Heinrich von Kleist

Die Marquise von O.

Dresdener Digitale Ausgabe : herausgegeben von Alexander Fuchs
 

Die Erzählungen .  1  .  2  .  3  .
 

In M., einer bedeutenden Stadt in Oberitalien, ließ die verwitwete Marquise von O., eine Dame von vortrefflichem Ruf und Mutter zweier wohlerzogener Kinder, durch die Zeitungen bekanntmachen, daß sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.

Die Dame, die, unter dem Druck unabänderlicher Umstände, einen so sonderbaren, den Spott der Welt provozierenden Schritt mit solcher Offenheit tat, war die Tochter des Herrn von G., Kommandanten der Zitadelle bei M.

Sie hatte vor ungefähr drei Jahren ihren Gemahl, den Marquis von O., dem sie auf das innigste und zärtlichste zugetan war, auf einer Reise verloren, die er, in Geschäften der Familie, nach Paris gemacht hatte. Auf Frau von G.s, ihrer würdigen Mutter, Wunsch, hatte sie nach seinem Tode den Landsitz verlassen, den sie bisher bei V. bewohnt hatte, und war mit ihren beiden Kindern in das Kommandantenhaus zu ihrem Vater zurückgekehrt.

Hier hatte sie die nächsten Jahre, mit Kunst und Lektüre, mit Erziehung und ihrer Eltern Pflege beschäftigt, in der größten Zurückgezogenheit zugebracht, bis der Krieg plötzlich die Gegend umher mit den Truppen fast aller Mächte, unter anderen auch mit russischen erfüllte. Der Obrist von G., welcher den Platz zu verteidigen Befehl hatte, forderte seine Gemahlin und seine Tochter auf, sich auf das Landgut, entweder der letzteren oder seines Sohnes, das bei V. lag, zurückzuziehen.

Doch noch ehe sich die Abschätzung, hier der Bedrängnisse, denen man in der Festung, dort der Greuel, denen man auf dem platten Lande ausgesetzt sein konnte, auf der Waage der weiblichen Überlegung entschieden hatte, war die Zitadelle von den russischen Truppen schon so gut wie erobert und aufgefordert, sich zu ergeben. Der Obrist erklärte seiner Familie, daß er sich nunmehr verhalten müsse, als ob sie nicht vorhanden wäre und antwortete mit Kugeln und Granaten.

Der Feind seinerseits bombardierte die Zitadelle. Er steckte die Magazine in Brand, eroberte ein Außenwerk, und als der Kommandant nach einer nochmaligen Aufforderung immer noch mit der Übergabe zauderte, so ordnete er einen nächtlichen Überfall an und eroberte die Festung im Sturm. Eben als die russischen Truppen, unter einem heftigen Haubitzenhagel, von außen eindrangen, fing der linke Flügel des Kommandantenhauses Feuer und nötigte die Frauen, ihn zu verlassen.

Die Obristin, indem sie der Tochter, die mit den Kindern die Treppe hinabfloh, nacheilte, rief, daß man zusammenbleiben und sich in die unteren Gewölbe flüchten möchte; doch eine Granate, die eben in diesem Augenblick im Haus zerplatzte, vollendete die gänzliche Verwirrung in demselben. Die Marquise kam, mit ihren beiden Kindern auf den Vorplatz des Schlosses, wo die Schüsse schon im heftigsten Kampf durch die Nacht blitzten und sie, unschlüssig, wohin sie sich wenden solle, wieder in das brennende Gebäude zurückjagten.

Hier begegnete ihr, da sie eben durch die Hintertür entschlüpfen wollte, ein Trupp feindlicher Scharfschützen, der bei ihrem Anblick plötzlich still ward, die Gewehre über die Schultern hing, und sie, unter abscheulichen Gebärden, mit sich fortführte. Vergebens rief die Marquise, von der entsetzlichen, sich untereinander selbst bekämpfenden Rotte bald hier- bald dorthin gezerrt, ihre zitternden, durch die Pforte zurückfliehenden Frauen, zu Hilfe. Man schleppte sie in den hinteren Schlosshof, wo sie eben, unter den schändlichsten Misshandlungen, zu Boden sinken wollte, als, von dem Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier erschien und die Hunde, die nach solchem Raub lüstern waren, mit wütenden Hieben zerstreute.

Der Marquise schien er ein Engel des Himmels zu sein. Er stieß noch dem letzten viehischen Mordknecht, der ihren Leib umfasst hielt, mit dem Griff des Degens ins Gesicht, daß er mit aus dem Mund vorquellendem Blut zurücktaumelte; reichte dann der Dame unter einer höflichen, französischen Anrede den Arm und führte sie, die von allen solchen Auftritten völlig durcheinander war, in den anderen, vom Feuer noch nicht ergriffenen Flügel des Palastes, wo sie bewusstlos niedersank.

