| Prosper Mérimée |
| Carmen |
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Immer schon hatte ich die Geographen im Verdacht, daß sie nicht wissen, was sie sagen, wenn sie das Schlachtfeld von Munda in die Gegend von Bastuli-Poeni legen, nahe dem heutigen Monda, etwa zwei französische Meilen nördlich von Marbella.
Nach meiner persönlichen Deutung des Textes des Bellum Hispaniense sowie nach gewissen Aufschlüssen, die mir die berühmte Bibliothek des Herzogs von Ossuna gewährt hat, glaubte ich den denkwürdigen Ort, wo Cäsar den letzten entscheidenden Schlag gegen die Republikaner führte, bei Montilla suchen zu dürfen.
Als ich im Frühherbst des betreffenden Jahres in Andalusien weilte, machte ich einen ziemlich weiten Ausflug, um mir endlich Klarheit hierüber zu verschaffen. Eine Abhandlung, die ich demnächst veröffentlichen werde, soll, so hoffe ich, alle Unklarheiten in der gewissenhaften Altertumsforschung beseitigen.
Verbunden mit dieser Ankündigung, das topographische Rätsel, welches das ganze gelehrte Europa so lange beschäftigt hat, zu lösen, will ich eine kleine Geschichte erzählen, ohne dabei der Beantwortung der Frage, wo dieses Munda nun tatsächlich liege, vorzugreifen.
Ich hatte mir in Kordova einen Führer namens Antonio und zwei Pferde gemietet und hatte mich mit Cäsars Kommentaren und ein paar Hemden als einzigem Gepäck auf den Weg gemacht.
Eines Tages, als ich das Oberland der Ebene von Kachena durchstreifte, müde, matt und halb verdurstet, von glühender Sonne geröstet, Cäsar und die Söhne des Pompejus zum Teufel wünschend, bemerkte ich in einiger Entfernung ein Stück grünen Rasen mit Binsen und Schilf.
Offenbar war da eine Quelle in der Nähe. Und richtig: wie ich mich der Stelle näherte, sah ich, daß der vermeintliche Rasen ein Sumpf war, in dem sich ein Rinnsal verlor, das, wie es schien, aus einer engen Schlucht zwischen zwei hohen Vorbergen der Sierra von Kabra herkam.
Ich folgerte, daß ich weiter oben frischeres Wasser finden werde (mit weniger Blutegeln und Fröschen) und vielleicht inmitten der Felsen etwas kühlen Schatten. Am Eingang der Schlucht wieherte mein Pferd, und ein anderes, das ich nicht sehen konnte, tat sogleich dasselbe.
Kaum war ich hundert und einige Schritt gegangen, da verbreiterte sich die Schlucht plötzlich und ließ mich eine Art Naturtheater erblicken, das durch die hohen Felswände ringsum völlig im Schatten lag. Unmöglich hätte der Wanderer einen Platz finden können, der angenehmere Rast verhieß.
Zu Füßen der steilen Wände sprudelte der Quell und ergoss sich in ein kleines Becken über hellem Sand. Ein halbes Dutzend prächtige grüne Eichen, vor jedem Wind geschützt und vom Wasser immer frisch gehalten, umstanden den Rand und machten die Flut tiefschwarz. Endlich bot das feine glänzende Gras rings um das Becken ein Lager, wie man es in keiner Herberge fünf Meilen in der Runde besser gefunden hätte.
Doch nicht mir gebührte der Stolz, diesen so schönen Platz zuerst für sich entdeckt zu haben. Ein Mann hielt hier bereits Rast; wahrscheinlich hatte er geschlafen, als ich herankam. Durch das Wiehern geweckt, war er aufgestanden und zu seinem Pferd gegangen, das sich den Schlummer seines Herrn zunutze gemacht und im nahen Gras geweidet hatte.
Es war ein junger Bursche, mittelgroß, von kräftigem Aussehen und mit finsterem, stolzen Blick. Seine Gesichtsfarbe war wohl einmal schön gewesen, aber im Sonnenbrand war sie dunkler geworden als sein Haupthaar. In der einen Hand hielt er den Trensenzügel, in der andern eine Pistole.
Ich gestehe, daß mich die Waffe und die wilde Miene ihres Besitzers im ersten Moment überraschten; doch ich dachte nicht an Räuber an diesem schönen Ort, und auch deshalb nicht, weil ich von ihnen zwar hatte berichten hören, nie aber selbst welchen begegnet war.
Außerdem hatte ich so viele ehrbare Leute bis an die Zähne bewaffnet umherziehen sehen, daß der Anblick einer Pistole nicht mehr genügte, um die gute Gesinnung des Unbekannten anzuzweifeln. Im übrigen - so sagte ich zu mir - was hätte einer von ein paar Hemden und einer Taschenausgabe der Kommentare Cäsars?
Also grüßte ich den Mann mit der Pistole mit vertraulichem Kopfnicken und fragte ihn lächelnd, ob ich ihn im Schlafe gestört hätte. Ohne mir zu antworten, maß er mich vom Kopf bis zu den Füßen. Sodann betrachtete er ebenso gründlich meinen mir nachkommenden Führer.
