| Alexander Fuchs |
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In der Ferne am Berghang konnte man die Wasserfälle von Paso de Indios erblicken, aber sie waren weit weg, und das Wasser verschmolz zu einer unbeweglichen weißen Masse, und der Nebel, der von unten aus dem Wald heraus aufstieg, hing fest und sah aus wie helle Flecken auf einer Photographie.
Nach Westen zogen sich die Berge bis an den Horizont, Hügel hinter Hügel, unzählige, alle ziemlich gleich hoch und starr unter einer dichten, dunkelgrünen Vegetation, die immer mehr ins Blaue und Graue überging und schließlich am Horizont wie der Himmel war, als wollte sich dort die Erde mit ihm verbinden.
In die tiefen Täler hatte man von hier aus keinen Einblick, und auch die Hochebene, die auf der anderen Seite über dem langgestreckten Bergrücken lag, konnte man nicht sehen. Nichts regte sich, als wäre die Zeit stehengeblieben, selbst der Adler hoch oben schien seine Kreise wie schlafend zu ziehen, und die Wolken hatten haltgemacht.
Da tauchte weit unten zwischen den Bäumen, wo stellenweise die Fahrstraße sichtbar war, ein Automobil auf, das sich bergauf kämpfte. Es verschwand immer wieder unter dem Blätterdach, und nach einer Weile konnte man den Motor hören und die Räder schürften über die Schottersteine. Staub wirbelte auf und manchmal hüpfte der Wagen über eine Unebenheit hinweg oder rutschte mit dem Vorderteil zur Seite. Der Fahrer lenkte sofort gegen, und es schien, als wollte er auf keinen Fall das Tempo verlangsamen, weil er befürchtete, daß dann der Antrieb aufgibt.
"Jetzt lassen Sie mich fahren, Senor Kelling", sagte Pauls Begleiter. Er war kräftig gebaut und hatte ein feistes Gesicht und einen pechschwarzen dichten Schnurrbart und ebensolche Brauen über den dunklen Augen. Er trug einen grauen, nicht mehr neuen Anzug, und er sprach den Dialekt von Quetena, bei dem manche Laute wie ein festgehaltenes Glucksen in der Kehle klingen.
Er hatte schon mehrmals darauf gedrängt, das Lenkrad zu übernehmen, aber Paul hatte erwidert, er könne jetzt nicht anhalten und hatte mit dem Fuß noch fester aufs Gaspedal getreten, obwohl er schon alle Kraft aus dem Motor des Ford herausholte.
Dann kam plötzlich Dampf unter der Motorhaube hervor. "Da sehen Sie", rief der andere, "jetzt ist er heißgelaufen." Er fing an, mit den Armen herumzufuchteln. "Seien Sie still, Sergio, bis da hinauf schaffen wir's." Aber Sergio jammerte und hatte Angst um seinen Ford und auch um sein Leben. "Er wird gleich explodieren! Wir werden alle in die Luft fliegen", sagte er, als hätte er eine Kompanie Soldaten hinter sich. "Kein Mensch wird deswegen umkommen, ich kenne dieses Auto, wenn es anfängt zu dampfen, ist es noch lange nicht am Ende." "Ja, Sie kennen es, aber mir gehört es", entgegnete Sergio, "es ist der letzte Ford, der noch einigermaßen läuft, ich kann mir keinen neuen leisten."
Sie hatten wieder ein steiles Stück überwunden, und der Ford hielt sich wirklich tapfer, dann wurde es etwas ebener. Diese Straße war erst im vergangenen Jahr mit schwerem Gerät vorgetrieben worden, sie führte von Santa Rosa bis an eine Uferstelle des Rio Vacaria, wo die Meridian Company einen kleinen Flusshafen gebaut hatte.
Die Straße hatte Höhenunterschiede von über sechshundert Yards und stellenweise Steigungen von zehn Prozent; man hatte mehrere Felsen weggesprengt, die im Weg waren, und zwei von den Brücken mussten schon repariert werden, weil die Bäche nach den Unwettern zerstörerisch geworden waren.
Paul Kelling und sein Begleiter befanden sich jetzt etwa dreißig Meilen nördlich von Santa Rosa, als Sergio feststellte, daß er die Karte vergessen hatte. Er sagte "Ich weiß auch ohne die Karte Bescheid, ich war schon öfter hier oben." "Und wann zuletzt?" fragte Paul, aber er bekam keine Antwort.
