Wilhelm Hauff

 Zwerg Nase
 

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"Mit Vergnügen, dort steht er", rief der Barbier lachend, und seine Kunden, denen er den Bart scheren sollte, lachten mit. "Ihr seid ein hübsches Bürschchen, schlank und fein, ein Hälschen wie ein Schwan, Händchen wie eine Königin, und ein Stumpfnäschen, man kann es nicht schöner sehen. Ein wenig eitel seid Ihr darauf, das ist wahr, aber beschaut Euch nur immer! Man soll nicht von mir sagen, ich habe Euch aus Neid den Blick in meinen Spiegel verweigert."

So sprach der Barbier, und wieherndes Gelächter erfüllte die Barbierstube. Der Kleine aber war indes vor den Spiegel getreten und hatte sich beschaut. Tränen traten ihm in die Augen. "Ja, so konntest du freilich deinen Jakob nicht wiedererkennen, liebe Mutter", sprach er zu sich, "so war er nicht anzuschauen in den Tagen der Freude, wo du vor den Leuten so stolz auf ihn warst."

Seine Augen waren klein wie bei einem Schwein, seine Nase war ungeheuer groß und hing über Mund und Kinn herunter, der Hals schien gänzlich weggenommen, denn sein Kopf stak tief in den Schultern, und nur mit den größten Schmerzen konnte er ihn nach rechts und links drehen. Sein Körper war nicht, wie bei andern Knaben, in die Höhe gewachsen, sondern vielmehr gestaucht worden. Der Rücken und die Brust waren weit ausgewölbt und anzusehen wie ein prall gefüllter Sack. Der dicke Oberleib saß auf kurzen, dünnen Beinchen, die ihrer Last nicht gewachsen schienen. Aber um so länger waren die Arme, die ihm am Leib herabhingen wie volle Schläuche und in Händen endigten, die grob und bräunlichgelb waren, mit langen, spinnenhaften Fingern; und wenn er sie ausstreckte, konnte er damit bis auf den Boden reichen, ohne daß er sich bückte. So sah er aus, der kleine Jakob: zum missgestalteten Zwerg war er geworden!

Jetzt gedachte er auch jenes Morgens, an welchem das alte Weib an den Stand seiner Mutter getreten war. Alles, worüber er damals bei ihr gespottet hatte, die lange Nase, die hässlichen Finger, der krumme Rücken, all das hatte sie ihm verpasst, und nur den langen, zittrigen Hals hatte sie weggelassen.

"Nun, habt Ihr Euch genug beschaut, mein Prinz?" sagte der Barbier, indem er zu ihm trat und ihn belächelte. "Wahrlich, so ungeheurlich würde man wohl nicht einmal im Traum erscheinen. Doch ich will Euch einen Vorschlag machen, kleiner Mann. Mein Barbierzimmer war bisher immer gut besucht, aber seit neuestem nicht so, wie ich mir wünschte. Das kommt daher, weil mein Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen langen Neger aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt.

Nun, ein Neger zu sein ist gerade keine Kunst, und ich habe gehört, daß es in Afrika unzählige davon gibt. Aber so ein Zwerg wie Ihr, ja, das ist ein ganz außergwöhnliches und seltenes Ding. Tretet bei mir in Dienst, Ihr sollt Wohnung, Essen, Trinken und Kleider haben; dafür stellt Ihr Euch morgens an meine Tür und ladet die Leute ein, hereinzukommen. Ihr schlagt den Seifenschaum, reicht den Kunden das Handtuch und seid versichert, wir stehen uns beide gut dabei: ich bekomme mehr Kunden als mein Nachbar, und Ihr bekommt noch ein Trinkgeld."

Der Kleine war in seinem Innern empört über den Vorschlag, als Lockvogel für einen Barbier zu dienen. Aber musste er sich nicht diesen Schimpf geduldig gefallen lassen? Er entgegnete dem Barbier ganz ruhig, daß er nicht Zeit habe zu dergleichen Diensten, und ging davon.

Hatte das böse alte Weib auch seine Gestalt verhunzt, so hatte sie doch seinem Geist nichts anhaben können, das spürte er wohl. Er dachte und fühlte nicht mehr wie vor sieben Jahren als Knabe; nein, er glaubte, in der Zwischenzeit verständiger geworden zu sein. Auch trauerte er eigentlich nicht um seine verlorene Schönheit und nicht über diese hässliche Gestalt, sondern nur darüber, daß er wie ein Hund von der Tür seines Vaters weggejagt wurde. Darum beschloss er, noch einen weiteren Versuch bei seiner Mutter zu machen.

Er trat zu ihr auf den Markt und bat sie, ihn anzuhören. Er erinnerte sie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weib weggegangen war, er erinnerte sie an alle merkwürdigen Vorfälle seiner Kindheit, erzählte ihr dann, wie er sieben Jahre als Eichhörnchen bei der Fee gedient und wie sie ihn verunstaltet habe, weil er sie damals verspottet hat.

Die Frau des Schusters wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Alles traf zu, was er ihr von seiner Kindheit erzählte, aber wenn er davon sprach, daß er sieben Jahre lang ein Eichhörnchen gewesen sei, da sagte sie "Das ist ja lächerlich! Es gibt keine Feen." Und wenn sie ihn ansah, so verabscheute sie den hässlichen Zwerg und glaubte nicht, daß dies ihr Sohn sein könne. Endlich hielt sie es fürs beste, mit ihrem Manne darüber zu sprechen. Sie raffte also ihre Körbe zusammen und hieß ihn mitgehen. So kamen sie zum Laden des Schusters zurück.

