| Friederike Haller |
| Herakles im Asyl |
| über Herakles in der antiken Mythologie | die Erzählung als PDF Book |
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"Komm hier herein", sagte der Alte, "bleib' nicht draußen stehen, du siehst, es fängt an zu regnen." Herakles musste sich bücken, um durch die Tür einzutreten. Es war sehr unordentlich in dem Raum, und der Alte machte einen Stuhl beim Tisch frei, aber als sich Herakles daraufsetzen wollte, knarrte und krachte er bedenklich, und der Alte kicherte und sagte "Du bist zu schwer, mein Sohn. Was bist du auch für ein Recke." Herakles brummte nur und ließ sich auf der steinernen Bank neben dem Herd nieder.
In einem Topf war noch etwas vom Lammbraten übrig, über den machte er sich her. "Iss nur, mein Sohn", sagte der Alte und warf einen vergnügten Blick auf den schmatzenden Jüngling. Da regnete es auch schon in Strömen, und sie schauten beide durch die offene Tür hinaus. "Willst du deinen Ochsen nicht unterstellen?", fragte Herakles mit vollem Mund. "Das hat Zeit, der Regen macht ihm nichts aus." Und wirklich stand der Ochse reglos da und glotzte aus seinen großen Augen dumpf vor sich hin, an seinen Beinen und Flanken klebte noch dicker Schlamm. Nachdem er den Bratentopf geleert hatte, schaute sich Herakles in der Hütte um, und der Alte konnte aus seinem Blick lesen. "Du bist müde, stimmt's? Ich bin für Gäste nicht eingerichtet, wie du siehst. Und dieses schmale Lager dort in der Ecke das reicht für dich nicht aus." Herakles betrachtete es, als würde jemand da ruhen, den er kennt, aber es war leer und die Decke lag achtlos auf dem Strohpolster; der Alte wohnte allein hier. "Was machen wir da?", sagte er, und Herakles zuckte mit den Schultern, die Augen fielen ihm zu. Dann lag sein Haupt auf den Herd geneigt, der Regen hatte aufgehört, der Ochse war verschwunden. Der Alte kam wieder herein und sagte "Wir werden zu Naubolides gehen, ich werde dich ihm vorstellen, vielleicht kannst du dort wohnen." "Ja", sagte Herakles, der immer noch schläfrig war, "wer ist das?" "Naubolides? Er ist einer unserer besten Schiffbaumeister", gab der Alte Auskunft. Er wollte Herakles von der Herdbank aufhelfen, aber er war zu schwer. "Wir haben viele hervorragende Schiffsbauer wie du vielleicht weißt, aber Naubolides ist der beste. Nun komm' schon, lass uns gehn." Er hatte das Ochsengespann hinter die Hütte gebracht, wo ein Regendach war und wo der Weg zum Dorf weiterging. Herakles setzte sich auf den Karren, und der Alte trieb den Ochsen an. Mit der Nässe war die Erde aufgeweicht, und die großen Räder zogen zwei Rinnen in den Boden. "Wie lange lebst du hier schon, Alter?" fragte Herakles. "Was?" Er wiederholte seine Frage. Der Alte schüttelte den Kopf und kicherte. "Bei Zeus, das hat mich noch keiner gefragt. Ich weiß es nicht." Naubolides war gerade mit einem Schiffsmodell aus Holzleisten beschäftigt, an dem er herumbastelte. Sein Gewand hatte am Rücken und an der Brust dunkle Schweißflecken, obwohl er bloß am Tisch stand und sich gar nicht heftig bewegte. Der Alte verriet Herakles dann, daß seine Arbeit allein ihn so sehr forderte, daß er ins Schwitzen geriet, auch ohne körperliche Anstrengung. Es sei nämlich das Ersinnen und Konstruieren der Schiffe dieser Art ein Kraftakt, der mit dem eines Ringkämpfers oder eines Speerwerfers beim Wettkampf zu vergleichen ist, nur daß sich die Wirkung auf ganz andere Weise zeigt. Und im Unterschied zu einem Athleten steigert sich die Leistung eines Schiffbaumeisters mit zunehmendem Alter und wachsender Erfahrung, während sie bei jenen nach einem zeitigen Höhepunkt unaufhaltsam abnimmt. Nun schien Naubolides noch gar nicht so alt und galt dennoch schon als der Beste seines Faches weit und breit. Sein Tisch (übrigens