| Eleonore Junipher : Los días de la buena muerte | ![]() |
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"Aber wenn du noch was besorgen willst, müssen wir ihn ja wieder aufmachen." "Das ist schnell getan", meinte Thomas und klopfte mit der Hacke dagegen. "Das ist erstmal geschafft, davor hatte ich ein bisschen Bammel." Dann sah er mir ins Gesicht und sagte "Danke."
Und dann küssten wir uns, und ich fühlte seine Hand auf meiner Schulter und am Hals, und dann lag sie auf meiner Brust, und mein Herz fing wie wild an zu klopfen, und ich zerrte sein Hemd aus dem Gürtel und zog es ihm über, und wir kullerten von dem Sack herab auf den Boden, und Thomas streifte mein Kleid über die Hüften und ich öffnete seine Hose, und im nächsten Augenblick spürte ich sein Glied in meiner kleinen Höhle, und es durchzuckte ihn wild, und ich presste mich dagegen und ließ mich fallen und bäumte mich auf und sank zurück, und dann spürte ich, wie ein heißer Schwall von seinem Saft in mich schoss wie feuriger Honig, und ich schrie auf und krallte meine Finger in seine Lenden, und er hechelte wie ein Hund in der Sommerhitze. Und dann wälzten wir uns zur Seite, und er starrte nach oben ins Leere, und ich legte meinen Arm auf die Augen und schluchzte vor Wonne und Schmerz. In der Nacht in meiner Kammer hörte ich die Tauben nebenan leise gurren, als würden sie ein Geheimnis besprechen, aber am Morgen waren sie ganz aufgeregt und ungehalten und flatterten im Schwarm eine um die andere Runde über die Dächer in der Grünen Gasse. Da fiel mir etwas Wichtiges ein. Eilig ging ich zu Thomas und sagte "Du brauchst eine Legitimation, irgendein Dokument, das besagt, wer du bist, wie du heißt und woher du kommst. Andernfalls bist du ein Niemand, vogelfrei, jedermann könnte dir Schaden zufügen, ohne daß er gegen den Landfrieden verstößt." Er sah mich halb verunsichert halb bewundernd an, daran hatte er offenbar nicht gedacht. "Woher soll ich so ein Dokument bekommen?" Das wusste ich auch nicht, und wir überlegten lange. "Vielleicht könnte Meister Hartmann beim Grafen vorsprechen und für dich darum bitten." "Ja, man müsste ihn fragen", meinte er, aber es klang wenig zuversichtlich, er hatte sich mit Hartmann schon wegen des Lohns gestritten. Ich sah, wie er mutlos wurde, und ich grübelte darüber nach, ob es nur wegen des Dokuments war oder wegen dem, was zwischen uns vorgefallen war. Am nächsten Tag hatte er sogar den Reisesack in die hinterste Ecke gestellt. Und da geschah etwas Unglaubliches. Als ich am Mittag bei meinem Onkel aushalf, sagte der nebenbei "Dieser Spanier lässt dich übrigens schön grüßen, er wäre wieder wohlauf." Ich ließ vor Schreck die Schüssel fallen. "Welcher Spanier?" "Sanchez heißt er, glaube ich. Ach, hatte ich vergessen, euch das zu berichten, als ihr aus Erfurt zurückkamt? Er war bei der Abreise vom Pferd gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen, er lag bis jetzt im Spital und ..." "Ist er da noch?" unterbrach ich den Onkel. "Was weiß ich." "In welchem Spital?" "Am Weidebrunner Tor." Ich band meine Schürze ab und rannte fort. "Leonora, mein Sterntaler-Mädchen, wie schön, dich zu sehen?" begrüßte mich Sanchez. "Sanchez, ich wusste nicht, daß Sie hier sind. Geht es Ihnen gut?" Er saß an einem schmalen Tisch in dem halboffenen Gang, der zum