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Dritte Szene
Schauplatz wie zuvor. Baltzer klopft flüchtig an und kommt herein.
BALTZER: Herr Graf?
GLEICHEN: Was gibts, Baltzer?
BALTZER: Der Pfalzgraf Friedrich ist im Anmarsch.
GLEICHEN: Der Pfalzgraf? Was will der denn? Der war seit Jahr und Tag nicht mehr bei uns. Wer ist bei ihm?
BALTZER: Der Schwarzburger und Raimund von Hohenheim.
GLEICHEN: Raimund? Der schwule Hammel?
BALTZER: Ich muss sagen, er hat sich sehr zu seinem Vorteil verändert.
GLEICHEN: Was? Der schwule Hammel? Bist du jetzt auch anders rum Baltzer?
BALTZER: Ich meine ja nur, so von weitem, wie er auf seinem Pferd sitzt.
GLEICHEN: Lass ihn erst mal nahe rankommen. Oder besser nicht. Wieso kommen die zu uns, verflucht.
BALTZER: Der Mühlberger bringt sie her.
GLEICHEN: Das Aas.
BALTZER: Und der Egbert von Ingersleben ist auch dabei, man hört ihn schon singen.
GLEICHEN: Baltzer, sag ihnen, ich bin nicht da.
BALTZER horcht nach draußen: Die sind bereits auf der Treppe.
GLEICHEN: Ich versteck mich hier in der Kammer. Du wimmelst sie ab, verstanden!
BALTZER: Ich versuch's.
Graf Gleichen verschwindet in der Kammer. Es treten ein: der Pfalzgraf, Raimund von Hohenheim und der Mühlberger.
BALTZER: Herr Pfalzgraf, willkommen auf Burg Gleichen. Es ist uns eine große Ehre ...
PFALZGRAF: Wo ist dein Herr?
BALTZER: Welchen meint Ihr? Den weltlichen oder den himmlischen? Der ist, vermute ich, da oben.
PFALZGRAF: Es ist uns bekannt, dass ihr fromme Leute seid.
MÜHLBERGER: Hier riecht es aber gut, nach Bohnensuppe. Hat Isolde gekocht?
BALTZER: Sehr fromm. umständlich: Der Apostel hat die erste christliche Kirche gleich hier in der Nähe bauen lassen, das war anno ...
RAIMUND: Ist uns bekannt.
PFALZGRAF: Und der Kaiser hat seine Pfalz auf meinem Grund bauen lassen.
BALTZER: Apropos Kaiser, wie geht es ihm? Man sagt, er soll sich von seinem Rückenleiden gut erholt haben.
PFALZGRAF: Ja ja. Wo ist er nun?
BALTZER: Der Kaiser?
RAIMUND: Der Graf von Gleichen.
BALTZER: Ähm, eben war er noch hier, Ihr müsstet ihm begegnet sein.
MÜHLBERGER: Sind wir aber nicht.
BALTZER: Nun, das liegt vielleicht daran, dass er heute seine ... überraschend: oh, er hat eine ganz neue ... ich befürchte, Ihr werdet ihn gar nicht zu sehen bekommen.
MÜHLBERGER: Was redest du da? Ich habe ihn gestern Nacht erst gesehen, als er im Roten Ochsen war.
PFALZGRAF: Was hat er Neues?
BALTZER: Eine Tarnkappe. Ja, eine Tarnkappe, mit der er sich unsichtbar machen kann.
PFALZGRAF: Willst du uns verarschen?
BALTZER: Keineswegs. Ihr seht es doch mit eigenen Augen.
RAIMUND: Was zum Teufel?
BALTZER: Dass ihr ihn nicht seht, den Herrn Grafen.
MÜHLBERGER: Baltzer, hast du schon wieder zuviel vom Johannisbeerwein getrunken?
RAIMUND: Aber hören wird er doch noch können?
BALTZER: Wer?
PFALZGRAF: Der Graf!
BALTZER: Hören, sicher, warum nicht.
RAIMUND: So kannst du ihn rufen.
