| Fabio Paulfeld |
| Johann Zelters Reise ans Ende der Welt |
| Leseprobe als E-Book (.epub) | |
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Die Mutter ist an einem Sonntagvormittag gestorben. Während der Doktor den Totenschein ausfüllt, meint er "Man sagt, es wird Krieg geben." Dann krempelt er die Hemdsärmel wieder herunter und zieht sein Jackett an. "Ja, das habe ich auch gehört", meint Johann. Der Doktor sagt "Bei der jetzigen Lage in Europa wäre das keine Überraschung mehr." Die Wanduhr tickt. "Nein, man muss sich darauf einstellen."
"Ich schicke die Leute von der Pietät her." Er nennt den Namen des Bestattungsunternehmens. "Die erledigen alles zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Zelter, und sie hauen einen nicht übers Ohr, Sie wissen, was ich meine." Es klingt, als wäre er an dem Geschäft beteiligt. "Sind Sie damit einverstanden?" fragt er nach, als er sieht, daß Johann nicht bei der Sache ist. Der wirft einen Blick auf die Wanduhr. "Welche Zeit haben Sie eingetragen?" "Zehn Uhr." "Ah ja, gut." Die Glocken der Marienkirche fangen an zu läuten. "Stimmt", sagt er und meint die Uhrzeit. "Das ist der erste Todesfall in meiner Familie. Obwohl ich nicht mehr der jüngste bin." Der Doktor nimmt seine Tasche. "Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, mag sein, daß er noch lebt, aber es ist doch unwahrscheinlich. Was meinen Sie?" Der Doktor schaut hinüber zu der Toten auf dem Bett. "Ich schicke die Leute gleich her, dann können Sie Ihre Frau Mutter heute nachmittag photographieren; ich nehme an, daß Sie das tun wollen." Die Glocken der Marienkirche scheinen heute heftiger als sonst zu läuten. "Ja, natürlich", sagt Johann, "ich werde ein Abschiedsphoto machen, ein Erinnerungsphoto sozusagen." Der Doktor geht hinaus. "Übrigens, meine Nichte hat im nächsten Monat Konfirmation, könnten Sie da ..." "Selbstverständlich." Sie gehen die Treppe hinab. An der Haustürschwelle bleibt er stehen. "Ach so", sagt Johann, "was bekommen Sie jetzt von mir?" "Wie viele Photos machen Sie bei einer Konfirmation gewöhnlich?" "Eins. Ich meine, wenn es gewünscht wird, dann ..." "Sagen wir vier?" "Verschiedene? Ja, natürlich." "Plus Abzüge." Der Doktor schaut zum Himmel. "Und wann, meinen Sie, wird es Krieg geben?" fragt Johann. "Schätze, sehr bald." "Man sollte sich darauf einstellen." "Bleiben Sie im Haus." "Bitte?" "Ich schicke die Leute von der Pietät gleich her." "Ja, natürlich. Ich bin da." Er reicht dem Doktor die Hand, aber der wendet sich ab und geht; er hält seine Tasche fest in der Hand. Das Geläute von Sankt Marien wird leiser. Johann kann zuletzt die kleine Glocke heraushören, die den Namen Jubilate trägt. Er geht wieder hinauf. Er betrachtet das Gesicht der toten Mutter. Es hat einen friedvollen Ausdruck, die Augen sind geschlossen, die schmalen Lippen nur ein wenig zusammengepresst, die Wangenknochen stehen hervor; sie war zuletzt sehr abgemagert. Alles in allem friedvoll, denkt er. Man sollte das in die Todesanzeige schreiben: ein friedvolles Leben. Er ist ihr einziger Sohn, das einzige Kind. Er hat eine Halbschwester, sie lebt in Hamburg, sie ist die Tochter seines Vaters, er hat sie zwei- oder dreimal gesehen, sie ist jünger als er. Es ist so gut wie sicher, daß sie nicht zur Beerdigung kommen wird. Dennoch wird er sie benachrichtigen. Er wartet auf die Leute von der Pietät. Dann denkt er 'Man könnte jetzt schon eine Photographie von der Mutter machen. Wozu warten, bis ihr Antlitz noch ein bisschen verschönert ist, jetzt ist es natürlich genug. Jetzt ist der Augenblick, da sie noch nahe ist, sich noch nicht so weit entfernt hat. Wenn die Leute kommen, wird ihre Seele diesen Ort schon verlassen haben, jetzt ist sie gerade dabei, ihn zu verlassen, und man kann noch einen Hauch davon auf der Photographie einbehalten.' Trotzdem rührt er sich nicht vom Fleck, und er zuckt zusammen, als unten die Tür geht. Christiane kommt ins Zimmer. Sie hat einen Termin beim Pfarrer vereinbart. Sie geht ans Bett und beugt sich über die Tote. Er will sagen, daß sie friedvoll aussieht, aber stattdessen fragt er "Hat der Pfarrer was gesagt?" "Was soll er gesagt haben?" "Ich meine, weil Mutter keine Kirchgängerin war." "Er kannte sie trotzdem, und sie war getauft." "Richtig, sie war schließlich getauft, da gehört man doch irgendwie ein Leben lang zur Gemeinde." Christiane hat sich wieder von der Toten abgewendet, sie sagt "Du solltest dich erkenntlich zeigen." "Bitte?" "Dem Pfarrer gegenüber; mit einer Spende für die Gemeinde." "Natürlich, das werde ich tun, das ist das Mindeste was getan werden kann. Wo ist Annemarie?" "Ich habe sie zu Tante Helgard gebracht. Sie kommen am Nachmittag herüber." "Gut. Der Doktor schickt die Männer von der Pietät her, ich warte hier." "Ja. Ich geh' nochmal weg, ich bin in einer Stunde wieder da." "Ja, lass dir Zeit, wir sollten alles in aller Ruhe tun." Plötzlich fällt ihm Christiane um den Hals, sie schluchzt einmal auf und sagt "Ach, Johann, es tut mir so leid." Er streicht mit der Hand über ihren Rücken. "Es ist gut, Christiane. Es war nun vorauszusehen." Wie er das sagt, fällt ihm wieder der Doktor mit dem Krieg ein. "Wir haben uns damit abfinden müssen", fügt er hinzu. Nie zuvor hat er solche Sätze formuliert. Christiane hat sich von ihm gelöst. Als sie weg ist, kann Johann etwas von ihrem Parfüm an seinem Kragen riechen, ein frischer, beinahe fröhlicher Duft