"Sieh einmal", sprach sie zu ihrem Mann, "dieser Kobold will unser verlorener Jakob sein. Er hat mir alles erzählt: wie er uns vor sieben Jahren verlassen hat und wie er von einer Fee verzaubert worden sei."

"Ach ja?" unterbrach sie der Schuster zornig, "das hat er von sich behauptet? Der kleine Mistkerl! Das alles habe ich ihm vor kaum einer Stunde erzählt, und jetzt geht er hin und versucht dich damit zu täuschen! Verzaubert bist du worden, mein Söhnchen? Warte nur, ich will dich schon wieder entzaubern!" Dabei nahm er einen von den Lederriemen, die er eben zugeschnitten hatte, sprang auf den Kleinen zu und schlug ihn auf den Buckel und auf die langen Arme, daß der Kleine vor Schmerz aufschrie und weinend davonlief.

In jener Stadt gab es, wie überall, nur wenige mitleidige Seelen, die einem Unglücklichen, der zugleich etwas Lächerliches an sich trägt, helfen. Daher kam es, daß der unglückliche Zwerg den ganzen Tag ohne Speise und Trank blieb und abends die Treppen einer Kirche, so hart und kalt sie waren, zum Nachtlager wählen musste.

Als ihn aber am nächsten Morgen die ersten Strahlen der Sonne weckten, da dachte er ernstlich darüber nach, wie er sein Leben fristen könne, da ihn Vater und Mutter verstoßen. Er fühlte sich zu stolz, um als Aushängeschild eines Barbiers zu dienen, er wollte nicht zu einem Possenreißer sich verdingen und sich für Geld angaffen lassen. Was sollte er aber stattdessen anfangen? Da besann er sich darauf, daß er einmal ein tüchtiger Küchenmeister gewesen war; er glaubte nicht ohne Grund hoffen zu dürfen, daß er es mit manchem Koch aufnehmen könne, und so beschloss er, sein Talent zu nutzen.

Sobald es daher lebhafter wurde auf den Straßen, und der Morgen ganz heraufgekommen war, ging er zuerst in die Kirche und verrichtete sein Gebet. Dann trat er seinen Weg an. Der Herzog, der Herr des Landes, war ein bekannter Feinschmecker und Schlemmer, der eine gute Tafel liebte und seine Köche aus aller Herrenländer zu sich geholt hatte. In dessen Palast begab sich der Kleine jetzt.

Als er an die äußerste Pforte kam, fragten die Türhüter nach seinem Begehr und trieben ihren Spott mit ihm, er aber verlangte nach dem Oberküchenmeister. Sie lachten und führten ihn durch die Vorsäle, und wo er hinkam, blieben die Diener stehen, amüsierten sich über ihn und liefen hinterher, denn jeder wollte sehen, wie es diesem hässlichen Zwerg erginge. So wuchs nach und nach ein ungeheurer Zug von Dienern aller Art heran, der sich durch den Palast wälzte.

Die Stallknechte warfen die Mistgabel hin, die Dienstmädchen legten die Wäsche beiseite, die Fensterputzer kletterten von der Leiter herab, und die Wachtleute verließen ihren Posten. Alles drängte und schob, es war ein Gewimmel, als wäre der Feind vor den Toren, und das Geschrei: "Ein Zwerg, ein Zwerg! Habt ihr den Zwerg gesehen?" schallte durch die Luft.

Da erschien der Aufseher des Hauses mit grimmigem Gesicht, eine ungeheure Peitsche in der Hand. "In drei Teufels Namen, ihr Hunde, was macht ihr solchen Lärm! Wisst ihr nicht, daß der Herr noch schläft?" Und dabei schwang er die Geißel und ließ sie unsanft auf den Rücken einiger Stallknechte und Türsteher niederfallen. "Ach, Herr", riefen sie, "seht Ihr denn nicht? Da bringen wir einen Zwerg, einen Zwerg, wie Ihr noch keinen gesehen habt."

Der Aufseher zwang sich mit Mühe, ein Lachen zu unterdrücken, als er des Kleinen ansichtig wurde; denn er fürchtete, dadurch seiner Würde zu schaden. Er trieb daher mit der Peitsche die übrigen zurück, führte den Kleinen hinein und fragte nach seinem Begehr. Als er hörte, jener wolle zum Küchenmeister, erwiderte er "Du irrst dich, mein Söhnchen; zu mir, dem Aufseher des Hauses, willst du; du willst Leibzwerg und Hofnarr werden beim Herzog; ist es nicht so?"

"Mitnichten", antwortete der Zwerg. "Ich bin ein geschickter Koch und erfahren in der Zubereitung allerlei seltener Speisen. Ihr sollt mich zum Oberküchenmeister bringen, vielleicht kann er meine Kunst brauchen."

"Jeder nach seinem Willen, kleiner Mann. Aber du bist doch ein unbesonnener Junge. Als Zwerg hättest du keine Arbeit gehabt und Essen und Trinken nach Herzenslust, und schöne Kleider dazu. Doch deine Kochkünste werden schwerlich für einen Leibkoch des Herzogs ausreichen; und zum Küchenjungen bist du andererseits zu gut." Bei diesen Worten nahm ihn der Aufseher des Palastes bei der Hand und führte ihn in die Gemächer des Oberküchenmeisters.