Da lag plötzlich großes Geröll vor ihnen, das von einer Felswand einige Schritte oberhalb herabgebrochen war. Es war kein Vorbeikommen. Glücklicherweise war die Straße hier nicht abschüssig, und man konnte wenden. Sie hielten an, der Motor tuckerte, als würde er sich nach der Anstrengung langsam erholen, Pauls Hände auf dem Lenkrad vibrierten unmerklich. Er schaute sich um. Auch Sergio inspizierte die Gegend, es schien, als wollte er es Paul gleichtun, aber er hatte nichts dazu zu sagen.
"Dann sollten wir ein Stück zu Fuß weitergehen", meinte Paul und sah nach links zu der Anhöhe hinüber. "Wozu?" fragte Sergio, der wenig Lust hatte auszusteigen. "Wenn wir nicht genau wissen, wo wir sind." "Ich denke, Sie kennen die Gegend?" murmelte Paul ohne den anderen anzusehen. "Eben darum. Hier ist es nicht. Es müssen noch mindestens zehn Meilen ..." "Sehen Sie das da oben?" "Was?" "In der Lücke im Wald, was da herausragt, wofür halten Sie das?" Sergio bemühte sich, etwas zu erkennen. "Ein kahler Baum?" "Das ist ein Stromleitungsmast", sagte Paul, als wäre er gerade von dort zurückgekehrt. "Ach was, Senor Kelling, vielleicht täuschen Sie sich." "Wir gehen hin." "Jesus Maria, wie wollen Sie da hoch kommen? Das sind Palatojasträucher, durch die kommt man nicht mal mit der Machete durch." "Womöglich gibt es einen Weg von der Straße aus." Sergio lachte abfällig. "Einen Weg! Rufen Sie doch mal, vielleicht werden Sie abgeholt."
Paul hatte den Motor ausgeschaltet und war ausgestiegen. Sergio konnte nicht anders als ihm zu folgen. Er fluchte leise, dann langte er nach hinten und holte vom Rücksitz ein Gewehr. "Sie wollen doch nicht so ohne da hin gehen, Senor?" Paul wandte sich zu ihm um und öffnete seine helle Jacke, an seinem Gürtel hing ein Lederholster mit einem Revolver. "Ah so", meinte Sergio.
Paul hatte Recht, es gab einen schmalen Pfad durch die Sträucher, ob er extra angelegt worden war, konnte man nicht sagen. Sie gelangten bis auf die Anhöhe, und es war tatsächlich ein Stromleitungsmast, und die zwei parallelen Kabel gingen zu beiden Seiten hinab. Nach rechts führten sie auf einer Schneise in den Wald hinein. In der anderen Richtung breitete sich ein kleines Plateau aus, auf dem die Leitung offenbar endete. Dort sah man verstreut ein paar Hütten aus Stein und Holz und dazwischen Schuppen oder Ställe in ziemlich desolatem Zustand. Aber keine Menschenseele; nur die Hühner scharrten in dem trockenen Boden, und zwei Hunde rauften sich.
Die beiden Männer liefen den Abhang hinab und näherten sich jener Behausung, die noch den besten Eindruck machte. In der Eingangstür hing eine bunte, gewebte Decke, und an der Außenwand unter dem Fenster stand ein klobiger Brettertisch mit einigen Tonkrügen und Blechschüsseln.
Da trat ein Mann heraus. Er mochte um die dreißig sein und hatte einen Hut auf, und sein Gesicht war schmutzig, aber seine Hände sahen nicht nach Arbeit aus. Er bemerkte Pauls Blick, steckte sie in die Hosentaschen und wippte auf den Zehen einmal auf und ab wie jemand, der sich hier heimisch und sehr sicher fühlt.
"Buenos dias, Senores", begrüßte sie der Mann, "haben Sie sich verlaufen?" Sie erwiderten seinen Gruß. Sergio hatte sein Gewehr hinter dem rechten Bein abgestellt und hielt es am Lauf fest. "Wir sind aus Santa Rosa", sagte Paul, und der Mann schaute über ihre Köpfe hinweg in die Richtung, aus der sie gekommen waren, wahrscheinlich hatte er sie schon da oben gesehen. "Unser Auto steht drüben auf der Straße. Es liegen Steine da, man kann nicht weiter fahren."
Der Mann nickte und wippte wieder auf den Zehen. Er schwieg. Sergio sagte "Wir sind eigentlich auf dem Weg zu Freddy Alvaro Garcia, da sind wir doch richtig, oder?" Der andere zuckte mit den Schultern. "Meinen Sie, dieser Senor Garcia könnte die Steine auf der Straße beiseite räumen?"