von Veilchen. Er holt die Kamera aus dem Atelier. Vom Bahnhof Reiherstor kann man den Mittagszug hören, die Räder quietschen. Während die Dampflok hält, kommen ein paar dumpfe Stöße aus dem Kessel, dann fährt sie fauchend und mit einem langgezogenen Pfiff wieder an. Etwas später ziehen die Dampfwölkchen am Fenster vorbei. Johann hat dem Pfarrer die wichtigsten Etappen und Ereignisse aus Mutters Leben mitgeteilt. Die hat er in seine Trauerrede eingeflochten. Es sind etwas mehr als ein Dutzend Leute anwesend. Mutters alte Freundinnen von der früheren Rommérunde, von der nun noch zwei übriggeblieben sind. Johanns und Christianes Nachbarn mit ihrem mongoloiden Sohn, der ganz hinten sitzt und ununterbrochen an seinen Hosenträgern zupft. Der Friseur Ludwig, seit siebzehn Jahren im Ruhestand, zu dem Mutter eine freundschaftliche Beziehung gehabt hat. Eine alte Arbeitskollegin aus der Zeit, als sie in der Näherei beschäftigt gewesen war. Sie erscheint in Begleitung einer hochgewachsenen, hageren Frau mit einer sehr dunklen Brille, die immer wieder den Blick rundherum schweifen lässt, als müsste sie sich davon überzeugen, daß alles ordnungsgemäß abläuft. Aus dem Waisenhaus ist eine Schwester mit drei schweigsamen Mädchen erschienen, die alle drei Zöpfe haben und das gleiche Kleid tragen. Annemarie, die neben Tante Helgard ganz vorn sitzt, dreht sich ein paar mal zu den Mädchen um. Schließlich sind da noch einige vereinzelte Personen, die Mutter möglicherweise gekannt haben oder die vielleicht auch gewohnheitsmäßig zu Beerdigungen gehen. Hernach spricht die Schwester aus dem Waisenhaus Johann ihr Beileid aus, und er erfährt zum erstenmal davon, daß Mutter die Einrichtung mit regelmäßigen Spenden unterstützt hat. Die Mahlzeit zum Gedenken an die Verstorbene findet anschließend im Hotel am Neuen Teich statt. Irgendetwas an dem Essen schmeckt angebrannt, aber der Pudding, den es zum Nachtisch gibt, ist ausgezeichnet, und gegen Ende der Tafel fangen die drei Waisenmädchen an zu tuscheln. Es ist schönes Wetter, und auf dem Heimweg machen die Hinterbliebenen einen kleinen Spaziergang um den Teich, Christiane und Annemarie Arm in Arm vorneweg, Johann und Helgard hinterdrein. Johann braucht drei Wochen, um Mutters Sachen zu ordnen. Er scheut sich davor, irgendetwas davon wegzuwerfen, und er ist froh, als er schließlich für die Wäsche einen Abnehmer findet, der ihm sogar mehr dafür bezahlt, als es ein Lumpensammler getan hätte. Das Geld spendet er dem Waisenhaus. Er findet auch ein paar Briefe seines Vaters, die aber lapidar und belanglos sind und denen Johann nichts Näheres über das Schicksal des Vaters entnehmen kann. Er befürchtet auch, daß Mutter sie aufbewahrt hat, weil sie selbst womöglich keine andere greifbare Erinnerung an ihn besaß. Christiane ist immer öfter und länger außer Haus, und Johann ist es eigentlich ganz recht, daß sie ihm beim notwendigen Umräumen nicht zur Seite steht. Die Mutter hatte in der oberen Etage zwei Zimmer bewohnt und das obere Bad mit Toilette benutzt, das komfortabler war als das untere, in das sich die drei hineinteilen mussten seit Annemaries Geburt, also seit nunmehr elf Jahren. Er denkt zuerst daran, in Mutters Wohnzimmer ein zweites Atelier einzurichten (Christiane hat nichts dagegen), entscheidet sich dann jedoch für eine Art Salon mit ganz neuen Möbeln. Christiane ist verblüfft von seiner Idee, sie lacht sogar kurz auf, wie man über etwas Törichtes lacht, ist dann aber auch damit einverstanden. Er lässt ein paar starke Männer kommen, und die schleppen Mutters alte Möbel in den Schuppen hinterm Haus. Das leere Zimmer legt er zuerst mit einem neuen Teppich, einem farbenprächtigen Täbris, aus. Er holt aus dem Atelier den großen Lehnstuhl, stellt ihn mitten hinein, öffnet das Fenster und setzt sich hin. Draußen grünt und blüht alles, und die Sonnenstrahlen bringen die Farben auf dem Teppich zum Leuchten. 'Man sollte es am besten so lassen', denkt er, 'wenn es nur immer so schön wäre wie zu dieser Jahreszeit!' Ganz in Gedanken versunken bemerkt er gar nicht, daß Annemarie hereingekommen ist. "Papa, ich soll dich abholen, wir gehen alle zusammen mit Meyers essen." Johann reckt sich wie nach einem Schlummer, dann streckt er die Arme aus und sagt "Ah, komm' her, mein Schatz, mein Goldkind, setz' dich zu mir." Annemarie schaut sich um. "Nennst du das einen Salon? Mit einem einzigen Stuhl?" Er zieht sie an sich heran. "Hier, setz' dich auf meine Knie, genieße mit mir die herrliche Aussicht." "Dafür bin ich schon zu groß." Er lacht. "Wofür?" "Um auf deinen Knien zu sitzen." "Ach was, mach's trotzdem, mir zuliebe." Sie setzt sich, legt einen Arm um seinen Hals und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. "Ich soll dich abholen." "Wohin?" "Wir treffen uns mit Meyers zum Mittagessen." "Meyers? Der Apotheker am Schmalen Rain?" "Häh? Die wohnen doch unten am Park." "Ach ja, tatsächlich? Sind sie umgezogen?" "In einem riesengroßen Haus. Mama und ich sind fast jeden Tag dort. Ich habe mich mit Clarissa angefreundet, sie ist ein Jahr älter als ich, also nicht ganz ein Jahr." "So. Wie schön." "Was?" "Ich meine, daß du eine neue Freundin hast." "Kommst du nun endlich mit? Ich muss nämlich wieder los, die warten schon alle." Sie steht auf. Er sagt "Ja. Ach, weißt du was, geht ihr mal essen, ich komme dann nach." "Du weißt doch gar nicht wo." "Ich denke bei Meyers." "Ja, aber essen tun