| Wilhelm Hauff |
| Zwerg Nase |
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Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, waren die Kaufleute davon sehr angetan. "Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns wie im Fluge vergangen", sagte einer und schlug die Decke des Zeltes zurück. "Der Abendwind weht kühl, und wir könnten noch eine gute Strecke Weg zurücklegen." Seine Gefährten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in derselben Ordnung, in welcher sie angekommen war, auf den Weg.
Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch; am Tag war es heiß gewesen, die Nacht aber war erquicklich und sternenklar. Sie kamen endlich an einen bequemen Lagerplatz, schlugen abermals die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr Gast wäre. Der eine gab ihm Kissen, der andere Decken, ein dritter ließ ihn durch seinen Sklaven bedienen, als ob sie zu Hause wären. Die Sonne schickte ihre sengende Glut herab, und sie beschlossen einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den ältesten und sprach "Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten Nachmittag bereitet. Wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen." Achmet schwieg nach dieser Aufforderung eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen. "Liebe Freunde! Ihr habt euch auf unserer Reise als treue Gefährten erwiesen, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst nicht jedem erzähle, nämlich die Geschichte von dem Zwerg Nase. Diejenigen irren sich, welche glauben, es habe nur zu Zeiten Haruns Al-Raschid, des Herrschers von Bagdad, Feen und Zauberer gegeben, oder die gar behaupten, jene Berichte von dem Treiben der Geister und ihrer Fürsten, welche man von den Erzählern auf den Märkten der Stadt hört, seien erfunden. Noch heute gibt es Feen und Dämonen, und es ist nicht so lange her, daß ich selbst Zeuge einer Begebenheit war, wo offenbar die Geister im Spiele waren, wie ich euch berichten werde. In einer bekannten Stadt meines lieben Vaterlandes Deutschland lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau recht und schlecht. Er saß bei Tag in seinem Laden und flickte Schuhe und Pantoffeln und machte wohl auch neue, wenn ihn einer damit beauftragte. Doch musste er dann das Leder erst einkaufen, denn er war arm und hatte keine Vorräte. Seine Frau verkaufte Gemüse und Früchte auf dem Markt, die sie in einem Gärtchen vor dem Tor pflanzte, und viele Leute kauften gerne bei ihr, weil sie sauber gekleidet und freundlich war und ihr Gemüse auf gefällige Art auszubreiten wusste. Die beiden Leutchen hatten einen schönen Knaben mit einem reizenden Gesicht, wohlgestaltet und für einen Zwölfjährigen schon ziemlich groß. Er saß für gewöhnlich bei der Mutter auf dem Gemüsemarkt; und den Frauen oder Köchen, die viel bei der Schustersfrau eingekauft hatten, trug er wohl auch einen Teil der Ware nach Hause, und selten kam er von einem solchen Gang zurück ohne eine schöne Blume oder Kuchen oder auch ein Geldstück; denn ihre Herrschaften sahen es gerne, wenn man den schönen Knaben mit nach Hause brachte, und beschenkten ihn immer reichlich. Eines Tages saß die Frau des Schusters wieder auf dem Markt, sie hatte vor sich einige Körbe mit Kohl und anderem Gemüse, allerlei Kräuter und Sämereien, auch in einem kleineren Korb frühreife Birnen, Äpfel und Aprikosen. Der kleine Jakob, so hieß der Knabe, saß neben ihr und pries mit heller Stimme die Waren