| Eleonore Junipher : Los días de la buena muerte | |
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Ich war acht oder neun Jahre alt, als sich die Unruhen unter den Bauern auch in unserem Ort bemerkbar machten. Mein Vater kannte einen Mann namens Michael Hutter. Der kam eines Tages zu uns und gab sieben Fahnen in Auftrag. Meine Mutter und meine ältere Schwester waren Näherinnen. Die Fahnen sollten als Zeichen ein Kruzifix, einen Vogel, einen Hirsch, einen Fisch und drei Bäume für einen Wald tragen; das waren die Symbole, auf die sich die Bauern verständigt hatten.
Sie sollten rasch fertig sein, und meine Schwester, die noch gesunde, gute Augen hatte, hantierte sogar nachts beim schwachen Licht von Kerzen und einer Ölfunzel. Sie war sehr stolz auf ihre Arbeit. Der Hutter war auch sehr zufrieden damit. Mein Vater und er redeten lange hinter verschlossener Tür miteinander. Dann bekam ich mit, daß der Hutter meinen Vater wegen der Bezahlung vertröstet hatte, und meine Mutter war sehr wütend auf den Hutter, und meine Schwester schimpfte über ihn, als er aus dem Haus war. Bald darauf hörte man, daß der Bauernhaufen die Frauenklöster in Allendorf und in Breitungen überfallen, ausgeraubt und niedergebrannt hatte; man erzählte sich die schrecklichsten Einzelheiten darüber, was sie mit den Nonnen angestellt hätten. Dann hieß es, sie lagerten auf der Beichlinger Wiese vor Salzungen, und die Stadtherren mussten ihnen Braten und Brot hinausbringen und Bier, soviel sie verlangen. Sie machten dann die Gegend zu beiden Ufern der Werra unsicher, und schließlich waren sie wieder bei uns in Schmalkalden, am unteren Tor, unter freiem Himmel, denn es war im August, es herrschte schon lange eine Trockenheit, und die Nächte waren warm. Der Hutter kam in die Stadt und verhandelte mit den Ratsherren, und der Abt vom Georgenstift, so wurde gemunkelt, gab den Bauern eine beträchtliche Menge Geld, angeblich, damit sie sich besser ausrüsten konnten, denn sie hatten vor, die Werra hinab zu ziehen und dann nach Mühlhausen hinüberzuschwenken, wo so etwas wie eine Entscheidungsschlacht stattfinden sollte. Und als der Michael Hutter noch in der Stadt war, ging mein Vater zu ihm hin und verlangte den Lohn für die Näherei. Aber irgendwie schaffte es dieser Saukerl, meinen Vater davon zu überzeugen, daß er noch weit mehr Geld bekommen könnte, und daß sich meine Mutter und die Schwester künftig überhaupt nicht mehr mit solcher Plackerei abmühen müssten, wo sie doch nur Gefahr laufen, sich vollends die Augen zu verderben. Mein Vater kam nach Hause, schnürte ein Bündel mit ein paar Sachen zusammen, sprach eine Weile mit meiner Mutter, die eine Stunde danach immer noch weinte, und verließ uns, um sich den Bauern anzuschließen, obwohl er sein Lebtag keinem Bauern auch nur die Hand gereicht hatte. Danach blieb er verschwunden. Es kam noch schlimmer: Irgendwann verbreitete sich die Nachricht, die Bauern hätten bei Mühlhausen einen grandiosen Sieg errungen, und zwei Tage später hieß es, das Blatt habe sich nochmal gewendet, aber der Sieg stünde kurz bevor, und es sei jetzt nötig, daß alle, die aus ihrer Familie jemanden haben, der dort für sie kämpft, ihm beistehen sollen, um Christi Willen und damit sie dereinst ins Himmelreich kämen. Ich weiß noch, wie ich mich gefragt habe, wer denn nun genau ins Himmelreich kommen und auf welche Weise man seinen Angehörigen beistehen solle; und