| Heinrich von Kleist |
| Der Zweikampf |
| Dresdener Digitale Ausgabe : herausgegeben von Alexander Fuchs |
| Die Erzählungen | . 1 . 2 . 3 . |
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Herzog Wilhelm von Breysach, der seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gräfin namens Katharina von Heersbruck aus dem Hause Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, welche gestorben waren, die Legitimation eines mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte.
Freudiger als während des ganzen bisherigen Laufs seiner Regierung in die Zukunft blickend, hatte er schon den Park, der bei seinem Schloss lag, erreicht, als plötzlich ein Pfeilschuss aus dem Dunkel der Gebüsche hervorbrach, und ihm dicht unter dem Brustknochen den Leib durchbohrte. Herr Friedrich von Trota, sein Kämmerer, brachte ihn, über diesen Vorfall äußerst betroffen, mit Hilfe einiger anderer Ritter in das Schloss, wo er nur noch in den Armen seiner bestürzten Gemahlin die Kraft hatte, einer Versammlung von Reichsvasallen, die schleunigst auf deren Veranlassung zusammenberufen worden war, die kaiserliche Legitimationsakte vorzulesen; und nachdem, nicht ohne lebhaften Widerstand, weil nach dem Gesetz eigentlich die Krone an seinen Halbbruder, den Grafen Jakob den Rotbart gefallen wäre, die Vasallen seinen letzten bestimmten Willen erfüllt, und unter dem Vorbehalt, die Genehmigung des Kaisers einzuholen, den Grafen Philipp als Thronerben, die Mutter aber, wegen Minderjährigkeit desselben, als Vormund und Regentin anerkannt hatten, legte er sich nieder und starb.
Die Herzogin bestieg nun ohne weiteres unter einer bloßen Mitteilung, die sie durch einige Abgeordnete an ihren Schwager, den Grafen Jakob den Rotbart ergehen ließ, den Thron; und was mehrere Ritter des Hofes, welche die Gemütsart des letzteren zu durchschauen meinten, vorausgesagt hatten, das trat, wenigstens dem äußeren Anschein nach ein: Jakob der Rotbart verschmerzte in kluger Erwägung der näheren Umstände das Unrecht, das ihm sein Bruder zugefügt hatte; zum mindesten enthielt er sich aller Schritte, den letzten Willen des Herzogs umzustoßen und wünschte seinem jungen Neffen zu dem Thron, den er erlangt hatte, von Herzen Glück.
Er beschrieb den Abgeordneten, die er heiter und freundlich an seine Tafel zog, wie er seit dem Tode seiner Gemahlin, die ihm ein königliches Vermögen hinterlassen habe, frei und unabhängig auf seiner Burg lebe; wie er die Weiber(!) der angrenzenden Edelleute, seinen eigenen Wein und in Gesellschaft munterer Freunde die Jagd liebe, und daß ein Kreuzzug nach Palästina, auf welchem er die Sünden seiner feurigen Jugend, die auch leider, wie er zugab, im Alter noch wachsen, abzubüßen dachte, daß dies also die letzte Unternehmung sei, auf die er es am Schluss seines Lebens noch abgesehen habe.
Vergebens machten ihm seine beiden Söhne, welche in der berechtigten Hoffnung der Thronfolge erzogen worden waren, wegen der Unempfindlichkeit und Gleichgültigkeit, mit welcher er auf ganz unerwartete Weise in diese unheilbare Kränkung ihrer Ansprüche einwilligte, die bittersten Vorwürfe. Er wies sie, die noch nicht erwachsen wären, mit kurzen und spöttischen Machtsprüchen zur Ruhe, nötigte sie, ihm am Tage des feierlichen Leichenbegängnisses in die Stadt zu folgen und daselbst an seiner Seite den alten Herzog, ihren Oheim, wie es sich gebühre, zur Gruft zu bestatten. Und nachdem er im Thronsaal des herzoglichen Palastes dem jungen Prinzen, seinem Neffen, in Gegenwart der Regentin Mutter, gleich allen anderen Großen des Hofes, die Huldigung erwiesen hatte, kehrte er unter Ablehnung aller Ämter und Würden, welche die letztere ihm antrug, begleitet von den Segnungen des, ihn um seine Großmut und Mäßigung doppelt verehrenden Volks, wieder auf seine Burg zurück.