Hintergebäude führte, und spielte mit einem Mann Karten, dessen Kopf fast völlig verbunden war. "Oh ja, alles in Ordnung, ich war bloß vom Pferd gefallen. Meine Leute mussten mich hier solange zurücklassen. Aber nun bin ich wiederhergestellt, sieh nur, mein Bein, alles wie vorher." Er streckte es aus und wackelte damit herum wie ein Kind. "Darf ich dir meinen neuen Freund vorstellen", sagte er und wies auf seinen Gegenüber; aus dem kleinen Loch, das man im Verband für seinen Mund gelassen hatte, kamen die abweisenden Worte "Bitte, Senor Sanchez, nicht noch mehr von diesem Völkchen." "Was meint er damit?" "Ach, er ist ein bisschen wunderlich, ich glaube, es kommt von seiner Kopfverletzung." "Wenigstens kann er noch Karten spielen", sagte ich. "Nicht so richtig. Ich versuche seit drei Wochen, es ihm beizubringen. Aber es sind auch nicht die richtigen Karten." "Wie bedauerlich." Dann fragte ich ihn, wie lange er noch hier bleibt. "Oh, nur noch ein paar Tage." Er beugte sich nahe zu mir heran und flüsterte "Bis Schwester Magdalena wieder da ist, damit ich mich von ihr verabschieden kann." "Schwester Magdalena?", sagte ich lachend, "die haben Sie wohl ins Herz geschlossen?" "Herz ist Trumpf", murmelte der andere und warf eine Karte ab. "Nicht doch! Nimm die wieder zurück." "Zum Teufel, dieses ewige Hin und Her", knurrte der Mann widerwillig und steckte die Karte wieder in sein Blatt. "Senor Sanchez, vielleicht können Sie mir einen großen Gefallen tun." "Aber immer, Sterntaler, worum geht es denn?" "Eigentlich nicht um mich, sondern um meinen Freund." "Den Thomas?" "Ja." "Famoser Bursche." "Ja. Er will ..." Da kam eine der Pflegerinnen heran." "Sanchez! Sie spielen jetzt schon wieder seit zwei Stunden, Sie wissen, daß es Herrn Karolus zu sehr anstrengt." "Oh, ja, Schwester Magdalena, das ist die letzte Runde, ich lasse ihn gewinnen." Sie warf ihm einen strengen Blick zu und ging weiter, ich sagte verwundert "Ich denke, Schwester Magdalena ist nicht da?" Sanchez wurde sehr verlegen. "Ähm. Das hattest du vielleicht falsch verstanden." "Er will sich aus dem Staub machen", sagte der Kopfverband und schüttelte sich vor Lachen. "Halt die Klappe, Karolus, und bring deinen Kopf nicht noch mehr durcheinander." "Ah, ich verstehe, Sie meinten genau das Gegenteil: Sie warten, bis Schwester Magdalena weg ist; Sie sind ein ganz Schlimmer, Sanchez." "Solche Abschiedsszenen fallen mir immer so schwer, ich bin vielleicht ein guter Liebhaber, aber ganz sicher ein schlechter Mensch." Da schleuderte Herr Karolus plötzlich alle Karten in die Luft und rutschte vom Stuhl. Ich sprang erschrocken zur Seite. Sanchez rief "Das ist nur einer von seinen Anfällen, hilf mir mal." Wir zogen ihn wieder hoch, seine Beine zuckten, und sein Fuß schlug wie ein Hammer gegen mein Schienbein. "Aua", schrie ich, und Sanchez meinte "Er macht das nicht mit Absicht", aber jetzt bemerkte ich, daß er sich selbst weit vorgebeugt hatte, um nicht getroffen zu werden. "Lass uns gehen, Leonora." "Wohin?" "Da hinüber. Schwester!" rief er, und Magdalena kam herbeigeeilt. "Ich habe alles gesehen", sagte sie und kümmerte sich um den anderen. "Ja, er hat wieder falsch gespielt, und das unter frommen Menschen", sagte Sanchez und ließ unauffällig seine Hand über Magdalenas Schulter gleiten. "Was soll das, Sanchez, sind