Miguel de Cervantes

Die Geschichte des Ziegenhirten

 

Text Datei zum Downloaden
 

"Wie bitte?", fragte Don Quijote den Domherrn, "die Bücher, die mit königlicher Erlaubnis und mit Genehmigung der Zensurbehörden gedruckt sind und die mit allgemeinem Beifall gelesen und gefeiert werden von groß und klein, von hoch und niedrig, von den Gebildeten und den Ungebildeten, von den Leuten aus dem Volk und den Edelleuten, kurzum, von jeder Art Person, welches Standes und Berufs sie auch seien, diese Bücher sollten Lüge sein?

Zumal da sie doch so sehr die untrüglichen Zeichen der Wahrheit an sich tragen, indem sie uns jedesmal den Vater, die Mutter, die Herkunft, die Verwandten, das Alter des betreffenden Ritters Punkt für Punkt und Name für Name; den Ort, die Zeugen, ja mitunter sogar die Uhrzeit seiner Taten genauestens angeben.

Oh nein, würdiger Herr, schweigt! Sprecht keine solche Lästerung mehr aus und glaubt mir, ich rate Euch, was Ihr als verständiger Mann in der Sache beherzigen solltet. Oder aber, lest sie doch nur und Ihr werdet sehen, welchen Genuss Ihr von diesen Büchern empfangt.

Oder sagt mir einmal: gibt es ein größeres Vergnügen, als zum Beispiel zu sehen, wie hier gleich vor unseren Augen ein großer See von siedendem und Blasen auftreibendem Pech erscheint und wie darin zahlreiche Schlangen, Nattern, Eidechsen und viele andere Arten wilder, entsetzlicher Tiere umhertreiben und sich kreuz und quer bewegen, und wie mitten aus dem See eine jammervolle Stimme empordringt und spricht:

'Du, Ritter, wer du auch seiest, der du diesen fürchterlichen See beschauest, wenn du das Heil erringen willst, das unter diesen schwarzen Wassern verborgen liegt, bewähre die Tapferkeit deines heldenstarken Busens und wirf dich mitten in das schwarze, flammende Nass!

Denn so du solches nicht tust, bist du nimmer würdig, die erhabenen Wunder zu erschauen, die da enthalten und beschlossen sind in den sieben Burgen der sieben Feen, welche unter dieser Finsternis liegen!'

Und wie der Ritter, da er die fürchterliche Stimme kaum noch recht vernommen, auf der Stelle, ohne weiter zu überlegen, in welche Gefahr er sich begibt, ja, ohne sich des Gewichtes seiner schweren Rüstung zu entledigen, sich Gott und seiner Gebieterin befiehlt und sich mitten in den kochenden See hineinstürzt; und wie er, ehe er sich's versieht und ehe er noch weiß, wohin er geraten mag, sich auf blühenden Gefilden wiederfindet, mit denen die des Elysiums sich in keiner Hinsicht vergleichen können.

Da, deucht es ihn, ist der Himmel klarer und scheint die Sonne mit höherem, ungekanntem Glanze; da bietet sich seinen Augen ein lieblicher Hain von so frischgrünen, dichtbelaubten Bäumen, daß ihr Blattwerk den Blick ergötzt, während die Ohren sich laben an dem süßen, durch keinen Unterricht denn durch göttliche Gunst erlernten Gesang der zahllosen bunten Vöglein, die durch das verschlungene Gezweig beständig hin und her flattern.

Dort wieder entdeckt er ein Bächlein, dessen frische Wasser flüssigen Kristallen gleichen und über feinen Sand und helle Steinchen rieseln, die wie Goldstaub und reine Perlen anzuschauen sind. Anderwärts erblickt er einen kunstreichen Springbrunnen, dessen Schale aus buntem Jaspis und glattem Marmor besteht; dann einen andern, in phantastischem Stil, wo die kleinen Muschelschalen mit den gewundenen weißen und gelben Schneckenhäusern wie zufällig und doch wohlgeordnet hingelegt sind und daruntergemischte Stücke glänzenden Metalles und funkelnder Smaragde ein Werk von so großer Mannigfaltigkeit darstellen, daß die Kunst, indem sie die Natur nachahmt, sie hier noch zu übertreffen scheint.

Dort alsdann zeigt sich ihm unversehens eine starke Festung, eine prächtige Königsburg, deren Mauern von gediegenem Golde, deren Zinnen von Diamanten, deren Tore von Hyazinthen sind; und zudem ist sie von so wunderbarer Baukunst, daß, obschon ihre Bestandteile nichts Geringeres sind als Diamanten, Karfunkel, Rubine, Perlen, Gold und Smaragde, die Konstruktion des ganzen Werkes von noch höherem Wert ist.

Und hat er dies alles gesehen, was gäbe es noch Herrlicheres, als zu sehen, wie unter der Pforte der Königsburg eine reichliche Anzahl junger Fräulein erscheint, alle in so reizenden, prachtvollen Gewändern, daß ich wahrlich, wenn ich sie nunmehr so schildern wollte wie die Rittergeschichten, nimmer damit endigen würde; und zu sehen, wie alsogleich die Dame, die als die vornehmste unter allen hervorsticht, den verwegenen Ritter, der sich in den kochenden See gestürzt, an der Hand nimmt und ihn, ohne ein Wort zu reden, in die herrliche Königsburg hineingeleitet und ihn splitternackt, wie er aus der Mutter Schoß kam, entkleiden und im warmen Wasser baden, sodann mit duftenden Salben seinen Körper pflegen und ihn mit einem Hemd vom feinsten Leinen bekleiden lässt, das ganz und gar voll Wohlgeruches durchwirkt ist; und wie dann ein anderes Fräulein kommt und ihm über die Schultern einen Mantel wirft, der mindestens, ja zum mindesten, wie die Berichte lauten, eine ganze Stadt wert ist, wenn nicht noch mehr.