"Gnädiger Herr", sprach dort der Zwerg und verbeugte sich so tief, daß er mit der Nase den Fußboden berührte, "braucht Ihr einen geschickten Koch?" Der Oberküchenmeister betrachtete ihn verwundert, brach dann in lautes Lachen aus und sprach "Wie? Du bist ein Koch? Meinst du, unsere Herde sind so niedrig, daß du auf die Töpfe und Pfannen blicken könnest? Wenn du dich auch auf die Zehen stellst und den Kopf hinaufstreckst, so reichst du doch nicht mal bis ans Feuerloch heran. Oh, mein lieber Kleiner! Wer immer dich zu mir geschickt hat, dich als Koch zu verdingen, der hat dich zum Narren gehabt." So sprach der Oberküchenmeister und lachte laut, und mit ihm lachten der Aufseher des Palastes und alle, die im Zimmer waren.

Der Zwerg aber ließ sich dadurch nicht einschüchtern. "Was liegt an einem Ei oder zweien, an ein wenig Sirup und Wein, an Mehl und Gewürzen in einem Hause, wo man dessen genug hat?" sprach er. "Was meinst du damit?" fragte der Oberküchenmeister erstaunt, und der Kleine entgegnete "So stellt mich auf die Probe! Fordert irgendeine leckere Speise von mir, schafft herbei, was ich dazu brauche, und sie soll vor Euren Augen bereitet sein, und Ihr sollt sagen: er ist wahrhaftig ein Koch nach Regel und Recht." So sprach der Kleine, und es war seltsam anzuschauen, wie es dabei aus seinen Äuglein hervorblitzte, wie die lange Nase auf und ab wippte und die dünnen Spinnenfinger durch die Luft huschten.

"Wohlan", rief der Küchenmeister, und der Aufseher des Palastes nickte zustimmend und sagte "Und sei es um des Spaßes willen; lasst uns in die Küche gehen!" Sie gingen durch mehrere Säle und Gänge und kamen endlich in die Küche.

Es war dies ein großes Gemach, herrlich eingerichtet. In zwanzig Herden brannten Feuer, die niemals erloschen. Mitten durch den Raum zog sich ein Becken aus weißem Marmor, in dem ein klares Wässerchen dahinfloss, aus dem man schöpfen konnte. Zu beiden Seiten standen lange und breite Tische, unter denen Töpfe und Pfannen, Schüsseln und Kannen aller Größen griffbereit verstaut waren, und darüber, an einer Reihe von fünfhundert Haken, hingen alle Gerätschaften, die irgendjemals in einer Küche Verwendung finden können.

Zur Rechten und Linken waren weitere zehn Räume, wo in Regalen bis an die Decke, in Schränken und in Kisten, in Säcken und Körben die Vorräte gelagert waren. Darunter waren auch Köstlichkeiten aus dem Morgenland und von fernen Inseln, und manches Gewürz war in einer Truhe verschlossen, denn es war so wertvoll wie Edelstein. Die Zutaten aber, die man ständig zur Hand haben musste, Salz und Pfeffer, Butter und Öl, Mehl und Zucker, die lagen gleich vorne an.

Küchenjungen und Mägde ohne Zahl liefen umher und hantierten mit Kesseln und Pfannen, mit Gabeln und Schaumlöffeln; als aber der Oberküchenmeister die Küche betrat, bewegten sie sich noch emsiger, und sogar das Feuer im Herd loderte auf.

"Was hat der Herr heute zum Frühstück befohlen?" fragte der Meister den ersten Frühstücksmacher, einen alten Koch mit einer schneeweißen Schürze. "Eine Dänische Suppe hat er geruht zu speisen und dazu Rote Hamburger Klößchen."

"Gut", sagte der Küchenmeister und wandte sich an den Kleinen, "du hast es gehört, was der Herr haben will? Traust du dir zu, diese schwierigen Speisen zu bereiten? Die Klößchen kriegst du auf keinen Fall hin, denn das ist ein Geheimrezept."

"Nichts leichter als das", erwiderte der Zwerg, und alle sahen ihn erstaunt an. "Man gebe mir zu der Suppe die und die Kräuter, dies und jenes Gewürz, Fett von einem wilden Schwein, Wurzeln und Eier. Zu den Klößchen aber", sprach er leiser, daß es nur der Küchenmeister und der Frühstücksmacher hören konnten, "brauche ich viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz, Ingwer und ein gewisses Kraut, das man Magentrost nennt."

"Beim Sankt Benedikt! Bei welchem Zauberer hast du das gelernt?" rief der Koch. "Alles bis auf ein Haar hat er richtig genannt, und dieses Kräutlein Magentrost haben wir selbst noch nicht gewusst; in der Tat, das muss es noch angenehmer machen. Oh, du Wunderzwerg!"

"Das hätte ich nicht gedacht", sagte der Oberküchenmeister vorsichtig, "doch lassen wir ihn erst die Probe machen; gebt ihm die Sachen, die er verlangt, stellt Geschirr und alles andere bereit, und befolgt seine Anweisungen."

Man tat, wie er befohlen, und richtete alles auf dem Herde an, aber da zeigte es sich, daß der Zwerg kaum mit der Nase bis hinauf reichte. Man stellte daher zwei Schemel davor, legte ein dickes Brett darüber und hob dem Kleinen drauf, und so konnte er sein Kunststück beginnen.

