Charles Dickens

David Copperfield
 
 
5. Kapitel : Ich werde von zu Hause fortgejagt

 

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Wir mochten kaum ein Viertelstündchen gefahren sein und mein Taschentuch war ganz nass von Tränen, als der Wagen auf einmal anhielt. Ich schaute hinaus, um den Grund dafür zu entdecken, und sah zu meinem Erstaunen Peggotty hinter einer Hecke auftauchen und in den Wagen steigen. Sie umarmte mich und drückte mich an ihre Brust, bis ich keine Luft mehr bekam.

Sie sprach dabei kein Wort. Sie ließ mich mit einem Arm los, steckte ihn bis an den Ellbogen in ihre Tasche und holte ein paar in Papier gewickelte Kuchenstücke sowie ein Geldbeutelchen hervor, das sie mir beides wortlos in die Hand drückte. Dann umarmte und drückte sie mich wieder heftig, und ich stellte fest, daß meine Nase inzwischen angeschwollen war. Schließlich stieg sie aus und lief davon.

Der Fuhrmann sah mich an, als wollte er sich erkundigen, ob sie nochmal zurückkäme. Ich schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, ich glaube nicht." "Na, denn weiter", sagte er zu seinem Pferd, das sich wieder in Bewegung setzte.

Als ich mich so ziemlich ausgeweint hatte, erkannte ich, daß mein Weinen doch völlig vergebens war, vor allem, da weder Roderich Random, so weit ich mich besinnen konnte, jemals in noch so schwieriger Lage geweint hatte, noch jener Kapitän der Königlich Britischen Marine, den ich in meiner heimlichen Lektüre ebenfalls als einen Helden sehr bewundert hatte.

Als mich der Fuhrmann so gefasst sah, schlug er vor, mein Taschentuch zum Trocknen auf den Pferderücken zu legen. Ich nahm es dankend an, und wie es dort draußen ausgebreitet lag, wirkte es ganz besonders klein.

Da bemerkte ich, daß ich Pegottys Geldbeutelchen immer noch in meiner Rechten hielt. Es war aus Leder, mit einem kleinen Schloss versehen, und drinnen fand ich drei glänzende Schillinge, die Peggotty zweifellos mit Schlämmkreide poliert hatte, um mir eine Freude zu machen.

Aber sein kostbarster Inhalt waren zwei Halbkronen, extra eingewickelt in ein Papier, auf dem geschrieben stand: "Für Davy. Mit all meiner Liebe." Es war die Handschrift meiner Mutter. Ich war davon so gerührt, daß ich den Fuhrmann bat, er möge mir doch bitte das Taschentuch wieder geben, aber er meinte, es wäre besser, wenn ich versuchte, ohne es auszukommen, und ich dachte es dann auch, wischte mir mit dem Ärmel über die Augen und unterdrückte mein Schluchzen. Ich wickelte die Münzen wieder ein und schob sie in das Beutelchen zurück. Ich überlegte, ob ich von dem Kuchen probieren sollte, tat es dann aber nicht und fragte den Kutscher, ob er denn den ganzen Weg fahren würde.

"Den ganzen Weg wohin?" fragte er zurück. "Na dorthin", meinte ich. "Wo soll dorthin sein?" "In der Nähe von London", erwiderte ich und merkte, daß ich überhaupt keine klare Vorstellung davon hatte, wohin ich unterwegs war. "Dieses Pferd", erklärte der Kutscher, "würde toter als ein Rinderbraten sein, bevor wir auch nur die Hälfte geschafft hätten." Mein Gott! War es so weit weg?

Ich überlegte. "Wir fahren also nur bis Yarmouth?" fragte ich dann. "So ist es", sagte er und fügte fest entschlossen hinzu, "dort soll ich Sie in die Postkutsche setzen, und die bringt Sie dann nach ... nach dorthin."

Das war seine Absicht. Er hieß Mr. Barkin und saß vornüber gebeugt auf seinem Kutschbock, die Arme auf die Knie gestützt. Er war kein Freund vieler Worte. Ich wollte mich für seine Auskunft erkenntlich zeigen und bot ihm von dem Kuchen an, den er zu meinem Erschrecken auf einen Bissen wie ein Elefant verschlang, der aber einen Ausdruck auf seinem Gesicht hinterließ, zu dem kein Elefant sich hätte hinreißen lassen.

"Hat sie ihn gebacken?" fragte er. "Sie meinen Peggotty, Sir?" "Ach", sagte er, "heißt sie so?" "Ja. Sie bäckt und kocht alles bei uns." "So so." Er spitzte den Mund, als wollte er pfeifen, aber er pfiff nicht, sondern schwieg und starrte auf die Ohren seines Pferdes, wie wenn er dort etwas Besonderes entdeckt hätte, und so saß er eine ganze Weile da. Endlich sagte er: "Wohl keinen Süßen, was?"

Ich dachte, er meint irgendwas im Zusammenhang mit dem Kuchen und fragte "Süßigkeiten?" "Einen Liebling, einen, mit dem sie geht?" "Peggotty?" "Ja, sie." "Oh nein. Ich glaube, sie hatte noch nie einen Liebhaber." "Tatsächlich." Wieder spitzte er den Mund zum Pfeifen und pfiff doch nicht, sondern schaute auf die Ohren des Pferdes. Und wieder eine Weile später fragte er "Sie macht also alles allein, all die Apfelstrudel und das ganze Essen?" Ich versicherte ihm, daß dies durchaus der Fall sei.

"Nun, dann will ich Ihnen einen Vorschlag machen", meinte Mr. Barkis, "vielleicht schreiben Sie ihr mal." "Auf alle Fälle werde ich das tun." Darüber schien er sehr zufrieden und wandte sich zu mir um. "Wenn Sie ihr schreiben, könnten Sie vielleicht erwähnen, daß Barkis nicht abgeneigt wäre." "Was?" "Daß Barkis nicht abgeneigt ist." "Daß Barkis nicht abgeneigt ist", bestätigte ich, "das ist alles?" "Ja", sagte er und überlegte einen Augenblick. "Ja, das trifft es."

"Aber Sie sind doch morgen selbst schon wieder in Blunderstone", sagte ich und es versetzte mir einen Stich in der Brust bei der Gewissheit, daß ich das von mir keineswegs sagen konnte. "Sie können es ihr viel schneller ausrichten."

Barkis schüttelte vehement den Kopf und beharrte darauf "Barkis ist nicht abgeneigt. Das ist die Botschaft." "Also gut", sagte ich, und am Nachmittag, als wir in dem Gasthof auf die Postkutsche warteten, ließ ich mir einen Bogen Papier und ein Tintenfaß bringen, und schrieb folgenden Brief an Peggotty: "Meine liebe Peggotty! Ich bin wohlbehalten hier angekommen. Mr. Barkis ist nicht abgeneigt. Tausend Grüße an Mam. Herzlich Dein Davy."