an. "Hierher, ihr Leute, seht, welch schöner Kohl, wie wohlriechend diese Kräuter; frühe Birnen, ihr Frauen, frühe Äpfel und Aprikosen, wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil." So rief der Knabe. Da kam ein altes Weib über den Markt her; sie sah etwas zerlumpt und ärmlich aus, hatte ein kleines, spitzes Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen und eine lange, gebogene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte. Sie hielt sich an einem langen Stock, und doch konnte man nicht recht sagen, wie sie sich fortbewegte, denn sie hinkte und rutschte und wankte und holperte, und es war, als habe sie Räder an den Beinen und könnte alle Augenblicke umstürzen und mit der Nase aufs Pflaster fallen. Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Es waren jetzt schon bald sechzehn Jahre, daß sie fast täglich auf dem Markte stand, und nie hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt. Aber sie erschrak unwillkürlich, als die Alte auf sie zukam und vor ihren Körben stehenblieb. "Seid Ihr Hanne, die Gemüsehändlerin?" fragte das alte Weib mit unangenehmer, krächzender Stimme, indem sie unablässig mit dem Kopf hin und her wackelte. "Ja, die bin ich", antwortete die Schustersfrau, "kann ich Euch mit etwas dienen?" "Wollen sehen, wollen sehen! Kräutlein schauen, Kräutlein schauen, ob du hast, was ich brauche", antwortete die Alte, beugte sich über die Körbe und fuhr mit ihren dunklen, hässlichen Händen in den Kräuterkorb hinein, packte die Kräutlein, die so schön und zierlich ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, hielt sie dann eins um das andere an die lange Nase und beroch sie hin und her. Die Frau des Schusters wollte fast die Geduld verlieren, wie sie das alte Weib so mit ihren kostbaren Kräutern hantieren sah, aber sie wagte nichts zu sagen, denn es war das gute Recht des Kunden, die Ware zu prüfen, und überdies empfand sie ein sonderbares Grauen vor dem Weibe. Als jene den ganzen Korb durchgemustert hatte, murmelte sie "Schlechtes Zeug, schlechtes Kraut, nichts von dem, was ich suche, schlechtes Zeug, war viel besser vor fünfzig Jahren, schlechtes Zeug!" Solche Reden verdrossen nun den kleinen Jakob. "Höre, du bist ein unverschämtes, altes Weib", rief er zornig, "erst wühlst du mit deinen garstigen, braunen Fingern in den schönen Kräutern herum und drückst sie zusammen, dann hältst du sie an deine lange Nase, daß sie niemand mehr kaufen mag, der's gesehen hat, und jetzt schimpfst du noch unsere Ware schlechtes Zeug, und doch kauft selbst der Koch des Herzogs bei uns ein!" Das alte Weib schielte den aufmüpfigen Knaben an, lachte widerlich und sprach mit heiserer Stimme "Söhnchen, Söhnchen! Also gefällt dir meine Nase nicht, meine schöne lange Nase? Sollst auch eine haben mitten im Gesicht bis übers Kinn herab!" Während sie so sprach, humpelte sie zu dem andern Korb, in welchem Kohl ausgelegt war. Sie nahm die herrlichsten weißen Kohlhäupter in die Hand, drückte sie zusammen, daß sie ächzten, warf sie dann wieder in den Korb zurück und sprach auch hier "Schlechte Ware, schlechter Kohl!" "Wackel nur nicht so garstig mit dem Kopf herum", rief der Junge, "dein Hals ist ja so dünn wie ein Rharbarberstiel, der könnte leicht abbrechen, und dann fiele dein Kopf hinein in den Korb; wer wollte dann noch was daraus kaufen!" "Gefällt er dir nicht, mein dünner Hals?" murmelte die Alte lachend. "Sollst gar keinen haben, soll er in den Schultern