Hier traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; vermutete, indem er sich den Hut aufsetzte, daß sie sich bald erholen würde und kehrte in den Kampf zurück. Der Platz war in kurzer Zeit völlig erobert, und der Kommandant, der sich nur noch wehrte, weil man ihm keinen Pardon geben wollte, zog sich eben mit sinkenden Kräften nach dem Portal des Hauses zurück, als der russische Offizier, sehr erhitzt im Gesicht, aus demselben hervortrat, und ihm zurief, sich zu ergeben.

Der Kommandant antwortete, daß er auf diese Aufforderung nur gewartet habe, reichte ihm seinen Degen und bat sich die Erlaubnis aus, sich ins Schloss begeben und nach seiner Familie suchen zu dürfen. Der russische Offizier, der, nach der Rolle zu urteilen, die er spielte, einer der Anführer des Sturms zu sein schien, gab ihm, unter Begleitung einer Wache, diese Freiheit; setzte sich mit einiger Eilfertigkeit an die Spitze eines Detachements, entschied, wo er noch hin und her schwankte, den Kampf und bemannte schleunigst die strategischen Punkte des Forts.

Bald darauf kehrte er auf den Waffenplatz zurück, gab Befehl, der Flamme, welche wütend um sich zu greifen anfing, Einhalt zu tun und leistete selbst hierbei Wunder der Anstrengung, wo man seine Befehle nicht mit dem gehörigen Eifer befolgte. Bald kletterte er, den Schlauch in der Hand, mitten unter brennenden Giebeln umher und lenkte den Wasserstrahl; bald stieg er, die Landsknechte in Schaudern versetzend, in die Arsenäle hinab und wälzte Pulverfässer und gefüllte Bomben heraus.

Der Kommandant, der inzwischen in das Haus getreten war, geriet auf die Nachricht von dem Unfall, den die Marquise erlitten hatte, in die äußerste Bestürzung. Die Marquise, die sich schon völlig und ohne Beihilfe des Arztes, wie der russische Offizier vorhergesagt hatte, aus ihrer Ohnmacht wieder erholt hatte, und bei der Freude, alle die Ihrigen gesund und wohl zu sehen, nur noch, um die übermäßige Sorge derselben zu beschwichtigen, auf einem Bett lag, versicherte ihm, daß sie keinen anderen Wunsch habe, als aufstehen zu dürfen, um ihrem Retter ihre Dankbarkeit zu bezeugen.

Sie wusste schon, daß er der Graf F., Obristleutnant von dem und dem Jägercorps und Ritter eines Verdienst- und mehrerer anderer Orden war. Sie bat ihren Vater, ihn inständig zu ersuchen, daß er die Zitadelle nicht verlasse, ohne sich einen Augenblick im Schloss gezeigt zu haben. Der Kommandant, dem das Gefühl seiner Tochter wert war, kehrte auch unverzüglich in das Fort zurück und trug ihm, da er unter unaufhörlichen Anordnungen umher eilte und keine bessere Gelegenheit zu finden war, auf den Wällen, wo er eben die zerschossenen Rotten revidierte, den Wunsch seiner gerührten Tochter vor.

Der Graf versicherte ihm, daß er nur auf den Augenblick warte, den er seinen Geschäften würde abgewinnen können, um ihr seine Ehrerbietung zu erweisen. Er wollte noch hören, wie sich die Frau Marquise befinde, als ihn die Rapporte mehrer Offiziere schon wieder in das Gewühl zurückrissen.

Als der Tag anbrach, erschien der Befehlshaber der russischen Truppen und besichtigte das Fort. Er bezeugte dem Kommandanten seine Hochachtung, bedauerte, daß das Glück seinen Mut nicht besser unterstützt habe und gab ihm, auf sein Ehrenwort, die Freiheit, sich hinzubegeben, wohin er wolle. Der Kommandant versicherte ihn seiner Dankbarkeit und äußerte, wieviel er an diesem Tag den Russen insgesamt und besonders dem jungen Grafen F., Obristleutnant von dem und dem Jägercorps, schuldig geworden sei.

Der General fragte, was vorgefallen sei; und als man ihn von dem frevelhaften Anschlag auf die Tochter desselben unterrichtete, zeigte er sich auf das äußerste entrüstet. Er rief den Grafen F. bei Namen vor. Nachdem er ihm zuerst wegen seines edelmütigen Verhaltens eine kurze Lobrede gehalten hatte, wobei der Graf über das ganze Gesicht rot wurde, versprach er, daß er die Schandkerle, die den Namen des Zaren besudeln, niederschießen lassen wolle und befahl ihm, zu sagen, wer sie gewesen seien?