Im großen Kreis standen die Köche, Küchenjungen, Diener und allerlei Volk um ihn herum und sahen zu und staunten, wie ihm alles so flink und fertig von der Hand ging, wie er alles so reinlich und niedlich bereitete. Als er mit der Zubereitung fertig war, befahl er, beide Schüsseln ans Feuer zu setzen und genau so lange kochen zu lassen, bis er rufen werde. Dann fing er an zu zählen, eins, zwei, drei und so fort, und als er bis fünfhundert gezählt hatte, rief er "Halt!" Die Töpfe wurden vom Herd genommen, und der Kleine lud den Küchenmeister ein, zu kosten.

Der Mundkoch ließ sich von einem Küchenjungen einen silbernen Löffel reichen, spülte ihn im Bach und überreichte ihn dem Oberküchenmeister. Dieser trat mit feierlicher Miene an den Herd, nahm von den Speisen, kostete, drückte die Augen zu, schnalzte vor Vergnügen mit der Zunge und sprach dann "Köstlich, bei des Herzogs Leben, köstlich! Wollt Ihr nicht auch ein Löffelchen probieren, Aufseher des Palastes?"

Dieser verbeugte sich, nahm den Löffel, versuchte und war vor Vergnügen und Lust außer sich. "Eure Kunst in Ehren, lieber Frühstücksmacher, Ihr seid ein erfahrener Koch, aber so herrlich habt Ihr bislang weder die Suppe noch die Hamburger Klöße machen können!"

Auch der Koch kostete jetzt, klopfte dann dem Zwerg anerkennend auf die Schulter und sagte "Kleiner! Du bist ein Meister in der Kunst, und das Kräutlein Magentrost, das gibt allem eine ganz besondere Note."

In diesem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in die Küche und berichtete, daß der Herr das Frühstück verlange. Die Speisen wurden nun auf silberne Platten gelegt und dem Herzog zugeschickt; der Oberküchenmeister aber nahm den Kleinen mit in sein Zimmer und unterhielt sich mit ihm. Kaum waren sie aber halb so lange da, als man ein Paternoster spricht (es ist dies das Gebet der Franken, mein Herr, und dauert nicht halb so lange wie das Gebet der Muslimen), so kam schon ein Bote und rief den Oberküchenmeister zum Herrn. Er kleidete sich schnell in sein Festkleid und folgte dem Boten.

Der Herzog sah sehr vergnügt aus. Er hatte alles aufgezehrt, was ihm auf den silbernen Platten serviert worden war, und wischte sich eben den Bart ab, als der Oberküchenmeister eintrat. "Höre, Küchenmeister", sprach er, "ich bin mit deinen Köchen bisher immer sehr zufrieden gewesen; aber sage mir, wer hat heute mein Frühstück bereitet? So köstlich war es nie, seit ich auf dem Thron meiner Väter sitze; sage an, wie er heißt, der Koch, daß wir ihm einige Dukaten als Geschenk geben."

"Herr, das ist eine wunderbare Geschichte", antwortete der Oberküchenmeister und erzählte, wie man ihm heute früh einen Zwerg gebracht, der durchaus Koch werden wollte und wie sich dies alles begeben habe. Der Herzog war höchst verwundert, ließ den Zwerg zu sich rufen und fragte ihn aus, wer er sei und woher er komme. Da konnte nun der arme Jakob freilich nicht sagen, daß er verzaubert worden sei und früher als Eichhörnchen gedient habe; doch blieb er bei der Wahrheit, indem er erzählte, er sei jetzt ohne Vater und Mutter und habe bei einer alten Frau kochen gelernt. Der Herzog fragte nicht weiter, sondern ergötzte sich an der sonderbaren Gestalt seines neuen Kochs.

"Willst du bei mir bleiben", sprach er, "so will ich dir jährlich fünfzig Dukaten, ein Festkleid und überdies noch zwei Paar Beinkleider reichen lassen. Dafür musst du aber täglich mein Frühstück selbst bereiten, musst festlegen, wie das Mittagessen gemacht werden soll, und dich überhaupt meiner Küche annehmen. Da jeder in meinem Palast seinen eigenen Namen von mir empfängt, so sollst du Nase heißen und die Würde eines Unterküchenmeisters bekleiden."

Der Zwerg Nase fiel nieder vor dem mächtigen Herzog in Frankenland, küsste ihm die Füße und versprach, ihm treu zu dienen.

So war nun der Kleine fürs erste versorgt, und er machte seinem Amt alle Ehre. Man kann sagen, daß der Herzog ganz neue Manieren bekam, während der Zwerg Nase sich in seinem Hause aufhielt. Sonst hatte es ihm oft beliebt, die Schüsseln oder Platten, die man ihm auftrug, den Köchen an den Kopf zu werfen; ja, dem Oberküchenmeister selbst warf er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfuß, der nicht weich genug geworden war, so heftig an die Stirn, daß er umfiel und drei Tage im Bett liegen musste.

Der Herzog machte zwar, was er im Zorn getan, durch einige Hände voll Dukaten wieder gut, aber dennoch war nie ein Koch ohne Zittern und Zagen mit den Speisen zu ihm gekommen. Seit der Zwerg im Hause war, schien alles wie durch Zauber verwandelt. Der Herr aß jetzt statt dreimal des Tages fünfmal, um sich an der Kunst seines kleinsten Dieners recht zu laben, und dennoch verzog er nie eine Miene zum Unmut. Nein, er fand alles neu, trefflich, war leutselig und angenehm - und wurde von Tag zu Tag fetter.