BALTZER: Tja, aber in welche Richtung soll ich rufen? Er kann überall sein.
PFALZGRAF: Dann höre du mal gut zu! Ich habe hier einen Befehl vom Kaiser.
BALTZER: Ja.
PFALZGRAF: Weißt du, was da drin steht?
BALTZER: Nein.
PFALZGRAF: Unter anderem, dass jeder, der sich mutwillig und ohne triftigen Grund weigert, am Heiligen Krieg teilzunehmen, oder der andere tapfere und kampfeswillige Ritter daran hindert, ohne Prozess vor ein Standgericht gestellt und aufgehängt werden kann.
BALTZER: Vorgestellt und aufgehängt, das klingt nicht sehr verlockend.
RAIMUND: Das soll es auch nicht, denn es soll abschrecken.
BALTZER: Ja, dann ist es trefflich formuliert.
PFALZGRAF: Also was ist mit dem Grafen?
BALTZER: Meint Ihr bezüglich des Kreuzzugs? Oh, der Herr Graf ist durchaus kampfeswillig, soweit ich das beurteilen kann.
MÜHLBERGER: Das kann man wohl sagen. Wer ihn gestern Nacht im Wald hat brüllen hören, der hätte meinen können, er ficht gegen ein ganzes Heer von Ungläubigen. Dagegen war die Rede des Gottfried von Bouillon die reinste Liebeserklärung.
RAIMUND: Wenn du ihn nicht augenblicklich herbeischaffst, bist du des Todes! Mein blankes Schwert wird dich durchbohren wie der Blitz die Tanne. Zückt sein Schwert gegen Baltzer.
BALTZER: He, he, haltet den Heißsporn zurück. Außerdem war lediglich von Aufhängen die Rede.
Isolde und Heinrich kommen mit einer großen Suppenterrine und mit Geschirr herein.
ISOLDE: Guten Tag, die Herren. Ah, hoher Besuch, der Herr Pfalzgraf.
MÜHLBERGER: Ah, Isolde mit der Bohnensuppe. Ich nehm' sie dir gleich ab.
ISOLDE: Danke. Herr Pfalzgraf, es ist uns eine Ehre. Die Herren bleiben doch zum Essen.
Heinrich und der Mühlberger füllen die Teller mit Suppe.
PFALZGRAF sehr galant, mit Kusshand usw.: Frau Gräfin von Gleichen, die Ehre ist ganz meinerseits. Wir haben Euch ein kleines Geschenk mitgebracht, einen Braunen aus dem Freyburger Gestüt, die Pferde hatten Euch beim letzten Aufenthalt so begeistert.
ISOLDE beeindruckt: Oh, das war doch nicht nötig. Ich danke Euch von Herzen, Pfalzgraf, Ihr seid so großzügig.
BALTZER: Großkreuzzügig. Ich darf mich empfehlen, die Rüben müssen in den Keller. Er geht.
MÜHLBERGER: Wenn wir weiter herumstehen und quatschen, wird die gute Suppe kalt.
ISOLDE: Ja, nehmt Platz. Heinrich, trage bitte auf. Für mich nicht.
HEINRICH: Guten Appetit, ich geh' raus zum Egbert. Er geht.
Der Pfalzgraf und Isolde unterhalten sich angeregt. Der Mühlberger macht sich über die Suppe her, Raimund speist wie ein vornehmer Herr.
PFALZGRAF: Weshalb esst Ihr nicht mit, Frau Gräfin?
ISOLDE: Oh, ich muss ein wenig auf meine Figur achten.
MÜHLBERGER während er die Suppe schlürft: Ach was, Isolde, du siehst blendend aus. Ich verstehe immer gar nicht, wie der Hugo mit der Barbara vom Hufschmied ... ah, ausgezeichnet die Suppe, ich nehme mir gleich noch mal Nachschlag.
ISOLDE: Was wolltest du sagen, Mühlberger? Wie der Hugo mit der Barbara?