wir im Restorang." "In welchem?" "Weiß nicht, wie das heißt." Vorm Haus hupt ein Auto. "Papa, ich muss jetzt wieder los, der Herr Oskar wartet unten." "Wer?" "Das ist irgendein Verwandter von denen, musst du Mama fragen." "Der hat dich hergefahren?" "Na ja, um dich abzuholen, aber wenn du später kommst, sag' ich's den anderen." "Ja, tu' das." Es hupt wieder, Annemarie springt die Treppe hinunter, und einen Moment später hört Johann, wie der Wagen wegfährt. Er geht auch nach unten. Die Meyers und das Mittagessen hat er gleich wieder vergessen. Dann kommt ein Ehepaar mit einem Buben, die ein Familienphoto machen lassen wollen, sie haben einen Termin mit Johann vereinbart, und der tut so, als habe er sie erwartet. Aber dann kommt außerdem ein junger Soldat, der sich ein Weilchen gedulden muss. Er setzt sich auf einen Stuhl in der Ecke und zündet sich eine Zigarette an. Johann sagt ihm, daß man hier im Atelier nicht rauchen dürfe, worauf der Soldat verschwindet. Für derart Familienphotos benutzt er den Lehnstuhl, auf dem der Vater Platz zu nehmen hat und von der Gemahlin auf der einen, dem Nachwuchs auf der anderen Seite flankiert wird. Als er ihn von oben holen will, meint der Vater, sie könnten sich ebensogut hinstellen, "schließlich bin ich noch kein alter Opa", und der Junge muss lachen. Er stellt sich vor seine Eltern, und der Vater legt die Hand auf seine Schulter. Es ist fast noch besser gelungen als mit dem Lehnstuhl. Als Johann die drei hinausbegleitet, steht der Soldat vor dem Schaufenster und raucht immer noch. "Das ist nicht gut für die Gesundheit, junger Mann", sagt Johann. "Ja, ich weiß", erwidert er. Als das Photo fertig ist, sagt er "Ich möchte Sie darum bitten, das Photo an folgende Adresse zu schicken, würden Sie das tun? Ich bezahle auch das Briefporto." "Wie Sie wünschen." Es ist für eine Frau hier in Seligenbrunn bestimmt. Als der Soldat bezahlt, fragt er "Heben Sie eigentlich alle Photoplatten auf?" "Eine gewisse Zeit lang." Da kann man das Signal des Mittagszuges hören, der sich dem Bahnhof nähert. Der Soldat hat es plötzlich eilig, und Johann bemerkt erst jetzt den Tornister, den er draußen im Flur abgelegt hatte. 'Wahrscheinlich ist er vollgepackt mit Zigaretten', denkt er, geht nach oben, schließt das Fenster und bringt den Lehnstuhl mit herunter. Es ist schon dunkel, als Christiane nach Hause kommt. Annemarie schläft wieder bei Tante Helgard. Johann hat den Eindruck, als habe Christiane seit dem Dahinscheiden der Mutter an Frische und Optimismus dazugewonnen. Das hätte ihn einerseits betrüben sollen, muss er sich doch schließlich eingestehen, daß das Verhältnis der beiden Frauen zueinander nicht eben das glücklichste gewesen war. Andererseits ist Christianes Aufblühen für ihn ein Trost und eine Art Beruhigung, was ihm hilft, den Fortgang der lieben Mutter etwas leichter zu verkraften. Freilich hat niemand eine so innige Beziehung zu diesem Menschen gehabt wie er, was ja auch ganz natürlich ist. Dennoch wirft die Wandlung trotz ihrer positiven Seite einen - wie soll er sagen - nachträglich dunklen Schatten auf die vergangenen Jahre. Sollte Christiane etwa viel mehr unter Mutters Anwesenheit im Haus gelitten haben, als sie es sich hatte anmerken lassen? Sollte er das niemals richtig wahrgenommen oder gar unbewusst ignoriert haben? Wenn ja, dann wäre es jetzt am besten, Christianes zurückgewonnener Lebensfreude freien Lauf zu lassen und auch nicht zuviele Erklärungen oder Begründungen für ihre derzeitigen Stimmungen und Beschäftigungen zu verlangen. In manchen Augenblicken jedoch wünschte sich Johann ein offenes Gespräch mit ihr. Und selbst, wenn sie sagen würde, daß sie Mutter gehasst habe, würde er das akzeptieren, denn ihr Tod hatte doch wie durch höhere Gewalt alle Feindseligkeit, die etwa im Hause herrschte, aufgelöst. Immer häufiger benutzt er das obere Badezimmer und die Toilette dort und überlässt Christiane und Annemarie jenes im Erdgeschoss. So hat bald jeder sein eigenes, und die Putzfrau, die zweimal die Woche kommt, wird angewiesen, Waschlappen, Handtücher etc. entsprechend auf beide Plätze zu verteilen. Johann bemerkt auch, daß Christianes Migräneanfälle seit einiger Zeit ausbleiben. Als er sie daraufhin anspricht, meint sie bloß, Doktor Rheinländer habe ihr ein neues Medikament verschrieben. Das ist nicht der Arzt, der so viele Jahre für sie da war, wenn sie ihn brauchten, nicht der, welcher Mutters Totenschein ausgestellt hatte, sondern ein anderer, ein neuer, und Johann wundert sich, warum sie darüber kein Wort verloren hat. Eines Morgens beim Frühstück meint Johann, sie könnten doch alle zusammen eine kleine Urlaubsreise machen, zum Beispiel an die Ostsee. Christiane lacht; es ist wieder dieses Lachen wie über eine Schnapsidee, als habe sie es in der Vergangenheit Dutzende Male erlebt, wie solche kühnen Pläne kläglich endeten. Aber sie sagt "Ja, warum nicht. Es gibt nur ein Problem: Annemarie hat keine Ferien." "Ach was", entgegnet er, "wir lassen sie freistellen für eine Woche." Annemarie ist begeistert, Christiane wiederholt "Wir lassen sie freistellen? Du machst das?" "Ja." "Kennst du denn überhaupt ihren Lehrer?" "Herrn Kleinhempel? Natürlich. Den werde ich schon überzeugen." "Aber Papa, Herr Kleinhempel ist gar nicht mehr an unserer Schule." Christiane nimmt sehr deliziös einen Schluck Kaffee aus der Tasse. Dann sagt sie "Ich werde das übernehmen." "Großartig", ruft