| Stendhal | |
| Ein Held in der Schlacht | |
Dieser Text ist die sogenannte "Waterloo-Episode" aus dem Roman : Die Kartause von Parma. Stendhal verfasste ihn 1838 in unglaublich kurzer Zeit. Die Waterloo-Episode wurde zuerst in einer Zeitschrift veröffentlicht, sie hat eine gewisse Eigenständigkeit im gesamten Romangeschehen. Die Hauptfigur Fabrizio del Dongo, Sohn des Marchese und der Marchesa del Dongo, zieht, von unbändiger Begeisterung für Napoleon getrieben, in die Schlacht von Waterloo. Er hat nicht die leiseste Ahnung vom Krieg und vom Soldatsein, aber er will so schnell wie möglich "ins Feuer" kommen. In dieser Passage zeigt sich Stendhals Stil in vollendeter Form: lakonisch und voller Ironie, die sich aber niemals über menschliche Schwächen lustig macht, sondern daraus lernt. |
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Die Marchesa zerfloss in Tränen, als sie den absonderlichen Plan ihres Sohnes erfuhr. Sie hatte kein Verständnis für Heldentum und tat alles mögliche, um ihn zurückzuhalten. Als sie überzeugt war, daß ihn nichts auf der Welt zu hemmen vermochte, höchstens Kerkermauern, händigte sie ihm das wenige Geld aus, das sie besaß. Da fiel ihr ein, daß ihr der Marchese tags zuvor acht oder zehn Brillanten anvertraut hatte, die in Mailand gefasst werden sollten. Sie waren etwa zehntausend Franken wert.
Als die Gräfin diese Diamanten in Fabrizios Rock einnähen wollte, kamen seine Schwestern hinzu. Sie waren von seinem Vorhaben dermaßen begeistert, sie umarmten ihn mit so ungestümer Freude, daß er die noch nicht eingenähten Diamanten in die Hand nahm und Hals über Kopf abreisen wollte.
"Ihr werdet mich, ohne daß ihr es wollt, verraten!" sagte er zu seinen Schwestern. "Da ich so viel Schätze besitze, ist es unnötig, Sachen einzupacken. Ich bekomme überall das Nötige." Damit umarmte er diese Menschen, die ihm so lieb und wert waren, und reiste unverzüglich ab, ohne sein Zimmer noch einmal zu betreten.
Er ging, so schnell er konnte, immer in Furcht, er werde von Reitern verfolgt. So kam er noch am nämlichen Abend in Lugano an. Nun war er, Gott sei Dank, in einer Schweizer Stadt und nicht mehr auf der einsamen Landstraße und in Angst, in die Gewalt von Gendarmen zu geraten, die im Sold seines Vaters standen. Von dort aus schrieb er an ihn einen schönen Brief - eine kindliche Schwäche -, der den Zorn des Marchese nur schürte.
Fabrizio mietete sich ein Pferd und ritt über den Sankt Gotthard. Seine Reise ging rasch vonstatten. In Pontarlier betrat er französischen Boden. Der Kaiser war bereits in Paris. Dort begannen Fabrizios Leiden. Er war mit dem festen Vorsatz von Hause weggegangen, den Kaiser zu sprechen, aber es war ihm nie eingefallen, daß dies seine Schwierigkeiten hatte. In Mailand hatte er den Fürsten Eugen zehnmal am Tage gesehen und hätte ihn oft ansprechen können. In Paris ging er jeden Vormittag in den Tuilerieenhof, wenn Napoleon Truppenschau abhielt, aber niemals konnte er an den Kaiser herankommen.
Unser Held glaubte, alle Franzosen müssten von der Riesengefahr, in der ihr Vaterland schwebte, so tief ergriffen sein wie er. An der Tafel des Gasthofes, wo er abgestiegen war, machte er durchaus kein Hehl aus seinen Plänen und seiner Verehrung. Er lernte ein paar freundliche, liebenswürdige junge Leute kennen, die noch viel begeisterter waren als er und die ihm nach kurzer Zeit sein Geld stahlen. Glücklicherweise hatte er aus reiner Bescheidenheit nichts von den Diamanten erwähnt, die ihm seine Mutter mitgegeben.
Am Morgen nach einem Gelage, als er sich völlig ausgeplündert fand, kaufte er sich zwei schöne Pferde, übernahm den Reitknecht des Pferdehändlers, einen ausgedienten Soldaten, als Diener und machte sich, voller Verachtung gegen die prahlerischen jungen Pariser, auf den Weg zur Armee. Von dieser wusste er weiter nichts, als daß sie sich in der Gegend von Maubeuge sammeln soll. Kaum an der Grenze angekommen, fand er es lächerlich, sich in einem Wirtshause gütlich zu tun und sich am gemütlichen Kaminfeuer zu wärmen, während die Soldaten draußen biwakierten. Trotz aller Einwände seines Reitknechtes, eines Burschen mit gesundem Menschenverstand, eilte er törichterweise hinaus zu den Biwaks im Grenzzipfel an der Straße nach Belgien.
Als er sich dem ersten längs der Straße gelagerten Bataillon näherte, sahen die Soldaten den jungen Zivilisten, dessen Tracht durchaus nichts Soldatisches verriet, schon mit etwas scheelen Blicken an. Der Tag ging zu Ende, kalter Wind blies. Fabrizio trat zu einem Wachfeuer und bat um Gastfreundschaft für Geld. Die Soldaten blickten sich an. Besonders das Angebot machte sie stutzig; doch räumten sie ihm gutmütig einen Platz am Feuer ein. Sein Reitknecht baute ihm ein Schutzdach. Aber nach einer Stunde kam der Stabsfeldwebel in das Biwak geritten. Die Soldaten machten ihm Meldung von dem Fremdling mit dem kauderwelschen Französisch.
Der Feldwebel nahm sich Fabrizio vor; und da dieser ihm seine Begeisterung für den Kaiser in arg verdächtigem Überschwang bekannte, ersuchte ihn der Unteroffizier, ihn zum Obersten zu begleiten, der sich in einer nahe gelegenen Scheune untergebracht hatte. Da näherte sich der Reitknecht mit den beiden Gäulen, die dem Feldwebel so gewaltig in die Augen stachen, daß er sich bewogen fühlte, auch den Diener ins Gebet zu nehmen. Dieser, als alter Soldat, durchschaute gleich den Kriegsplan seines Verhörers, redete von Protektionen, die sein junger Herr hätte, und fügte zuversichtlich hinzu, seine schönen Pferde werde man ihm nicht klauen. Sofort winkte der Feldwebel einen Soldaten herbei, der den Reitknecht beim Kragen fasste; ein anderer Soldat bekam die Pferde in Obhut, und Fabrizio erhielt den barschen Befehl, ihm ohne Widerrede zu folgen.