statt eine Antwort zu finden, ertappte ich mich bei dem Gedanken, nein, kein echter Gedanke, sondern vielmehr ein guter Rat, den ich mir selbst gab (und der mich seitdem in solchen, ähnlichen Situationen stets wieder geleitet hat): Daß ich nämlich erst einmal abwarten sollte, was geschehen wird ohne mein Zutun. Von außen mag dies Verhalten wenig hilfreich erscheinen, vielleicht auch herzlos oder feige. Aber ich konnte nicht anders; und offengestanden: mit der Zeit stellte sich heraus, daß ich auf diese Weise eine größere Aussicht hatte, heil durch Gefahren hindurch und letztlich mit dem Leben davonzukommen. Aus einem unbewussten Beweggrund wurde so etwas wie eine Maxime zum Handeln (was ich damals freilich noch nicht erkannte), und sie war mir bei den Erlebnissen, von denen ich berichten will, von größerem Nutzen als jede noch so überzeugende Prophezeiung dessen, was angeblich unweigerlich geschehen werde und worauf man daher vorbereitet sein müsse. So stand ich damals beinahe teilnahmslos dabei, als meine Mutter und meine Schwester sich aufmachten, um meinem Vater beizustehen. Immerhin zwang mich meine Mutter nicht, mit ihnen mitzukommen. Sie sagte "Eleonore, du und Johannes (das war mein kleiner Bruder), ihr bleibt bei euerm Onkel, bis wir alle wieder zusammen sind." Mein Onkel hatte ein Fuhrunternehmen und einen Gasthof, in dem auch Reisende übernachten konnten und der einen guten Ruf hatte. Ich half ihm in der Wirtschaft, ging den Küchenmägden zur Hand, machte sauber, schaffte die Wäsche auf die Wiese vor dem Stiller Tor, wo sie gewaschen wurde, und holte sie auch wieder ab. Der Onkel gab mir für solche Arbeiten einen Esel mit Karren, und auf diesem Esel lernte ich zu reiten, und als ich mich längere Zeit um die Pferde kümmerte, konnte ich ganz nebenbei meine Reitkünste vervollkommnen. Ich wohnte mit meinem Bruder in einer Dachkammer neben dem Taubenschlag, und aus dem Fenster hatte man eine Aussicht über die Dächer und die Hinterhöfe der Häuser in der Grünen Gasse. Einmal war ich unterwegs, da spielte der Esel plötzlich verrückt und biss den Ratsherrn Binder, der gerade vorbei ging, in den Arm. Der rief sofort einige Wachtleute, und unser Esel wurde abgeführt und in Gewahrsam genommen, weil irgendjemand aus der gaffenden Menge gerufen hatte, ob er womöglich tollwütig sei. Aber er hatte bloß schlechte Laune gehabt. Ich stand da mit dem Karren voll Wäsche, die zum Stiller Tor auf Wiese sollte, und ich band mir die Riemen um die Schultern und nahm die Deichsel in die Hand und zog den Karren mit Leibeskräften selber weg. Die meisten der Leute machten sich über mich lustig, aber dann sprang ein Junge herzu, um mir zu helfen, und gemeinsam brachten wir die Fuhre bis vor die Stadt. Ich bedankte mich bei dem Jungen. "Keine Ursache", erwiderte er und fügte hinzu "ich kenne dich, du bist die Tochter von dem Wirt Matthes in der Grünen Gasse." "Seine Nichte." "Ich heiße Thomas, ich arbeite beim Buchdrucker Hieronymus Hartmann." Das beeindruckte mich sehr, und obwohl dieser Junge ziemlich hübsch war, und ich damals in das Alter kam, wo man Gefallen an solchen Burschen findet, fragte ich ihn nicht aus über all den Kram, den man beredet, wenn man, na ja, wenn man sich füreinander interessiert, sondern ich fragte nur, ob er lesen kann. "Lesen und schreiben, und sogar leidlich rechnen", sagte er etwas vollmundig, aber keineswegs prahlerisch. "Kannst du's