Was ist sodann Schöneres zu erfahren, als wenn uns berichtet wird, wie er nach alledem in einen andern Saal geleitet wird, wo er die Tische in Hülle und Fülle gedeckt findet, daß er voll Staunens außer sich gerät? Was Mildtätigeres, als zu sehen, wie ihm über die Hände Wasser gegossen wird, das aus lauter Ambra und aromatischen Blüten gewonnen ist?

Was Erhabeneres, als zu sehen, wie man ihn auf einem Sessel von Elfenbein niedersitzen heißt? Wie ihn alle die Fräulein in wundersamem Schweigen bedienen. Was Prächtigeres als eine solche Mannigfaltigkeit von Speisen, alle so schmackhaft bereitet, daß die lüsterne Begier nicht weiß, nach welcher sie zuerst die Hand ausstrecken soll.

Und wie herrlich, dann den Gesängen zu lauschen, die da ertönen, während er tafelt, ohne daß er weiß, wer sie singt noch woher sie erklingen. Und wenn das Mahl beendet und die Tafel aufgehoben ist, wie da der Ritter sich auf seinen Sessel zurücklehnt und, während er sich die Zähne stochert, wie es jetzt Sitte ist, wie da unversehens zur Tür des Saales eine andre Jungfrau hereintritt, weit schöner als jegliche von den ersten; und wie sie sich dem Ritter zur Seite niederlässt und ihm sofort berichtet, was für eine Burg dies ist und daß sie in selbiger verzaubert weilen muss, nebst viel anderem, was den Ritter in Verwunderung versetzt und die Leser seiner Geschichte mit Begeisterung erfüllt.

Ich will mich nicht weiter hierüber verbreiten. Man kann schon aus dem Wenigen schließen, daß jedes beliebige Stück, das man von jeder beliebigen Rittergeschichte liest, bei jedem beliebigen Leser höchstes Vergnügen und Befriedigung hervorbringen muss.

Und Euer Gnaden möge mir folgen und, wie ich schon vorher bemerkt, diese Bücher lesen. Ihr werdet sehen, wie sie Euch den Trübsinn, der Euch etwa drückt, verbannen und die Stimmung bessern, wenn Ihr Euch in einer schlechten befinden solltet.

Von mir wenigstens kann ich sagen, seit ich ein fahrender Ritter bin, seitdem bin ich tapfer, freigebig, gesittet, großmütig, höflich, kühn, sanft, geduldig, ertrage leicht Mühsale, Gefangenschaft, Verzauberung, und obschon ich erst vor kurzem mich als Verrückter in einem Käfig eingesperrt sah, so hoffe ich doch durch die Kraft meines Armes, wenn der Himmel mir beisteht und das Glück mir nicht abhold ist, mich binnen weniger Tage zum König eines Reiches erhoben zu sehen, wo ich die Dankbarkeit und Großherzigkeit zeigen kann, die meine Brust in sich fasst.

Denn wahrlich, Senor, ein Armer ist unfähig, die Tugend der Freigebigkeit gegen irgendwen zu zeigen, auch wenn er sie im höchsten Grade besitzt; und die Dankbarkeit, die nur aus frommen Wünschen besteht, ist etwas Totes, gerade wie der Glaube ohne gute Werke tot ist.

Darum wünschte ich, daß das Glück mir baldigst eine Gelegenheit böte, mich zum Kaiser zu machen, um meine Gesinnung durch Wohltaten an meinen Freunden zu bewähren, insbesondere an dem armen Teufel von Sancho, meinem Schildknappen, der der beste Mensch von der Welt ist; ich möchte ihm gern eine Grafschaft schenken, die ich ihm schon lange versprochen habe; nur fürchte ich, er mag nicht die Fähigkeit besitzen, sie auch zu regieren."

Diese letzten Worte hörte Sancho, und gleich sprach er zu seinem Herrn: "Senor Don Quijote, sorgt Ihr nur dafür, daß Ihr mir diese Grafschaft verschafft, die von Euch ebenso ernstlich verheißen, als von mir erhofft ist; ich hingegen verspreche Euch, mir soll es an Fähigkeiten nicht fehlen, sie zu regieren. Und wenn es mir auch daran fehlen sollte, so habe ich gehört, es gibt Leute in der Welt, welche die Herrschaften der großen Herren in Pacht nehmen und ihnen soundso viel jährlich abgeben, sie hingegen sorgen für die Regierung, und der Herr sitzt und streckt die Beine aus und genießt seine Rente, ohne sich um sonst was zu scheren. So will ich's auch machen, und ich will mich nicht um das geringste weiter kümmern, sondern gleich alles aus den Händen geben und will mir meine Rente schmecken lassen wie ein Prinz, und den Leuten mag es bekommen, wie es will."

"Dies, Freund Sancho", sagte der Domherr, "kann gelten, soweit es das Verzehren der Rente betrifft, aber was die Verwaltung der Rechtspflege angeht, die muss der Besitzer der Herrschaft selbst sie verstehen, und dazu gehören Fähigkeit und tüchtiger Mutterwitz und besonders der redliche Wille, das Richtige zu tun. Denn wo dieser im Anfang fehlt, wird auch Mitte und Ende stets schiefgehen; und Gott pflegt ebenso der redlichen Absicht des Einfältigen hilfreich zu sein, wie er die böse Absicht des Klugen vereitelt."

"Ich verstehe nichts von derlei Gelehrtheiten", entgegnete Sancho Pansa. "Ich weiß nur, so geschwind ich die Grafschaft bekommen würde, so geschwind würde ich sie zu regieren verstehen; denn ich habe soviel Verstand im Leibe wie jeder andere und soviel Leib wie nur der Allerbeleibteste, und ich würde ebensosehr in meiner Herrschaft der König sein wie jedweder in seiner.