Da sah ich, wie dieser erschrocken stehenblieb und erbleichte. Eine üble Begegnung! dachte ich bei mir. Doch sofort riet mir die Klugheit, mir keinerlei Unruhe anmerken zu lassen. Ich saß ab, rief dem Führer zu, das Pferd abzuzäumen, kniete am Rand der Quelle nieder und tauchte Gesicht und Hände ins Wasser. Dann trank ich, ausgedörrt wie ein Krieger Gideons, einen tüchtigen Schluck.
Währenddessen beobachtete ich meinen Führer sowie den Unbekannten aus den Augenwinkeln. Jener kam näher, weil ihm nichts anderes übrig blieb; der Bursche führte offenbar nichts Böses gegen uns im Schilde, denn er hatte sein Pferd wieder losgelassen, und seine Pistole, die er anfangs auf uns gerichtet hatte, zur Erde gesenkt.
Ich hielt es für besser, das Misstrauen, das er uns entgegenbrachte, nicht weiter übelzunehmen, setzte mich ins Gras und fragte den Mann ganz unbefangen, ob er ein Feuerzeug bei sich habe. Zugleich holte ich mein Zigarettenetui heraus.
Wortlos griff der Unbekannte in seine Tasche, brachte sein Feuerzeug hervor und gab mir unverzüglich Feuer. Dann nahm er mir gegenüber Platz. Ich fragte ihn, ob er Raucher sei. "Ja, das bin ich", erwiderte er. Ich hielt ihm mein Etui hin, und er bediente sich. Er nickte leicht mit dem Kopf, zündete seine Zigarette an der meinen an, dankte mir nochmals durch die gleiche Bewegung und begann dann zu rauchen, sichtlich mit dem größten Vergnügen. Wie er den ersten tiefen Zug langsam aus Mund und Nase wieder ausströmen ließ, rief er "Ach, es ist lange her, daß ich geraucht habe!"
Aus seinen Worten konnte ich heraushören, daß er nicht auf die reine andalusische Art sprach, und ich folgerte, daß er gleich mir ein Wandersmann war, wenn auch offenbar keiner, den die Archäologie hierher geführt hat.
Wie oft habe ich festgestellt, daß eine angebotene und angenommene Zigarette zwischen fremden Männern eine Art Gastfreundschaft stiftet, ganz wie im Orient geteiltes Brot und Salz. Mein Mann wurde sogleich gesprächig.
Obwohl er sich für einen Bewohner des Partido von Montilla ausgab, wusste er über die Gegend herzlich wenig Bescheid. Er kannte weder den Namen des reizenden Tals, in dem wir uns befanden, noch vermochte er irgendein Dorf in der Nähe zu nennen. Und auf meine Frage, ob ihm im auf seinem Wege etwa Ruinen oder dergleichen historische Stätten aufgefallen seien, meinte er bloß, daß er auf solche Dinge nicht achtet.
Dafür war er ein Pferdekenner; er beurteilte meinen Gaul auf den ersten Blick. Sodann erzählte er vom Pedigree seines Pferdes: es entstammte dem berühmten Kordovaer Gestüt, und in der Tat, es war ein edles Tier. Er sagte, er habe mit ihm einmal hundertzwanzig Kilometer an einem einzigen Tag zurückgelegt, ohne daß es danach wirklich erschöpft gewesen wäre.
Plötzlich brach er mit seiner Rede ab, als habe er schon viel zu viel Zeit vergeudet. Dann fügte er hinzu "Ich hatte es nämlich sehr eilig, nach Kordova zu kommen. Ich wollte einen Prozess bei Gericht anstrengen." Bei diesen Worten blickte er meinen Führer an, der die Augen niederschlug. Die plötzliche Begegnung mit diesem Mann war ihm offenbar unangenehm, und gegenseitige Abneigung hielt sie einander fern, ohne daß ich den Grund dafür erkennen konnte.
Mir fiel ein, daß mir meine Freunde in Montilla ein paar Scheiben von dem köstlichen Schinken sowie eine Flasche Wein für unterwegs mitgegeben hatten, und ich lud beide, meinen Begleiter und den Fremden zu einem kleinen Picknick ein. Wenn es, wie er sagte, lange her war, daß er geraucht hatte, so muss es wohl noch länger her gewesen sein, daß er etwas gegessen hatte, denn er war gierig wie ein ausgehungerter Wolf; und ich konnte nun beinahe doch von Glück reden und mochte es ihm zu seiner Ehre anrechnen, daß er mich nicht gleich anfangs meines bescheidenen Proviants beraubt hatte.
Die letzten Stücke Brot und Schinken waren verzehrt, der Wein getrunken, und jeder hatte genüsslich seine Zigarette geraucht. Ich wies Antonio an, unsere Pferde zurechtzumachen, und wollte von meinem neuen Bekannten Abschied nehmen, als er mich fragte, wo ich zur Nacht zu bleiben gedächte. Ehe ich ein Zeichen meines Begleiters begriff, hatte ich schon entgegnet, ich wolle nach der Venta del Cuervo, der Schenke zum Raben, reiten.
"Nicht gerade die richtige Herberge für Ihresgleichen", meinte er. "Ich begebe mich auch dahin, und wenn Sie gestatten, machen wir den Weg zusammen." "Warum nicht", erwiderte ich, ohne daß mir auffiel, woher er sich plötzlich so gut hier auskennt. Antonio, der mir beim Aufsitzen half, zwinkerte mir abermals zu. Ich antwortete mit einem Achselzucken, zum Zeichen, daß ich keine Angst hätte, und so brachen wir auf.