MÜHLBERGER: Ähm, mit der Barbara wetten kann, dass du mindestens zehn Pfund weniger wiegst als sie.
RAIMUND verwundert: Ihr wettet um das Gewicht eurer Weiber? Wie bei den Kühen?
MÜHLBERGER schlürft: Ja. Ich habe drei zu zwei dagegengehalten, äh, ich meine, ich habe gesagt, es seien mindestens zwanzig Pfund.
ISOLDE: Und wieso verstehst du das nicht?
MÜHLBERGER: Was?
ISOLDE: Dass Hugo mit der ... hm, der Hufschmiedtochter wettet.
PFALZGRAF nimmt Isoldes Hand: Na, da braucht man Euch doch bloß anzuschauen, Frau Gräfin, und weiß, dass Ihr kein Gramm zuviel habt; und wenn doch, dann garantiert an den Stellen, wo man sich gar nicht genug wünschen kann. Übrigens, der Hengst steht im Stall.
ISOLDE: Welcher Hengst?
PFALZGRAF: Na, der Freyburger, den ich mitgebracht habe.
ISOLDE: Ah so, der.
PFALZGRAF: Wollt Ihr ihn Euch ansehen? Er ist von außergewöhnlich edlem Stamm.
ISOLDE: Warum nicht.
Egbert und Heinrich treten ein.
MÜHLBERGER: Was willst du denn, Egbert?
EGBERT: Heini hat gesagt, ich soll singen.
PFALZGRAF: Wo?
HEINRICH: Hier.
ISOLDE schwärmt: Er hat eine so schöne Stimme.
MÜHLBERGER hebt seinen Hintern und lässt einen Furz: Ich werde dich auf meinem Naturhorn begleiten.
RAIMUND empört: Sie Ferkel!
MÜHLBERGER: Verzeihung, das sind die Bohnen.
PFALZGRAF: Also los, sing er uns ein Lied.
HEINRICH: Den Auszug der Kreuzritter.
EGBERT: Alle zweiunddreißig Strophen?
MÜHLBERGER: Wieso so viele? Kommen die nicht vom Fleck?
EGBERT: Es gibt eine Kurzversion.
MÜHLBERGER: Weg war'n sie. Er furzt.
PFALZGRAF: Mühlberger, jetzt halt er aber mal die Luft an!
MÜHLBERGER: Ich glaube, ich muss dringend auf den Abtritt.
PFALZGRAF: Erst lausche er dem erbaulichen Gesang.
MÜHLBERGER: Dann aber bitte die Kürzestversion, oder ich hülle die Kreuzritter in eine Wolke infernalischen Wüstenwindes.
EGBERT singt:
Himmelan wehen unsere Standarten,
Ein neuer Tag uns entgegen lacht.
Frisch und kühn die Kämpfer erwarten
Den Befehl zur entscheidenden Schlacht.
Mit wachem Geist und Wagemut,
Mit Väter Mark und Mütter Blut
Marschier'n wir über Stock und Stein
Ins helle Morgenrot hinein.
Laut voran klingen unsere Gesänge;
Das Horn ertönt und die Trommel schlägt.
Am Wege grüßet jubelnd die Menge;
Stolzes Heer sich 'gen Osten bewegt.
Mit flottem Schiff und gutem Wind
Wir bald an Asiens Küste sind;
Befreien wir das Heil'ge Land
Aus niederträcht'ger Heidenhand.
Alle applaudieren, Egbert verbeugt sich.
RAIMUND: Hervorragend.
ISOLDE: Sehr ergreifend.
MÜHLBERGER: Und ich meine, immer noch lang genug.
HEINRICH: Mama, der Egbert will mir seine Ausrüstung zeigen, darf ich mitgehen.
ISOLDE erhebt sich: Ja natürlich. Und ich werde meinen werten Gemahl suchen.
PFALZGRAF fasst sie am Arm: Aber was ist mit dem Hengst, Gräfin? Er könnte sicher einen kleinen Ausritt vertragen.
ISOLDE: Später, lieber Herr Pfalzgraf, später.