Der Graf F. antwortete in einer verwirrten Rede, daß er nicht imstande sei, ihre Namen anzugeben, indem es ihm bei dem schwachen Schimmer der Lichter im Schlosshof unmöglich gewesen wäre, ihre Gesichter zu erkennen. Der General, welcher gehört hatte, daß zu dem Zeitpunkt das Schloss von den Flammen hellerleuchtet stand, wunderte sich darüber; er bemerkte, daß man wohlbekannte Leute in der Nacht auch an ihren Stimmen erkennen könnte und gab ihm, da er mit einem verlegenen Gesicht die Achseln zuckte, auf, der Sache auf das allereifrigste und strengste nachzuspüren.

In diesem Augenblick berichtete jemand, der sich aus dem Hintergrund hervordrängte, daß einer von den durch den Grafen F. verwundeten Frevlern, da er in dem Korridor niedergesunken, von den Leuten des Kommandanten in Gewahrsam genommen worden und darin noch befindlich sei. Der General ließ ihn hierauf durch eine Wache herbeiführen, ein kurzes Verhör über ihn halten und die ganze Rotte, nachdem jener sie bezichtigt hatte, fünf an der Zahl, zusammen erschießen.

Dies erledigt, gab der General nach Zurücklassung einer kleinen Besatzung Befehl zum allgemeinen Aufbruch der übrigen Truppen; die Offiziere verfügten sich eilig zu ihren Corps; der Graf trat, inmitten der Schar der Auseinandereilenden, zum Kommandanten, und bedauerte, daß er sich der Frau Marquise unter diesen Umständen gehorsamst empfehlen müsse; und in weniger als einer Stunde, war das ganze Fort von Russen wieder leer.

Die Familie überlegte nun, wie sie in der Zukunft eine Gelegenheit finden würde, dem Grafen irgendeine Äußerung ihrer Dankbarkeit zu geben; doch wie groß war ihr Schrecken, als sie erfuhr, daß derselbe noch am Tage seines Aufbruchs aus dem Fort in einem Gefecht mit den feindlichen Truppen seinen Tod gefunden habe. Der Kurier, der diese Nachricht nach M. brachte, hatte ihn mit eigenen Augen, tödlich in die Brust getroffen, nach P. getragen werden gesehen, wo er, wie man sichere Nachricht hatte, in dem Augenblick, da ihn die Helfer von den Schultern nehmen wollten, verblichen war.

Der Kommandant, der sich selbst auf das Posthaus verfügte und sich nach den näheren Umständen dieses Vorfalls erkundigte, erfuhr noch, daß er auf dem Schlachtfeld in dem Moment, da ihn der Schuss traf, gerufen habe: "Julietta, diese Kugel rächt dich!" und danach seine Lippen auf immer geschlossen hätte.

Die Marquise war untröstlich, daß sie die Gelegenheit hatte vorbeigehen lassen, sich zu seinen Füßen zu werfen. Sie machte sich die lebhaftesten Vorwürfe, daß sie ihn bei seiner, vielleicht aus Bescheidenheit, wie sie meinte, herrührenden Weigerung, im Schloss zu erscheinen, nicht selbst aufgesucht habe; bedauerte die Unglückliche, ihre Namensschwester, an die er noch im Tode gedacht hatte; bemühte sich vergebens, ihren Aufenthalt zu erforschen, um sie von diesem unglücklichen und rührenden Vorfall zu unterrichten; und mehrere Monate vergingen, ehe sie selbst ihn vergessen konnte.

Die Familie musste nun das Kommandantenhaus räumen, um dem russischen Befehlshaber darin Platz zu machen. Man überlegte anfangs, ob man sich nicht auf die Güter des Kommandanten begeben sollte, wie es sich vor allen die Marquise wünschte; doch da der Obrist das Landleben nicht liebte, so bezog die Familie ein Haus in der Stadt und richtete sich dasselbe zu einer immerwährenden Wohnung ein.

Alles kehrte nun in die alte Ordnung der Dinge zurück: Die Marquise nahm den lange unterbrochenen Unterricht ihrer Kinder wieder auf und suchte, für die Feierstunden, ihre Staffelei und Bücher hervor; als sie sich, sonst die Göttin der Gesundheit selbst, von wiederholten Unpässlichkeiten befallen fühlte, die sie ganze Wochen lang für die Gesellschaft untauglich machten. Sie litt an Übelkeiten, Schwindeln und Ohnmachten und wusste nicht, was sie aus diesem sonderbaren Zustand machen solle.