Durch Antonios geheimnisvolle Andeutungen, seine besondere Vorsicht, durch etliche unbedachtsame Äußerungen des Unbekannten, auch seine wenig glaubhaften Schilderungen, wie er hierher gekommen sei, war meine Meinung über ihn nicht eben zu seinem Vorteil ausgefallen. Ich zweifelte kaum noch daran, daß ich es mit einem Schmuggler zu tun hatte, vielleicht gar mit einem Räuber.
Aber musste ich mich deswegen vor ihm fürchten? Ich kannte den Charakter des Spaniers hinlänglich, um davon überzeugt zu sein, daß ich von einem Mann, der mit mir gegessen, getrunken und geraucht hatte, nichts zu befürchten brauchte. Ja, seine Gegenwart bot mir in gewisser Weise einen Schutz gegen schlimmere Bedrohung.
Endlich hatte ich die Gelegenheit, einen echten Briganten kennenzulernen! Man sieht nicht alle Tage einen, sagte ich mir, und spürte den Reiz, sich in Gesellschaft eines gefährlichen Mannes zu wissen, zumal wenn er sich so respektvoll verhält wie dieser hier mir gegenüber. Vielleicht konnte ich von ihm mehr über das rätselhafte Räuberunwesen erfahren, welches Thema so vieler schauerlicher und ergreifender Geschichten war.
Es gab damals in Andalusien einen berüchtigten Banditen namens José Navarro, dessen Taten in aller Munde waren. Was wäre, wenn ich zufällig auf ebendiesen Mann gestoßen wäre? Und ich fing an, der Legenden über ihn zu erwähnen, die mir zu Ohren gekommen waren, und zollte seiner Tapferkeit und seinem Edelmut Worte hoher Bewunderung.
"José Navarro ist ein Gauner und nichts weiter", meinte der Unbekannte kalt. Ist das Selbstverdammung oder übertriebene Bescheidenheit, fragte ich mich nachdenklich; denn je länger ich meinen Begleiter betrachtete, desto mehr fand ich die Beschreibungen von José Navarro, die ich in mancher andalusischen Stadt vernommen hatte, auf ihn passend: 'Blondes Haar, blaue Augen, großer Mund, schöne Zähne, kleine Hände, feines Hemd, Samtjacke mit Silberknöpfen, weiße Ledergamaschen, auf einem edlen, schnellen Pferd unterwegs.'
Wir kamen zur Schenke. Sie war, wie er sie mir beschrieben hatte: eine der elendesten Spelunken, die ich je gesehen. Eine einzige große Stube diente als Küche, Esszimmer und Schlafgemach. In der Mitte des Raumes brannte auf einer Steinplatte das Feuer, und der Rauch zog durch ein Loch im Dach ab; vielmehr er blieb drinnen und hing als Wolke etliche Fuß überm Boden.
Längs der Wand sah man auf der Erde fünf oder sechs alte Matratzen hingebreitet, das waren die Betten für die Reisenden. Zwanzig Schritt vom Haus entfernt stand eine Art Schuppen, der als Stall diente. In diesem reizenden Heim hausten zur Zeit keine anderen menschlichen Wesen, als ein altes Weib und ein Mädchen von zehn bis zwölf Jahren, beide vom Ruß verdreckt und in arg zerlumpten Kleidern.
Das ist also alles, dachte ich bei mir, was von der hehren Bevölkerung des alten Munda Baetica übriggeblieben ist! Cäsar und Pompejus, wenn ihr heute zurückkämt, ihr würdet euch sehr wundern!
Wie die Alte meinen Gefährten gewahrte, entfuhr ihr ein Schrei der Überraschung: "Ah, Don José!" Don José runzelte die Stirn und hob gebieterisch die Hand, worauf das Weib sofort verstummte. Ich wandte mich zu Antonio um und gab ihm unauffällig zu verstehen, daß er mich nun über den Mann, mit dem ich die Nacht zubringen wollte, nicht weiter zu belehren brauche. Aber er hatte es inzwischen schon aufgegeben.
Das Abendessen war besser als erwartet. Auf einem kleinen, kaum einen Fuß hohen Tisch reichte man uns erst ein Frikassee vom Huhn in stark gepfeffertem Reis, dann Paprikaschoten in Öl, zuletzt Gaspacho, eine Art Salat, wiederum nicht zu knapp mit spanischem Pfeifer versehen. Drei so gewürzte Gänge ließen uns den Montillawein, der dazu gereicht ward, schmecken. Nach dem Mahle bemerkte ich an der Wand eine Mandoline, wie sie überall in Spanien vorhanden sind, und fragte das Mädchen, ob sie spielen könne.
"Nein", antwortete sie, "aber Don José kann es." "Seien Sie so gut", bat ich ihn, "und singen Sie mir etwas vor. Ich liebe eure leidenschaftliche Musik." "Einem Herrn, der so höflich bittet, kann ich nichts abschlagen", rief Don José gutgelaunt; er ließ sich die Mandoline geben und sang, indem er sich selber begleitete. Seine Stimme war rauh, doch angenehm; die Weise schwermütig und seltsam. Von dem Text verstand ich kein Wort.
"Wenn ich mich nicht irre", sagte ich, "ist das kein spanisches Lied. Es erinnert mich vielmehr an die Zorzigos, die ich in den Provinzen gehört habe. Die Worte hören sich wie baskisch an."