Isolde, Egbert und Heinrich gehen.
MÜHLBERGER: So, jetzt muss ich aber erst mal auf die Kanzel steigen. Er steht auf und öffnet die Tür zur Kammer. Dort steht der Graf Gleichen, der sich nicht rechtzeitig verstecken konnte.
MÜHLBERGER: Hugo! Hast du etwa die ganze Zeit auf dem Abort gesessen?
GLEICHEN: Guten Tag, die Herren.
PFALZGRAF: Graf von Gleichen, ich grüße Euch.
RAIMUND: Wo habt Ihr Eure Tarnkappe?
MÜHLBERGER: Mensch, Raimund! Soll er sich auf dem Abort unsichtbar machen? Nachher sieht er beim Abwischen seinen eignen Arsch nicht mehr. Also ihr entschuldigt mich. Er geht in die Kammer und schließt die Tür.
GLEICHEN: Was führt Euch her, Pfalzgraf?
PFALZGRAF: Nun, Gleichen, ich denke, das wisst Ihr. Der Krieg ruft.
GLEICHEN: Ach ja, was ruft er denn?
RAIMUND: Er ruft: Zu den Waffen, Ritter der Christenheit! Zieht gen Jerusalem, befreit das Heilige Grab aus den Klauen der Araber. Bekehrt die Heiden, erfüllt den Auftrag des Herrn.
GLEICHEN: Ritter Raimund, immer noch der kühne Held in seinen Reden; genau wie ich Euch in Erinnerung habe.
PFALZGRAF: Wir sind gewissermaßen nur eine Abordnung des großen Heeres, das der Philipp von Toulouse anführt, und das gerade auf der Via Regia hier vorbei marschiert.
GLEICHEN: So, es marschiert hier vorbei. Und da dachtet Ihr, machen wir einen kleinen Abstecher und besuchen unseren alten Freund, den Grafen von Gleichen.
PFALZGRAF: Das ist kein gewöhnlicher Besuch, Graf. Wir sind gekommen, um Euch in den Kreis unserer Kommandeure aufzunehmen.
GLEICHEN: Ich soll mit Euch kommen? Ausgeschlossen, meine Herren.
RAIMUND: Wir haben Euch einen Platz freigehalten als Anführer eines um die fünfzig Mann starken Fußtrupps. Wir haben diese Männer bei Stumpfhausen rekrutiert.
GLEICHEN: Bei Stumpfhausen? Nun sagt bloß noch: im Alacher Forst.
RAIMUND: Ja, wieso?
GLEICHEN: Das sind Räuber, Wilddiebe, Landstreicher, wahrscheinlich auch Aussätzige; möchte wetten, manche können gar nicht laufen.
PFALZGRAF: Nun, es ist ein ganzer Tross, manche mit Kind und Kegel. Sie versprechen sich viel von diesem Krieg. Mag sein, dass sie militärisch nicht auf höchstem Niveau sind, aber dafür sind sie sehr motiviert, dem Araber den Schädel einzuschlagen.
GLEICHEN: Militärisch nicht auf höchstem Niveau? Wenn ihr die auf den Feind los lasst, fangen sie an, ihn mit bloßen Zähnen in die Waden zu beißen, wie der Köter vom Dorfschulzen die Apfeldiebe.
RAIMUND: Eigentlich ist es uns egal, wie sie den Araber erledigen, Hauptsache, sie tun es.
GLEICHEN: Und den Sauhaufen wolltet ihr mir andrehen?
RAIMUND: Nun ja, der Mühlberger sagte ...
Der Pfalzgraf gibt Raimund ein Zeichen.
PFALZGRAF: Ach was, Gleichen, das war doch nur ein Scherz. Ihr seid ein viel zu guter Ritter für solchen Abschaum. Nein, Ihr würdet selbstverständlich an meiner Seite kämpfen, und ich wiederum kämpfe an der Seite Philipps von Toulouse.
GLEICHEN unbeeindruckt: Und Ihr, Raimund?