Sie verrückt geworden!" Er wich brav zurück. "Komm' Leonora." "Nehmen Sie mal ein bisschen Einfluss auf diesen Wilden", sagte sie zu mir. "Sehen wir uns nachher in der Wäschekammer, mein Engel?" Sie machte eine entschiedene Handbewegung. "Verschwinden Sie jetzt." Ich schilderte Sanchez die Angelegenheit, und er stimmte mir zu, daß solch ein Dokument für Thomas unerlässlich sei. Dann kratzte er sich mal hinter dem linken, mal hinterm rechten Ohr und murmelte "Wenn ich nur wüsste ... wenn ich nur wüsste." "Was?" "Wie man das regeln könnte. Wenn nur Don Juan noch hier wäre." Mich durchfuhr es wie ein heißer Strahl. "Sie meinen Senor Talavan?" Er hob den Kopf und schaute mich an wie einen unartigen Hund. "Wen sonst?", sagte er beinahe grob, "er könnte bei Euerm Grafen ohne weiteres irgend so einen Wisch verlangen." Ich fühlte mich plötzlich ganz elend. "Sanchez, warum haben Sie mich eben so angesehen?" "Was? Wie habe ich dich denn angesehen?" "So ... so strafend." Er verstand nicht. "Und jetzt nennen Sie dieses wichtige Dokument einen Wisch." "Was ist denn auf einmal mit dir, Leonora? Du heulst ja gleich los, dein Kinn zittert schon wie Pappellaub." "Überhaupt nicht!" "Ich sage zu allem 'Wisch', das hat nichts zu bedeuten, es ist ..." "Hat er mich noch irgendwann erwähnt?" "Wer? Don Juan?" Jetzt lachte er, und ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst, er war wirklich ein ungehobelter Kerl. "Oh ja! Er hat sogar mehrmals im Traum deinen Namen gerufen." Ich sprang auf. "Tut mir leid, Senor Sanchez, daß ich Sie belästigt habe, leben Sie wohl." Ich wandte mich ab und lief schnell davon. Abends ging ich zu Thomas, er war immer noch sehr niedergeschlagen. Ich redete ihm gut zu, aber ich war wie wild darauf, mit ihm zu schlafen. Er war lustlos wie ein Kranker. Ich küsste ihn heftig, er ließ es geschehen, endlich schaffte ich es, ihn ein wenig in Fahrt zu bringen, und schließlich wälzten wir uns wieder auf dem harten Fußboden herum, und abends im Bett tat mir nicht nur mein Schienbein weh, sondern auch die Ellenbogen, mit denen ich mich abgestützt hatte, während Thomas seine Lenden gegen meinen Schoß presste. Als ich tags darauf in der Wirtschaft saubermachte, kam Sanchez herein und setzte sich schweigend an einen Tisch. "Wir haben noch nicht geöffnet, mein Herr", sagte ich, ohne meine Arbeit zu unterbrechen. "Ich kann warten." Es vergingen einige Minuten, da erschien mein Onkel, die beiden begrüßten sich und unterhielten sich miteinander. "Wie soll ich hier saubermachen, wenn mir ständig einer in die Quere kommt", knurrte ich. "Ho ho, Mädel, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Das ist Senor Sanchez, der Spanier, du erinnerst dich doch an ihn." "Nicht daß ich wüsste." Sanchez wandte sich an mich, seine Stimme klang ehrlich mitfühlend. "Wie? Eine Laus ist über deine Leber gelaufen? War das der Grund, weshalb du gestern so gereizt warst." Der Onkel schaute uns fragend an. "Stellen Sie sich nicht so dumm." "Was ist denn hier eigentlich los?" "Sie hat mich um Rat gefragt, und als ich ihr helfen wollte, ist sie aufgesprungen und davongelaufen." "Soviel ist sicher", rief ich, "Sie sind nicht nur ein erbärmlicher Liebhaber, sondern auch ein miserabler Ratgeber." "Eleonore! Vielleicht erklärst du mir mal, was zwischen euch