Nachdem der Feldwebel Fabrizio eine gute Wegstunde lang hatte laufen lassen, in einer Dunkelheit, die der Schimmer der Lagerfeuer ringsumher noch tiefer erscheinen ließ, übergab er ihn einem Gendarmerieoffizier, der ihn mit ernster Miene nach seinem Ausweis fragte. Fabrizio zeigte seinen Pass vor, der ihn als einen mit seiner Ware hausierenden Barometerhändler auswies. "Sind diese Kerle dumm", brummte der Offizier. "Das ist denn doch zu stark."
Er stellte unserem Helden mehrere Fragen, die dieser mit den lebhaftesten Ausdrücken der Begeisterung für Kaiser und Freiheit beantwortete, worauf der Gendarmerieoffizier mit einem Male in ein unbändiges Gelächter ausbrach. "Sapperment! Gar zu schlau bist du nicht, mein Junge", rief er aus. "Das ist doch starker Tobak, daß man uns Grünschnäbel deiner Art herzuschicken wagt." Was immer auch Fabrizio sagen mochte: seine redseligen Beteuerungen, er sei gar kein Barometerhändler, waren vergebens. Der Offizier ließ ihn ohne weiteres in das Gefängnis des nächsten Städtchens abführen, wo unser Held gegen drei Uhr früh, todmüde und außer sich vor Wut, anlangte.
Fabrizio verbrachte, anfangs überrascht, dann zornig, ohne die geringste Ahnung, was man wohl mit ihm vorhabe, dreiunddreißig langweilige Tage in diesem abscheulichen Gewahrsam. Er schrieb Brief über Brief an den Ortskommandanten, und die Frau des Kerkermeisters, eine hübsche Flamin von sechsunddreißig Jahren, erbot sich, die Briefe zu überbringen. Aber da sie nicht wollte, daß ein so netter Junge erschossen werde, und er überdies gut zahlte, so warf sie alle diese Briefe ohne weiteres ins Feuer. Allabendlich, sehr spät, geruhte sie ihn zu besuchen und sich die Jeremiaden des Gefangenen anzuhören.
Sie hatte ihrem Mann gesagt, daß der Grünschnabel Geld habe, worauf der verständige Kerkermeister ihr freie Hand ließ. Sie machte von dieser Erlaubnis Gebrauch und ließ sich etliche Napoleondors geben, denn der Feldwebel hatte ihm nur die Pferde und der Gendarmerieoffizier überhaupt nichts weggenommen.
Eines Nachmittags im Juni hörte Fabrizio in beträchtlicher Ferne starken Kanonendonner. Man schlug sich also endlich! Sein Herz schwoll vor Ungeduld. Auch vernahm er viel Lärm in der Stadt. In der Tat ging es sehr lebhaft zu. Drei Divisionen marschierten durch den Ort. Als die Kerkermeisterin um elf Uhr abends, wie gewöhnlich, kam, um Fabrizios Kummer zu teilen, war er noch artiger als sonst; schließlich fasste er ihre Hände und sagte: "Lass mich fort von hier! Ich schwöre dir bei meiner Ehre, sobald die Schießerei da draußen zu Ende ist, stelle ich mich wieder im Gefängnis ein."
"Papperlapapp! Hast du Moos?" Fabrizio war verdutzt, er verstand das Wort Moos nicht. Die Kerkermeisterin schloss aus seiner Verlegenheit, daß in seinem Beutel Ebbe eingetreten sei, und statt von Goldstücken zu reden, wie es eigentlich ihre Absicht gewesen war, begnügte sie sich, von Franken zu sprechen. "Hör mal", sagte sie zu ihm, "wenn du mir hundert Franken gibst, will ich dem Korporal, der nachts die Runde macht, einen Goldfuchs auf jedes Auge drücken. Er sieht dann nicht, daß du weg bist, und wenn sein Regiment im Laufe des Tages ausrückt, muss er die Sache auf sich beruhen lassen."
Der Handel war bald geschlossen, die Frau sogar bereit, Fabrizio die Nacht über in ihrer Stube zu verbergen, von wo er am anderen Morgen leichter entwischen könne. Vor Tagesanbruch sprach sie ganz gerührt zu ihm: "Du liebes Kerlchen, du bist noch viel zu jung für so ein garstiges Handwerk. Glaub mir. Geh nicht wieder dahin." "Aber wieso nicht?" entgegnete Fabrizio. "Ist es denn ein Verbrechen, das Vaterland zu verteidigen?"
"Schon gut, schon gut. Vergiss nur nie, daß ich dir das Leben gerettet habe. Dein Fall war klar. Du wärst erschossen worden. Aber sage niemandem etwas davon; du brächtest meinen Mann und mich um unsere Stellung. Vor allen Dingen hänge ja keinem Menschen wieder dein dummes Märchen auf vom Mailänder Edelmann, der sich als Barometerhändler verkleidet hat. Das ist zu albern. Hörst du?
Ich werde dir die Uniform eines Husaren geben, der vorgestern im Arrest gestorben ist. Rede so wenig wie möglich! Sollte dich aber ein Wachtmeister oder ein Offizier anhalten und Rede und Antwort verlangen, dann sagst du, du hättest krank bei einem Bauern gelegen, der habe dich vom Fieber befallen aus einem Straßengraben aufgelesen und aus Mitleid mit in sein Haus genommen. Wenn das nicht reichen sollte, so sag noch, du bist auf der Suche nach deinem Regiment. Sollte man sich über deine Aussprache wundern, dann gib an, du wärst in Piemont geboren, bist ausgehoben worden und vom vorigen Jahr her noch in Frankreich und so weiter."
Zum ersten Male nach dreiunddreißig Tagen der Wut begriff Fabrizio den ganzen Zusammenhang dessen, was ihm widerfahren war. Man hatte ihn für einen Spion gehalten. Er besprach seine Lage mit der Kerkermeisterin, die an diesem Morgen ganz besonders zärtlich war, und erzählte der erstaunten Frau am Ende, während sie ihm die Uniform passend machte, unverhohlen seine Geschichte. Im Augenblick glaubte sie daran; er sah so harmlos aus, und die Husarenattila stand ihm allerliebst!
"Wenn du so darauf versessen bist, den Rummel mitzumachen", sagte sie schließlich halb überzeugt, "so hättest du dich bei deiner Ankunft in Paris von einem Regiment anwerben lassen müssen. Irgendeinem Wachtmeister die Zeche bezahlt und die Sache wäre gelaufen." Die Kerkermeisterin fügte eine Menge guter Ratschläge für die Zukunft hinzu und ließ Fabrizio bei Morgengrauen endlich aus ihrem Hause; er hatte ihr noch hundertmal schwören müssen, nie ihren Namen zu nennen, was auch geschehen möge.
