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Vierzehnte Szene
Graf Gleichen schleicht sich bei Sonnenuntergang an das Gefängnis heran. Das Gefängnis ist ein Käfig unter einem Holzpodest, auf dem ein frisch zusammengezimmerter Galgen steht, den man von unten nicht sehen kann. (Er ist so gebaut, dass es auch ein Kreuz ohne den einen Seitenarm sein könnte. Aber es hängt schon die Schlinge daran.) Im Käfig befindet sich nur Heinrich.
GLEICHEN: Heinrich! Leise, es darf uns keiner hören.
HEINRICH verängstigt: Papa! Bloß gut, dass du da bist.
GLEICHEN kniet an der Außenseite des Käfigs nieder und fasst Heinrichs Hand: Erzähle, was passiert ist. Und wo sind Egbert und Yasemin? Sie sind doch nicht etwa schon ...
HEINRICH: Ja, das sind sie.
GLEICHEN erschüttert: Gütiger Gott!
HEINRICH: Ich hoffe es jedenfalls.
GLEICHEN verwirrt: Du hoffst es?
Pause, in der traurige Musik anfängt.
HEINRICH singt:
Ach Vater, ich hab' eine böse Ahnung:
Dass was schiefging mit der Planung.
Endet nicht mein Kreuzzug doch
Hier in diesem Kerkerloch?
GLEICHEN macht ihm verzweifelt Mut:
Bleib' ruhig, mein Sohn, das ist normal.
Dieser Gewahrsam ist nur formal.
Man schützt dich vor dem bösen Feind.
Die Ketten sind nicht ernst gemeint.
HEINRICH:
Doch gestern habe ich vernommen,
Dass ich die Strafe soll bekommen,
Und man mich hängt als Desertist,
Obwohl ich nicht weiß was das ist.
GLEICHEN:
Mein Sohn, da meinte man die andern,
Die müssen an den Galgen wandern.
Doch dir gibt man die Freiheit bald,
Dann endet hier dein Aufenthalt.
HEINRICH geistig schon ziemlich abwesend:
Und werden wir dann heimwärts ziehen?
Zu Hause jetzt die Kirschen blühen.
Ich sehn' mich so nach der Mama
Und fühle doch den Tod so nah.
Graf Gleichen rüttelt den Sohn wach, der daraufhin mit Mattigkeit aber klar erzählt.
HEINRICH: Wir hatten uns verlaufen in dem Sandsturm, aber wir waren wenigstens zusammengeblieben. Wir sind zurück ins Lager, der Pfalzgraf hatte die Festung angegriffen.
GLEICHEN: Er wollte damit warten, bis ich mit Raimund wieder da bin.
HEINRICH: Ich glaube, er wollte vor dem Kaiser damit angeben, dass er allein die Festung erobert hätte.
GLEICHEN: Aber das ist fehlgeschlagen.
HEINRICH: Ja, die Araber haben die unsrigen abgewehrt und dann haben sie selber unser Lager erobert. Als wir ankamen, war es eigentlich schon vorbei. Er rappelt sich auf. Papa, du holst mich doch hier raus, nicht wahr?
GLEICHEN: Natürlich, mein Junge.
HEINRICH: Da kam so ein Araber angeritten, der war schon verletzt, aber der hatte mächtige Wut. Und der Egbert stand so ungünstig da, und im Vorbeireiten hat ihm der Araber eins auf die Birne gegeben. stolz: Du, Papa, ich hab' den Araber mit 'ner Lanze erwischt, dafür muss mich der Pfalzgraf zum Ritter schlagen.
GLEICHEN: Das wird er tun.
HEINRICH: Wo ist der Pfalzgraf?
GLEICHEN: Er ... er sammelt die Truppe. Was ist mit dem Egbert?
HEINRICH: Der ist ohnmächtig geworden, und dann ist er nicht wieder aufgewacht.
GLEICHEN: Er ist wirklich tot?
HEINRICH: Nee, Yasemin hat sich um ihn gekümmert, ich hatte ja gegen die Araber zu tun.
GLEICHEN: Natürlich, du bist ein tapferer Ritter.
HEINRICH: Yasemin hat gesagt, er wäre nicht schlimm verletzt, aber eben bewusstlos, er wäre im Aura oder so.
GLEICHEN: Im Koma.
HEINRICH: Ja, er liegt im Koma.
GLEICHEN: Was habt ihr dann gemacht?
HEINRICH: Du hattest doch erzählt von den Schiffen, die von Akkon abfahren, da wollten wir Egbert hinschaffen.
GLEICHEN: Das war eine hervorragende Idee.
HEINRICH: Ja, ich muss zugeben, ich wollte eigentlich, dass sie warten, bis ich vom Pfalzgrafen den Ritterschlag erhalte, aber Egbert hätte es wahrscheinlich sowieso nicht mitgekriegt.
GLEICHEN: Nicht wenn er im Koma liegt.
HEINRICH: Wir haben uns ein Kamel geschnappt, wo wir Egbert draufgebunden haben, und damit wollte Yasemin ihn nach Akkon bringen.
GLEICHEN: Ganz allein?
HEINRICH: Ja. Aber genau in dem Augenblick tauchte die Schwarze Garde auf. Sie dachten, wir wollen uns aus dem Staub machen. Und als sie Yasemin gesehen haben, da sind sie völlig durchgedreht und wollten uns gefangennehmen. Ich habe sie abgelenkt, damit Yasemin mit Egbert fortkommt.