er, und Annemarie klatscht in die Hände. "Dann kümmere ich mich um alles andere. Wir müssen eine Liste machen - ich muss eine Liste machen mit allen Sachen, die wir brauchen." Er wirft die Serviette auf den Teller und holt Papier und Stift. Vormittags kommen drei Kunden zum Photopraphieren, und Johann empfindet sie als lästige Störung bei der Erstellung seiner Liste. Sie ist erst am Mittag fertig. Die Hälfte von allem, was er notiert hat, ist wieder durchgestrichen, und mit dieser kritischen Auswahl und der Beschränkung auf das Nötigste, ohne dabei ein gewisses Maß an Komfort zu unterschreiten, ist Johann besonders zufrieden. Sie nehmen ein Hotelzimmer im Seebad Binz auf der Insel Rügen. Das Doppelbett ist schmal, Annemarie schläft auf einer Art gepolsterter Pritsche. Nachts war Johann aufgewacht und hätte gern mit Annemarie die Plätze getauscht. Das Wetter ist herrlich; die Dünen, der Strand, das Meer, alles ist wie dafür geschaffen, Leiden und Sorgen zu vertreiben und sich nur dem Wohlgefühl und guter Laune zu überlassen. Sie mieten zwei Strandkörbe und packen jeden Tag einen großen Korb voll Proviant, von dem Annemarie immer einige Weißbrotkrumen an die Möwen verfüttert, die im Flug laut kreischend danach schnappen. Johann genehmigt sich stets eine Flasche Bier, die eine Weile im feuchten Sand eingegraben und gekühlt wird. Es macht ihn so schön schläfrig; und einmal nachmittags wacht er auf, und Annemarie liegt in unmöglicher Positur im anderen Strandkorb und liest. Wo Mama sei, fragt er. Die wäre im Hotel, knurrt Annemarie, hätte Leute kennengelernt. "Und du? Bist nicht dabei?" "Das sind nur so blöde Kerle." Er gähnt. "Na ja, dann bleib' hier bei mir, hier ist es auch schön, nicht wahr?" "Ja, sicher", knurrt sie, und beim Umblättern reißt die Seite ein. Als sie wieder zu Hause in Seligenbrunn sind, rieselt überall aus den Sachen noch Sand heraus. Johann stellt fest, daß das Fernglas, das er im Koffer gesucht hatte, daheim liegen geblieben war, und Christiane vermisst eine Haarspange. Dann sind regulär Schulferien; Annemarie präsentiert den Eltern ein hervorragendes Zeugnis und darf sich dafür etwas wünschen. Sie zieht zuerst ein neues Fahrrad in Erwägung, aber da ihre Freundin keins hat, entscheidet sie sich für ein Paar modische Schuhe für junge Damen. Sie bekommt eine dicke Blase am rechten kleinen Zeh, doch als das überstanden ist, läuft sie jeden Tag darin umher. Sie übernachtet häufig bei Tante Helgard und manchmal bei Clarissa, mit der sie ständig zusammen ist. Wenn Johann keine Aufnahmen macht, überholt er seine Photoausrüstung, es gibt hier und da etwas zu reparieren oder zu erneuern. Mutters Zimmer ist bis auf den schönen Teppich immer noch leer. Die Putzfrau schlägt vor, es zu möblieren und dann zu vermieten, und Johann denkt eine Stunde lang darüber nach, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Christiane erscheint eines Tages in Begleitung eines Herrn, der sich das Zimmer anschaut. Johann trifft die beiden oben an, wie sie mit großzügigen Handbewegungen eine Einrichtung in die Luft zaubern. Sie stellt ihn Johann vor als einen Innenarchitakten, und der Innenarchitekt nimmt von Johann kaum eine Notiz. Christiane meint, sie hätten einen Entwurf, der ihm, Johann, bestimmt auch gefallen wird, und der Innenarchitekt sagt, der Teppich sei viel zu groß und überdies zu "grell", man bevorzuge jetzt allgemein dezente Farben. "So was finden Sie sonst nur noch im Puff", sagt er und schaut das einzige Mal Johann ins Gesicht. Am Nachmittag - der Innenarchitekt ist längst gegangen - überkommt Johann eine Begierde, die er nicht bändigen kann. Die Hände, mit denen er eine Photoplatte hält, fangen an zu zittern, und zwischen den Beinen zieht es sich zusammen, als würden alle Säfte seines Körpers dorthin angesaugt. Christiane sitzt im Gartenstuhl auf der Veranda. Er geht zu ihr hin, packt sie und zieht sie hinein, sie plumpsen auf's Sofa. Christiane lacht. Er raffelt ihren Rock hoch, und sie lacht noch mehr, und es ist diesmal ein fröhliches Lachen, das ihn antreibt und ihm signalisiert, daß es ihr gefällt. Sie kann sich gar nicht wieder beruhigen, es ist beinahe wie ein Anfall. Er reißt wild an ihrer Wäsche herum, aber bevor er ihren Schlüpfer heruntergezogen hat, ist es bei ihm schon passiert, und er sinkt mit einem Seufzer auf ihren weichen Busen, auf dem er von ihren Lachstößen durchgeschüttelt wird. Später am Abend fragt er nach den Entwürfen für das Zimmer, und Christiane erwidert "Beim nächsten Mal werden wir dich gewiss einweihen." Aber beim nächsten Mal werden schon die ersten Möbel gebracht. Eine kleine Kommode, ein Schrank mit einer Front aus Glasfensterchen, ein zierlicher Sekretär, dann eine schmale Chaiselongue. Die Schubkästen der Kommode haben kaum Tiefe, und wollte man auf der Schreibplatte des Sekretärs einen Brief schreiben, müsste man das Blatt quer legen. "Das ist auch nur, um die Schroffheit der Wände abzumildern", erklärt Christiane, "damit das Fluidum besser vom Boden hinaufgleiten kann." "Was für ein Fluidum?" Sie erkundigt sich beim Innenarchitekten und antwortet Johann "Das Fluidum, das jeden Raum erfüllt." Er glaubt kein Wort, aber es erheitert ihn plötzlich und er sagt "Dieses Fluidum, kann man das auch eindampfen?" Christiane wird zornig. "Bist du mit deinem Salon auch nur einen Schritt vorangekommen?" Da bemerkt er, daß sie den Teppich entfernt haben, er