RAIMUND: Ich? Kämpfe auf der anderen Seite ... Philipps.
GLEICHEN: Ich hätte gedacht, Ihr deckt ihn von hinten. Und was ist mit dem Mühlberger? Kommt der mit?
PFALZGRAF: Er würde, wenn er könnte. Aber er hat dieses schlimme Gallenleiden, damit würde er die Reise nicht überstehen.
GLEICHEN ruft in Richtung der Kammer: Was? Ein Gallenleiden? Das ist ja der größte Witz der jüngeren thüringischen Geschichte.
RAIMUND verwundert: Ihr meint, es sei nur vorgetäuscht?
GLEICHEN: Der Mühlberger hat so wenig ein Gallenleiden wie ich ein drittes Auge habe.
PFALZGRAF entschieden: Und selbst wenn es nicht stimmte. Er hat sich sozusagen freigekauft, indem er seinen Neffen, an seines Sohnes statt, ins Heer gegeben hat.
GLEICHEN: Auch das noch, ich hab's gewusst. Der schickt seinen Neffen, damit der ihm die Mohrenmädchen nach Hause holt.
RAIMUND: Was?
GLEICHEN: Ach nichts.
PFALZGRAF heuchlerisch: Graf, Ihr könntet es natürlich dem Mühlberger gleich tun und auch hierbleiben, wenn Ihr Euren Sohn mit uns ziehen lasst.
GLEICHEN: Den Heini? Allein nach Asien? Den würde ich nicht mal bis nach Kleinrettbach schicken.
RAIMUND: Aber wir sind doch bei ihm und passen auf ihn auf.
GLEICHEN: Ihr müsst schon auf den Toulouse aufpassen. Nein, nein, da wird nichts draus.
PFALZGRAF: Graf von Gleichen, ich appelliere an Eure vaterländische Pflicht. Der Kaiser will das Heilige Grab um jeden Preis befreien und hat den Arabern den Kampf angesagt. Er braucht dafür jeden fähigen Ritter, und er erwartet auch von Euch, dass Ihr diese Eure Pflicht erfüllt.
GLEICHEN: Also erstens: dieses Geschwätz von dem Jesusgrab, das geht mir schon längst auf die Nerven. Raimund, ist es nicht so gewesen, dass Jesus Christus am dritten Tage nach seinem Tode auferstanden ist?
RAIMUND: So steht es geschrieben.
GLEICHEN: Seht ihr, also liegt er gar nicht mehr dort, das Grab ist leer. Warum sollte ich um ein leeres Grab kämpfen, das würde ich ja noch nicht mal tun, wenn's mein eignes wär. Und dann, das Vaterland, schön und gut, ich gönne ja dem Kaiser sein Land, soll er doch glauben, es gehöre alles ihm. Aber was scheren mich die Ostfriesen oder die Württemberger. Mein Vaterland ist Thüringen, und ich erfülle meine Christenpflicht hier, indem ich für meine Bediensteten und meine Lehensbauern und für deren Familien sorge, und indem ich jeden Sonntag in die Kirche gehe und dem Pfarrer einen Obolus in seine Kasse lege. Und drittens: erst war nur von den Mameluken oder von den Sarazenen die Rede, jetzt heißt es schon „Die Araber“. Gegen wen wollt ihr eigentlich zu Felde ziehen? Gegen die halbe Menschheit?
PFALZGRAF: Gleichen, der Christenheit droht eine Gefahr aus dem Osten. Die Araber haben zum Heiligen Krieg aufgerufen.
GLEICHEN: Das habt ihr doch auch getan.
PFALZGRAF: Aber die Araber haben angefangen. Kleinasien ist schon durch und durch islamistisch, Konstantinopel ist so gut wie verloren, es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Araber den Balkan besetzt und die Donau aufwärts zieht. Und dann steht er eines Morgens mit gezücktem Säbel vor Eurem Burgtor.
GLEICHEN: Ach, Pfalzgraf, Ihr malt den Teufel an die Wand. Wenn alle so denken würden wie Ihr.