Die Herzogin schritt nun nach dieser unverhofft glücklichen Auflösung drohender Schwierigkeiten zur Erfüllung ihrer zweiten Regentenpflicht, nämlich wegen der Mörder ihres Gemahls, deren man im Park eine ganze Schar wahrgenommen haben wollte, Untersuchungen anzustellen, und prüfte zu diesem Zweck gemeinsam mit Herrn Godwin von Herrthal, ihrem Kanzler, den Pfeil, der seinem Leben ein Ende gemacht hatte.
Vorerst fand man an demselben nichts, das den Eigentümer hätte verraten können, außer etwa, daß er auf merkwürdige Weise zierlich und prächtig gearbeitet war. Starke, glatte und glänzende Federn steckten in einem Stiel, welcher, schlank und kräftig, aus dunklem Nußbaumholz gedrechselt war; das vordere Ende war von glänzendem Messing, und nur die äußerste Spitze, lang wie die Gräte eines Fisches, war von Stahl. Der Pfeil schien für die Rüstkammer eines vornehmen und reichen Mannes gefertigt zu sein, der entweder in Fehden verwickelt oder ein großer Liebhaber der Jagd war; und da man aus einer eingravierten Jahrszahl ersah, daß dies erst vor kurzem geschehen sein konnte, so schickte die Herzogin auf Anraten des Kanzlers den Pfeil mit dem Kronsiegel versehen in alle Werkstätten Deutschlands umher, um den Meister, der ihn gedrechselt hatte, ausfindig zu machen, und, falls dies gelang, von ihm den Namen dessen zu erfahren, der ihn in Auftrag gegeben hatte.
Fünf Monate darauf lief an den Kanzler Godwin, dem die Herzogin die ganze Untersuchung der Sache übergeben hatte, die Erklärung von einem Pfeilmacher aus Straßburg ein, daß er ein Schock solcher Pfeile samt dem dazugehörigen Köcher vor drei Jahren für den Grafen Jakob den Rotbart verfertigt habe.
Der Kanzler, über diese Erklärung äußerst betroffen, hielt dieselbe mehrere Wochen lang zurück; zum Teil kannte er, wie er meinte, trotz der freien und ausschweifenden Lebensweise des Grafen, den Edelmut desselben zu gut, als daß er ihn einer so abscheulichen Tat wie die Ermordung des eigenen Bruders hätte für fähig halten können; zum Teil auch, trotz vieler anderen guten Eigenschaften, die Gerechtigkeit der Regentin zu wenig, als daß er in einer Sache, die nach dem Leben ihres schlimmsten Feindes trachtete, nicht mit der größten Vorsicht hätte verfahren dürfen.
Vorläufig stellte er insgeheim im Zusammenhang mit dieser bestürzenden Nachricht Untersuchungen an, und da er durch die Beamten der Stadtvogtei zufällig erfuhr, daß der Graf, der seine Burg sonst nie oder nur höchst selten zu verlassen pflegte, in der Nacht der Ermordung des Herzogs auswärts gewesen sei, so hielt er es für seine Pflicht, das Geheimnis nicht länger zurückzuhalten und die Herzogin in einer der nächsten Sitzungen des Staatsrats von dem fürchterlichen Verdacht, der durch diese beiden Anhaltspunkte auf ihren Schwager, den Grafen Jakob den Rotbart fiel, zu unterrichten.
Die Herzogin, die sich glücklich pries, mit dem Grafen, ihrem Schwager, auf einem so freundschaftlichen Fuß zu stehen, und nichts mehr fürchtete, als seine Empfindlichkeit durch unüberlegte Schritte zu reizen, gab inzwischen, zum Befremden des Kanzlers, bei dieser vagen Mitteilung nicht das geringste Zeichen der Bestürzung von sich; vielmehr, als sie die Papiere zweimal mit Aufmerksamkeit überlesen hatte, äußerte sie deutlich ihr Missfallen, daß man eine Sache, die ebenso ungewiss wie folgenschwer wäre, öffentlich im Staatsrat zur Sprache bringen sollte. Sie war der Meinung, daß ein Irrtum oder eine Verleumdung vorliegen müsse und befahl, von der Anzeige vor Gericht keinen Gebrauch zu machen.