"So ist es", erwiderte Don José traurig. Er legte die Mandoline hin, verschränkte die Arme und starrte fortan, merkwürdig trübselig, in das glimmende Feuer. Der Schein einer Lampe, die auf dem Tischchen stand, leuchtete ihm ins Gesicht, das, edel und wild zugleich, mich an Miltons Satan denken ließ. So wie er träumte Don José wohl von seiner Heimat, aus der ihn eine Untat vertrieben hatte.
Ich versuchte die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen, aber er gab, ganz in seine düsteren Gedanken versunken, keine Antworten. Längst war die Alte schlafen gegangen, in einer Ecke der großen Stube, hinter einer löcherigen Decke, die an einer Leine hing; das Mädchen war ihr in dieses, den Frauen vorbehaltene Versteck gefolgt.
Da erhob sich mein Begleiter und forderte mich auf, ihm zu folgen. Doch plötzlich fuhr Don José wie ein im Schlafe Gestörter hoch und fragte ihn barsch, wohin er wolle. Antonio wand sich mit einer Erklärung heraus, offenbar wollte er mich unter vier Augen sprechen. Er sagte, er wäre besorgt wegen meines Pferdes und wollte deshalb mit mir in den Stall hinübergehen.
Aber ich hielt es in unserer Lage für besser, Don José keinen Anlass zum Argwohn zu geben, denn wir konnten letztlich nicht wissen, was er wirklich im Schilde führt. Also antwortete ich Antonio, ich verstünde von Pferden nichts und wäre außerdem zu müde.
Es versetzte mir keinen geringen Schrecken, als Don José sagte, er werde mit ihm in den Stall gehen und sich das Pferd ansehen. Nach einer Weile kam er allein wieder und sagte, dem Pferd fehle nichts und mein Begleiter mache sich unnötig Sorgen. Ich schaute hinüber und sah Antonio beim Licht einer Laterne hantieren.
Ich sehnte mich nun wirklich nach Schlaf, wickelte mich sorgfältig in meinen Mantel und streckte mich auf einer der Matratzen aus. Don José suchte sich sein Nachtlager in der Nähe der Tür, und ich sah, wie er seine Pistole griffbereit unter den Mantelsack schob, der neben ihm lag. Wir wünschten einander gute Nacht, und fünf Minuten später fielen wir beide in tiefen Schlaf.
Ich hatte mich für müde genug gehalten, um ein solches Lager ertragen zu können, aber ich meinte, es sei nur kurze Zeit vergangen, als ich durch ein sehr unangenehmes Jucken wach wurde. Sowie ich die Ursache in dem Ungeziefer auf der Matratze gefunden hatte, stand ich auf, überzeugt, daß ich den Rest der Nacht besser unter freiem Himmel als in der Gesellschaft so unliebsamer Bettgenossen verbrächte.
Ich schlich mich auf den Zehen zur Tür, machte einen großen Schritt über Don José, der den Schlaf des Gerechten schlief, und gelangte hinaus, ohne ihn zu wecken. Draußen unter dem Vordach stand eine breite Holzbank; auf ihr legte ich mich lang und machte es mir nach Möglichkeit bequem.
Eben wollte ich die Augen zum zweiten Male schließen, da kam es mir vor, als zögen die Schatten eines Mannes und eines Pferdes lautlos an mir vorüber. Ich richtete mich auf und glaubte Antonio zu erkennen. Verwundert, ihn zu solcher Stunde außerhalb des Stalles zu sehen, erhob ich mich und ging auf ihn zu. Da er mich eher als ich ihn erkannt hatte, war er stehengeblieben.
"Wo ist der Kerl?" fragte er im Flüsterton. "Drinnen. Er schläft. Ihn stören die Wanzen offenbar wenig. Warum haben Sie das Pferd herausgebracht?" Jetzt erst bemerkte ich, daß Antonio die Hufe des Tieres sorgfältig mit Lumpen umwickelt hatte, um beim Ausrücken aus dem Schuppen keinen Lärm zu verursachen.
"Um Gottes willen", raunte er mir zu, "reden Sie leiser! Wissen Sie denn nicht, wer der Mann da drinnen ist? José Navarro, Andalusiens größter Bandit! Den ganzen Tag über habe ich versucht, Ihnen das mitzuteilen, aber Sie haben nicht verstehen wollen."
"Bandit oder nicht, was geht mich das an?" erwiderte ich mürrisch, weil ich offenbar um meinen Schlaf gebracht werden sollte. "Uns hat er nicht beraubt, und ich möchte wetten, er denkt auch nicht daran." Antonio ließ sich nicht abhalten, er sagte "Anderthalb Stunden von hier weiß ich einen Militärposten. Ehe es Tag wird, bringe ich ein paar handfeste Kerle her. Ich hätte sein Pferd genommen, aber es ist gar bösartig und lässt niemanden außer Navarro an sich heran."
"Der Teufel mag Sie holen, Antonio!" fuhr ich ihn an. "Was hat Ihnen dieser Mann zuleide getan, daß Sie ihm an den Kragen wollen?" "Auf seine Ergreifung sind zweihundert Dukaten ausgesetzt", erwiderte er. "Ach, daher weht der Wind", meinte ich. "Und warum sind Sie so sicher, daß es tatsächlich der berüchtigte Räuber ist, für den Sie ihn halten?"