Eines Morgens, da die Familie beim Tee saß, und der Vater sich auf einen Augenblick aus dem Zimmer entfernt hatte, sagte die Marquise, aus einer langen Gedankenlosigkeit erwachend, zu ihrer Mutter: "Wenn mir eine Frau sagte, daß sie ein Gefühl hätte, ebenso, wie ich jetzt, da ich die Tasse ergriff, so würde ich bei mir denken, daß sie in gesegneten Leibesumständen wäre." Frau von G. sagte, sie verstünde sie nicht recht. Die Marquise erklärte sich noch einmal, daß sie eben jetzt eine Empfindung gehabt hätte, wie damals, als sie mit ihrer zweiten Tochter schwanger war.

Frau von G. sagte, sie würde vielleicht den Phantasus gebären, und lachte. Morpheus wenigstens, versetzte die Marquise, oder einer der Träume aus seinem Gefolge, würde sein Vater sein; und scherzte gleichfalls. Doch der Obrist kam, das Gespräch ward abgebrochen, und der ganze Gegenstand, da die Marquise sich in einigen Tagen wieder erholte, vergessen.

Bald darauf widerfuhr der Familie, eben zu einer Zeit, da sich auch der Forstmeister von G., des Kommandanten Sohn, in dem Hause eingefunden hatte, der sonderbare Schrecken, durch einen Kammerdiener, der ins Zimmer trat, den Grafen F. anmelden zu hören. "Der Graf F.!" sagten der Vater und die Tochter zugleich; und das Erstaunen machte alle sprachlos. Der Kammerdiener versicherte, daß er recht gesehen und gehört habe, und daß der Graf schon im Vorzimmer stehe und warte.

Der Kommandant sprang sogleich selbst auf,um ihm zu öffnen, worauf er, schön wie ein junger Gott, ein wenig bleich im Gesicht, eintrat. Nachdem die erste unbegreifliche Verwunderung verflogen war, und der Graf, auf die Beteuerung der Eltern, daß er ja tot sei, versichert hatte, daß er lebe; wandte er sich, mit rührendem Ausdruck zur Tochter, und erkundigte sich sofort, wie sie sich befinde? Die Marquise erwiderte, sehr wohl und wollte nur wissen, wie er ins Leben zurückgekehrt sei? Doch er, auf seiner Frage beharrend, behauptete, daß sie ihm nicht die Wahrheit sage, denn auf ihrem Antlitz drücke sich eine seltsame Mattigkeit aus, ihn müsse denn alles trügen, oder sie sei unpässlich und leide.

Die Marquise, durch die Herzlichkeit, womit er dies vorbrachte, berührt, versetzte: nun ja, diese Mattigkeit, wenn er so wolle, könne für die Spur einer Kränklichkeit gelten, an welcher sie vor einigen Wochen gelitten habe; sie fürchte aber inzwischen nicht, daß diese weitere Folgen nach sich ziehen würde. Worauf er, mit einer aufflammenden Freude, erwiderte: er auch nicht - und hinzusetzte, ob sie ihn heiraten wolle?!

Die Marquise wusste nicht, was sie von dieser Aufführung denken solle. Sie sah, über und über rot, ihre Mutter, und diese, mit Verlegenheit, den Sohn und den Vater an, während der Graf vor sie hin trat und, indem er ihre Hand nahm, als ob er sie küssen wollte, wiederholte, ob sie ihn verstanden hätte? Der Kommandant fragte, ob er nicht Platz nehmen wolle und rückte ihm auf eine verbindliche, obschon etwas nachdrückliche Art einen Stuhl hin. Die Obristin aber sprach: "In der Tat, wir müssen glauben, daß Sie ein Geist sind, bis Sie uns werden eröffnet haben, wie Sie aus dem Grab, in welches man Sie zu P. gelegt hatte, auferstanden sind."

Der Graf setzte sich, indem er die Hand der Dame losließ, nieder und sagte, daß er, durch die Umstände gezwungen, sich sehr kurz fassen müsse; daß er ja allerdings, tödlich durch die Brust getroffen, nach P. gebracht worden wäre; daß er mehrere Monate daselbst an seinem Dasein verzweifelt wäre; daß währenddessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wäre; daß er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben könne, die sich in dieser Vorstellung vereinigt hätten; daß er endlich nach seiner Wiederherstellung wieder zur Armee gegangen wäre; daß er daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden hätte; daß er mehrere Male die Feder ergriffen, um in einem Briefe an den Herrn Obristen und die Frau Marquise seinem Herzen Luft zu machen; daß er plötzlich mit Depeschen nach Neapel geschickt worden wäre; daß er nicht wisse, ob er nicht von dort weiter nach Konstantinopel würde abgeordert werden; daß er vielleicht gar nach Sankt Petersburg werde gehen müssen; daß ihm inzwischen unmöglich wäre, länger zu leben, ohne über eine notwendige Forderung seiner Seele im Reinen zu sein; daß er dem Drang bei seiner Durchreise durch M., einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht habe widerstehen können; kurz, daß er den Wunsch hege, mit der Hand der Frau Marquise beglückt zu werden, und daß er auf das ehrfurchtsvollste, inständigste und dringendste bitte, sich ihm hierüber gütig zu erklären.