Nachdem ich seinen Auftrag übernommen hatte, verfiel Mr. Barkis wieder in sein voriges absolutes Schweigen, und ich, auf einmal völlig erschöpft von den letzten Ereignissen, legte mich im Wagen auf die Sitzbank und schlief ein. Ich schlief, bis wir in Yarmouth eintrafen, das mir von dem Gasthofe aus, in den wir einfuhren, auf den ersten Blick so seltsam erschien, daß sofort meine Hoffnung schwand, ich könnte hier jemand von Peggottys Familie oder vielleicht gar die kleine Emily treffen,

Die Postkutsche stand bereits im Hof, aber Pferde waren noch nicht vorgespannt, und sie sah in diesem Zustand gar nicht danach aus, als wenn sie London je erreichen würde. Ich dachte darüber nach und betrachtete meinen Koffer, den Mr. Barkis auf den Boden neben den Türpfosten abgestellt hatte (er war auf den Hof gefahren, um zu wenden), und ich dachte darüber nach, was nun weiter mit mir geschieht, als eine Frau aus einem großen Fenster schaute, vor dem ein paar Geflügelteile und Bratenstücke hingen. Sie rief: "Ist das der junge Herr aus Blunderstone?"

"Ja, Madam", antwortete ich. "Wie ist der Name?" fragte die Frau. "Copperfield, Madam", sagte ich. "Das kann nicht sein", behauptete sie, "auf diesen Namen ist hier kein Essen bestellt." "Vielleicht auf Murdstone?" sagte ich. "Wenn Sie Master Murdstone sind", sagte sie misstrauisch, "weshalb geben Sie dann einen anderen Namen an."

Ich erklärte ihr den Sachverhalt und sie läutete eine Glocke und rief: "William! Führe den jungen Herrn ins Frühstückszimmer"; worauf ein Kellner aus einer Küche am andern Ende des Hofes angelaufen kam und ziemlich überrascht schien, daß außer mir keiner da war.

Ich folgte ihm in ein großes, langgestrecktes Zimmer mit einigen Landkarten an der Wand, bei deren Anblick sich mein Gefühl, fern von zu Hause zu sein, noch verstärkte. Ich kam mir irgendwie fremd und gleichzeitig anmaßend vor, als ich mich, die Mütze in der Hand, auf dem Stuhl niederließ, der am nächsten an der Tür stand. Und als der Kellner nun gar einen Tisch für mich deckte und eine Menge Essen darauf stellte, muss ich ganz rot vor Scham geworden sein.

Er brachte mir Koteletts und Gemüse, und er nahm die Deckel so ruckartig von den Schüsseln hinweg, daß ich glaubte, ich hätte ihn irgendwie verärgert. Aber ich beruhigte mich wieder, als er einen Stuhl für mich vom Tisch rückte und sehr devot sagte: "Bitte sehr, Mister Big, nehmen Sie Platz."

Ich dankte ihm und setzte mich an den Tisch, hatte aber Mühe, Messer und Gabel einigermaßen geschickt zu benutzen und mich nicht mit der Soße zu bespritzen, solange er mir gegenüberstand und mich so unverhohlen anstarrte, daß ich völlig verunsichert war und ständig zu ihm hinüberschielte. Als ich mit dem zweiten Hammelkotelett angefangen hatte, beugte er sich zu mir herüber und flüsterte im Ton einer Offenbarung: "Es ist auch ein halbes Maß Bier für Sie bestellt. Wollen Sie es jetzt haben?"

Ich sagte ja, worauf er das Bier aus einem Krug in ein großes Glas goss und es gegen das Licht hielt. "Straf' mich Gott", sagte er erschrocken, "Eine ganze Menge, nicht wahr?" "Ja, scheint so", antwortete ich lächelnd und war froh, daß er seinen Beobachtungsposten aufgab. Er hatte kleine lustige Augen und jede Menge rote Pusteln im Gesicht, und das kurze Haar stand borstig in die Höhe; und wie er so dastand, den Arm in die Seite gestemmt, und mit der andern Hand das Glas gegen das Licht hielt, sah er aus wie der Direktor in einem Flohzirkus.

"Gestern", erklärte er, "war hier ein Heer namens Topsawyer, ein ziemlich dicker Herr, vielleicht kennen Sie ihn?" "Ähm, nein, ich glaube nicht." "Kurze Hosen und Gamaschen, Hut mit breiter Krempe, grauer Überrock, gesprenkelter Schal von Wolle." "Ich bin mir ganz sicher", erwiderte ich vorsichtig, "ich kenne diesen Herrn nicht."

"Ja also, der kehrt hier ein", sagte der Kellner und schaute immer noch durch das Bierglas hindurch, "bestellt ein Glas von diesem Ale. Ich rate ihm ab, doch er besteht darauf. Er trinkt es aus und fällt tot um. Es war zu alt für ihn. Es sollte nicht ausgeschenkt werden an Leute, für die es zu alt ist, das ist meine Meinung."

Diese Schilderung machte mich ganz betroffen und ich meinte, ich würde dann vielleicht doch eher ein Glas Wasser vorziehen. "Ja, sehen Sie", sagte der Kellner, ohne die Bestellung auszuführen, "die Sache ist die: unser Chef sieht es nicht gern, wenn etwas bestellt wird und dann stehen bleibt. Er würde es Ihnen übelnehmen, Mister Big. Aber ich will's trinken, wenn Sie's erlauben, ich bin daran gewöhnt, und Gewohnheit ist alles in meinem Beruf. Ich glaube nicht, daß es mir schadet, wenn ich den Kopf zurücklege und es rasch runterspüle, oder?"

Ich erwiderte, ich würde ihm sehr dankbar sein, wenn er es tränke, falls er wirklich sicher wäre, daß es ihm nicht schadet, aber nur dann. Als er aber den Kopf nach hinten warf und es augenblicklich hinunterstürzte, hatte ich doch schreckliche Angst, er könnte das Schicksal dieses unglücklichen Herrn Topsawyer teilen und tot umfallen. Das geschah zum Glück nicht. Im Gegenteil, es schien ihm gut getan zu haben.

"Was haben wir denn da?" sagte er und fuhr mit der Gabel in meine Schüssel. "Doch nicht etwa Koteletts?" "Ja, ich meine, es sind Koteletts", erklärte ich. "Straf mich Gott!", rief er aus, "ich wusste ja gar nicht, daß es Koteletts waren? Koteletts sind ja genau das Richtige, um dieses grässliche Bier unschädlich zu machen! Ist das nicht ein wahres Glück?"