PFALZGRAF: Wenn alle so denken würden wie Ihr, Graf Gleichen, würdet Ihr und euer schönes Thüringen vielleicht schon wieder unter fremder Knechtschaft leiden müssen; wie damals, als das Reich Herminafrieds überfallen und in Schutt und Asche gelegt wurde.
GLEICHEN: Da war der Franke unser Feind.
RAIMUND: Eben, und er hat aus der Geschichte gelernt. Philipp von Toulouse hat sich mit uns verbündet, damit wir gemeinsam den Araber besiegen.
GLEICHEN nach einer Pause: Alles was ich für euch tun kann, wäre eine materielle Unterstützung.
PFALZGRAF: Was sollte das sein? Habt Ihr aufgerüstet? Bei unserem letzten gemeinsamen Scharmützel an der Saale musstet Ihr Euch von mir die Armbrust borgen.
GLEICHEN: Na ja, ich habe damit auch nicht schlecht getroffen. Wartet. Heinrich! Wo ist der Junge? Er ruft aus dem Fenster nach unten in den Burghof. Heinrich! Komm' mal hoch und bring' dieses Geschütz mit, das du gebaut hast.
PFALZGRAF: Er hat ein Geschütz gebaut?
GLEICHEN: Eine famose Steinschleuder.
RAIMUND: Ist sie transportabel?
GLEICHEN: Selbstverständlich. Sogar schwimmfähig, wenn man will.
Heinrich bringt eine aus Holz gebaute Steinschleuder mit Rädern, die man gerade noch auf zwei Armen tragen kann. Sie sieht ziemlich kompliziert aus, aber auch ein bisschen dilettantisch gebaut, hat einige unpassende Teile und wird hier und da nur mit Stricken zusammengehalten. Heinrich ist natürlich sehr stolz auf seine Erfindung und bringt sie wohlüberlegt auf dem Fußboden in Position.
PFALZGRAF: Das ist ... das ist ja der größte ...
GLEICHEN hilft seinem Sohn bei der Einrichtung: Sag' ich doch, mein Heini ist ein großer Konstrukteur.
RAIMUND der nicht bemerkt, dass er in der Schusslinie steht: Das nennt Ihr Steinschleuder? Wohl für Kieselsteine, was?
GLEICHEN: Die ist speziell für den Nahkampf, eine Nahkampfwaffe.
HEINRICH: Hier ist Munition, Papa.
RAIMUND: Ha, eine Handvoll Murmeln gegen die Mauern von Zion.
GLEICHEN: Das ist ein weiterer Vorteil: man kann die Munition immer am Mann tragen und findet leicht neue. Mach' einen Probeschuss, Heinrich.
RAIMUND: Um Pflaumen und faule Eier zu verschießen ist das vielleicht das Richtige, aber wirklich, Pfalzgraf, was meint Ihr ...
Heinrich, ohne auf das Ziel zu achten, feuert eine trockene Kastanie ab, die Raimund an die Stirn trifft und ihn niederstreckt.
PFALZGRAF erschrocken: Oh! Ritter Raimund.
HEINRICH begeistert: Volltreffer, Papa! Noch 'ne Ladung auf den anderen? Dreht das Geschütz auf den Pfalzgrafen.
GLEICHEN: Feuer einstellen, Heinrich.
Gleichen und der Pfalzgraf helfen Raimund hoch.
PFALZGRAF: Raimund? Seid Ihr wohlauf?
RAIMUND: Was ist geschehen?
PFALZGRAF: Das Geschoss hat versehentlich Eure Stirn getroffen.
GLEICHEN: Wieso versehentlich? Es ist äußerst zielgenau.
PFALZGRAF: Es ist ein Spielzeug.
GLEICHEN: Ja, aber ein gefährliches, es gehört nicht in Kinderhände.
HEINRICH erläutert: Man kann es ruck, zuck auseinandernehmen, man braucht nur diese Keile hier herauszuziehen.
GLEICHEN: Dann passt es fast in jede Hosentasche. Ich würde es Euch gern überlassen.
