Scheherazade

 
Prinz Habib und Prinzessin Dorrat-al-Gawas

 

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Salama, einer der tapfersten und ältesten Krieger Arabiens, war das Oberhaupt des Stammes Benuhalal und sechsundsechzig anderer Stämme, die seinen Geboten gehorchten. Er war der Herrscher über die Regionen zwischen dem Ozean im Westen und dem Tochaih-Gebirge im Osten, über die fruchtbare Ebene des Mishumu-Flusses und über die Oasen von Sahdesch. Er war der Hüter der zweiundvierzig Schätze und er war der Held der Schlacht von Kohm. Tausend furchtbare Ritter schützten seine Person.

Aber all seine Größe konnte ihn nicht von dem Kummer befreien, welchen er darüber empfand, dass er keine Kinder hatte, und sein hohes Alter ließ ihn mit jedem Tag, den er noch lebte, schmerzlicher spüren, daß ihm Allah diese Gunst für immer versagt.

Endlich hörte er in einer Nacht eine heimliche Stimme, welche ihm die Fruchtbarkeit seiner Gemahlin verhieß, und die Weissagung erfüllte sich, denn nach Verlauf einiger Monate sagte man ihm, dass sie schwanger sei. Sie gebar einen Sohn, schön wie der Vollmond, und sein Vater gab ihm den Namen Habib. Sie wollte es keiner Amme überlassen, ihn zu säugen, und zwei Jahre lang gab sie ihm ihre Milch.

Frühzeitig machte sich der alte Emir, der über die Geburt seines Kindes so glücklich war, aber nicht wissen konnte, wie lange er es noch genießen kann, Gedanken über die Erziehung des Prinzen; und als dieser das gehörige Alter erreicht hatte, wurde er von dem geschicktesten Lehrmeister, den man hatte finden können, mit der größten Sorgfalt unterrichtet.

In kurzer Zeit machte Habib gewaltige Fortschritte. Er war kaum sieben Jahre alt, als er schon vollkommen die Sprache, die Geschichte, die Mathematik und alle Gebote seines Glaubens beherrschte. Er wuchs zu einem schönen und starken Jüngling heran, der durch den Scharfsinn und die Anmut seiner Gedanken und Worte bezauberte.

Jetzt gab sein Vater den Häuptern der verschiedenen Stämme, die ihm untertan waren, ein prächtiges Mahl. Der junge Prinz wurde dabei von ihnen geprüft und legte eine so wunderbare Fülle von Kenntnissen an den Tag, dass alle Welt darüber erstaunt war. Er dichtete aus dem Stegreif Verse zum Lobpreis des Propheten, und man erkannte einstimmig, dass er bald ebensoviel Macht und Ansehen erlangen würde, als er sich jetzt schon Wissen angeeignet hatte.

Der Emir war so entzückt über das Gedeihen seines Sohnes, dass er auf der Stelle seinen Lehrmeister kommen ließ, ihn mit Lob überhäufte, ihm ein Geschenk von vier mit Gold, Silber und anderen Kostbarkeiten beladenen Kamelen machen und ihn zugleich zum Befehlshaber eines seiner Stämme erheben wollte. Er sagte ihm sogar, dass er dadurch noch viel zu wenig die ihm geleisteten Dienste zu belohnen glaubte; aber zu Salamas und Habibs großem Erstaunen lehnte der Erzieher des Prinzen alle Geschenke ab.

"Ich sehe wohl", antwortete er, "daß es Zeit ist, mich zu erkennen zu geben und Dich von dem Irrtum zu befreien, in welchem Du Dich befindest. Ich gehöre nicht zum Geschlecht der Menschen und bin weit über die irdischen Dinge erhaben, welche Ihr mir verehren wollt. Ich bin einer der über die Menschheit erhabenen Geister, unter welchen ich einen hohen Rang einnahm, als eine geheimnisvolle Stimme mir den Befehl erteilte, mich an Deinen Hof zu begeben, um dort die Erziehung Deines Sohnes zu übernehmen. Ich bin dieser Weisung gefolgt, habe mich um Deinen Auftrag beworben und ihn erhalten. Meine Sendung ist nunmehr erfüllt."

Salama verwirrte sich in Danksagungen und wusste nicht, wie er dem Geist seine ganze Erkenntlichkeit bezeigen sollte, als dieser folgendermaßen fortfuhr: "Ach, Herr, mit großem Bedauern sehe ich mich von meinem jungen Zögling getrennt; und diese Trennung ist mir umso schmerzlicher, als er von einem großen Unglück bedroht wird, sobald ich nicht mehr bei ihm bin." Salama und Habib waren bestürzt über diese Worte des Geistes, der nun, ohne auf ihre Fragen zu antworten, den jungen Prinzen noch einmal umarmte und dann mit einem tiefen Seufzer verschwand.

Als Habib sich von seinem Lehrer getrennt sah, zu welchem er eine tiefe Zuneigung empfunden hatte, ließ er den Palast seines Vaters von seinen Klagen widerhallen. "Weh mir!", rief er aus, "wie kann ich von dem getrennt leben, dem ich alles verdanke, was ich bin? Tag und Nacht steht sein Bild vor meiner Seele, meine Gedanken werden vom Leid verzehrt, und mein Herz wird das Übermaß des Kummers nicht ertragen können!"

Von diesen Klagen waren die versammelten Stammesfürsten lebhaft gerührt und überlegten, wie ihm geholfen werden könne, als man eine Stimme folgende Worte sprechen hörte: "Der junge Habib muss seinen Schmerz zu besiegen wissen und sich damit beschäftigen, die weite Laufbahn, welche ihm offensteht, zu beschreiten. Er bemühe sich, seinen Leib für die Arbeiten, Anstrengungen und Gefahren zu stählen, welche er bestehen soll, so wie er sich bisher bemüht hat, seinen Geist zu bilden."

Diese Worte gaben dem jungen Prinzen seinen Mut und seine Kraft wieder. "Wohlan", rief er aus, "da der Geist, welcher mich bisher so trefflich beim Studium der Wissenschaften angeleitet hat, mich nun auffordert, den Gebrauch der Waffen zu erlernen, so will ich seinem Rat folgen, und bald soll die Erde von dem Ruf meiner ruhmreichen Taten erfüllt werden."