Mit diesen Worten fasste er ein Kotelett am Knochen, schnappte sich mit der andern Hand eine Kartoffel und futterte zu meiner größten Befriedigung beides auf. Er hatte, scheints, einen sehr gesunden Appetit. Als er fertig war, nahm er ein zweites Kotelett und noch eine Kartoffel und schließlich noch ein Kotelett und eine dritte Kartoffel. Als die Schüssel leer war, brachte er mir einen Pudding und schien dann ganz in sich zu versinken und nachzudenken.

"Wie ist die Pastete?" fragte er plötzlich, wie aus einem Traum auffahrend. "Es ist Pudding, Sir", antwortete ich. "Pudding!" rief er aus. "Bei Gott, was sehe ich! Doch nicht etwa Eierschneepudding." "In der Tat, es ist Eierschneepudding. Stimmt etwas nicht damit?" Er nahm einen Esslöffel zur Hand. "Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten?" "Ja, warum nicht." "Aber nur, wenn Sie's für sich behalten können." "Ja, gut", versicherte ich ihm. "Das ist mein Lieblingspudding. Kommen Sie, Mister Big, wir wollen sehen, wer von uns beiden sich mehr aus Eierschneepudding macht."

Ich muss zugeben, er war mir in dem Verlangen nach Eierschneepudding wirklich überlegen. Er forderte mich zwar mehrmals auf, mich dranzuhalten, um die Wette zu gewinnen, aber der Größenunterschied zwischen meinem Tee- und seinem Suppenlöffel, dazu das ungeheure Tempo, mit dem er loslegte, ließen mich schnell erkennen, daß ich keine Chance gegen ihn hatte, und so tröstete ich mich mit dem Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, wie er alles bis auf den letzten Rest in sich hineinschlang und am Ende den Löffel ableckte, als sei es der nützlichste Gegenstand, der je in einer Küche zu finden gewesen wäre.

Da ich ihn so zufrieden sah, nutzte ich die Gelegenheit und bat ihn um Feder, Tinte und Papier, um besagten Brief an Peggotty zu schreiben. Er brachte mir nicht nur gleich die Schreibutensilien, sondern war auch so interessiert, daß er mir beim Schreiben über die Schulter sah und mich fragte, in welche Schule ich denn ginge?

Ich sagte "In die bei London", denn mehr wusste ich nicht darüber. "Straf' mich Gott!", sagte er und machte ein sehr betrübtes Gesicht, "das tut mir wirklich leid." "Warum?" fragte ich. Er schüttelte den Kopf und erklärte "Das ist die Schule, wo sie diesem Jungen die Rippen gebrochen haben. Er war noch ein kleiner Junge. Zwei Rippen haben sie ihm gebrochen. Moment mal - wie alt sind Sie, junger Herr?" Ich sagte ihm, daß ich bald neun werde. "Zwischen acht und neun, das war genau sein Alter, als es geschah", sagte er. "Er war acht Jahre und sechs Monate, als sie ihm zuerst die eine Rippe brachen, und zwei Monate später die andere. Da war es dann aus mit ihm."

Ich konnte weder mir noch dem Kellner verhehlen, daß mich dieser Umstand äußerst unangenehm berührte und ich fragte ihn, wie es passiert sei? Seine Antwort konnte leider meine düstere Vorahnung nur noch verstärken, denn er sagte mit fast feierlichem Ernst: "Als er verprügelt wurde."

Das Posthorn, das auf dem Hof ertönte, riss mich aus meiner Erstarrung. Mit einem mir bis dahin unbekannten Gefühl aus Stolz und Dummheit, mich als Besitzer einer Geldbörse zu wähnen, fragte ich den Kellner, ob ich noch etwas zu bezahlen hätte. "Einen Bogen Briefpapier." "Ja, natürlich", sagte ich und holte meinen Geldbeutel aus der Tasche. "Haben Sie schon einmal einen Bogen Briefpapier gekauft?" Ich verneinte dies. "Es ist teuer", sagte er in wirklich bedauerlichem Ton. "Wegen des Zolls. Drei Pence! Oh ja, so werden wir in diesem Land besteuert! Sonst weiter nichts. Außer dem Trinkgeld für das Bedienpersonal, also meine Wenigkeit. Die Tinte übernehme ich, weil Sie mir so sympathisch waren."

"Was gibt man der Bedienung denn für gewöhnlich?" stammelte ich verlegen, da ich zum erstenmal in meinem Leben vor einer solchen Aufgabe stand. "Wenn ich nicht Familienvater wäre und meine Kinder nicht die Windpocken hätten", sagte der Kellner, "so würde ich keinen Sixpence annehmen. Wenn ich nicht einen alten Vater und eine hilflose Schwester zu unterstützen hätte" - hier geriet er in unerklärliche Erregung - "so würde ich bestimmt keinen Dreier nehmen. Wenn ich eine gute Stelle hätte und hier besser behandelt würde, so würde ich die Gäste eher bitten, eine Kleinigkeit von mir anzunehmen, anstatt ein Trinkgeld zu verlangen. Aber straf' mich Gott! Ich muss mich von den Essensresten ernähren und schlafe im Kohlenverschlag." Hier brach der Kellner in Tränen aus.

Mich rührte seine erbärmliche Lage sehr und ich erkannte, daß ein Trinkgeld von weniger als neun Pence einen gefühllosen und egoistischen Menschen aus mir machen würde. Daher gab ich ihm einen meiner drei glänzenden Schillinge, den er mit großer Demut und Ehrerbietung annahm und sofort mit dem Daumennagel auf seine Echtheit prüfte.

Ich schämte mich nicht wenig, als ich beim Einsteigen in die Postkutsche feststellen musste, daß ich im Verdacht stand, das Mittagessen ganz allein aufgegessen zu haben. Ich hörte nämlich, wie die Frau aus dem großen Fenster zum Kutscher sagte: "Pass auf den Jungen auf, George, dass er nicht platzt." Und die Dienstmädchen kamen heraus und staunten mich an und kicherten wie über ein gefräßiges Tier.

Mein Freund, der Kellner, schien sich über seine unglückliche Lage hinwegzutrösten, indem er in die allgemeine Heiterkeit miteinstimmte. Wenn ich doch zuletzt einen Anflug von Misstrauen gegen ihn spürte, so wurde es wahrscheinlich ausgelöst durch sein Lachen, mit dem er alle lautstark übertönte. Dennoch bin ich mir sicher, daß mich das aufrichtige Vertrauen eines halbwüchsigen Kindes und die natürliche Achtung, die es den Erwachsenen entgegenbringt, vor einem ernstlichen Gewissenskonflikt bewahrte. Ich kann es auch heute noch nur sehr bedauern, wenn Kinder ihre angeborene Naivität vorzeitig gegen eine altkluge Besserwisserei eintauschen.