Oft ließ er mitten in der Mahlzeit den Küchenmeister und den Zwerg Nase rufen, setzte den einen rechts, den anderen links zu sich und schob ihnen mit seinen eigenen Fingern einige Bissen der köstlichsten Speisen in den Mund, eine Gnade, welche sie beide wohl zu schätzen wussten.

Der Zwerg war das Wunder der Stadt. Man erbat sich flehentlich Erlaubnis vom Oberküchenmeister, dem Zwerg beim Kochen zuzusehen, und einige der vornehmsten Männer hatten es so weit gebracht, daß ihre Diener in der herzoglichen Küche Unterrichtsstunden beim Zwerg genießen durften, was nicht wenig Geld eintrug; denn jeder zahlte dafür täglich einen halben Dukaten. Und um die übrigen Köche bei guter Laune zu erhalten und sie nicht neidisch auf ihn zu machen, überließ ihnen Zwerg Nase dieses Geld, das die Herren für den Unterricht zahlen mussten.

So lebte Zwerg Nase beinahe zwei Jahre in Wohlstand und Ansehen, und nur der Gedanke an seine Eltern betrübte ihn gelegentlich. Da geschah folgendes: Der Zwerg Nase war besonders geschickt und glücklich in seinen Einkäufen. Daher ging er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, immer selbst auf den Markt, um Geflügel und Früchte einzukaufen.

Eines Morgens ging er auch auf den Gänsemarkt und forschte nach schweren, fetten Gänsen, wie sie der Herzog liebte. Er war schon einigemal auf und ab gegangen auf der Suche nach den besten Vögeln. Seine Gestalt, weit entfernt, hier Lachen und Spott zu erregen, gebot Ehrfurcht; denn man erkannte ihn als den berühmten Leibkoch des Herzogs, und jede Gänsefrau fühlte sich glücklich, wenn er ihr die Nase zuwandte.

Da sah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke eine Frau sitzen, die auch Gänse feilbot, aber nicht wie die anderen Marktfrauen ihre Ware lauthals anpries. Zu dieser trat er und maß und wog ihre Gänse. Sie waren, wie er sie wünschte, und er kaufte drei samt dem Käfig, lud sie auf seine breiten Schultern und trat den Rückweg an.

Da kam es ihm sonderbar vor, daß nur zwei von diesen Gänsen schnatterten und schrien, wie rechte Gänse zu tun pflegen, die dritte aber ganz still und in sich gekehrt dasaß und Seufzer ausstieß und ächzte wie ein Mensch. "Die ist halbkrank", sprach er vor sich hin, "ich muss mich beeilen, daß ich sie umbringe und zurichte." Aber die Gans, als hätte sie gehört, was er gesagt, antwortete ganz deutlich "Stichst du mich, so beiß' ich dich. Drückst du mir die Kehle ab, bring' ich dich ins frühe Grab!"

Ganz erschrocken setzte der Zwerg Nase den Käfig nieder, und die Gans sah ihn mit schönen, klugen Augen an und seufzte. "Potztausend!" rief Nase, "sie kann wahrhaftig sprechen! Das hätte ich nicht gedacht. Na, sei nur nicht ängstlich, Jungfer Gans! Man weiß zu leben und wird einem so seltenen Vogel nicht zu Leibe gehen. Aber ich wollte wetten, du bist nicht von jeher in diesen Federn gewesen. War ich ja selbst einmal ein schnödes Eichhörnchen."

"Du hast recht", erwiderte die Gans, "wenn du sagst, ich sei nicht in dieser schmachvollen Gestalt geboren worden. Ach, an meiner Wiege wurde es mir nicht gesungen, daß Mimi, des großen Wetterbocks Tochter, dereinst in der Küche eines Herzogs getötet werden soll!"

"Sei doch ruhig, Jungfer Mimi", tröstete sie der Zwerg. "So wahr ich ein ehrlicher Kerl und Unterküchenmeister Seiner Durchlaucht bin, es soll dir keiner an die Kehle. Ich will dir in meinen eigenen Gemächern einen Stall einrichten, Futter sollst du genug haben, und meine freie Zeit werde ich der Unterhaltung mit dir widmen; den übrigen Küchenleuten werde ich sagen, daß ich eine Gans mit allerlei besonderen Kräutern für den Herzog mäste, und sobald du es verlangst, setze ich dich in Freiheit."

Die Gans dankte ihm mit Tränen; der Zwerg aber tat, wie er versprochen, schlachtete die zwei anderen Gänse, für Mimi aber baute er einen eigenen Stall unter dem Vorwand, sie für den Herzog ganz besonders zuzurichten. Er gab ihr auch kein gewöhnliches Gänsefutter, sondern versorgte sie mit Backwerk und süßen Speisen.

So oft er freie Zeit hatte, ging er hin, sich mit ihr zu unterhalten und sie zu trösten. Sie erzählten sich auch gegenseitig ihre Geschichten, und Zwerg Nase erfuhr, daß die Gans eine Tochter des Zauberers Wetterbock sei, der auf der Insel Gotland lebe. Er sei in Streit geraten mit einer alten Fee, die ihn durch Ränke und List überwunden und sie zur Rache in eine Gans verwandelt und weit hinweg bis hierher gebracht habe.