Der alte Salama war auf dem Gipfel der Freude, als er an seinem Sohn diese Entschlossenheit wahrnahm. Er umarmte ihn herzlich und sprach "Allah sei gepriesen! Mein Sohn, an dem Feuer, welches ich in deinen Augen lodern sehe, erkenne ich wohl, dass du einer der tapfersten Helden meiner Stämme sein wirst. Nachdem die Gunst des Himmels dir schon einen so ausgezeichneten Lehrer geschickt hat, so lass uns nicht verzweifeln, dass er uns auch bei der Wahl des Mannes leiten werde, der dich in dem Waffenhandwerk unterrichten soll."

Ein jeder der größten Krieger in Salamas Reich bewarb sich um die Ehre, den jungen Habib in der Kunst der Waffen zu unterweisen, als ein Fremder in der Versammlung erschien. Sein Ross übertraf alles, was in Arabien an edelsten Pferden zu finden war. Seine Rüstung schien von dem Propheten David selbst geschmiedet zu sein, seine Keule aus einem sehr harten Holz war von solcher Schwere, dass vierzig der stärksten Männer sie nicht hätten tragen können, und sein Bogen war so treffsicher, daß sein Pfeil auf hundert Schritt einem Schakal im Lauf das Herz durchbohrte. Ein in Indien gefertigter Säbel hing an seiner Seite, und seine Lanze war ein Werk des berühmten Schmiedes Samher. Er sprang von seinem Ross, und nachdem er den Emir und seinen ganzen Hof begrüßt hatte, redete er ihn mit folgenden Worten an:

"Ich komme, Herr, Euch für den Prinzen, Euren Sohn, den Dienst einer langen Erfahrung anzubieten, welche ich mir in den Waffen erworben habe. Wenn Ihr meine Geschicklichkeit und Stärke prüfen wollt, um Euch zu überzeugen, daß ich der ehrenvollen Aufgabe würdig bin, die hier übertragen werden soll, so biete ich Euch den Zweikampf an."

Diese Worte erweckten das Feuer im Innern des alten Emirs; und trotz der Einwände aller, die ihm erklärten, wie leichtsinnig es wäre, mit einem ganz unbekannten Fremdling, der ebensogut ein Verbrecher sein könnte, in die Schranken zu treten, nahm er die Herausforderung an und befahl auf der Stelle, ihm seine Waffen zu bringen. Sogleich zog er seinen Ringpanzer an, welcher bisher den schärfsten Säbelhieb ausgehalten hatte, gürtete sich sein Schwert um, welches Felsen zu spalten vermochte, und nahm seine ungeheure Lanze, welche durch die Haut eines Elefanten dringen konnte, unter den Arm.

Als er zu Pferde saß, bildeten die Zuschauer einen Kreis, um Zeugen des Zweikampfes zu sein, der nun begann. Die beiden Streiter ritten erst auseinander, um Feld zu gewinnen, dann stürzten sie mit solcher Gewalt aufeinander los, dass ihre Lanzen in Stücke brachen: Sie griffen hierauf zu ihren Schwertern, und mitten in einer Staubwolke gaben sie sich tausend Hiebe.

Salama erkannte nunmehr die ganze Geschicklichkeit seines Gegners, und zufrieden mit dieser Probe, beendete er auf ein Zeichen den Streit. Der Unbekannte warf sich zu seinen Füßen auf den Boden und bat ihn um Verzeihung für die Kühnheit, dass er gegen ihn im Kampf aufgetreten wäre, indem er sich mit seinem Verlangen entschuldigte, der Lehrmeister des jungen Prinzen zu werden.

Habib kam herbei, umarmte den fremden Ritter und fragte ihn nach seinem Namen. "Man nennt mich Al-Abus", antwortete der Unbekannte. "Fürwahr, Euer Name ist schlecht gewählt", versetzte Habib, "denn weit entfernt, grimmig zu erscheinen, habt Ihr vielmehr das Ansehen von Wohlwollen und Güte, welches alle diejenigen anzieht, die Euch erblicken."

Al-Abus erwiderte diese freundlichen Worte des jungen Prinzen mit einer tiefen Verbeugung. Er versprach dem Vater, sich fortan ganz der Erziehung seines Sohnes zu widmen und ihm den Geist der Tapferkeit und Kühnheit einzuflößen, welcher seinem Rang geziemt.

Unter diesem zweiten Meister trieb nun Habib mit Eifer das Waffenhandwerk und verzeichnete ebenso große Erfolge in diesen neuen Übungen, als er in den vorigen errungen hatte. Bald fand sich auch Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen, und indem er ebensoviel Geschicklichkeit wie Mut in den Kämpfen zeigte, welche der Stamm seines Vaters gegen räuberische Eindringlinge führte, so erwarb er sich durch seine Stärke, Gewandtheit und Kühnheit bald den Ruhm des größten Helden Arabiens.

Sobald der Meister gewahrte, dass sein Zögling seiner Unterweisung nicht mehr bedurfte, schickte er sich an, ihn zu verlassen, und als er eines Tages mit ihm auf dem Feld unterwegs war, redete er ihn also an, um ihm seine letzten Lehren zu erteilen:

"Oh mein teurer Habib, ich muss dich darauf gefasst machen, dass dein Leben mit vielen Mühseligkeiten und Gefahren verknüpft ist, aber die Vorbestimmung verheißt dir den Lohn der Leiden, welche du bestehen wirst. Dieser Lohn ist die schöne Dorrat-al-Gawas, die Beherrscherin der Geister und Menschen in einem von Arabien weit entfernten Land. Ungeachtet der Andersartigkeit der Untertanen ihres Reiches erfreuen sich diese doch eines tiefen Friedens, und keine Zwietracht entzweit sie. Jeder der beiden höchsten Minister gehört zu einem der bedeutendsten Geschlechter, die den Geboten der Prinzessin allzeit Folge leisten. Höre ihre Geschichte, die ich dir erzählen will, und gedenke dabei, dass die Vorsehung sie dir zur Gattin bestimmt."