Es störte mich allerdings, daß die Reisenden - ich weiß nicht, wer ihnen was über mich erzählt hatte - ihren Spott mit mir trieben, was ich gar nicht verdient hatte. Zuerst behaupteten sie gegenüber dem Postillon, durch mich werde die Kutsche hinten zu schwer, und es sei vielleicht ratsamer, mich in einen Frachtwagen zu verladen. Die Fabel von meiner Gefräßigkeit war unentwegt Anlass für ausgesuchte Fragen, die wohl witzig sein sollten: ob ich in der Schule den Platz für zwei oder für drei bezahlen müsse, ob ich Sonderkonditionen bei der Post bekäme für die Beförderung der Fresspakete, die meine Eltern an mich schicken und ob ich ein Bett mit Stahlboden reserviert hätte.

Aber am schlimmsten war, daß ich im Voraus wusste, ich würde mich schämen, bei der nächsten Station auch nur irgendetwas Essbares anzurühren, und daß ich nach dem in Wahrheit entgangenen Mittagessen die ganze Nacht würde hungern müssen, denn ich hatte in der Eile auch noch den Rest von Peggottys Kuchen im Gasthof liegengelassen.

Meine Befürchtung bewahrheitete sich denn auch in voll und ganz. Als wir abends ankamen, konnte ich mich nicht überwinden, mit den anderen am Abendessen teilzunehmen, obgleich ich einen Bärenhunger hatte, sondern saß am Kamin und sagte, ich möchte nichts essen. Das schützte mich aber keineswegs vor weiteren dummen Bemerkungen, denn ein Herr mit einer heiseren Stimme und einem roten, dicken Gesicht, der den ganzen Tag über schon Butterbrote gefuttert und etliche Flaschen geleert hatte, nannte mich jetzt eine Boa constrictor (!), die bekanntermaßen auf einen Schlag so viel isst, daß sie eine Ewigkeit brauche, um alles zu verdauen, worauf er sich ein großes Stück kalten Braten vom Büfett angelte.

Wir waren um drei Uhr nachmittags von Yarmouth abgefahren, und mussten in London gegen acht Uhr am nächsten Morgen ankommen. Es war mitten im Sommer und herrliches Wetter, und am Abend war es lange hell. Wenn wir durch ein Dorf kamen, stellte ich mir vor, wie es in den Häusern aussehen möge und was die Bewohner täten, und wenn uns manchmal Jungen nachliefen, sich hinten an den Wagen hängten und eine Weile mitfuhren, fragte ich mich, ob sie die ganze Strecke zurück laufen und ob sie große oder kleine Schwestern haben.

So hatte ich über vielerlei nachzudenken, und am meisten versuchte ich mir vorzustellen, wie die Schule beschaffen wäre, zu der ich unterwegs war, und es war - nicht bloß wegen der Erzählung des Kellners - eine recht gemischte Vorstellung. Manchmal, dessen entsinne ich mich jetzt noch, schweiften meine Gedanken zurück nach Hause und zu Peggotty, und ich versuchte mich zu erinnern, was mich dazu getrieben hatte, Mr. Murdstone, den neuen Mann meiner Mutter, in die Hand zu beißen; doch ich konnte das wahre Motiv durchaus nicht mehr finden und mir schien, als wäre das alles in grauer Vorzeit passiert.

In der Nacht kühlte es ab, und da man mich zwischen zwei Herren (den mit der heiseren Stimme und einen andern) gesetzt hatte, damit ich nicht herunterfalle, so erstickten sie mich fast, als sie einschliefen und mich unter sich begruben. Sie quetschten mich manchmal so unbarmherzig, daß ich ausrufen musste: "Ach, bitte, bitte!" - was ihnen gar nicht gefiel, weil sie davon aufwachten.

Mir gegenüber saß eine ältere Dame, die derart in einen großen Pelzmantel eingemummt war, daß sie im Dunkeln aussah wie ein Heuschober. Sie hatte einen Korb bei sich und Schwierigkeiten, ihn unterzubringen, bis sie meinte, daß er ganz gut unter meinen Sitz passt. Da behinderte er mich aber so sehr, daß ich kaum noch meine Beine ausstrecken konnte, und wenn ich mich nur ein wenig bewegte und dabei die Gläser in dem Korb aneinander stießen, so verpasste sie mir einen Tritt mit ihrer Schuhspitze und rief "Reiß dich zusammen und sitz' still. Ein bisschen mehr Rücksicht solltest du auf andere nehmen."

Die ganze Nacht über ließen mich meine beiden Sitznachbarn durch schreckliches Ächzen und Stöhnen an ihren angsterfüllten Träumen teilhaben, und mehr als einmal hörte ich den einen im Schlaf sagen: "Vorsicht, Männer! Eine Boa constrictor!" Endlich mit Sonnenaufgang schienen sie ihre Ruhe zu finden. Während die Sonne höher und höher stieg, schlummerten sie noch eine Weile dahin und erwachten dann beide gleichzeitig wie auf ein geheimes Zeichen. Sie nahmen es mir sehr übel, als ich ihnen sagte, daß sie geschnarcht und gebrabbelt hätten. Sie bestritten, auch nur ein Auge zugemacht zu haben. Bis auf den heutigen Tag ist es mir ein Rätsel geblieben, weshalb sich viele Leute wie kleine Kinder weigern zuzugeben, daß sie unterwegs im Wagen vom Schlaf überwältigt wurden.

Wie großartig kam mir London vor, als ich es in der Ferne liegen sah. In meiner Phantasie spielten sich schon alle Abenteuer meiner sämtlichen Lieblingshelden wieder ab, und ich war ganz sicher, daß diese Stadt mehr Wunder - und auch mehr Gefahren zu bieten hatte als jede andere auf der Welt.

Wir waren schon ziemlich nahe dran, als wir planmäßig am frühen Morgen die Poststation in Whitechapel erreichten, wo die Pferde gewechselt wurden. Ich weiß nicht mehr, ob es der Blaue Bock oder der Blaue Bär war, jedenfalls irgendetwas Blaues mit vier Beinen, das auf dem Schild des Gasthofs nebenan prangte. Man brachte ein Treppchen und ich stieg nach der Dame aus, weil ich nicht eher auf die Beine kam, als bis sie ihren Korb weggenommen hatte.

Als mich der Kondukteur bemerkte, rief er in den Wartesaal hinein: "Ist hier jemand, der einen Jungen mit Namen Murdstone aus Blunderstone in Suffolk abholen soll?" Niemand antwortete. "Könnten Sie es nochmal mit 'Copperfield' versuchen, Sir", sagte ich und schaute die Leute freundlich an. "Wartet hier jemand auf den jungen Murdstone aus Blunderstone in Suffolk, der aber Copperfield heißt und abgeholt werden soll?" fragte der Kondukteur abermals. "Niemand da?"