Und wenn ich das wäre, so würde ich tun, was ich wollte, denn ich bin der Herr. Und wenn ich täte, was ich wollte, so würde ich tun, wozu ich Lust habe; und wenn ich täte, wozu ich Lust habe, wäre ich zufrieden; und wenn einer zufrieden ist, hat er nichts mehr zu wünschen; und wenn einer nichts mehr zu wünschen hat, so ist die Sache abgemacht. Also nur her mit der Herrschaft; und damit Gott befohlen und auf Wiedersehen, wie ein Blinder zum andern sagte."

"Ohne diese Gelehrtheiten, wie du sie nennst, ist eine Herrschaft schwerlich auszuüben, Sancho", sprach der Domherr, "und überdies wäre über die Sache mit den Grafschaften noch viel zu sagen."

Darauf versetzte Don Quijote: "Ich wüsste nicht, was da noch zu sagen bliebe. Ich richte mich lediglich nach zahlreichen und mannigfachen Beispielen, die ich in diesem Betreff hier anführen könnte, von Rittern meines Berufs, welche, um den getreuen und ausgezeichneten Dienstleistungen ihrer Schildknappen gerecht zu werden, ihnen ganz besondere Gnaden erwiesen und sie zu unabhängigen Herren von Städten und Gegenden machten, und manchen gab es, dessen Verdienste so hohen Grad erreichten, daß er sich überhob und vermaß, den Königsthron zu besteigen.

Aber wozu verwende ich hierauf soviel Zeit, da mir ein so glänzendes Beispiel der große und nie genug gepriesene Amadís von Gallien bietet, der seinen Schildknappen zum Grafen der Festlandinsel machte. Und so kann auch ich ohne Bedenken meinen Sancho Pansa zum Grafen machen, der einer der besten Schildknappen ist, die je ein fahrender Ritter gehabt hat."

Der Domherr war höchlich verwundert über die notorischen Narrheiten, welche Don Quijote vorgebracht, und über die Art, wie er das Abenteuer des Ritters vom See geschildert, über den Eindruck, den die vorsätzlichen Lügen der Bücher, die er gelesen, auf ihn gemacht hatten, und endlich erstaunte ihn auch die Einfalt Sanchos, der sich so heiß nach der von seinem Herrn versprochenen Grafschaft sehnte.

Unterdessen kehrten die Diener des Domherrn aus der Schenke zurück, von wo sie das Saumtier mit dem Mundvorrat geholt hatten. Ein Teppich und das grüne Gras der Wiese dienten als Tisch; man setzte sich unter schattigen Bäumen nieder und speiste daselbst, damit der Ochsenkärrner nicht um die günstige Gelegenheit käme, die ihm, wie gesagt, dieser Ort darbot.

Während sie so tafelten, vernahmen sie plötzlich eine heftige Bewegung in den Zweigen und das Klingen einer Schelle, welches aus Dornbüschen und dichtem Gesträuch, das ringsumher stand, erklang, und im nämlichen Augenblick sahen sie aus dem Dickicht eine schöne Ziege hervorspringen, deren Fell schwarz, weiß und grau gesprenkelt war; hinter ihr her kam ein Ziegenhirt, rief ihr nach und sprach ihr schmeichelnde Worte zu, wie die Hirten gebrauchen, damit sie stehenbliebe oder zur Herde zurückliefe.

Die flüchtige Ziege lief in ihrer Furcht und Ängstlichkeit zu den Leuten hin, als ob sie Schutz bei ihnen suchte, und blieb da stehen. Der Ziegenhirt kam herbei, fasste sie an den Hörnern und redete mit ihr, gerade als besäße sie Verstand und Einsicht.

"Ha, du Landstreicherin, Wildfang, Scheckchen, Scheckchen! Wo hüpfst du denn all die Zeit herum? Was für Wölfe haben dich fortgeschreckt, mein Töchterlein? Willst du mir nicht sagen, was das bedeuten soll, du Allerschönste?

Aber was kann es anderes bedeuten, als daß du ein Weibchen bist und keine Ruhe halten kannst? Das ist eben deine Natur, der Kuckuck soll sie holen, und es ist die Natur aller Weiber, und du tust es ihnen nach. Komm mit heim, Liebchen; bist du auch nicht so vergnügt in deinem Pferch, so bist du doch besser geborgen darin und bei deinen Gefährtinnen; denn wenn du, die du sie hüten und leiten sollst, so ohne Führung bist und auf Abwegen wandelst, wohin soll's dann mit ihnen kommen?"

Das Gerede des Ziegenhirten machte allen Zuhörern großes Vergnügen, insbesondere dem Domherrn, der zu ihm sagte: "Ich bitte Euch um alles, guter Freund, beruhigt Euch ein wenig und eilt nicht so arg, die Ziege zu ihrer Herde zurückzubringen; denn da sie, wie Ihr sagt, ein Weibchen ist, so muss sie ihrem angebornen Triebe folgen, ob Ihr Euch auch noch so sehr mühet, es zu verwehren. Nehmt diesen Bissen und trinkt einmal, damit werdet Ihr Euren Zorn kühlen, und derweil kann die Ziege sich ausruhen."

Dies sagen und ihm an der Spitze des Messers die Lenden von einem kalten gebratenen Kaninchen darreichen war alles das Werk eines Augenblicks. Der Ziegenhirt nahm es und dankte dafür, trank und beruhigte sich und sprach alsbald: "Ich möchte nicht, daß Euer Gnaden mich für einen einfältigen Menschen halte, weil ich mit dem Tier so ganz nach der Vernunft gesprochen; denn allerdings sind die Worte, die ich der Ziege sagte, etwas absonderlich. Ich bin ein Bauer, aber nicht so bäurisch, daß ich nicht wüsste, wie man mit dem Menschen und dem Vieh umgehen muss."

"Das glaube ich ganz gern", sagte der Pfarrer, "denn ich weiß schon aus Erfahrung, daß in den Wäldern Leute von Bildung hausen und die Schäferhütten manchem Philosophen Wohnung bieten."