Kaum war Fabrizio aus dem Städtchen hinaus, den Husarensäbel unter dem Arm, munter ausschreitend, da kamen ihm Bedenken. 'Da laufe ich nun' , sagte er zu sich, 'im Rock und mit dem Soldbuch eines im Arrest verstorbenen Husaren; er war eingesperrt, weil er eine Kuh geraubt und ein silbernes Besteck gestohlen haben soll. Ich führe sozusagen sein Leben weiter, und noch dazu unfreiwillig und ohne eine Ahnung zu haben, auf welche Weise. Nimm dich vor dem Kerker in acht! Das Vorzeichen ist deutlich: ich werde viel im Kerker zu leiden haben.'
Er war noch keine Stunde von seiner Wohltäterin fort, als es so stark zu regnen anfing, daß der neubackene Husar kaum mehr weiter zu kommen vermochte in seinen Kommißstiefeln, die ihm viel zu groß waren. Da begegnete ihm ein Bauer auf einem elenden Klepper. Er kaufte ihn ab, und zwar mittels Gebärden; die Kerkermeisterin hatte ihm eingeschärft, wegen seiner Aussprache möglichst wenig zu reden.
An jenem Tage marschierte die Armee nach dem siegreichen Gefecht bei Ligny auf Brüssel. Es war am Tag vor der Schlacht von Waterloo. Gegen Mittag, während der Regen noch immer in Strömen fiel, vernahm Fabrizio Kanonendonner. Dieses Glück ließ ihn mit einem Schlag die schrecklichen Augenblicke der Verzweiflung vergessen, die ihm die so unschuldig erlittene Haft bereitet hatte. Er ritt bis tief in die Nacht hinein, und da er spürte, etwas praktischen Sinn zu bekommen, quartierte er sich in einem weit abseits der Heerstraße gelegenen Bauernhause ein. Der Bauer jammerte und behauptete, man hätte ihm alles genommen, Fabrizio gab ihm einen Taler und fand Hafer. 'Mein Gaul ist nicht schön', sagte er sich, 'aber trotzdem könnte er in irgendeinem gemeinen Feldwebel einen Liebhaber finden.' Und er schlief im Stall neben dem Tier.
Am anderen Morgen war Fabrizio eine Stunde vor Tagesanbruch auf der Landstraße. Durch gütliches Zureden gelang es ihm, seinen Schinder in Zotteltrab zu bringen. Um fünf Uhr hörte er Kanonendonner: das Vorspiel von Waterloo. Er stieß bald auf Marketenderinnen, und das besondere Vertrauen, das er bei der Kerkermeistersfrau gefunden hatte, bewog ihn, sich an sie zu wenden. Er fragte eine von ihnen, wo das vierte Husarenregiment sei, zu dem er gehöre.
"Du tätest gut, wenn du dich nicht so beeiltest, kleiner Soldat!" meinte die Marketenderin, von Fabrizios Blässe und seinen schönen Augen gerührt. "Deine Faust scheint mir noch nicht kräftig genug für die Säbelhiebe, die es heute in Fülle regnen wird. Wenn du wenigstens eine Flinte hättest, wollte ich nichts sagen. Kugeln könntest du ebensogut abschießen wie jeder andere."
Dieser Rat missfiel Fabrizio, aber er mochte seinem Klepper die Sporen geben, soviel er wollte, er kam kein bisschen flotter voran als der Karren der Marketenderin. Der Kanonendonner näherte sich offenbar, so daß sich die beiden bisweilen kaum verstehen konnten. Fabrizio war nämlich vor Begeisterung und Freude dermaßen außer sich, daß er sich jemandem mitteilen musste. Jedes Wort der Marketenderin ließ ihn sein Glück erst recht erfassen und verdoppelte es. Außer seinem wahren Namen und seiner Flucht aus der Haft erzählte er der Frau, die so gutherzig schien, schließlich alles. Sie war höchst erstaunt, verstand aber nichts von dem, was ihr der hübsche junge Soldat da vorschwatzte.
"Jetzt komme ich erst dahinter", rief sie endlich triumphierend, "du bist ein junger Zivilist, der in irgendeine Rittmeistersfrau von den vierten Husaren verliebt ist. Deine Angebetete hat dir den bunten Rock verschafft, und nun läufst du ihr nach. Ganz gewiss, so wahr der liebe Herrgott da droben wohnt, bist du nie und nimmer Soldat. Aber da euer Regiment heute ins Feuer kommt und du ein braver Kerl bist, so willst du dabei sein, um nicht als Drückeberger zu gelten."
Fabrizio ging auf alles ein; das war das einzige Mittel, um sich ihren guten Rat zu sichern. 'Ich verstehe nichts vom Tun und Treiben dieser Franzosen,' sagte er sich, 'und wenn ich nicht jemanden zur Seite habe, gerate ich noch einmal ins Gefängnis, oder man nimmt mir wieder mein Pferd weg.'
"Vor allen Dingen, mein Junge", sagte die Marketenderin, die immer mehr seine Freundin wurde, "gestehe mir mal, daß du noch keine zwanzig Jahre alt bist; wenns hoch kommt, bist du siebzehn." "Stimmt", gab Fabrizio gutmütig zu. "Also noch nicht einmal Rekrut. Nur um der schönen Augen deiner Dame willen willst du dir die Knochen entzwei hauen lassen. Beim Teufel, sie hat keinen üblen Geschmack.
Solltest du von ihr noch ein paar Goldfüchse haben, so musst du dir zuerst mal einen anderen Gaul besorgen. Sieh nur, wie der alte Klepper zusammenzuckt, wenn die Kanonen ein bisschen loslegen. Mit dem brichst du dir das Genick, sobald du in die Schwadron kommst. Schau, mein Junge, der weiße Rauch dort über der Hecke, das ist eine Schützenlinie. Mach dich also darauf gefasst; du wirst mächtig Schiss kriegen, pfeifen dir die Kugeln erst mal um die Ohren. Du tust gut, wenn du was isst, solange du dazu noch Zeit hast."
Fabrizio befolgte ihren Rat; er gab der Marketenderin einen Napoleondor und bat sie, ihn als Bezahlung zu nehmen. "Es ist zum Gotterbarmen", rief sie aus, "so was mitanzusehen. Der arme Junge versteht nicht einmal, sein Geld auszugeben. Du verdientest wahrhaftig, daß ich deinen Napoleon einsteckte und meinem Pferdchen die Leine gebe. Hol mich der Teufel, wenn du mit deiner Kracke nachkämst. Merk dir ein für allemal: Sobald das Spiel losgeht, wird kein Geld mehr gesetzt. Hier nimm: achtzehn Franken, fünfzig Centimes; ein Frühstück kostet dreißig Sous. Irgendwo hier wirds auch bald Gäule zu kaufen geben. Ist das Biest klein, so gibst du dafür zehn Franken, in keinem Falle mehr als zwanzig, und wärs das Ross der Haimonskinder."