Bei der außerordentlichen, fast schwärmerischen Volksverehrung, welche der Graf nach einer natürlichen Wendung der Dinge seit seiner Ausschließung vom Thron genoss, schien ihr auch schon die bloße Erwähnung im Staatsrat äußerst gefährlich; und da sie ahnte, daß ein Stadtgeschwätz darüber ihm zu Ohren kommen würde, so schickte sie, von einem wahrhaft edelmütigen Schreiben begleitet, die beiden Klagepunkte, die sie das Spiel eines sonderbaren Missverständnisses nannte, samt dem, worauf sie sich stützen sollten, zu ihm hinaus, mit der bestimmten Bitte, sie, die im Voraus von seiner Unschuld überzeugt sei, mit aller Widerlegung derselben zu verschonen.
Der Graf, der gerade mit einer Gesellschaft von Freunden bei der Tafel saß, erhob sich, als der Ritter mit dem Schreiben der Herzogin eintrat, von seinem Sessel; aber kaum, während die Freunde den Boten, der sich nicht niedersetzen wollte, betrachteten, hatte er am hellen Fenster den Brief überlesen, als sein Gesicht die Farbe wechselte und er die Papiere mit den Worten den Freunden überreichte: "Brüder, seht! Welch eine schändliche Anklage auf den Mord meines Bruders gegen mich zusammengeschmiedet worden ist!"
Er riss dem Ritter mit einem funkelnden Blick den Pfeil aus der Hand und setzte, die Aufwallung in seiner Seele verbergend, während die Freunde sich unruhig um ihn scharten, hinzu, daß in der Tat dieses Geschoss ihm gehöre und auch die Vermutung, daß er in der Nacht des heiligen Remigius nicht in seinem Schloss gewesen, wahr sei! Die Freunde fluchten über die hämische und niederträchtige Arglist der Ankläger und warfen den Verdacht des Mordes auf diese selbst zurück; schon waren sie im Begriff, gegen den Ritter, der die Herzogin in Schutz nahm, beleidigend zu werden, als der Graf, der die Papiere noch einmal überlesen hatte, ausrief: "Nur ruhig, meine Freunde!"
Zur Überraschung aller nahm er sein Schwert und übergab es dem Ritter mit der Erklärung, daß er sein Gefangener sei! Auf die zögernde Frage des anderen, ob er recht gehört habe und ob er in der Tat die beiden Klagepunkte, die der Kanzler aufgesetzt, anerkenne, antwortete der Graf mit einem deutlichen Ja, und er meine, im Recht mit der Forderung zu sein, den Beweis wegen seiner Unschuld nicht anders als vor den Schranken eines förmlich von der Herzogin einberufenen Gerichts zu führen.
Vergebens beschworen ihn die Ritter, mit solcher Feststellung höchst unzufrieden, daß er in diesem Fall keinem anderen als dem Kaiser von dem Zusammenhang der Sache Rechenschaft zu geben brauche; der Graf, der sich in einer plötzlichen sonderbaren Wandlung der Gesinnung auf die Gerechtigkeit der Regentin berief, bestand darauf, sich vor dem Landestribunal zu stellen, und noch während er sich aus ihrer Mitte losriss, rief er zum Fenster hinaus nach seinen Pferden, willens, wie er sagte, dem Boten unmittelbar in die Ritterhaft zu folgen, als die Waffengefährten ihm gewaltsam mit einem Vorschlag, den er endlich annehmen musste, in den Weg traten. Sie setzten alle zusammen ein Schreiben an die Herzogin auf, forderten als ein Recht, das jedem Ritter in solchem Fall zustehe, freies Geleit für ihn und boten ihr zur Sicherheit, daß er sich dem von ihr eingerichteten Tribunal stellen und allem, was dasselbe über ihn verhängen möge, unterwerfen würde, eine Bürgschaft von 20.000 Mark Silbers an.