vorgefallen ist!" "Er hat mir etwas verschwiegen." "Wer? Ich?" "Was?" "Ja, was soll ich verschwiegen haben?" "Etwas, das Juan López Talavan über mich gesagt hat." "Seine Exzellenz, Senor Talavan?" "Ja." "Warum nennt ihr ihn immer Exzellenz", sagte Sanchez, "er ist keine Exzellenz, er ist nicht einmal ein Hidalgo." "Ein was?" "Ein spanischer Ritter aus dem alten Adel", sagte da Thomas, der, ohne daß es einer von uns bemerkt hätte, hereingekommen war. "Was machst du denn hier?" "Ich will mich von euch verabschieden." Der Onkel war sehr verwundert. "Du gehst weg?" Ich weiß nicht, was in mich fuhr, aber ich klatschte den Scheuerlappen in den Wassereimer, drehte mich um und lief weg. Sanchez kannte das schon an mir. "Na bitte, so macht sie das dauernd." "Wo willst du hin?" rief mein Onkel. "Eleonore!" Ich blieb stehen. "Wenn mir nicht sofort jemand erzählt, was hier gespielt wird, schmeiß ich euch alle raus." "Ihr Freund will nach Neu-Indien gehen", erklärte Sanchez. "Ihr Freund? Wer ist das?" "Na, dieser hier." Er zeigte auf Thomas. "Ach so. Und darüber bist du traurig?" sagte der Onkel herzlich. "Komm' her, meine Kleine." Ich kam zurück, ich musste sehr mit den Tränen kämpfen. Am liebsten hätte ich gesagt, was der wahre Grund für meine Zerknirschung ist, aber ich schämte mich so sehr. Und außerdem konnte ich es selber nicht in Worte fassen. Ich wischte mit der Hand über die Augen und blickte zu Boden. Keiner sagte was. Sanchez brach endlich das Schweigen. "Also, ich habe eine Idee, wie Thomas zu seinem Dokument kommen kann." "Was für ein Dokument?" "Das brauche ich nicht." "Und doch brauchst du das!" rief ich laut. "Oder glaubst du, ich würde es hier aushalten, wenn mich ständig die Vorstellungen martern, was dir zustoßen könnte!" "Sie hat recht", sagte der Onkel, "wir sind alle deine Freunde, in gewisser Weise. Wenn du da drüben auf dem Kontinent umherreist, wollen wir zumindest die Gewissheit haben, daß es dir gut geht. Was willst du überhaupt da machen? Etwa nach Gold suchen wie all die andern törichten Christen?" Er sah Sanchez kurz an, der zeigte keine Regung. "Ich werde arbeiten, vielleicht etwas Handel betreiben, bis ich genug Geld habe, um mir ein Stück Land zu kaufen oder ein Grundstück in der Stadt, und dann eröffne ich eine Druckerei." "Das ist ein bisschen viel auf einmal." "Eins nach dem andern." "Alles ist machbar", sagte Sanchez, "wenn man nur lange genug lebt." Der Onkel atmete tief durch. "Na ja, wenn ich es jemandem zutraue, dann dir." "Was für eine Idee ist das?" fragte ich Sanchez. "Also hört mal, Kinder! Ich meine, Männer! Ähm, Freunde! Eigentlich dürfte ich nicht darüber sprechen. Ein Grund für unseren Besuch war, daß wir von dem Kurfürsten Johann ein Horoskop für König Karl besorgen sollten." "Sie meinen, für den Kaiser?" "Für den Kaiser, ja, aber für uns ist er der König von Spanien." "Ich wusste gar nicht, daß der Kurfürst auch in solchen Dingen bewandert ist." "Nein, nein, er hat das Horoskop nicht selber gemacht, das war ein gewisser Doktor Faust in Erfurt." "Wer? Etwa dieser besoffene geile Bock?" "Eleonore! Zügel deine Zunge!" sagte der Onkel. "Dann wart ihr in Erfurt? Und ihr wart das, mit denen er gezecht hat?" "Er hat uns nicht eher gehenlassen, als bis wir alles bezahlt hatten." "Was für ein mieser Kerl." "Das ist wahr, bei