Als der Zwerg Nase ihr seine Geschichte ebenfalls erzählt hatte, sprach sie "Ich bin nicht unerfahren in diesen Sachen. Mein Vater hat mir und meinen Schwestern einige Anleitung gegeben, so viel er nämlich davon mitteilen durfte. Die Geschichte mit dem Streit am Kräuterkorb, deine plötzliche Verwandlung, als du an jenem Kräutlein geschnuppert hast, auch einige Worte der Alten, wie du sie mir wiedergegeben hast, deuten darauf hin, daß du auf Kräuter verzaubert bist, das heißt, wenn du das Kraut findest, das die Fee bei deiner Verzauberung gebraucht hat, so kannst du erlöst werden." Es war dies nur ein schwacher Trost für den Kleinen, denn wo sollte er das Kraut finden? Doch dankte Mimi für ihre Auskunft.

Um diese Zeit bekam der Herzog Besuch von einem benachbarten Fürsten, seinem Freunde. Er rief daher Zwerg Nase zu sich und sprach "Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du zeigen musst, ob du mir treu dienst und Meister deiner Kunst bist. Dieser Fürst, der bei mir zu Besuch ist, speist bekanntlich außer mir am besten und ist ein großer Kenner einer feinen Küche und ein weiser Mann obendrein. Sorge nun dafür, daß meine Tafel täglich so besorgt werde, daß er immer mehr in Erstaunen gerät. Dabei darfst du, bei meiner Ungnade, so lange er da ist, keine Speise zweimal bringen. Dafür kannst du dir von meinem Schatzmeister alles reichen lassen, was du nur brauchst. Und wenn du Gold und Diamanten in Schmalz baden musst so tu es! Ich will lieber ein armer Mann werden, als mich vor ihm blamieren."

So sprach der Herzog. Der Zwerg aber sagte, indem er sich artig verbeugte "Es sei, wie du sagst, oh Herr! So es Gott gefällt, werde ich alles so machen, daß es diesem Fürsten der Feinschmecker wohlgefällt."

Der kleine Koch besann sich nun auf seine ganze Kunst. Er schonte die Schätze seines Herrn nicht, noch weniger aber sich selbst. Denn man sah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingehüllt, und seine Stimme hallte beständig durch das Gewölbe der Küche; denn er befahl als Herrscher den Küchenjungen und allen niederen Köchen.

Mein Herr, ich könnte es machen wie die Kameltreiber von Aleppo, wenn sie in ihren Geschichten, die sie erzählen, die Menschen so ausgiebig speisen lassen. Sie reden eine ganze Stunde lang über all die Gerichte, welche aufgetragen wurden, und erwecken dadurch großes Staunen und noch größeren Hunger in ihren Zuhörern, so daß diese unwillkürlich ihre Proviantsäcke öffnen und Mahlzeit halten und den Kameltreibern reichlich davon abgeben. Aber ich bin kein Kameltreiber und deshalb erzähle ich meine Geschichte gleich weiter.

Der fremde Fürst war schon vierzehn Tage beim Herzog und lebte herrlich und in Freuden. Sie speisten des Tages nicht weniger als fünfmal, und der Herzog war zufrieden mit der Kunst des Zwerges; denn er sah Zufriedenheit auf der Stirne seines Gastes. Am fünfzehnten Tage aber begab es sich, daß der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen ließ, ihn seinem Gast, dem Fürsten, vorstellte und diesen fragte, wie er mit dem Zwerg zufrieden sei.

"Du bist ein wunderbarer Koch", antwortete der fremde Fürst, "und weißt, was anständig essen heißt. Du hast in der ganzen Zeit, da ich hier bin, nicht eine einzige Speise wiederholt und alles trefflich bereitet. Aber sage mir doch, warum bringst du so lange nicht die Königin der Speisen, die Pastete Souzeraine?"

Der Zwerg war sehr erschrocken, denn er hatte von dieser Pastete nie gehört. Doch fasste er sich und antwortete "Oh Fürst! Noch lange, hoffte ich, sollte dein Angesicht leuchten während deines Aufenthalts an diesem Hofe, darum wartete ich mit dieser Speise, denn womit anders sollte dich denn mein Herr am Tag deiner Abreise verabschieden, als mit der Königin der Pasteten?"

"So?" entgegnete der Herzog lachend. "Und bei mir wolltest du wohl warten bis an meinen Tod, um mich dann damit zu überraschen? Denn auch mir hast du die Pastete noch nie vorgesetzt. Doch nun säume nicht länger! Morgen musst du die Pastete auf die Tafel setzen."

"Es sei, wie du sagst, Herr", antwortete der Zwerg und ging. Aber er ging nicht vergnügt, denn der Tag seiner Schande und seines Unglücks war gekommen. Er wusste nicht, wie er die Pastete machen sollte. Er ging daher in seine Kammer und weinte über sein Schicksal.

Da kam die Gans Mimi, die in seinem Gemach umhergehen durfte, an ihn heran und fragte ihn nach der Ursache seines Kummers. "Hör auf zu jammern", antwortete sie, als er ihr von der Pastete Souzeraine berichtet hatte, "dieses Gericht kam oft auf meines Vaters Tisch, und ich weiß ungefähr, was man dazu braucht; du nimmst dies und jenes, so und so viel, und wenn es auch nicht durchaus alles ist, was eigentlich dazu nötig, die Herren werden keinen so feinen Geschmack haben, daß sie es merken."

