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Erste Szene
Wohnstube auf der Burg des Grafen von Gleichen. Einfach, aber gemütlich eingerichtet, an einigen Stellen verschlissen und notdürftig ausgebessert. Das Inventar wie auf einer Ritterburg im Mittelalter. Das Fenster (mit steinerner Rundbogenfassung und schmaler Mittelsäule mit kleinem verzierten Kapitell, das von Zeiten des Adels und Wohlstands zeugt) gibt den Blick frei über schöne, hügelige Landschaft; man sieht, dass sich die Stube im Turm befindet. Nach beiden Seiten führt es aus dem Raum, außerdem gibt es eine Tür zur Kammer. Hugo Graf von Gleichen sitzt in seiner nicht mehr neuen, doch bequemen und gern getragenen Alltagskleidung am Tisch. Isolde, seine Frau, mit Schürze, hantiert mit Haushaltsgerät.
GLEICHEN: War das wieder der Wolf, der heute Nacht geheult hat?
ISOLDE: Ich habe nichts gehört. Wo soll er denn geheult haben?
GLEICHEN: Wo? Na draußen vor der Burg, Richtung Schafstrift; er hat so etwas Drohendes in der Stimme, so als würde er sagen: Warte nur, Hugo Graf von Gleichen, bald ereilt dich das Schicksal.
ISOLDE spricht es scherzhaft betont nach: Bald ereilt dich das Schicksal.
GLEICHEN: Jetzt sagst du es auch schon.
ISOLDE: Glaubst du, ein Wolf vermag solche Worte zu heulen? Vielleicht bildest du dir das ein, und es ist in Wahrheit der Wolf, der in dir drin steckt.
GLEICHEN: In mir sollte ein Wolf stecken? Das sagst du zu mir, Isolde, die du seit zwanzig Jahren mit mir verheiratet bist. Habe ich jemals irgendetwas von einer Wolfsnatur erkennen lassen?
ISOLDE: Nein, das nicht, obwohl du ein Ritter bist.
GLEICHEN: Und kein schlechter. Von kaum einem anderen sind so viele Geschichten im Umlauf wie von mir, höchstens der Mühlberger übertrifft mich.
ISOLDE: Die meisten dieser Geschichten handeln von euch beiden.
GLEICHEN: Du willst sagen, wenn ich mich ein bisschen anstrenge, könnte ich den Mühlberger noch überholen?
ISOLDE: Was sollte dir daran liegen?
GLEICHEN: Nun ja, vielleicht würde ich dadurch in deinen Augen gewinnen, Isolde.
ISOLDE: Gegen den Mühlberger?
GLEICHEN: Tu nicht so, als wäre dir der Mühlberger nur ganz gleichgültig gewesen. Hättest du mich nicht geheiratet, dann womöglich ihn.
ISOLDE: Womöglich ja, aber Hugo, das ist zwanzig Jahre her. In dieser Zeit ändert man sich.
GLEICHEN: Du meinst, man wird älter und das Feuer der Leidenschaft erlischt.
ISOLDE: Ich meine, man ändert seine Vorlieben. War es damals der Mühlberger, so ist ... er es jetzt nicht mehr.
GLEICHEN: Eben, so vergeht die Zeit, und man verliert, was man einmal besessen. Dem Ritter ist die Jugend teuer, denn das Alter ist nicht geheuer. Wenn ich über mich selbst ... Was soll das heißen, jetzt ist es der Mühlberger nicht mehr? Wer ist es dann?
ISOLDE: Ach, Hugo, darüber redet man nicht.
GLEICHEN: Aber mir kannst du es sagen, ich bin dein Mann. Ah, ich verstehe, du meinst, eben deshalb. Aber ich kriege es auch so heraus. Wahrscheinlich ist's des Mühlbergers Neffe, der Ingersleben, der Egbert, von dem sowieso alle Frauen zwischen Saale und Werra schwärmen. Ist es der? Es klopft. Herein! Baltzer, Knecht, Gehilfe und Vertrauter des Grafen in einem tritt ein. Baltzer, was gibt's?
BALTZER: Herr Graf, der Bauer von Lohstädt ist da und bringt die Fuhre Rüben.
GLEICHEN: Schüttet sie in den Keller an der Steintreppe.
BALTZER: Da liegen noch welche vom Vorjahr, es wäre vielleicht nicht gut, wenn wir die neuen drauf schütten.
GLEICHEN: Da ist noch was von den alten übrig?
ISOLDE: Na freilich, weil wir gut gehaushaltet haben, trotz des strengen Winters.