stecken, dein Kopf, daß er nicht herunterfällt vom kleinen Körperlein." "Schwatzt doch nicht so törichtes Zeug mit dem Jungen", sagte endlich die Frau des Schusters im Unmut über das Gezeter und Gezänk der Alten, "wenn Ihr etwas kaufen wollt, so sputet Euch, Ihr verscheucht mir ja die andern Kunden." "Gut, es sei, wie du willst", rief die Alte mit grimmigem Blick. "Ich will dir diese sieben Kohlköpfe abkaufen; aber siehe, ich muss mich auf den Stab stützen und kann nichts tragen; sage deinem Söhnlein, daß er mir die Ware nach Hause bringt, ich will ihn dafür bezahlen." Der Junge wollte nicht mitgehen und sträubte sich, denn ihm graute vor der hässlichen Frau. Aber die Mutter befahl es ihm, weil ihr die Alte doch den Kohl nur unter dieser Bedingung abgenommen hätte. Widerwillig tat er, wie sie befohlen, raffte die Kohlköpfe in ein Tuch zusammen und folgte dem alten Weib über den Markt hinweg. Es ging nur langsam voran bei ihr, und sie brauchten beinahe drei Viertelstunden, bis sie in einen ganz entlegenen Teil der Stadt kamen und endlich vor einem kleinen, baufälligen Haus stehenblieben. Dort zog sie einen alten, rostigen Haken aus der Tasche, fuhr damit in ein kleines Loch in der Tür, und plötzlich sprang diese krachend auf. Aber wie war Jakob überrascht, als er eintrat! Das Innere des Hauses war prachtvoll ausgeschmückt, von Marmor waren die Wände, von schönstem Ebenholz die Möbel, mit Gold und Edelstein verzierte Spiegel hingen an den Wänden, der Boden aber war wie aus Glas und so glatt, daß der Junge einigemal ausglitt und hinfiel. Die Alte zog ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche und pfiff darauf, daß es gellend durch das Haus tönte. Da kamen sogleich ein paar Meerschweinchen die Treppe herab; den Jakob verwunderte es aber ganz gehörig, daß sie aufrecht auf zwei Beinchen gingen, mit Schuhen aus Nußschalen an den Pfoten, menschenhafte Kleidung trugen und sogar Hüte nach der neuesten Mode aufhatten. "Wo habt ihr meine Pantoffeln, liederliches Gesindel", rief die Alte und schlug mit dem Stock nach ihnen, daß sie schreiend in die Höhe sprangen. "Wie lange soll ich noch so dastehen?" Sie sprangen schnell die Treppe hinauf und kamen wieder mit ein Paar Schalen von Kokosnuss, mit Leder gefüttert, welche sie der Alten geschickt an die Füße steckten. Jetzt war alles Hinken und Stolpern vorbei. Sie warf den Stab von sich und glitt mit großer Schnelligkeit über den Glasboden hin, wobei sie den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog. Endlich hielt sie in einem Zimmer an, das, mit allerlei Gerätschaften ausgestattet, beinahe einer Küche glich, obgleich die Tische von Mahagoniholz waren, und die Sofas, mit wertvollen Teppichen behängt, mehr zu einem Prunkgemach passten. "Setz dich, mein Söhnchen", sagte die Alte auf einmal recht freundlich, indem sie ihn in die Ecke eines Sofas drückte und einen Tisch so vor ihn hinstellte, daß er nicht mehr aufstehen konnte. "Du hast gar schwer zu tragen gehabt, die Menschenköpfe sind nicht so leicht, nicht so leicht." "Aber, Frau, was sprecht Ihr so wunderlich", rief der Kleine, "erschöpft bin ich zwar, aber es waren ja Kohlköpfe, die ich getragen habe." "Ei, da irrst du dich aber", lachte das Weib, nahm den Deckel des Korbes ab und brachte einen Menschenkopf hervor, den sie am Schopf gefasst hatte. Der Junge war vor Schrecken außer sich; er konnte nicht fassen, wie dies alles zuging. Aber er dachte an seine Mutter: wenn jemand