Nachdem Al-Abus durch diese Worte die Aufmerksamkeit seines Zöglings geweckt hatte, begann er folgendermaßen:

"Der König des Landes Terenabe, dessen Macht sich über eine große Anzahl von Inseln des Indischen Meeres erstreckte, sah mit Kummer, dass er sein großes Reich keinem Erben hinterlassen konnte, weil seine Gattin unfruchtbar war. Eines Tages, da er in traurige Betrachtungen hierüber versunken war, sah er plötzlich einen Geist erscheinen, welcher also zu ihm sprach:

"Großer Fürst, ich weiß, wie sehr Ihr darüber betrübt seid, dass Ihr keine Kinder habt, und ich komme, Euch ein Mittel zur Beendigung Eures Kummers vorzuschlagen. Ich habe eine junge, schöne und reiche Tochter, und ich biete Euch ihre Hand an. Wenn Euch dieser Antrag genehm ist, so werdet Ihr erlangen, worum die mächtigsten Könige der Welt bisher vergeblich geworben haben. Ich habe für Eure Eigenschaften und Verdienste eine solche Hochachtung gefasst, dass ich Euch den mächtigsten Monarchen der Welt vorziehe. Ich hoffe, meine Tochter wird Euch ein Kind gebären, das nach eurem Vorbild durch seine Gerechtigkeit und Güte für das Glück seiner Völker sorgen wird. Ich bitte Euch um nichts weiter, als in der so lobenswürdigen Handlungsweise zu verharren, welche Ihr bisher befolgt habt, denn dadurch werdet Ihr dem Wunsch meiner Tochter und dem meinigen gerecht."

Ebenso überrascht wie geschmeichelt durch diesen unerwarteten Vorschlag, beeilte sich der König von Terenabe, das Erbieten des Geistes anzunehmen. Sogleich befahl dieser durch ein Zeichen den unsichtbaren, ihn umgebenden Sklaven, die Prinzessin zu holen, und sie säumten nicht, sie herbeizuführen.

Ihr Verlobter erkannte bei ihrem Anblick, dass er von dem Geist nicht getäuscht worden war; und indem er nach seiner Hauptstadt zurückkehrte, befahl er, die Vorbereitungen zu seiner Hochzeit zu treffen, welche mit großer Pracht gefeiert wurde. Die Erfüllung der Verkündigung des Geistes blieb nicht aus. Die neue Königin wurde nach einigen Monaten schwanger und gebar eine reizende Tochter, auf deren Erziehung sie all ihre Sorgfalt verwandte.

Diese Tochter ist niemand anderes als die Prinzessin Dorrat-al-Gawas, von welcher ich Euch eben sagte. Ausgerüstet mit allen Geschicklichkeiten und trefflichen Eigenschaften, hat die junge Prinzessin nach dem Tod ihrer Eltern den Thron des Landes Terenabe bestiegen, wo sie zugleich neben der großen Anzahl ihrer Untertanen eine Menge von Geistern beherrscht, welche sich unter den Schutz ihrer Gesetze begeben haben."

Damit verschwand Al-Abus, aber was er dem jungen Prinzen erzählt hatte, versetzte ihn in eine leidenschaftliche Erregung. Ganz in Gedanken an seine Worte kam Habib in ein Wäldchen, welches das Schloss seines Vaters umgab, als er mitten unter den dicht belaubten Bäumen ein Mädchen gewahrte, dessen Anblick ihn verzauberte.

Er glaubte, es sei eine der Jungfrauen des heiligen Propheten, und um herauszufinden, ob es so wäre, wie er vermutete, verbarg er sich rasch, so dass man ihn nicht bemerken konnte. Da beobachtete er aus seinem Versteck heraus, wie vierzig mit dem prächtigsten Gefieder geschmückte Vögel sich zu den Füßen der jungen Schönen niederließen. Sobald sie die Erde berührt hatten, verwandelten sie sich in Nymphen, welche sofort begannen, ihrer Herrin zu huldigen.

"Warum", fragte diese sie, "habt ihr mich nicht sogleich bei meiner Abreise begleitet? Ihr wusstet doch, dass es meine Absicht war, meinem Vielgeliebten, dem Prinzen Habib, einen Besuch abzustatten. Aus welchem Grund hat sich eure Abreise verzögert, und was hat euch berechtigt, mit der Erfüllung meiner Befehle zu säumen?"

"Es ist nicht unsere Schuld", antworteten die Nymphen, "wir haben alle unsere Kräfte aufgeboten, um Euch zu folgen; aber es war uns unmöglich, im Fluge mit Euch mithalten zu können."

Habib erkannte aus diesem Gespräch alsbald die Prinzessin, von welcher Al-Abus ihm erzählt hatte, und er war in Versuchung, sich ihr zu Füßen zu werfen, aber ein Gefühl von Furcht und Ehrerbietung hinderte ihn, diesem ersten Antrieb nachzugeben, und er hörte noch folgendes Gespräch:

"An dieser Stelle", sprach Dorrat-al-Gawas, "will ich denjenigen erwarten, der mir zum Gemahl bestimmt ist. Er kommt oft in diesen Garten, sich zu ergötzen; und um ihn zu sehen, habe ich die Hauptstadt meines Reichs verlassen und die halbe Welt durchzogen. Ich hoffe, dass er, unterrichtet von dem Schicksal, welches uns bestimmt ist, durch seinen Glücksstern an diesen Ort geführt werde. Alles deutet darauf hin, dass ich mich nicht getäuscht habe, denn dort unter den Bäumen - damit wandte sie sich nach seinem Versteck um - erkenne ich ihn, und siehe, da kommt er schon auf uns zu."

Dorrat-al-Gawas erblickte den Prinzen Habib, welcher hinter den Sträuchern hervortrat, in seiner ganzen herrlichen Gestalt. Sie ging ihm entgegen und gab ihm ganz das Entzücken wieder, welches sie selber bei seinem Anblick empfing.

Der Prinz konnte seinen Blick nicht mehr von ihr wenden, und er gestand ihr, dass er seit den Prophezeihungen, welche sein Lehrer, der Geist Al-Abus, ihm verhießen, nicht mehr zur Ruhe kommen konnte, bis er diejenige getroffen habe, welche ihm zur Gemahlin bestimmt sei, und dass seine Leidenschaft dermaßen angewachsen sei, dass er bei der Sorge, sie etwa zu verfehlen, fast den Verstand verloren hätte.

Noch während er sprach, erblickte er einen gewaltigen Vogel, welcher sich ihnen vom Himmel herab näherte. Er ließ sich zu den Füßen der Prinzessin nieder und verwandelte sich auf der Stelle in einen alten Mann, der völlig außer Atem war. Dorrat-al-Gawas erkannte ihren Wesir und fragte ihn verwundert, weshalb er hierher gekommen sei.