Nach dem Frühstück predigte die Marketenderin immer weiter, bis sie durch eine andere Marketenderin unterbrochen wurde, die querfeldein gefahren kam und die Straße kreuzte. "Holla he!" rief ihr das Weib zu. "Margot, dein sechstes Leichtes ist da rechts." "Ich muss dich verlassen, Kleiner", sagte die Marketenderin zu Fabrizio, "aber wahrhaftig, du tust mir leid. Ich kann dich leiden. Sapperlot, du weißt weder gicks noch gacks. Du wirst dich erwischen lassen. Bei Gott, ja, komm mit mir zum sechsten Leichten."
"Ich weiß wohl, daß ich wenig Erfahrung habe", antwortete ihr Fabrizio, "aber ich will kämpfen und bin entschlossen, zu den weißen Rauchwölkchen dort zu reiten." "Schau, wie dein Gaul die Ohren steift. Wenn du dahin reitest, brummt er dir auf die Hand und geht durch, weiß der Teufel, wohin. Glaub mir's. Wenn du in der Schützenlinie bist, such dir ein Gewehr und ein paar Patronen, misch dich unter die andern und mach ihnen alles nach. Aber, mein Gott, ich wette, du kannst nicht mal eine Patrone abbeißen." Höchst ungern gestand Fabrizio seiner neuen Freundin ein, daß sie richtig vermutet.
"Armer Kleiner, du wirst im Handumdrehen weggeputzt sein. Das ist bei Gott wahr. Auf jeden Fall", setzte sie im Befehlston hinzu, "musst du mit mir gehen." "Ich will aber ins Feuer!" "Das sollst du ja auch. Komm! Das sechste Regiment ist nicht von Pappe. Und heute gibts für jedermann zu tun." "Werden wir denn bald da sein?" "Spätestens in einer Viertelstunde."
'Unter dem Schutze dieser braven Frau', sagte sich Fabrizio, 'gerate ich bei meiner allseitigen Unwissenheit wenigstens nicht in den Verdacht, ein Spion zu sein, und komme ins Gefecht.' In diesem Augenblick verstärkte sich der Kanonendonner, Schuss folgte auf Schuss. "Wie die Perlen am Rosenkranz", meinte Fabrizio begeistert. "Man hört schon das Schützenfeuer durch", sagte die Marketenderin und versetzte ihrem Pferd einen Peitschenhieb; es war durch die Schießerei schon ganz aufgeregt.
Sie bog in einen Feldweg rechts ab, der durch die Wiesen führte. Der Schlamm war fußtief; beinahe blieb der Karren darin stecken. Fabrizio griff in die Räder. Sein Gaul stürzte zweimal. Bald ward der Weg trockener, verlief aber in einen schmalen Wiesenpfad. Keine fünfhundert Schritte weiter blieb Fabrizios Gaul urplötzlich stehen: ein Toter lag quer über dem Weg, Ross und Reiter prallten zurück. Das von Natur sehr blasse Gesicht Fabrizios färbte sich grün. Die Marketenderin musterte den Toten und murmelte vor sich hin: "Der ist nicht von unserer Brigade." Dann fiel ihr Blick auf unseren Helden. "Oje, mein Junge", lachte sie auf, "große Sache!"
Fabrizio war starr wie Eis. Was ihn ganz besonders entsetzte, waren die schmutzigen Füße des Soldaten, den man bereits der Stiefel beraubt hatte. Er hatte nichts mehr an als eine schlechte, blutdurchtränkte Hose. "Immer ran", ermunterte ihn die Marketenderin. "Runter vom Gaul. An so was musst du dich gewöhnen. Schau, er hat eins durch den Schädel gekriegt." Eine Kugel hatte den Gefallenen an der Nase getroffen und war an der Schläfe wieder herausgegangen. Sein Gesicht war grässlich entstellt, ein Auge war weit aufgerissen.
"Sitz doch ab, Kleiner", rief die Marketenderin, "und drück dem armen Kerl die Hand. Vielleicht drückt er sie dir auch." Ohne Zaudern, wenngleich halbtot vor Grauen, sprang Fabrizio vom Pferde, ergriff die Hand des Toten und schüttelte sie herzhaft. Dann stand er wie geistesabwesend da; er fühlte, daß er nicht die Kraft hatte, wieder in den Sattel zu kommen. Was ihm vor allem Schauder einflößte, das war das eine offene Auge, das ihn vorwurfsvoll anstarrte.
'Die Marketenderin wird mich für einen Feigling halten', sagte er sich. Aber er vermochte kein Glied zu rühren; er wäre dabei umgefallen. Dieser Augenblick war abscheulich. Es fehlte nicht viel, so wäre er ohnmächtig geworden. Die Marketenderin merkte das, sprang flink von ihrem kleinen Wagen und bot ihm wortlos ein Glas Branntwein an, das er auf einen Zug hinunterkippte. Er konnte wieder auf seinen Klepper steigen und setzte schweigsam seinen Marsch fort. Die Marketenderin schielte ihn von Zeit zu Zeit von der Seite an.
"Du kannst morgen früh ins Gefecht gehen, mein Junge", sagte sie nach einer Weile. "Heute bleibst du bei mir. Du siehst wohl ein, daß du dich erst ans Soldatenhandwerk gewöhnen musst." "Im Gegenteil, ich will sofort ins Gefecht", rief unser junger Held mit finsterer Miene. Der Kanonendonner wurde noch stärker und schien näher zu kommen. Die Kanonade bildete jetzt gleichsam einen Generalbass. Zwischen den Schüssen gab es keine Pause mehr, und durch das unaufhörliche Grollen hindurch, das an einen gewaltigen Steinschlag erinnerte, vernahm man deutlich das Knallen der Gewehre.
An dieser Stelle führte der Weg in ein Wäldchen. Die Marketenderin sah drei oder vier Soldaten auf sich zurennen. Schnell sprang sie vom Wagen und versteckte sich fünfzehn, zwanzig Schritt abseits vom Weg in einer Grube, die vom Ausroden einer großen Baumwurzel offen geblieben war. 'Jetzt', sagte sich Fabrizio, 'wird man sehen, ob ich ein Feigling bin.' Er blieb neben ihrem Wagen stehen und zog seinen Säbel. Die Soldaten bemerkten ihn gar nicht und liefen spornstreichs vorüber, längs des Gehölzes, links vom Weg.
