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Zehnte Szene


Mitten im heftigsten Wüstensturm. Man hört nur die Personen rufen, sieht sie aber nicht. Die Pausen zwischen den Rufen werden immer länger.

HEINRICH: Papa! Wo bist du?

GLEICHEN: Haltet euch dicht hinter mir!

HEINRICH: Wir können dich nicht sehen.

GLEICHEN: Was?

HEINRICH: Bleib' stehen, Papa.

GLEICHEN: Wir dürfen nicht stehenbleiben, dann treibt uns der Sturm zurück. Vorwärts!

HEINRICH: Papa! Bist du noch da?

GLEICHEN: Seid ihr noch da?

HEINRICH: Papa!

EGBERT: Graf Gleichen!

YASEMIN: Egbert!

EGBERT: Yasemin!

GLEICHEN: Heinrich!

YASEMIN: Egbert!

HEINRICH: Papa!



 
Elfte Szene


Graf Gleichen inmitten einer zwielichtigen Landschaft: halb üppiger Urwald, halb finstere Öde, teils dicht bewachsen, teils kahl, hier fruchtbar, dort abgestorben. In einiger Entfernung, aber schwer zu erreichen, so etwas wie eine steinerne Pforte, von blühenden Pflanzen umrankt. Dahinter sonnige Gegend mit Blumen, Springbrunnen, bunten Vögeln etc.

GLEICHEN: Wir haben uns verloren. Wo sollte ich sie suchen? Mir scheint, das dort ist die Pforte zu Amandas Reich. Ich werde jetzt nicht ohne Ritter Raimund umkehren. Großer Gott, wer sind die denn?

Es treten auf: die Drei Dämonen. Halb Tier, halb Menschengestalt, also mit Schwanz und manchmal auf allen Vieren schleichend, ebenso mit menschlicher Sprache und Gestik. Sie unterscheiden sich zudem voneinander, z.B. in ihrer Färbung u.ä. Im Verlauf der Szene und Unterhaltung springen, schleichen und scharwenzeln sie um den Grafen herum, biedern sich an, versuchen im nächsten Moment, ihn zu zwicken, sind hin und hergerissen zwischen Scheu, Furcht und Angriffslust. Kein Zweifel, dass sie ihr Opfer lieber hilflos ausgeliefert sehen würden, als einen, der hier seine Forderungen stellt.

ERSTER DÄMON lockt Graf Gleichen:

Hier entlang, mein Freund, der Weg ist richtig;
Was von Bedeutung war, das wird hier nichtig.

GLEICHEN: Da lang?

ZWEITER DÄMON lockt ebenfalls:

Folge nur mir, willst du nicht lange suchen;
Dann kann ich mir ein Opfer mehr verbuchen.

GLEICHEN: Der macht mir einen seltsamen Eindruck.

DRITTER DÄMON desgleichen:

Lass' dich von mir geleiten, wackerer Mann;
Normalerweise stehen hier die Leute an.

GLEICHEN: Das kann ich kaum glauben, mir scheint es recht einsam hier, und ehrlich gesagt, auch nicht des Besuches wert.

ERSTER: Warum bist du dann hier, Graf von Gleichen?

GLEICHEN: Ihr kennt meinen Namen? Nun ja, es ist wahr, ich bin nicht ohne Grund hier. für sich: Vielleicht gelingt es mir ja auf die diplomatische Tour.

ZWEITER:

Es locket oft der schlimmste Ort
Den Braven von zu Hause fort.

DRITTER:

Es reizt die Väter und die Söhne
Des verbot'nen Flötenrohres fremde Töne.

ERSTER:

Doch ach, es bringt um Unschuld und Verstand
Den Unvorsichtigen im fernen Land.

GLEICHEN: Davor bin ich gefeit, meine Herren. Ich bin weder unschuldig noch ist mein Verstand derartig groß, dass ich viel davon verlieren könnte. Aber unvorsichtig bin ich andererseits auch nicht, sonst hätte ich es wohl kaum bis hierher geschafft.

ERSTER:

So lange lässt der Teufel dir die Frist,
Wie er mit andern noch beschäftigt ist.

ZWEITER:

Kamst her du mit Gewalt und List,
Und weißt doch gar nicht, wo du bist.

DRITTER:

Ob du das Gastrecht hier vermisst?
Sei'st du auch Ritter, gar wohl Christ.

GLEICHEN: Nun, da macht euch mal nicht zu große Sorgen, ich bin nicht gekommen, um mit euch Kaffeekränzchen zu halten.

ZWEITER: Wie schade. Und wir dachten, du erzählst uns eine dieser schönen schaurigen Rittergeschichten, bevor wir dir den Garaus machen.

GLEICHEN: Ach, ihr wollt mich hierbehalten, verstehe ich das recht?

DRITTER: Hast du etwas dagegen einzuwenden?

GLEICHEN: Meinen Lebensabend wollte ich anderswo verbringen als in der Vorhölle.

ERSTER: Aber Graf! Wie kommst du darauf, dies sei die Vorhölle? Es gab schon etliche, die meinten, es wäre das Paradies.

GLEICHEN: Ja, vielleicht jene, die vormals aus dem Paradies geflüchtet sind.

ZWEITER: Geflüchtet? Wohl eher vertrieben wurden.

GLEICHEN: Nun, ich besorge, ich wäre auch nicht die richtige Gesellschaft für euch, und ihr noch viel weniger für mich.

DRITTER: Wir könnten aneinander gewöhnen.

GLEICHEN: Ein Ritter und drei Teufel. Wer sollte sich da an wen gewöhnen?

ZWEITER: Du bist aber hartnäckig.