"Prinzessin", antwortete der Minister, "ich komme in aller Eile, um Euch zu beschwören, in eurer Reich heimzukehren. Durch Eure Abwesenheit beunruhigt, haben die Geister Euch zu sehen verlangt. Ich habe ihnen geantwortet, dass unaufschiebbare Geschäfte Euch im Moment nicht erlaubten, sie aufzusuchen. Aber diese Entschuldigung hat sie verärgert. Sie halten die Weigerung, bei ihnen zu erscheinen, für eine Missachtung ihrer Rechte. Ein längeres Ausbleiben könnte dem einen oder andern von ihnen zum Vorwand der Empörung dienen. Es ist also angeraten, dass Ihr diesen Ort unverzüglich verlasst."

Die Geisterfürstin aber ängstigte sich in diesem Augenblick nur vor dem Schmerz, der sie träfe, wenn sie so schnell schon wieder von ihrem Geliebten getrennt würde. "Prinz", sprach sie zu ihm, "Ihr könnt nicht ermessen, wie furchtbar es für mich ist, mich zu entfernen, ohne Euch mit mir nehmen zu können. Das ist leider der Beschluss des Schicksals, es will, dass wir vor unserer Vereinigung alle Arten von Mühsal und Entbehrungen erdulden. Aber bewahrt das Andenken an mich in Eurem Herzen und lasst mein Bild Euch Kraft verleihen, den Gefahren zu trotzen und mich endlich in die Arme zu schließen, nachdem Ihr überwunden habt, was dem hindernd im Wege steht."

Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rücken ihres Wesirs, welcher schon wieder seine Vogelgestalt angenommen hatte; und nachdem sie dem Prinzen Lebewohl gesagt, erhob sie sich in die Lüfte und flog mit ihren Gefährtinnen, welche sich in anmutige, buntgefiederte Vögel zurückverwandelt hatten, davon.

Als der Prinz seine Geliebte wieder verloren hatte, konnte er seine Tränen nicht zurückhalten, und er weinte lange, die Augen dorthin gerichtet, wohin Dorrat-al-Gawas entschwunden war.

Unterdessen hatten der Emir Salama und seine Gattin voll Unruhe über die längere Abwesenheit ihres Sohnes sich nach dem Garten begeben, wo sie ihn vermuteten. Sie fanden ihn ganz verstört und niedergeschlagen in bitteren Klagen über sein Unglück. Die Trennung von Dorrat-al-Gawas hatte Habib so sehr getroffen, dass er glaubte, sterben zu müssen. Als seine Eltern ihn wieder einigermaßen aufgerichtet hatten, erkundigten sie sich nach dem Hergang des Geschehens, und Habib erzählte ihnen, was passiert war.

Da erinnerten sie sich der Verkündigung des Geistes, welcher des Prinzen erster Lehrer gewesen war, und dachten wohl, dass das Unheil, welches er prophezeit hatte, durch Dorrat-al-Gawas in Gang gesetzt werden sollte. In dieser Überzeugung taten sie alles Mögliche, um den jungen Prinzen von seinem Vorsatz, Dorrat-al-Gawas wieder aufzusuchen, abzubringen. Die Mutter warnte ihn vor allen Gefahren, denen er sich aussetzt, wenn er seinem Verlangen nachgäbe. Der Vater erbot sich, nach allen Himmelsrichtungen erfahrene Kundschafter auf die Suche nach der Königin der Geister zu schicken. (Natürlich wollte er damit Habib nur davon abhalten, es selbst zu tun.) Doch alle ihre Bemühungen waren vergebens.

Nichts vermochte die Sehnsucht nach seiner Geliebten in Habibs Herzen zu besiegen, und selbst die Aussicht auf den Tod konnte ihn nicht abschrecken. Er bat seinen Vater, ihm Kamele, Reisezeug, ein angemessenes Gefolge und Geschenke mitzugeben. Er beschwor seine Eltern, daß alle ihre Befürchtungen unbegründet seien, und machte sich mit seiner Karawane auf den Weg.

Er hatte ein Gefolge von zwanzig Rittern, er trug eine prunkvolle Rüstung und führte das vortrefflichste Ross Arabiens. Als Habib so auf dem Weg war, fühlte er sich schon besser und begann, vor seinen Gefährten Verse zu sprechen, welche seine Liebe und seine Vorfreude schilderten, bald wieder mit der Person seiner Wünsche vereinigt zu sein.

Die Ritter, welche der Emir Salama zur Begleitung seines Sohnes erwählte, hatten sich dem Befehl ihres Fürsten nicht entziehen und sich nicht weigern können, Habib zu folgen; aber sie waren alle eifersüchtig auf die zahlreichen Siege, welche dieser junge Mann davongetragen hatte, und ihr gemeiner Neid trieb sie so weit, dass sie den Entschluss fassten, ihn im Schlaf zu ermorden. Einer übernahm es, dem Prinzen ein Schlafpulver ins Getränk zu mischen, und alles lief wie am Schnürchen.

Die Karawane kam eines Abends in ein Tal, wo alles zur Rast und zur Ruhe einlud. Als die Zelte aufgeschlagen waren, ging jener, der die Ausführung des Anschlags übernommen hatte, zum Prinzen und reichte ihm einen Becher mit erfrischendem Trank. Der Prinz spürte bald die Wirkung, die Augen fielen ihm zu, er legte sich nieder und versank in tiefen Schlaf.

Als die Ritter den Prinzen eingeschlafen sahen, beratschlagten sie, was sie mit ihm anfangen sollten. Einige waren der Meinung, man sollte ihn sogleich ermorden; aber es fand sich keiner, der die Tat auszuführen bereit war, denn sie fürchteten alle die Rachegeister, welche den Mörder verfolgen und strafen würden. Einer war unter ihnen, der dem Prinzen treu ergeben und der sehr betroffen war, als er sah, was seine Kameraden vorhatten; aber er allein konnte sie nicht daran hindern. So versuchte er jetzt, da sie unschlüssig waren, was sie tun sollen, das Leben des Prinzen zu retten, und er sprach zu ihnen:

"Unsere Absicht ist es, den Prinzen zu beseitigen, damit wir nicht mehr im Schatten seines Ruhms und seiner Taten stehen. Um das zu erreichen, genügt es doch, ihn für alle Zeit vom Hofe Salamas fernzuhalten. Warum sollten wir uns ohne Not eines Mordes schuldig machen? Wenn wir den Prinzen in der Wüste allein lassen und ihm alles wegnehmen, was behilflich sein könnte, damit er seinen Weg fortsetzt, so ist es unmöglich, dass er, jeglicher Hilfe beraubt, dem Tod entgehe. Seht, wie fest er schläft, und vielleicht ist er schon in den ewigen Schlaf versunken, ohne daß wir Gewalt angewendet hätten. Aber auch angenommen, dass er wieder erwacht, dann wird er aus eigenem Unvermögen umkommen."