"Wenigstens, Senor, beherbergen sie Leute", entgegnete der Hirt, "die durch Schaden klug geworden sind; und damit Ihr die Wahrheit dieses Satzes glaubt und sie besser behalten möget, so werde ich, obwohl ich mich damit ungebeten selber einlade, so werde ich, wenn es Euch nicht langweilt und Ihr mir eine kleine Weile aufmerksames Gehör schenken wollt, Euch eine wahre Geschichte erzählen, die die Behauptung dieses Herrn" - auf den Pfarrer deutend - "und die meinige bestätigen wird."

Hierauf entgegnete Don Quijote: "Sintemal ich ersehe, daß dieser Kasus ich weiß nicht was für einen Anstrich von einem Ritterschafts-Abenteuer hat, so werde ich für mein Teil Euch sehr gerne anhören, guter Freund, und desgleichen werden alle diese Herren tun, da sie so überaus verständig sind und gerne vernehmen von absonderlichen Neuigkeiten, so die Sinne schärfen, ergötzen und behaglich unterhalten, wie meines Bedünkens Eure Erzählung ohne Zweifel tun wird. So machet denn einen Beginn, Freund, wir werden Euch alle zuhören."

"Ich tue nicht mit", sprach Sancho, "mit der Pastete hier gehe ich dort an den Bach und will mich da auf drei Tage anfüllen. Denn ich habe meinen Herrn Don Quijote sagen hören, fahrenden Ritters Schildknappe muss essen, bis er nicht mehr kann, sobald er die Gelegenheit dazu hat, dieweil er oftmals in die Lage kommt, daß er zufällig in einen dicht verschlungenen Wald hineingerät, aus dem er sechs Tage nicht wieder herausfindet, und wenn da der Mensch nicht sattgegessen oder mit einem wohlgespickten Schnappsack versehen ist, so kann er drin steckenbleiben und, wie schon oftmalen geschehen, zur Mumie zusammenhutzeln."

"Du hast das beste Teil erwählt, Sancho", sprach Don Quijote, "geh du, wohin dir's passt, und iss, was der Magen verträgt. Ich habe schon mein Genügen, es erübrigt mir nur noch, dem Geiste seine Erquickung zu gewähren, und die gewähre ich ihm, wenn ich die Erzählung dieses Ziegenhirten anhöre."

"Wir alle werden unsere Geister daran erquicken", sprach der Domherr, und sofort bat er den Ziegenhirten, mit der versprochenen Erzählung zu beginnen. Der Hirt gab der Ziege, die er an den Hörnern hielt, einen Klaps mit der flachen Hand auf den Rücken und sagte zu ihr: "Leg dich neben mich hin, Scheckchen, wir haben noch genug Zeit, zu unserem Pferch heimzukehren."

Die Ziege schien ihn zu verstehn, denn als ihr Herr sich setzte, streckte sie sich ganz ruhig neben ihm nieder und sah ihm ins Gesicht, als ob sie zu verstehen gäbe, daß sie auf seine Worte ernstlich merken wolle. Und dieser begann seine Geschichte folgendermaßen.

Drei Meilen von diesem Tale liegt ein Dorf, welches zwar klein, aber doch eins der reichsten in der ganzen Gegend ist.

In dem Dorfe lebte ein Bauer in großem Ansehen, und wiewohl dem Reichtum allezeit das große Ansehen anhaftet, so genoss er dieses doch weit mehr durch seine Rechtschaffenheit als wegen seines Reichtums. Was ihn aber noch weit glücklicher machte, wie er selbst sagte, war der Umstand, daß er eine Tochter hatte von so außerordentlicher Schönheit, so seltenem Verstand, so voll Anmut und Tugend, daß jeder, der sie kannte und beobachtete, voll Staunens war ob der außerordentlichen Gaben, mit denen der Himmel und die Natur sie überreich ausgestattet hatten.

Schon als Kind war sie schön, und seitdem nahm sie stets zu an Reizen, und im Alter von sechzehn Jahren war sie die Schönste von allen. Der Ruf ihrer Reize begann sich in den umliegenden Dörfern zu verbreiten; was sag ich, nur in den umliegenden? Er drang bis zu entfernten Städten, ja zu den Prunksälen der Könige und zum Ohr von Leuten jedes Standes, die von überall herkamen, um sie wie eine Seltenheit oder wie ein wundertätiges Bild anzuschauen. Ihr Vater hütete sie, und sie hütete sich selber; denn es gibt kein Vorhängschloss, keinen Riegel, die eine Jungfrau besser hüten könnten, als ihre eigene Sittsamkeit.

Der Reichtum des Vaters und die Schönheit der Tochter bewogen viele, sowohl aus dem Ort als auch Auswärtige, um ihre Hand anzuhalten. Der Vater aber, der über ein so köstliches Kleinod zu verfügen hatte, war in großer Verlegenheit, wem von den Unzähligen, die ihn bestürmten, er sie geben solle.

Unter den vielen, die einen so ehrenhaften Wunsch hegten, war auch ich, und mir versprach der Umstand große Aussicht auf guten Erfolg, da ich wusste, daß dem Vater des Mädchens meine Herkunft und mein Stand bekannt waren, daß ich nämlich aus demselben Dorfe gebürtig, von rein christlichem Blute, in blühendem Alter, an Vermögen sehr reich und an Geistesgaben nicht minder vortrefflich war.

Allerdings hielt mit den gleichen Vorzügen auch ein anderer aus demselben Ort um sie an, und das machte den Vater unschlüssig und bedenklich, da es ihn bedünkte, mit jedem von uns beiden wäre seine Tochter gleich gut versorgt.

Um aus dieser Verlegenheit zu kommen, beschloss er, Leandra von der Sache in Kenntnis zu setzen; so heißt nämlich das reiche Mädchen, um dessentwillen mein Herz verarmt ist.