"Vorhin im Stall hat er zu mir gesagt: du kennst mich wohl? Aber wenn du - er deutete mit dem Finger auf mich - diesem Mann verrätst, wer ich bin, jage ich dir eine Kugel durch den Kopf!" Da überlief mich ein Schauer. Aber Antonio sagte seelenruhig: "Bleiben Sie schön bei ihm. Sie haben nichts zu fürchten. Solange Sie hier sind, wird er keinen Verdacht schöpfen."
Während wir miteinander redeten, hatten wir uns bereits weit genug von der Herberge entfernt, so daß man uns dort nicht mehr hören konnte. Im Nu hatte Antonio die Lumpen von den Hufen des Pferdes abgestreift und schickte sich an aufzusitzen. Ich versuchte ihn durch Bitten und Drohungen abzuhalten.
"Herr, ich bin ein armer Schlucker", entgegnete er mir, nicht ohne eine gewisse Überlegenheit, "zweihundert Dukaten kann ich nicht einfach so fahren lassen, zumal es gilt, das Land von einem Verbrecher zu befreien. Ach so", fügte er hinzu, "wenn der Navarro erwacht, wird er natürlich fragen, wo ich sei. Überlegen Sie sich schon mal eine Antwort." Er gab seinem Gaul die Sporen, und im Dunkeln war er alsbald entschwunden.
Ich war empört über ihn und ziemlich aufgeregt. Nach einem Augenblick Nachdenken war mein Entschluss gefasst, ich ging zurück zur Herberge. Don José schlief noch. Seitdem ich ihn getroffen hatte, war er eigentlich nicht richtig munter gewesen, gewiss erholte er sich von seinem letzten Abenteuer voller Anstrengung und ohne Ruhe. Ich musste ihn ordentlich schütteln, ehe ich ihn wach bekam. Nie vergesse ich seinen wilden Blick und die Bewegung, die er nach seiner Pistole machte, die ich vorsichtshalber etwas beiseite geschoben hatte.
"Verzeihen Sie", sagte ich zu ihm, "daß ich Sie wecke, aber ich habe eine Frage an Sie zu richten? Wäre es Ihnen angenehm, wenn eine Militärpatrouille angerückt käme?" Er sprang auf und fragte mich mit fürchterlicher Stimme "Wer hat Ihnen das gesagt?" "Was für eine Rolle spielt das, wenn es wahr ist?" "Ah, da steckt dieser Antonio dahiner! Das soll er mir büßen! Wo ist er?" "Ich weiß nicht, im Stalle, denke ich. Vielleicht auch nicht."
Er war unschlüssig, was er tun sollte, immerhin war es noch finstere Nacht. Ich riet ihm "Wenn Sie nicht auf die Soldaten warten wollen, dann sollten Sie keine Zeit verlieren! Wenn es Ihnen allerdings egal ist, dann noch weiterhin eine gute Nacht! Ich bitte um Entschuldigung, Ihren Schlafe gestört zu haben."
Er konnte sich nicht mehr beruhigen. "Ihr Führer! Dieser Hurensohn! Ich habe ihm von Anfang an misstraut." Er sah mich eindringlich an. "Ich habe ihn sogar gewarnt. Genug! Sein Maß ist voll. Leben Sie wohl, mein Herr! Es tut mir leid, daß ich mich Ihnen nicht erkenntlich zeigen kann. Der liebe Gott möge Ihnen den Dienst vergelten, den ich Ihnen schuldig bleibe! Ich bin keineswegs so schlecht, wie Sie vielleicht glauben. Leben Sie wohl!"
"Don José", erwiderte ich, "als Gegenleistung für den Dienst, den ich Ihnen erwiesen, können Sie mir versprechen, auf jedwede Rache zu verzichten. Nehmen Sie! Hier sind Zigaretten auf Ihren Weg. Glückliche Reise!"
Ich reichte ihm die Hand. Er drückte sie mir, ohne etwas zu erwidern, nahm Pistole und Mantelsack, und nachdem er zu der Alten, die inzwischen erschienen war, ein paar Worte in einer Mundart gesprochen, die ich nicht verstand, lief er hinaus und zum Schuppen. Alsbald verhallte der Galopp seines Pferdes in der Ferne. Ich war bloß froh, daß Antonio nicht auch noch sein edles Ross genommen hatte, denn dann wäre er unweigerlich des Todes gewesen.
Ich legte mich wieder auf meine Bank, vermochte aber nicht einzuschlafen. Ich fragte mich, ob ich recht getan hatte, einen Räuber, vielleicht gar einen Mörder, vor dem Galgen zu retten, und zwar lediglich, weil ich einmal mit ihm Hühnerfrikassee à la Valencienne geschmaust hatte.
War ich nicht ein Verräter derer, die auf Seiten der Gesetze stehen? Hatte ich nun einen anderen unschuldigen Menschen der Rache eines Verbrechers preisgegeben? Dagegen konnte keine Gastfreundschaft zu einem Fremden als Rechtfertigung bestehen. Ich würde alle Schandtaten, die dieser Bandit noch begeht, auf dem Gewissen haben. Aber, komisch! So richtig schuldig fühlte ich mich dennoch nicht.