"Das sind welche von uns", sagte die Marketenderin, als sie ganz außer Atem wieder zu ihrem Wägelchen zurückkam. "Wenn deine Kracke Galopp ginge, würde ich dir sagen: Reite vor an den Waldrand und sieh nach, was im freien Felde los ist." Fabrizio ließ sich das nicht zweimal sagen. Er riss einen Pappelzweig herunter, streifte die Blätter ab und schlug aus Leibeskräften auf seinen Gaul ein. Ein Stück Wegs galoppierte er; dann fiel er wieder in seinen gewohnten Zotteltrab. Die Marketenderin hatte ihr Pferdchen gleichfalls in Galopp gesetzt. "Warte, nimm mich mit!" schrie sie ihm zu.
Bald waren sie beide am anderen Rande des Gehölzes. Die Ebene lag frei vor ihnen. Sie hörten schreckliches Getöse. Die Geschütze und das Gewehrfeuer krachten von allen Seiten, rechts, links, im Rücken. Das kleine Gehölz, aus dem sie getreten waren, lag auf einem Hügel acht oder zehn Fuß über der Ebene. Sie konnten ein kleines Stück des Schlachtfelds überblicken. Auf dem Wiesenland vor dem Wäldchen war niemand zu sehen. Tausend Schritt weiter war die Wiese von einer langen Reihe dichter Weiden begrenzt. Über den Weiden stieg weißer Rauch auf, der hoch in die Luft emporwirbelte.
"Wenn ich nur wüsste, wo das verdammte Regiment ist", sagte die Marketenderin ratlos. "Geradeaus über diese Wiese dürfen wir nicht. Übrigens", riet sie Fabrizio, "wenn du einen Feindlichen siehst, so kitzel ihn ein bisschen mit der Säbelspitze; lass dir aber nicht einfallen, ihn niederzumachen."
In diesem Augenblick tauchten die vier Soldaten von vorhin wieder auf. Sie kamen aus dem Gehölz heraus und liefen in die Ebene, links vom Wege. Einer von ihnen war zu Pferde. "Das ist was für dich", sagte sie zu Fabrizio. "He! Hallo!" rief sie dem Reiter zu. "Kommt und trink 'nen Schnaps!" Die Soldaten kamen heran. "Wo ist das sechste Leichte?" fragte sie. "Da drüben. Fünf Minuten von hier, vor dem Graben dort an den Weiden entlang. Oberst Macon ist eben gefallen." "Du, willst du fünf Franken für deinen Gaul?" "Fünf Franken? Du willst mich wohl zum Narren halten, Muttchen? Ein Offizierspferd, für das ich binnen einer Viertelstunde fünf Napoleons kriege." "Gib mir einen von deinen Napoleons", sagte die Marketenderin zu Fabrizio. Dann ging sie dicht an den Reiter heran. "Los, runter!" rief sie ihm zu. "Hier ist dein Napoleon." Der Soldat saß ab. Fabrizio schwang sich frohgemut in den Sattel.
Die Marketenderin schnallte den Mantelsack von seinem Klepper ab. "Helft mir gefälligst, Kerle", rief sie den Soldaten zu, "lässt man eine Dame sich so schinden?" Kaum spürte das Beutepferd den Mantelsack auf seinem Rücken, als es zu bocken begann, so daß Fabrizio, der ein sehr guter Reiter war, alle Mühe hatte, seiner Herr zu werden. "Ein gutes Zeichen", meinte die Marketenderin.
"Ein Generalspferd", beteuerte der Soldat, der das Pferd verkauft hatte. "Unter Brüdern zehn Napoleons wert." "Du hast deine zwanzig Franken", sagte Fabrizio, wenig erbaut, ein Pferd zwischen den Schenkeln zu haben, das bockte. Da schlug eine Kanonenkugel schräg in die Weidenreihe ein, und Fabrizio beobachtete, wie ganze Weidenäste rechts und links wie abgemäht weg flogen. "Schau, schau! Der Tanz kommt näher." meinte der Soldat, der seine zwanzig Franken einsteckte.
Fabrizio hatte sich von seiner Verwunderung über das sonderbare Schauspiel noch nicht erholt, als ein Stab von Generalen und hinterdrein vielleicht zwanzig Husaren schräg über das Wiesenstück vor ihnen galoppiert kamen. Sein Pferd wieherte, erhob sich zwei, dreimal und schüttelte mehrmals heftig den Kopf, als wollte es sich vom Zügel losmachen. "Na, denn los!" frohlockte Fabrizio.
Als sich das Tier frei fühlte, ging es los und schloss sich den Reitern mit den Generälen an. Fabrizio zählte vier goldbetresste Hüte. Nach einer Weile vernahm er aus dem Gespräch, das eine der Ordonnanzen mit dem Nebenmann führte, einer der Generäle sei der berühmte Marschall Ney. Fabrizio war überglücklich; nur wusste er nicht, welcher von den vieren es war. Er wollte fragen, aber da fiel ihm wieder ein, daß er nicht sprechen durfte.
Der Trupp wurde durch einen breiten Graben aufgehalten, der infolge des Regens unter Wasser stand. Er war umsäumt von hohen Bäumen und begrenzte das Wiesenland, an dessen anderem Ende Fabrizios Pferdehandel stattgefunden hatte. Die Husaren waren fast alle abgesessen. Die Grabenböschung war steil und schlüpfrig, und das Wasser stand drei oder vier Fuß tiefer als der Wiesenplan. Fabrizio dachte in seiner Freude und Zerstreutheit mehr an den Marschall Ney und an Heldentum, als an seinen Gaul, der, übermütig, wie er war, in den Graben hineinsprang, so daß das Wasser hoch aufspritzte. Einer der Generäle wurde über und über bespritzt und rief fluchend: "Der Teufel hole das verdammte Biest!"
Fabrizio fühlte sich dadurch gekränkt. 'Kann ich mir Genugtuung verschaffen?' fragte er sich. Um jedoch zu zeigen, daß er nicht ungeschickt sei, versuchte er mit seinem Pferd, den jenseitigen Grabenrand hinaufzuklettern; aber der war steil und fünf bis sechs Fuß hoch. Er musste es aufgeben und ritt nun flussauf. Sein Pferd sank bis zum Kopf ins Wasser. Endlich fand er eine Art Tränke, wo die Grabenböschung sanft anstieg. Dort gewann er leicht das jenseitige Feld und war der erste von ihnen, der drüben auftauchte. Stolz trabte er am Rand entlang. Die Husaren mühten sich in arger Bedrängnis ab; an vielen Stellen war der Wassergraben fünf Fuß tief. Zwei oder drei Pferde wurden ängstlich und wollten schwimmen, wodurch ein grässliches Geplätscher entstand. Ein Wachtmeister hatte das Manöver des Grünschnabels, der so wenig militärisch aussah, beobachtet. "Weiter hinauf! Links ist eine Schwemme", rief er. Nach und nach kamen alle hinüber.