findet ihn zusammengerollt auf Mutters alten Möbeln im Schuppen. Der Händler, bei dem er ihn kaufte, hatte gesagt "Und noch einen Hinweis, Herr Zelter: Teppiche werden niemals gerollt, sondern zusammengefaltet." Am nächsten Morgen hat Christiane schon beim Frühstück rotgeweinte Augen. Annemarie umschlingt sie mit den Armen und versucht, sie zu trösten. Johann fragt, was los sei. "Ach", sagt Christiane, und die Tränen kullern über ihre Wangen, "ich weiß doch auch nicht, ob ich das alles richtig mache." "Was meinst du?" Sie weist nach oben. "Mit Mutters Zimmer. Ich will doch nur, daß wir es schön haben im Haus." Johann hat Mitleid mit ihr, und zum erstenmal hat sie "Mutters Zimmer" gesagt. "Es ist schön bei uns zuhause." Er nickt Annemarie zu, die streichelt Christianes Gesicht und sagt "Ja, Mama, mir gefällt es auch hier." Christianes Lächeln wird von einem Seufzer erstickt. "Ja, aber du sollst das letzte Wort haben, Johann, das ist mir wichtig." "Wobei?" "Papa! Bei der Einrichtung von dem Zimmer natürlich." "Meine liebe, gute Christiane, ich verstehe etwas vom Photographieren, aber für Inneneinrichtungen bin ich wahrscheinlich nicht der richtige Mann." "Warum hast du dann das gestern gesagt?" "Was?" "Das mit dem Eindampfen." "Aber das war doch nur Blödsinn." "Es hat uns verletzt." "Ich bitte dich, das war nur Blödsinn." Sie schweigt. Schließlich sagt er "Möchtest du, daß ich mich dafür entschuldige? Ist dann wieder alles gut?" Sie nickt mit einiger Bestimmtheit. "Es tut mir leid." Dann frühstücken sie, und Annemarie erzählt von einem Erlebnis mit ihrer Freundin Clarissa. Sie redet wie ein Wasserfall und ihr Blick geht ständig zwischen den Eltern hin und her, und dann bringt sie die beiden zum Lachen. "Jetzt müsst ihr euch einen Kuss geben", fordert sie. Johann erhebt sich, geht zu Christiane hin, küsst sie auf den Mund und streicht dabei über ihr Haar. Den ganzen Tag hat er im Atelier zu tun, es kommt ein Kunde nach dem anderen. Er ist nicht sehr gesprächig. Gegen Abend geht er zum Schuppen, zerrt den Teppich von den Möbeln herunter, rollt ihn auf dem Rasen aus, faltet ihn dann Hälfte auf Hälfte zusammen und wuchtet das Paket wieder hinein. Das Zimmer füllt sich noch mit ein paar Möbeln, ebenso klein und unpraktisch wie die ersten. Dann wird ein kolossaler Kronleuchter angeliefert, und der Innenarchitekt heuert einen Elektriker an, der gemeinsam mit zwei Gesellen das Gehänge an der Decke befestigt. Als sie es einschalten, fliegen die Sicherungen raus. Johann ist in der Dunkelkammer und bekommt davon nichts mit. Irgendwann kommt Christiane mit einem schwarzen Seidenschal zu ihm und sagt feierlich "Es ist soweit." Er muss sich die Augen verbinden lassen und wird die Treppe hinaufgeführt. Christiane löst das Tuch von seinem Kopf, und der Innenarchitekt legt die Nadel vom Grammophon auf die Platte, es erklingt der Triumphmarsch aus Aida. Aus irgendeinem Grund, aber bestimmt nicht, weil er von dem Anblick überwältigt ist, treten Johann die Tränen in die Augen. In der folgenden Woche regnet es täglich viele Stunden lang. Die Kunden bringen an ihren Schuhen eine Menge Schmutz ins Atelier, und die Putzfrau muss öfter als sonst saubermachen. Johann legt eine alte Matte unter die Garderobenhaken und stellt einen Schirmständer in den Flur. Am Mittwoch, bei strömendem Regen, kommt ein fremder Herr zu ihm. Er hat einen leichten Regenmantel an und einen Hut mit breiter Krempe auf, aber er ist offensichtlich draußen vom Regen nicht im geringsten nass geworden. Er legt nicht ab, stellt sich nicht einmal vor, sondern holt unterm Arm eine Ledermappe hervor und bittet Johann, einen Blick auf den Inhalt zu werfen. Sein Gesicht hat eine dunkle Farbe, beinahe wie Bronze, denkt Johann, aber es kann auch vom Schatten unter der Krempe herrühren. Dieser Hut scheint wohl aus Schafwolle gefertigt zu sein, so einen hat Johann einmal in einem Geschäft gesehen, er war sehr dicht gewebt, gut wasserabweisend und ziemlich teuer. "Was ist das?" fragt Johann. "Photographien, die Sie vielleicht interessieren", antwortet der Mann. Er folgt Johann ins Atelier, zieht einen Stapel Photographien auf feinem, weißen Karton aus der Mappe und legt ihn auf den Tisch. Sie stehen sich gegenüber. Auf dem obersten Bild ist eine Steppenlandschaft zu sehen, mit ein paar vereinzelten Rindern, die offenbar an einer Wasserstelle weiden; im Hintergrund erheben sich schneebedeckte Berge. Es ist keine mitteleuropäische, allenfalls eine südliche Landschaft, vielleicht in Spanien. Johann will es näher betrachten, aber er zögert. Von dem Stapel geht ein eigenartiger Geruch aus, als wären die Photos parfümiert, doch es ist eher ein herber Duft wie von einem Kraut oder Gewürz. Der Mann spricht kein Wort, und da Johann bereits die Hand ausgestreckt hat, will er nicht unhöflich erscheinen und nimmt das erste Bild auf. Obwohl der Karton eine gewisse Stärke hat, ist er federleicht. Und als wäre ihm das, was darauf zu sehen ist, anscheinend völlig gleichgültig, fragt er "Was für ein Karton ist das?" "Bitte?" "Ein solcher Karton ist mir noch nicht vorgekommen." Es klingt, ungewollt oder nicht, ein bisschen misstrauisch. Geht hier etwas nicht mit rechten Dingen zu? "Schauen Sie sich die anderen an", sagt der Mann. In Windeseile hebt Johann ein Photo nach dem anderen ab, ohne irgendeins genauer in Augenschein zu nehmen. Nur bei einer Aufnahme hält er einen Moment länger