| Richard Koenig |
| Aus dem Leben des Georg Heinrich Kanoldt |
| herausgegeben von Alexander Fuchs | |
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Eines Tages, als Georg und der alte Folkerts im Vorratslager Lieferscheine ausfertigten, ging die Tür auf und es kam ein Junge herein, ein, zwei Jahre älter als Georg. Er war etwas größer, dafür aber viel dünner, fast sah er schlecht genährt aus. Er hatte schwarzes, lockiges oder vielmehr krauses Haar, das ihm über die Stirn bis dicht an die Augen hing, so daß er es öfter mit der Hand beiseite strich. Sein Gesicht hatte etwas Weiches, Mädchenhaftes, aber zahlreiche Pickel zwischen dem lichten Bart um den Mund, und in seinen Augen funkelte es abwechselnd mitleidig und zornig, mit welch letzterem Ausdruck er jetzt auch seine Rede begleitete.
Ohne auf irgendetwas zu achten, rief er "Du wirst es nicht glauben, Folkerts, was nun wieder passiert ist. Mama hat es mir gerade erzählt, sie ist selbst noch ganz außer sich. Stell' dir vor, man hat ihm das Schachspiel gestohlen, du weißt, das aus Elfenbein mit den silbernen und goldenen Köpfen." Mit 'ihm' war Schultz senior gemeint, und der die Neuigkeit verbreitete, war Maximilian, der Sohn. "Nein", sagte Folkerts fassungslos, "gestohlen, wie denn? Aus dem Haus? Ist etwa eingebrochen worden?" Maximilian zog seine Jacke aus, hängte sie an eine Regalleiste und setzte sich auf eine Kiste, nachdem er eins von den leeren Formularen untergelegt hatte. "Gott sei Dank nicht. Mama hat es mir so geschildert: der Alte hängt sehr an dem Spiel, wie du weißt, es ist wohl irgendwoher aus Indien oder China, jedenfalls wollte er schon immer mal wissen, was es wert sei. Das hat er auch zu mir gesagt: 'Möchte wissen, was das Spiel wert ist'. Also ist er letzte Woche zu Mendelsohn an der Neuen Brücke gegangen ..." "Zum Pfandleiher?" "Ja. Und der Pfandleiher, also es war nicht Mendelsohn selbst, sondern irgendein Gehilfe, hat gesagt, so hat es Mama erzählt und der Alte hat es ihr so erzählt, der Gehilfe ist mit dem ganzen Spiel nach hinten gegangen, weil er dort angeblich irgendeinen Apparat, ein Vergrößerungsglas für Juweliere oder so was hatte, und dann ist er wieder damit vor gekommen und hat gesagt, es sei schätzungsweise zweihundert Gulden wert." "So viel?" "Papa hat den Kasten wieder mitgenommen, und wie er ihn zu Hause geöffnet hat, da lagen ganz andere Figuren drin, billige Holzfiguren, der Gauner hatte sie einfach ausgetauscht." Folkerts musste sich auch setzen und das ganze bedenken. "Was kann man da tun?" "Gar nichts, man kann den Kerl nicht mal anzeigen, wie will man ihm etwas nachweisen." "Das schöne Spiel. Und Herr Schultz hing so sehr daran." "Ja, und dann das schöne Geld, alles futsch." Maximilian deutete auf Georg und fragte wie nebenbei "Wer ist das?" Folkerts war noch in Gedanken. "Hm? Das ist Herr Georg Kanoldt, unser neuer Handelslehrling." Georg wollte Maximilian die Hand reichen, doch der wehrte ab. "Lass mal' gut sein, wir kennen uns ja jetzt." Folkerts meinte "Warum ist er denn damit zum Pfandleiher gegangen und nicht gleich zu einem richtigen Juwelier?" Maximilian überlegte und wusste offenbar auch keine Erklärung, dann sagte er "Er wird sich geschämt haben, du weißt wie er manchmal ist. Er meinte wohl, geh' ich zum Juwelier, denkt der gleich, ich müsste das wertvolle Ding verhökern." "Verhökern? Wie meinen Sie das?" Maximilian tat so, als wäre er selbst ein wenig verblüfft von dieser Vermutung, aber Georg schien es, ihm sei das nicht gerade eben erst eingefallen. Eine Weile schauten sie alle drei vor sich hin, und Folkerts schüttelte immerzu den Kopf. "Sachen gibt's. Jetzt gönnen einem die Leute nicht mal mehr ein Schachspiel." "Was für Schuhe sind das?" fragte Maximilian unvermittelt und deutete auf Georgs Füße. "Bitte?" Georg hob einen davon an und drehte die Spitze in der Luft. "Ganz normale Lederschuhe." "Bei Bogenfeld gibt's welche, die genauso aussehen, aber sündhaft teuer." "Die hier sind von meinem Vater, aber er hat sie kaum getragen, die waren noch wie neu, na ja inzwischen ..." "Du ziehst die Schuhe von deinem Alten an?" Georg schaute ganz verwundert. "Warum nicht, wenn sie passen." Maximilian sah Folkerts an und machte eine widerwillige Geste "Das müsste mir mal widerfahren, großer Gott, die Schuhe von Papa, wo noch sein Fußschweiß drin klebt, Uäh." Er schüttelte sich. Dann sagte er zu Folkerts "Meinst du, ob das stimmt?" "Dass es die Schuhe von seinem Vater sind?" "Unsinn, ich meine das mit dem Schachspiel." Folkerts verstand nicht recht. "Sie haben gerade erzählt, dass es weg ist, Maximilian." "Ist es ja auch." Er machte eine kurze Pause. "Und wenn er sich's nun nur ausgedacht hat." "Sie meinen, es ist noch da?" "Oh Mann, Folkerts. Verstehst du mich auch so schlecht?" fragte er Georg. Der erwiderte "Ich weiß nicht, ich war nicht dabei, als Herr Schultz mit dem Spiel zum Pfandleiher ging." "Na ich auch nicht." Er klopfte mit der Hand auf dem Kistendeckel herum, als wollte er ihn fest drücken, dann sagte er "Überhaupt habe ich jetzt schon genug Zeit mit euch vertrödelt." "Ist das unsere Schuld?" sagte Folkerts, und Georg merkte, daß er es sich durchaus erlaubte, auch in diesem Ton mit Maximilian zu reden. "Ach, macht eure Arbeit, ich verlasse euch." Im Hinausgehen drehte er sich noch mal um und sagte zu Georg "Bis demnächst." Zu der Zeit verkehrten die beiden Kinder der Familie Schultz dann und wann im Geschäft: der erwähnte Maximilian und die Schwester Barbara, um zwei Jahre älter und ungefähr doppelt so schwer. Was genau sie dort zu tun oder auch nur zu suchen hatten, war schwerlich zu erkennen, bei Barbara natürlich noch weniger als bei Maximilian, der immerhin seitens des Vaters in einigen beruflichen Belangen unterwiesen wurde. Anscheinend besuchte er eine Handelsschule in der Stadt, eine private Anstalt zur Ausbildung und Erziehung einer kaufmännischen Elite. Daraufhin angesprochen erging sich Maximilian in ebenso weitschweifigen wie unklaren Auskünften. Angeblich erlernte er fünf Fremdsprachen gleichzeitig, konnte aber in keiner auch nur einen ganzen Satz sprechen. "Das kommt noch", sagte er, "vorerst wird nur gelesen." Es gefiel ihm dort und er hatte, was seine Tagesbeschäftigung anging, offenbar völlig freie Hand. Ein andermal erzählte er Georg, mit dem er sich zunehmend gut verstand, von den Vorlesungen in Nationalökonomie, wo sie haufenweise dicke Bücher wälzen mussten, unter anderem den "Wohlstand der Nationen" von einem gewissen Engländer. Was für ein Werk das sei, wollte Georg wissen, und Maximilian sagte "Es ist so eine Art 'Gullivers Reisen', nur eben durch die Weltgeschichte. Man lernt alle möglichen Völkchen kennen und was sie sich einfallen lassen, um ihr tägliches Brot zu verdienen." "Und? Ist etwas Brauchbares dabei?" "Manches ist ganz amüsant, aber am Ende läuft es irgendwie immer auf einen Eroberungskrieg hinaus." "Warum gehst du dann nicht gleich zum Militär?" "Ich? Als