So sprach Mimi. Zwerg Nase aber sprang auf vor Freude, segnete den Tag, an welchem er die Gans gekauft hatte, und schickte sich an, die Königin der Pasteten anzurichten. Er machte zuerst einen kleinen Versuch, und siehe, es schmeckte vortrefflich, und der Oberküchenmeister, dem er davon zu kosten gab, pries aufs neue seine außergewöhnliche Kunst.

Den anderen Tag setzte er die Pastete in größerer Form auf und schickte sie warm, wie sie aus dem Ofen kam, nachdem er sie mit Blumenkränzen geschmückt hatte, auf die Tafel. Er selbst aber zog sein bestes Festkleid an und ging in den Speisesaal. Als er eintrat, war der Obervorschneider gerade damit beschäftigt, die Pastete zu zerschneiden und auf einem silbernen Tellerchen dem Herzog und seinem Gaste zu reichen. Der Herzog tat einen tüchtigen Biss hinein, schlug die Augen auf zur Decke und sprach, nachdem er geschluckt hatte "Ah, ah, ah! Mit Recht nennt man dies die Königin der Pasteten. Aber mein Zwerg Nase ist auch der König aller Köche! Nicht wahr, lieber Freund?"

Der Gast nahm einige kleine Bissen zu sich, kostete und prüfte aufmerksam und lächelte dabei höhnisch und geheimnisvoll. "Das Ding ist recht artig gemacht", antwortete er, indem er den Teller wieder hinstellte, "aber die Souzeraine ist denn doch nicht ganz so, wie ich sie mir gedacht hatte."

Da runzelte der Herzog vor Unmut die Stirn und errötete vor Beschämung. "Hund von einem Zwerg!" rief er, "wie wagst du es, deinem Herrn dies anzutun? Soll ich dir deinen großen Kopf abhacken lassen zur Strafe für deine schlechte Kocherei?"

"Ach, Herr! Um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch zubereitet nach den Regeln der Kunst, es kann gewiss nichts fehlen", sprach der Zwerg und zitterte. "Du lügst!" versetzte der Herzog und stieß ihn mit einem Fußtritt von sich. "Dann würde mein Gast nicht sagen, es fehle ihr etwas. Dich selbst will ich zerhacken und in eine Pastete backen lassen!"

"Habe Mitleid, oh Herr!" rief der Kleine und rutschte auf den Knien zu dem Gast, dessen Füße er umfasste. "Sagt, was fehlt in dieser Speise, daß sie Eurem Gaumen nicht zusagt? Lasst mich nicht sterben wegen einer Handvoll Fleisch und Mehl."

"Das wird dir wenig helfen, Zwerg Nase", antwortete der Fremde mit Lachen, "das habe ich mir schon gestern gedacht, daß du diese Speise nicht machen kannst wie mein Koch . Wisse, es fehlt ein Kräutlein, das man hierzulande gar nicht kennt, das Kraut Niesmitlust, ohne dieses Kraut bleibt die Pastete ohne Würze, und dein Herr wird sie nie so essen können wie ich."

Da geriet der Herrscher von Frankistan in Wut. "Und doch werde ich sie so essen", rief er mit funkelnden Augen, "denn ich schwöre bei meiner fürstlichen Ehre: Entweder zeige ich Euch morgen die Pastete, wie Ihr sie verlangt, oder den Kopf dieses Burschen, aufgespießt vor dem Tor meines Palastes. Geh', du Hund, ich gebe dir genau vierundzwanzig Stunden Zeit."

So sprach der Herzog. Zwerg Nase aber ging weinend in sein Kämmerlein und klagte der Gans sein Schicksal und daß er sterben müsse, denn von dem Kraut habe er nie gehört . "Ist es nur dies", sprach sie, "da kann ich dir schon helfen, denn mein Vater lehrte mich alle Kräuter kennen. Wohl wärest du vielleicht zu einer andern Zeit des Todes gewesen, aber glücklicherweise ist es gerade Neumond, und um diese Zeit blüht das Kräutlein. Doch, sage an, sind alte Kastanienbäume in der Nähe des Palastes?"

"Allerdings", erwiderte Zwerg Nase und schöpfte Hoffnung, "am See, zweihundert Schritte vom Haus, steht eine ganze Gruppe, doch warum Kastanien?" "Nur am Fuße alter Kastanien blüht das Kräutlein", sagte Mimi, "darum lass uns keine Zeit versäumen und suchen, was du brauchst, nimm mich auf deinen Arm und setze mich im Freien ab, ich will es dir suchen."

Er tat, wie sie gesagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palastes. Dort aber hielt ihnen der Türhüter das Gewehr vor und sprach "Mein guter Zwerg Nase, mit dir ist's vorbei, aus dem Hause darfst du nicht, ich habe den strengsten Befehl, es zu verhindern."

"Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen?" erwiderte der Zwerg. "Sei so gut und schicke einen deiner Gesellen zum Aufseher des Palastes und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kräuter suchen dürfe?" Der Türhüter tat also, und es wurde erlaubt, denn der Garten hatte hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu denken.

Als aber Zwerg Nase mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war, setzte er sie behutsam nieder, und sie watschelte schnell vor ihm her zu der Stelle, wo die Kastanien standen. Er folgte ihr nur mit beklommenem Herzen, denn es war ja seine letzte Rettung; fand sie das Kräutlein nicht, so stand sein Entschluss schon fest: er stürzte sich dann lieber in den See, als daß er sich köpfen ließe.