inne, und der Mann murmelt ein paar Worte, die aber Johann überhört, denn er zwingt sich sogleich, dieses eine Bild unter den anderen wieder verschwinden zu lassen. "Und warum zeigen Sie mir das?" fragt er. "Ich möchte Ihnen die Photos verkaufen." "Verkaufen?" Er schiebt den Stapel ein Stück von sich weg. "Mein Herr, ich verkaufe meine eigenen Photographien." "Diese Aufnahmen sind einmalig, möglicherweise wertvoll." Johann denkt 'Warum kommt denn kein anderer Kunde, damit ich diesen Mann rasch wieder los werde.' "Ich bestreite gar nicht, daß sie einmalig sind, aber wertvoll? Wem sollten hier diese öden Landschaften oder diese Maultiertreiber gefallen?" Der andere schweigt wie abwartend. Mit einer etwas ungestümen Bewegung langt Johann abermals nach dem Stapel und blättert ihn noch schneller durch als vorhin. "Allenfalls für diese Gebirgsansichten fände sich vielleicht ein Käufer." "Es sind die Anden", sagt der Mann, "genauer gesagt, die Cordillera de los Andes." "So, so. Aber das hier, ein zusammengestürztes Haus, was bitte soll daran Besonderes sein?" "Das war das Erdbeben in Los Alamos." "Ein Erdbeben?" sagt Johann vorsichtig, und die beiden Männer schauen sich an. Der andere hat dunkle, braune Augen, von einer ungewöhnlichen Tiefe, als würde darin ganz weit nach hinten gerückt all' das, was auf diesen Bildern festgehalten wurde, sich in diesem Moment abspielen. "Wo liegen die Anden? In Peru?" "Diese hier in Argentinien, an der Grenze zu Chile." Johann senkt den Blick, und in seiner Hand hält er wieder das eine Photo, das ihm zuerst aufgefallen war. Er reicht den Stapel zurück. "Nein, mein Herr, ich habe dafür keine Verwendung. Tut mir leid, vielleicht versuchen Sie es woanders." "Das geht nicht", erwidert der andere ruhig. "Wieso nicht? Es gibt noch andere Photographische Anstalten in der Stadt. Oder wenden Sie sich ans Historische Museum, die besitzen eine photographische Sammlung." Ein mildes Lächeln huscht über das Gesicht des Mannes. "Ich bin nur noch eine Stunde hier", sagt er und es klingt, als würde dann eine bestimmte Frist abgelaufen sein. "Ah, ich verstehe", sagt Johann erleichtert; er würde also Gott sei Dank nicht wiederkommen. "Sehen Sie, wenn Sie sich länger hier aufhielten, dann bestünde die Möglichkeit, daß man die Photos im Schaufenster ausstellt, und wenn jemand Interesse ..." "Danke für Ihre Bemühungen", unterbricht ihn der andere, "wie gesagt, daraus wird nichts." "Nun, dann möchte ich Sie nicht unnötig aufhalten", sagt Johann und geht zur Tür. Der Mann hebt nur leicht die Hand zum Gruß, Johann schaut zum Himmel und meint "Es hat etwas nachgelassen." "Es scheint so." "Hat mich gefreut", sagt Johann und schließt die Tür. Er geht zurück ins Atelier, auf dem Tisch liegt eine einzelne Photographie aus dem Stapel, mit der Rückseite nach oben. Seine Hand zittert, als er danach greift. 'Ich werde sie nicht umdrehen', denkt er. Er tut es doch. Es ist der Ausblick auf eine Schlucht, auf deren Grund sich ein silbrig glänzender Fluss schlängelt. Er schnuppert an dem Karton, er riecht nach diesem seltsamen Gewürz. Er eilt zur Tür. Der Mann steht draussen, ohne Hut. Johann fragt ihn, wieviel er für die Photos verlangt. Der Mann nennt den Preis. Es ist so wenig, daß Johann es mit den paar Scheinen, die er stets in seiner Hosentasche hat, bezahlen kann. "Leben Sie wohl", sagt der Mann und verschwindet hinter der nächsten Ecke. Christiane hat immer häufiger Gäste im Haus. Es fing an mit 5-Uhr Tees, zu denen sie im oberen Zimmer einlud. Es wird jetzt übrigens als "Suite petít" bezeichnet. Dann folgten Soirees und Matinees, und ein paar Mal blieben zwei von ihren Freundinnen auch über Nacht. Johann ist es ein Rätsel, wo und wie sie eigentlich schlafen; er findet sich damit ab, daß ihm Christiane zeitweilig Toilettenverbot für die obere Etage erteilt, er benutzt dann ihre, und es ist ihm lieber, als einer von den Damen in unpassenden Augenblicken zu begegnen. Nachmittags darf manchmal auch Annemarie mit dabei sein, wenn wieder irgendein lustiges Würfelspiel ausprobiert wird, von denen, so scheint es Johann, drei neue pro Woche herauskommen. Einmal liegt eines der zusammenklappbaren Spielfelder aus Pappe auf dem Tisch herum, und Johann erkennt darauf das alte Fuchs und Gans Spiel, nur sind es neuerdings deutsche und französische Soldaten, die sich gegenseitig an der Nase herumzuführen versuchen. Besonders originell findet er das nicht. Christiane (und auch manche ihrer Gäste) haben Johann ein paarmal aufgefordert, ihnen Gesellschaft zu leisten, aber er schützt die Arbeit vor, es seien noch jede Menge Photoplatten bis zum nächsten Tag zu entwickeln, und ein Vetter des Apothekers Meyer, der häufig mit von der Partie war, meint "Na, mein lieber Zelter, dann rühren Sie mal ihre Chemikalien zusammen, und wir mischen uns derweil einen Cocktail", womit er die Lacher auf seiner Seite hat. Überhaupt wird viel getrunken in der Suite petít, und wenn Johann der Putzfrau begegnet, klemmen stets leere Sektflaschen zwischen ihren Fingern. Abends wird zur Musik vom Grammophon getanzt, und wenn Mitternacht ist und jemand hat Geburtstag, gibt es großes Hallo und ein Liedchen wird gegrölt. Einmal ist der Feinkostladenbesitzer Persicke, ein junger Mann, der das Geschäft kürzlich vom Vater übernommen hat, so aufgedreht, daß er das Fenster sperrangelweit aufreißt und mehrere Schüsse aus seinem Revolver in die Nacht