Der Kommandant, nach einer langen Pause, erwiderte: daß ihm dieser Antrag zwar, wenn er, wie er nicht zweifle, ernsthaft gemeint sei, sehr schmeichelhaft wäre. Bei dem Tode ihres Gemahls, des Marquis von O., hätte sich seine Tochter aber entschlossen, keine zweite Vermählung einzugehen. Da ihr jedoch kürzlich von ihm, dem Grafen, eine so große Verbindlichkeit auferlegt worden sei, so wäre es nicht undenkbar, daß ihr Entschluss dadurch, seinem Wunsche gemäß, eine Abänderung erfahre; er bitte sich inzwischen die Erlaubnis für sie aus, darüber im Stillen während einiger Zeit nachdenken zu dürfen.

Der Graf versicherte, daß diese gütige Erklärung zwar alle seine Hoffnungen befriedige; daß sie ihn, unter anderen Umständen, auch völlig beglücken würde; daß er die ganze Unschicklichkeit fühle, sich mit derselben nicht zu beruhigen; daß dringende Verhältnisse jedoch, über welche er sich näher auszulassen nicht imstande sei, ihm eine bestimmtere Erklärung äußerst wünschenswert machten; daß Pferde und Wagen, die ihn nach Neapel bringen sollen, vor dem Haus stünden; und daß er inständigst bitte, wenn irgend etwas in dieser Sache günstig für ihn spreche (wobei er die Marquise ansah) ihn nicht ohne eine gütige Äußerung darüber gehenzulassen.

Der Obrist, durch diese Aufführung ein wenig betreten, antwortete, daß die Dankbarkeit, die die Marquise für ihn empfände, ihn zwar zu großen Forderungen berechtige, doch nicht zu so großen. Sie werde bei einem Schritt, bei welchem es das Glück ihres Lebens gelte, nicht ohne die gehörige Klugheit verfahren. Es sei unerlässlich, daß seiner Tochter, bevor sie sich erkläre, das Vertrauen seiner näheren Bekanntschaft würde. Er lade ihn ein, nach Beendigung seiner Geschäftsreise nach M. zurückzukehren und auf einige Zeit der Gast seines Hauses zu sein. Wenn alsdann die Frau Marquise glauben könne, durch ihn glücklich zu werden, so werde auch er, eher aber nicht, mit Freuden vernehmen, daß sie ihm eine bestimmte Antwort gegeben hat.

Der Graf äußerte, indem ihm eine Röte ins Gesicht stieg, daß er seinen ungeduldigen Wünschen während seiner ganzen Reise hierher dies Schicksal vorausgesagt habe; daß er sich inzwischen dadurch in die äußerste Bekümmernis gestürzt sehe, daß ihm, bei der ungünstigen Rolle, die er eben jetzt zu spielen gezwungen sei, eine nähere Bekanntschaft nicht anders als vorteilhaft sein könne; daß er für seinen Ruf, wenn anders dieses zweideutigste aller Verdienste in Erwägung gezogen werden solle, einstehen zu dürfen glaube; daß die einzige nichtswürdige Handlung, die er in seinem Leben begangen hätte, der Welt unbekannt und er bereits im Begriff sei, sie wiedergutzumachen; daß er, mit einem Wort, ein ehrlicher Mann sei und die Versicherung anzunehmen bitte, daß diese Erklärung wahrhaftig sei.

Der Kommandant erwiderte, indem er ein wenig, obschon ohne Ironie, lächelte, daß er alle diese Äußerungen ohne zu zögern unterschreibe. Noch hätte er keines jungen Mannes Bekanntschaft gemacht, der, in so kurzer Zeit, so viele vortreffliche Eigenschaften des Charakters offenbart hätte. Er glaube fast, daß eine kurze Bedenkzeit die Unschlüssigkeit, die noch obwalte, beheben würde; bevor er jedoch Rücksprache genommen hätte, mit seiner sowohl als des Herrn Grafen Familie, könne kein anderer Bescheid, als der gegebene, erfolgen.