Als Fabrizio am anderen Ufer anlangte, fand er drüben nur die Generäle. Der Kanonendonner war noch stärker geworden. So hörte er kaum, daß der General, den er bespritzt hatte, ihn anherrschte: "Woher hast du das Pferd?" Fabrizio war dermaßen verwirrt, daß er auf italienisch antwortete: "L'ho comprato poco fa, das habe ich eben gekauft." "Was sagst du?" schrie der General. Aber der Schlachtenlärm ward jetzt so heftig, daß Fabrizio ihm nicht antworten konnte. Er war wie betäubt von dem Getöse.
Der ganze Generalstab galoppierte weiter. Man durchquerte ein weites Ackerfeld, das sich längs des Wassergrabens hindehnte, es war mit Toten übersät. "Rotröcke! Rotröcke!" jubelten die Husaren. Zunächst verstand Fabrizio sie nicht; bis er sah, daß tatsächlich fast alle Gefallenen rote Röcke anhatten. Einige dieser Unglücklichen lebten noch; sie jammerten um Hilfe, aber niemand kümmerte sich darum. Fabrizio gab sich alle Mühe, keinen von ihnen zu überreiten.
Die anderen brachten ihre Pferde zum Stehen. Fabrizio, die Augen auf die unglücklichen Verwundeten gerichtet, galoppierte weiter. "Willst du vielleicht halten, du Grünschnabel!" brüllte ihm der Wachtmeister nach. Fabrizio merkte, daß er schon zwanzig Schritt vor ihnen war, gerade in der Richtung, in der sie die Ferngläser hielten. Er ritt zurück und stellte sich zu den letzten Husaren.
Er sah, wie der dickste der Generäle mit einem anderen fast beleidigend mit gebieterischer Miene sprach. Fabrizio konnte seine Neugier nicht bändigen, und ungeachtet des guten Rates seiner Freundin, der Kerkermeisterin, kein Wort zu reden, formulierte er einen leidlich richtigen französischen Satz und fragte seinen Nachbar "Wer ist der General, der den anderen so anschnauzt?" "Na, der Marschall." "Welcher Marschall?" "Der Marschall Ney, du Schafskopf! Wo warst du denn bis jetzt?" Fabrizio, sonst so empfindlich, dachte gar nicht daran, sich über die Beleidigung zu ärgern. In kindlicher Bewunderung starrte er den berühmten Fürsten von der Moskwa an, den Tapfersten der Tapferen.
Plötzlich setzte sich alles wieder in Bewegung. Ein paar Augenblicke später sah Fabrizio vor sich auf dem Acker eine eigentümliche Erscheinung. Die Furchen standen voll Wasser, und vom Kamm flogen schwarze Erdklümpchen fünf bis sechs Fuß hoch. Er bemerkte es im Vorbeireiten, dann verloren sich seine Gedanken wieder in Träumereien über den Heldenruhm des Marschalls, bis er einen gellenden Schrei hinter sich hörte. Er kam von einem der Husaren, die, von Geschossen getroffen, stürzten, und als er sich nach ihnen umsah, lagen sie schon zwanzig Schritt hinter ihm. Ein blutüberströmtes Pferd wälzte sich auf dem Acker und verwickelte sich mit den Beinen in seine eigenen Gedärme.
'Ah! Jetzt bin ich doch endlich im Feuer!' sagte sich Fabrizio. 'Ich habe meine Feuertaufe erhalten.' wiederholte er mit Befriedigung. 'Nun bin ich ein echter Soldat.' Der Generalstab jagte in höllischem Tempo dahin. Fabrizio begriff, daß es Gewehrkugeln waren, von denen ringsum das Erdreich aufgewühlt wurde. Umsonst spähte er nach der Seite, von der die Geschosse kamen; er sah nur den weißen Rauch einer Batterie in großer Entfernung; aber mitten in dem gleichförmigen und ununterbrochenen Rollen des Geschützfeuers kam es ihm vor, als wäre alles viel näher. Er begriff nichts von all dem, was um ihn herum geschah.
In diesem Augenblick kamen die Generäle an einen Hohlweg voll Wasser, der tief unter der Ebene lag. Der Marschall machte Halt und schaute wiederum durch sein Fernglas. Diesmal konnte ihn Fabrizio nach Herzenslust betrachten. Er kam ihm überaus blond vor, mit seinem dicken, roten Kopf. 'Solche Gesichter haben wir in Italien überhaupt nicht', sagte er zu sich selbst. 'Ich mit meinem kastanienbraunen Haar und meiner blassen Farbe kann niemals so werden wie er', fügte er traurig hinzu. Damit meinte er im Grunde 'Nie werde ich ein Held.'
Er sah die Husaren an, mit Ausnahme eines einzigen hatten sie alle blonde Schnurrbärte. Wie Fabrizio die Husaren musterte, so begegneten sie seinem Blick. Als er angestarrt wurde, errötete er, und um seiner Verlegenheit ein Ende zu machen, wandte er sich hinüber nach dem Feind. Da sah er lange, lange Linien von Rotröcken. Aber was ihm erstaunlich vorkam: sie sahen so winzig aus. Diese langen Linien roter Regimenter und Brigaden erschienen ihm nicht höher als Hecken in einem Park.
Eine Abteilung Reiter näherte sich im Trab dem Hohlweg, den der Marschall mit seinen Begleitern hinunterritt, wobei der Schlamm spritzte. Der Pulverqualm verschleierte die Sicht. Zuweilen erkannte man in dem weißen Rauch galoppierende Reiter. Mit einem Male erblickte Fabrizio vier davon, die von der feindlichen Seite her heranjagten. 'Ah, wir werden attackiert!' sagte er bei sich. Da sah er, wie zwei der Reiter mit dem Marschall sprachen. Daraufhin entfernte sich einer der Generäle mit zwei Husaren und den besagten Reitern in Richtung des Feindes.
Man überquerte einen kleinen Graben. Fabrizio kam neben einen Wachtmeister, der treuherzig dreinschaute. 'Den muss ich ansprechen', sagte er sich, 'vielleicht sieht mich dann keiner mehr so komisch an.' Lange überlegte er sich seine Worte. "Herr Wachtmeister", begann er endlich, "ich bin zum ersten Mal in einer Schlacht. Das ist doch eine richtige Schlacht?" "Kann man so sagen. Wer bist du denn?" "Ich bin der Bruder der Frau eines Rittmeisters." "Welcher Rittmeister?"