hinausfeuert. Das ist Johann zuviel, er steigt die Treppe hinauf, um das ganze Pack rauszuwerfen. Sie sind alle erschrocken über Persickes Unfug, er selbst hängt sternhagelvoll über dem Sekretär und kotzt in den Sektkühler. Es gelingt Christiane und ihren Gästen, Johann zu beschwichtigen, und ein wenig später löst sich die Gesellschaft in etwas betretener Stimmung von allein auf. Man macht sich bei den folgenden Treffen einen Spaß daraus, den Persicke auf (unerlaubtes) Waffentragen zu visitieren. Persicke versorgt die Leute immer mit leckeren Salaten, und manchmal findet Johann auf dem Frühstückstisch zwei oder drei halbleere Schüsselchen mit Geflügel- oder Käsesalat, bei dem die Mayonnaise langsam anläuft. Das sei übriggeblieben, erklärt Christiane im Vorbeigehen. "Ihr könnt das alles essen", fügt sie hinzu, "ich hab' genug von dem fetten Zeug." Daraufhin verzichtet Annemarie natürlich auch. Christiane achtet jetzt sehr auf ihre gute Figur, aber es fällt ihr schwer, und wenn es früher die Migräneanfälle waren, die sie heimsuchten, so ist es jetzt mitunter eine Mischung aus Hysterie und Verzweiflung, die sie aufregt und ihr scharlachrote Flecken auf Hals und Gesicht verpasst. Sie und ihre Freundinnen wetteifern um die meiste Attraktivität, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Schönheitscreme, ein Schlankheitsmittel oder ein Pulver ausprobiert wird, welches in einem Glas Wasser aufgelöst und dreimal täglich getrunken, dem Haar mehr Fülle und Glanz verleihen soll. Einmal, als oben wieder munteres Treiben ist, klopft es an Johanns Ateliertür und herein kommt das Fräulein Wabersich, das noch nicht allzu lange "dabei" ist, aber über hervorragende Beziehungen zu allen möglichen Leuten in der Stadt verfügt. "Darf man eintreten?" fragt sie, und Johann kann es ihr schlechterdings nicht verwehren. "Ich bin die Felicitas, wir kennen uns vom Sehen." "Ja, ich erinnere mich", erwidert Johann, nicht ohne eine Spur von Ironie, die sagen soll, daß er sich schon seit einiger Zeit nicht mehr darum kümmert, was in der Suite vor sich geht. "Ich wollte Sie mal fragen, ob Sie auch Nacktaufnahmen machen." "Nachtaufnahmen?" "Wie bitte?" "Was haben Sie gefragt?" "Ob Sie auch Nacktaufnahmen machen." "Wovon?" "Wovon? Von einer Person zum Beispiel." "Ich dachte, Sie meinten Nachtaufnahmen." Sie muss sehr lachen. "Sie meinen jetzt den Mond, wenn er am Himmel steht." "Ja, oder wenn sich in der Rosengasse im Laternenlicht die langen Schatten übers Straßenpflaster strecken." "Huh, das ist ja ganz schön schaurig", sagt Felicitas, kreuzt die Arme vorm Busen und reibt sich die Schultern. Dann kommt sie näher heran, und als sie sagt "Aber Sie haben mich schon richtig verstanden, Johann", da lässt sie ihren Mund etwas offen, und die Zungenspitze gleitet zwischen ihren feuchten Lippen einmal hin und einmal her. "Wo machen Sie das? Hier auf dem Sofa?" Da spürt Johann, wie es am Hals zu pochen anfängt. "Ähm, ja, für gewöhnlich." Sie drückt leicht mit der Handfläche auf das Sofapolster, das federnd nachgibt. "Und wie machen Sie's ungewöhnlich?" "Tja, also ...", sagt er und sieht, daß Fräulein Wabersich wie mit einem Zauberstreich ihr Kleid fallen lässt. Das Weiß ihrer Unterwäsche steht im reizenden Kontrast zu den schwarzen Strümpfen, die mit schmalen, elastischen Bändern oben gehalten werden. Sie legt einen Fuß nach hinten aufs Sofa und beginnt, ihr Mieder vorn aufzuschnüren. Johann steht da wie erstarrt. "Wollen Sie nicht schon mal Ihren Apparat aufbauen?" meint sie und legt ihre milchweißen Brüste mit rosigen Nippeln frei. Doch da ruft von oben jemand hinunter "Felicitas! Wo steckst du denn bloß, wir wollen anfangen." Dann hört man Schritte auf der Treppe. Johann eilt zur Tür, Felicitas zieht rasch ihre Sachen wieder an. "Lassen Sie nur, Johann", flüstert sie und ruft nach oben "Ich komme." Der Rufer kehrt wieder um. "Manchmal könnte man die alle auf den Mond schießen", sagt sie, "mach' mir mal das Kleid hinten zu." Johann tut es, und er ist ganz geschickt dabei. "Danke." Sie gibt ihm einen Klaps auf die Wange. "Dann verschieben wir das aufs nächste Mal, einverstanden?" Und sie schlüpft an ihm vorbei zur Tür hinaus. Als Annemarie die Masern bekommt, finden keine Vergnügungen in der Suite petít statt, und die Putzfrau hat endlich einmal Zeit, alles gründlich zu säubern. Sie sagt zu Johann "Herr Zelter, da wäre Ihr schöner Teppich aber tüchtig verhunzt worden, wenn der alle die Flecken abgekriegt hätte, die jetzt der hat. Annemarie liegt im Bett und will vorgelesen bekommen. "Dafür bist du schon zu groß", meint Christiane, liest aber doch ein paar Seiten aus Gullivers Reisen, das die beiden "stinklangweilig" finden. "Mama, warum haben wir keine spannenden Bücher?" Christiane zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung." Christiane weiß selber nichts mit sich anzufangen. Etliche ihrer Bekannten sind verreist, und Persicke hat einen Wasserrohrbruch im Laden. Dann will sie übers Wochenende mit einer Freundin fort fahren, kommt aber Samstagabend schon wieder zurück; die Freundin hätte sich ganz schlimm den Fuß verstaucht. Ach ja, und falls der Innenarchitekt hier aufkreuzt: sie sei nicht da. Am Donnerstag kommt Christiane zu Johann ins Atelier, er kann sich nicht entsinnen, wann sie das zuletzt getan hat. Er ist so vertieft, daß er sie nicht bemerkt und erschrickt, als sie ruft "Du liebe Güte, Johann, was hast du denn für