Hierauf äußerte der Graf, daß er ohne Eltern und frei sei. Sein Onkel sei der General K., für dessen Einwilligung er stehe. Er setzte hinzu, daß er Herr eines ansehnlichen Vermögens wäre und sich würde entschließen können, Italien zu seinem Vaterlande zu machen. Der Kommandant machte ihm eine verbindliche Verbeugung, erklärte seinen Willen noch einmal und bat ihn, bis nach vollendeter Reise, diese Sache weiter nicht zu erörtern.

Der Graf, nach einer kurzen Pause, in welcher er alle Merkmale der größten Unruhe gezeigt hatte, sagte, indem er sich zur Mutter wandte, daß er sein Äußerstes getan hätte, um dieser Geschäftsreise auszuweichen; daß die Schritte, die er deshalb beim General en chef und dem General K., seinem Onkel, gewagt hätte, die entschiedensten gewesen wären, die sich hätten tun lassen; daß man aber geglaubt hätte, ihn dadurch aus einer Schwermut aufzurütteln, die ihm von seiner Verletzung noch zurückgeblieben wäre; und daß er sich jetzt völlig dadurch ins Elend gestürzt sehe.

Die Familie wusste nicht, was sie noch weiter darauf erwidern sollte. Der Graf fuhr fort, indem er sich die Stirn rieb, daß wenn irgendeine Hoffnung wäre, dem Ziel seiner Wünsche dadurch näher zu kommen, er seine Reise auf einen Tag, auch wohl noch etwas darüber, aussetzen würde, um es zu erreichen. Hierbei sah er der Reihe nach den Kommandanten, die Marquise und die Mutter an. Der Kommandant blickte missvergnügt vor sich nieder und antwortete ihm nicht. Die Obristin sagte: "Gehen Sie jetzt, gehen Sie, Herr Graf; reisen Sie nach Neapel; schenken Sie uns, wenn Sie wiederkehren, auf einige Zeit das Vergnügen Ihrer Gegenwart; so wird sich das übrige finden."

Der Graf saß einen Augenblick und schien zu überlegen, was er tun soll. Darauf, indem er sich erhob und seinen Stuhl wegschob, da er die Hoffnungen, sprach er, mit denen er in dies Haus getreten sei, als übereilt erkennen müsse, und die Familie, was er selbstverständlich nicht missbillige, auf eine nähere Bekanntschaft bestehe, so werde er seine Depeschen zu einer anderweitigen Expedition nach Z. in das Hauptquartier zurückschicken und das gütige Anerbieten, der Gast dieses Hauses zu sein, auf einige Zeit annehmen. Worauf er, die Hand am Stuhl, noch einen Augenblick verharrte und den Kommandanten ansah.

Der Kommandant versetzte, daß es ihm äußerst leid tun würde, wenn die Leidenschaft, die er zu seiner Tochter gefasst zu haben scheine, ihm Unannehmlichkeiten von der ernsthaftesten Art zuzöge; daß er indessen wissen müsse, was er zu tun und zu lassen habe, die Depeschen zurückschicken und die für ihn bestimmten Zimmer beziehen möge. Man sah den Grafen bei diesen Worten blass werden, der Mutter ehrerbietig die Hand küssen, sich gegen die Übrigen verneigen und sich entfernen.

Als er das Zimmer verlassen hatte, wusste die Familie nicht, was sie von diesem Auftritt halten solle. Die Mutter sagte, es wäre unbegreiflich, daß er Depeschen, mit denen er nach Neapel ginge, nach Z. zurückschicken wolle, bloß, weil es ihm nicht gelungen wäre, auf seiner Durchreise durch M. in einer fünf Minuten langen Unterredung, von einer ihm ganz unbekannten Dame ein Jawort zu erhalten.

Der Forstmeister äußerte, daß eine so eigenmächtige Tat mit nichts Geringerem als Festungsarrest bestraft werden würde! "Und mit Kassation obendrein", setzte der Kommandant hinzu. Es habe aber damit keine Gefahr, fuhr er fort. Es sei ein bloßer Schreckschuss beim Sturm; er werde sich wohl, noch ehe er die Depeschen abgeschickt, wieder besinnen. Die Mutter, als sie von dieser Gefahr unterrichtet ward, äußerte die tiefste Besorgnis, daß er sie abschicken werde. Sein heftiger, auf einen Punkt hintreibender Wille, meinte sie, scheine ihr gerade einer solchen Tat fähig. Sie bat den Forstmeister auf das dringendste, ihm sogleich nachzugehen und ihn von einer so unglückdrohenden Handlung abzuhalten. Der Forstmeister erwiderte, daß ein solcher Schritt gerade das Gegenteil bewirken und ihn nur in der Hoffnung, durch seine Taktik zu siegen, bestärken würde.