nur einer von dreien, die da standen und so ähnlich aussahen) wie auch der ganze Raum waren übersät mit kleineren und größeren Modellen, manche erst begonnen, andere halbfertig, wieder andere bereits bemalt, mit allen Segeln ausgestattet und mit allerlei naturgetreuen Details versehen. Ein solches war Naubolides eben dabei anzuleimen, wofür er eine ruhige Hand brauchte, um es genau zu platzieren, denn der Leim, nach besonderer Rezeptur hergestellt, verfestigte sich in einem Augenblick. Bei den Phaiakern war es üblich, ohne Anklopfen einzutreten. Es gab auch keine Begrüßung, und Höflichkeitsfloskeln wurden nur zu feierlichem Anlass verwendet, dann allerdings in wahrhaft phantastischer Übertreibung. Der Alte drang darauf, Herakles vorzustellen, und dieser, noch immer von Müdigkeit wie vernebelt, tappte hinterdrein, und ehe er die ganze Pracht von Naubolides' Schiffsmuseum gewahr wurde, hatte sein rechter Fuß auch schon eins der Modelle unter sich zermalmt. "Ei, verflucht", murmelte er, "wozu braucht Ihr das Hundegerippe, Meister?" Der Alte gab einen Laut der Verwunderung von sich, und Naubolides blickte Herakles verständnislos an, während der die zerbrochenen Teile beiseite scharrte, als wollte er ein wenig aufräumen. Obwohl alles sehr schnell gegangen war, hatte sich unterdessen der Daumen des Naubolides durch den Leim mit seinem Modell verbunden, und als er die Hand hob, um wer weiß welcher Erwiderung Ausdruck zu verleihen, da schwang er das ganze Schiff durch die Luft, daß der Alte sich vorsichtshalber duckte und Herakles bei der rasanten Bewegung die Augen verdrehte. Aber beide konnten ein Lachen kaum unterdrücken. Naubolides zog vorsichtig an seinem Modell, doch es hing an seinem Daumen fest als wäre es angewachsen. "Was machen wir da", sagte der Alte, "da hilft wohl nur absägen." Naubolides schwieg und strich mit der anderen Hand an seinem Daumen entlang. "Das Schiff, meine ich natürlich", setzte der Alte hinzu. "Wie bitte?", fuhr Naubolides auf, "weißt du überhaupt, wieviel Mühe ich mir dabei gegeben habe?" "Man kann es ja reparieren." Naubolides wurde kreidebleich, aber anscheinend nicht aus Entrüstung, sondern vor Scham. "Reparieren", rief er und schaute Herakles an, der wieder nur mit den Schultern zuckte. "Naubolides, wird es heißen, liefert ein Schiffsmodell, das schon einmal repariert werden musste! Die Leute werden sich kaputtlachen. Was für ein Schiff wird das erst werden, wenn sein Modell bereits in der Reparatur war." Der Alte winkte ab und sagte etwas, das Herakles überraschte. "So lass' doch den Leuten ihren Spott, ein andermal werden sie dich wieder preisen." Naubolides schüttelte den Kopf. "Nicht diesmal, nicht bei diesem Schiff. Ich habe mein ganzes Können aufgewendet, es zu konstruieren." "Das sagst du jedesmal." "Die anderen hatten auch nie einen Makel." "Was? Wenn ich das recht verstehe, dann soll dieses Schiff erst dadurch vollkommen werden, daß sein Modell einmal ausgebessert wurde?" "Ähm", machte Naubolides, "habe ich das so gesagt?" "Ich entnahm es deiner Rede." Die ganze Zeit hatte der Schiffsbauer bei seinen Gesten das Modell mit durch die Luft bewegt und es dabei mit der anderen Hand gehalten, so daß es aussah, als würde es auf hoher See über die Wellen schwanken. So ging die Unterhaltung noch eine Weile hin und her, und sie wurde zunehmend philosophisch, denn das war eine Eigenart der Phaiaker, daß sie aus jedem noch so unbedeutenden Vorfall ein Thema machten, über das sie stundenlang debattieren konnten. Miteinander reden bedeutete für diese Landsleute ungefähr das, was für andere Geschäfte machen ist. Dann sagte der Alte plötzlich "Nun müssen wir zu einer Entscheidung kommen." Und schon hatte er sich von den Werkzeugen eine Säge gegriffen. "Halte still", sagte