von diesen Menschenköpfen etwas erführe, da würde man gewiss die Mutter dafür anklagen. "Muss dir nun auch etwas geben zum Lohn, weil du so artig bist", murmelte die Alte, "gedulde dich nur ein Weilchen, will dir ein Süppchen einbrocken, an das du dein Leben lang denken wirst." So sprach sie und pfiff wieder. Da kamen zuerst viele Meerschweinchen, angezogen wie die Köche. Sie hatten Küchenschürzen umgebunden und im Gürtel steckten Rührlöffel und Bratenmesser. Hinter ihnen kam eine Menge Eichhörnchen einhergehüpft. Sie hatten weite türkische Hosen an und auf dem Kopf trugen sie grüne Mützchen aus Samt. Sie schienen die Küchenjungen zu sein, denn sie kletterten geschwind an den Wänden hinauf und brachten Pfannen und Schüsseln, Eier und Butter, Kräuter und Mehl herab und schafften alles zum Herd. Dort aber fuhr die alte Frau auf ihren Pantoffeln von Kokosschalen beständig hin und her, und der Junge sah, daß sie ihm etwas Köstliches kochen wollte. Jetzt knisterte lustig das Feuer, jetzt blubberte es in den Töpfen, brutzelte in den Pfannen, dampfte aus den Schüsseln, und ein unwiderstehlicher Duft verbreitete sich im ganzen Raum. Die Alte aber rannte auf und ab, die Eichhörnchen und Meerschweinchen ihr nach, und so oft sie am Herd vorbeikam, guckte sie mit ihrer langen Nase überall hinein. Endlich fing alles an zu wabern und zu schäumen, zu sprudeln und zu zischen, quoll über und tropfte herab in die Glut. Da nahm sie ihn beiseite, goss davon in einen silbernen Teller und setzte ihn dem Jakob vor. "Nun, mein Söhnchen", sprach sie, "iss dieses Süppchen, dann hast du alles, woran es dir bis jetzt fehlte! Sollst auch so ein geschickter Koch werden, aber das Kräutlein, nein, das Kräutlein sollst du nimmer finden! Warum hat es deine Mutter nicht in ihrem Korb gehabt?" Der Junge hörte nicht recht hin, was sie sprach, aber umso begieriger machte er sich über die Suppe her, die ihm ganz vortrefflich schmeckte. Seine Mutter hatte ihm gar manche schmackhafte Speise bereitet, aber so gut war noch nichts geworden. Der Duft von feinen Kräutern und wunderbaren Gewürzen stieg aus dem Teller auf, dabei war sie süß und säuerlich, scharf und mild zugleich und sehr kräftig. Während er noch den letzten Rest der köstlichen Suppe auslöffelte, zündeten die Meerschweinchen arabischen Weihrauch an, der in bläulichen Wölkchen durch das Zimmer schwebte; dichter und immer dichter wurden die Schwaden und sanken herab, der Geruch des Weihrauchs wirkte betäubend auf den Jungen, er mochte sich ermahnen, so oft er wollte, daß er zu seiner Mutter zurückkehren müsse; immer wenn er sich aufraffte, sank er wieder von neuem in den Schlummer zurück und schlief endlich ganz auf dem Sofa des alten Weibes ein. Sonderbare Träume überkamen ihn. Es war ihm, als würde ihm die Alte seine Kleider ausziehen und ihn stattdessen mit einem Eichhörnchenfell umhüllen. Jetzt konnte er Sprünge machen und klettern wie ein Eichhörnchen; sie waren sehr artige und sittsame Gesellen. Er ging mit ihnen und leistete Dienst bei der alten Frau. Zuerst wurde er nur zum Schuhputzen angestellt, er musste die Kokosnüsse, welche die Alte als Pantoffeln trug, mit Öl einreiben und mit einer Bürste glänzend machen. Da er in seines Vaters Hause zu ähnlichen Arbeiten oft herangezogen worden war, so ging es ihm leicht von der Hand. Etwa nach einem Jahr, so träumte er weiter, wurde er zu einem vornehmeren Geschäft gebraucht, er musste nämlich mit einigen anderen