RAIMUND hält sein besticktes Taschentuch an die Stirn: Aber das ist doch lächerlich.
HEINRICH leise: Papa, der hat anscheinend noch nicht genug abgekriegt.
RAIMUND: Pfalzgraf, Ihr werdet nicht im Ernste ...
PFALZGRAF überlegt: Nun ja, Graf Gleichen, unter gewissen Gefechtsbedingungen könnte uns dieses Gerät wohl durchaus eine Hilfe sein.
Raimund schüttelt verständnislos den Kopf.
GLEICHEN fast erleichtert: Das will ich meinen.
PFALZGRAF: Gut, wir nehmen es unter einer Bedingung: der Geschützführer muss mitkommen.
GLEICHEN: Welcher Geschützführer?
PFALZGRAF: Euer Heinrich natürlich, er hat es erfunden, und er kann es am besten bedienen.
GLEICHEN: Unsinn! Das kann jeder Volltrottel bedienen, das könnt sogar Ihr bedienen.
PFALZGRAF: Keine Widerrede, Gleichen! Kraft Befehl des Kaisers nehme ich dieses Kriegsgerät samt Geschützführer in das Heer der Kreuzritter auf.
GLEICHEN: Der Heini ist noch gar kein Ritter.
PFALZGRAF: Dann kann er sich auf dem Kreuzzug bewähren und wird schließlich zum Ritter geschlagen.
HEINRICH: Au ja, Papa, das ist genau das was ich will.
GLEICHEN: Halt den Mund.
Isolde kommt.
HEINRICH: Mama, der Pfalzgraf nimmt mich mit auf'n Kreuzzug.
ISOLDE: Bist du von Sinnen! Hugo, was soll das bedeuten? Kann man euch Männer nicht einen Augenblick allein lassen; gleich heckt ihr irgendwelchen Mist aus.
RAIMUND nicht ohne eine gewisse Befriedigung: Aber Frau Gräfin, Ihr Gemahl erfüllt lediglich seine vaterländische Pflicht. Und auf Euren Sohn könnt Ihr stolz sein.
PFALZGRAF: Ich werde Philipp von Toulouse vorschlagen, ihn zum Ersten Gehilfen des Waffenmeisters zu ernennen.
GLEICHEN ungehalten: Kaum in der Armee und schon befördert; früher musste man sich hochdienen. Wer ist denn der Waffenmeister?
RAIMUND: Ich.
ISOLDE: Hugo, wir können den Heinrich unmöglich allein ziehen lassen.
HEINRICH: Och, Mama, das schaff' ich schon. Ist doch nur bis Järusalem, und den Rückweg kenn' ich dann ja.
ISOLDE: Und was ist mit der Schule?
PFALZGRAF: Zwischen den Waffen schweigt die Weisheit, Frau Gräfin. Während des Kriegsdienstes ist jedes Kind vom Schulbetrieb freigestellt, einschließlich Hausaufgaben. Und außerdem, auf dem Felde wird der Heinrich viel mehr fürs Leben lernen als in der Schulstube.
GLEICHEN bitter: Wenn er's mal bloß nicht auf dem Felde lassen muss.
ISOLDE: Hugo! Unterstehe dich, so was auch nur zu denken.
PFALZGRAF: Ja, Gleichen, das sind fatalistische Gedanken, eines Familienvaters unwürdig.
ISOLDE: Ich lasse ihn nur gehen, wenn du ihn begleitest, Hugo.
PFALZGRAF jubelt: Famose Idee!
HEINRICH: Ich brauche keinen, der auf mich aufpasst.
RAIMUND: Halt den Mund.
ISOLDE: Ihr werdet aufeinander aufpassen.
PFALZGRAF: Da spricht die wahre Herrin des Hauses.
GLEICHEN: Ich kann nicht mitkommen, ich habe kein Pferd, Morgenröte lahmt auf dem Hinterfuß.
PFALZGRAF: Oh, ich habe für diesen Fall extra einen Hengst aus dem Freyburger Stall für Euch mitgebracht.
