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Siebente Szene
In der Oase mit Dattelhain; alles sehr grün und üppig, einige Dattelpalmen. Egbert und Yasemin sitzen auf einem Stein. Yasemins Kostüm hat Ähnlichkeit mit dem der Tänzerinnen.
EGBERT: Wie alt bist du eigentlich? Er versucht mit Gebärden zu verdeutlichen. Wie alt?
YASEMIN sehr selbstbewusst und ein wenig amüsiert: Fah'sad al que wer?
EGBERT: Ja. Ich bin nämlich schon erwachsen. Ich kann mich mit kleinen Mädchen nicht mehr abgeben.
YASEMIN: Er-wach-sen Me-chen.
EGBERT: Ja. Er deutet auf sich und dann auf Yasemin. Ich bin ein Ritter, ich heiße Egbert von Ingersleben. Wie heißt du?
YASEMIN: Ing-ers-lä-ben. Sie findet die Worte komisch.
EGBERT: So heiße ich. Wie ist dein Name? Du. Name?
YASEMIN: Ah. Yasemin.
EGBERT: Yasemin, was für ein hübscher Name. Egbert und Yasemin, das klingt gut.
YASEMIN: Klingutt. sehr schnell und für Egbert unverständlich: Netrach sor farul am t'schakrat sebira. Murfa estül schala-achara mamita, hapt sem gd'ullatsi torat?
EGBERT: Das finde ich auch. Yasemin, dieser Name passt zu dir.
YASEMIN wiederholt: Hapt sem gd'ullatsi torat? Wo aus du? No. Wo cher du?
EGBERT: Woher ich komme? Aus Europa, aus Deutschland.
YASEMIN: Eusch-la.
EGBERT: Deutschland.
YASEMIN: Teusch-la.
EGBERT: Deutschland.
YASEMIN: Dscheu-lam.
EGBERT: Thüringen.
YASEMIN: Ah. Bratt-wuust.
EGBERT: Thüringer Bratwurst, genau. Das ist ja verrückt.
YASEMIN: Ich Yasemin, du Brattwuust.
EGBERT: Nein, nein, ich bin keine Bratwurst, ich bin ein Ritter.
YASEMIN: Du Ritter Brattwuust, kämpfen in Dscheulam gägen Türreng.
EGBERT: Ja ja, ich kämpfe mit dem Schwert, das stimmt, aber ich heiße Egbert, Eg-bert.
YASEMIN: Ich kenne andere Ritter aus Dscheulam.
EGBERT: So? Wen denn? Wen kennst du?
YASEMIN mit tiefer Stimme: Bar-bar-rossa.
EGBERT: Kaiser Barbarossa? Den kennst du? Den kenne ich ja nicht mal.
YASEMIN: Kennst du nicht?
EGBERT: Ich meine, ja, doch, ich weiß natürlich, wer er ist, aber ich kenne ihn nicht persönlich.
YASEMIN: Großer Mann. Langer Bart, sehr stark.
EGBERT: Der ist nicht ohne, das ist wahr. Und Barbarossa war hier?
YASEMIN: Kon tschala? Was ist?
EGBERT: Kaiser Barbarossa war hier bei euch?
YASEMIN deutet an: Langes Haar. Langer Bart. Lange Nase. Langes Schwert.
EGBERT: Wann war er hier?
YASEMIN: Lange. Ist marschiert durch Wüste. Langer Marsch.
EGBERT: Hast du getanzt?
YASEMIN: Kon tschala?
EGBERT: Habt ihr auch getanzt, als er da war? Tanzt du viel?
YASEMIN: Tanzen ist Leben mein.
EGBERT: Bei mir ist es der Krieg. Na ja, zur Zeit. Was ist?
Yasemin animiert Egbert zum Tanzen.
YASEMIN: Komm du tanzen.
EGBERT: Nein, nein, ich kann nicht tanzen, ich bin ... ich habe schon die Tanzstunden nicht zu Ende gemacht, weil niemand mit mir ...
YASEMIN lässt nicht locker: Komm tanzen.
EGBERT macht einige täppische Schritte: Yasemin, das wird nichts. Siehst du, jetzt musst du schon lachen, und ich habe noch gar nicht angefangen.
YASEMIN: So ist gut. No, so den Fuß. Au.