uns würde man keinen Deut auf sein Geschwätz geben. Aber der König hat nun mal ganz erstaunliche Sachen über ihn gehört, und also hat er ihn mit seinem Horoskop beauftragt." "Glaubt denn der König an so etwas? Als strenggläubiger Katholik?" "Wenn es darum geht, Gottes Willen zu erfahren, ist dem Menschen jedes Mittel recht. Und Aberglaube kann manchmal mehr beweisen als die Offenbarung." (Ich will einfügen, daß es solche Worte waren, die mir Sanchez bis zu dem Tage, als ich ihn aus den Augen verlor, als einen unergründlichen Mann erscheinen ließen.) "Um zur Sache zu kommen: das Horoskop hat Don Juan entgegengenommen, und ich vermute, daß es längst beim König und seinen Beratern angekommen ist. Der Kurfürst hat uns auch einen Begleitbrief ausgestellte, eine Art Schutzbrief für unsere Reise. Alles das hat sich der Kurfürst natürlich einiges kosten lassen, jedermann weiß ja, in welchem Verhältnis die beiden Fürsten in Wahrheit zueinander stehen. Kurz und gut, diesen Schutzbrief hatte ich an mich genommen. Als ich nun diesen kleinen Unfall hatte und meine Leute sich nicht länger aufhalten konnten, hat keiner daran gedacht, und daher - er holte das Schreiben aus seiner Tasche hervor - habe ich diesen Wisch, ich meine, dieses unschätzbare Dokument noch bei mir." "Und nun?" "Und nun müssen wir bloß zu euerm Grafen gehen und noch einen weiteren Namen eintragen lassen." Ich war begeistert von Sanchez' Vorschlag. Ich fiel Thomas um den Hals. "Am besten sofort, nicht wahr." "Wenn ihr meint, daß das klappt." "Selbstverständlich. Aber Sanchez, in diesem Aufzug können Sie nicht zum Grafen." "Was ist denn damit?" "Sehen Sie sich doch an, hier, die Jacke schmutzig, da, die Hose zerrissen." "Das ist in der Wäschekammer passiert, als Schwester ..." "Das will jetzt gar keiner wissen. Ziehen Sie's aus, ich mache es heil." "Wie? Jetzt? Hier?" Thomas musste grinsen, der Onkel sagte "Ich gebe der Magd Bescheid, daß Sie ein Bad nehmen, Senor Sanchez." Als ich oben in meiner Kammer Sanchez' Sachen in Form brachte, so gut ich konnte, klopfte es an der Tür. "Herein." Es war Thomas. Er setzte sich auf die Bettkante und sagte erst nichts. Nebenan gurrten die Tauben. "Also ist es jetzt soweit", meinte ich. Er nickte und sah aus dem Fenster. "Weißt du, Leonore, worauf ich die ganze Zeit gewartet habe?" "Nee", sagte ich möglichst gleichgültig und fädelte einen neuen Faden ins Nadelöhr, aber meine Hände zitterten. "Daß du auf den Gedanken kommen würdest, mit mir zu gehen." Ich stach mich voll mit der Nadel in den Finger, ich steckte ihn in den Mund und biss darauf, damit es noch mehr schmerzte. "Wenigstens bis nach Spanien", sagte er ungerührt, und es klang, als wollte er mich dafür bezahlen. "Du willst von Spanien aus lossegeln?" "Man muss zuerst nach Sevilla, wenn man nach Neu-Indien reisen will, dort befindet sich eine Art Auswanderungsbehörde, man braucht eine Erlaubnis." Ich biss verzweifelt auf meinem Finger herum. "Von Sevilla aus gelangt man auf einem Fluss, ich komm' jetzt nicht drauf wie er heißt, bis an die Küste." "Warum denkst du denn plötzlich, daß ich mitkommen soll? Du hast doch sowieso alles für dich allein geplant." "Ich habe Löffel für zwei eingepackt", sagte er ganz im Ernst. Ich musste laut loslachen, und Thomas lachte mit. "Löffel für zwei! Du bist