GLEICHEN: Isolde, du und deine Mägde, ihr seid nicht mit Gut und Geld zu bezahlen.
ISOLDE: Das denkst du dir so, Hugo von Gleichen. Auf der Stelle gibst du mir drei Taler für den Jahrmarkt und die zwanzig Kreuzer, die du dir von mir geborgt hast.
GLEICHEN: Oh warte, die kannst du gleich haben. Er kramt in seiner Hosentasche. Ich hatte ... wo sind sie hin ...
BALTZER: Die haben Herr Graf gestern im Roten Ochsen gelassen.
ISOLDE: Im Wirtshaus?
GLEICHEN: Weshalb?
BALTZER: Für die zwölf Runden Bier, die Ihr spendiert habt.
ISOLDE: Du hast die Leute wieder mal ausgehalten?
GLEICHEN: Ja, ich musste sie aushalten. Und man kann sie nur aushalten, wenn man sie aushält.
ISOLDE: Hör auf dumm zu quatschen.
BALTZER schnell: Also wohin nun mit den Rüben?
GLEICHEN: Sehr richtig, das war die Frage. Schüttet sie erst mal vor den Keller, dann holen wir die alten raus und ... dann ist wieder ein neuer Tag und uns wird schon was einfallen.
BALTZER: Da sind auch die Leute aus Güntersleben.
GLEICHEN: Was wollen die schon wieder? Eine neue Glocke gießen? Jetzt haben sie schon drei, nicht zu ertragen dieses Gebimmel jeden Sonntag in der Früh.
BALTZER: Sie wollen das Wildschwein abholen, das Ihr ihnen versprochen habt für das Dorffest. Und Holzkohle könnten sie auch gebrauchen, sagen sie.
GLEICHEN: So, sagen sie. Holzkohle haben wir nicht. Das Schwein sollen sie sich beim Rassbacher abholen, da hab' ich's liegenlassen.
ISOLDE: Du hast ein Wildschwein erlegt?
GLEICHEN: Na ja, ich. Was wundert dich daran?
ISOLDE: Wann?
GLEICHEN: Gestern Nacht.
ISOLDE: Ich denke, der Wolf hat geheult.
GLEICHEN: Eben. Der hat mich geweckt und nicht schlafen lassen. Außerdem war Vollmond, da bin ich noch mal raus und ...
ISOLDE: In den Roten Ochsen.
GLEICHEN: Ja, dahin auch. Auf dem Weg vom Roten Ochsen ist mir dann dieses Wildschwein übern Weg gelaufen, und da dachte ich bei mir: die Günterslebener, die wollten doch ein Schwein haben, das können sie kriegen.
BALTZER schelmisch: Womit haben Herr Graf das Schwein erlegt? Als Ihr im Roten Ochsen wart, hattet Ihr nichts bei euch.
ISOLDE: Außer meinem Geld.
GLEICHEN: Ähm, tja, ich hatte Jägerglück, Jägerglück und Ritterglück dazu. Ich war ein bisschen erschrocken, als das riesige Wildschwein im Wald vor mir auftauchte, und ich dachte zuerst, der Leibhaftige wäre es in Gestalt dieses Wolfes. Also wandte ich mich um und wollte davonlaufen. Doch anstatt mich zu verfolgen, wie ich es befürchtet hatte, hörte ich das Tier seinerseits flüchten. Also wandte ich mich abermals um und verfolgte es jetzt meinerseits. Dabei brüllte ich laut, dass es durch den Wald schallte.
BALTZER: Das haben wir unten im Roten Ochsen gehört; wir haben noch drüber gelacht.
GLEICHEN: Ihr habt über mich gelacht?
BALTZER: Ihr habt lauter so komisches Zeug gerufen. Er ahmt den Grafen nach. Auf in den Kampf gegen den Antichrist! Und: Stürmt die Mauern Zions! Ihr Ritter Christi, befreit das Heilige Grab aus den Klauen der Heiden!
GLEICHEN: Aus den Klauen der Heiden? Das ist mir gar nicht mehr erinnerlich. Das kommt alles bloß von der verfluchten Kreuzzugskampagne dieses Gottfried von Bouillon, die verdreht einem den Kopf. Jedenfalls muss ich Eindruck gemacht haben auf das Schwein.
BALTZER: Auf Gottfried von Bouillon?
GLEICHEN: Auf das Wildschwein! Es ist vor Angst voll gegen eine Eiche gerannt und hat sich dabei den Schädel eingedrückt.
BALTZER: Und Ihr?