mir beibringen?" "Was?" "Am besten alles." Er überlegte. Dann sagte er "Wenn ich dich küssen darf." Ich wurde rot im Gesicht. "Wie, jetzt?" "Auf der Stelle." Ich schaute mich um, da waren nur ein paar Wäscherinnen mit ihrer Arbeit beschäftigt. "Also gut, aber schnell." Er drückte seinen Mund auf meinen, und ich merkte, daß er wenig Erfahrung darin hatte. Er hielt ganz still und wartete darauf, daß irgendwas passiert. "Das reicht", quetschte ich zwischen unseren Lippen hervor. "Wann fangen wir an?" Ich befürchtete, daß er alles nur so dahergesagt hatte, aber er antwortete "Mit dem Lesen? Von mir aus heute." "Dann komm' um sechs zu mir." "Gut." Thomas kam wirklich, er brachte ein Buch aus der Druckerei mit. Ich schlug die erste Seite auf und fand es abstoßend. Ich legte den Finger unter das erste Wort und ging die Zeile entlang und spürte dabei, wie die Leere in meinem Kopf immer größer wurde, als würden die Wörter nur lauter Löcher, aber keinen Sinn ergeben. Ich wurde richtig wütend. Thomas lachte. Ich schlug das Buch zu und schickte ihn wieder fort. Er war aber nicht beleidigt, er sagte "Ich lasse es da, ich komme morgen wieder." "Morgen habe ich keine Zeit." "Dann übermorgen." "Auch nicht." In der Nacht versuchte ich beim Licht einer Ölfunzel die Schrift zu entziffern und wenigstens ein Wort zu finden, das ich kenne. Dann fand ich einen Namen, den der Onkel auf einen Zettel geschrieben hatte, als ebenjene Person in unserem Gasthof übernachtete: Doktor Martin Luther. Ich sprach die drei Wörter unzählige Male vor mich hin und zerlegte sie, die Augen fest auf die Buchstaben gerichtet, in einzelne Laute. Ich fand das o und merkte es mir, das m, das a, das i und das u; das e hatte sich zu gut versteckt, das r war mir vollkommen schleierhaft und ich hasste es. Dann pickte ich mir ein anderes Wort heraus, von dem ich meinte, es wäre ein Name; er fing genauso an wie Martin, und es dauerte gar nicht lange, bis ich ihn verstand: Maria. Ich dachte, es sei die Jungfrau Maria gemeint, und das war ganz richtig, aber das Wort Jungfrau sah überhaupt nicht so aus, und dabei musste ich vorerst aufgeben. Wenn meine Schwester sich womöglich beim Nähen im Licht einer Ölfunzel die Augen verdorben hatte, so drohte mir das gleiche beim Lesenlernen. Aber ich machte beharrlich weiter, und der Onkel, der meine Bemühungen zwar belächelte, gab mir eine Schiefertafel und ein Stück Kreidestein, und als ich das n und das verdammte r erbeutet hatte, vermochte ich etwas zu tun, das mich noch heute freudig stimmt, wenn ich daran denke. Ich schrieb meinen Namen auf die Tafel: e l e o n o r e. Ich bat Thomas, wieder zu mir zu kommen. Ich zeigte ihm meine Schriftkünste, er schrieb darunter die Großbuchstaben, und es sah noch viel besser aus: E L E O N O R E - sogar das verdammte r gefiel mir. "Warum druckt ihr nicht alles in Großbuchstaben?" fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern. "Das weiß ich auch nicht, ist wohl nicht der Brauch. Obwohl ja das Latein auch nur mit Großbuchstaben geschrieben wurde", fügte er klug hinzu. "Ach ja? Kannst du Latein auch lesen?" "Nur ein paar Wörter." "Was für ein Buch ist das überhaupt?" "Das sind die Schmalkaldischen Artikel, sie sind im Moment sehr gefragt, und wir verkaufen jede Menge davon. Wir drucken fast rund um die Uhr, denn der Herzog Johann drängt darauf, daß sie ausgeliefert werden. Wir haben eine große Auflage davon