manchmal der größte Idiot, der mir begegnet ist." "Ja, aber nur manchmal." Es klopfte wieder, es war Sanchez. "Darf man eintreten?" "Ich bin gleich fertig." Er hatte frische weiße Unterwäsche an, die ihm mein Onkel gegeben hatte. Mein Blick fiel unwillkürlich auf seinen Schritt, da war eine riesenhafte Wölbung unter dem Stoff. Ich wurde knallrot. Thomas fragte "Senor Sanchez, wie heißt der Fluss von Sevilla zum Ozean?" "Der Guadalquivir." "Ja, richtig." "Wie oft waren Sie eigentlich selbst schon in Neu-Indien?" fragte ich ihn. "Dreimal." "Und wollen Sie wieder hin?" "Es gibt ein paar Dinge, die ich dort angefangen habe." "Das beantwortet nicht meine Frage." "Leonora, ich weiß, daß man dir nichts vormachen kann, aber ich spreche niemals zu niemandem über meine Pläne und, auch wenn dies wie eine Beleidigung klingt, schon gar nicht zu einer Frau." "Ich bin nicht beleidigt." "Um so besser." Thomas sagte "Ich versuche, Eleonora zu überreden ..." "Halt die Klappe." Er schreckte zurück. "Hier, ziehen Sie's an, Sanchez. Und dann gehen Sie zum Grafen und erledigen sie das mit dem Begleitbrief." "Jawohl, Doņa Leonora." "Und du verschwindest jetzt auch, ich will allein sein." Sie gehorchten beide, und ich sah, wie Sanchez Thomas über irgendetwas ausfragte - wahrscheinlich über mich. Dann steckte er nochmal den Kopf zur Tür hinein und sagte "Dein Onkel hat uns alle für heute Abend zu einem Abschiedsessen eingeladen." Ihr habt sicher gemerkt, wie ich hin- und hergerissen war und wie schwer es mir fiel, mich noch normal zu verhalten. Was ich Sanchez vorgeworfen hatte, war natürlich Unsinn, aber ich war fast besessen von dem Gedanken, daß Juan López etwas für mich empfunden hat - und immer noch empfindet, wie immer das aussehen möge. Ich wurde beinahe eifersüchtig auf Thomas, sogar auf Sanchez, daß sie bald Gelegenheit hätten, ihn zu sehen, mit ihm zu sprechen. Was würden sie berichten, falls er sich nach mir erkundigt? Falls er es tut! Die Gewissheit, ihm nicht selbst alles mitteilen zu können, was mir auf dem Herzen lag, war wie eine unterträgliche Folter. Wenn ich mich in meiner Kammer einschließe, würde es bloß noch schlimmer werden. Wir warteten bis zum Abend auf Sanchez' Rückkehr vom Grafen. Der Onkel hatte tatsächlich einen Tisch für uns eindecken lassen (diesmal musste ich nicht dabei helfen), und es waren nur ein paar Gäste da, so daß wir fast unter uns waren. Aber Sanchez kam und kam nicht wieder. "Er wird doch wohl nicht einfach auf und davon sein und hat uns sitzenlassen", meinte der Onkel und ging allenthalben vor die Tür, um Ausschau zu halten. Endlich kam er, mit Sack und Pack, und ich dachte bei mir, daß er sich womöglich so lange von Schwester Magdalena "verabschiedet" hatte. "Und?", fragten Thomas und ich wie aus einem Munde, "hat es geklappt mit dem Begleitbrief?" "Der Graf war nicht da, er ist wohl nie da, außer wenn hoher Besuch kommt?" Der Onkel murmelte etwas. Sanchez schob uns beiseite und sagte "Lasst uns erstmal hinsetzen, Tío Matthes, kann ich einen Becher Wein bekommen." Der Onkel winkte der Magd, die schenkte ihm ein, Sanchez leerte ihn auf einen Zug. "Oh ja, noch ein wenig länger, und ich würde mich daran gewöhnen." "Senor Sanchez, was ist mit dem Schreiben?" "Der Graf war nicht da." "Sagten Sie schon." "Bin ich zu seinem Kanzleischreiber