Die Herzogin, auf diese unerwartete und ihr unbegreifliche Erklärung hin, hielt es, bei den abscheulichen Gerüchten, die bereits über die Veranlassung der Klage im Volk kursierten, für das ratsamste, mit gänzlicher Zurückhaltung ihrer eignen Person dem Kaiser die ganze Streitsache vorzulegen. Sie schickte ihm auf den Rat des Kanzlers sämtliche den Vorfall betreffende Aktenstücke und bat ihn, in seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt ihr die Untersuchung in einer Sache abzunehmen, in der sie selber als Partei befangen sei.
Der Kaiser, der sich wegen Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft gerade in Basel aufhielt, bewilligte dieses Ersuchen und setzte ein Gericht von drei Grafen, zwölf Rittern und zwei Gerichtsassessoren ein; und nachdem er dem Grafen Jakob dem Rotbart, dem Antrag seiner Freunde gemäß, gegen die dargebotene Bürgschaft von 20.000 Mark Silbers freies Geleit zugestanden hatte, forderte er ihn auf, sich dem erwähnten Gericht zu stellen und demselben über die beiden Punkte, nämlich wie der Pfeil, der nach seinem eigenen Geständnis ihm gehöre, in die Hände des Mörders gekommen sei und an welchem Ort er sich in der Nacht des heiligen Remigius aufgehalten habe, Rede und Antwort zu stehen.
Es war am Montag nach Trinitatis, als der Graf Jakob der Rotbart mit einem glänzenden Gefolge von Rittern der an ihn ergangenen Aufforderung gemäß in Basel vor den Schranken des Gerichts erschien und sich daselbst, mit Übergehung der ersten, ihm, wie er vorgab, gänzlich unerklärlichen Frage, in bezug auf die zweite, welche für den Streitpunkt entscheidend sei, folgendermaßen ausließ: "Edle Herren!" (Damit stützte er seine Hände auf das Geländer und schaute aus seinen kleinen blitzenden, von rötlichen Wimpern überschatteten Augen in die Versammlung.) "Ihr beschuldigt mich, der von seiner Gleichgültigkeit gegen Macht und Amt Proben genug gegeben hat, der abscheulichsten Handlung, die begangen werden kann: der Ermordung meines, mir in der Tat wenig geneigten, aber darum nicht minder teuren Bruders; und als einen der Gründe, worauf ihr eure Anklage stützt, führt ihr an, daß ich in der Nacht des heiligen Remigius, da jener Frevel verübt ward, ganz gegen meine oft beobachtete Gewohnheit aus meinem Schlosse abwesend war.
Nun ist mir gar wohl bekannt, was ein Ritter der Ehre jener Damen, deren Gunst ihm heimlich zuteil wird, schuldig ist; und - wahrlich, hätte der Himmel nicht aus heiteren Lüften dies sonderbare Verhängnis über meinem Haupt zusammengebraut, so würde das Geheimnis, das in meiner Brust schläft, mit mir gestorben, zu Staub verwest und erst auf den Posaunenruf des Engels, der die Gräber sprengt, vor Gott mit mir wiedererstanden sein.
Die Frage jedoch, die Eure kaiserliche Majestät an mein Gewissen richtet, macht, wie ihr wohl selbst einseht, alle Rücksichten und Bedenklichkeiten zunichte; und weil ihr denn wirklich wissen wollt, warum es weder wahrscheinlich noch auch möglich sei, daß ich an dem Mord meines Bruders, sei es nun leibhaftig oder mittelbar, teilgenommen, so vernehmt, daß ich in der Nacht des heiligen Remigius, also zur Zeit, da er verübt worden, heimlich bei der schönen, mir in Liebe ergebenen Tochter des Landdrosts Winfried von Breda, Frau Wittib Littegarde von Auerstein war."
Nun muss man wissen, daß Frau Wittib Littegarde von Auerstein, so wie die schönste, so auch, bis auf den Augenblick dieser schmählichen Anklage, die unbescholtenste und makelloseste Frau des Landes war. Sie lebte, seit dem Tode des Schlosshauptmanns von Auerstein, ihres Gemahls, den sie wenige Monate nach ihrer Vermählung infolge eines ansteckenden Fieber verloren hatte, still und zurückgezogen auf der Burg ihres Vaters; und nur auf den Wunsch dieses alten Herrn, der sie gern wieder vermählt zu sehen wünschte, erschien sie dann und wann bei den Jagdfesten und Banketten, welche von der Ritterschaft der umliegenden Gegend, und hauptsächlich von Herrn Jakob dem Rotbart, angestellt wurden.