Unterdessen dämmerte der Morgen, und meiner unerquicklichen Nachtruhe setzte die Militärgarde ein Ende, die ich anreiten sah, zusammen mit Antonio, der sich klugerweise im Hintertreffen hielt. Ich ging ihnen entgegen und meldete unbefragt, daß der Bandit bereits vor mehr als zwei Stunden Reißaus genommen habe.
Vom Wachtmeister verhört, sagte die Alte aus, daß sie den Navarro kenne; da sie aber hier ganz allein mit einem jungfräulichen Mädchen wohne und auch nie einen wirklichen Beweis für seine Freveltaten gesehen habe, so hätte sie nicht gewagt, ihn anzuzeigen, um ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen. Sie fügte hinzu, es sei seine Gewohnheit, wenn er bei ihr einkehre, immer mitten in der Nacht wieder fortzureiten.
Was mich anbelangt, so musste ich im nächsten Ort, etwa drei Wegstunden entfernt, dem dortigen Amtsrichter meinen Pass vorlegen und eine Erklärung unterschreiben. Erst dann gestattete man mir, meine Altertumsforschungen fortzusetzen. Antonio war sauer auf mich, weil er meinte, ich sei es gewesen, der es vereitelt hatte, daß er die zweihundert Dukaten kassiert. Gleichwohl schieden wir in Kordova in gutem Einvernehmen. Ich gab ihm ein Trinkgeld, und er schien zufrieden; wir verloren über den Zwischenfall kein Wort mehr.
In Kordova verblieb ich einige Tage. Man hatte mich auf eine Handschrift in der Bücherei der Dominikaner aufmerksam gemacht, in der merkwürdige Nachrichten über das alte Munda zu finden wären. Von den frommen Vätern bestens aufgenommen, weilte ich tagsüber in ihrem Kloster, und abends schlenderte ich durch die Stadt.
Gegen Sonnenuntergang wimmelt es auf dem Staden, der das rechte Ufer des Guadalquivir eindämmt, von Müßiggängern. Man hat zwar die Düfte einer Lohgerberei, die den uralten Ruhm des Landes in der Lederbereitung in Ehren hält, einzuatmen; dafür genießt man ein amüsantes Schauspiel.
Einige Minuten vor dem Abendläuten versammeln sich eine Menge Frauen am Fluss, unterhalb der ziemlich hohen Kaimauern. Kein Mann darf es wagen, sich in diese Schar zu mischen.
Sobald das Angelus ertönt, gilt die Nacht für angebrochen. Beim letzten Glockenschlag legen alle Frauen ihre Kleider ab und gehen ins Wasser. Nun erhebt sich Geschrei und Gelächter, ein Höllenlärm. Vom Staden herab schauen die Männer den Badenden zu, reißen die Augen auf, können aber nicht viel erkennen.
Immerhin erregen die unbestimmbaren weißen Körper, die sich vom Dunkelblau der Flut abheben, die männlichen Gemüter; und bei einiger Einbildungskraft ist es nicht schwer, sich Diana mit ihren Nymphen im Bade vorzustellen, ohne daß man das Schicksal des Aktäon zu befürchten hätte. Man hat mir erzählt, ein paar nichtsnutzige Schlingel hätten eines schönen Tages zusammengelegt und den Glöckner der Kathedrale bestochen, so daß er das Angelus zwanzig Minuten vor der richtigen Zeit läutete.
Obgleich noch hellichter Tag war, zögerten die Nymphen des Guadalquivir nicht, dem Angelus mehr als der Sonne zu vertrauen, und machten sich in aller Seelenruhe zum Baden zurecht, indem sie sich auszogen. Ich bin nicht dabei gewesen und kann daher den Anblick nicht schildern. Zu meiner Zeit war der Glöckner unbestechlich und die Dämmerung so stark, daß nur Katzen- oder Eulenaugen ein altes Waschweib von einer jungen Küchenmagd hätten unterscheiden können.
Eines Abends, zur Zeit, da man gar nichts mehr sieht, saß ich auf der Promenade und rauchte, als ein Fräulein die Treppe vom Fluss heraufkam und sich neben mir niederließ. Sie hatte Jasminblüten im Haar, deren nächtlicher Duft so berauschend ist. Sie war schlicht, fast ärmlich, und ganz in Schwarz gekleidet wie die meisten jungen Mädchen von Sevilla. (Die Damen gehen nur vormittags in Schwarz; am Abend kleiden sie sich à la francesa.)
Als sie sich gesetzt hatte, ließ sie die Mantilla, die ihr Haupt bedeckte, auf die Schulter gleiten, und im dunklen Sternenlicht sah ich, daß sie jung und wohlgestaltet war und sehr große Augen hatte. Sofort warf ich meine Zigarette weg. Dieses Zeichen echt französischer Höflichkeit kommentierte sie sogleich mit der Bemerkung, sie liebe Tabakgeruch und würde selber rauchen, wenn sie leichte Papelitos zur Hand hätte.
Zufälligerweise hatte ich welche bei mir und beeilte mich, sie ihr anzubieten. Sie geruhte eine zu nehmen, und ich gab ihr Feuer. Die schöne Nymphe und ich, wir plauderten so lange, bis wir schließlich fast allein am Staden waren. Ohne mich für aufdringlich zu halten, lud ich sie zu Kaffee in einer Neveria ein. Einen Augenblick zögerte sie bescheiden; dann ging sie darauf ein, fragte nur zuvor, wie spät es wäre. Ich ließ meine Taschenuhr schlagen, sichtlich zu ihrem Entzücken.