Sergio blickte Paul fragend an, der wies mit der Hand zur Hochebene hinüber. "Dort oben auf der Serra Geral ist ein Erkundungstrupp unterwegs, Senor Garcia soll momentan dabei sein." "Was habe ich damit zu tun?" "Ich nehme an, die Leute kommen öfter hierher." "Wozu?" "Um sich mit Wasser zu versorgen?" fragte Paul, und es klang, als wollte er sich nichts vormachen lassen.
Der Mann war ihm nicht geheuer. Die Art wie er vor seiner Hütte stand, wie wenn er sofort den Revolver ziehen würde, wenn die beiden auch nur einen Schritt näherkommen; aber er war offenbar unbewaffnet. "Hier tauchen ab und zu Leute auf", sagte er, "auch solche wie Sie. Warum sollte ich mir ihre Namen merken, die meisten stellen sich nicht einmal vor." Paul ging nicht darauf ein.
"Und Sie sind allein hier?" fragte Sergio. Der Mann hob seinen Hut vom Kopf, strich damit übers Haar und setzte ihn wieder auf, dann zog er ihn vorn noch etwas tiefer herab. "Sieht ganz so aus", sagte er. "Muss ziemlich einsam sein auf Dauer." "Ich kann auf Gesellschaft verzichten. Ich nehme an, Sie finden selber den Weg zu ihrem Wagen zurück. Wegen den Steinen auf der Straße kann ich auch nichts tun." "Wann kommt der nächste Transport vom Rio Vacaria hier vorbei?" "Von Puerto Abente?" "Ja." "Wenn Sie aus Rosa sind, müssten Sie das besser wissen als ich." "Das schon, aber es ist seit einer Woche nichts angekommen", meinte Sergio. "Keine Ahnung", erwiderte der Mann, "Sie sollten vielleicht besser zu Ihrem Wagen zurückgehen, es ist nicht gut, ihn so allein herumstehen zu lassen." "Unser Fahrer wartet dabei", sagte Paul, und Sergio verzog keine Miene. "Ein Fahrer?" fragte der Mann überrascht, und Paul wusste, daß er sie beobachtet hatte. "Ja, wir gehen, Danke für Ihre Auskunft." "Gern geschehen."
Sergio hatte sich umgedreht und war ein paar Schritte gegangen, sein Gewehr hielt er am Lauf. Wahrscheinlich war es mit dem Abzug an einem Zweig von dem Bodengestrüpp hängengeblieben, jedenfalls löste sich plötzlich ein Schuss und die Ladung ging an Sergios rechtem Ohr vorbei in die Luft. Paul erstarrte vor Schreck, Sergio guckte wie ein gelähmtes Kaninchen. Es fielen vier oder fünf weitere Schüsse, und eine Kugel prallte mit einem scharfen Kratzen von einem Stein ab.
Die beiden wandten sich um, der Mann stand unverändert vor der Hütte. Sergio rieb sich sein Ohr. Paul hob die Arme und rief "Entschuldigung, Senor." Das Gesicht des Anderen verfinsterte sich noch mehr: 'Macht endlich, daß ihr fortkommt' war darauf zu lesen. Sie gingen ein paar Meter rückwärts und verdrückten sich dann zwischen den Sträuchern.
"Was war das denn?" fragte Paul. "Scheiße, ich glaube, mein Trommelfell ist geplatzt." "Wer hat da geschossen?" "Wer hat geschossen? Ich kann nichts mehr hören. Diese Flinte geht so leicht los wie ein Weiberfurz." "Es hat aber jemand geschossen, wahrscheinlich fühlten sie sich bedroht." "Unsinn. Warum soll den Kerl jemand bedrohen? Sah der aus, als ob er auf einem Haufen Gold sitzt? Verflucht, summt mir mein Ohr." "Ich wette zehn zu eins, daß der da nicht hingehört", sagte Paul.
Sie waren am Auto angelangt. Sergio warf das Gewehr auf den Rücksitz. Er zündete sich eine Zigarette an. Mit dem Handballen rieb er sachte an seinem Ohr. "Wie kommen Sie darauf?" fragte er. "Haben Sie seine Hände gesehen? Das waren nicht die Hände eines Bauern." "Wer weiß, ob er ein Bauer ist. Vielleicht geht er im Wald jagen." "Und seine Haare waren frisch geschnitten, glauben Sie, da gibt es einen Friseur. Den Dreck hat er sich wahrscheinlich schnell ins Gesicht geschmiert." "Senor Kelling, was haben Sie gegen diesen Mann?" "Irgendwas stimmt da nicht." "Na gut", meinte Sergio, "inzwischen müsste er auch mitgekriegt haben, daß keine Laster mehr hier vorbeifahren." "Das kann nur zweierlei bedeuten: Entweder er ist erst seit kurzem da." "Oder er weiß Bescheid", ergänzte Sergio, "aber über was, fragt sich."