Viele Grafen und Herren aus den edelsten und begütertsten Geschlechtern des Landes scharten sich mit ihren Werbungen bei solchen Gelegenheiten um sie herum, und unter diesen war ihr Herr Friedrich von Trota, der Kämmerer, der ihr einst auf der Jagd gegen den Angriff eines verwundeten Ebers tüchtiger Weise das Leben gerettet hatte, der Teuerste und Liebste. Inzwischen hatte sie sich aus Besorgnis, ihren beiden, auf die Hinterlassenschaft ihres Vermögens rechnenden Brüdern zu missfallen, aller Ermahnungen des Vaters ungeachtet, noch nicht entschließen können, ihm ihre Hand zu geben.
Ja, als Rudolph, der ältere von beiden sich mit einem reichen Fräulein aus der Nachbarschaft vermählte, und ihm nach einer dreijährigen kinderlosen Frist zur großen Freude der Familie ein Stammhalter geboren ward, da nahm sie, durch manche mehr oder weniger deutliche Erklärung bewogen, von Herrn Friedrich, ihrem Freunde, in einem unter vielen Tränen abgefassten Schreiben förmlich Abschied und willigte, um die Einigkeit des Hauses zu erhalten, in den Vorschlag ihres Bruders ein, den Platz als Äbtissin in einem Frauenstift einzunehmen, das unfern ihrer väterlichen Burg an den Ufern des Rheins lag.
Gerade um die Zeit, da bei dem Erzbischof von Straßburg dieser Plan betrieben ward und die Sache im Begriff war zur Ausführung zu kommen, war es, als der Landdrost, Herr Winfried von Breda durch das von dem Kaiser eingesetzte Gericht die Anzeige von der Schande seiner Tochter Littegarde sowie die Aufforderung erhielt, dieselbe zur Verantwortung gegen die von dem Grafen Jakob wider sie angebrachte Beschuldigung nach Basel zu befördern. Man nannte ihm in dem Schreiben genau die Stunde und den Ort, in welchem der Graf seinen Aussagen gemäß bei Frau Littegarde seinen Besuch heimlich abgestattet haben wollte und schickte ihm sogar den von ihrem verstorbenen Gemahl herrührenden Ring, den er beim Abschied zum Andenken an die verflossene Nacht aus ihrer Hand empfangen zu haben versicherte.
Nun litt Herr Winfried eben am Tage der Ankunft dieses Schreibens an einer schweren und schmerzvollen Unpässlichkeit des Alters; er wankte, in einem äußerst gereizten Zustande, an der Hand seiner Tochter im Zimmer umher, das Ziel schon ins Auge fassend, das allem, was Leben atmet, gesteckt ist; dergestalt, daß ihn bei Überlesung dieser fürchterlichen Anzeige augenblicklich der Schlag traf, und er, indem er das Blatt fallen ließ, mit gelähmten Gliedern auf den Fußboden niederschlug.
Die Brüder, die gegenwärtig waren, hoben ihn bestürzt vom Boden auf und riefen einen Arzt herbei, der in der Nähe wohnte, aber alle Mühe, ihn wieder ins Leben zurückzubringen, war umsonst; er gab, während Frau Littegarde besinnungslos in den Armen ihrer Frauen lag, seinen Geist auf. Als sie wieder zu sich kam, hatte sie auch nicht den kleinsten bittersüßen Trost, ihm ein Wort zur Verteidigung ihrer Ehre in die Ewigkeit mitgegeben zu haben.