Diese Rede machte einen starken Eindruck auf die Ritter. Sie schafften ihn also in die Wüste, wo sie ihm sein Ross, seine Waffen und alles wegnahmen, was zu seiner Rettung hätte dienen können. Alsdann kehrten sie auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren, um dem alten Salama über das Verschwinden ihres jungen Herrn eine erfundene Geschichte zu erzählen.

"Wenn der Emir Salama", sprachen sie unter sich, "uns nach seinem Sohn fragt, so werden wir berichten, dass Habib, erschöpft von den Anstrengungen der Reise, an Entkräftung und vor Kummer darüber gestorben ist, daß er seine Angebetete nicht finden konnte, und dass wir alles getan haben, was wir vermochten, um ihn am Leben zu halten, dass aber alle unsere Bemühungen umsonst gewesen sind. Wenn er seine Verwunderung äußert, dass wir den Leichnam nicht zurückbringen, dann sagen wir, uns fehlten die Hilfsmittel, seinen Körper vor Verwesung zu bewahren und wir ihn schließlich begruben, solange sein Anblick noch eines Prinzen würdig war."

Nachdem sie alles so verabredet hatten, was ihr Verbrechen verschleiern sollte, nahmen die Ritter zum Schein die Zeichen der tiefsten Trauer an. Als sie in die Nähe des Emirs Salama kamen, stießen sie laute Wehklagen aus. Einer von ihnen führte das Ross des Prinzen, welches herrenlos ging, am Zaum.

Als der Emir diesen Trauerzug herannahen sah, erahnte er alsbald das Unglück, welches er vorherzusehen geglaubt hatte, und sein Schmerz war grenzenlos. Einer der Ritter trat hervor und sprach zu ihm:

"Mein Fürst, mit tiefem Schmerz kommen wir, durch eine trostlose Nachricht Euer väterliches Herz zu betrüben: Euer Sohn Habib ist nicht mehr. Er ist ein Opfer der wütenden Hitze der Wüste und der unerträglichen Qual seines Kummers geworden, die ihn überwältigt haben, nachdem er drei Tage lang vergeblich dagegen ankämpfte. Bei seinen schrecklichen Leiden haben wir uns bemüht, ihm alle uns mögliche Hilfe zu leisten, aber es ist umsonst gewesen; mit dem Namen seiner Geliebten hat er den letzten Seufzer ausgehaucht."

Diese Reden machten einen tiefen Eindruck auf den alten Emir. "Weh mir", rief er aus, "die Weissagungen sind nur zu wahr gewesen! Muss noch das Ende meiner Tage durch ein so grausames Missgeschick überschattet werden! Oh mein unglücklicher Sohn, wie hast du so in der Blüte deiner Jahre umkommen können? Deine Tapferkeit verdiente ein anderes Schicksal, denn du wärst der Trost meines Alters und das Erbe meines Reiches gewesen."

Indem er diese Worte aussprach und dabei seine Kleider zerriss und Asche auf sein Haupt streute, lief seine Gattin auf sein Geschrei herbei. "Wo ist mein Sohn?", rief die unglückliche Mutter aus, "was habt ihr mit meinem Sohn gemacht? Warum habt ihr nicht seinen Leichnam zurückgebracht? Ich hätte ihn selber ins Leichentuch gelegt und ihn wenigstens noch einmal gesehen!"

Die treulosen Ritter entschuldigten sich, wie sie verabredet hatten, und nahmen die brennende Hitze zum Vorwand, welche, wie sie sagten, ihnen nicht gestattet hätte, sich mit einem fast unmittelbar nach dem Tod in Fäulnis übergegangenen Leichnam zu beladen; im übrigen, so versicherten sie, hätten sie ihm sorgfältig alle Ehren der Bestattung erwiesen.

Vergeblich bestand die Mutter Habibs darauf, die Begräbnisstätte ihres Sohnes zu erfahren. Jene hüteten sich wohl, den Ort preiszugeben, wo sie ihr Opfer verlassen hatten. Sie antworteten, sie hätten ihn in einer grauenvollen Wüste beerdigt, in welche vor ihnen noch keines Menschen Fuß gekommen und deren Name ihnen ganz unbekannt wäre.

Da nichts imstande war, ihren Schmerz zu lindern, so verschütteten der Vater und die Mutter Asche auf und um sich und versagten es, irgend eine Nahrung zu sich zu nehmen. Alle übrigen Mitglieder des Stammes teilten aufrichtig ihr Leid, sie betrauerten zutiefst den Sohn ihres Herrn, und jeder glaubte, in ihm seinen Helden und Freund verloren zu haben.

Indessen konnte keiner von ihnen ahnen, daß ihre Wehklagen nicht einem Toten galten. Habib war endlich nach einem langen Schlaf erwacht, und sein Erstaunen konnte nicht größer sein, als er erkannte, dass man ihn in der Wüste allein gelassen hatte. Er sah um sich herum nichts als eine unermessliche Einöde. Seines Rosses, seiner Gefährten und seiner Waffen beraubt, erkannte er wohl, dass ihm keine Hoffnung bleibt, als die Hilfe des Himmels; und indem er sich auf die Knie warf, sprach er folgendes Gebet:

"Du siehst, Allah, die Treulosigkeit derjenigen, die mich verraten haben. Du allein kannst mich in aus solch einer bejammernswürdigen Lage erretten und vor den Gefahren schützen, welche mich bedrohen. Ich übergebe mich Dir, nimm mir, wenn Du willst, das Leben, aber lass mir die Kraft, den Tod zu ertragen."

Kaum hatte er dieses Gebet beendet, als er in der Ferne am Horizont etwas Schwarzes erblickte. Mitten im glutheißen Sand und unter den sengenden Strahlen der Sonne gab Habib die Hoffnung nicht auf. Er machte sich Mut durch Gesänge der Liebe und des Ruhmes und stärkte seinen Geist, indem er an seine Geliebte dachte und an den Zauber ihrer Schönheit.