Eichhörnchen Sonnenstäubchen fangen und, wenn sie genug beisammen hatten, sie in einer goldenen Schale zu einem Häufchen aufschütten. Die Alte hielt nämlich die Sonnenstäubchen für das Allerfeinste auf der Welt, und weil sie nicht gut beißen konnte (denn sie hatte keine Zähne mehr), so ließ sie sich ihr Brot aus Sonnenstäubchenmehl zubereiten. Wiederum nach einem Jahr wurde er zu den Dienern versetzt, die das Trinkwasser für die Alte besorgten. Man denke nicht etwa, daß sie sich hierzu eine Zisterne hätte graben lassen oder ein Fass in den Hof stellte, um das Regenwasser darin aufzufangen, nein, da ging es viel umständlicher zu: die Eichhörnchen (und Jakob mit ihnen) mussten mit einer Gänsefeder den Tau von den Rosen abstreifen und in einem Glas sammeln, und das war das Trinkwasser der Alten. Da sie fast immer durstig war, so hatten die Wasserträger schwere Arbeit. Nach einem Jahr wurde er zum inneren Dienst des Hauses bestellt. Er hatte die Aufgabe, die Böden rein zu halten. Da sie aus Glas waren, worauf man jeden Hauch und jedes Haar sehen konnte, war das auch keine leichte Arbeit. Sie mussten sie erst feucht wischen, dann weiche Tücher um die Füße binden und darauf im Zimmer umherfahren, bis alles trocken und spiegelblank war. Im vierten Jahr kam er endlich in die Küche. Es war dies eine Arbeit, bei welcher man sich nur nach langer Lehrzeit verbessern konnte. Jakob diente dort vom Küchenjungen aufwärts bis zum Ersten Pastetenmacher und erreichte eine so unerhörte Geschicklichkeit und Erfahrung in allem, was die Küche betrifft, daß er oft über sich selbst staunen musste. Die schwierigsten Sachen: Pasteten mit nicht weniger als zweihundert Zutaten; Filets von den seltensten Fischen der Meere, Suppen und Soßen mit Gewürzen aus den fernsten Ländern, Zuckerwerk in allen Farben des Regenbogens, alles lernte er, alles verstand er auf Anhieb und vollendet zuzubereiten. So waren etwa sieben Jahre in den Diensten des alten Weibes vergangen, da befahl sie ihm eines Tages, indem sie die Kokosschuhe auszog, Korb und Krückstock zur Hand nahm, um auszugehen, er sollte ein Hühnlein rupfen, mit Kräutern füllen und schön bräunlich und gelb rösten, bis sie wiederkäme. Er tat dies nach den Regeln der Kochkunst. Er drehte dem Huhn den Kragen um, brühte es in heißem Wasser, rupfte es, schabte ihm nachher die Haut, daß sie glatt und fein wurde, und nahm ihm die Eingeweide heraus. Sodann fing er an, die Kräuter zu sammeln, womit er das Hühnlein füllen sollte. In der Kräuterkammer gewahrte er aber diesmal ein Wandschränkchen, das er vorher nie bemerkt hatte und dessen Tür halb geöffnet war. Er ging neugierig näher, um zu sehen, was es enthalte, und siehe da, es standen viele Körbchen darinnen, von welchen ein starker, aromatischer Geruch ausging. Er öffnete eines der Körbchen und fand darin Kräutlein von ganz besonderer Gestalt und Farbe. Die Stengel und Blätter waren blaugrün und trugen oben eine kleine Blume von brennendem Rot, mit Gelb verbrämt. Er betrachtete sinnend diese Blume, schnupperte daran, und sie strömte denselben starken Geruch aus, von dem einst jene Suppe, die ihm die Alte gekocht, geduftet hatte. Aber so stark war der Geruch, daß er zu niesen anfing, immer heftiger niesen musste und - am Ende niesend erwachte. Da lag er auf dem Sofa des alten Weibes und blickte verwundert umher. "Nein, wie man nur so lebhaft träumen kann!" sprach er zu sich. "Hätte ich doch schwören wollen, daß ich ein