"Was die Franzosen für hübsche Erfindungen haben!" sagte sie. In Spanien gilt, ganz wie im Orient, jeder Reisende, wenn er nicht irgendwelche Handelsproben bei sich hat, für einen Inglesito, einen Engländer. Umso mehr beeindruckte mich ihre Beobachtungsgabe. "In der Tat, ich bin Franzose und Ihr gehorsamster Diener. Und Sie, Mademoiselle oder Madame? Sie sind aus Kordova, wie ich aus Ihrer wohlklingenden Sprache schließen möchte?"
"Wenn Sie ein so gutes Ohr haben, müssten Sie eigentlich merken, woher ich bin." "Aus dem Wunderland, das gleich nach dem Paradies kommt?" (Diese zugegeben etwas überschwängliche Bezeichnung für Andalusien hatte ich von meinem Freunde Francisco Sevilla, einem berühmten Pikador.) "Ach was. Das Paradies. Die Leute hier behaupten, das wäre für unsereins nicht geschaffen." "Also sind Sie Maurin oder eine Tochter Davids?"
"Soll ich Ihnen erst wahrsagen? Sehen Sie denn nicht, daß ich eine Zigeunerin bin? Haben Sie schon von der Carmencita gehört? Die bin ich."
Ich war damals - es sind fünfzehn Jahre her - in mancherlei Hinsicht ein derartig Ahnungsloser, daß ich auch in diesem Moment nicht den geringsten Argwohn verspürte, als ich mich in Gesellschaft einer wahrhaftigen Hexe sah. 'Schön!' dachte ich bei mir. Vorige Woche habe ich mit einem Straßenräuber mein Abendbrot verzehrt, dem die Pistole gar locker im Gürtel steckte; heute gehe ich mit einer Verbündeten der finstern Mächte Kaffee trinken!
Auf einer Reise darf man sich nichts entgehen lassen! Ich hatte einen weiteren Grund, diese Bekanntschaft zu vertiefen. Als angehender Student habe ich, wie ich gern gestehe, einige Zeit damit verbracht, mich den sogenannten Geheimwissenschaften zu widmen; ja, ich habe mehr als einmal sogar versucht, selbst den Geist der Finsternis zu beschwören. Wie sich denken lässt, mit wenig Erfolg.
Längst geheilt von der Leidenschaft für derlei Forschungen, war mir gleichwohl eine gewisse Neugier verblieben, die dem Aberglauben jedweder Art nachging, als etwas zutiefst Volkstümliches, in dem fast immer eine gehörige Portion Wahrheit, ja Einsicht verborgen ist. Und hier in diesem Land war es mir eine Freude, erfahren zu sollen, in welchem Grade die Zauberkunst bei den Zigeunern im Schwang ist.
Lebhaft plaudernd waren wir in das Café eingetreten und hatten an einem Tischchen Platz genommen, das - wie passend - von einer Wachskerze in einer Glaskugel beleuchtet wurde. Jetzt hatte ich alle Muße, meine Gitana zu betrachten, während etliche der Gäste sich verwunderten, uns in so trauter Zweisamkeit zu sehen.
Ob Senorita Carmen reinen Bluts war, weiß ich nicht; jedenfalls war sie viel schöner als alle Zigeunerinnen, denen ich je begegnet bin. Die Spanier pflegen oftmals eine Frau zu beschreiben, indem sie zehn Merkmale nennen, die man an je drei Stellen ihres Körpers finden kann. Zum Beispiel soll sie dreierlei Weiß haben: die Augen, die Zähne, die Fersen dreierlei Schwarz: die Pupillen, die Wimpern, das Haar; dreierlei Rosig: die Fingerbeeren, die Lippen, die Spitzen ihrer Brüste, und so weiter. (Näheres kann man bei Brantôme nachlesen. Aber mir missfiel dabei stets die Beschränkung aufs Äußerliche und der Hang zur Prahlerei, der unweigerlich entsteht, wenn die Vorzüge einer Frau von Männern aufgezählt werden.)
Dennoch konnte ich nicht widerstehen, Carmens Schönheit im stillen zu bewundern. Ihre Haut, übrigens völlig gleichmäßig getönt, war nahezu kupferfarbig; ihre Augen waren leicht schräg und wunderbar geschnitten; ihre Lippen schön gezeichnet, aber etwas zu voll; zwischen ihnen leuchteten Zähne, weißer als geschälte Mandeln. Ihr vielleicht ein wenig zu dichtes Haar war schwarz mit dem bläulichen Schimmer des Rabengefieders.
Sie war von seltsamer wilder Natürlichkeit. Ihr Gesicht befremdete einen zuerst, aber man konnte es nicht vergessen. Insbesondere hatten ihre Augen einen wollüstigen und zugleich bösen Ausdruck, wie ich ihn bei keinem andern Menschen wiedergefunden habe. Zigeuneraugen sind Wolfsaugen, sagt ein spanisches Sprichwort, in dem einige Wahrheit steckt. Dieser Blick ähnelt auch dem einer Katze, die einem Mäuschen auflauert, auf das sie sich im nächsten Moment stürzen und es mit ihren scharfen Krallen packen wird.