Die Marquise war derselben Meinung, obschon sie versicherte, daß ohne ihn die Absendung der Depeschen unfehlbar erfolgen würde, indem er lieber werde unglücklich werden, als sich eine Blöße geben wollte. Alle kamen darin überein, daß sein Betragen sehr sonderbar sei, und daß er Damenherzen durch Ansturm, wie Festungen, zu erobern gewohnt scheine.

In diesem Augenblick bemerkte der Kommandant den angespannten Wagen des Grafen vor seiner Tür. Er rief die Familie ans Fenster und fragte einen eben eintretenden Bedienten, ob der Graf noch im Hause sei? Der Bediente antwortete, daß er unten in der Domestikenstube in Gesellschaft eines Adjutanten Briefe schreibe und Pakete versiegele.

Der Kommandant, der seine Verwunderung unterdrückte, eilte mit dem Forstmeister hinunter und fragte den Grafen, da er ihn auf dazu nicht schicklichen Tischen seine Geschäfte betreiben sah, ob er nicht in seine Zimmer gehen wolle? Und ob er sonst irgend etwas befehle? Der Graf erwiderte, indem er mit Eilfertigkeit fortschrieb, daß er untertänigst danke und daß sein Geschäft erledigt sei; fragte noch, indem er den Brief zusiegelte, nach der Uhr; und wünschte dem Adjutanten, nachdem er ihm das ganze Portefeuille übergeben hatte, eine glückliche Reise.

Der Kommandant, der seinen Augen nicht traute, sagte, indem der Adjutant zum Hause hinausging: "Herr Graf, wenn Sie nicht sehr wichtige Gründe haben ..." "Entscheidende!" fiel ihm der Graf ins Wort, begleitete den Adjutanten zum Wagen und öffnete ihm die Wagentür. "In diesem Fall würde ich wenigstens", fuhr der Kommandant fort, "die Depeschen ..." "Es ist nicht möglich", antwortete der Graf, indem er dem Adjutanten einzusteigen half, "die Depeschen gelten nichts in Neapel ohne mich. Ich habe auch daran gedacht. Fahr los!" "Und die Briefe Ihres Herrn Onkels?" rief der Adjutant, sich aus der Tür hervorbeugend. "Erreichen mich in M.", erwiderte der Graf, und der Adjutant rollte mit dem Wagen dahin.

Hierauf fragte der Graf F., indem er sich zum Kommandanten wandte, ob er ihm jetzt sein Zimmer anweisen lassen wolle? Er würde gleich selbst die Ehre haben, antwortete der verwirrte Obrist; rief seinen und des Grafen Leuten, das Gepäck desselben aufzunehmen, und führte ihn in die für fremden Besuch bestimmten Gemächer des Hauses, wo er sich ihm mit trockener Miene empfahl. Der Graf kleidete sich um; verließ das Haus, um sich bei dem Gouverneur des Standorts zu melden, und für den ganzen weiteren Rest des Tages im Hause abwesend, kehrte er erst kurz vor der Abendtafel dahin zurück.

Inzwischen war die Familie in der lebhaftesten Unruhe. Der Forstmeister erzählte, wie bestimmt, auf einige Einwände des Kommandanten, des Grafen Antworten ausgefallen wären; meinte, daß sein Verhalten einem durchdachten Plan entsprungen ähnlich sehe; und fragte, in aller Welt, nach den Ursachen einer so gleichsam auf Courierpferden gehenden Brautwerbung.

Der Kommandant sagte, daß er von der Sache nichts verstehe und forderte die Familie auf, davon weiter nicht in seiner Gegenwart zu sprechen. Die Mutter sah alle Augenblicke aus dem Fenster, ob er nicht kommen, seine leichtsinnige Tat bereuen und wiedergutmachen werde. Endlich, da es finster ward, setzte sie sich zur Marquise nieder, welche, mit vieler Emsigkeit, am Tisch arbeitete, und das Gespräch zu vermeiden schien.

Sie fragte sie halblaut, während der Vater auf und nieder ging, ob sie begreife, was aus dieser Sache werden solle? Die Marquise antwortete, mit einem schüchtern nach dem Kommandanten gewandten Blick, wenn der Vater bewirkt hätte, daß er nach Neapel gereist wäre, so wäre alles gut. "Nach Neapel!" rief der Kommandant, der dies gehört hatte, "sollte ich den Priester kommen lassen? Oder hätt' ich ihn verhaften lassen und arretieren und dann mit Bewachung nach Neapel schicken sollen?" "Nein", antwortete die Marquise, "aber lebhafte und eindringliche Vorstellungen tun eben ihre Wirkung", und sah, ein wenig unwillig, wieder auf ihre Arbeit nieder.