Offizier? Mit lauter Männern, und womöglich auch noch lauter nackte." Georg musste lachen. "Hast du damit Probleme?" "Überhaupt nicht, jedenfalls nicht, was du dir denkst." "Ich denke mir gar nichts." "Das ist auch besser so - für uns beide. Nein, ich fühle mich erniedrigt in einem Haufen gleichen Geschlechts. Wo sonst, wenn nicht beim Militär, geht die menschliche Würde vollständig verloren, wird zerstört und ausgemerzt?" "Ich weiß nicht, ich habe keine Erfahrung in der Hinsicht gemacht, aber viele Männer suchen ihr Heil gerade bei den Waffen, um ihre besten Eigenschaften unter Beweis zu stellen." "So, und welche wären das deiner Meinung nach?" "Mut, Tapferkeit, Organisationstalent." "Organisationstalent? Du meinst, wenn ich statt fünfhundert Soldaten nur dreihundertfünfzig auf dem Schlachtfeld in den Tod schicke, dann ist das meinem Organisationstalent zu verdanken." "Du hast doch gelernt, daß alle menschliche Ökonomie zum Krieg führt, dann wäre es kein geringes Verdienst, die Verluste so klein wie möglich zu halten." "Was du mir einreden willst! Auch wenn ich weiß, wie die Geschichte abläuft, muss ich noch lange nicht dabei mitmachen." "Du würdest dich also vor jeder nationalen Verantwortung drücken", sagte Georg halb ironisch. Maximilian ging das auf die Nerven. "Du redest wie mein Vater, Verantwortung übernehmen, sich auf die festen Werte besinnen, das harte Leben bezwingen." "So habe ich ihn noch nie reden hören." "Ja, hier nicht und nicht dir gegenüber. Mir hat er manche Moralpredigt gehalten. Und der größte Witz daran ist, daß er immer sagt, ich solle es besser machen als er, nicht dieselben Fehler begehen und die falschen Wünsche hegen. Er glaubt, wenn er mir alles vorhält, was er falsch gemacht hat, und ich seine Ratschläge beherzige, würde ich mir eine Menge Ärger ersparen und keine wertvolle Lebenszeit einbüßen." "Das ist gut gemeint." "Es ist eine verfluchte Heuchelei", rief Maximilian, "er will aus mir machen, was ihm bei sich selbst misslungen ist, bin ich sein blöder Golem oder was, den er kneten kann wie es ihm einfällt. Er ist nicht todsterbenskrank oder so alt, daß er schon längst in der Kiste liegen müsste, also, soll er bei sich selber anfangen mit den Konsequenzen aus seinen weisen Einsichten. Davon ist noch keiner zu Grunde gegangen, daß er sich besonnen und mal was anders gemacht hätte als in der ganzen verlorenen und verschwendeten Zeit vorher. Nein, ich will dir sagen, was er braucht, mein netter Vater, er braucht einen Sündenbock, jemanden, auf dem er die bitteren Wahrheiten seines eigenen verpfuschten Lebens abladen kann." "Beschuldigt er dich?" "Oh nein, er ist viel gerissener. Versteh' doch Georg, indem er will, daß ich mich von ihm unterscheide und anders werde als er, versucht er nur, sich an mir zu vergehen." "Er hat sich an dir vergangen?" "Nicht so. Menschlich, moralisch vergangen. Er operiert an meinem Wesen herum, damit es das bekommt, was er bei sich so schmerzlich vermisst. Ist das nicht furchtbar, wenn man so einen Vater hat." Georg schwieg. Maximilian sagte oft Dinge über Schultz, die man bei diesem nie vermutet hätte, und Georg dachte manchmal, er tut dem Vater damit unrecht oder denkt sich diese Unterstellungen sogar aus. Nach einer Pause schien Maximilian etwas einzufallen, und er sagte, mit dem Finger auf Georg weisend, als hätte der ihn verraten "Genauso, genau wie du, fängt er auch immer mit dieser Militärscheiße an. Wie er es zutiefst bedauert, daß aus mir kein Offizier werden kann, weil ja nur Männer von Adel den Zutritt haben." "In Preußen ist das so." "Ach, anderswo auch. Verstehst du, er grämt sich, daß ich keine adlige Abstammung habe." "So was kann man sich kaufen." Maximilian lachte aus voller Brust. "Was für ein glänzende Idee! Vater, schenke mir zum Geburtstag einen Adelstitel, dann werde ich Obrist und ein bedeutender Feldherr, und du wirst endlich, endlich stolz auf mich sein." Als Georg später über dieses Gespräch nachdachte, musste er selber schmunzeln bei der Vorstellung, daß der Kaufmann Schultz ein halbes Leben lang schuftet, damit er sich für seinen Sohn einen Adelstitel leisten kann. Er hätte schwören können, wenn er Schultz davon erzählte, würde der aus allen Wolken fallen. 'Was für einen Schwachsinn redet der Kerl da zusammen, ich und von Adel!' würde er schimpfen, und Maximilian würde wiederum dagegenhalten: 'So ist es, am Ende rührt er keinen Finger für mich, ich bin ihm im Grunde ganz egal.' Georg konnte ihm nicht recht glauben, und manchmal kam es ihm so vor, als wünschte er sich insgeheim das, was er dem Vater zum Vorwurf machte. Seine Schwester Barbara war anders, schon rein äußerlich war sie ihm wenig ähnlich. Sie war nicht besonders groß, dabei aber ziemlich dick, und ihre Bewegungen waren manchmal fahrig und unbeherrscht. Mit ihrer hohen, fast piepsigen Stimme wirkte sie wie ein noch nicht flügge gewordenes Riesenvogeljunges, das alles Unbequeme aus dem Nest geworfen hat, einschließlich der anderen Vögel. Maximilian hatte sie zwar ein paarmal erwähnt, aber Georg lernte sie zum ersten Mal Anfang des Winters kennen, als sie mit dem Bruder im Büro auftauchte. Sie war in einen Mantel gehüllt, der sie noch dicker machte, und einen Pelzkragen hatte, der sich an ihre rosigen Wangen schmiegte. Auf dem Kopf trug sie eine ebensolche Mütze von Nerz oder Zobel, und Maximilian behauptete spöttisch, es sei das Fell der Nachbarskatze, die zuvor extra breit gewalzt wurde, damit es groß genug wäre. Georg verkniff sich selbstverständlich jedes Lachen über die boshaften Scherze in Barbaras Gegenwart. Und sie nahm es gelassen, oder genauer gesagt, überhaupt nicht zur Kenntnis. Sie hätte ihn mit einem Schlag ihres fleischigen Unterarms in die nächste Ecke befördern können, aber das tat sie nicht, und Georg fragte sich manchmal, wie die beiden ungleichen Geschwister nebeneinander aufgewachsen sind, sie mit den ständigen verbalen Attacken des Bruders, er in der latenten Gefahr, von ihr verdroschen zu werden. Irgendwie hatten sie beide gelernt, sich zu vertragen und eine gewisse Schranke nicht zu durchbrechen. Auf den ersten Blick war Barbara Schultz nicht gerade attraktiv. Georg musste bald feststellen, daß sie in ihrem Bedürfnis nach Mitteilung und nach Aufmerksamkeit richtig aufdringlich werden konnte. Aber merkwürdigerweise lag in dieser Direktheit und Ungeniertheit nichts Schamloses, ja es fiel einem schwer, ihrer oftmals unverfrorenen Art zu widerstehen. Vielleicht lag es daran, daß sie außer ihrem fülligen Körperbau ein hübsches Gesicht mit einer frechen Nase, breiten Lippen, die immer geschminkt waren und sanften, dunklen Augen hatte, für die Georg den Ausdruck "Rehaugen" zutreffend fand. Oder aber, weil sie sich durch ihre herzhafte und dynamische Art irgendwie interessant machte, man vermutete dahinter immer etwas Eigenwilliges, das einen mitreißen könnte. Jedenfalls litt Barbara nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein, und es