Er erwog, da wir beide uns in allem ebenbürtig waren, so wäre es am besten, wenn er es seiner geliebten Tochter überließe, nach ihrer Neigung zu wählen, ein Verfahren, das alle Eltern nachahmen sollten, wenn sie für ihre Kinder den Stand der Ehe in Aussicht nehmen. Ich sage nicht, sie sollen ihren Kindern im Schlechten und Verderblichen freie Wahl lassen, sondern sie sollen ihnen Gutes vorschlagen, damit sie unter dem Guten nach ihrem Wunsch auswählen.

Ich weiß nicht, welchen Wunsch Leandra im Innersten hatte, ich weiß nur, daß der Vater uns beide mit dem zu jugendlichen Alter seiner Tochter und mit allgemeinen Redensarten hinhielt, durch die er sich weder zu etwas verbindlich machte noch sich gegen uns abschlägig äußerte.

Mein Mitbewerber heißt Anselmo und ich Eugenio, damit Ihr die Namen der Personen kennt, die in diesem Trauerspiel vorkommen, dessen Ende noch unentschieden ist, wiewohl zu befürchten steht, daß es ein unglückliches sein wird.

Um diese Zeit kam ein gewisser Vicente de la Roca in unser Dorf, der Sohn eines armen Bauern aus diesem nämlichen Ort, der aus Italien und verschiedenen anderen Ländern heimkehrte und Soldat gewesen war. Als er ein Junge von etwa zwölf Jahren war, hatte ihn aus unserm Dorf ein Hauptmann mitgenommen, der mit seinem Fähnlein durchmarschierte, und wieder nach zwölf Jahren kam der Bursche zurück, soldatisch gekleidet, bunt in tausend Farben, vollbehängt mit tausenderlei Klimperkram von Glas und dünnen Stahlketten.

Heute warf er sich in dieses Kostüm und morgen in jenes, aber alles war nachgemacht und angemalt, leicht von Gewicht und noch leichter an Wert. Die Bauersleute, die an sich grob und, wenn gerade Müßiggang ihnen Gelegenheit dazu gibt, die Bosheit selber sind, merkten das wohl, rechneten Stück für Stück seinen Staat und seine Kostbarkeiten nach und fanden, daß seiner Anzüge letztlich nur drei waren, von verschiedenen Farben mit den zugehörigen Kniebändern und Strümpfen.

Allein der wusste sie mit so viel Variationen herzurichten und mit so viel neuen Erfindungen aufzuputzen, daß, wenn die Bauern sie nicht nachgezählt hätten, mancher darauf geschworen hätte, er habe mehr als zehn Anzüge und mehr als zwanzigfachen Federschmuck zur Schau getragen. Und ihr dürft es nicht kritisieren und für überflüssig halten, was ich da von seinen Anzügen erzähle; denn die spielen eine große Rolle in unserer Geschichte.

Er setzte sich öfter auf eine Bank auf unserm Marktplatz unter einer großen Pappel, und da hielt er uns alle fest, daß wir Maul und Nase aufsperrten und an seinen Lippen hingen, wenn er uns seine Heldentaten erzählte. Da war kein Land auf dem ganzen Erdkreis, das er nicht gesehen, keine Schlacht, die er nicht mitgemacht hätte. Er hatte mehr Mauren umgebracht, als in ganz Marokko und Tunis leben, und hatte mehr Zweikämpfe bestanden, wie er sagte, als Gante und Luna, Diego García des Parédes und tausend andere, die er nannte; und aus allen war er siegreich hervorgegangen, ohne daß er einen Tropfen Blutes dabei verloren hätte.

Andererseits wieder zeigte er Narben, und obschon sie kaum zu sehen waren, wollte er uns einreden, es seien Verletzungen von Musketenschüssen, die er bei verschiedenen Scharmützeln und Treffen abgekriegt habe. Kurz, mit nie erhörter Anmaßung redete er seinesgleichen, ja sogar die Leute, die ihn genau kannten, mit 'Er' an und sagte öfter, sein tapferer Arm sei sein Vater, seine Taten seien sein Stammbaum und in seinem Stande als Soldat stehe er so hoch wie der König selbst.

Zu dieser Großtuerei kam bei ihm noch hinzu, daß er ein wenig Musik trieb und auf der Gitarre spielte und über die Saiten nur so hinfuhr, so daß etliche sagten, die Gitarre bekäme Sprache unter seinen Fingern. Aber das war noch nicht alles, denn er hatte auch die Gabe zu dichten, und so machte er über jede Kinderei im Dorfe eine Romanze anderthalb Meilen lang.

Diesen Soldaten also, den ich hier geschildert habe, diesen Vicente de la Roca, diesen Helden, diesen Stutzer, diesen Musiker, diesen Dichter sah und hörte Leandra oftmals aus einem Fenster ihrer Behausung, das auf den Marktplatz ging.

Sie verliebte sich in das Flittergold seiner in die Augen stechenden Trachten, sie war bezaubert von seinen Romanzen, die er in Abschriften, zwanzig von jedem Gedicht, verteilte, die Heldentaten, die er von sich selbst erzählt hatte, kamen ihr zu Gehör, und endlich - der Teufel musste wohl die Sache eingefädelt haben - kam es so weit, daß sie sich ernstlich in ihn verliebte, bevor auch nur in ihm selbst der vermessene Gedanke entstanden war, sich um ihre Gunst zu bewerben.

Da aber in Herzensangelegenheiten die Neigung des Weibes der stärkste Bundesgenosse ist, so verständigten sich Leandra und Vicente sehr leicht, und ehe einer von ihren vielen Bewerbern von ihrer Neigung etwas ahnte, hatte sie dieselbe schon dem Ziele entgegengeführt.

Sie verließ das Haus ihres teuren, geliebten Vaters, denn eine Mutter hatte sie nicht mehr, und entfernte sich aus dem Dorfe mit ihrem Soldaten, der einen größeren Triumph aus dieser Unternehmung davontrug als aus den vielen, deren er sich zu rühmen pflegte.