Eichhörnchen, ein Kamerad von Meerschweinen und anderen putzigen Tierchen und zuletzt ein großer Koch geworden sei. Wie wird die Mutter lachen, wenn ich ihr alles erzähle! Aber wird sie nicht auch schimpfen, daß ich in einem fremden Hause einschlafe, statt ihr auf dem Markt zu helfen?" Mit diesen Gedanken raffte er sich auf, um hinwegzugehen. Noch waren seine Glieder vom Schlaf ganz starr, besonders sein Nacken, denn er konnte den Kopf nicht recht hin und her bewegen. Auch musste er selbst über sich lächeln, daß er so schlaftrunken war; denn alle Augenblicke, ehe er es sich versah, stieß er mit der Nase an einen Schrank oder an die Wand oder prellte sie, wenn er sich schnell umwandte, an einem Türpfosten. Die Eichhörnchen und Meerschweinchen liefen pfeifend und quietschend um ihn her, als wollten sie ihn begleiten, er lud sie auch wirklich ein, denn sie waren so niedlich. Aber als er auf der Türschwelle war, fuhren sie auf ihren Nußschalen schnell ins Haus zurück, und er hörte sie nur noch von drinnen heulen. Es war ein ziemlich entlegenes Stadtviertel, wohin ihn die Alte geführt hatte, und er konnte sich kaum aus den engen Gassen herausfinden; auch war dort ein großes Gedränge. Von allen Seiten hörte er die Leute rufen: "Ei, seht den hässlichen Zwerg! Wo kommt der Zwerg her? Ei, was hat er doch für eine lange Nase, und wie ihm der Kopf in den Schultern steckt, und die braunen, hässlichen Hände!" Er hätte sich wohl auch gern nach diesem Zwerg umgeschaut, denn er sah für sein Leben gern komische Kreaturen, aber er musste sich sputen, um zur Mutter zu kommen. Es war ihm ganz ängstlich zumute, als er auf den Markt kam. Die Mutter saß noch da und hatte immer noch viele Früchte im Korb, lange konnte er also nicht weg gewesen sein. Aber es kam ihm von weitem schon vor, als wäre sie sehr traurig, denn sie rief den Vorübergehenden nicht zu, sie mögen bei ihr kaufen, sondern hatte den Kopf in die Hand gestützt, und als er näher kam, glaubte er auch, sie wäre ganz blass im Gesicht. Er überlegte, was er tun sollte; endlich fasste er sich ein Herz, schlich sich hinter sie hin, legte traulich seine Hand auf ihren Arm und sprach "Mütterchen, was fehlt dir? Bist du böse auf mich?" Die Frau wandte sich um nach ihm, fuhr aber mit einem Schrei des Entsetzens zusammen. "Was willst du von mir, hässlicher Zwerg?" rief sie. "Fort, fort! Ich kann dergleichen Schabernack nicht leiden." "Aber, Mutter, was hast du denn?" fragte Jakob ganz erschrocken. "Dir ist gewiss nicht wohl; warum willst du denn deinen Sohn von dir jagen?" "Ich habe gesagt, geh' deines Weges!" entgegnete Frau Hanne zornig. "Bei mir verdienst du kein Geld durch deine Gaukeleien, hässliche Missgeburt!" 'Wahrhaftig, Gott hat ihr den Verstand geraubt', dachte der Kleine bekümmert, 'was fange ich nur an, damit sie wieder normal wird?' Und er sprach "Liebes Mütterchen, so sei doch vernünftig! Sieh mich nur recht an: ich bin ja dein Sohn Jakob." "Jetzt platzt mir aber der Kragen", rief Hanne den andern Marktweibern zu, "seht nur den hässlichen Zwerg! Da steht er und vertreibt mir alle Kunden, und macht sich dabei noch lustig über mich, spricht zu mir: 'Ich bin ja dein Sohn, dein Jakob!' Du unverschämter Gnom, wage es nicht, mich zu verspotten!" Da erhoben sich die Nachbarinnen und fingen an zu schimpfen, so arg sie konnten - und Marktweiber, das wisst ihr wohl, verstehen es - und empörten sich, daß er des Unglücks der armen Hanne spotte, der vor sieben