gemacht, und sie ging sofort weg; aber in der Eile haben sich Fehler eingeschlichen, so daß wir eine zweite, verbesserte, und dann noch eine dritte Auflage nachgereicht haben." Ich zeigte auf ein Wort, das mir aufgefallen war. "Aber hier habt ihr euch immer noch verdruckt." "Wo?" "Hier, dieses Atha-na-si ..." "Athanasianisches Symbol?", meinte Thomas, nachdem er kurz draufgeschaut hatte, "nö, das heißt so." "Das heißt so? Das kann doch kein Mensch aussprechen." Er lachte. "Wahrscheinlich hast du Recht, aber diese gelehrten Leute halten es für richtig und gut, und man darf den Teufel tun, irgendetwas dagegen einzuwenden." "Na gut, nehmen wir's mal so hin", sagte ich. Thomas erzählte allerhand Dinge aus seiner Werkstatt und über seinen Meister, den Hieronymus Hartmann, der ihm alles beigebracht hatte. Als der Doktor Luther anfing, die Heiligen Schriften zu übersetzen, wollten sie natürlich auch damit Geld verdienen. Leider hatten ein paar Drucker in Sachsen ein Privileg darauf, und der Kaiser hatte mit dem Gesetz, daß bei jedem Buch anzugeben sei, wo und bei wem es gedruckt wurde, solche Privilegien noch gefestigt. "Denn die meisten anderen Drucker haben ein gutes Geschäft mit Raubdrucken gemacht", erklärte mir Thomas. Über den Doktor Luther war die Reichsacht verhängt worden, weshalb er nicht mehr öffentlich auftreten durfte. Ich erinnere mich, daß sich sogar das Gerücht verbreitete, er wäre unterwegs in Tambach, mitten im Wald, gestorben; aber er hatte sich nochmal erholt. Der Philipp Melanchthon führte den öffentlichen Streit mit den Päpstlichen, und er machte seine Sache gut und war wegen seiner scharfen Reden bei seinen Gegnern ebenso gefürchtet wie er bei seinen eigenen Leuten geschätzt war. Die Fürsten, welche sich auf die Seite Luthers geschlagen hatten, wählten glücklicherweise Schmalkalden zu ihrem Versammlungsort, und alle ihre Pamphlete wurden in Hartmanns Offizin gedruckt. "Am Anfang hatte ich natürlich keine Ahnung von der ganzen Sache", erzählte Thomas, "wie die Lettern, also die Buchstaben, gesetzt werden, wie die Druckerschwärze hergestellt und aufgetragen wird, wie eine Presse funktioniert und so weiter. Aber ich habe schnell gelernt, und es fehlt nicht mehr viel, daß ich als Buchdrucker selber mein Glück versuchen könnte." Ich nickte bei seinen Worten, ich war davon überzeugt, daß Thomas ein guter und erfolgreicher Buchdrucker werden könnte. Ich bewunderte ihn im stillen, und dann dachte ich daran, daß er seit jenem ersten Mal noch nicht wieder versucht hatte, mich zu küssen. Nächtelang lernte ich mit den "Schmalkaldischen Artikeln" das Lesen, und ich bin heute noch der Meinung, daß es dafür das schlechteste Buch ist, das man sich aussuchen kann. Aber ich konnte es mir ja nicht aussuchen, und wenn man bei den Mitteln, die einem helfen sollen, seinen Geist zu schulen, keine Wahl hat, dann muss man das Schlechte für nützlich und das Schwierige für unumgänglich erachten, solange, bis man seinen Gewinn daraus gezogen hat. Diese Worte sind, das gestehe ich, nicht von mir, sondern von dem Hieronymus Hartmann. Thomas hatte mich mit in die Druckerei genommen, mir alles gezeigt und mich seinem Meister vorgestellt, der nicht wenig darüber erstaunt war, daß ein junges Mädchen von solcher Wissbegierde erfüllt ist. Er versuchte auch unentwegt, mir den Inhalt dieser bedeutsamen Schrift zu erklären, die angeblich in unserem Land gegenwärtig