Der Vorfall setzte das ganze Dorf in Erstaunen sowie einen jeden, der davon Kenntnis erhielt. Ich war höchlich bestürzt, Anselmo zu Tode erschrocken, der Vater tief betrübt, ihre Verwandten entehrt, das Gericht in voller Tätigkeit, die Landreiter auf der Spähe; man streifte auf den Wegen, man durchsuchte die Wälder und was darum und daran war, und nach drei Tagen fand man diese ihren Launen frönende Leandra in einer Höhle mitten im Walde, entkleidet bis aufs Hemd, ohne das viele Geld und die kostbaren Juwelen, die sie von Hause mitgenommen hatte.

Man brachte sie zu ihrem bekümmerten Vater zurück; man befragte sie über ihr Unglück; sie gestand ohne alles Drängen, Vicente de la Roca habe sie hintergangen und mittels eines Eheversprechens überredet, ihres Vaters Haus zu verlassen; er werde sie in die reichste und üppigste Stadt der ganzen Welt bringen, nämlich nach Neapel; und sie, schlimm beraten und noch schlimmer getäuscht, habe ihm Glauben geschenkt und, nachdem sie ihren Vater bestohlen, sich in derselben Nacht, wo sie vermisst wurde, seinen Händen anvertraut, und er habe sie in ein wildes Waldgebirge geführt und sie in die Höhle eingesperrt, wo man sie gefunden habe.

Sie erzählte auch, daß ihr der Soldat (ohne ihr jedoch die Ehre zu rauben!) alles weggenommen, was sie bei sich hatte, und sie in der Höhle gelassen habe und von dannen gegangen sei, ein Vorgang, der alle aufs neue in Erstaunen setzte. Schwer fiel es, lieber Herr, an die Enthaltsamkeit des Burschen zu glauben, aber sie bekräftigte es mit so zahllosen Beteuerungen, daß sie viel dazu beitrugen, dem untröstlichen Vater Trost zu verleihen, und er achtete der Schätze nicht, die man ihm geraubt hatte, da man seiner Tochter das Kleinod gelassen, das, wenn einmal verloren, keine Hoffnung lässt, jemals wiedererlangt zu werden.

Am nämlichen Tage, wo Leandra uns wieder vor Augen kam, schaffte ihr Vater sie uns wieder aus den Augen, indem er sie sogleich von unserm Dorf wegführte und in einer benachbarten Stadt ins Kloster einschloss. Denn er hoffte, die Zeit werde einiges von dem üblen Rufe verwischen, in welchen seine Tochter sich gebracht hatte.

Die unfertige Jugend Leandras diente ihr zur Entschuldigung, wenigstens bei denen, die es nicht berührte, ob sie tugendhaft oder schlecht war; aber wer ihre Klugheit und ihren großen Verstand kannte, maß ihren Fehltritt nicht ihrer Unerfahrenheit bei, sondern dem Leichtsinn und dem natürlichen Hang der Weiber, der in den meisten Fällen das Törichte dem Gewissenhaften vorzieht.

Sobald Leandra eingesperrt war, wurden Anselmos Augen blind; wenigstens hatten sie keinen Gegenstand mehr, dessen Anblick ihnen Vergnügen machte; die meinigen waren von Finsternis umgeben, ohne einen Lichtstrahl, der sie zu etwas Freudigem geleitet hätte, da Leandra ferne war. Unsere Betrübnis wuchs mehr und mehr, unsere Gelassenheit im Erdulden nahm beständig ab, wir verfluchten den Prunk des Soldaten und verwünschten die Unvorsichtigkeit von Leandras Vater.

Endlich verabredete Anselmo mit mir, das Dorf zu verlassen und in dieses Tal zu ziehen, wo er eine große Anzahl ihm gehörender Schafe weidet und ich eine ansehnliche Herde von Ziegen, die ebenfalls mein eigen sind, und wo wir unser Leben unter den Bäumen verbringen, unsern Leiden freie Bahn lassen oder gemeinsam der schönen Leandra Preis oder Schmach singen oder auch einsam seufzen und jeder für sich allein seine Klagen dem Himmel anvertraut.

Unserem Beispiel folgend, sind viel andere von Leandras Freiern in dies rauhe Waldgebirge gezogen, um sich derselben Lebensart zu widmen wie wir, und es sind ihrer so viele, daß es aussieht, als habe sich dies Gefilde in ein schäferliches Arkadien verwandelt, so angefüllt ist es mit Schäfern und Herden, und es ist keine Stelle, wo man nicht den Namen der schönen Leandra vernähme.

Der eine verwünscht sie und nennt sie launisch und sittenlos; der andere verdammt sie als flatterhaft und leicht zu gewinnen; jener spricht sie frei und vergibt ihr, dieser bricht den Stab über sie und schmäht sie; der eine feiert ihre Schönheit, der andere lästert ihren Charakter; kurz, alle verunglimpfen sie oder beten sie an, und bei allen geht die Verrücktheit so weit, daß mancher unter ihnen über Verschmähung klagt, ohne je ein Wort mit ihr gewechselt zu haben, ja mancher bejammert und fühlt schmerzlich die wütende Krankheit der Eifersucht, zu der sie ihm doch niemals Anlass gegeben.

Denn, wie gesagt, man weiß über ihren Fehltritt besser Bescheid, als über ihre Neigung. Da ist kein Felsspalt, kein Bachesrand, kein Schattenplatz unter Bäumen, den nicht irgendein Schäfer besetzt hielte, um sein Unglück den Lüften zu verkünden; wo nur ein Echo zu finden ist, wiederholt es Leandras Namen, Leandra widerhallen die Wälder, Leandra murmeln die Bäche, und Leandra hält uns alle fest in banger Erwartung und in Verzauberung, und wir hoffen ohne Hoffnung und fürchten, ohne zu wissen, was wir fürchten.