wunderte Georg sehr, als er hörte, daß trotz etlicher und zunehmend verzweifelter Anläufe seitens der Eltern, sie einem auserwählten Mann an die Hand zu geben, jede Verbindung, sogar bis hin zum zweimaligen Verlöbnis, immer wieder gescheitert war, bevor der Pastor seinen Segen erteilen konnte. Und dabei hatten sich (wie Poppe Folkerts wusste) Schultzens wegen der Mitgift nicht knausrig gezeigt und auch sonst alles unternommen, um die Tochter begehrenswert erscheinen zu lassen, soweit man das von außen bewerkstelligen konnte. Maximilian hatte freilich eine Erklärung für die fehlgeschlagenen Vermittlungsversuche parat: "Der Alte hat ihr immer nur die falschen Männer präsentiert, jämmerliche Gestalten, alt wie die Rügener Kreidefelsen oder so schwindsüchtig, daß man erwägen musste, die Hochzeit vorzuverlegen." "Hat es denn keine Bewerber gegeben, die von sich aus kamen?" fragte Georg. "Natürlich hat es die gegeben, aber er hat sie alle abgewiesen." "Und was hat Barbara dazu gesagt?" "Was soll sie sagen, würdest du sie besser kennen, dann würdest du sehen, daß unter ihrer rauhen Schale ein weicher Kern ist, viel zu weich, um sich durchzusetzen. Sie ist sehr schüchtern, um nicht zu sagen beschränkt, und auch wenn sie oberflächlich so entschlossen und draufgängerisch wirkt, schlägt es irgendwann ins Gegenteil um und sie gerät in Panik, befürchtet, sich auf etwas Ungewisses einzulassen, wo sie nie mehr herauskommt. Und was ist, wenn die Ehe zur Qual wird und das arme Geschöpf darin umkommt. Glaube nicht, nur weil sie so fett ist, kann sie alles ertragen, nein, wie ich es sage: harte, dicke Schale, zarter Kern." Bei diesen Worten machte Maximilian eine Miene, als würde er über wirklich Bedauerliches sprechen, wie über eine langsam aussterbende Baumart. Und dennoch ertappte sich Georg dabei, wie er dachte, warum der Bruder ausgerechnet von Barbara in so warmherziger Weise sprach, wo er sonst an allen anderen kein gutes Haar ließ. Wurde er auch hier nur wieder vom Hass auf den Vater getrieben? Oder malte er ein Bild von der Schwester, das lediglich seiner Phantasie entsprang und nur sein Mitgefühl demonstrieren sollte? Es war, ebenso wie bei jenen, die den alten Schultz betrafen, schwierig, Maximilians Behauptungen auf ihre Wahrheit hin zu prüfen. Georg hätte sich nie getraut, Barbara direkt nach diesen persönlichen Dingen zu fragen; ein Handelslehrling aus dem Thüringer Wald, ein dummer Köhlerjunge sozusagen, der sich in die Liebesangelegenheiten einer Hamburger Kaufmannstochter, und noch dazu die seines Chefs, einmischt, das wäre eine schöne Geschichte geworden. Aber es war Barbara selbst, die die Unterhaltung mit Georg suchte, auf eine wie schon gesagt, gar nicht zurückhaltende Weise. Nun ja, wahrscheinlich hatte sie ihren scheuen Kern ihm gegenüber noch nicht entblößt. Sie kam beim Reden dicht an einen heran, als wollte sie ihren eigenen dicken Leib überwinden, und sie hatte diese schrille Vogelstimme, an die man sich erst gewöhnen musste, aber sie schaute einen dabei aus ihren Rehaugen an, und wenn sie sprach, bewegte sich mit ihren Lippen auch die Nasenspitze, als würde sie kleine, heimliche Zeichen geben, über deren Bedeutung man sich den Kopf zerbrechen sollte. Sie fragte Georg nach seiner Heimat, nach dem Gebirge, dem endlosen, dunklen Wald "Das stelle ich mir vor wie das Meer, nur mit lauter Bäumen". Sie fragte ihn nach seiner Familie, der Wohnung, ob er zu Hause ein eigenes Zimmer hatte, und wie seine Freundin heißt. "Das geht dich gar nichts an", mischte sich Maximilian ein. "Und ob es mich was angeht", entgegnete sie barsch. "Hast du ihn danach gefragt? Einer muss es tun. Papa hat es auch nicht getan, oder? Hat Papa Sie nach Ihrer Freundin gefragt?" "Er hat gesagt, das Thema wäre im Büro tabu." "Siehst du, das gehört nicht hierher." "Wir sind hier nicht im Büro, sondern im Magazin, da gilt das nicht. Zudem sollte Papa Bescheid wissen über die Jungs, die er anlernt." "Ach, du tust ja gerade so, als läge dir das Geschäft am Herzen, aber du willst nur selber über diese Jungs Bescheid wissen." "Du lügst, du Kröte." "Und du machst dich schon wieder lächerlich, du Bremse." "Du machst dich lächerlich mit deiner eitlen Maniküre." Es war eine leidige Angewohnheit von ihm, unentwegt seine Fingernägel mit einem Streichholz oder ähnlichem zu säubern, aber er blieb gleichgültig. "Du verbringst damit Stunden in deinem Zimmer, und es nützt dir doch nichts." Barbara ging auf das letzte nicht ein und sagte "Woher willst du denn wissen, was ich mache, du treibst dich ja nur in üblen Spelunken herum." Das ignorierte wiederum Maximilian und meinte höhnisch "Hat schließlich alle Welt sehen können, wie es war mit dir und Overbeck." 'Schon wieder dieser Overbeck', dachte Georg. "Jetzt fang' noch damit an, du Schleimscheißer, du warst es, der Arnold schmutzige Geschichten über mich erzählt hat, Geschichten, die erstunken und erlogen waren, in deinem schmutzigen Gehirn hast du sie ausgedacht und mir angehängt." "Wird schon was dran gewesen sein, jedenfalls hat Overbeck die Finger von dir gelassen, bevor er sie sich verbrannt hätte, haha." Er lachte schadenfroh. Georg dachte, jedes andere Mädchen würde in Tränen ausbrechen, wenn man laut solche Dinge über sie verbreitete, aber Barbara blieb unerschütterlich. "Das wollen wir mal klarstellen: Ich wollte gar nichts von Arnold. Du Aas hast versucht, mich mit ihm zu verkuppeln, denkst du, ich hätte es nicht gemerkt. Und nicht nur das, er hat mir nämlich auch gesagt, wie es zwischen euch abgelaufen ist, soll ich es wiederholen? Soll ich sagen, wie du versucht hast, ihn und mich auszunutzen, und wofür?" Das schien Maximilian nun sehr unangenehm zu berühren, er schlug auf einmal einen ganz versöhnlichen Ton an. "Lass gut sein, Schwesterchen, das ist Schnee von gestern, wir sind völlig vom Thema abgekommen." Barbara schwieg und kostete es einen Moment aus, wie er klein beigegeben hatte. Aus den Augenwinkeln schaute er argwöhnisch zu ihr hinüber, ob sie nicht etwa noch etwas folgen ließe, aber er hatte Glück, sie beruhigte sich scheinbar. Georg, der sich die ganze Zeit zurückgehalten hatte, versuchte zögernd, wieder anzuknüpfen. "Tja, also Sie fragten nach meinem Freundeskreis." Aber Barbara stampfte mit dem Fuß auf, warf Maximilian einen bösen Blick zu und sagte "Du hast jetzt alles verdorben, ich halte es keine Minute länger in deiner Gegenwart aus, ich gehe. Auf Wiedersehen, Georg, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag." "Für Sie ebenfalls, Fräulein Schultz." Sie verschwand durch die Tür zum Büro, und Maximilian meinte "Ich sag's ja, sie bekommt plötzlich die Panik." Maximilian hatte übrigens nachher durchblicken lassen, daß Barbara extra mitgekommen war, weil sie sich für Georg interessiere. "Warum sollte es so sein?" fragte ihn Georg, dem das ganze merkwürdige Verhalten der beiden zu denken gab. "Merkst du nicht, wie sie sich verändert hat, seitdem sie dich zum erstenmal