Der Schrecken der beiden Brüder über diesen heillosen Vorfall und ihre Wut über die der Schwester angeschuldigte und leider nur zu wahrscheinliche Schandtat, die ihn veranlasst hatte, war unbeschreiblich. Denn sie wussten nur zu wohl, daß Graf Jakob der Rotbart ihr in der Tat während des ganzen vergangenen Sommers gelegentlich den Hof gemacht hatte; mehrere Tourniere und Bankette waren bloß ihr zu Ehren von ihm veranstaltet, und sie auf eine schon damals sehr anstößige Weise vor allen anderen Frauen, die er zur Gesellschaft geladen hatte, von ihm bevorzugt worden. Ja, sie erinnerten sich, daß Littegarde gerade um die Zeit des besagten Remigiustages ebendiesen von ihrem Gemahl herstammenden Ring, der sich jetzt auf sonderbare Weise in den Händen des Grafen Jakob wiederfand, auf einem Spaziergang verloren zu haben vorgegeben hatte.
Sie konnten daher nicht einen Augenblick an der Wahrhaftigkeit der Aussage, die der Graf vor Gericht gegen die Schwester abgeleistet hatte, zweifeln, wenn sie sich nicht selbst in ihrer Ehre angeschlagen sehen wollten. Während unter den Klagen des Hofgesindes die väterliche Leiche weggetragen ward, umklammerte sie, nur um einen Augenblick Gehör bittend, vergebens die Knie ihrer Brüder - Rudolph, vor Entrüstung flammend, fragte sie, ob sie denn einen Zeugen für die Nichtigkeit der Beschuldigung für sich aufstellen könne? Und da sie unter Zittern und Beben erwiderte, daß in der besagten Nacht die Zofe wegen eines Besuchs bei ihren Eltern abwesend gewesen sei und sie sich daher auf nichts als die Unsträflichkeit ihres Lebenswandels berufen könne, so stieß der Bruder sie mit Füßen von sich, riss ein Schwert, das an der Wand hing, aus der Scheide, und befahl ihr, rot vor Zorn und indem er Hunde und Knechte herbeirief, augenblicklich das Haus und die Burg zu verlassen.
Littegarde stand bleich wie Kreide vom Boden auf und bat, seine Misshandlungen hilflos erduldend, ihr wenigstens zur Befolgung der geforderten Abreise die nötige Zeit zu lassen, doch Rudolph brüllte vor Wut schäumend weiter nichts als: "Hinaus aus dem Schloss mit dir!" Auf seine eigene Frau, die ihm mit der Bitte um Schonung und Menschlichkeit in den Weg trat, hörte er nicht, sondern warf sie durch einen Stoß mit dem Griff des Schwerts, der ihr das Blut fließen machte, auf die Seite. Die unglückliche Littegarde aber, mehr tot als lebendig, verließ das Zimmer; sie wankte, von den Blicken der Menge verfolgt, über den Hof dem Tor zu, wo man ihr ein Bündel mit Wäsche und ein paar Münzen hinausreichen ließ, und hinter ihr, unter Rudolphs gellenden Flüchen und Verwünschungen, die Torflügel ins Schloss krachten.
Dieser plötzliche Sturz von der Höhe eines heiteren und fast ungetrübten Glücks in die Tiefe eines unabsehbaren und gänzlich trostlosen Elends war mehr als das arme Weib ertragen konnte. Unwissend, wohin sie sich wenden solle, wankte sie, gestützt am Geländer, den Felsenpfad hinab, um sich wenigstens für die einbrechende Nacht ein Unterkommen zu verschaffen. Doch ehe sie noch den Eingang des Dörfchens im Tal erreicht hatte, sank sie schon ihrer Kräfte beraubt auf den Boden nieder.
Sie mochte, allen Erdenleiden entrückt, wohl eine Stunde so gelegen haben, und völlige Finsternis deckte schon die Gegend, als sie, umringt von mehreren mitleidigen Einwohnern des Ortes, erwachte. Denn ein Knabe, der am Felsenabhang spielte, hatte sie daselbst bemerkt und seinen Eltern von einer sonderbaren und auffallenden Erscheinung Bericht abgestattet; worauf diese, die früher von Littegarden mancherlei Wohltaten empfangen hatten, äußerst bestürzt sie in einer so trostlosen Lage zu wissen, sogleich aufbrachen, um ihr, so gut es in ihren Kräften stand, zu Hilfe zu eilen.