so viel Furore machte. Die "Artikel" hingen mir bald schon zum Halse heraus, aber Meister Hartmann wurde nicht müde, seine Begeisterung darüber zu bekunden. Daß die heilige Messe in der Kirche der größte und schrecklichste Greuel wäre, ein Drachenschwanz, welcher Abgötterei wie Ungeziefer und Geschmeiß erzeugt. Daß es völlig nutzlos und unnötig sei, die Heiligen und Engel im Himmel anzurufen und von ihnen Erlösung zu erbitten, denn Christus allein sollte uns dafür genügen. Daß das Fegefeuer reines Teufelsgespinnst wäre, und bei Augustinus kein Wort davon stünde. Ich habe daraufhin sogar das Buch von Augustinus zur Hand genommen, um es zu lesen (Hartmann hatte es natürlich in seinem Magazin vorrätig), aber es war quälend langweilig und es erinnerte mich irgendwie an das Gegreine eines Mannes, der früher in unserer Nachbarschaft wohnte und bei uns immer sein Herz ausschüttete, weil ihn seine Frau ständig betrog. Das hatte alles nichts mehr mit dem zu tun, was ich eigentlich erlernen wollte, und ich musste feststellen, wie schnell aus Worten und Sätzen, die man formuliert, um sich daran zu erfreuen, weil man einen schönen Gedanken oder ein Gefühl oder einfach eine Beobachtung festgehalten hat, wie schnell aus diesem Vermögen die Absicht erwächst, andere Menschen zu beeinflussen, womöglich sogar gegen ihre eigene Überzeugung. Nun muss ich aber sagen, daß ich jemand bin, die oft nicht die Geduld hat, sich länger als nötig mit einer Sache zu beschäftigen. Als ich merkte, daß ich Lesen und Schreiben beherrschte, konnten mich die Theorien des Doktor Luther und seiner evangelischen Fürsten nicht mehr länger fesseln. Ich fragte den Hieronymus Hartmann, ob er denn auch ein Rechenbuch habe! Und das war nun wirklich ein glücklicher Zufall. (Oder auch kein bloßer Zufall) Gerade zu der Zeit hatte sich ein Rechenmeister aus Franken in Erfurt niedergelassen und ein Rechenbuch für Kaufleute verfasst. Hartmann wusste natürlich davon. Wir - Hartmann, Thomas und ich - sprachen darüber, und Hartmann meinte, es wäre gewiss von Vorteil, wenn man ein Exemplar davon besorgen würde. Damit ich rechnen lernen kann! Aber er dachte bestimmt nicht zuletzt auch daran, es "nachzudrucken", wie Thomas mir leise verriet. Und dann gab es eine Reihe merkwürdige Ereignisse, die letztlich zu all dem führten, worüber ich hier berichten werde. Zuerst kam eine Gruppe von spanischen Edelleuten zu uns. Sie waren Gäste des Grafen von Henneberg, der in irgendeiner verwandtschaftlichen Beziehung zu dem einen oder andern stand. Einer von ihnen hieß Juan López Talavan, und ich verliebte mich sofort in ihn, obwohl er dem Alter nach mein Vater hätte sein können. (Vielleicht habe ich mir damals einen so schönen und stolzen Mann als Vater gewünscht, wo ich meinen eigenen doch auf so erbärmliche Weise verloren hatte, ja, ihn für tot hielt.) Wie ich überhaupt in seine Nähe kam? Im Schloss des Grafen hatte es eine Woche zuvor gebrannt, und im Westflügel waren einige Zimmer unbewohnbar. Weil der Gasthof meines Onkels einen guten Ruf hatte, und weil früher schon Gäste des Grafen (freilich waren das nur Bedienstete oder Pferdeknechte der Herrschaften gewesen) untergekommen waren, so mietete man gleich das ganze Haus für die Spanier an, jedenfalls für die, welche nicht im Schloss beherbergt werden konnten. Ich hatte die Aufgabe, na ja, ich sage, ich hatte die Ehre, in Juan López Talavans Stube (es waren