ISOLDE erstaunt: Den habt Ihr mir geschenkt, Herr Pfalzgraf.
PFALZGRAF: Ah richtig, was mach' ich bloß.
ISOLDE pragmatisch: Ich könnte ihn Euch borgen.
PFALZGRAF: Sehr großzügig.
GLEICHEN: Fünfzig Taler, die Hälfte jetzt, die andere Hälfte, wenn wir zurück sind.
PFALZGRAF: Was?
ISOLDE: Kommt nicht in Frage. Die ganze Summe jetzt. Wer weiß, ob der Gaul nicht das Wüstenfieber kriegt und verendet.
PFALZGRAF zerknirscht: Verlangt Ihr für Euren Gatten nichts?
ISOLDE: Der schuldet mir sowieso noch genug. zu Hugo: Eins sage ich dir, wenn ihr schon solche dummen Streiche spielt: ohne eine ordentliche Beute kommst du hier nicht wieder rein.
RAIMUND: Ihr werdet vollends zufrieden sein, Frau Gräfin.
GLEICHEN: Tja, dann muss ich mich in mein Schicksal fügen. Heinrich, sattel schon mal die Pferde und pack alles zusammen, was wir brauchen. Frage den Egbert um Rat.
HEINRICH: Mach' ich. Ju hu! Auf nach Järusalem! Er geht.
GLEICHEN singt:
Isolde, meine liebe Frau,
Ich kann nicht länger hier schaffen.
Der Kaiser ruft in Aue und Gau
Die Männer zu den Waffen.
Und fällt mir auch der Abschied schwer,
Ich komme bald schon wieder her.
ISOLDE singt:
Gehab' dich wohl, geliebter Mann,
Und kämpfe wie ein Ritter.
Zieh' dich nur immer schön warm an,
Und suche Schutz bei Gewitter.
Gib gut auf unsern Heinrich acht.
Und schlaf im eignen Bett bei Nacht.
GLEICHEN singt:
Dergleichen Sprüche kenn' ich gut,
Sie werden mir viel nützen.
Dein Segen mir im Herzen ruht,
Wird allzeit mich beschützen.
Wenn nachts die Stern am Himmel stehn,
Dann werd' ich dich im Traume sehn.
ISOLDE singt:
Und schlag nicht so viel Feinde tot,
Lass auch ein paar noch leben.
Sind sie bedrängt in höchster Not,
Werden sie sich ergeben.
Bedenke, dass nur Gott allein
Wird Führer dir und Retter sein.
Isolde und Hugo liegen sich in den Armen. Dann lösen sie sich, und die Männer verlassen den Raum. Isolde, mit einem Schnupftuch für die Tränen, geht zum Fenster und schaut ihnen nach. Der Mühlberger poltert aus der Kammer.
MÜHLBERGER: Huch, wo sind sie denn alle?
ISOLDE hinausblickend: Da ziehen sie hin, ins Morgenland. Zu zweit kann ihnen eigentlich nichts passieren, aber ich habe trotzdem irgendwie ein komisches Gefühl.
MÜHLBERGER: Ach geh, Isolde. Der Hugo ist ein alter Haudegen und das Glück ist immer auf seiner Seite gewesen. Und der Heini ist ein heller Kopf, dem fällt immer was ein, und wenn's noch so brenzlig wird. Er geht zum Tisch. Ach schade, die Suppe, ganz kalt.
ISOLDE: Mühlberger, hast du auf dem Abort die Lüftungsklappe aufgemacht.
MÜHLBERGER: Natürlich, sonst wär' ich ja selber erstickt. Übrigens die Tür schließt nicht mehr richtig und der Fensterladen ist locker.
ISOLDE: Ich weiß. Nun kommt Hugo erst mal nicht dazu, es zu reparieren.
MÜHLBERGER: Isolde, ich könnte ja gelegentlich mal rüberkommen und es richten.
ISOLDE während sie das Geschirr abräumt: Hm, ich werde es mir überlegen.
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