er und setzte sie am Daumengelenk an. "Oh, ich danke dir, daß du mein Modell erhalten willst", meinte Naubolides freudestrahlend. Da hielt der Alte inne und sagte "Das ist doch völliger Unsinn, was wir hier vorhaben. Selbst wenn ich ihn jetzt absäge, so hängt der Daumen immer noch daran fest." "Du hast Recht", erwiderte Naubolides. "Weißt du was, ich habe da in dem Schränkchen eine Flasche mit einer Tinktur, die den Leim zu lösen vermag. Wenn du davon etwas auf die Verbindungsstelle träufelst, dann trennt sich der Daumen leicht vom Holz." Der Alte tat es, und wie auf einen geheimen Wink machten sich Modell und Daumen voneinander los. "Du hast mir nie etwas von diesem Mittel gesagt." "Das war auch nicht nötig, denn bisher war ich niemals an meinem Modell festgeklebt. Als du hereinkamst und mich in meiner Arbeit unterbrachst, da ... warum eigentlich?" "Ich möchte dir diesen Jüngling hier ... wo ist er denn hin?" Herakles hatte sich in der Ecke auf einen Bretterstapel gelegt und schlief. Die beiden betrachteten ihn und bewunderten seine Wohlgestalt. "Soll ich dir berichten, wie ich ihm begegnet bin? Unten am Krötensumpf, da ist der Weg an einer Stelle weggebrochen, und der Boden ist ganz abschüssig. Und wie ich vorhin mit meinem Ochsenkarren da vorbeikomme, da rutscht mein gutes Tier aus und fällt seitwärts in den Morast, und der Karren hinterher. Und ich sehe, wie er immer tiefer einsinkt, weil er sich mit den Beinen hinunter wühlt. Zur Hälfte ist schon alles verschluckt, und ich fange an zu klagen und zu rufen, aber weil dieses Unwetter aufzieht, ist niemand mehr draußen. Ich glaubte, meinem lieben Ochsen den letzten Blick und Gruß zu erweisen, da sehe ich vom Ufer her diesen Kerl heranschreiten. Nun ja, besonders eilig hatte er es nicht, und ich sah gleich, daß er wohl dringend eine Ruhepause nötig hat, aber dieser gewaltige Körperbau, diese Muskeln an den Armen und diese Brust und die stämmigen Beine, so einen habe ich hier noch nie gesehen. Aber er hatte einen erschöpften Blick, und er ging schnurstracks an mir vorbei, ohne mir und meinem Malheur kaum Beachtung zu schenken. Ich rief: 'He, Jüngling, kannst du einem alten Mann vielleicht aus der Not helfen?' Er blieb stehen und fragte 'Was ist zu tun?' 'Ich weiß nicht, was ihr bei euch macht, wenn einer eurer unentbehrlichen Ochsen dabei ist, im Sumpf zu versinken, wir Phaiaker versuchen jedenfalls, ihn zu retten.' 'So? Mir schien eben, du hättest dich von ihm verabschiedet', gab er zurück. 'Kann es sein, daß mir allein alle Kräfte fehlen, dieses Tier samt Karren herauszuziehen? Du dagegen scheinst außergewöhnlich stark zu sein, wenn auch von der Reise etwas mitgenommen.' Während wir miteinander sprachen, war mein Gespann schon so weit gesunken, daß der Ochse gerade noch das Maul zum letzten Atemzug überm Schlamm hielt. Der Jüngling stapfte ohne zu zögern in den Pfuhl, packte den Ochsen bei den Hörnern und zog ihn mit seinem Anhang heraus, als wär's eine Rübe im Acker gewesen. So wahr ich hier stehe, er hielt Tier und Karren für einen Moment in die Höhe und setzte sie dann sicher auf den Weg. 'War's das?', fragte er, und ich konnte nicht anders, als mich tief vor ihm zu verneigen und ihm zu danken. 