Endlich gegen Nacht erschien der Graf. Man erwartete eigentlich, nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen, daß das Thema zur Sprache kommen würde, um ihn mit vereinter Kraft zu überzeugen, den Schritt, den er gewagt hatte, wenn es noch möglich sei, wieder zurückzunehmen. Doch vergebens, während der ganzen Abendtafel verfehlte man diesen Augenblick. Geflissentlich alles, was darauf führen könnte, vermeidend, unterhielt der Graf den Kommandanten vom Kriege, und den Forstmeister von der Jagd.

Als er des Gefechts bei P., in welchem er verwundet worden war, erwähnte, verwickelte ihn die Mutter bei der Geschichte seiner Krankheit, fragte ihn, wie es ihm an diesem unscheinbaren Orte ergangen sei und ob er wenigstens die gehörigen Bequemlichkeiten gefunden hätte. Hierauf erzählte er mehrere, durch seine Leidenschaft zur Marquise heraufbeschworenen Erscheinungen: wie sie beständig, während seiner Krankheit, an seinem Bette gesessen hätte; wie er die Vorstellung von ihr, in der Hitze des Wundfiebers, immer mit der Vorstellung eines Schwans verwechselt hätte, den er als Knabe auf seines Onkels Gütern gesehen; daß ihm besonders eine Erinnerung rührend gewesen wäre, da er diesen Schwan einst mit Schlamm beworfen, worauf dieser still untergetaucht und rein aus der Flut wieder emporgekommen sei; daß sie immer auf feurigen Fluten umhergeschwommen wäre und er sie "Thinka" gerufen hätte, welches der Name jenes Schwans gewesen, daß er aber nicht imstande gewesen wäre, sie an sich zu locken, indem sie ihre Freude gehabt hätte bloß an seinen Zeichen und Gesten; versicherte plötzlich, hochrot im Gesicht, daß er sie außerordentlich liebe, sah dann wieder auf seinen Teller nieder und schwieg.

Man musste endlich von der Tafel aufstehen; und da der Graf, nach einem kurzen Gespräch mit der Mutter, sich sogleich gegen die Gesellschaft verneigte und wieder in sein Zimmer zurückzog: so standen die Mitglieder derselben wieder wie vorher und wußten nicht, was sie denken sollten. Der Kommandant meinte, man müsse der Sache ihren Lauf lassen. Er rechne wahrscheinlich auf die Hilfe seiner Verwandten bei diesem Schritt. Infame Kassation stünde sonst darauf.

Frau von G. fragte ihre Tochter, was sie denn von ihm halte? Und ob sie sich wohl zu irgendeiner Äußerung, die ein Unglück vermiede, würde verstehen können? Die Marquise antwortete "Liebste Mutter, das ist nicht möglich. Es tut mir leid, daß meine Dankbarkeit auf eine so harte Probe gestellt wird. Doch es war mein Entschluss, mich nicht wieder zu vermählen; ich mag mein Glück nicht, und nicht so unüberlegt, auf ein zweites Spiel setzen."

Der Forstmeister bemerkte, daß wenn dies ihr fester Wille wäre, auch diese Erklärung ihm Nutzen schaffen könne und daß es fast notwendig scheine, ihm irgendeine bestimmte zu geben. Die Obristin versetzte, daß, da dieser junge Mann, den so viele außerordentliche Eigenschaften empfehlen, seinen Aufenthalt in Italien nehmen zu wollen erklärt habe, sein Antrag, nach ihrer Meinung, einige Beachtung, und der Entschluss der Marquise Prüfung verdiene.

Der Forstmeister, indem er sich bei ihr niederließ, fragte, wie ihr denn der Graf, was seine Person anbetreffe, gefalle? Die Marquise antwortete mit einiger Verlegenheit "Er gefällt und er missfällt mir", und berief sich auf das Urteil der anderen.

Die Obristin sagte "Wenn er von Neapel zurückkehrt und die Erkundigungen, die wir inzwischen über ihn einziehen könnten, dem Gesamteindruck, den du von ihm empfangen hast, nicht widersprächen, wie würdest du dich, falls er alsdann seinen Antrag wiederholte, erklären?" "In diesem Fall", versetzte die Marquise, "würde ich, da in der Tat seine Wünsche so aufrichtig und ernsthaft scheinen, diese Wünsche - sie stockte und ihre Augen glänzten, indem sie dies sagte - um der Verbindlichkeit willen, die ich ihm schuldig bin, erfüllen."




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