hin." "Dem Weißhaupt?" fragte der Onkel. "Kann sein, ja." "Und? Der hat gleich die Hand aufgehalten." "Ja, daß ich überhaupt mein Anliegen vortragen konnte." "Hat er's gemacht?" Sanchez holte das Papier hervor und hielt es hoch, der Onkel schnappte es zuerst, faltete es auseinander und las. "... hm hm hm ... werden hiermit die untengenannten Personen ... hm hm hm ... unter höchst kurfürstlichen Schutz gestellt ... hm hm hm ... genießen in allen Provinzen des Heiligen Römischen Reichs ... hm hm hm ... Thomas Benedikt Weidener und ... wer ist denn León Marian Paulin?" "Na, dieser hier", sagte Sanchez wie nebenbei und gab der Magd mit seinem Becher ein Zeichen zum Nachschenken. "Wer?" rief ich. Heiße und kalte Schauer liefen über meinen Rücken. Der Onkel schaute uns fragend an. Thomas lachte. "Das ist sie! León Marian Paulin ist Eleonore Maria Paulin." "Aber ..." "Wir haben das früher schon mal ausprobiert, es ist keinem aufgefallen." Er rüttelte mich an der Schulter wie einen alten Kumpan. Ich riss dem Onkel das Schreiben aus der Hand und starrte auf die Namen und auf das Siegel darunter. "Sanchez!" Er schaute tief in seinen Becher. "Was haben Sie getan?" Der Onkel schenkte sich selbst ein. "Das ist ja ... warum sagt mir das denn keiner?" "Wir haben es nicht gewusst, Onkel, ehrlich. Das war Sanchez Idee." "Meine Idee! Was für eine billige Unterstellung. Jedermann weiß, daß du mit nach Spanien willst." "Ich nicht", sagte der Onkel und schaute mich an. "Ist das wahr?" Sanchez kleiner Streich stellte mich sozusagen vor vollendete Tatsachen, und dafür bin ich ihm immer dankbar gewesen, wenn es mich auch nicht davon zurückhielt, ihn oftmals zu verabscheuen. Dem Onkel kamen wahrhaftig die Tränen, als wir ihn über unser Vorhaben aufklärten, aber er billigte meinen Entschluss aus vollem Herzen. (Wahrscheinlich dachte er, ich würde nach einiger Zeit zurückkommen, was nun vielleicht auch geschieht.) Er gab mir ein Paar nagelneue Schuhe, ich weiß nicht, für wen sie ursprünglich bestimmt waren, die mir einwandfrei passten. Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich mit den nötigen Reisevorbereitungen, und in der darauffolgenden Nacht schlief ich nur wenige Stunden. Aber ich fühlte mich gut, als wir frühmorgens aufbrachen. Sanchez hatte bei einem Pferdehändler eine Stute und einen Wallach für uns erstanden, wir versprachen, ihm das Geld zurückzugeben, sobald wir es haben. "Oh je", sagte er mit gespielter Enttäuschung, "da werden die Mauren wohl eher Granada zurückerobern, als bis ihr Blauschnäbel soviel Geld zusammenhabt." "Es heißt 'Grünschnäbel' und nicht 'Blauschnäbel', Senor Sanchez, und im übrigen spricht nichts dagegen, daß zwei junge Thüringer wie wir wo auch immer in der Welt zu Ansehen und Wohlstand kommen können." "Na, wir werden sehen." Wir waren drei oder vier Stunden unterwegs und hatten gerade ein Dorf hinter uns gelassen, als wir durch ein lichtes Wäldchen kamen. Der Weg ging über eine Anhöhe hinweg, und ein Stück weiter hatte man einen schönen Ausblick auf ein weites Tal. Da saß am Wegesrand in sich zusammengesunken ein Mann, der offenbar eingeschlummert war. Wir beachteten ihn nicht weiter und wir waren schon fast vorbei, als er aufschreckte und rief "Der Herr sei mit euch!"
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