Unter diesen Unsinnigen ist derjenige, der die geringste und die meiste Vernunft an den Tag legt, mein Mitbewerber Anselmo, der, obschon er sich über soviel anderes zu beklagen hat, sich nur über Abwesenheit beklagt und zum Klang einer Fiedel, die er wunderbar spielt, klagende Verse singt, in denen er seinen früheren, klaren Verstand zeigt.

Ich verfolge einen leichtern, doch meines Bedünkens den richtigsten Weg; ich schelte nämlich auf den Leichtsinn der Weiber, auf ihre Unbeständigkeit, auf ihre Doppelzüngigkeit, auf ihre totgeborenen Verheißungen, auf die Wortbrüchigkeit und endlich auf den Mangel an Verständnis, den sie zeigen, wenn es gilt, ihren Wünschen und Neigungen ein Ziel zu wählen.

Dies, ihr Herren, war der Anlass zu den Worten und Äußerungen, die ich, als ich in eure Nähe kam, an meine Ziege richtete; denn weil es ein Weibchen ist, schätze ich sie gering, obschon es das beste Stück aus meiner ganzen Herde ist.

Dies ist die Geschichte, die ich euch zu erzählen versprach. Wenn ich etwa bei der Erzählung zu verschwenderisch mit Worten war, werde ich auch nicht karg sein, wenn ich euch Dienste zu leisten haben sollte; ich habe meinen Pferch hier in der Nähe und habe dort frische Milch und sehr wohlschmeckenden Käse nebst verschiedenem reifem Obst, das eure Augen nicht minder als eure Zunge erquicken wird.

Die Erzählung des Ziegenhirten machte sämtlichen Zuhörern viel Vergnügen, besonders dem Domherrn, der mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit die eigentümliche Art beobachtete, wie jener erzählte, der, weit entfernt, sich als ein bäurischer Hirte zu zeigen, beinahe für einen feinen Hofmann gelten konnte. Daher sagte der Domherr, der Pfarrer habe recht gehabt mit seiner Behauptung, daß das Waldgebirge Leute von Bildung beherbergt.

Alle erboten sich dem Hirten Eugenio zu Dienstleistungen; wer sich aber darin am freigebigsten zeigte, war Don Quijote, der zu ihm sprach: "Gewiss, Freund Ziegenhirt, wenn ich mich in der Möglichkeit fände, irgendwelch Abenteuer zu beginnen, gleich auf der Stelle würde ich mich auf den Weg begeben, auf daß Euer Schicksal zu glücklichem Ziele käme, und aus dem Kloster, worin sie zweifelsohne wider ihren Willen weilet, würde ich Leandra reißen, trotz der Äbtissin und trotz jeglichem, der es verwehren möchte, und würde sie Euch in die Hände geben, auf daß Ihr mit selbiger ganz nach Eurem Willen und Begehr verfahret - unter Wahrung jedoch der Gesetze des Rittertums, welche vorschreiben, daß keinem Fräulein irgendeine Ungebühr angetan werde. Indessen hoffe ich zu Gott dem Herrn, es werde die Macht eines boshaften Zauberers nicht so viel vermögen, daß nicht die eines anderen, günstiger gesinnten Zauberers weit mehr vermöchte, und für alsdann verheiße ich Euch meinen Schutz und Beistand, wie mich mein Beruf zu tun verpflichtet, welcher kein anderer ist, denn den Hilflosen und Bedrängten zu Hilfe zu kommen."

Der Ziegenhirt schaute ihn an, und als er Don Quijotes schlechten Aufzug und jämmerliches Angesicht bemerkte, verwunderte er sich und sprach zu dem Barbier, den er in seiner Nähe sah "Senor, wer ist der Mann, der so wunderlich aussieht und solcherlei sonderbare Reden führt?"

"Wer wird es anders sein", antwortete der Barbier, "als der weitberühmte Don Quijote von der Mancha, der Mann, der alle Ungebühr abstellt, alles Unrecht wieder zurechtbringt, der Beschützer aller Jungfrauen, der Schrecken aller Riesen und der Sieger in allen Kämpfen!"

"Ei", sagte der Ziegenhirt, "das klingt mir ganz nach dem, was man in den Büchern von den fahrenden Rittern liest, die all dies taten, was Euer Gnaden von diesem Manne sagt; wiewohl ich der Meinung bin, daß entweder Euer Gnaden einen Spaß macht oder daß bei diesem Edelmann im Oberstübchen alles ein wenig durcheinandergeraten ist."

"Ihr seid ein ausbündiger Schelm", rief hier Don Quijote, "Ihr seid der dumme Tölpel, bei dem es im Kopf nicht ganz richtig ist; bei mir ist alles besser in Ordnung, als es jemals bei der niederträchtigen Hure war, die Euch auf die Welt gesetzt hat!"

Kaum gesagt, riss er ein Brot vom Tische, das gerade neben ihm lag, und schleuderte es dem Ziegenhirten so wild ins Gesicht, daß er ihm schier die Nase plattschlug. Allein als der Ziegenhirt, der keinen Spaß verstand, sah, wie man allen Ernstes ihm übel mitspielte, setzte er alle Rücksicht auf den Teppich, auf das Tischtuch und die ganze tafelnde Gesellschaft beiseite, sprang auf den Ritter los, packte ihn mit beiden Händen am Halse und hätte ihn ohne Zweifel erwürgt, wenn nicht gerade im Augenblick Sancho Pansa gekommen wäre, ihn an den Schultern gepackt und ihn über den Tisch, hingeworfen hätte, wobei Schüsseln zerschlagen, Trinkschalen zerbrochen und alles, was auf dem Tische war, verschüttet und umhergeworfen wurde.

Don Quijote, der sich jetzt befreit sah, stürzte sofort über den Ziegenhirten her, und dieser, voll Blut im Gesichte, von Sancho mit Fußtritten bearbeitet, zappelte auf allen vieren nach einem Messer vom Tische, um sich blutig zu rächen; allein der Domherr und der Pfarrer hinderten ihn daran.