ERSTER: Und ein Spielverderber.

GLEICHEN: Mitnichten, meine Herren, ich schlage euch ein Spiel vor, und wenn ich gewinne, lasst ihr mich ungehindert durch die Pforte ziehen?

DRITTER: Und wenn du verlierst?

GLEICHEN: Dann ...

Die Dämonen fangen sofort mit dem Abzählen an.

ERSTER:

Finger ohne Hand.
Prophet ohne Land.
Blatt ohne Baum.
Volk ohne Raum.

DRITTER:

Deckel ohne Topf.
Hut ohne Kopf.
Auge ohne Blick.
Tack ohne Tick.

ZWEITER:

Frisur ohne Haar.
Tag ohne Jahr.
Dach ohne Haus.

ALLE DREI:

Und du bist aus!

GLEICHEN: Ach, ihr wollt gar nicht spielen, wollt bloß euren Unfug mit mir treiben. Wie auch immer, mit euern Sprüchen könnt' ihr mich nicht länger hinhalten geschweige denn abschrecken. Lasst mich durch, ich will zu Amanda und Ritter Raimund befreien.

ERSTER:

Verdienst und Ruhm wollt' mancher schon erwerben,
Und musste doch kurz vor dem Ziel verderben.

GLEICHEN zückt sein Schwert: Schluss jetzt! Gebt den Weg frei oder ihr bekommt mein Schwert zu spüren!

Der dritte Dämon pustet aus seiner Hand dem Grafen was ins Auge, der sich daraufhin die Augen reibt und das Schwert fallen lässt.

DRITTER:

Und ist das Mittel auch perfekt,
Wird morgen doch ein neu's entdeckt.

Graf Gleichen hebt das Schwert wieder auf und hält es ihnen erneut entgegen. Der zweite Dämon greift furchtlos an die Klinge, worauf der Graf einen Schmerz in der Hand fühlt und abermals das Schwert fallen lässt.

ZWEITER:

Zur Waffe, die den Feind heut' überwunden,
Ist morgen schon die Gegenwehr erfunden.

Beim dritten Versuch tippt der erste Dämon die Schwertspitze nur an, und das Schwert schrumpft und hängt herab wie ein Damenstrumpf.

ERSTER:

Was heute noch die Bes-tie ausrottet,
Schon morgen seiner Wirkung spottet.

GLEICHEN ziemlich frustriert: Euer Erfindungsreichtum ist anscheinend und leider unschlagbar.

ALLE DREI untergehakt wie ein Varieteeballett:

Der Schöpfungsakt der Unterwelt
Ist das was uns am Leben hält.

So schaffen wir und raffen unter Tage;
Wir sind euch überlegen - keine Frage!

Und seid ihr ausgestorben irgendwann,
Dann siedeln wir uns oben an.

GLEICHEN: Na großartig. Wollt ihr vielleicht schon mal meinen Schlüsselbund haben? Er hält seinen Schlüsselbund hoch und wackelt damit. Die Dämonen glotzen wie gebannt darauf.

ERSTER:

Brüder! Dies witzige Instrument
Ist, was man Schlüssel nennt
Womit man öffnen kann die Türen,
die in Stuben, Säle, Grüfte führen.
Kurzum, der Eintritt zu dem Raum,
In dem erfüllt sich jeder Traum.

Sie nähern sich neugierig und lüstern dem Bund.

GLEICHEN: Ach, das interessiert euch wohl sehr? Bei mir zu Hause ist es mindestens ebenso gemütlich wie hier, und ihr bekommt garantiert was besseres zu futtern als zähe Gefangene. Also, der hier ist für die Wohnstube, im Sommer schön kühl, im Winter mollig warm, dank dem Kamin, in dem die Buchenscheite prasseln. Der ist für das Schlafzimmer, süßer Schlaf auf Federkissen und genug Platz für die Spiele, bei denen man lieber unbeobachtet sein will. Das ist der Schlüssel für die Küche. Der extra für die Vorratskammer, wo die Schweine in Wurstgestalt ihren Nachruhm feiern. Und das ist der Kellerschlüssel, schön dunkel und gruselig ist's da unten, wäre so richtig nach euerm Geschmack. Na, was ist? Er rasselt damit. Wollt' sie euch holen, meine Schlüsselchen, und schnappt danach mit euerm Rüsselchen.

Wenn die Dämonen nahe genug heran sind, hält ihnen der Graf das Amulett am Hals entgegen.

GLEICHEN siegessicher: Da habt ihr, Teufelsbrut!

DRITTER: Was ist das?

ZWEITER: Ein Spezialschlüssel?

ERSTER: Zur Folterkammer.

Das Amulett zeigt keine Wirkung.

GLEICHEN: Zum Kuckuck! Yasemins Amulett, war zwar gut gemeint, scheint aber nicht zu funktionieren.

Die Dämonen sind ganz nahe an den Grafen herangekommen. Da muss sich der erste kratzen, dann auch die anderen.

ERSTER: Uaaah! Vorsicht, Kameraden! Er hat Flöhe!

ZWEITER: Flöhe! Flöhe!

DRITTER: Rettet euch!

Sie springen davon, als gälte es das Leben zu retten.

GLEICHEN verdutzt: Weg sind sie. Jetzt schnell durch die Pforte. Die Pforte ist wie von allein nähergerückt. Man sieht in dem zauberischen Garten Amanda und Ritter Raimund beim Liebesspiel. Ah, da sehe ich schon das Idyll. Gott, wie tief kann ein Ritter sinken. Es nützt der beste Heilige Geist nichts, der einem beisteht, wenn man der Macht des Fleisches erliegt.


 

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