Er ließ die Zigarettenkippe fallen und trat sie aus. "Wie lange mögen diese Brocken hier rumliegen?" fragte Paul und deutete auf die Steine. Sergio zuckte mit den Schultern, dann sagte er "Wenn ich mir das recht anschaue, könnte ich glatt behaupten, die liegen so da, als wären sie nicht von selbst den Abhang heruntergekullert." "Trotzdem sind sie kein Hindernis für die Laster; mit einem Schildbagger sind sie schnell weggeschoben." "Ja, nur solche wie wir, die kommen hier vorerst nicht weiter. Deshalb schlage ich vor, Senor Kelling, daß wir jetzt nach Santa Rosa zurückfahren." "Ja."
Sie stiegen ein und wendeten, Sergio saß am Lenkrad. Nach einer Weile fragte er "Diesen Freddy Alvaro Garcia, kennen Sie ihn? Ich meine, wissen Sie eigentlich, wie er aussieht?" "Ja", sagte Paul, "ich bin ihm schon mal begegnet, in Santa Cruz, bei einer Feier der Jackson Oil Company." Sergio sah ihn von der Seite an, Paul fügte hinzu "Aber ich kann mich nicht mehr gut an ihn erinnern."
Es fing an zu regnen, es kam ein ordentlicher Guss herab, irgendwo in den Bergen donnerte es. An der Straßenkreuzung kurz vor Santa Rosa fuhr von rechts ein Lastwagen heran, der Kisten, Säcke und allerlei Gerät geladen hatte. Wahrscheinlich weil es nicht abgedeckt war, hatte es der Fahrer eilig, um seine Fuhre ins Trockene zu bringen.
Paul sah, daß beide Fahrzeuge gleichzeitig an der Kreuzung sein würden, und er sagte "Lassen Sie den lieber vorbeifahren." "Ich denke nicht dran", entgegnete Sergio, diese Bande aus San Hilario, die denken, sie wären die Herren der Landstraße." "Woher wissen Sie, daß er aus San Hilario kommt", fragte Paul und hielt sich vorn am Armaturenbrett fest, weil Sergio zu viel Gas gab.
Die Straße war schon aufgeweicht, und der Wagen schlitterte; Sergio dachte jetzt auch nicht mehr daran, daß es sein einziger guter Ford ist. "Das ist einer von den Ramirez Lastern, die Brüder, die die Spedition haben."
Paul erinnerte sich, daß diese Speditionsgesellschaft damals seine Sachen in Bela Vista abgeholt hatte, als er von La Plata den Fluss heraufgekommen war. Sie hatten alles wohlbehalten nach Santa Rosa gebracht, er war zufrieden mit ihnen gewesen, es war nicht einmal etwas verlorengegangen oder gestohlen worden.
Aber Sergio hatte wohl andere Erfahrungen mit den Ramirez Brüdern gemacht, obwohl der Fahrer dieses Lasters garantiert bloß irgendein Angestellter ist, der seinen obersten Chef noch nie persönlich kennengelernt hat. Sergio trat aufs Gaspedal, um als erster über die Kreuzung zu kommen. "Wenn wir dem hinterher fahren müssen, kriegen wir den ganzen Dreck ab."
Der Laster gab jedoch keine Anzeichen, sie vorzulassen. Da geriet der Ford auf eine schlammige Stelle und drehte sich fast um einen Viertelkreis. Er steckte fest, und Sergio schaffte es rückwärts wieder heraus. Paul war froh, daß er nicht hatte aussteigen müssen, er wäre sicher mit den Füßen im Schlamm versunken. Sergio fluchte, weil der Laster einen Vorsprung gewonnen hatte. An der Kreuzung schleuderte er um die Kurve, und jetzt kam es Paul auch so vor, als wollte er ihnen ein Schnippchen schlagen.
Er hatte kaum abgebremst, der nasse Dreck flog zur Seite. Aber er war mit den linken Rädern durch eine Wasserpfütze gefahren, die offenbar viel tiefer war, als es aussah. Er neigte sich bedenklich zur Seite, und auf der Ladefläche kam etwas ins Rutschen, und eine von den Kisten hüpfte über die Lattenplanke drüber und fiel auf die Straße.