zwei Zimmer und das seines Dieners) für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen und mich um das Wohlergehen der Gäste zu kümmern, das heißt, ich musste ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen und an meinen Onkel weiterleiten. Aber dieser Spanier machte es einem nicht leicht, denn anders, als ich es erwartet hatte, trat er äußerst bescheiden, beinahe zurückhaltend auf. Und während ich ihm ständig auflauerte, um seine Weisungen entgegenzunehmen, grüßte er mich nur freundlich, lächelte mir zu oder fragte mich sogar, wie es mir geht. "Como estas, Senorita?" Ehrlich, ich wäre fast vor Scham im Boden versunken. Und dabei machte mich sein Anblick furchtbar nervös und unsicher. Ich fühlte, wie ich rot anlief und meine Handflächen feucht wurden. Ich wollte aus Höflichkeit etwas erwidern, aber das wäre natürlich unverschämt gewesen, und so senkte ich den Kopf und brabbelte nur irgendetwas Unverständliches vor mich hin, was freilich einen noch viel schlimmeren Eindruck machen musste. Ich lief zu meinem Onkel und sagte, es wäre mir schlechterdings unmöglich, diesen Herrn zu bedienen, und auf seine Frage "Weshalb?" antwortete ich "Ich komme mir so dumm vor." Mein Onkel entgegnete, daß diese Annahme wahrscheinlich auch durchaus begründet sei, aber er sagte es mit seinem ihm eigentümlichen Lachen, tätschelte mir dann die Wange und meinte "Eleonore, du brauchst dich vor niemandem zu schämen. Und auch nicht zu verstellen. Gib dich einfach so, wie du bist, ein nettes, hübsches, kluges Mädchen." Das stärkte mich auf eine Weise, aber gleichzeitig grämte es mich auch. Einem Mann wie diesem Juan López Talavan war ich noch nie begegnet, aber ich fühlte im ersten Augenblick, daß ich so etwas wie Würde besitze - ja, ich habe mich nicht versprochen - ich besaß diese Würde, die mir die Gewissheit gab, daß ich jedem Menschen, und sei es ein Fremder von irgendeinem Ort dieser Erde, ohne Furcht und Tadel gegenübertreten kann. Und das war mehr als ein "nettes, hübsches Mädchen" zu sein, wie es der Onkel bezeichnet hatte. Aber zugleich (oh, ich weiß, ich falle immer von einem Extrem ins andere) zugleich lief ich Gefahr, mir auf meine Klugheit zuviel einzubilden, denn die Hochnäsigkeit hatte ich von unserer Mutter geerbt und mich dagegen immer erfolglos gewehrt. Ich beschloss, mich an Senor Talavans Diener zu halten und über ihn, sozusagen als Mittelsmann, meinen Pflichten nachzukommen. Aber dieser Sanchez, wie er hieß, war ein ungehobelter Bursche und überdies, wie mir schien, ein Faulpelz, und ich fragte mich, wie er diese Stellung erlangt haben konnte. Er lungerte den ganzen Tag herum, meistens in der Küche bei den Mägden, die ihn toll fanden und sich über seine Geschichten, die er erzählte, und mehr noch über seine Manieren köstlich amüsierten. Juan López Talavan sprach deutsch, und schließlich nahm ich mir ein Herz, und auch auf die Gefahr hin, daß ich bei meinem Onkel oder gar beim Grafen in Verruf gerate und sogar dafür bestraft werde, war ich so kühn, den Spanier anzusprechen. Es war bestimmt furchtbar töricht, aber bei der verzweifelten Suche nach einem Gesprächsthema fiel mir nichts besseres ein, als die "Schmalkaldischen Artikel", die ich in- und auswendig kannte, und von denen ich annahm, daß sie einem "Mann von Welt" geläufig sein mussten. Ich hatte freilich damals nicht die geringste Ahnung, was in dieser Welt wirklich gerade vor