EGBERT: Oh Gott, hab' ich dir wehgetan? Das wird ganz und gar nichts.
YASEMIN: Gib mir Hand. So herum.
EGBERT: Jetzt lachst du mich aus.
YASEMIN singt und tanzt:
Colum-bel fach-sarha
Elam elam dscha
A - lai, a - lai
Zi - si, zi - si
Ses-hame d'hocht
Elam horum dscha
A - lai, a - lai
Zi - si, zi - si
EGBERT: Ein schönes Lied. Sing' es bitte noch mal. Sing' es noch mal.
YASEMIN singt:
Ses-hame d'hocht
Elam horum dscha
A - lai, a - lai
Zi - si, zi - si
EGBERT: Was heißt das? Wovon handelt dieses Lied? Ist das ein Vogel?
YASEMIN: Ein Vogel.
EGBERT: Was für ein Vogel? Eine Nachtigall?
YASEMIN: Nachtigall? No. Kleiner Vogel.
EGBERT: Eine Taube. Nein, die ist ja noch größer.
YASEMIN: Wie heißt kleiner Vogel? Mit Krone, sitzt auf ...
EGBERT: Auf einem Thron?
YASEMIN: Nein, nicht Thron. So, wie Ziegen wohnen.
EGBERT: Im Ziegenstall?
YASEMIN: Nicht Stall, aber offen.
EGBERT: Offen. Ah, mit Zaun drumherum, ein Zaun. Es ist ein Zaunkönig.
YASEMIN: Wie heißt er?
EGBERT: Zaunkönig. Was macht er? Spricht er etwas? Singt er was?
YASEMIN: Er singt von Liebe. Er ist glückig.
EGBERT: Glücklich.
YASEMIN: Und auch gegenglückig.
EGBERT: Unglücklich? Wieso?
YASEMIN: Er hat schönes Mädchen kennengelernt und ist in viel Liebe.
EGBERT: Deshalb ist er glücklich.
YASEMIN: Aber das Mädchen ist nicht frei.
EGBERT: Es ist eine Sklavin?
YASEMIN: Nein, aber sie hat schon ein anderen versprochen ihre Liebe.
EGBERT: Ach, deshalb ist er unglücklich.
YASEMIN: Ja.
EGBERT: Armer Vogel.
YASEMIN: Armer Vogel? Nein, nicht arm, er ist ein König, er ist reich. Aber er ist in Liebe.
EGBERT: Wir sagen arm, wenn jemandem etwas fehlt.
YASEMIN: Ah, s'mach allhem alpukko; er ist reich und hat Liebe, aber er hat nicht das Mädchen.
EGBERT: Und deshalb ist er arm, obwohl er reich ist.
YASEMIN: Suih pannat, du bist kluger Ritter Bratwurst, du kannst Zaunkönig verstehen.
EGBERT: Was ist mit dir, Yasemin? Hast du schon jemandem die Liebe versprochen?
YASEMIN: Möchtest du auch von Datteln essen?
Sie geht zu der Palme und pflückt einige Datteln.
EGBERT: Ähm, ja, nein, ja. Hast du ...
Von der Dattelpalme biegt sich ein Zweig herab, an dem Heinrich zu Boden fällt. Yasemin und Egbert sind erschrocken.
EGBERT: Verdammt, Heini, was machst du hier?
HEINRICH: Bin bloß ein bisschen rumgeklettert.
EGBERT: Ausgerechnet hier, wo ich mit Yasemin bin?
HEINRICH: Ich bin zuerst hier rumgeklettert, dann seid ihr gekommen.
EGBERT: Du warst die ganze Zeit da oben im Baum und hast uns beobachtet?
HEINRICH: Na und, ist doch nichts weiter passiert.
YASEMIN: Wer ist der?
HEINRICH: Ich bin Heinrich, Egberts bester Freund. Er greift in Yasemins Hand mit den Datteln. Ich nehme gern von den Datteln, Danke.
YASEMIN: Dein Freund?
EGBERT: Nein. Ja. Aber wir sagen Freund zu Kameraden.
YASEMIN: Kommst du auch aus Deuschlam?
HEINRICH: Ja. Ich wohne bei Egbert gleich um die Ecke?
YASEMIN: Um die Ecke? Wieviel Ecken hat Deuschlam? Wie ein Würfel?