Der Fahrer hatte es nicht bemerkt. Sie hielten an. Der Deckel hatte sich gelöst, und es waren ein paar Gegenstände herausgepurzelt. Es waren Garnknäuel und Rollen mit Zwirn und allerlei Schachteln, von denen Paul eine aufmachte und darin kleine metallene Teile fand, offenbar Zubehör für Nähmaschinen. "Eine Kiste mit Schnaps wäre mir lieber", brummte Sergio. "Der wäre bestimmt zu Bruch gegangen", lachte Paul, dann sagte er "Was machen wir jetzt damit?" "Schmeißen es in den Graben." "Wir nehmen's mit, vielleicht kann ich herausfinden, wem es gehört." "Von mir aus. Wenn nicht, können Sie es ja für Ihre Pumpen verwenden, Senor Kelling."
* * * * *
Die nächsten Tage waren für Paul angefüllt mit harter Arbeit. In dem zweiten Stollen kämpften sie sich zu langsam vorwärts. Einer der Bohrer war ausgefallen, als er sich festgefressen hatte, auf einen anderen warteten sie seit drei Wochen. Paul war für die Pumpen zuständig und damit für die Luft und Temperatur Verhältnisse in den Kupferstollen, hauptsächlich aber für die Wasserleitungen.
Seine Pumpen funktionierten einwandfrei, doch auf einem langen Stück sickerte Wasser durch den Berg und sie hatten es noch nicht geschafft, daß es sich an einer oder wenigstens an einigen wenigen Stellen sammelte, wo sie es abpumpen konnten. Weiter hinten war gutes Gestein, fest aber nicht zu hart für die Bohrer, doch der Abraum musste zuerst einmal hinausgeschafft werden, und da mussten sie über die Strecke hinweg, die noch nicht zuverlässig befestigt war und wo das Wasser ständig große Klumpen von brüchigem Tonschiefer ablöste.
Die Gesellschaft, für die Paul arbeitete, hatte zusätzliche Arbeiter eingestellt, welche die Rohrleitung verlegten. Mister Westwood, der leitende Ingenieur, war selbst gekommen und hatte alles inspiziert und dann Pauls Vorschläge angehört und seine Forderungen fast uneingeschränkt bewilligt.
Er wusste, daß Paul Kelling so viel von seiner Technik verstand wie kein anderer und er wusste, daß man die Sache mit dem Wasser nicht unterschätzen durfte, auch wenn sie lästig war und eine Menge Geld kostet, das auszugeben kein Anteilseigner der Gesellschaft bereit war, solange es sich vermeiden ließe.
Früh um fünf war Paul an Ort und Stelle und keinen Tag kam er vor neun Uhr abends zurück. Bernarda machte für ihn die Mahlzeit warm, Paul aß am liebsten Rührei mit Reis oder Huhn mit etwas Gemüse und mit Maisfladen, die Bernarda eben aus dem Backofen genommen hatte. Damit sich der Aufwand lohnt, machte sie auch Brot, das sie am nächsten Tag verkaufte und für das sie ihre festen Abnehmer hatte; sie war immer bis nach Mitternacht im Gange, wenn Paul sich schon hingelegt hatte.
Am Dienstag (oder war es am Mittwoch gewesen?) hatte Paul nach dem Aufstehen einen Schwindelanfall bekommen und dann den ganzen Vormittag starke Kopfschmerzen gehabt, aber er konnte sich nicht schonen, und er wollte sich vom Doktor ein paar Tabletten geben lassen, aber dann hatte er noch selbst welche gefunden, von denen, die er aus Deutschland in seiner Reiseapotheke mitgebracht hatte. Er stellte fest, daß er bis jetzt nichts davon gebraucht hatte, und auch die Kopfschmerzattacke ging spurlos vorüber.
Mister Westwood hatte sich ausführlich über die Ergebnisse der Probebohrungen unterrichten lassen, die westlich vom alten Stollen gemacht wurden, und Paul hatte aus seinen Fragen und mehr noch aus seinem angestrengten Gesichtsausdruck, der seine kühlen Erwägungen verriet, entnommen, daß irgendetwas geplant wurde.
Tatsächlich kam Westwood zwei Tage später noch einmal, in Begleitung zweier weiterer Ingenieure, die sich alles genau anschauten. Sie hatten auch Karten und Pläne dabei. Und schließlich sagte Westwood, die Gesellschaft habe die Entscheidung getroffen, den Schacht 5, der vor einem halben Jahr stillgelegt worden war, weiter in die Tiefe zu treiben, auf hundertfünfzig Meter, wo, wie die Bohrungen ergeben haben, eine der Vetas, eine Erzader, verläuft, die ziemlich mächtig sein muss. Wie alle Kupferadern erstreckte sie sich in Nord-Ost Richtung, und der Schacht 5 war der einzige, der fast genau darauf stößt.
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