GLEICHEN: Oh mein Junge, du hast dich wie ein Held verhalten, ich bin stolz auf dich.
HEINRICH: Du, Papa, was haben die da oben gebaut? Die haben den ganzen Abend gehämmert.
GLEICHEN sieht nach dem Galgen hin: Das ist ... ein Kreuz.
HEINRICH: Ein Kreuz? Wofür?
GLEICHEN: Das ist wegen ... wenn du zum Ritter geschlagen wirst, das geschieht im Zeichen des Kreuzes.
HEINRICH: Ist es schon fertig?
GLEICHEN: Na, es fehlt noch ein Querbalken.
HEINRICH: Aber wenn der Pfalzgraf nicht da ist.
GLEICHEN: Der kommt, er hat es gesagt.
HEINRICH: Yasemin hat es auch gesagt.
GLEICHEN: Was?
HEINRICH: Dass sie zurückkommt, wenn sie den Egbert aufs Schiff gebracht hat. Papa, was is'n, heulst du?
GLEICHEN schluchzt: Ach Heinrich, alle handeln so edel, und ich ...
HEINRICH: Na, die Schwarze Garde ist sehr gemein.
GLEICHEN: Haben sie dich geschlagen?
HEINRICH: Hab's ausgehalten. Worauf wartest du eigentlich noch? Mit dem Rausholen?
GLEICHEN untersucht das große Vorhängeschloss: Ja, natürlich, ich muss nur ... den Schlüssel.
HEINRICH: Vielleicht passt einer von deinen, du hast doch so viele am Schlüsselbund.
GLEICHEN fummelt an dem Schlüsselbund herum: Hm, mal probieren.
HEINRICH: Ach Scheiße, es ist ganz sicher der letzte.
GLEICHEN mit bitterem Humor: Dann fangen wir eben mit dem letzten an.
Drei von der Schwarzen Garde treten auf. Sie tragen schwarze Uniformen und Helme; es kann sein, dass sie an Trexel, Fasch und Hosenknöpper erinnern.
HEINRICH: Oh, Papa! Pass auf!
GLEICHEN: Was?
HEINRICH: Die Schwarze Garde!
ERSTER DER GARDE: He, Alter! Was machst du da?
ZWEITER DER GARDE: Er versucht, das Schloss zu knacken.
Zwei von ihnen reißen den Grafen vom Käfig weg und halten ihn fest.
ERSTER: Schlag' ihm den Kopf ab.
Einer drückt den Grafen auf die Knie, der andere holt mit dem Schwert aus.
HEINRICH: Nein, wartet! Er ist mein Vater.
ERSTER: Dein Vater?
ZWEITER: Ist das wahr? Du bist der Vater von dieser feigen kleinen Ratte?
GLEICHEN von unten herauf: Er ist nicht mehr so klein.
RITTER DER GARDE: Ich habe eine Idee. Der Alte wird Zuschauer sein bei der Vorstellung, die jetzt gegeben wird.
ERSTER: Das wird wirklich lustig.
ZWEITER: Und dann kann er den Dreck wegräumen.
HEINRICH klammert sich an die Gitterstäbe: Papa, was meinen die?
GLEICHEN: Gar nichts, nur ein Scherz, Junge.
ERSTER: Los, raus mit der jungen Sau. zum Grafen: Und du kannst mitansehen, wie er am Strick zappelt.
Sie holen Heinrich aus dem Käfig, er schaut verwundert auf das Podest.
HEINRICH: Das ist gar kein Kreuz, Papa!
ZWEITER stößt Heinrich nach oben und auf den Schemel, der unter der Schlinge steht: Los, steig da drauf.
GLEICHEN: Der Pfalzgraf kommt gleich, Junge, nur einen Moment noch, er wird dich zum Ritter schlagen.
HEINRICH: Ich will nicht.
ZWEITER legt ihm die Schlinge um den Hals und zieht sie fest: Hättest dir wenigstens vorher mal den Hals waschen können.
ERSTER: Zieh' ihn hoch!
Der Henker zieht am Strick und den Heinrich in die Höhe, der strampelt mit den Beinen. Da kommt von der Seite jemand mit langem Umhang und Kapuze bekleidet und schießt mit der Armbrust auf den Henker, den der Bolzen in die Brust trifft. Er lässt den Strick los, Heinrich fällt nach unten und befreit sich von der Schlinge. Gleichzeitig wirft der geheimnisvolle Schütze dem Grafen ein blankes Schwert zu. Der nutzt die Überraschung aus und erledigt den anderen Gardisten. Den dritten strecken die beiden im kurzen Kampf nieder. Der Retter schlägt die Kapuze zurück: es ist Yasemin.
HEINRICH: Yasemin! Ich habe gewusst, dass du kommst.
GLEICHEN umarmt sie heftig: Danke, mein liebes Mädchen, tausend Dank!
HEINRICH: Was ist mit Egbert?
YASEMIN wie ein Offizier: Er müsste jetzt schon längst in Italien sein. Ich habe ihn den Johannitern übergeben, die ihn in einem Hospital in Messina unterbringen.
HEINRICH: Papa! Wir müssen schnellstens dorthin, und dann ziehen wir alle zusammen nach Thüringen.
YASEMIN: Ein Schiff liegt bereit, Graf Gleichen.
GLEICHEN: Na dann, nichts wie weg hier.
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