sah?" Das konnte Georg bei aller angestrengten Betrachtung nicht erkennen. "Aber freilich, erinnere dich, wie wortkarg sie anfangs war. Und das passte auch schon nicht zu ihr. Es war ein Zeichen für ihre Verwirrung, für ihre Unsicherheit in deiner Gegenwart." "Ach hör' auf, worin war sie denn unsicher? Sie war sowenig unsicher wie ich." "Was für Komödianten ihr seid. Allerdings warst du auch unsicher." "Ich? Jetzt mach' mal einen Punkt." "Und als sie gefragt hat, wie das mit dem Geld wäre, das dein Vater an den Alten zahlt für deine Ausbildung? Ich habe genau gesehen, wie du darauf reagiert hast." Da hatte Maximilian Recht. Georg hatte bis dahin nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, was Schultz vom Vater für die Lehrlingszeit verlangt und erhält, es war über seinen Kopf hinweg verhandelt worden. Und nun wollte er lieber nicht darüber reden, schon gar nicht mit Maximilian, deshalb lenkte er davon ab und ging auf das ein, was Maximilian eben angedeutet hatte. "Was sollte Barbara an mir finden?" "Wie kann ich das wissen." "Du kennst sie sonst immer so gut." "Niemand kennt sie wirklich, Barbara ist ein großes Rätsel." "Was hast du ihr über mich erzählt?" "Ich? Gar nichts. Höchstens, daß du schön schreiben kannst, so was gefällt ihr nämlich." "So, du sagst ihr Dinge von mir, von denen du glaubst, sie würden ihr gefallen, das finde ich unangebracht." "Hab' dich nicht so. Sollte ich dich schlechtmachen, wäre dir das lieber?" "Barbara kann ja wohl selbst sehen, ob sie an mir was findet, das ihr gefällt." Maximilian schüttelte verständnislos den Kopf. "Genau das hast du eben abgestritten: sie tut es die ganze Zeit, ohne daß du es merkst. Ich muss dich erst darauf stoßen." Georg winkte ab. "Und woher weißt du überhaupt das mit meiner Handschrift?" "Das wissen alle hier, der Alte hat dich über den grünen Klee gelobt. Erst kürzlich hat er zum Beckmann, dem Buchhalter gesagt: 'Sehen Sie sich das mal an, das nenne ich eine saubere Korrespondenzschrift, da sollten Sie sich eine Scheibe dran abschneiden', und dem Beckmann war das natürlich peinlich und ich habe ihn dann sogar sagen hören ..." "Ich will gar nicht wissen, was der Beckmann gesagt hat." "Ist ja gut. Ich sollte sagen, woher ich's weiß." Georg bemerkte bald, daß man bei Maximilian unweigerlich in die Schlingen hineintappte, die er auslegte, und am Ende war man so schlau wie vorher, dafür hatte er aber etwas in der Hand, das er gegen einen gebrauchen konnte, und es schien, daß er ständig Intrigen im Kopfe ausheckte. Georg war daher froh, daß Barbara, wenn sie schon aufkreuzen musste, allein kam, und Maximilian ihre noch so kurzen Unterhaltungen nicht mitanhörte. Außerdem waren sie unausstehlich, wenn sie sich gegenseitig beschimpften. Einmal sagte sie zu Georg "Es tut mir leid, daß mein Bruder und ich uns letztens vor Ihren Augen so gestritten haben, das muss Ihnen sehr unanständig vorgekommen sein." "Halb so schlimm", meinte Georg, "was ausgesprochen werden muss, soll nicht länger verschwiegen werden." "Sie sind da wohl einiges gewohnt?" "Wieso?" fragte Georg verblüfft. "Na, ich meine, von zu Hause." "Fräulein Schultz, wir wohnen zwar am großen Wald, aber wir gebrauchen keine Streitäxte mehr, wenn Sie das meinen." "Nein, nein. Aber Sie wirken immer so ruhig und ausgeglichen, wenn ich Sie sehe. Da denke ich manchmal: 'Er ist bestimmt froh, daß er hier bei uns ist, wo er es in seiner Kindheit so schwer hatte'." Georg traute seinen Ohren kaum, aber dann verspürte er Lust, sie ein wenig zum Narren zu halten. Er sagte "Nun ja, es gab da das ein oder andere prägende Erlebnis." Er hielt ihr den Kopf hin. "Fühlen Sie mal hier, hinter dem Ohr, die Delle, fühlen Sie?" "Oh ja." Georg war für einen Moment erschrocken, wie sanft ihre Hand über sein Haar strich, das hatte er nicht erwartet. "Was ist da passiert?" "Es war mein Vater", sagte Georg und tat, als stockte ihm die Stimme. Barbara hielt sich die Hand vor den Mund. "Ach, er hat Sie gezüchtigt? Weswegen?" "Darüber will ich nicht sprechen." "Schade", meinte sie und hatte wohl eine noch schrecklichere Tat zu erfahren gehofft. Dann sagte sie "Und trotzdem gibt er so viel Geld für Sie aus." Georg nickte. "Aus Schuldgefühl." "Ich wünschte meinem Vater nur einen kleinen Teil davon", sagte sie und streichelte ihn noch mal, zog aber gleich ihre Hand zurück. "Sie können angeblich so schön schreiben." "Es geht, man kann es lesen." "Ich würde Sie gern um einen Gefallen bitten." "Was denn?" "Das sage ich Ihnen übermorgen, Tschüs." "Auf Wiedersehen." 'Übermorgen', dachte Georg, 'es klingt, als würde sie alles genau in ihrem Kalender notieren'. Am nächsten Tag geschah folgendes. Als Georg nach Feierabend in seine Stube kam, stand mitten auf dem Tisch ein kleiner frisch gebackener Kuchen mit Kakao und einem weißen Zuckerguss, und er duftete nach Lebkuchengewürz. Er war in einer runden Form gebacken und dann umgekehrt auf einen Teller gestellt worden und sah schön gleichmäßig und lecker aus. Georg erkundigte sich bei der Vermieterin, wer ihn gebracht habe, und sie erwiderte, daß das Fräulein Schultz ihn gegen Mittag für ihn abgegeben und ihn sogar auf ihren eigenen Wunsch hin selbst im Zimmer auf den Tisch gestellt habe. Die Vermieterin hatte gemeint, das Fräulein solle eine Nachricht dazu legen, worauf diese jedoch gesagt habe, das sei nicht nötig; und schließlich erfuhr Georg auch so, daß Barbara Schultz den Kuchen für ihn gebacken hatte. Georg dachte 'Sie hat sich am Vormittag die Mühe gemacht, ihn zuzubereiten, und wer weiß, wie lange sie das schon vorhatte'. Er machte sich eine Tasse Kaffee und probierte von dem Gebäck, aber es schmeckte abscheulich, irgendwie nach Schmierseife, und er brachte kein ganzes Stück herunter, ja er musste den Bissen sogar wieder ausspucken und dann mit Kaffee nachspülen, damit er den Seifengeschmack wieder los wurde. Wie konnte das geschehen? Hatte sie das Rezept falsch befolgt? Ist Barbara eine jämmerliche Köchin und versteht so wenig vom Backen, oder war es ihr erster, gutgemeinter Versuch? Oder sollte es ein Streich gewesen sein und der widerliche Seifengeschmack wäre absichtlich beigemengt worden? Aber warum sollte Barbara ihn auf so kindische Weise ärgern? Immerhin hätte sie selber davon probieren können, bevor sie ihn verschenkte. Er warf das ganze in den Abfall und beschloss, ihr den Teller später zurückzugeben, von dem anderen aber zu schweigen. Als sie sich tags darauf sahen, bedankte sich Georg bei ihr, und Barbara sagte "Ach so, ja der Kuchen. Der war übrig geblieben von der ganzen Backerei für meinen Geburtstag." "Sie haben Geburtstag?" "Natürlich, jeder hat mal Geburtstag. Deshalb wollte ich Sie auch um etwas bitten." "Ich stehe sozusagen in Ihrer Schuld." "Ach nein, so soll es nicht sein. Es ist nur, weil Sie so gut schreiben können, möchte ich gern, daß Sie die Einladungskarten an meine Freunde für mich schreiben, wäre das zuviel verlangt?" "Das ist eine Kleinigkeit. Sagen