HEINRICH zu Egbert: Tut sie nur so?
EGBERT: Was soll das heißen? Yasemin ist ein ganz nettes Mädchen; und sie ist auch schon alt genug. Sie ist nämlich schon siebzehn.
YASEMIN: Siebzehn Ecken? Donnerwetter!
EGBERT: Donnerwetter? Woher hast du das denn?
YASEMIN: Von Barbarossa. Hat immer gesagt: Donnerwetter!
EGBERT: Das sieht ihm ähnlich.
HEINRICH: Du tust ja so, als wüsstest du, wie Barbarossa redet.
EGBERT: Weiß ich auch.
HEINRICH: Ach was. Das sagst du jetzt nur, um vor Yasemin anzugeben.
EGBERT: Ich brauche nicht vor ihr anzugeben, ich habe genug natürliche Ausstrahlung, und ich bin älter als du.
HEINRICH: Aber mit deiner Tanzerei ist es nicht weit her.
EGBERT: Und du kannst dich nicht mal richtig verstecken.
HEINRICH: Ich muss ja auch auf dich aufpassen.
EGBERT: Ha, wer sagt denn so was?
HEINRICH: Der Pfalzgraf selbst hat es gesagt.
EGBERT: Der Pfalzgraf? Der kann mich mal.
YASEMIN: Streitet ihr euch jetzt? Um mich?
EGBERT: Am besten, du kletterst wieder auf den Baum.
YASEMIN: Heinrich?
HEINRICH: Ja.
YASEMIN: Erzähle mir von Deuschlam. Wie ist es dort?
HEINRICH: Ähm.
EGBERT: Nun sag' doch was, erzähl' Yasemin, wie es ist.
HEINRICH: Äh, ja, es gibt in Deutschland viel ... Schnee.
EGBERT: Schnee?
HEINRICH: Natürlich! Willst du das bestreiten?
EGBERT: Aber nur im Winter. Na ja, da liegt ziemlich viel Schnee rum.
YASEMIN: In Deuschlam im Winter liegt Schnee. In welcher Ecke von Deuschlam liegt Winter?
HEINRICH: Nee, das ist keine Stadt oder so etwas; Winter ist eine Jahreszeit, wie Weihnachten.
EGBERT: Ja, als bei euch in Nazareth Jesus geboren wurde, da war Weihnachten.
YASEMIN: Da hatten wir Schnee?
HEINRICH: Wir hatten Schnee. Und Christstollen.
EGBERT: Jetzt spring' nicht von einem zum nächsten. Erkläre vielleicht erst mal, was Schnee überhaupt ist.
HEINRICH: Du weißt nicht, was Schnee ist, Egbert?
EGBERT: Freilich weiß ich es, aber du sollst es Yasemin erklären.
YASEMIN: Weißt du's ?
EGBERT: Und wahrscheinlich kannst du's nicht.
HEINRICH: Erklären was Schnee ist? Also pass auf: Schnee fällt vom Himmel, aus den Wolken, es sind weiße Flocken, ungefähr so groß wie Geldstücke.
EGBERT kommentiert: Sie haben immer sechs Ecken.
YASEMIN: Unsere Geldstücke sind rund.
HEINRICH: Die Schneeflocken fallen auf die Erde und bleiben liegen, und es fallen immer mehr drauf, und wenn es einen Tag und eine Nacht lang geschneit hat, dann kommt eine Menge Schnee zusammen, und man sagt, es hat geschneit, und draußen liegt eine Schneedecke über allem, was vorher da war, über den Steinen, über den Bäumen, auf den Dächern der Häuser. Und dann kommt das beste: man kann einen Schneemann bauen.
YASEMIN: Einen Schneemann?
HEINRICH: Ja. Einen Mann aus Schnee. Man rollt zwei große Kugeln und setzt sie übereinander. Dann kommt oben ein Kopf drauf, zwei Arme an die Seite, alles aus Schnee versteht sich. Dann kriegt er 'nen Hut auf und einen Besen in den Arm, und im Gesicht zwei Augen aus Steinen und eine Mohrrübe als lange Nase.
EGBERT: Wie Barbarossa.
YASEMIN: Und woran sieht man, dass es ein Mann ist?