Fabrizio war in furchtbarer Verlegenheit. Auf eine solche Frage war er ganz und gar nicht gefasst. Zum Glück galoppierten der Marschall und der Stab wieder an. 'Ich muss einen französischen Namen sagen', dachte er bei sich. Da fiel ihm der Gasthofsbesitzer ein, bei dem er in Paris gewohnt hatte. Er brachte sein Pferd an die Seite des Wachtmeisters und rief ihm laut und deutlich zu "Rittmeister Meunier." Der Wachtmeister, der Fabrizio bei dem Kanonendonner nicht deutlich verstand, gab ihm zur Antwort: "Ach, der Rittmeister Teulier. Ja, der ist leider gefallen." 'Ausgezeichnet', dachte Fabrizio, 'also Rittmeister Teulier. Ich muss Betroffenheit zeigen.' "Oh du mein Gott!" rief er und setzte eine gottserbärmliche Miene auf.
Man war aus dem Hohlweg heraus und ritt quer über eine kleine Wiese. Wieder schlugen neben ihnen Geschosse ein. Der Marschall ritt auf eine Kavalleriebrigade zu. Der Trupp befand sich mitten unter Toten und Verwundeten, aber ihr Anblick machte auf Fabrizio bereits weniger Eindruck als vorhin. Ihn beschäftigten andere Dinge. Man hielt. Fabrizio entdeckte den kleinen Wagen der Marketenderin. Seine Zuneigung für diese schätzenswerten Personen riss ihn fort. Er jagte darauflos. "Potzdonnerwetter, so bleib doch hier!" schrie ihm der Wachtmeister nach.
'Was kann er mir anhaben?' dachte Fabrizio und galoppierte weiter bis zur Marketenderin. Pferd und Wägelchen sahen genauso aus, aber die Besitzerin war eine andere. Ihr Gesichtsausdruck kam ihm bösartig vor. Als er sich ihr näherte, hörte er sie sagen: "Es war doch so ein herrlicher Mann." Da bot sich ein schrecklicher Anblick. Man nahm eben einem Kürassier, einem schönen Jüngling, ein Bein ab. Fabrizio machte die Augen zu und kippte vier Glas Branntwein nacheinander hinunter. "Säufst wie ein Loch, Schlappschwanz!" meinte die Alte. Der Schnaps brachte ihn auf einen Gedanken. 'Ich muss das Wohlwollen meiner Kameraden vom Generalstab gewinnen.' "Geben Sie mir die ganze Flasche", sagte er zu der Marketenderin. Sie sagte "An einem Tag wie diesem kostet das zehn Franken."
Als er wieder bei der Eskorte ankam, rief der Wachtmeister: "Ach so, du bringst uns was für die Kehle. Darum bist du ausgerissen. Her mit dem Zeug!" Die Flasche machte die Runde. Der letzte, der sie ausgetrunken hatte, schleuderte sie hoch in die Luft. "Danke, Kamerad!" rief er Fabrizio zu. Aller Augen verweilten mit Wohlgefallen auf ihm, dem eine Zentnerlast vom Herzen fiel. Endlich wurde er nicht mehr scheel angesehen; etwas verband sie und ihn. Fabrizio atmete tief ein; dann fragte er den Wachtmeister "Wenn der Rittmeister Teulier gefallen ist, wo könnte ich da meine Schwester treffen?" Er hielt sich für einen kleinen Machiavelli, da er so fließend Teulier statt Meunier aussprechen konnte. "Das wird sich heute abend finden", brummte der Wachtmeister.
Der Stab brach wieder auf und wandte sich gegen die feindliche Infanterie. Fabrizio merkte, daß er vom Branntwein berauscht war. Er schwankte ein wenig im Sattel. Glücklicherweise fiel ihm eine Regel ein, die der Kutscher seiner Mutter zu predigen pflegte: Wenn man zuviel hinter die Binde gegossen hat, muss man zwischen den Ohren seines Gaules hindurchsehen und alles tun, was der Nebenmann tut. Der Marschall blieb geraume Zeit bei verschiedenen Kavallerieabteilungen, die er angreifen ließ; aber eine oder zwei Stunden lang hatte Fabrizio keinen Schimmer dessen, was ringsum geschah, er glotzte gradeaus zwischen den Ohren seines Pferdes hindurch. Er fühlte sich todmüde und lag wie ein schwerer Sack im Sattel.
Plötzlich rief der Wachtmeister seinen Leuten zu: "Kerls! Seht ihr den Kaiser!" Unverzüglich brüllte der ganze Stab aus voller Kehle: "Vive l'empereur!" Fabrizio erschrak und wandte den Blick dorthin, aber er sah nichts als vorbeigaloppierende Generäle, denen ein Tross von Reitern folgte. Die langen, wehenden Rosshaarschweife der Dragoner verdeckten die anderen. 'Verflucht!', dachte er, 'wegen diesem fürchterlichen Branntwein habe ich den Kaiser auf dem Schlachtfeld nicht sehen können.' Nach dieser Enttäuschung riss er sich zusammen.
Man erreichte abermals einen Hohlweg, in dem das Wasser stand. die Pferde wollten saufen. "Das war also der Kaiser, der eben vorbeigeritten ist?" fragte er seinen Nebenmann. "Allerdings. Und zwar der, der keine Litzen am Rock hatte. Ein schlauer Fuchs ist er", meinte der Husar bewundernd. Fabrizio hatte große Lust, dem Kaiser nachzugaloppieren und sich ihm anzuschließen. 'Welch übergroßes Glück, den Krieg im Gefolge dieses Helden mitzumachen.' Darum war er ja nach Frankreich gekommen. 'Ich bin ganz mein eigener Herr,' sagte er sich, 'denn an den Dienst, den ich jetzt tue, bindet mich nichts als eine Laune meines Gaules, der just diesen Generälen hier nachgerannt ist.'
Was ihn davon abhielt, war der Umstand, daß die Husaren, seine neuen Kameraden, so freundlich zu ihm waren. Er begann, sich für den Busenfreund all der Soldaten zu halten, die er seit drei Stunden kannte. Er sah zwischen ihnen und sich jene edle Freundschaft der Helden Tassos und Ariosts untereinander. Wenn er sich zum Stabe des Kaisers schlug, musste er sich erst neue Gunst erwerben; vielleicht würde man ihm sogar nicht trauen, denn dort sind lauter Dragoner, während er Husarenuniform trägt. Die Art, wie man ihn jetzt behandelte, machte ihn dagegen überglücklich. Alles hatte sich gewandelt, seit der bei seinen Freunden war. Seine Seele, sein Geist schwebten in höheren Gefilden. Für sein Leben gern hätte er sich mit ihnen unterhalten. 'Aber ich bin noch ein wenig betrunken', sagte er sich zur Vorsicht. 'Ich darf die Ratschläge der Kerkermeisterin nicht vergessen.'