Sie mir, was darauf stehen soll und geben mir die Liste mit den Namen und ich schreibe es heute abend ..." "Sie könnten es gleich jetzt erledigen." Georg war darüber nicht erfreut, selbst wenn es sich um Barbara handelte, konnte er nicht einfach seine Arbeitszeit darauf verwenden. "Ich habe mit Folkerts gesprochen, er weiß Bescheid", zerstreute sie seine Bedenken. "Und Ihr Vater?" "Der auch." Das war gelogen, Georg merkte es. Aber Barbara redete auf ihn ein, und kam ihm dabei so nahe, daß ihr weicher, warmer Busen gegen seinen Arm drückte. "Bitte", hauchte sie zuletzt mit ihrem Vogelstimmchen, "ich werde es Ihnen ewig danken." "Also gut. Sagen Sie, was ich schreiben soll." Es war schneller fertig, als er gedacht hatte. Barbaras Geburtstag lag Ende November. In diesem Jahr war der Winter früh gekommen und hatte die Hamburger mit einer Heftigkeit überrascht, daß selbst die älteren unter ihnen tief in ihr Gedächtnis hineinreichen mussten, um sich an solche Eiseskälte zu erinnern. Die Elbe war dick zugefroren. Da der Kaufmann Schultz jedes Jahr um diese Zeit für seine Bekannten und Geschäftsfreunde quasi zum Jahresausklang eine Schlittenfahrt organisierte, hatte diesmal Barbara die Idee gehabt, das Vergnügen mit ihrer Geburtstagsfeier zu verbinden. Sie ordnete die Einladungskarten alphabetisch nach den Namen der Adressaten. "Das haben Sie sehr schön hingekriegt, vielen Dank." "Keine Ursache." "Jetzt muss ich sie aber schleunigst zur Post schaffen. Ach so, das hätte ich fast vergessen: Sie sind natürlich auch eingeladen, Georg." "Wirklich?" "Halten Sie sich an Max, er wird Ihnen alles weitere mitteilen." Sie hatte ihren Bruder beauftragt, sich Georgs anzunehmen und mit ihm gemeinsam zum Treffpunkt an der Elbe zu kommen. Maximilian hatte sich geweigert, dann aber anscheinend eingesehen, daß er ihr zum Geburtstag gehorchen müsse, und so hatte er versprochen, alles zu tun wie sie verlangte. Insgeheim jedoch plante er, unter irgendeinem Vorwand, dem in seinen Augen albernen und langweiligen Vergnügen fernzubleiben, was ihm jedoch nicht gelang. Auf der Fahrt zum Liekenkroog ließ Maximilian die Eltern an die hundert Mal ins Verderben stürzen. Vor allem dem Vater wünschte er alsbald die Pest und andere todbringende Krankheiten an den Hals. Die beiden Jungen saßen nebeneinander und hatten die Wolldecke bis ans Kinn hochgezogen; am Ortsausgang von Bremsbüttel jagte eine einzelne heftige Schneeböe über den Weg, die wer weiß woher gekommen war und wie mit Peitschenhieben ins Gesicht traf. Ansonsten war strahlend blauer Himmel, und der Schnee glitzerte in der Sonne. Georg hatte nur den leichten Winteranzug an, der ihm für dieses Wetter ausreichend schien. Da er zuvor noch keine Ausflüge gemacht hatte und mit den hiesigen Witterungsverhältnissen nicht vertraut war, hatte er sich mit der Garderobe für diesen Tag gehörig geirrt, was ihn teuer zu stehen kommen sollte. Maximilian, mager wie er war, sehr empfindlich gegen Kälte, hatte in der ersten halben Stunde fürchterlich geschlottert, daß seine Zähne gegeneinander klapperten wie die Würfel im Becher. Georg musste darüber lachen, womit er sich bitterböse Blicke einhandelte, doch er konnte sich nicht beruhigen, wenngleich er Maximilian sogar ein bisschen bedauerte. Zu aller Unbill fegte die Windböe auch noch seine Pelzmütze vom Kopf. Sie landete weich im Schnee, der Kutscher, vom Geschrei alarmiert, hielt an, und da die jungen Fahrgäste nicht dergleichen taten und sich nur noch tiefer in die Decke vergruben, kletterte er vom Schlitten und hob sie auf. Georg machte die Partie Spaß. Maximilian fand an nichts Gefallen und schließlich begann er, auf die Eltern zu schimpfen; auf den Vater, der ihm angeblich nicht erlaubt habe, seine Freunde zum Schlittschuhlaufen zu begleiten, und auf die Mutter, die dem Vater völlig zugestimmt und dem Sohn, der verdammt noch mal allein über sich entscheiden konnte, die Schlittenfahrt auf der zugefrorenen Elbe aufgezwungen habe. Dabei konnte Maximilian gar nicht Schlittschuh laufen, und Georg dachte, es ginge ihm nur darum, in Gesellschaft seiner neuen Freundin zu sein, einem zierlichen brünetten Mädchen mit einem französischen Vornamen, von der er Georg dauernd etwas vorschwärmte. Das war nun auch der Grund dafür, daß die beiden Jungen in diesem Schlitten den anderen hinterher fuhren, denn Maximilian hatte sich nicht losreißen können, und Christoph Daniel Schultz war nicht gewillt gewesen, auf den Flegel zu warten, hatte ihn aber unter Androhung einer Strafe zum Mitkommen verdonnert. Und natürlich war es Georgs Aufgabe gewesen, den Sohn ausfindig zu machen und in den Schlitten zu bugsieren, den der Vater auf die Schnelle bei einem Nachbarn ausgeliehen hatte. Welche Strafe das sein sollte, wollte Maximilian wissen, aber darüber hatte sich der Herr Papa nicht geäußert, und Georg, der mit seinem Auftrag zu scheitern befürchtete, dachte sich kurzerhand aus: der alte Schultz wollte, wenn Maximilian nicht folgte, die Eltern seiner Freundin von ihrer beiden Beziehung unterrichten, was tatsächlich unangenehm gewesen wäre, weil das Fräulein bereits verlobt war, und zwar mit keinem Geringeren als dem Leutnant Wohlzogen, der im vergangenen Sommer Sieger im Ringkampf um den Alsterpokal geworden war. Bei diesem Thema hielt Maximilian vollmundig dagegen. "Von mir aus kann er Erster Gladiator bei den germanischen Meisterschaften um das goldene Trinkhorn sein, für mich ist er ein eingebildeter Frosch." Natürlich wagte er solche Sprüche nicht in dessen Gegenwart, und in Wahrheit fürchtete er jede Auseinandersetzung mit ihr oder ihrem Verlobten. Maximilian war ein Streithammel, der unaufhörlich andere provozieren konnte. Aber er nahm sich in acht bei denen, von denen er glaubte, sie könnten ihn einfach ignorierten, wenn er ihnen dumm kam. Denn er war stur, und seine Sturheit verschaffte ihm den Vorteil, den er mit irgendeiner bewundernswürdigen oder beneidenswerten Eigenschaft kaum erlangt hätte. Es war diese Fähigkeit, zu gewinnen ohne zu kämpfen, die ihm in den schönen Augen seiner kleinen Freundin den Vorzug gab gegenüber ihrem Offizier, von Zeit zu Zeit jedenfalls. Für dieses Mal hatte sich Maximilian der Weisung des Vaters gefügt. Sie brachten Maximilians Schwarm im Schlitten ein Stück bis in die Nähe ihrer Wohnung, wodurch sie noch mehr Zeit verloren und erst am Liekenkroog eintrafen, als die Ausflügler dort im Begriff waren, sich aufs Eis zu begeben. Barbaras Geburtstagsgäste, alle etwa in ihrem Alter, und Schultzes Bekannte hatten sich bunt gemischt. Ein Samowar wurde angeheizt und Tee mit Zitrone serviert, der die durchgefrorenen Glieder wieder aufwärmen sollte. Für die Männer gab es Grog von echtem Crimson Jamaika Rum, von dem Schultz eine Literflasche spendiert hatte. Jemand hatte Gebäck mit Marmeladenfüllung mitgebracht, das jedoch bei dieser Temperatur seinen Geschmack verloren hatte. Dagegen erfreuten sich die Kinder an der Schokolade, die