Nein, niemand nahm Notiz von mir, abgesehen von einem Mann mit Augenklappe und Gamaschen, der meinte, man solle mir ein Halsband anlegen und mich im Stall anbinden. Natürlich war das nicht ernst gemeint, aber angesichts der Tatsache, daß es die einzige Reaktion auf meine Ankunft war, wurde mir ganz mulmig zumute.

Inzwischen waren alle Passagiere ausgestiegen, das Gepäck abgeladen und die Pferde ausgespannt und weggeführt worden. Die Kutsche wurde gewendet und rückwärts in den Hof geschoben. Und immer noch hatte sich niemand eingefunden, der den staubbedeckten Jungen von Blunderstone in Suffolk abholen wollte.

Ich fühlte mich wie Robinson Crusoe, nur daß ich ja nicht an einer menschenleeren Insel, sondern am Rande einer Metropole gestrandet war. Ich schlenderte in den Wartesaal, und der Beamte hinter dem Fahrkartenschalter, der sich offenbar verantwortlich fühlte, meinte, ich könne mich solange auf die Gepäckwaage setzen.

Während ich da saß und die Pakete, Kisten und Säcke betrachtete und von draußen der Geruch aus dem Pferdestall hereinwehte (ein Geruch, der mir seitdem, sooft er mir irgendwo in die Nase steigt, jenen Morgen in Whitechapel gegenwärtig macht), während ich also da saß, begann eine Parade höchst unangenehmer Bilder vor meinem geistigen Auge vorbeizumarschieren.

Gesetzt den Fall, es holt mich heute niemand ab, wo sollte ich dann hingehen? Denn eine Gepäckwaage war kein Platz auf Dauer. Würde mich der Schalterbeamte zum Feierabend fortschicken und am nächsten Morgen wieder hereinlassen? Könnte ich in dem Gasthof zum Blauen Vierbeiner unterkommen? Ich besaß sieben Schillinge, wie lange würde das reichen? Müsste ich in einem Holzverschlag schlafen, wie der Kellner im Gasthof in Yarmouth? Mich morgens an der Pumpe im Hof waschen und den Abort der Stallknechte benutzen?

Und dann erschrak ich beinahe zu Tode bei dem Gedanken, Mr. Murdstone habe sich einen perfiden Plan ausgedacht, um mich auf diese Weise loszuwerden. Es schien ganz so, als würde er aufgehen. Sobald meine sieben Schillinge aufgebraucht wären, würde ich anfangen zu verhungern und dann langsam und qualvoll zugrundegehen. Das wäre gewiss dem Wirt vom Blauen Irgendwas oder auch dem Schalterbeamten, falls ich schließlich wieder hier landen würde, sehr unangenehm, die Kosten für mein Begräbnis aufgebürdet zu bekommen.

Wenn ich mich gleich aufmachte und versuchte, nach Hause zurückzukehren, wie sollte ich den Weg finden, wie konnte ich hoffen, die lange Wanderung durchzuhalten, und selbst wenn ich es schaffte und ankäme, auf wen durfte ich zählen außer auf Peggotty? Ich wischte mir die Tränen aus den Augen. Oh nein, das durfte ich Peggotty nicht antun, sie würde noch nachträglich die allergrößten Ängste um mich ausstehen müssen. Es würde sie krank machen und dahinraffen.

Ich musste die nächsten Behörden ausfindig machen und mich freiwillig als Soldat oder Matrose anwerben lassen. Es würde einige Anstrengung kosten, damit sie mich nehmen, denn schließlich war ich erst neun, aber es war meine einzige Chance, zu überleben. Festentschlossen wollte ich den Schalterbeamten nach dem nächstliegenden Büro der Königlichen Armee fragen, da betrat ein Mann den Warteraum und fragte den Beamten etwas, worauf dieser auf die Gepäckwaage deutete, als ob ich etwas sei, das bestellt, gewogen, abgeliefert und bezahlt worden war.

Es war ein hagerer, blasser junger Mann mit hohlen Wangen und einem Kinn, das fast so schwarz war wie Mr. Murdstones Kinn, aber damit hörte die Ähnlichkeit auf, denn er hatte keinen Backenbart, und das Haar war, anstatt glänzend schwarz, rostfarben und stumpf. Er trug schwarze Kleidung, die auch etwas rostfarben und stumpf und an den Armen und den Beinen etwas zu kurz war, und er hatte ein weißes, nicht mehr ganz sauberes Tuch um den Hals. Es war kunstvoll gebunden, als wäre er sehr stolz darauf, vielleicht das Geschenk einer Freundin.

"Du bist der neue Schüler?" fragte er mich. Ich sprang auf und antwortete "Ja, Sir, ich hoffe, daß ich das bin." "Ich bin einer der Lehrer von Salem House", sagte er.

Ich verbeugte mich und fühlte mich sehr schüchtern und unsicher. Ich schämte mich, etwas so Gewöhnliches, wie es mein Koffer war, einem Gelehrten und Lehrer von Salem House gegenüber zu erwähnen, so daß wir schon ein ganzes Stück weit gegangen waren, ehe ich die Kühnheit hatte, davon zu sprechen. Auf meine bescheidene Äußerung, daß er für mich später womöglich von einigem Nutzen sein könnte, kehrten wir um, und er sagte dem Schalterbeamten, daß der Fuhrmann angewiesen sei, den Koffer am Mittag abzuholen.

"Erlauben Sie, Sir", sagte ich, als wir die Stadt erreicht hatten, "ist es noch weit?" "Es ist unten bei Blackheath", sagte er. "Also ziemlich weit, Sir?" fragte ich schüchtern. "Es ist eine gute Strecke", sagte er, "wir fahren mit der Landkutsche, es sind immerhin ein paar Stunden."

Ich war so müde und hungrig, daß der Gedanke, noch ein paar Stunden länger auszuhalten, zu viel für mich war. Ich fasste mir deshalb ein Herz und sagte ihm, daß ich seit gestern Abend nichts gegessen habe, und daß ich ihm sehr dankbar wäre, wenn er mir erlauben wollte, mir etwas zu essen zu kaufen. Er schien sich darüber zu wundern - ich erinnere mich, daß er stehenblieb und mich ansah - und nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, sagte er, er wolle mit mir zu einer alten Dame, die nicht weit von hier wohnt, gehen, und das beste wäre, wenn ich unterwegs Brot und was ich sonst brauche, kaufe, und bei ihr, wo wir sicher frische Milch bekämen, frühstücke.