Aber wie tapfer er sich auch durch den Sand kämpft, er kam nicht vorwärts. Der Gegenstand, auf welchen er zusteuerte, schien mit jedem Schritt vor ihm zurückzuweichen. Auf einmal bemerkte er über seinem Haupt ein wolkenhaftes Gebilde schweben, das die Sonne verdunkelte und rasch herab sank. Er konnte eine Gestalt erkennen, einen riesenhaften Vogel, dessen Schwingen so groß waren wie die schwarzen Segel der Schiffe auf dem Taurischen Meer, und seine Klauen so mächtig wie die Stämme der Palmen in der Oase von Kelsa. Habib zögerte keinen Augenblick, schwang sich auf, klammerte sich ans Bein des Riesenvogels, und schon ließen sie den heißen Wüstensand unter sich und flogen geradezu auf jenen schwarzen Fleck am Horizont, den Habib zu erreichen gesucht hatte.

Dieser Fleck war ein Hügel, der von fern so klein anmutete, der aber, je näher sie kamen, zu einem gewaltigen Gebirge anwuchs mit unzähligen Bergen, die bis hinauf in den Himmel ragten. Der Vogel landete auf einem dieser Gipfel, und Habib sprang sogleich ab, erkundete den Ort und fand den Eingang einer großen Höhle, aus der ihm nichts als gähnende Leere und Finsternis entgegenschlug. Er rief hinein, und ein tausendfaches Echo hallte wider.

Der junge Prinz ließ sich aber nicht abschrecken, und der Erfolg belohnte seine Anstrengung. Er schritt mit festem Fuß vorwärts, und kaum war er drinnen, als er jemanden seinen Namen rufen hörte. Er lief hinzu und erkannte den Geist Al-Abus, welcher ihm eine prächtige goldene Schale mit klarem, kühlen Wasser hinhielt, das seine erschöpften Kräfte wieder beleben sollte. Wie freute sich Habib, als er den Geist Al-Abus, der einst sein Lehrmeister gewesen war, wiedersah. Nachdem der junge Prinz die Wasserschale mit einem einzigen Zug geleert hatte, bedankte er sich und erzählte ihm von seiner Zusammenkunft mit Dorrat-al-Gawas und von dem Glück, welches er sich ausmalte, wenn er seine Vielgeliebte wiedersähe.

"Ach, mein Sohn", erwiderte der Geist, "du bist noch weit von dem Ziel, wonach du strebst, entfernt. Wie viel muss noch getan werden! Du musst unermessliche Meere durchfahren, furchtbare Ungeheuer besiegen, Gefahren aller Art überstehen. Ich möchte dir gern die Schwierigkeiten überwinden helfen. Aber meine Macht ist nicht unbeschränkt und erstreckt sich nicht bis an alle Orte der Welt. Ich kann dir nicht anders nützlich sein, als dass ich dich zu deinen Eltern zurücktrage, falls du diesen Vorschlag annehmen willst."

Habib aber entgegnete "Wie bitte? Ich hätte also die Meinigen verlassen, ich hätte dem Tod getrotzt, um schmachvoll wieder heimzukehren? Nein, zu einer solchen Nichtswürdigkeit bin ich nicht geschaffen und mein Entschluss ist unwiderruflich: ich will umkommen oder diejenige erringen, die ich liebe."

Als der Geist sah, daß sein einstiger Schüler nicht zur Umkehr zu bewegen war und er ihn weiterziehen lassen musste, gab er ihm noch seine Lehren und sprach also zu ihm: "Hier in dieser Höhle sind die Schätze des Königs Salomon verwahrt, und dieser Prophet war es, der mir befohlen hat, diesen Ort zu hüten, welchen ich ohne seine Erlaubnis nicht verlassen darf. Wenn du diese Schätze zu sehen wünschst, so kann ich dir den Zugang dazu erleichtern und dir gestatten, nach Gefallen eine beliebige Menge Edelsteine von allen Formen und Farben und von ungeheurem Wert anzuschauen, welche in den vierzig großen Sälen am Ende dieses endlosen Gangs verschlossen sind.

Wenn du auf dem Boden unter der Tür suchst, so wirst du die Schlüssel zu dieser Schatzkammer finden. Willst du dich aber nicht mit Betrachtung dieser Reichtümer aufhalten, so geh durch die Säle, bis du an einen Vorhang aus Seide kommst. Hinter diesem Vorhang findest du eine goldene Tür, bedeckt mit Sprüchen in einer Symbolschrift, welche du lesen musst, bevor du weiter gehst. Ist es dir gelungen, den Sinn derselben zu enträtseln, so öffne die Türe mit Vorsicht und ohne vor dem Geschrei der Geister und Ungeheuer zu erschrecken, welche dich aufhalten wollen. Kümmere dich nicht um sie, aber schließe die Tür hinter dir.

Du wirst hierauf ein grenzenloses und stürmisches Meer erblicken. Geh ans Ufer und rufe nach jenem Schiff, das du vorbeifahren siehst. Auf den ersten Wink wird es herbeikommen, um dich aufzunehmen. Mehr kann ich dir nicht sagen, denn ich vermag nicht, das Zukünftige noch weiter vorauszusehen. Ich weiß nur, dass ich dich jetzt zum letzten Mal sehe. Bevor ich dir Lebewohl sage, will ich dich aber noch mit diesem Schwert bewaffnen, welches von Geisterhand geschmiedet ist."

Habib war gerührt von Al-Abus' Worten. Er küsste die Hand seines alten Lehrers, ergriff das ihm dargebotene Schwert und ging mit festen Schritten immer weiter in die Höhle hinein. Er erkannte bald die Tür, von welcher der Geist ihm gesagt hatte, durchsuchte den Boden vor der Schwelle und fand einen ledernen Beutel mit mehreren Schlüsseln. Es war leicht, denjenigen herauszufinden, der zu der Tür passte, welche er öffnete. Er trat in ein hell erleuchtetes Zimmer, und als er sich dem Vorhang näherte, welchen sein Lehrer ihm bezeichnet hatte, wurde er plötzlich von einer Menge Ungeheuer und Gespenster angefallen, welche ihn mit Feuer und Rauch umhüllten.

Aber seine Unerschrockenheit wurde nicht erschüttert, und das furchtbare Geschrei, welches ihn betäubte, hinderte ihn nicht, die empfangene Weisung zu befolgen. Er zog den Vorhang zur Seite, hinter dem er die goldene Tür erblickte, und in demselben Augenblick verschwanden alle die gespenstischen Wesen, welche ihn umschwärmten. Habib las die Inschrift und enträtselte ihren Sinn. Es war ein Spruch über die Eitelkeit der Welt, über die Notwendigkeit der Kraft und des Mutes in gefährlichen Unternehmungen und über den Preis der Liebe.