'Kann ich irgendwo den Schlamm abwaschen?', fragte er bloß, und ich führte ihn an die nächste Quelle bei den Ulmen. Ich fragte ihn nach seinem Namen, er heißt Herakles. Ich fragte ihn auch, woher er käme, aber er schnitt mir schroff das Wort ab und meinte, er wäre jetzt zu müde zum Reden. Und weil auch das Unwetter gleich losging, nahm ich ihn mit in meine Hütte. Aber ich habe wenig Platz, und ich glaube, dieser Mann ist eine bessere Unterkunft gewohnt, deshalb dachte ich, Naubolides, du könntest ihn beherbergen." "Woher willst du wissen, ob er hierbleiben möchte." "Hm", machte der Alte, "das müsste man von ihm erfahren. Er macht mir nicht den Eindruck, als ob er an unserem Ufer gestrandet wäre." "Es ist lange her, daß ein Fremder bei uns gewesen ist." "Das stimmt. Deshalb sollten wir bei ihm besonders vorsichtig sein." "Wieso das?" "Nun, ich weiß nicht. Was erzählt man denn über uns in der Ferne?" "Als ob uns da je berührt hätte, wir Phaiaker sind so oder so ein legendäres Volk." "Wie, so oder so?" "Ich meine, ob man nun die Wahrheit über uns kennt oder die Meinung nur auf Annahmen beruht." "Welche Annahmen sollten das sein? Etwa, daß wir Schiffe bauen, die Zauberkräfte besitzen?" Naubolides zog die Augenbrauen hoch. "Das ist es eben. Behauptest du, die Schiffe, die ich baue, würden durch Zauberkraft bewegt oder in Wahrheit durch ihre geniale Konstruktion, die die natürlichen Eigenschaften von Wind und Wasser auf vollkommene Weise ausnutzt, um sich schnell und unbeschadet durch sie hindurch zu bewegen. Bin ich ein Zauberer oder ein Ingenieur?" "Für mich bist du in erster Linie einer, der immer das letzte Wort haben will." "Und trotzdem, würde Aigaios etwa seine Ränke gegen mich schmieden, wenn meine Arbeit auf übersinnlicher Eingebung beruhte und nicht allein auf Verstandeskraft und exakter Berechnung? Das ist es doch, worum er mich beneidet." "Nun lass' Aigaios aus dem Spiel, ich weiß, daß ihr beide euch nicht riechen könnt. Wir müssen uns jetzt um diesen hier kümmern." "Einverstanden", sagte Naubolides und blickte wieder auf den schlafenden Jüngling. "Er ist wirklich gut gebaut, diese Proportionen, dieser athletische Körper." Er berührte voll Entzücken den muskulösen Wulst an seiner Schulter. Doch davon schrak Herakles auf und erwachte, er griff nach der nächstbesten Holzleiste und wollte auf die Männer einschlagen, die sprangen zurück. Herakles sagte "Wo bin ich?" "Immer noch hier", antwortete der Alte. "Erinnerst du dich, du hast vorhin meinen Ochsen aus dem Schlamm gezogen, und das hier ist Naubolides." "Allerdings, du hast vorhin eines meiner Schiffsmodelle zertreten." Er ließ das Holz sinken. "Ich habe dir Schaden zugefügt?" Naubolides schnaubte. "Ach, nicht der Rede wert, vielleicht könntest du mir ja ..." Der Alte unterbrach ihn und wandte sich an Herakles. "Vermutlich bist du nicht zufällig zu uns gekommen, stimmt's?" "Ist dies das Land der Phaiaker?" "Wohlan, das ist es." Der Alte erwartete eine Erklärung, aber Herakles schwieg, ließ den Kopf sinken und atmete tief und schwer durch. Die beiden sahen sich an, dann fragte Naubolides "Kennst du hier jemanden, den du besuchen willst?" Er verneinte wortlos. "Hm. Irgendeinen Grund muss es doch geben, daß du uns mit deiner edlen Person die Ehre erweist?" Da Herakles noch immer nach unten schaute, warf der Alte bei seinen Worten Naubolides einen kurzen Blick zu, der besagte: 'Ich versuche es jetzt mal mit etwas Schmeichelei, mehr aus ihm herauszubekommen.' Tatsächlich sah er auf und ein verächtliches Lächeln überflog seine Züge. "Meine edle Person? Wovon redest du, Alter. Wenn ich dir sage, daß ich ein ganz armseliger Nichtsnutz bin, was würdest du davon halten?" "Es würde mir schwerfallen das zu glauben. Du siehst nicht so aus, als hättest du bis jetzt immer zwischen Mitternacht und neuem Tag gespeist. Und was deine Nützlichkeit betrifft, so hast du mir schon bei unserer ersten Begegnung einen Dienst erwiesen." Herakles belächelte ihn fast mitleidig. "Ach, was weißt du schon davon." Naubolides flüsterte dem Alten etwas ins Ohr, und der fragte den Jüngling "Nun denn, wenn du uns schon nicht verraten willst, was dich herführt, so sage uns lieber, woher du kommst." "Zuletzt war ich in Theben." "Bei König Menoikeus?" "Nein", entgegnete Herakles, und seine Stimme klang für