Wir fanden eine Bäckerei, und nachdem ich aus seinem Schaufenster fast alles hatte kaufen wollen, mein neuer Lehrer mir aber davon abriet, so entschieden wir uns endlich für einen hübschen, kleinen Laib Schwarzbrot, der drei Pence kostete. Dann kauften wir in einem Krämerladen ein Ei und eine Scheibe durchwachsenen Speck, was mir einen Haufen kleine Münzen als Wechselgeld einbrachte; London schien mir ein Ort zu sein, wo man preiswert leben konnte.

Als wir mit unserm Einkauf fertig waren, gingen wir durch Straßen, die von entsetzlichem Lärm und gewaltigen Getöse widerhallten, so daß es mir im Kopf ganz schwindelig wurde, und kamen dann über eine Brücke, die zweifellos die berühmte London Bridge war, bis wir das Haus der alten Dame erreichten. Es gehörte offensichtlich zu irgendeinem Spital, und auf einer Inschrift über der Pforte stand, daß es für einstmals für fünfundzwanzig arme Frauen eingerichtet worden war.

Der Lehrer drückte die Klinke einer der kleinen schwarzen Türen, die alle gleich aussahen, und neben denen sich jeweils ein Fensterchen mit Bleiglas befand. Wir traten ein und ich erblickte eine Frau, die damit beschäftigt war, etwas in einem kleinen Tiegel über dem Feuer zu erhitzen. Als sie den Lehrer erkannte, legte sie den Blasebalg beiseite und sagte etwas, das wie "Mein Charly" klang, und als sie mich erblickte, wischte sie sich die Hände an der Schürze ab und begrüßte mich freundlich.

Der Lehrer fragte "Kannst du diesem jungen Herrn vielleicht ein Frühstück bereiten? Wir haben ein paar Sachen mitgebracht." "Ob ich das kann?" sagte die Alte. "Natürlich kann ich." "Wie geht es Mrs. Fibbitson heute?" fragte der Lehrer, und ich bemerkte eine andere alte Frau, die in einem großen Stuhl saß und so unter Decken verhüllt war, daß ich heute noch froh bin, mich nicht aus Versehen darauf gesetzt zu haben.

"Ach, so so", sagte unsere Köchin, "es ist einer ihrer schlimmeren Tage. Manchmal befürchte ich, sie ginge aus wie's Feuer, wenn man's nicht mehr anbläst. Nicht wahr, Mrs. Fibbitson?" rief sie ihr zu, und Mrs. Fibbitsons Gesicht zeigte eine unbestimmte Regung. Aber ihre kleinen Augen verfolgten alles, was die andere tat, und mir schien, als würde sie besonders auf den Tiegel achten, damit er ordnungsgemäß benutzt wird. Als das Ei und der Schinken darin brutzelten, gefiel ihr das offenbar gar nicht, und sie warf mir einen fast drohenden Blick zu. "Das ist für den jungen Herrn", erklärte ihr die andere, und die Alte auf dem Stuhl hatte dafür nur ein kurzes Lachen übrig, das mir ein bisschen irre vorkam.

Ich setzte mich hin zu meinem Schwarzbrot, dem Ei und dem Speck und einem Becher mit Milch und hatte ein köstliches Mahl. "Hast du deine Flöte dabei?" fragte ihn die alte Dame den Lehrer. "Wie immer", antwortete er. "Spiel uns etwas", bat sie ihn, und ich schaute ihn bewundernd an: mein Lehrer war sogar ein Musiker!

Er holte drei Teile hervor, die er zu einer Transversflöte zusammensetzte und hub an zu spielen. Nach vielen Jahren und einer Menge Musik, die ich seitdem gehört habe, komme ich immer noch wie damals zu dem Schluss, daß auf der ganzen Welt kein Mensch jemals miserabler Flöte gespielt hat als er. Ich hatte bis dahin keine Ahnung gehabt, was für jämmerliche Klänge man auf diesem Instrument erzeugen kann. Ich weiß nicht, was ihm dabei einfiel, wenn ihm überhaupt etwas einfiel, woran ich sehr zweifle, aber er spielte mit einer Hingabe und Inbrunst, die in vollkommenem Widerspruch zu dem stand, was er damit hervorbrachte.

Seine Spiel bewirkte, daß alle meine Kümmernisse wieder auflebten, so daß ich kaum die Tränen zurückhalten konnte, und mir außerdem der Appetit verging. Aber ich weiß nicht, wie es geschah, ob ich unter den fürchterlichen Dissonanzen eine Art unbekannte Melodie herauszuhören glaubte, oder ob auf das monotone Pfeifen hin sich mein Gehör verweigerte und einfach abschaltete, jedenfalls wurde ich auf einmal so müde, daß ich in einen tiefen Schlummer versank.

Wenn ich mir diesen Moment bloß vergegenwärtige, so fallen mir jetzt noch sofort die Augen zu. Wieder kreist das kleine Zimmer um mich herum, mit dem offenen Eckschrank, in dem die Teller aufrecht stehen, den altmodischen Stühlen, der gewundenen Treppe, die nach oben führt, und den drei Pfauenfedern in der Vase auf dem Kaminsims (ich dachte beim Eintreten, wie sich der Pfau gewundert hätte, wüsste er, wohin seine Federn gekommen sind).

Die Flöte verstummt, ich höre Räder knarren, wir sind unterwegs. Der Wagen rüttelt und schüttelt, eine fremde Gegend wackelt vorbei, ich schrecke auf, und wieder ist die Flöte da und der Lehrer sitzt mir gegenüber und der Raum ist voller grässlicher Töne, die hin und her sausen wie eingesperrte Fledermäuse, während die alte Dame hinter seinen Stuhl tritt und den Arm zärtlich um des Lehrers Hals legt.

Ich sehe, wie sie sich Mrs. Fibbitson zuwendet und sagt, ob es nicht göttlich sei (sie meint das Flötenspiel), worauf Mrs. Fibbitson antwortet: "Oh ja, ganz wunderbar", und den Tiegel betrachtet, als würde sie ihm den ganzen Wohlklang dieser Musik zuschreiben.

Aber dann verblasst alles vor meinen Augen, die ganze Umgebung löst sich auf: es gibt keine Flöte mehr, keinen Lehrer, keine Alte, kein Salem House, keinen David Copperfield, nur noch einen tiefen, undurchdringlichen Nebel aus Schlaf.

Mir kam es vor, als wäre mindestens eine Stunde vergangen, als ich aufschreckte, und der Schulmeister von Salem House gerade sein Instrument wieder in drei Teile zerlegte, sie kurz in der Luft ausschüttelte und dann einsteckte. Ich bedankte mich bei der alten Dame, und wir verabschiedeten uns. Nur einige Schritte von diesem Gebäude entfernt hielt die Landkutsche, und wir stiegen oben auf das Dach; aber ich war immer noch so müde, daß ich abermals in Schlaf fiel und erst wieder wach wurde, als die Kutsche im Schrittempo unter einem dichten grünen Blätterdach hinweg einen steilen Hügel hinauffuhr. Gleich darauf hielt sie an und hatte ihr Ziel erreicht.