sich ging und in welchem Zusammenhang diese Sache mit den großen Ereignissen stand, und in Wahrheit (wer hätte das nicht längst bemerkt) wollte ich doch nur seine Aufmerksamkeit für mich gewinnen. Ich passte einen günstigen Zeitpunkt ab, klopfte an des Spaniers Tür, und das "Adelante!", das er mir von drinnen zurief, klang in meinen Ohren wie eine Zauberformel. "Euer Exzellenz", stammelte ich, mich tief verbeugend, "ich wollte ... ich habe ... in der untertänigsten Absicht ... mir ... Euch ..." Ich kam nicht weiter und blieb mit gekrümmtem Rücken und das Buch im schlaffen Arm stehen. "Was gibt es? Sprich nur", sagte er, indem er sich erhob und mir entgegenkam. Ich richtete mich auf. "Wie ist dein Name?" "Ich heiße Eleonore." "Ein schöner Name. Du arbeitest hier als Zimmermädchen?" "Ja", sagte ich und konnte mich nicht beherrschen hinzuzufügen "ich bilde mich fort", was vollkommen unsinnig war. Er verstand nicht gleich, was ich damit meine, und er sah mich fragend an. "Mein Freund ist Buchdrucker, das heißt, er ist ein Buchdruckerlehrling, aber er ist ... na egal, sie haben hier dieses Buch gerade neu gedruckt (dabei bog ich die Eselsohren, die es schon hatte, flüchtig gerade) ich dachte, vielleicht interessiert es Euch." Und ich reichte es ihm unter einer weiteren Verbeugung. "Das sind ..." "Die Schmalkaldischen Artikel, sehr wohl, ein Buch, das hierzulande viel Aufsehen erregt hat. Ich würde es Euer Exzellenz gern überlassen." Ich schaute ihn an, er lächelte und zog seine linke Augenbraue in die Stirn. "Das ist sehr freundlich von dir, Eleonore." Wie er meinen Namen aussprach, das versetzte mir tatsächlich einen wohligen Schauer. Aber das Buch lehnte er dankend ab. Er meinte nämlich, man würde ihn unzweifelhaft vor die Inquisition bringen, wenn irgendjemand herausfände und verriete, daß er diesen "Aufruf zum Sturz des Katholizismus", wie er sich ausdrückte, besitzt. Und dann fügte er zu meiner Verwirrung hinzu "Du und dein Freund, ihr solltet euch glücklich schätzen, daß ihr nicht nur den Nutzen daraus zieht, es zu drucken und zu verkaufen, sondern auch die Freiheit habt, es ungestraft lesen zu dürfen." "Was ist die Inquisition?" "Ein Gericht, welches darüber wacht, daß unsere Heilige Kirche nicht in Gefahr gerät und unser Glauben seine Unerschütterlichkeit bewahrt." "Dann seid Ihr ein rechter Katholik?" "Ich bin ein Diener meines Herrn", erwiderte er, und diese Antwort gab mir zu denken. Sie ließ den Spanier in meinen Augen noch bewundernswürdiger erscheinen. Der Tonfall, in dem er es äußerte, schien mir zu bekräftigen, daß er sich zugleich als sein eigener Herr verstand. Er hatte so etwas Überlegenes an sich, das aus seiner Natürlichkeit entsprang, und das war wohl auch ein Geheimnis seiner Männlichkeit. Nach dieser kurzen Unterhaltung, und obwohl sie wiederum anders als erwartet verlaufen war, verliebte ich mich noch mehr in ihn. Aber - damit ihr mich nicht falsch versteht - das war keine Liebe aus Lust, kein sinnliches Begehren, sondern eher eine Liebe, wie man sie sich zwischen einem Lehrer und seinem Schüler vorstellt, wenn es sich um ein sehr gutes Verhältnis handelt. Nur, daß er kein richtiger Lehrer, sondern ein Edelmann war, und ich war eine Schülerin, ein Mädchen. Und für Mädchen gab es zu dieser Zeit keine Schulen, abgesehen von ein paar Dorfklassen, wo sie das Vaterunser lernen.
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