steinhart war und die sie mit den gesunden Zähnen zerbrachen, um sie dann langsam und lange auf der Zunge schmelzen zu lassen. Es hatten sich sogar noch einige Offiziere, die von einer Feier kamen, zu der munteren Truppe gesellt, die jetzt, als die Spätankömmlinge auftauchten, unter Gelächter und Gejohle die Schlitten bestieg, um dann über die Schräge vorsichtig auf den zugefrorenen Fluss zu gelangen und sich dort zu verteilen. Die Sonne ließ ein paar goldene Strahlen auf die Fläche fallen, die übrigens keineswegs so glatt war, wie Georg sich das vorgestellt hatte, vielmehr, vor allem zum Ufer hin, uneben und zerfurcht, als habe ein heftiger Wind die Wellen gefrieren lassen. Man fuhr stromabwärts in Richtung Moorfleet. Beim Anblick der Pferdeschlitten erfasste Georg eine ihm ganz unbekannte kühne Lust, sich in Gefahr zu begeben, und das Eis in seiner trügerischen Beschaffenheit schien ihn dazu herauszufordern. Maximilian fand wieder etwas, worüber er schimpfen konnte, als er die erkaltete Neige aus dem Samowar kippte. Er genehmigte sich einen kräftigen Schluck aus der Rumflasche und reichte sie Georg, der das gleiche tat und sich wie ein echter Seebär schüttelte. Der Schnaps schoss ihm augenblicklich durch die Adern und in den Kopf und gab ihm ein wohliges Gefühl, so daß er der Kälte nicht mehr gewahr wurde und leichtsinnigerweise auf die Wolldecke verzichtete. Barbara Schultz, die mit den Eltern im großen Familienschlitten gekommen war, hatte sich da offenbar tödlich gelangweilt und war froh, daß der Bruder und Georg, der kaum noch zu bremsen war, erschienen und sie in ihre Mitte nahmen, um den Freunden zu folgen. Statt ihrer war der lange Herbert zu Schultzens in den Schlitten gesprungen, Gerichtsassessor und ein Charmeur, der sofort die Leine übernahm und der Frau Schultz die unmöglichsten Komplimente machte, während sich Christian Daniel, der ebenfalls seinem Crimson Jamaika Rum ordentlich zugesprochen hatte, vor Lachen festhalten musste. Die Schlitten sausten dahin, die Kufen krachten, Eisbrocken und Splitter flogen zur Seite. Das Tempo steigerte sich immer mehr, der Gegenwind drückte Georg nach hinten, aber er genoss den Widerstand, er sah die kahlen schwarzen Weiden am Ufer vorbei treiben und bekam Lust, immer und immer weiter so ungehindert in die weiße Weite zu entfliehen. Er redete auf den Kutscher ein, brüllte ihn an unterm Zuspruch der beiden Geschwister, die ihn von hinten anstachelten und Georg von einer ganz neuen Seite kennenlernten. Schultzens hatten noch einen Vorsprung, und der lange Herbert ragte aufrecht empor, schwang die Peitsche und drehte sich ständig um. Er rief irgendetwas, aber man sah nur die Atemfetzen, die er ausstieß. Georg zwang den Kutscher, hart an kleinen Hindernissen, Eisbuckeln, Verwerfungen, festgefrorenem Holz vorbeizuschrammen, was diesem gar nicht gefiel, denn er befürchtete hängen zu bleiben. Auch hätte das Gefährt bei dem Tempo leicht aus der Bahn geschleudert oder sogar umgestürzt werden können. "Angsthase", rief Georg, ließ sich auf den Sitz fallen und landete halb auf Barbaras Schoß. Er schwitzte und er merkte nicht, daß die Sonne hinter Wolken verschwunden und ein kalter, feuchter Wind aufgekommen war, der ihm unter die Haut kroch. Maximilian stieg zum Kutscher vor und machte dem langen Herbert Zeichen. Ihre Schlitten waren fast gleichauf, aber auf einiger Distanz. Maximilian hielt die Handflächen an den Mund. "Ein Wettrennen!" rief er immer wieder hinüber, bis die anderen verstanden hatten. "Ja, ein Wettrennen bis zu Harfouchs Mühle", rief Georg, der diesen Ort von einem Ausflug im Sommer kannte. Maximilian gab das Ziel weiter, Herbert bestätigte und trieb das Pferd an, das man bis hierher keuchen hörte. Die Hufe der Pferde schlugen schwer auf, und man konnte hören, wie die dumpfen Schläge in der Tiefe erstickten. Da umarmte Barbara Georg ganz unerwartet und so heftig, daß er für den Augenblick nach Luft rang. Sie presste ihre Lippen an sein Ohr und flüsterte "Heute musst du alles tun, was ich mir wünsche", und er spürte, wie ihre Zunge ihn kitzelte. "He, keine Schweinereien, da hinten", lachte Maximilian. "Kümmer du dich um unseren Sieg", quetschte Barbara hervor und wäre Georg noch mehr zu Leibe gerückt, wenn sich nicht hinter ihnen ein weiterer Schlitten genähert hätte, dessen Kufen wie eine Schrotsäge über das Eis kratzten und in dem sich eine Gruppe junger Leute halb stehend halb sitzend befand, die johlten und Weinflaschen schwangen. "Das sind die Minkowski Brüder", rief Barbara, "großartig, daß sie noch gekommen sind, das wird einen Spaß geben." Sie kniete sich auf die Sitzbank und winkte und schrie nach hinten, während einer der Brüder die Arme zu ihr ausstreckte und rief "Barbara mein Engel, lass dich drücken." "Sollen sie mal versuchen, uns einzuholen", fauchte Maximilian, der sich mit Zügel und Peitsche doppelt ins Zeug legte. Herberts Schlitten hatte wieder einen leichten Vorsprung und war nach rechts abgedriftet, und Barbara sagte "Mensch Max, da vorn kommt gleich die Mühle, jetzt mach mal zu." Sie wurde auf einmal von einem Schneeball getroffen und schrie auf. Georg packte Maximilian am Arm und rief "Junge, die beballern uns, wir müssen ausweichen." "Was? Die Säcke haben 'ne Ladung Schnee im Schlitten." Barbara lachte wie eine Verrückte, die Bälle flogen links und rechts vorbei, und von hinten kamen immer wieder Rufe wie "Da habt ihr! Und den! Und den! Volltreffer!" "Von wegen Volltreffer", lachte Georg, "ein Vollidiotentreffer! Max, lenk' da hinüber." Maximilian tat es, und der Schlitten schleuderte zur Seite, und eins der Pferde rutschte aus, fasste aber gleich wieder Tritt. Alle drei Schlitten waren jetzt ungefähr auf einer Höhe, Herbert war ganz drüben und schwenkte die Arme, als gehöre ihm schon der Sieg. Die Minkowski Brüder wussten ja nichts von der Wettfahrt, aber sie hatten zwei gute Pferde und setzten sich scheinbar mühelos an die Spitze. Sie kamen immer näher herüber, an Maximilians Schlitten heran, und einer von ihnen rief "Wollt ihr was zu trinken?" "Ja, wirf' rüber", gab Barbara zurück, "Achtung Georg." Georg rief "Volle Deckung!", und im Schlittenkasten landete polternd eine Flasche Wein. Maximilian zog den Kopf ein und jammerte "Nicht auf den Kutscher, lasst den Kutscher leben." "Kriegst du die auf?", fragte Barbara, und sie beugten sich beide über die Flasche, die nur provisorisch verkorkt war. "Kein Problem", sagte Georg. "Wie war mein Angebot vorhin?" fragte Barbara. "Ich komme darauf zurück", erwiderte Georg und zog schnell den Korken heraus. "Gib' mir einen Schluck." "He, der Kutscher ist auch durstig", rief Maximilian, und der echte Kutscher an seiner Seite sagte gar nichts mehr. Da gab es einen Aufprall, und Georg und Barbara purzelten übereinander. Über ihnen stand einer der Minkowkis und reichte ihnen beide Hände. "Was ist denn jetzt?", sagte Barbara wie benommen. "Wie kommst du in unseren Schlitten?" "Rübergesprungen", prahlte