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten wir Salem House, das von einer hohen Ziegelmauer umschlossen war und einen sehr verlassenen Eindruck machte. Über einer Pforte hing ein Brett mit der Aufschrift: SALEM HOUSE, und nachdem wir geklingelt hatten, erschien hinter der vergitterten Öffnung in dieser Pforte ein mürrisches Gesicht, das zu einem dicken Mann mit einem Stiernacken, grobkantigen Schläfen und kurzgeschorenen Haaren gehörte.

"Der neue Schüler", sagte mein Begleiter. Der Stiernacken öffnete die Pforte, und ich sah, daß er ein Holzbein hatte. Er musterte mich mit kritischem Blick von oben bis unten, was sehr schnell ging, weil an mir nicht viel zu sehen war, schloss hinter uns den Eingang, drehte den Schlüssel zweimal im Schloss um, steckte ihn in die Hosentasche und verschwand in seinem Pförtnerhäuschen.

Wir gingen an ein paar mächtigen Bäumen vorbei, deren Zweige sich bis zur Erde herabneigten. "Hey, Mr. Mell!" rief uns der Pförtner nach. Offenbar war mein Lehrer gemeint. Er drehte sich um, der andere hielt ein Paar Stiefel hoch. "Der Schuster ist dagewesen, er meint, an denen kann er nichts mehr machen. Er meint, es wäre kein Stück mehr dran heil, und überhaupt wundert er sich, wie Sie so was verlangen können."

Mit diesen Worten schleuderte er ihm die Stiefel vor die Füße, und Mr. Mell hob sie auf und betrachtete sie mit traurigem Blick. Da fiel mir auf, daß die Stiefel, die er trug, ebenfalls in einem ziemlich miesen Zustand waren, und daß am linken großen Zeh der Strumpf hervorlugte wie die Blütenknospe einer Pfingstrose.

Salem House war ein riesiger viereckiger Kasten aus roten Ziegeln, mit zwei Seitenflügeln, und es sah sehr kahl und ungemütlich aus. Überall war es so still, daß ich Mr. Mell fragte, ob die Schüler gerade außer Haus wären, aber er schien sich zu wundern, daß ich nicht wusste, daß Ferien sind und keiner da wäre, und daß sich Mr. Creakle, der Eigentümer, mit Frau und Tochter im Seebad befindet, und daß ich zur Strafe für meine Missetat an Mr. Murdstone in den Ferien hierher geschickt worden bin. Dies alles sagte er mir, während wir die Treppe zu den Unterrichtsräumen hinaufstiegen.

Die Schulstube erschien mir als der hässlichste, langweiligste, und einsamste Platz, den ich jemals auf Gottes Erdboden betreten hatte. Es war ein langes Zimmer mit drei Reihen von Pulten und sechs Reihen von Bänken, und an den Wänden waren überall Kleiderhaken und Nägel zum Aufhängen der Mützen und Schiefertafeln. Bekritzelte und herausgerissene Blätter aus Schreibheften lagen auf dem Boden, kleine leere Schachteln für Seidenwürmer auf den Pulten.

Zwei völlig verstörte weiße Mäuse, die ihr Besitzer wohl vergessen hatte, rannten in einem aus Draht und Pappe gefertigten, übelriechenden Häuschen rastlos hin und her und spähten mit ihren roten Augen nach Futter. Eine Dohle im Käfig bewegte ruckartig den Kopf nach allen Seiten und krächzte dabei immer wieder die Worte "Drei mal drei ist neuhhhhhne."

Ein eigentümlicher, ungesunder Mief erfüllte die Stube, wie von schimmeligem Juchtenleder, altem Obst, das vor sich hingammelt, feuchten, stockig gewordenen Büchern. Und überall verspritzte Tinte, in solcher Menge, als hätte es sie hereingeregnet.

Mr. Mell hatte mich allein gelassen, als er seine unbrauchbaren Stiefel wegschaffte, und ich ging bis zum anderen Ende des Raumes, wo der Lehrertisch war. Ich entdeckte eine Pappe mit der Aufschrift: "Achtung! Er beißt." Ich bekam einen Schreck und kletterte sofort auf das Lehrerpult hinauf, denn ich fürchtete, es lauert irgendwo ein großer Hund, der sich im rechten Augenblick auf jeden Fremden stürzt, der sich hier einschleicht. Aber obgleich ich in jede Ecke schaute, konnte ich ihn nicht entdecken. Ich war immer noch auf alles gefasst, als Mr. Mell zurückkehrte und mich fragte, was ich da oben mache.

"Ich bitte um Verzeihung, Sir", sagte ich, "ich suche den Hund." "Welchen Hund?" "Ist es denn kein Hund, Sir?" "Was soll kein Hund sein?" "Das, vor dem man sich in acht nehmen soll, weil er beißt." "Nein, Copperfield", sagte er, "das ist kein Hund, das ist ein Junge. Meine Weisung lautet, dir diese Pappe auf den Rücken zu heften. Tut mir leid, daß wir damit beginnen müssen, aber es bleibt mir nichts anderes übrig."

Mit diesen Worten hob er mich vom Pult herunter und hängte mir die Pappe, die zu diesem Zweck zwei Löcher hatte, durch welche er einen Bindfaden zog, um den Hals und schob sie dann auf den Rücken, und von nun an hatte ich die Aufgabe, sie überall, wo ich hinging, zur Schau zu tragen.

Was ich mir von diesem Warnschild für meine nächste Zukunft versprach, kann man sich leicht vorstellen. Ob mich nun jemand sehen konnte oder nicht, immer hatte ich das Gefühl, alle Welt kann es lesen. Es konnte mich keineswegs trösten, wenn ich mich umdrehte und niemanden erblickte; ich hatte bald die Wahnvorstellung, daß mich ständig jemand verfolgt.

Der Pförtner mit dem Holzbein verschlimmerte noch mein Leiden. Er hatte die Amtsgewalt, er musste dafür sorgen, daß alle Weisungen ausgeführt und eingehalten werden, und wenn er sah, daß ich mich an einen Baum oder an eine Wand lehnte oder auch nur mit dem Rücken zu irgendetwas Großem stand, so brüllte er mit Löwenstimme von seinem Häuschen her: "Copperfield! Verbirg die Tafel nicht, sonst zeige ich dich an!"