einen Moment wach und belehrend, "Menoikeus ist lange tot, Kreon herrscht jetzt dort." "So, na ja", machte Naubolides und kraulte mit den Fingern in seinem Bart. "Und weshalb bist du von Theben fortgegangen?" "Das kann ich nicht sagen." Es gab eine Pause, dann meinte der Alte "Das kommt vor." "Was?", fragte Herakles. "Dass man nicht erklären kann, weshalb man einen Ort verlässt." Herakles Blick bekam wieder etwas Schleierhaftes und er hauchte bloß ein "Ja, sicher." Naubolides sagte in ziemlich erfreutem Ton "Jedenfalls ist es gut, daß du hier bist, und es wird auch schon seinen Grund haben. Da unser Freund hier nicht gerade in komfortablen Verhältnissen wohnt, schlage ich vor, du ziehst in mein Landhaus ein, das etwa eine Wegstunde von hier auf den Hügeln steht. Es ist nicht sehr groß, aber mit allem ausgestattet, was man braucht, und du findest dort erst einmal deine Ruhe, die du wahrscheinlich am nötigsten hast. Wie wäre das? Willst du unser Gast sein?" Herakles nahm das Angebot dankend an. Die beiden brachten ihn auf dem Ochsenkarren zu dem Haus, und dort legte sich Herakles sofort nieder und schlief ein. Auf dem Rückweg sagte Naubolides "Hast du das nicht richtig verstanden oder wollest du ihn täuschen?" "Was meinst du?", fragte der Alte verwundert. "Er meinte, er könne nicht sagen, warum er fortgegangen ist. Und du hast darauf erwidert, das käme vor, daß man den Grund nicht kennt." "Ja, und?" "Dann hast du ihn missverstanden. Er kennt doch den Grund, aber er wollte ihn uns nicht sagen, verstehst du." Der Alte begriff Naubolides Erklärung. "Ach, dann muss etwas geschehen sein, an das er sich nur ungern erinnert und über das er nicht sprechen möchte." "Genau." "Aber sage mir, Naubolides, warum hast du ihn auf einmal so zuvorkommend behandelt? Willst du ihn aushorchen?" "Was heißt 'auf einmal'", ereiferte sich der Schiffbaumeister, "ich bin immer zuvorkommend, und schließlich hatte er in meiner Werkstatt Schaden angerichtet, das bin ich nicht gewohnt." "Es war ein Versehen." "Ja, ich weiß." "Und?" "Was und?" "Interessiert es dich nun, was mit ihm los ist oder nicht?" "Vielleicht, ein wenig. Dich nicht?" "Ja, ein wenig schon. Er bringt womöglich etwas frischen Wind in unsere Tage." Naubolides' Haus stand etwas unterhalb der Hügelspitze, die von einer Gruppe schöner Kiefern bewachsen war, die ihre Äste mit den langen Nadelbüscheln in sanften Schwüngen ausbreiteten. Durch ihr Grün schimmerten rote Stellen der Rinde, und die Bäume verströmten einen betörenden Duft, den man auf der Terrasse des Hauses atmen konnte. Auch die Vögel fanden diesen Ort angenehm, und viele nisteten in den Zweigen. Hinter dem Haus ging ein Graben entlang, an dessen Seiten überall Löcher waren, die Eingänge zu den Bauen, wo die wilden Kaninchen wohnten. Der Graben war der vordere Arm eines Baches, dessen Quelle oben am Hügel entsprang und der in die gegenüberliegende Richtung abfloss, während er hier völlig trocken lag. Ursprünglich ging er nach beiden Seiten, aber Naubolides hatte, als er das Haus baute, die Quelle mit Stein eingefasst und den Bach ein Stück umgeleitet, denn in der Jahreszeit, wenn starker Regen niederging, schwoll er an und wurde zum Sturzbach, und er hätte leicht den Graben überschwemmen und bis ins Haus hinein fließen können. So aber konnte er sich ungehindert drüben hinab ergießen, und man konnte das ganze Jahr über Wasser aus dem Quellbecken schöpfen. Das Haus hatte drei Räume und etliche kleine Kammern sowie einen Stall, der leer war, weil sich Naubolides nicht um das Vieh hätte kümmern können. Eine Zeitlang hatte er dort das Holz für seine Modelle gelagert und trocknen lassen, bis er sich unten im Ort eine große Werkstatt errichtet hatte, die sogar durch einen kleinen Kanal mit dem naheliegenden