der andere. "Das glaub' ich nicht." "Hier trink' was." "Der Herbert, das Schwein, der macht das Rennen." "Lass ihn nicht gewinnen, lass ihn nur nicht gewinnen." "Wie sollen wir den noch einkriegen." "Wie hast du das gemacht?" "Ist noch was in der Flasche?" "Gebt dem armen Kutscher auch was, der fällt ja gleich runter." "Spring noch mal zurück." "Bist du besoffen?" "Was krieg' ich dafür?" Die Schlitten kamen wieder aneinander und es krachte und schürfte, aber sie hatten nicht mehr das hohe Tempo, und auch Herbert, der sie beobachtet hatte, verlangsamte die Fahrt. Barbara rief "Haltet mich, ich falle." "Nicht auf mich", sagte Maximilian, und Minkowski sagte "Komm' zu uns." "Was? Ich soll auch rüberspringen?" "Haltet mal kurz an, die Dame möchte umsteigen." Erst hundert Schritt weiter kamen sie zum Stehen. Barbara kletterte von einem Gefährt ins andere und hatte dabei einige Mühe. Die Minkowkis zerrten vorn, Georg schob hinten, Maximilian ließ die Peitsche durch die Luft sausen. Herberts Stimme hallte über die Eislandschaft "Gibt's Probleme?" "Alles in Ordnung. Kann weitergehen." Der Minkowski Schlitten zog wieder an. Barbaras Handschuh war aufs Eis gefallen. "Georg, mein Handschuh! Bring' ihn mit", rief sie. Georg stieg aus und hob ihn auf. Plötzlich scheuten die Pferde, und der Schlitten raste davon. Georg schoss es durch den Kopf 'nur nicht allein hier zurückbleiben'. Er rannte hinterher, der Rum und Wein hatten seine Muskeln lahm gemacht, er keuchte, und dann fröstelte er und fing an zu zittern. Er spürte, wie etwas Hässliches, Kaltes über seinen Rücken hinabträufelte wie toter Atem. In seiner Brust setzte ein Stechen mit tausend Nadeln ein, und im Kopf hämmerte es drauflos. Maximilian hatte die Pferde wieder unter seine Gewalt gebracht, aber Georg musste ein ganzes Stück laufen, und es schien ihm endlos weit, und seine Glieder schmerzten immer mehr. Er glaubte, er müsste sich die Lunge aus dem Leib husten, und dann krampfte sie sich zusammen und wurde taub wie ein zu Eis erstarrter Wasserfall. Als er den Schlitten erreicht hatte, wurde ihm schwarz vor Augen und er brach zusammen. Maximilian beugte sich über ihn und sagte "Verdammt, ich wusste, es wird ein Scheißgeburtstag." Georg erwachte in einem Zimmer des Elisabeth-Krankenhauses, das in der Sprache der Städter auch "Die Kojen" genannt wurde, wegen der Räume in einem Nebengebäude, wo Patienten mit schweren oder ansteckenden Krankheiten und die hoffnungslosen Fälle untergebracht waren. Mancher Seemann hatte hier schon höchst unbequeme und schmerzliche Wochen durchlitten, und mancher hatte zum Schluss die Fahrt im "Einbaum" angetreten, einem anderen mit drastischem Wort benannten Objekt, das natürlich nichts anderes war als die Holzkiste, in der die sterblichen Überreste beerdigt wurden. Das Zimmer, in dem Georg lag, war dagegen groß und nur teilweise belegt. Die Reihe der Betten stand an der Wand der Längsseite, und gegenüber waren furchteinflößende, hohe Fenster mit verblichenen, fleckigen Vorhängen, die seit Jahr und Tag nicht mehr zugezogen worden waren, und in deren langen, steifen, röhrenartigen Falten Spinnen, Motten und anderes Ungeziefer nistete. Es war Mitte Dezember, und es kam ein milchiges, blasses Tageslicht herein, und vom Bett aus konnte man draußen nur die krakeligen schwarzen Äste der Akazien und ihre zerfurchten Stämme sehen, die Georg noch nie gemocht hatte. Manchmal waren die Bäume morgens mit Schnee überzogen, und selbst auf den dünnsten Zweigen lag zwei Finger dick eine unberührte weiße Schicht. Aber der Wind blies es weg oder der Schnee taute tagsüber und fiel in Batzen hinab. Dann waren auch die Scheiben nass, und die Wassertropfen hingen daran wie eine ekelhafte, kränkliche Meute, die einzudringen versuchte. An dem Nachmittag, als Georg wieder aufwachte, saß ein Mann neben seinem Bett und sagte "Na endlich, Mensch, das wird auch Zeit, daß ich dich was fragen kann." Georgs Blick streifte den Mann und ihm fiel nur sein pockennarbiges Gesicht und das ungekämmte schwarze Haar auf, und er schaute einmal rundum ins Zimmer und schlief wieder ein. Aber bald darauf öffneten sich seine Augen abermals und er fühlte sich wacher als zuvor, und der Mann sagte "Bloß nicht wieder abhauen, warst lange genug weg. Also sag' mir jetzt wenigstens schon mal, wie du heißt." Georg bewegte die Lippen wie ein Verdurstender, der trinken will, und in seinem Kopf begann sich irgendetwas in Gang zu setzen, als würden schemenhafte Gestalten in einer geräumigen Wohnung herumlaufen und alle Schranktüren aufreißen und alle Schubladen herausziehen und Kisten und Kästen durchwühlen und überall wie wilde, ungebärdige Tiere toben, aber nicht den geringsten Schaden anrichten, sondern sich vielmehr vergewissern, daß alles noch an seinem Platze und in Ordnung sei. Und dann war alles ruhig, und es schien als würde gleich ein hoher Gast oder eine adlige Dame mit Schwung eintreten, aber es zog sich hin und die Stille wurde zäh und Georg hatte das Gefühl, sie durch ein Wort aufleben zu lassen und er sagte "Ich heiße Georg." Der Mann war sichtlich erfreut. "Georg. In Ordnung. Ich heiße Edmund", und er reichte ihm die Hand. Georg hob mühsam die seine ein Stück von der Bettdecke auf, hatte aber nicht viel mehr Kraft, und Edmund fasste sie an und sagte weiter "Ansonsten weiß ich ja schon fast alles von dir, nur deinen Namen, den hast du mir nicht verraten, du Schelm." "Was habe ich nicht verraten?" sagte Georg schwach und leise. "Wie du heißt. Mensch Georg, du hast manchmal eine Stunde und länger geredet, und ich hab' dir auch schon alles erzählt." "Du bist ..." "Ja, ich bin's, der Edmund." "Edmund, ja klar", sagte Georg und schloss die Augen. Dann sagte er "Der Schlitten ... wir sind auf der Elbe gefahren ... es war ... ich habe mich." "Ach, mach dir nichts draus, die haben dich da voll reinrauschen lassen, das machen die immer so mit den Fremden, die hier ankommen, die lassen sie erst mal 'n bisschen tanzen, auf dem Eis", setzte er hinzu und lachte , daß es im ganzen kahlen Zimmer widerhallte. "Ich habe Kopfschmerzen", sagte Georg, "und Durst." Er drehte den Kopf zur Seite und schaute auf das Tischchen neben dem Bett, auf dem ein paar Arzneiflaschen standen. "Ich gebe dir was davon", sagte Edmund, schüttete einige Tropfen auf einen Löffel und gab sie ihm. "So, und etwas Wasser zum Nachspülen, den Grog gibt's dann später." Georg verfolgte, wie die Flüssigkeit in seinen Magen hinab rann und hatte für einen Moment ein angenehm kribbelndes Gefühl. Es wurde zerrissen durch eine unangenehme schnarrende Frauenstimme, die rief "Herr Edmund, was machen Sie da, spielen Sie wieder den Doktor Eisenbart." "Nein, Schwester Renate, ich habe den Patienten nur ruhiggestellt." Schwester Renate postierte sich am Fußende des Bettes. Sie hatte einen Stapel frischer, gefalteter Bettlaken unterm Arm. Sie trug eine schwarze Ordenstracht, und von ihrem Körper waren nur die Hände und ein ovaler