Jahren ihr bildschöner Knabe entführt worden sei, und drohten, allesamt über ihn herzufallen und ihn zu verprügeln, wenn er nicht sofort verschwindet. Der arme Jakob wusste nicht, was er von allem halten sollte. War er doch, wie er glaubte, heute früh wie gewöhnlich mit der Mutter auf den Markt gegangen, hatte ihr den Stand aufzubauen geholfen, war nachher mit dem alten Weib in ihr Haus gegangen, hatte ein Süppchen verzehrt, ein kleines Schläfchen gemacht und war jetzt wieder da, und doch sprachen die Mutter und die Nachbarinnen von sieben Jahren! Und sie nannten ihn einen garstigen Zwerg! Was war denn nur mit ihm geschehen? Als er sah, daß die Mutter gar nichts mehr von ihm hören wollte, traten ihm die Tränen in die Augen, und er ging traurig die Straße hinab nach dem Laden, wo sein Vater den Tag über Schuhe flickte. 'Ich will doch sehen', dachte er bei sich, 'ob er mich auch nicht kennen will, in die Tür will ich mich stellen und mit ihm sprechen.' Als er an der Werkstatt des Schusters angekommen war, stellte er sich in die Tür und schaute hinein. Der Meister war so emsig mit seiner Arbeit beschäftigt, daß er ihn gar nicht bemerkte; als er aber zufällig einen Blick nach der Türe warf, ließ er Schuhe, Draht und Pfriem auf die Erde fallen und rief mit Entsetzen: "Um Gottes willen, was ist das?" "Guten Abend, Meister", sprach der Kleine, indem er vollends in den Laden trat. "Wie geht es Euch?" "Schlecht, oh schlecht, kleiner Herr", antwortete der Vater zu Jakobs großer Verwunderung, denn auch er schien ihn nicht zu erkennen. "Das Geschäft will mir nicht von der Hand. Bin so allein und werde jetzt alt, doch ist mir ein Geselle zu teuer." "Aber habt Ihr denn kein Söhnlein, das Euch nach und nach zur Hand gehen könnte bei der Arbeit?" forschte der Kleine weiter. "Ich hatte einen, er hieß Jakob und müsste jetzt ein schlanker, gewandter Bursche von beinahe zwanzig Jahren sein, der mir tüchtig unter die Arme greifen könnte. Ha, das könnte ein Leben sein! Schon als er zwölf Jahre alt war, zeigte er sich so fleißig und geschickt und verstand schon manches vom Handwerk, und hübsch und angenehm war er auch; der hätte mir eine Kundschaft hergelockt, daß ich bald nicht mehr geflickt, sondern nur noch neue Schuhe geliefert hätte. Aber so geht's in der Welt." "Wo ist denn aber Euer Sohn?" fragte Jakob mit zitternder Stimme seinen Vater. "Das weiß Gott allein", antwortete er. "Vor sieben Jahren, ja, so lange ist's jetzt her, wurde er uns vom Markte weg gestohlen." "Vor sieben Jahren!" rief Jakob mit Entsetzen. "Ja, kleiner Herr, vor sieben Jahren. Ich weiß noch wie heute, wie mein Weib nach Hause kam, heulend und schreiend, das Kind sei den ganzen Tag nicht zurückgekommen, sie habe überall geforscht und gesucht und es nicht gefunden. Ich habe immer befürchtet, daß es so kommen würde, denn er war ein schönes Kind, das muss man sagen. Meine Frau war stolz auf ihn und sah es gerne, wenn ihn die Leute lobten, und schickte ihn oft mit Gemüse und dergleichen in vornehme Häuser. Das war schon recht; er wurde allemal reichlich beschenkt. 'Aber gib acht!' sagte ich. 