trocknet die Hände an der Schürze ab. "Nun lass dich begrüßen, mein Liebes."

Sie drückt und küsst Anna und fährt ihr mit der Hand über Rücken und Hüften. "Du wirst doch nicht immer dünner, oder? Isst du auch richtig? Ihr Studenten führt ein Lotterleben und treibt Raubbau mit euerm Körper." "Mama! Sehe ich aus wie ein verlottertes Gerippe?" Sie lachen. "Oh, nein, du siehst blendend aus. Wenn du nicht ausgerechnet meine Lieblingstochter wärst, würde ich direkt neidisch auf dich werden." "Das brauchst du gar nicht, du ..."

Mama winkt ab. "Ach, lass gut sein mit den Komplimenten. Du bleibst doch diesmal länger und fährst nicht gleich wieder weg." "Nein, erst mal bleibe ich ein paar Tage." "Ein paar Tage?" "Ich will meine alten Freundinnen und Freunde besuchen und ..." "Einen neuen Freund hast du wohl nicht dabei?" Anna ist verdutzt. "Nö, eigentlich nicht." "War bloß so eine Frage." "Die Auswahl in der Stadt ist so groß, weißt du, ich konnte sie nicht alle mitbringen." "Na, jedenfalls wirst du da kein Mauerblümchendasein führen." "Was heißt das schon? Auch Mauerblümchen sind hübsch anzusehen."

Anna merkt, dass ihr solche Dinge jetzt gar nicht am Herzen liegen, deshalb sagt sie schnell "Zeige mir deinen Garten, Mama. Gerade habe ich daran gedacht, dass ich mich früher nie weiter vorgewagt habe als bis zu dem Steintreppchen, weil Eckart immer von dem schrecklichen Drachen geredet hat." Christine lacht. "Der Drachen? Ja, der ist jetzt auch schon alt." "So ein Quatsch, Drachen sind ihr ganzes Leben lang alt." "So? Dann liegt es wohl doch an mir." "Beschützt er dich nicht mehr richtig?" "Ach, doch, das tut er. Aber ich glaube, er vermisst dich auch."

Sie gehen das besagte Treppchen hinauf, fünf oder sechs Stufen sind es nur, die an den Seiten von der Spornblume überwuchert sind, die sich auf dem Kalkstein wohlfühlt und beginnt, ihre kleinen rosa Blüten zu treiben, die dann im Sommer wie dicke Himbeergrütze hervorquellen werden. Oben auf dem Halbrund ist eine schöne Rabatte angelegt, mit der dreifarbigen Winde, in deren violetten Blütenklecksen ein weißer Fleck und darin ein gelber leuchtet.

Daneben wächst Fäberkamille und eine Schafgarbe mit zitronengelben flachen Blütenschirmen sowie gelbe Iris, deren Blüten viel kleiner und zarter als die der großen Lilienschwestern sind und eher an Forsythien erinnern. Mama sagt, es sind gute Schnittblumen, aber man müsse sich ein bisschen gedulden. Der Rittersporn schießt seine purpurnen und tiefblauen Blütenkerzen in die Höhe; der war im vorigen Jahr ein Opfer der Nacktschnecken geworden, sagt sie, und heuer bewirtet sie die schleimigen Wesen mit einer Mixtur von Bohnenkaffee, den sie offenbar verabscheuen. Sie mit kochendem Wasser zu übergießen oder einzeln mit einem Ziegelstein zu zerquetschen, wie es die Nachbarin geraten hat, würde Christine nicht fähig sein, schon aus Furcht vor schlimmen Träumen.

An der Rabatte vorbei, die mit porösen Tuffsteinen eingefasst ist, führt ein schmaler Pfad, der sich sogleich in einem Blumenbeet verliert, das extra wildwachsend belassen wurde, denn auch auf die tausenden von Insekten und Käfer und unscheinbaren Nützlinge, die über und zwischen den grünen Halmen schwirren und krabbeln, gibt die Fee des Gartens acht.