Selbstverständlich wäre es lächerlich gewesen, wenn ich mir in einem Kaffeehaus hätte wahrsagen lassen. So bat ich sie denn, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Ohne Bedenken willigte sie ein; nur wünschte sie wiederum die Zeit zu wissen und ersuchte mich, meine Uhr abermals schlagen zu lassen. "Ist sie von echtem Gold?" fragte sie, während sie sie mit übermäßiger Aufmerksamkeit betrachtete.
Als wir uns auf den Weg machten, war es stockdunkle Nacht. Die meisten Läden waren geschlossen und die Straßen vereinsamt. Wir gingen über die Guadalquivirbrücke und machten in der äußeren Vorstadt vor einem Haus halt, das sich in seiner typischen Einfachheit in nichts von den anderen Häusern unterschied.
Ein Kind öffnete uns. Die Zigeunerin sagte ihm einige Worte, die ich nicht verstand - ein Zigeunerdialekt, wie ich heute weiß. Alsbald verschwand das Kind, und wir blieben allein in einer ziemlich geräumigen Stube, in der ein kleiner Tisch, zwei Schemel und ein Koffer standen, nicht zu vergessen einen Krug Wasser, eine Schale mit Orangen und ein Bündel Zwiebeln.
Sowie wir unter uns waren, holte die Zigeunerin aus ihrem Koffer Karten, die sichtlich viel benutzt waren, einen Magnet, ein getrocknetes Chamäleon und etliche andere zu ihrer Kunst nötige Dinge. Dann musste ich mit meiner linken Hand mit einem Geldstück ein Kreuz schlagen, und der Hokuspokus begann. Ihre Weissagungen hier zu wiederholen, ergäbe kaum einen Sinn, was aber ihr ganzes Gebaren dabei betraf, so kann ich versichern, daß sie trotz ihrer Jugendlichkeit keine Anfängerin in ihrer Zunft war.
Leider wurden wir bald gestört. Die Tür ward plötzlich aufgerissen, und ein Mann, bis an die Augen in einen braunen Mantel gehüllt, betrat das Zimmer, wobei er die Zigeunerin nicht gerade freundlich anfuhr. Was er sagte, verstand ich nicht, aber der Ton seiner Stimme verriet sehr schlechte Laune.
Die Gitana zeigte bei seinem Anblick weder Überraschung noch Zorn, sie erhob sich, ging ihm entgegen und redete mit ungemeiner Zungenfertigkeit auf ihn ein, in denselben geheimnisvollen Lauten wie schon einmal in meiner Gegenwart. Das Wort payllo, das öfters wiederkehrte, war das einzige, das ich verstand. Ich wusste, daß die Zigeuner damit jeden ihrer Rasse fremden Menschen bezeichnen.
In der Annahme, daß es sich um mich handelte, machte ich mich auf eine heikle Auseinandersetzung gefasst. Schon hatte ich die Hand am Bein eines der Schemel und wartete insgeheim auf den geeigneten Moment, ihn dem Ankömmling an den Kopf zu werfen. Der stieß die Zigeunerin zur Seite und trat auf mich zu; da prallte er zurück. "Sie sind das?" rief er.
Ich schaute mir ihn meinerseits genauer an und erkannte meinen Freund Don José. Im Augenblick reute es mich fast, daß ich ihn vor dem Galgen gerettet hatte. "Ah, Sie unhöflicher Mann", sagte ich und lachte, soweit mir dies glückte, "Sie haben die Senorita mitten in der Voraussage merkwürdiger Dinge gestört." Er warf ihr einen wütenden Blick zu. "Immer wieder diese Zauberei! Sie muss endlich damit aufhören."
Dessenungeachtet redete die Zigeunerin weiter in ihrer Sprache auf ihn ein. Sie ereiferte sich mehr und mehr. Ihre Augen, die blutrot wurden, nahmen einen schrecklichen Ausdruck an; ihre Züge verzerrten sich; sie stampfte mit dem Fuß auf. Offenbar versuchte sie alles, um ihn zu etwas zu nötigen, wogegen er sich sträubte. Was das war, wurde mir ziemlich klar, als ich sah, wie sie mit ihrer niedlichen Hand unter ihrem Kinn blitzschnell hin und her fuhr; vermutlich sollte jemandem die Gurgel abgeschnitten werden, und ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, daß es sich dabei um meine Gurgel handelt.
Diesem Sturzbach von Sätzen warf Don José nur zwei, drei Worte in trocknem Ton entgegen. Darauf schleuderte sie ihm einen Blick tiefer Verachtung zu, kauerte mit gekreuzten Beinen in der Ecke des Gemaches nieder, nahm sich eine Orange, schälte sie scheinbar ungerührt und begann sie zu verzehren.
Don José ergriff mich am Arm, öffnete die Tür und führte mich zur Gasse. Etwa zweihundert Schritte legten wir schweigend zurück, dann wies er mir mit der Hand den Weg und sagte "Immer geradeaus. So erreichen Sie die Brücke." Damit kehrte er mir den Rücken zu und machte sich eilends davon.
Verärgert wie ein Betrogener kam ich in meinen Gasthof zurück. Da bemerkte ich zu allem Überdruss, daß mir meine Taschenuhr fehlte. Aus mehreren Gründen, vor allem aber, weil ich mich darüber schämte, wie töricht ich gewesen war, unterließ ich es, sie mir anderntags wiederzuholen oder bei der Polizei eine Anzeige zu machen.
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