HEINRICH: Na, er heißt so: Schneemann. Du kannst auch eine Frau bauen, aus Schnee kann man eigentlich alles formen, auch so ... weißt du noch, Egbert, als wir die Schneefrau gebaut haben, hinten im Wäldchen am Schildrain? Wo du die zwei fetten Kugeln ... die war gut gelungen, die hatte sogar eine richtige ...
EGBERT fällt ihm ins Wort: Ja ja, man kann auch Hasen aus Schnee bauen, oder ein ganzes Haus.
YASEMIN: Wie viele Schneemänner gibt es in Deuschlam?
EGBERT: Wie viele? Du meinst ... nein, nein, die bleiben nicht stehen.
YASEMIN: Bleiben nicht stehen? Fallen die um?
HEINRICH: Das ist so: Schnee ist eigentlich Eis, also gefrorenes Wasser. Und wenn der Winter vorbei ist und der Frühling kommt und es warm wird, dann schmilzt der Schnee, und dann schmilzt auch der Schneemann. Er schrumpft und wird immer kleiner und fällt in sich zusammen, und am Ende ist nur noch ein kleines Häufchen Schnee da, und nichts erinnert mehr an ihn.
YASEMIN: Aber der Hut und der Besen und die ... die ...
HEINRICH: Die Mohrrübe? Das stimmt, das liegt dann alles noch eine Weile rum.
EGBERT: Was ist Yasemin? Weinst du?
YASEMIN: Das ist so traurig, wenn Schneemann sterben.
EGBERT: Aber das ist nur der Schneeleib des Schneemannes, der vergeht. Seine Seele bleibt erhalten, sie ist ja aus Wasser, und Wasser vergeht bekanntlich nicht. Sie steigt zum Himmel empor, und im nächsten Winter fällt sie mit den Schneeflocken wieder auf die Erde.
YASEMIN: Ist das wahr?
EGBERT: Natürlich. Ich habe sogar selbst einen Schneemann gebaut, der im vorigen Winter schon mal da war. Das war sozusagen eine echte Wiedergeburt von diesem Schneemann.
YASEMIN: Wie hast du ihn erkannt?
HEINRICH: Ja, wie hast du ihn erkannt?
EGBERT: Wie? Ähm, am Hut, es war derselbe wie letztes Jahr.
YASEMIN verträumt: Ich würde so gern auch einen Schneemann bauen.
HEINRICH: Tja, hier kannst du wahrscheinlich nur einen Sandmann bauen.
EGBERT aufgeregt: Wirklich? Würdest du das gern tun? Du kannst mit mir nach Deutschland gehen, und wir könnten einen bauen.
YASEMIN: Du würdest mich mitnehmen nach Deuschlam?
EGBERT: Sofort.
YASEMIN: Und du zeigst mir, wie man einen baut?
EGBERT: Wenn Winter ist, ja. Und vorher zeige ich dir tausend andere schöne Sachen.
YASEMIN: Donnerwetter.
EGBERT: Was?
YASEMIN: Das ist unglaublich. Ich, Yasemin aus El Halasch, würde nach Deuschlam gehen. Aber ... wie kann ich dort ... bestimmt seid ihr ganz anders als wir.
EGBERT: Aber sieh mich doch an, bin ich anders? Wir sind ganz genauso wie ihr. Wir gehen auf zwei Beinen, wir reden, lachen, essen und schlafen im Liegen. Wir feiern Feste, und wenn wir Schnupfen haben, tropft die Nase.
YASEMIN: Und das Essen? Ihr habt andere Speisen.
HEINRICH: Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, meine Mama kann dir das Kochen beibringen.
EGBERT: Ja, Heinrichs Mama ist die beste Köchin weit und breit. Und ich bringe dir bei, wie man auf einem Pferd reitet.
YASEMIN: Das kann ich schon, das hat mir der Barbarossa gezeigt.
EGBERT: Dann zeige ich dir wie man Fische angelt.
YASEMIN: Ach, das wäre schön.
HEINRICH: Wisst ihr was: wir machen einen Plan, wie wir schnellstens gemeinsam nach Deutschland zurückkommen.
EGBERT: Gute Idee, lasst uns gleich beginnen.
HEINRICH: Also, was brauchen wir?
Die Szene geht über in die Achte Szene.
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