See verbunden war, wo er seine Schiffe, und zwar die richtigen, die großen, erproben konnte. Obwohl er selten in seinem Landhaus weilte, war es drinnen sehr sauber und hübsch eingerichtet. Dafür war Eurymedusa zuständig, eine ältere Frau aus dem Dorf, die dort als Milchhändlerin und Bäckerin arbeitete und die mit Naubolides auch ganz entfernt verwandt war und ihm zu Gefallen das Häuschen in Schuss hielt. Wenn sie hin ging, wurde sie oft von ihrem Enkel Dorkeus begleitet, einem etwa zehnjährigen Knaben, der gern dort oben auf dem Hügel und am Hang herumtollte und der sich neben dem Stall auch eine kleine eigene Hütte gebaut hatte, deren Verwendungszweck er sich zur Zeit noch überlegte. Dorkeus war es auch, den Herakles zuerst erblickte, als er an diesem Nachmittag aus seinem tiefen Schlaf erwachte. Draußen schien die Sonne, und die Vögel und Grillen erfüllten die Luft mit ihrem Zwitschern und Zirpen. "Eurymedusa hat mich beauftragt, dir Brot und Wein, Käse und Früchte zu bringen", sagte Dorkeus nicht ohne Stolz, als er den wackeren Mann mit seiner kräftigen Statur sich von dem Lager erheben sah. "So so. Eurymedusa hat dich beauftragt", erwiderte Herakles, und bemerkte selbst, daß seine Stimme wieder hell und frisch klang und nicht mehr so dumpf wie an dem Tag, als er hier angekommen war. Wann war das? "Wie lange habe ich denn hier geruht?" "Oh, ich weiß nicht", antwortete der Junge, "vielleicht eine Woche." Herakles lachte, aber dann fasste er sich ans Kinn und fühlte die Barthaare. "Wer ist Eurymedusa?" "Meine Großmutter, sie versorgt für Naubolides dieses Haus." "Und wer ist Naubolides?" Der Junge sah ihn fragend an, vielleicht dachte er für einen Moment, dies wäre ein Räuber, der sich eingeschlichen hatte. "Na, ist nicht so wichtig. Wie heißt du?" "Dorkeus. Und wer bist du?" "Man nennt mich Herakles." "Komischer Name." "Was soll das heißen?", sagte er und sah den Jungen finster an. Der entgegnete "Ich muss jetzt gehen, meine Großmutter hat mich gerufen", und er rannte davon. "So warte doch", rief Herakles, und seine Stimme versagte ihm gleich wieder. Er putzte sich mit den Fingern die Ohren. 'Sie hat ihn gerufen?', sagte er zu sich selbst. Er trat vor die Tür. 'Ich höre nur Vögel und Grillen weit und breit.' Er schloss die Augen und atmete tief ein, da spürte er einen Stich in der Herzgegend, so heftig, daß er zusammenzuckte. In der folgenden Nacht schreckte er aus dem Schlaf auf und fühlte sich schweißgebadet, wieder fehlte ihm jede Erinnerung und er wusste nicht, wo er sich befand. Er stand auf und ging hinaus. Sein Blick streifte über die dunkle Ebene, die vor ihm im Mondlicht lag; auf der rechten Seite schimmerte das Meer. Ihm fiel der Junge wieder ein, und auf dem Tisch lagen die Reste der Mahlzeit. Gedankenverloren legte Herakles das Brot und den Käse in den Korb zurück. "Kannst du nicht schlafen?", fragte jemand. An der Tür stand ein Mann, Herakles konnte sein Gesicht nicht erkennen, dann entsann er sich. "Naubolides, bist du das?" Der andere lächelte. "Nein." "Wer dann? Was willst du?" "Nach dir sehen." "Du behauptest mich zu kennen? Wer bin ich?" "Sei nicht albern, Freund. Ich kannte dich, als du noch in der Wiege lagst. Ich kannte schon deinen Vater und auch Alkmene." "Dann gehörst du zu unserer Familie? Du hast mich verfolgt, mich hier aufgespürt, was willst du von mir? Verlangst du, daß ich zurückkehre." "Wohin denn?", fragte der Mann. Er war hereingekommen, hatte einen Stuhl vom Tisch weggenommen und sich darauf gesetzt. Herakles sagte "Ich weiß nicht, nach Tiryns." "Kannst du dir denken, wie sie dich da empfangen würden? Nach all' dem, was du angerichtet hast." Herakles schlug in einem Anfall von Verzweiflung die Hände vors Gesicht und sank auf die Knie. "Oh, du weißt