Der Barbier jedoch wusste es anzustellen, daß der Hirte den Ritter unter sich brachte, und nun ließ er auf diesen eine solche Unzahl von Faustschlägen regnen, daß vom Gesichte des armen Don Quijote ebensoviel Blut troff wie von dem seinigen.

Der Domherr und der Pfarrer wollten vor Lachen bersten, die Landreiter sprangen in die Höhe vor lauter Lust, und diese wie jene hetzten drauflos, wie man Hunde anfeuert, wenn sie sich heftig balgen. Nur Sancho Pansa war schier in Verzweiflung, weil er sich nicht von einem Diener des Domherrn losmachen konnte, der ihn festhielt und ihn hinderte, seinem Herrn zu Hilfe zu kommen.

Während sie nun alle so in tollem Jubel waren, mit Ausnahme der zwei Faustkämpfer, die sich miteinander schlugen, vernahmen sie das Signal einer Trompete, einer so trübselig tönenden, daß sich alle Blicke nach der Seite hinwendeten, von wo der Klang ihnen herzukommen schien.

Wer aber am meisten darüber in Aufregung geriet, war Don Quijote, der zwar noch, freilich sehr gegen seinen Willen und mehr als nur mäßig zerbleut, unter dem Ziegenhirten lag, aber dennoch ihn ansprach: "Lieber guter Teufel, denn was anderes kannst du nicht sein, da deine Tapferkeit und Kraft so groß ist, um die meinige zu bewältigen, ich bitte dich, lass uns einen Waffenstillstand schließen, nicht länger als auf eine Stunde; denn der jammervolle Klang jener Trompete, der zu unsern Ohren dringt, scheint mich zu einem neuen Abenteuer zu rufen."

Der Ziegenhirt, bereits müde, zu prügeln und geprügelt zu werden, ließ ihn auf der Stelle los, und Don Quijote erhob sich, wendete nun ebenfalls das Gesicht dahin, wo man den Ton vernahm, und sah plötzlich, wie von einem Hügel eine Menge von Leuten herabkam, alle wie Pilger auf einer Bußfahrt weiß gekleidet.

In diesem Jahre hatten nämlich die Wolken der Erde ihr Nass versagt, und in allen Ortschaften dieser Gegend wurden Wallfahrten, Bittgänge und Bußübungen abgehalten, um Gott zu bitten, daß er die Hände seiner Barmherzigkeit auftue und Regen spende, und zu diesem Zwecke kamen die Leute aus einem nahegelegenen Dorfe wallfahrend zu einer heiligen Einsiedelei gezogen, die auf einer Höhe bei diesem Tale lag.

Don Quijote erblickte die seltsamen Trachten der Bußfahrer, ohne daß ihm ins Gedächtnis kam, wie oft er sie schon gesehen haben musste, und bildete sich ein, dies sei etwas von einem Abenteuer und ihm allein als fahrendem Ritter komme es zu, sich an dasselbe zu wagen.

Und was ihn in dieser Einbildung noch mehr bestärkte, war, daß er sich einredete, eine Bildsäule, die sie in Trauerhüllen einhertrugen, sei eigentlich eine vornehme Dame, die von diesen Bösewichtern und schamlosen Wegelagerern mit Gewalt entführt werde. Und sobald ihm dies in den Kopf kam, stürzte er leichtfüßig auf Rosinante los, der dort weiden ging, nahm ihm vom Sattelbogen den Zügel und die Tartsche, zäumte ihn im Nu auf, und sein Schwert von Sancho fordernd, stieg er auf, nahm die Tartsche in den Arm und sprach zu den Anwesenden allen mit erhobener Stimme: "Itzo, mannhafte Gesellschaft, sollet Ihr erschauen, wie hochwichtig es ist, daß es auf Erden Ritter gibt, die sich zum Orden der fahrenden Ritterschaft bekennen; itzo, also sag ich, sollet ihr an der Befreiung dieser trefflichen Dame, die dort in Banden liegt, erkennen, ob die fahrenden Ritter hoher Achtung wert sind."

Und also redend gab er dem Rosinante die Schenkel, denn Sporen hatte er nicht an, und rannte in kurzem Galopp - denn daß sich Rosinante jemals zu gestreckter Karriere verstiegen, das liest man nirgends in dieser ganzen wahrhaftigen Geschichte - auf die Bußfahrer los, wiewohl der Pfarrer und der Domherr hinliefen, um ihn zurückzuhalten; aber es war ihnen nicht möglich, und ebensowenig hielt ihn das Geschrei Sanchos zurück, der ihm zurief: "Wo wollt Ihr hin, Senor Don Quijote? Was für Teufel habt Ihr im Leib, die Euch antreiben, gegen unsern katholischen Glauben vorzugehen? Habt doch acht, oh weh meiner armen Seele! Daß es eine Wallfahrt von Büßern ist, und die Dame, die dort auf dem Gestell getragen wird, ist das gebenedeite Bild der unbefleckten Jungfrau; bedenket, Senor, was Ihr tut, denn diesmal kann man wirklich sagen, daß Ihr nicht tut, was Eures Berufes ist!"

Vergeblich mühte sich Sancho ab, denn sein Herr hatte es so fest im Sinn, auf die Leute in den weißen Hüllen heranzustürmen und die Dame in Trauer zu befreien, daß er kein Wort hörte, und hätte er es auch gehört, so wäre er doch nicht umgekehrt, und wenn der König selbst es ihm geboten hätte.

Er erreichte also den Zug, hielt Rosinante an, der ohnehin schon große Lust hatte, ein wenig auszuruhen, und rief mit heftig erregter, heiserer Stimme: "Ihr, die ihr, vielleicht weil ihr tugendlose Leute seid, das Angesicht verhüllt traget, harret still und horchet auf die Worte, die ich Euch zu sagen habe."





Seitenanfang