In der Eile hatte er vergessen, die Tür hinter sich wieder zu schließen, und sogleich bestürmten ihn die Geister mit ihrem Geschrei aufs neue. "Verwegener Sterblicher", riefen sie, "warum kommst du, die Einsamkeit zu stören, in welcher wir leben? Danke es dem Schwert, welches dich beschützt, denn ohne seine magische Kraft würdest du die Wirkungen unserer Wut am Leibe spüren. Aber schmeichle dir nicht, dass dein Mut für die Prüfungen ausreichen wird, welche dir noch bevorstehen."

Habib unterdrückte jedes Gefühl von Furcht, und gleichwohl verdoppelten sich die Erscheinungen des Schreckens mit jedem seiner Schritte: giftige Schlangen mit blitzenden Augen legten sich ihm in den Weg und zischten ihn an, Löwen und Tiger sprangen brüllend und fauchend auf ihn zu, schwarze Vögel mit eisernen Schnäbeln und Krallen stürzten auf ihn herab. Donnergrollen erschütterte den Boden, endlose Wasser wälzten sich tosend hernieder. Habib aber schritt furchtlos mitten durch alle diese Gefahren, und als seine Widersacher sahen, dass ihre Drohungen Habib nicht einschüchtern konnten, ließen sie von ihm ab, und er konnte nun leichter und schneller vorwärts dringen und kam ohne weiteren Zwischenfall an das Ufer eines wogenden Meeres. Aber vergeblich suchte er das Schiff, das der Geist ihm beschrieben hatte, und er glaubte, ein ganzer Tag und noch die folgende Nacht seien verstrichen, während er verzweifelt darauf wartete.

Am zweiten Tag war er nicht glücklicher, und das Warten war für ihn umso schmerzlicher, als er, ohne allen Proviant, Qualen des Hungers und des Durstes litt. Vier Tage lang war er dieser grausamen Pein ausgeliefert. Da endlich erblickte er zwei Meerjungfrauen, die aus dem Meer emporstiegen und miteinander sprachen.

"Siehst du diesen Menschen dort am Ufer?" sagte die eine, "das ist der Prinz Habib, der Geliebte der schönen Dorrat-al-Gawas, der gern wieder zu seiner Herrin gelangen möchte. Aber er ahnt wohl schon, dass er durch ein unermessliches, mit Stürmen, Klippen und Abgründen erfülltes Meer von ihr getrennt ist. Glaubst du wohl, dass er eine so schwierige Unternehmung auszuführen vermag?"

"Ich glaube es." antwortete ihre Gefährtin. "Nachdem er so gefährliche Abenteuer bestanden hat wie diejenigen, denen er Trotz geboten, ist kein Zweifel, dass es ihm gelingen wird, alle noch übrigen Hindernisse zu überwinden, aber er ist noch keineswegs nahe am Ziel seiner Wünsche."

Obwohl diese Worte nur einen schwachen Schimmer von Hoffnung versprachen, so verstärkte er doch sogleich seinen Mut und erfüllte ihn wieder mit Freude. Seine Zuversicht wurde bald noch viel größer, als endlich in der Ferne auf dem Meer ein Schiff auftauchte, welches mit vollen Segeln heran fuhr.

Sobald die Matrosen den Mann am Ufer erblickten, der ihnen Zeichen machte, setzten sie ein Boot aus, um ihn abzuholen. Als der Prinz an Bord kam, fand er sich mitten in einer Gesellschaft von merkwürdigen Kaufleuten, welche sich gegenseitig darin überboten, ihm alle Hilfe zu leisten, deren er so sehr bedurfte, denn er war fast tot vor Hunger und Durst.

Nachdem Habib sich gestärkt hatte, erzählte er ihnen seine Geschichte, welche er vorsichtshalber etwas abwandelte. Er sagte ihnen, er durchfahre dieses Meer ebenfalls als Handelsmann, sein Schiff wäre von Piraten überfallen worden, welche die Hälfte seiner Gefährten getötet und ihn an diesem Ufer ausgesetzt hätten, ohne Speise und Trank, damit er umkomme. Alle wollten ihn über sein Unglück trösten und redeten ihm zu, über seine Lage und den Verlust seiner Waren nicht zu verzagen, denn sie wären wohl bereit, ihm aus der Klemme helfen, sobald sie im nächsten Hafen wieder an Land gehen.

Einige Tage lang ging die Fahrt glücklich, aber indem die Leute sich schon nahe der Küste wähnten und glaubten, bald in den ersehnten Hafen einlaufen zu können, da erhob sich plötzlich ein heftiger Sturm und brachte das Schiff immer weiter von seinem Kurs ab. Mit aller Kraft kämpfte die Besatzung dagegen an, doch alle ihre Anstrengungen waren vergeblich.

Nach etlichen Stunden, in denen das Meer sein grausames Spiel mit dem Schiff trieb, schlug das Wetter um und die See beruhigte sich wieder, aber es hatte sie in eine ganz andere Gegend verschlagen, und der Schrecken der bedauernswerten Leute nahm kein Ende, als der Steuermann erklärte, daß sie sich jetzt höchstwahrscheinlich in der Nähe der "Fünfzehn Inseln des Todes" befänden, einer Gegend, die unter allen Seeleuten wegen der blutrünstigen Ungeheuer, welche hier im Wasser lauern, gefürchtet war.

Diese Ankündigung versetzte alle außer Habib in die größte Angst, sie riefen "Nun werden wir alle sterben!" Als sie aber sahen, daß Habib als einziger die Ruhe bewahrte, da glaubten sie, er würde selbst mit den Ungeheuern gemeinsame Sache machen und hätte sie absichtlich hierher entführt, um sie ins Verderben zu stürzen. Und schon rief einer dazu auf, Habib über Bord zu werfen, aber er zog das Schwert, das ihm der Geist gegeben hatte und hielt sie sich vom Leibe.

"Wenn irgendeiner von uns", rief er ihnen zu, "mit diesen Ungeheuern fertig werden kann, dann bin ich es, denn ich bin mehr als einmal dergleichen begegnet und ich habe sie stets in die Flucht geschlagen. Werft ihr mich über Bord, so seid ihr alle miteinander des Todes. Vertraut ihr mir aber, dann verspreche ich euch, uns aus dieser Gefahr und aus dieser Gegend heil herauszubringen."