es. Ich Elender, was habe ich getan? Und was habe ich getan, daß ich so mit Verdammnis gestraft werde." "Hör' auf zu jammern", sagte der Mann, "es ist vorbei fürs erste. Was geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen." Herakles richtete sich auf. "Sag', wenn du meine Familie kennst, wie geht es ihnen? Wie geht es meinem Vater?" "Er erholt sich." "Oh, beim Zeus!" "Bitte?" "Wie konnte ich ihm das antun?" "Was meinst du? Dass du ihm beinahe den Schädel eingeschlagen hast? Oder daß du ihm seine geliebten Enkelkinder ..." "Schweig! Hüte deine Zunge!", rief Herakles zornig und streckte den starken Arm abwehrend gegen den Mann. Der lachte. "Fasse dich. Was kann ich denn dafür? Wenn es dich beruhigt: Amphitryon ist schon fast darüber hinweg, und deine Mutter versucht sich zu zerstreuen." "Was glauben sie, wo ich bin?" "Sie denken, du bist in Delphi." "Beim Orakel?" "Geht man nach Delphi, um dort ein Bad zu nehmen?" "Dann haben sie noch nicht erfahren, daß ich ..." "Nein. Selbst Apollon hat es noch nicht verbreitet." Der Mann schmunzelte. "Wahrscheinlich ist es ihm ein bisschen peinlich. Aber höre", fuhr er drohend fort, "mit ihm ist nicht zu spaßen, er kann dich in einem Nu vernichten, und ich könnte es schwerlich verhindern." "Du? Wer bist du denn, daß du dich gegen Apollon stellst." "Selbst, wenn ich es könnte, meinte ich. Im übrigen glaube du nicht, du wärst der einzige, der sich einbildet, es mit ihm aufzunehmen. Daran sind schon ganz andere kläglich gescheitert." "Aber das davor ..." "Was meist du?" "Meine ruchlose Tat, die ich begangen habe - wenn du davon weißt, dann bist du sicher nicht der einzige." "Nun, es spricht sich herum." "Allmächtiger", rief Herakles, rang mit den Händen und fing tatsächlich an zu zittern. "Was ist? Hast du Angst?" Er sah den Mann an, er konnte ihm nicht trauen, aber jetzt war kein anderer da, dem er es gestehen konnte. "Ja. Ich habe Angst, daß mich die Rachegöttinnen ereilen werden. Es ist ... ich hatte diese furchtbaren Schmerzen im Kopf, es war, als wollte er zerplatzen und es geschah doch nicht, nur damit mich die Schmerzen weiter quälten. Deshalb bin ich geflohen. Wenn sie mich finden, werden sie mir erneut zusetzen." "Damit ist zu rechnen", erwiderte der Mann kühl, "und sie werden dich finden." Herakles fasste die Hand des Mannes und war überrascht, wie zart sie sich anfühlt, dann sagte er "Glaube mir - oder auch nicht - als ich das getan habe, war ich nicht bei Sinnen." "Es sah ganz danach aus." "Jemand hat mir den Verstand geraubt, mich in Raserei versetzt, als hätten hundert Dämonen mich geritten und gegen meine Lieben aufgehetzt. Warum, in aller Welt, sollte ich sonst gegen sie ..." "Es ist genug", unterbrach ihn der Mann mit sanfter Stimme und ergriff seinerseits seine Hand, "es wird nicht besser, wenn du ständig daran denkst. Die Rachegöttinnen werden ihre Pflicht tun, das kann niemand verhindern, sei deshalb darauf gefasst. Ich will dir noch einen Rat mitgeben ..." "Herakles?", rief eine Frauenstimme. Er sprang auf und wandte sich um. Die Frau hielt eine Fackel hoch, und ihm schien, daß die Flamme gerade aufloderte, als wollte sie auf ihn überspringen. Aber dann wurde sie wieder klein und friedlich. Die Frau steckte sie in einen Eisenhalter an der Wand. "Ich bin's, Eurymedusa. Ist alles in Ordnung?" "Ja", sagte Herakles erleichtert, "ich habe Besuch, hier diesen ..." Er zeigte auf den Platz, wo der Mann gesessen hatte, der Stuhl war leer. Eurymedusa zog die Augenbrauen hoch und meinte "Ich weiß, ich hörte dich eben noch reden, Dorkeus hat mir schon berichtet, daß du Selbstgespräche führst." "Selbstgespräche? Aber der Mann war hier, so wahr wie du jetzt hier bist. Wenn du mich gehört hast, dann auch ihn." "So? Was soll er denn gesagt haben?" "Es