GLEICHEN: Ich war ja im vollen Lauf und konnte natürlich nicht so schnell anhalten. Deswegen bin ich dem Schwein hinten ... ich meine, es hat mich mit seinem ... aufgefangen.
BALTZER: Muss ganz schön hart gewesen sein.
GLEICHEN: Nun ja, ich habe mein Gesicht schon zwischen weicheren Teilen gebettet. Dieser Zahn hier wackelt ein wenig seit letzter Nacht.
BALTZER: Das muss ich gleich weitererzählen. Und Ihr wart ganz allein?
GLEICHEN: Selbstverständlich, warum fragst du das?
BALTZER: Nur so. Der Mühlberger hat nämlich letzte Nacht auch ein Wildschwein erlegt, das liegt auch beim Rassbacher.
GLEICHEN: Na und! Daran finde ich gar nichts Verwunderliches.
BALTZER: Nein, eigentlich ich auch nicht, nur dass es offenbar ein und dasselbe Schwein ist.
Isolde und Baltzer lachen.
GLEICHEN: Ach was! Jetzt schick' die Günterslebener dorthin, und sollen sie sich bei ihrem Dorffest vergnügen.
BALTZER im Hinausgehen: Übrigens, der Egbert von Ingersleben ...
GLEICHEN: Was ist mit dem schon wieder, dieser Milchritter?
ISOLDE: Er tritt beim Dorffest auf, er gibt sein Abschiedskonzert mit Harfe und Gesang.
GLEICHEN: Abschiedskonzert?
BALTZER: Er zieht mit des Pfalzgrafs Leuten ins Heilige Land.
GLEICHEN: Was will er denn dort, gefällt es ihm hier in Thüringen nicht mehr?
BALTZER: Er will Jerusalem befreien, so wie Ihr Herr Graf es gestern Nacht auch geschworen habt.
GLEICHEN: Das war kein Schwur. Das war höchstens unsinniges Gerede und dem Rausch geschuldet.
ISOLDE: Ja, vielleicht dem Kriegsrausch.
GLEICHEN: Sag' mal, hat das noch jemand gehört außer euch?
BALTZER: Nicht dass ich wüsste. Er geht.
GLEICHEN schaut nach Isolde hin: Was machst du da Feines?
ISOLDE: Ich backe einen Kuchen für unseren Heinrich. Der hat übermorgen Geburtstag, wie du vielleicht weißt.
GLEICHEN: Natürlich weiß ich das.
ISOLDE: Und hast du auch ein Geschenk für ihn?
GLEICHEN: Wie sollte ich keines haben? Für unseren lieben kleinen Heini habe ich stets nur das Beste.
ISOLDE: Aber schenk' ihm nicht wieder einen Honigschnuller wie letztes Jahr, er wird immerhin schon dreizehn.
GLEICHEN: Das war ja auch nur ein Jux. Und außerdem verhält er noch gar nicht wie dreizehn.
ISOLDE: Er entwickelt sich etwas langsamer als andere, er nimmt sich eben mehr Zeit für alles, und das ist gut.
GLEICHEN: Du hast Recht, wie immer. Wir sind eine richtig glückliche Familie, stimmt's?
ISOLDE: Ja, das sind wir.
GLEICHEN singt:
Rübensuppe, Leberwurst,
Ein kühler Schluck gegen den Durst.
Zweimal in der Woche Speck,
Schon ist der ärgste Hunger weg.
Was mich an diesem Orte hält,
Wo Gleich und Gleich sich gern gesellt,
Das kann mir keiner wehren:
Ein festes Haus, ein treues Weib,
Und Wohlergeh'n für Geist und Leib,
All' das halt' ich in Ehren.
ISOLDE singt:
Ein schönes Kleid, ein warmes Bad,
Von allem Nötigen Vorrat.
Dann und wann ein großes Fest,
Mit Freude sich's hier leben lässt.
Was mir an diesem Ort gefällt,
Trotz kalter Winter, teurem Geld;
Und mancherlei Beschwerden:
Das ist das familiäre Glück,
Wie von dem Himmelreich ein Stück,
Das mir gelieh'n auf Erden.
GLEICHEN singt:
Ackerbau und Wildschweinjagd,
Zwischendurch 'ne kleine Schlacht.
Fleißig an der Burg gebaut,
Und das helle Bier gebraut.
Was solchen Ort zur Heimat macht,
Den Stolz in meiner Brust entfacht
Und frommen Seelenfrieden:
Das ist der Mühe reicher Lohn
Und ein gesunder, guter Sohn;
So hat mir's Gott beschieden.
BEIDE singen:
So hat's uns Gott beschieden.
Die Szene geht über in die Zweite Szene.
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