Da sahen sie ein, daß er ihre einzige Hoffnung war und sie baten ihn, sie zu erretten. Habib fasste den Entschluss, sich selbst dem Oberhaupt der Ungeheuer entgegenzustellen, welches, nach der Beobachtung des Steuermannes, ihnen unmittelbar hinter dem Schiff folgte. Er ließ sich an ein festes Seil binden und sprang mit dem Zauberschwert in der Hand ins Meer.

Das Ungeheuer schwamm auf ihn zu und riss den Rachen weit auf, um ihn zu verschlingen. Aber ohne vor dem grässlichen Anblick zurückzuweichen, rammte Habib sein Schwert so tief in den Wanst des Ungeheuers, daß es sein Herz traf, aus dem sofort ein Schwall dunklen Bluts schoss und das ganze Meer rot färbte.

Nachdem er sie also von diesem schlimmen Feind befreit hatte, gab er den Kaufleuten ein Zeichen, ihn am Seil wieder an Bord zu ziehen. In dem Moment aber, als das Schiff aus den Klauen des Ungeheuers befreit war, welches seinen Lauf gehemmt hatte, schwebte es gleichsam wieder ganz frei dahin.

Ein solcher Zug des Heldenmutes war zu außergewöhnlich, als dass man nicht etwas Übernatürliches in dem Helden ahnen musste, welcher eben ein so gefährliches Abenteuer gemeistert hatte. Um sich für den großen Dienst, welchen er ihnen geleistet hatte, erkenntlich zu zeigen, beschenkten ihn die Kaufleute reichlich mit Gold und Edelsteinen aus ihrem Vermögen. Der älteste unter ihnen, der vermutete, dass ihr Retter im Schutz geheimnisvoller Mächte stehe, bat ihn, nicht länger die Wahrheit über seine Person zu verbergen, sondern sich ihnen zu erkennen zu geben. Der Prinz weigerte sich zuerst, ihre Neugierde zu befriedigen. Endlich aber gab er nach und erzählte ihnen die wunderbaren Abenteuer, welche ihm widerfahren waren und den Grund all dessen, was ihn schließlich bis hierher an Bord des Schiffes geführt hat.

Mit günstigem Wind erreichte das Schiff nun bald wieder jene Gegend, die dem Steuermann vertraut war, welcher voll Freuden den Reisenden die Küste von Terenabe ankündigte, in deren Nähe man sich jetzt befand. Sowie man heran kam, erkannte man eine prächtige Stadt, in deren Hafen das Schiff einlief, und alsbald war es von einer Menge Boote umringt, welche zur Ausschiffung der Reisenden und der Ladung dienlich waren.

Dorrat-al-Gawas stand noch immer unter dem Schock der Trennung von ihrem geliebten Prinzen und bangte unentwegt um ihn bei der Vorstellung der zahllosen Gefahren, von welchen er bedroht war, als einer ihrer Diener kam und ihr seine Ankunft meldete. Voller Freude sprang sie auf und befahl, dass tausendfacher Jubel aller Untertanen das Glück ihrer Königin kundtun, und dass der Weg, welcher den Prinzen zu ihr führt, mit kostbaren Teppichen und Tüchern bedeckt werden sollte. Zu gleicher Zeit schickte sie ihm eine stattliche Ehrenwache, die ihn nach ihrem Palast geleite.

Man kann sich denken, wie groß die Freude des Prinzen war, als er sich wieder bei derjenigen befand, für welche er so viel Unheil hatte ertragen und erdulden müssen. In den Armen seiner Geliebten vergaß er jedoch bald alle Mühsal und allen Schmerz. Nur ein einziger Gedanke trübte sein Glück: er gedachte seiner Eltern, die seit seiner Abreise im Ungewissen über sein Schicksal alleingelassen waren. Endlich entschloss er sich, der Prinzessin seinen Kummer zu offenbaren, und diese, um ihn von seiner Betrübnis zu befreien, versprach, er sollte seine Eltern noch am selbigen Tag wiedersehen.

Sie ließ sogleich die vornehmsten der Geister versammeln und teilte ihnen mit, dass sie, durch wichtige Angelegenheiten genötigt, ihr Reich zu verlassen, die Verwaltung desselben ihrem Großwesir anvertraut hätte; und nachdem sie sich ihrer Treue versichert hatte, befahl sie ihnen, sie mit dem Prinzen nach dem Garten zu versetzen, in welchem sie sich zum ersten Mal gesehen hatten. Es dauerte nur einen Wimpernschlag und sie waren dort.

Salama und seine Gattin waren ganz in ein tristes Dasein verfallen, seit sie ihren Sohn verloren hatten. Als sie ihn nun zu ihrer größten Überraschung plötzlich wieder vor sich erscheinen sahen, glaubten sie zuerst, es wäre eine Täuschung ihrer Sinne; aber die Rede des Prinzen und seine zärtlichen Umarmungen ließen sie nicht länger zweifeln, dass ihr vielgeliebter Sohn leibhaftig und unversehrt zurückgekehrt war.

Nachdem die erste stürmische Freude vorüber war, wurde veranlasst, Habibs unerwartete Heimkehr überall verkünden zu lassen. Er empfing die Glückwünsche aller Stammesführer. Man verteilte Brot an die Armen, begnadigte die Verurteilten, stiftete einen herrlichen Bau zu Ehren Allahs des Allmächtigen, und sieben Tage und Nächte lang wurde ein Fest gefeiert, wie es in Salamas Reich noch nicht stattgefunden hatte. Die üblen Ritter aber, welche Habib in der Wüste zurückgelassen hatten, bekamen ihre gerechte Strafe.

Bald darauf forderte die Natur von Salama seine Schuldigkeit. Habib folgte ihm auf den Thron und vereinigte die zahlreichen Stämme seines Vaters und das Reich Terenabe unter einem Szepter. Dieser große Fürst verlebte mit der schönen Dorrat-al-Ghawas viele glückliche Jahre; und als er starb, hinterließ er ein blühendes Reich, welches unter den Kindern, die ihm die Prinzessin geboren hatte, aufgeteilt wurde.



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Alexander Fuchs : Entkommen

Der deutsche Ingenieur Paul Kelling arbeitet in den 1940er Jahren in Südamerika. Seine jüdische Frau Esther erlebt in der Heimat die Gewalt des nationalsozialistischen Regimes. Zeitgeschichte als Roman.

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Alexander Fuchs : Gotha : Germany orkankyril@hotmail.de