scheint mir besser, wenn ich das für mich behalte", sagte Herakles kleinlaut. "Mach' das, mein schöner Junge. Hast du etwas gegessen?" "Ja, danke für alles." Sie schaute auf. "Das klingt, als wolltest du dich verabschieden." "Ich kann nicht bleiben, ich bin hier nicht sicher." "Wovor?", fragte sie und tat ein bisschen beleidigt. Er ging nicht darauf ein und fragte "Wenn ich von hier weiter in Richtung Sonnenaufgang gehe, wohin komme ich dann?" "Nirgendwohin." Sie sammelte die Krumen vom Tisch, hängte den Korb an den Arm, ging zur Tür und langte nach der Fackel. "Ist dir irgendetwas aufgefallen auf dem Weg hierher? Ist dir jemand begegnet?" "Ja", gab sie patzig zurück. "Wer?", fragte Herakles heftig und sprang hinter den Tisch. "Anchialos." "Anchialos?" "Wer sonst kommt noch um diese Zeit aus der Schenke." Herakles machte ein verdutztes Gesicht, sie sagte "Und du solltest dich da auch mal blicken lassen, wenn du mich fragst. Die Leute reden sich den Mund fusslig über dich." "Ja, aber ich ..." "Gute Nacht. Oder besser: guten Morgen. Ich schicke morgen den Jungen herauf." Beim ersten Sonnenstrahl kam Dorkeus und brachte Speise und Trank. Da der Gast noch schlief, machte er sich an seiner Hütte neben dem Stall zu schaffen. Er war so vertieft in seine Arbeit, daß er erschrak, als Herakles, der unbemerkt an ihn herangetreten war, fragte "Was soll das werden?" "Wie, was soll das werden?", gab er zurück, "siehst du nicht, daß sie bereits fertig ist, meine Hütte." "Und wer soll drin wohnen?" Herakles hielt frisches, helles Brot und einen Becher Wein in Händen und kaute nebenbei. "Das steht noch nicht fest", sagte Dorkeus, "vielleicht kannst du hier einziehen." Herakles lachte. "Da drin kann ich nicht mal stehen, und liegend könnte ich meine Beine nicht ausstrecken." "Warum bist du auch so gewaltig gewachsen." "Ich bin's zufrieden", erwiderte er und trank den Becher in einem Zug aus. Der Junge schaute zu, dann sagte er "So früh am Morgen schon Wein trinken, das ist nicht gut." "Du hast ihn mir doch erst gebracht." Er rülpste, dann betrachtete er abwechselnd den leeren Becher und den Jungen, und er warf den Becher im hohen Bogen fort. Da er Dorkeus' Blick auf sich gerichtet spürte, sah er nach dem richtigen Stall hinüber, der ebenfalls leer, aber mit Vorrichtungen für die Viehhaltung ausgestattet war. "Vielleicht hast du Recht", sagte er, "wir brauchen heute einen klaren Kopf." Dabei merkte er, daß seine Schmerzen hinter Stirn und Schläfen verschwunden waren. "Wofür?" fragte der Junge. "Weißt du nicht mehr, daß wir heute den Stall mit Rindern füllen wollen." "Ach ja? Und woher nehmen wir die Rinder?" "Ich dachte, das sagst du mir." "Ich weiß eine Stelle auf der anderen Seite am Eingang zum Felsental, wo eine wilde Herde weidet." "Na also, dann holen wir sie uns." Der Junge lachte hell auf. "Zuletzt hat einer aus unserem Dorf versucht, davon ein Rind einzufangen, und er war nicht eben ein Schwächling. Soll ich dir sagen, was mit ihm passiert ist?" "Interessiert mich nicht. Was meinst du, wieviele da drin Platz haben?" "Von denen? Schwer zu sagen. Wenn du sie siehst, wird dir die Lust schon vergehen." "Was für ein Kerl bist du eigentlich?", fuhr er den Jungen an, "da wo ich herkomme, heißt es überall 'Dorkeus, Dorkeus', der ist ein kühner Bursche, mit dem kann man selbst den Stier des Poseidon einfangen." Dorkeus druckste herum. "Na ja, hier bei uns macht man nicht so große Sprüche, und man behauptet nur das, was man auch wirklich leisten kann." "Wer behauptet denn was anderes? Können wir nun endlich die Rinder holen oder stehen wir am Mittag noch hier und halten Maulaffen feil?" Der Junge überlegte einen Moment, dann sagte er "Da entlang." ...
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