Gesichtsausschnitt zu sehen, in dem eine sehr große Nase auffiel, die geradezu störend wirkte und als ob Schwester Renate sie irgendwo hintragen und dort ablegen müsste. Sie schaute Georg aufmerksam an, und er schaute zurück und erwartete jeden Moment einen Marschbefehl von ihr. Edmund sagte "Er kommt langsam zu sich", und nickte zufrieden. "Lassen Sie ihn jetzt in Ruhe", sprach Schwester Renate, "wir werden sehen, wie er sich heute abend fühlt." Edmund erhob sich und verschwand in irgendeinem uneinsehbaren Winkel. Schwester Renate schaute noch eine Weile auf Georg und ein kleines aufmunterndes Lächeln zuckte um ihren Mund. Das beruhigte ihn vorerst und er sank zurück und starrte an die Zimmerdecke mit den trockenen Wasserflecken, bis ihn der Schlaf überkam. In der Nacht war es draußen stockfinster, und die Fenster hingen wie riesige schwarze und nie benutzte Schreibtafeln an der Wand. In einer Ecke brannte ein fahles Licht, und immer wenn Georg zwischendurch kurz wach war, hatte er ungeheure Angst, es könnte verlöschen und damit zugleich sein Leben zu Ende sein. An den folgenden Tagen konnte er immer mehr von dem Zimmer und der Situation, in der er sich befand, wahrnehmen. Die Betten zu seinen beiden Seiten waren frei, im übernächsten lag ein Mann, der, halb sitzend, viel in der Zeitung las aber wenig redete, nur manchmal vor sich hin summte. An der Stirnseite waren breite Vorhänge, die man verschieben konnte. Dahinter lagen, soviel hatte Georg mitbekommen, ein oder zwei Schwerkranke, was er aus dem erbarmungswürdigen Stöhnen schließen konnte, das meist morgens und abends zu hören war. Auch schien es dort eine Ausgangstür zu geben. Zwischendurch wurden Patienten auf einer Trage hereingebracht und vorübergehend hierher verlegt. Nach einiger Zeit wurden sie wieder abgeholt. Stundenlang geschah gar nichts, breitete sich Langeweile, ja Einsamkeit aus, und mitunter konnte man befürchten, das Zimmer mit seinen Insassen wäre ganz vergessen worden. Dieser Eindruck wurde im seltsamen Wechsel verstärkt und aufgehoben durch die bedächtige und unaufgeregte Arbeitsweise der Schwestern. Nachts musste Georg dringend auf den Abort und rappelte sich umständlich hoch, stieg aus dem Bett und tappte schlaftrunken aus dem Raum. Er gelangte in einen düsteren Korridor, probierte an einer Tür, die jedoch verschlossen war. Er hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte. Er stolperte in eine Kammer und dort über irgendwelche Gerätschaften, es roch nach Leinöl und Firnis. Er fiel auf die Knie und konnte sein Wasser nicht halten. Jemand griff ihm von hinten unter die Arme und hob ihn auf, es war Edmund, der ein Licht in der Hand hielt. "Was machst du hier?" fragte er eher verständnisvoll als erschrocken. "Ich musste mal, ich muss immer noch." "Stütz dich auf mich, komm' mit zurück zum Bett." "Aber ich muss mal pinkeln und auch ..." Er bekam einen furchtbaren Hustenanfall, der ihm Brust und Hals wie in einen glühenden Eisenring einspannte. "Ja ja, kannst du gleich machen, komm' nur mit." Edmund schaffte ihn wieder hinein. Er holte unter dem Bett einen großen Blechtopf mit breitem Rand hervor, zog Georg das Nachthemd bis unter die Achseln und setzte ihn hin. Georg erleichterte sich, und auch der Husten ließ nach. Dann sagte er "Ich wusste nichts von dem Topf." Edmund erwiderte "Mensch Georg, was glaubst du, wohin du das in den vergangenen Wochen immer gemacht hast." "Hier rein?" "Na freilich, ich habe dich oft genug nachts da drauf gesetzt." "Du hast mich ...?" "Nachdem du etliche Male das Bett vollgesaut hast." "Mein Gott. Und ich habe nichts mitgekriegt." "Du hast immer brav stillgesessen." Georg musste lachen, aber da schmerzte wieder die Brust. "Ich bin anscheinend ein schwerer Fall." "Geht so. Jetzt hast du's ja selber wieder im Griff." "Wo kommt das hin?" "Zeige ich dir morgen. Da in dem Schränkchen ist Papier, und dann schieb's erst mal wieder unters Bett, aber mach' den Deckel drauf." Georg befolgte alles und legte sich wieder hin. Am Morgen wurde ihm bewusst, daß er ein seltsames Nachthemd trug, und überhaupt fragte er sich, wo seine ganzen Habseligkeiten abgeblieben sind. Er wartete, bis Edmund kam und der klärte ihn darüber auf. "Und dieses Nachthemd? Das hatte ich ja wohl nicht bei mir." "Ne, das ist Eigentum der Hanse." "Oh ha", sagte Georg auf hanseatische Art. "Aber guck' mal, Edmund, es hat hier so komische Nähte und Gürtelschlaufen, als wäre es für eine Frau." "Da siehst du ganz richtig, das hat vorher die Ludmilla angehabt, die hat auch in deinem Bett gelegen." Georg nahm es schweigend zur Kenntnis und merkte, daß es mit dem Denken noch nicht sehr flott ging. Dann fragte er plötzlich "Diese Ludmilla, was ist ..." "Sie war schwerkrank, Tuberkulose, infauster Verlauf wie die Ärzte sagen." "Dann ist sie ..." "Ja, sie ist gestorben." "Ich habe also das Hemd von einer Toten an." "Ist das so ungewöhnlich an einem Ort wie diesem?" "Eigentlich nicht, aber ich glaube, ich muss mich erst dran gewöhnen." "Es ist gründlich gereinigt worden, wenn dich das beruhigt." "Hm." Er schaute auf sein Bett, da war sie drin gestorben. Nun, wenn er es nicht erfahren hätte, wäre alles genauso gewesen, es machte also keinen Unterschied. Als es draußen noch kälter wurde und der Frost klirrte und sich an den Fensterscheiben Eisblumen vom Rand her vorfraßen, wurde der Ofen täglich mit einer zusätzlichen Ladung Holz oder Kohlen geheizt, und eine Zeit lang konnte man zuhören, wie sie verbrannten. Zu essen gab es fast ausschließlich Brot und Suppe, die gar nicht schlecht zubereitet war, aber bald im Einerlei an Geschmack verlor und jeden Appetit im voraus verjagte. In unregelmäßigen Abständen kam der Doktor. Er untersuchte auch Georg, der sich im Bett aufrecht setzte und das Hemd über den Kopf zog. Der Doktor studierte zuerst die Mappe, die am Fußende hing und die nur zwei Blätter beinhaltete. Obwohl es ihm jederzeit möglich gewesen wäre, hatte Georg sie nie gelesen, es interessierte ihn nicht, oder es gab einen anderen Grund dafür, der ihn ebensowenig interessierte. Der Doktor jedoch las die Blätter jedesmal durch, und Georg dachte, es müsse wohl an der Menge seiner Patienten liegen, daß er sich den Bericht nicht merken konnte, der ja auch offenbar nicht umfangreicher wurde. Aber der Doktor las es aufmerksam, als stünde da eine ungelöste Rechenaufgabe, an der er jedesmal von neuem herumknobelt. Dann horchte er ihn mit dem Stethoskop ab, und Georg musste ein und ausatmen und zwischendurch die Luft anhalten. Er schaute tief in die Augen und in den Rachen und drückte am Hals herum, und Georg legte sich auf den Bauch und auf den Rücken, und der Doktor klopfte mit seinen hellen, trockenen und festen Fingern überall an seinen Oberkörper, und anfangs hatte Georg einmal gefragt "Na, ist jemand zu Hause?", aber der Doktor sah ihn wütend an und fauchte "Er denkt wohl, ich mache das zum Spaß?"
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