Der Spielplatz war ein kahler, mit Kies und Sand bestreuter Hof, von den Fenstern der Küche und Gesindestube und der ganzen Rückseite des Hauses aus zu überblicken, und ich wusste, daß die Dienerschaft, der Fleischer und der Bäcker das Schild auf meinem Rücken sehen konnten, wenn ich an der frischen Luft spazieren gehen musste, daß überhaupt jeder, der die Schule betrat, zum Beispiel der Postbote oder die Lieferanten, in Kenntnis gesetzt wurde, daß man sich vor mir in acht nehmen müsse, weil ich beiße. Ich fing an, mich vor mir selbst zu fürchten.

An dem Spielplatz war eine alte Tür, wo die Schüler ihre Namen einritzten. Sie war über und über damit bedeckt. In meiner Furcht vor dem Ende der Ferien und der Rückkehr der Zöglinge konnte ich, obwohl ich diese Jungen gar nicht kannte, mir nur zu deutlich vorstellen, in welchem Ton und mit welchem Ausdruck jeder einzelne von ihnen das Schild auf meinem Rücken laut vorlesen würde. "Achtung! Er beißt."

Da war ein Knabe, ein gewisser J. Steerforth, der seinen Namen sehr häufig und sehr tief eingeritzt hatte, und von dem ich mir dachte, er würde es mit Spott und Häme lesen und mir dann das Haar zerzausen. Ferner gab es einen andern, einen Tommy Traddles, von dem ich meinte, er würde den braven Jungen spielen, und so tun, als fürchte er sich entsetzlich vor mir. Bei einem dritten, George Demple, war ich überzeugt, daß er einen derben Reim auf mich dichtet, der mir mein Leben lang anhaftet.

Ich kleiner, zitternder Wicht habe die Tür angesehen, bis ich meinte, die Besitzer aller dieser Namen (fünfundvierzig Zöglinge waren jetzt in der Anstalt, hatte Mr. Mell gesagt) wollten mich unter schrecklichem Gejohle umherjagen wie einen streunenden Kater, dem man eine Blechbüchse an den Schwanz gebunden hat, und jeder rief auf seine eigene unerträgliche Weise: "Achtung! Er beißt! Achtung! Er beißt!"

Ebenso war es mit den Plätzen an den Pulten und auf den Schulbänken. Ebenso zwischen den Reihen leerer Bettstellen, nach denen ich auf dem Weg zu meinem eigenen Bett scheu hinblickte. Jede Nacht träumte ich, daß ich bei meiner Mutter wäre, so wie früher, oder zu einer Gesellschaft zu Mr. Peggotty ginge, oder oben auf der Landkutsche sitze, oder wieder in Gemeinschaft mit meinem unglücklichen Freunde, dem Kellner, zu Mittag speise, und jedesmal wurde die beschauliche Szene zerrissen von einer Horde kreischender kleiner Teufel, die mich zu meiner größten Bestürzung erkennen ließen, daß ich nichts weiter an mir trug, als mein Nachthemd und dieses unselige Warnschild.

In der Einförmigkeit meines Lebens und in der beständigen Furcht vor dem ersten Schultag nach den Ferien war dies für mich ein unerträgliches Leiden! Ich hatte jeden Tag lange Lektionen bei Mr. Mell, und da Mr. und Miss Murdstone nicht anwesend waren, bewältigte ich sie, ohne mir eine Strafe aufzuhalsen. Vor und nach den Lehrstunden ging ich spazieren, überwacht von dem Stiernacken mit dem hölzernen Bein. Wie lebhaft erinnere ich mich noch an die Pfützen nach dem Regen auf dem Spielplatz, an die grünbemoosten zersprungenen Steinfliesen im Hof, an die alte undichte Wassertonne, die zerfurchten Stämme von einigen alten Bäumen, unter denen der Schatten stets kühler war als anderswo.

Pünktlich um ein Uhr speisten Mr. Mell und ich am oberen Ende des langen, kahlen Eßsaals mit den dunklen, schweren Tischen, die nach altem Fett rochen. Dann ging es wieder an die Arbeit bis zum Tee, den Mr. Mell aus einer blauen Tasse und ich aus einem Becher aus Zinn trank. Den ganzen Tag lang, bis sieben oder acht Uhr abends, war Mr. Mell an seinem Pult beschäftigt; er hantierte unablässig mit Feder, Tinte, Lineal, in Büchern und auf Schreibpapier, und irgendwann erfuhr ich, daß er die Rechnungen für das vergangene Halbjahr ordnete. Wenn er fertig war, nahm er die Flöte heraus und blies, daß ich schier meinte, er würde alle diese trockenen Listen noch einmal durch das Rohr jagen, und die Zahlen und Daten würden durch die Löcher entfliehen, sobald sich die kleinen Klappen für einen Moment öffnen.

Ich stelle mir den kleinen Jungen in der schwacherleuchteten Stube zur Abenddämmerung vor, wie er, den Kopf auf die Hand gestützt, Mr. Mells verzerrtem Spiel lauscht und dabei die Aufgaben für den nächsten Tag paukt. Ich stelle mir vor, wie er sich über den Büchern in den Erinnerungen an das frühere Zuhause verliert, an das Rauschen der Pappeln am Weg nach Wigfield, an das Blöken der Schafe in Cummings Stall, wenn sie geschoren werden, an das Hundegebell, an den Gesang der Wäscherinnen auf der Wiese, an das Pfeifen des Windes über dem Strand von Yarmouth. Ich sehe mich allein zu Bett gehen, oben in den fremden Zimmern, und weinend auf meiner Bettkante sitzen, voller Sehnsucht nach einem lieben Wort von Peggotty.

Dann komme ich morgens herunter und sehe durch das große, nüchtern klare Treppenfenster nach der Schulglocke, die auf dem Nebengebäude drohend hängt, mit einem Wetterhahn darüber; und ich fürchte mich vor der Zeit, fürchte mich vor jeder Stunde, die unerbittlich auf mich zukommt, und die Steerforth und Traddles und all die andern mitbringen wird.

Und diese Besorgnis wird noch übertroffen von der schauderhaften Vorahnung an die Stunde, in der der Stelzfuß mit einer unterwürfigen Grimasse auf seinem breiten Gesicht die Pforte aufschließt, um den gefürchteten Mr. Creakle zu empfangen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß unter diesen Umständen wirklich eine Gefahr von mir ausging, aber nichts konnte mich von der abschreckenden Warnung auf meinem Rücken befreien.

Mr. Mell sprach niemals viel mit mir, war aber auch nie unfreundlich. Ich glaube, wir leisteten uns gute Gesellschaft, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Ich vergaß übrigens noch zu erwähnen, daß er manchmal mit sich selbst sprach oder vor sich hin lachte, die Augen verdrehte, mal die Faust ballte, mit den Zähnen knirschte und sich aus mir unbekannten Gründen die Haare raufte. Das waren Eigentümlichkeiten, die mir anfangs Furcht einflößten und an die ich mich erst gewöhnen musste.





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