Sie erholte sich durch die Bemühungen dieser Leute recht bald und gewann auch bei dem Anblick der Burg, die hinter ihr verschlossen worden war, ihre Besinnung wieder; sie weigerte sich aber, das Anerbieten einiger Weiber, sie wieder auf das Schloss zurück zu führen, anzunehmen und bat nur um die Gefälligkeit, ihr sogleich einen Führer beizugesellen, um ihre Wanderung fortzusetzen. Vergebens versuchten ihr die Leute klarzumachen, daß sie in ihrem Zustand keine Reise antreten dürfe; Littegarde bestand unter dem Vorwand, daß ihr Leben in Gefahr sei darauf, augenblicklich die Grenzen des Burggebiets hinter sich zu lassen; ja, sie machte, da sich der Haufen um sie, ohne ihr zu helfen, immer mehr vergrößerte, Anstalten, sich mit Gewalt loszureißen, und sich allein, trotz der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht, auf den Weg zu begeben; dergestalt daß die Leute notgedrungen, aus Furcht, von der Herrschaft, falls ihr ein Unglück zustieße, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, ihrem Wunsch nachkamen und ihr ein Fuhrwerk herbeischafften, mit dem sie, nach der wiederholt an sie gerichteten Frage, wohin sie sich denn eigentlich wenden wolle, schließlich nach Basel abfuhr.
Aber schon vor dem Dorfe änderte sie, nach einer aufmerksamern Erwägung der Umstände, ihren Entschluss und befahl ihrem Führer umzukehren und sie nach der nur wenige Meilen entfernten Trotenburg zu fahren. Denn sie fühlte wohl, daß sie ohne Beistand gegen einen solchen Gegner als der Graf Jakob der Rotbart war, vor dem Gericht zu Basel nichts ausrichten würde, und niemand schien ihr des Vertrauens, zur Verteidigung ihrer Ehre aufgefordert zu werden, würdiger, als ihr wackerer, ihr in Liebe, wie sie wohl wusste, immer noch ergebener Freund, der treffliche Kämmerer Herr Friedrich von Trota.
Es mochte ungefähr Mitternacht sein und die Lichter im Schlosse schimmerten noch, als sie äußerst ermüdet von der Reise mit ihrem Fuhrwerk daselbst ankam. Sie schickte einen Diener des Hauses, der ihr entgegenkam, hinauf, um der Familie ihre Ankunft anmelden zu lassen, doch ehe dieser noch seinen Auftrag vollführt hatte, traten auch schon Fräulein Bertha und Kunigunde, Herrn Friedrichs Schwestern, vor die Tür hinaus, die zufällig in Geschäften des Haushalts im unteren Vorsaal waren. Die Freundinnen hoben Littegarden, die ihnen gar wohl bekannt war, unter freudigen Begrüßungen vom Wagen und führten sie, obschon nicht ohne einige Beklemmung, zu ihrem Bruder hinauf, der in Akten, womit ihn ein Prozeß überschüttete, versenkt, an einem Tische saß.
Aber wer beschreibt das Erstaunen Herrn Friedrichs, als er auf das Geräusch, das sich hinter ihm erhob, sein Antlitz wandte und Frau Littegarden, bleich und entstellt, ein wahres Bild der Verzweiflung, vor ihm auf Knien niedersinken sah. "Meine teuerste Littegarde!" rief er, indem er aufstand, und sie vom Fußboden erhob, "was ist Euch widerfahren?" Littegarde, nachdem sie sich auf einen Sessel niedergelassen hatte, erzählte ihm, was vorgefallen war und welche verruchte Anzeige der Graf Jakob der Rotbart, um sich von dem Verdacht, wegen Ermordung des Herzogs zu reinigen, vor dem Gericht zu Basel in bezug auf sie vorgebracht habe; wie die Nachricht davon ihrem alten, eben an einer Unpässlichkeit leidenden Vater augenblicklich den Nervenschlag zugezogen, an welchem er auch wenige Minuten darauf in den Armen seiner Söhne verschieden sei; und wie diese in Entrüstung darüber rasend, ohne auf das, was sie zu ihrer Verteidigung vorbringen könne, zu hören, sie mit den entsetzlichsten Misshandlungen überhäuft und zuletzt gleich einer Verbrecherin aus dem Hause gejagt hatten.
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