Dann bemerkte er, daß der Marschall Ney nicht mehr bei ihnen war. Der General an der Spitze des Trupps war groß, hager, von kaltem Gesichtsausdruck und strengem Blick. Es war kein anderer als der Graf von A., jener Leutnant Robert vom 15. Mai 1796! Wie glücklich wäre er gewesen, wenn jener um die Anwesenheit von Fabrizio del Dongo in seinem Gefolge gewusst hätte.
Schon seit einer Weile waren keine Geschosse mehr in der Nähe eingeschlagen. Jetzt befand man sich hinter einem Kürassierregiment. Deutlich hörte man, wie die Kartätschenkugeln auf sie niedergingen und man sah mehrere Reiter fallen. Die Sonne stand schon sehr tief, als der Stab aus einem Hohlweg herauskam und sich einen kleinen Abhang hinauf bewegte, um aufs flache Feld zu gelangen. Da wurde die Erde von einem gewaltigen Donnerschlag erschüttert. Fabrizio wandte sich um. Vier Reiter waren mit ihren Pferden gefallen; auch der General war umgerissen worden, raffte sich aber wieder auf, ganz mit Blut bedeckt. Fabrizio warf einen Blick auf die zu Boden geschmetterten Husaren, zwei lagen noch in krampfhaften Bewegungen, einer schrie "Hebt mich auf!"
Der Wachtmeister und zwei, drei Mann waren abgesprungen und eilten dem General zu Hilfe, der, von seinem Adjutanten gestützt, einige Schritte zu gehen versuchte, um von seinem Pferd weg zu kommen, das sich rücklings auf dem Boden wälzte und mit den Hufen wild um sich schlug. Einer deutete auf Fabrizio, und er hörte, wie jemand sagte "Dieses Pferd ist das einzige, das noch Galopp geht."
Er wurde an den Beinen gepackt und hochgehoben. Man zog ihn über die Kruppe seines Pferdes herunter und setzte ihn auf den Boden. Der Adjutant ergriff Fabrizios Pferd am Zügel. Der Wachtmeister half dem General in den Sattel, und der ritt im Galopp davon; die übrigen Reiter folgten ihm. Fabrizio sprang wütend auf und rannte ihnen nach mit dem lauten Ruf: "Ladri! Ladri! Räuber! Räuber!" Ein komischer Anblick, wie mitten auf einem Schlachtfeld jemand Dieben hinterherschreit.
Rasch war der Stab mit dem General hinter den Weiden verschwunden. Fabrizio kam wutschnaubend an eine Baumreihe mit einem sehr tiefen Graben, über den er hinwegsprang. Als er auf der anderen Seite die Reiter wiedersah, fing er von neuem an zu fluchen, bis der General und seine Leute seinen Blicken entschwanden. "Räuber! Räuber!" rief er auf französisch. Verzweifelt, weniger über den Verlust seines Pferdes als über den Verrat, sank er am Grabenrand nieder, müde, hungrig und den Tränen nahe. Wenn ihm sein Pferd vom Feind geraubt worden wäre, würde er das hingenommen haben, aber sich hintergangen zu sehen von dem Wachtmeister, den er so geliebt, und von den Husaren, die er wie Brüder angesehen hatte, das brach ihm das Herz.
Er konnte über so viel Niedertracht nicht hinwegkommen, und den Rücken an eine Weide gelehnt, begann er bitterlich zu weinen. Widerstrebend nahm er Abschied von all den schönen Träumen von ritterlicher Treue, wie sie die Helden des 'Befreiten Jerusalems' übten. Dem Tod in das Auge zu sehen, war nichts, wenn man von heldenmütigen und gefühlsfähigen Seelen umgeben ist, von edlen Freunden, die einem beim letzten Atemzug die Hand drücken. Aber wie konnte er seine Zuversicht bewahren inmitten gemeiner Spitzbuben, empörte sich Fabrizio wie jeder feinfühlige Mensch.
Nach etwa einer Viertelstunde, in der er sich einigermaßen erholte, bemerkte er, daß die Kugeln bis dicht an die Baumreihe flogen, unter deren Zweigen er saß. Er besann sich und versuchte sich zu orientieren. Er überschaute die Wiese, die von einem breiten Graben und einer Reihe buschiger Weiden begrenzt war. Das kam ihm bekannt vor. Eine Truppe Infanterie marschierte eben durch den Graben und kam dann auf der Wiese zum Vorschein, keine tausend Schritt von ihm entfernt.
'Beinahe wäre ich eingeschlafen', sagte er zu sich, 'ich darf mich nur nicht gefangennehmen lassen.' Er rappelte sich auf und wollte davonlaufen. Dann erkannte er die Uniformen; die Regimenter, von denen er gefürchtet hatte, abgeschnitten zu werden, waren französische. Er bog nach rechts ab, um zu ihnen zu gelangen.
Zu dem seelischen Schmerz darüber, daß er so schimpflich verraten und bestohlen worden war, gesellte sich ein anderer, der mit jeder Minute unerträglicher wurde: er kam vor Hunger gleich um. Deshalb war er höchst erfreut, als er sah, daß die Soldaten Halt machten, vermutlich, um sich neu aufzustellen. Er verfiel in Laufschritt und wenig später war er bei ihnen. "Kameraden", rief er, "könnt ihr mir ein Stück Brot verkaufen?" "Der Kerl hält uns für Bäcker!" Diese grobe Bemerkung und das allgemeine Hohngelächter, das darauf folgte, gaben Fabrizio den Rest. Ach, der Krieg war also nicht mehr jener edle Aufschwung ruhmliebender Seelen, wie er sich nach den Aufrufen Napoleons eingebildet hatte!
Er setzte sich, oder vielmehr, er sank auf den Rasen nieder. Er ward totenbleich. Einer der Soldaten kam heran und warf ihm ein Stück Brot zu. Als er sah, daß jener es nicht aufhob, steckte er es ihm selbst in den Mund. Fabrizio starrte ihn an und begann zu kauen, hatte aber nicht die Kraft, sich zu bedanken. Als er dem Soldaten Geld geben wollte, war er verschwunden. Die anderen waren bereits hundert Schritt weit entfernt. Mechanisch erhob er sich und folgte ihnen.
Er ging abseits in ein Gehölz, nahe daran, vor Erschöpfung zusammenzubrechen, und suchte schon einen geeigneten Fleck sich niederzulegen. Wie groß war da seine Freude, als plötzlich das Pferdchen, der Wagen und schließlich die Marketenderin vom Vormittag wieder auftauchten. Sie eilte auf ihn zu und war bestürzt über seinen Zustand. "Komm nur mit, mein Jungchen", sagte sie. "Bist du verwundet? Und wo ist dein schönes Pferd?" Sie brachte ihn zum Wagen und half ihm hinaufzuklettern. Kaum lag er, wurde er auch schon von Müdigkeit übermannt und fiel in tiefen Schlaf.
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