'Die Stadt ist groß und voller schlechter Menschen.' Und es war so, wie ich sagte. Einmal kommt ein altes, hässliches Weib auf den Markt, feilscht um Früchte und Gemüse und kauft am Ende so viel, daß sie es nicht selbst tragen kann. Mein Weib, die mitleidige Seele, gibt ihr den Jungen mit und - hat ihn von Stund' an nicht mehr gesehen." "Und das ist jetzt sieben Jahre, sagt Ihr?" "Im Frühling werden es sieben Jahre. Wir ließen ihn ausrufen, wir gingen von Haus zu Haus und fragten; manche hatten den hübschen Jungen gekannt und liebgewonnen und suchten jetzt mit uns - alles vergeblich. Auch die Frau, welche das Gemüse gekauft hatte, wollte niemand kennen; aber ein Weib, das schon über neunzig Jahre alt ist, sagte, es könne wohl die böse Fee Kräuterweis gewesen sein, die alle fünfzig Jahre einmal in die Stadt komme, um allerlei einzukaufen." So sprach Jakobs Vater und klopfte dabei die Sohle an den Schuh und zog den Draht mit der Zange fest. Dem Kleinen aber wurde nach und nach klar, was mit ihm vorgegangen: daß er nämlich nicht geträumt, sondern daß er tatsächlich sieben Jahre bei der bösen Fee als Eichhörnchen gedient habe. Zorn und Gram erfüllten sein Herz so sehr, daß es beinahe zerspringen wollte. Sieben Jahre seiner Jugend hatte ihm die Alte gestohlen, und was hatte er als Ersatz dafür bekommen? Daß er Pantoffeln aus Kokosnüssen blank putzen, daß er ein Zimmer mit gläsernem Fußboden reinmachen konnte? Daß er von den Meerschweinchen alle Geheimnisse der Kochkunst gelernt hatte? Er stand eine gute Weile so da und dachte über sein Schicksal nach; da fragte ihn endlich sein Vater "Ist Euch vielleicht etwas von meiner Arbeit gefällig, junger Herr? Etwa ein Paar neue Pantoffeln? Oder", setzte er grinsend hinzu, "vielleicht ein Futteral für Eure Nase?" "Was wollt Ihr nur mit meiner Nase?" fragte Jakob. "Warum sollte ich denn ein Futteral dafür brauchen?" "Nun", entgegnete der Schuster, "jeder nach seinem Geschmack; aber das muss ich Euch sagen: hätte ich diese grässliche Nase, ein Futteral ließ ich mir darüber machen von rosenfarbigem Glanzleder. Schaut, da habe ich ein schönes Stückchen zur Hand; freilich würde man eine Elle wenigstens dazu brauchen. Wie gut wäret Ihr damit verwahrt, kleiner Herr! So aber, da bin ich mir sicher, stoßt Ihr Euch auf Schritt und Tritt an allem, was Euch in den Weg kommt." Der Kleine stand stumm vor Schrecken. Er betastete seine Nase, sie war dick und bestimmt zwei Handspannen lang! So hatte also die Alte auch seine Gestalt verwandelt! Darum erkannten ihn also seine Eltern nicht mehr. Darum nannte man ihn einen hässlichen Zwerg. "Meister", sprach er unter Tränen zu dem Schuster, "habt Ihr einen Spiegel bei der Hand, worin ich mich beschauen könnte?" "Junger Herr", erwiderte der Vater ernsthaft, "Ihr habt nicht gerade eine Gestalt empfangen, die Euch eitel machen könnte, und Ihr habt nicht Ursache, alle Stunden in den Spiegel zu gucken. Gewöhnt es Euch lieber ab, wenn Ihr nicht darunter leiden wollt." "Ach, so lasst mich doch in den Spiegel schauen", rief der Kleine, "es ist nicht aus Eitelkeit, sondern um der Gewissheit willen" "Ich habe keinen Spiegel, ich weiß aber, wo Ihr einen findet. Über die Straße hin wohnt Urban, der Barbier, der hat einen, zweimal so groß wie Euer Kopf. Guckt nur hinein, und Ihr werdet mir glauben. Und indessen einen Guten Morgen!" Mit diesen Worten schob ihn der Vater zum Laden hinaus, schloss die Tür hinter ihm zu und setzte sich wieder an die Arbeit. Der Kleine aber ging sehr niedergeschlagen über die Straße zu Urban, dem Barbier, den er noch aus früheren Zeiten wohl kannte. "Guten Morgen, Urban", sprach er zu ihm, "ich komme, Euch um eine Gefälligkeit zu bitten: seid so gut und lasst mich einmal in Euren Spiegel schauen."
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