Die Stauden der hellblauen Ochsenzunge stehen da, und der scharlachrote Klatschmohn, dessen Blütenblätter wie seidene Unterwäsche und auch ein bisschen lappig wirken, orangefarbene Ringelblumen versammeln sich am Boden und die Löwenmäulchen lachen in allen Farben. Links breitet sich ein großes Beet mit Petunien aus, von denen Christine die pastellfarbenen bevorzugt, mit den vollen, salatblättrigen Blüten mit den deutlich gezeichneten Äderchen. Sie nimmt sie zum Verschenken.

Ebenso die Astern, die auch einen Platz für sich allein haben. Davon gibt es hier verschiedene Sorten, am liebsten sind der Gärtnerin aber jene mit den dichten, winzigblättrigen Blüten wie kleine runde Kissen, die innen weiß und außen von einem karminroten, breiten Rand umgeben sind. Doch diese Astern lassen noch ein Weilchen auf sich warten.

Wo die Blumenbeete aufhören, stehen die aufgeschichteten Reste einer alten Steinmauer, nur drei oder vier Schritte lang und über und über bewachsen. Am Boden schmiegt sich eine Schar von Kapuzinerkresse daran, von deren Blättern Therese im Frühjahr Salat macht. Und in halber Höhe darüber wachsen Fuchsien, Seidelbast und einige seltene Kräuter.

An der Mauer, im Schatten des Ahorns und der Kastanie steht eine elegante Johannisbeere, die mitten im Winter blüht. Eine Clematis verbreitet einen aromatischen Duft von Vanille und daneben, so sagt Christine und zeigt dahin, stand bis vor kurzem eine Glyzinie, die auch schön geduftet hat, die aber irgendwann wie ein altmodischer Lumpen herunterhing. Dafür hat sie eine gewöhnliche Feuerbohne hingesetzt, die rosa und weiß blüht, und von der man dann vielleicht sogar ernten kann.

Jenseits der Mauer, in der Sonnenecke ist eine Pergola halbfertig gezimmert, und es stehen Tisch und Gartenstühle da. Von einem Balken herab hängen drei Ampeln mit Lobelien mit zahlreichen, kleinen Blüten. "Schau nur", sagt Anna, "mit so einem Blumenmuster hatte ich mal ein Kleid." Christine bestätigt es, kann sich aber nicht mehr so genau daran erinnern.

"Da, von den Pfingstrosen hatten wir Unmengen", sagt sie und weist auf die Reste der buschigen Staude mit den glänzend grünen Blättern. Einige pralle, rote Blüten leuchten obenauf. "Ich habe bestimmt zwei Dutzend dicke Sträuße gemacht, mit dem Farn dort hinten, das sah recht hübsch aus." "Hast du dich auch als Blumenfrau in der Stadt auf den Markt gestellt?" "Ach wo, alles verschenkt. Nachher kamen sie schon von der Stadtverwaltung und haben gefragt. Dann habe ich auch andere Sträuße gemacht.

Die Irmtraud Wächter, die kennst du doch auch." "Nicht dass ich wüsste." "Die ist Ortsgruppen-Sachbearbeiterin beim Luftschutzbund. Die haben im 'Mohren', also was jetzt 'Haus der Deutschen Arbeitsfront' heißt, einen Frauenabend veranstaltet und mich gebeten, ob ich ein bisschen Blumenschmuck beisteuern könnte. Na, wo soll ich denn sonst hin damit, die Pfingstrosen blühen wie verrückt. Dafür haben sie mich eingeladen. Da hat auch der Herr Kellner gespielt und der Iske." "Der alte Iske, bei dem ich schon Geigenunterricht hatte?" "Ja, ja, was denkst du, flott haben die musiziert. Und die Frau Boilmann-Runde hat gesungen, 'Ich war in meinen jungen Jahren' und das 'Lied vom armen Wandergesellen' und 'Dort in grünen Höfen'."




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