Die Gans suchte vergebens unter allen Kastanien, sie wandte mit dem Schnabel jedes Gräschen um, es wollte sich nichts zeigen, und sie fing aus Mitleid und Angst an zu zittern und zu weinen, denn schon neigte sich der Tag dem Ende, es wurde dunkler und dunkler und alles umher war nur noch schwer zu erkennen.

Da fiel der Blick des Zwergs über den See hin und plötzlich rief er "Siehe, siehe, dort über dem See steht noch ein großer, alter Baum, lass uns dorthin gehen und suchen, vielleicht blüht dort mein Glück."

Die Gans hüpfte und flog voran, und er lief ihr nach, so schnell seine kleinen Beine konnten. Der Kastanienbaum warf einen großen Schatten, und es war dunkel umher, fast war nichts mehr zu unterscheiden. Aber da blieb die Gans plötzlich stehen, schlug vor Freude mit den Flügeln, fuhr dann schnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pflückte etwas ab, das sie dem Zwerg Nase mit dem Schnabel überreichte und sprach "Das ist das Kräutlein Niesmitlust, und hier wächst eine Menge davon, so daß es dir nie daran fehlen kann."

Der Zwerg betrachtete das Kraut, die Stengel, die Blätter waren bläulichgrün, sie trugen eine brennend rote Blume mit gelbem Rand. Ein süßer Duft entströmte daraus, der ihn unwillkürlich an jenen Augenblick seiner Verwandlung erinnerte.

"Gelobt sei Gott!" rief er endlich aus. "Welches Wunder! Wisse, ich glaube, es ist dies dasselbe Kraut, das mich in diese schändliche Gestalt verwandelte, soll ich einen Versuch wagen?"

"Noch nicht", sagte die Gans. "Nimm von diesem Kraut eine Handvoll mit, lass uns in dein Zimmer gehen und dein Geld, und was du sonst hast, zusammenraffen, und dann wollen wir die Kraft des Krautes versuchen!" Sie taten also und gingen in seine Kammer zurück, und das Herz des Zwerges pochte hörbar vor Erregung. Nachdem er fünfzig oder sechzig Dukaten, die er erspart hatte, einige Kleider und Schuhe zusammen in ein Bündel geknüpft hatte, sprach er "So es Gott gefällig ist, werde ich diese Bürde loswerden", steckte seine Nase tief in die Kräuter und sog ihren Duft ein.

Da ruckte und knackte es in allen seinen Gliedern, er fühlte, wie sich sein Kopf aus den Schultern heraus schob, er schielte herab auf seine Nase und sah sie kleiner und kleiner werden, sein Rücken und seine Brust fingen an, sich zu ebnen, und seine Beine wurden länger. Die Gans sah mit Erstaunen diesem allem zu. "Ha! Was bist du groß, was bist du schön!" rief sie. "Gott sei gedankt, es ist nichts mehr an dir von allem, was du vorher warst."

Da freute sich Jakob sehr, und er faltete die Hände und betete. Aber seine Freude ließ ihn nicht vergessen, welchen Dank er der Gans schuldig sei. Zwar drängte es ihn, sofort davonzueilen und zu seinen Eltern zurückzukehren, doch beherrschte er sich aus Dankbarkeit und sprach "Wem anders als dir habe ich es zu danken, daß ich mir selbst wiedergeschenkt bin? Ohne dich hätte ich dieses Kraut nimmer gefunden, hätte also ewig in jener Gestalt bleiben oder vielleicht gar unter dem Beil des Henkers sterben müssen. Wohlan, ich will es dir vergelten. Ich will dich zu deinem Vater bringen; er, der erfahren ist in jedem Zauber, wird dich leicht wieder entzaubern können." Die Gans vergoss Freudentränen und nahm sein Anerbieten an. Jakob gelangte heil und unbemerkt mit der Gans aus dem Palast und machte sich auf den Weg nach dem Meeresstrand, Mimis Heimat, zu.

Was soll ich noch weiter erzählen, als daß sie ihre Reise glücklich vollendeten, daß Wetterbock seine Tochter entzauberte und den Jakob, mit Geschenken beladen, entließ, daß er in seine Vaterstadt zurückkam und daß seine Eltern in dem schönen jungen Mann mit Freude ihren verlorenen Sohn erkannten, daß er von den Geschenken, die er von Wetterbock mitbrachte, sich einen Laden kaufte und reich und glücklich wurde!

Nur so viel will ich noch hinzufügen: daß nach seiner Entfernung aus dem Palaste des Herzogs große Unruhe entstand, denn als am andern Tag der Herzog seinen Schwur erfüllen und dem Zwerg, wenn er die Kräuter nicht gefunden hätte, den Kopf abschlagen lassen wollte, war er nirgends zu finden.

Der Fürst aber behauptete, der Herzog habe ihn heimlich entkommen lassen, um sich nicht selbst seines besten Kochs zu berauben, und klagte ihn an, daß er wortbrüchig sei. Dadurch entstand denn ein schlimmer Krieg zwischen beiden Fürsten, der in der Geschichte unter dem Namen "Kräuterkrieg" wohlbekannt ist.

Es wurde manche Schlacht geschlagen, aber am Ende doch Frieden geschlossen, und diesen Frieden nennt man bei uns wiederum den "Pastetenfrieden", weil beim Versöhnungsfest durch den Koch des Fürsten die Souzeraine, die Königin der Pasteten, zubereitet wurde, welche sich der Herzog trefflich schmecken ließ.

So führen oft die kleinsten Ursachen zu großen Folgen; und dies, mein Herr, ist die Geschichte vom Zwerg Nase.



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