einen Hut auf?" "Den hat ein Kunde hier liegengelassen." Sie will ihn von seinem Kopf nehmen, aber er reagiert empfindlich "No, no, Senora, es mio sombrero." "Bist du übergeschnappt?" "Nein. Dieser Herr hat mir ein Bündel Photographien aus Südamerika verkauft." "Und weiter?" "Willst du sie dir mal anschauen?" "Ja, später vielleicht. Ich wollte bloß mal gucken, was du so treibst." Sie wendet sich zum Gehen. "Und setz' um Himmels Willen diesen Eierkorb ab." "Ja, gleich." Johann kennt die Alpen. Als Annemarie noch nicht geboren war, haben sie einen Urlaub in Garmisch Partenkirchen verbracht. Die Berge hier auf den Photos, die der Mann Cordillera des los Andes nannte, sind anders als die Alpen, Johann kann nicht sagen, wie. Aber einmal nachts im Traum hat ihm der Mann noch einmal die Photos verkauft, und dabei gesagt, es wären die einzigen Aufnahmen vom Mondgebirge. "Vom Gebirge auf dem Mond?" will Johann fragen, aber da reißt der Traum ab. Selbst wenn er bloß seiner eigenen Phantasie entsprungen war, so wünschte er sich, der Unbekannte möge ihm wieder erscheinen, damit er ihm weitere Auskunft geben könnte. Beinahe in jeder freien Minute betrachtet er die Photos, auf dem Tisch liegt nichts anderes als dieser Stapel. Frühmorgens vor dem Frühstück geht er ihn durch, wie wenn er sich vergewissern müsste, daß über Nacht nichts daran verändert wurde. Selbst wenn er Kunden im Atelier hat und mit seiner Technik beschäftigt ist, hat er in Gedanken jene Bilder vor Augen. Beim Entwickeln unterm Rotlicht der Dunkelkammer ist ihm, als tauchten auf den Abzügen immer zuerst die Motive mit den schneebedeckten Bergen auf, die anscheinend noch höher sind als jede Wohnstatt der Götter. Er verändert die Reihenfolge, legt ähnliche Ansichten zusammen, versucht herauszufinden, ob manche der endlosen Landschaften vom selben Standort aus aufgenommen waren, etwa nach der Art eines Panoramas. Und tatsächlich meint er, auf drei verschiedenen Perspektiven immer denselben Berg zu erkennen. Manchmal nachts wacht er auf, von einer Ungewissheit geweckt, geht ins Atelier, knipst das Licht an und kann doch wieder nicht mit Sicherheit sagen, ob jene hellen Stellen zwischen den schroffen Felsen ein Weg, jene fünf dunklen Punkte Reiter sind, jener Haufen Steine auf der Höhe ein Grab oder einen Orientierungspunkt darstellt? Auf einem Bild sind zwei Lastwagen zu sehen, der eine mit prallgefüllten Säcken, der andere mit Kisten beladen. Sie stehen auf einer hellen Ebene, die sich im Hintergrund ins weiße Nichts verliert. Die Fahrer sind ausgestiegen, und ganz vorn schaut ein Hund unschlüssig in die Kamera. Auf einem anderen führt eine Brücke über den Fluss, sie ist aus Bandstahl mit dicken Nieten gebaut. Ein anderer Fluss (oder ist es derselbe?) hat heftige Stromschnellen. Eine Allee ist mit turmhohen Pappeln gesäumt, wie klein wirkt der Karren mit Maultier und Mann mitten auf der Straße. Es gibt ein paar Photos mit Häusern, stattliche Villen inmitten von Gärten mit Palmen, gepflegter Rasen mit Blumenbeeten, Laubengänge mit rankendem Wein. Das Prospekt einer Straße mit Geschäften, dem Hotel "Centenario", der "Casa Troy", das ein Kaufhaus sein muss, wie Johann vermutet. Am Straßenrand stehen offene Pferdekutschen und eine Handvoll Automobile. Dann ein einzelnes flaches Gebäude mit breiter Front, vor dem eine Mädchenklasse mit ihren Lehrerinnen Aufstellung genommen hat. Auf einer Farm treiben Reiter mit großen Hüten schwarze Rinder in einen Pferch - sie verschwinden in Flammen aus Staub. Und irgendwo, weit draußen, an einem Abhang mit Felsgestein und Schotter, auf einem schmalen Sims vor einem Loch im Berg, haben sich vier Männer offenbar überreden lassen, für einen Augenblick aus ihrer Mine herauszukriechen; der eine hält den Arm schützend gegen das blendende Sonnenlicht. Und dann ist da dieses eine Bildnis, wegen dem er in Wahrheit den ganzen Stapel gekauft hat und das, er spürt es fast schmerzhaft, allmählich seine Sinne verwirrt, seine Gefühle verfälscht und ihm den Verstand raubt. Es ist, als spräche es zu ihm, als fordere es ihn auf, etwas zu tun, woran er sein Lebtag nicht gedacht hat, das ihm nicht einmal im unglaublichsten aller Träume eingefallen wäre. Die Photographien sollten Johann fortan nicht mehr loslassen. Er sucht sie mit der Lupe ab, damit ihm kein Detail entginge. Es gibt dort eine Bahnstation am Rande einer Stadt, ein Zug mit einer kleinen Dampflok und vier Wagen fährt gerade ein. Auf dem verlängerten Bahnsteig spielt eine Militärkapelle, Herren in vornehmen Anzügen, Damen in weißen Kleidern und mit großen Hüten erwarten die Ankunft. Abseits stehen Gemüsehändler mit ihren Karren. Kinder und Hunde springen umher; auf dem Bahnhofsdach sitzt ein Schwarm Tauben. Auf dem Schild kann Johann den Namen des Ortes erkennen: SAN GABRIEL. Er freut sich wie ein Forscher, der ein neues Element entdeckt hat und ihm hiermit einen Namen gibt. San Gabriel. Mehr braucht er vorläufig nicht zu wissen. Annemarie ist wieder gesund und sogar ein bisschen fraulicher geworden. Der Innenarchitekt kommt wieder häufiger zu Christiane, die beiden planen, die Tür in der Zwischenwand zu verbreitern und das angrenzende Zimmer zu einem Wintergarten umzugestalten. Dazu soll die Fensterfront verglast werden. Johann fragt erst gar nicht nach den Entwürfen, gibt Christiane aber den Hinweis, daß man vorher die Statik des Hauses prüfen sollte. Sie erkundigt sich beim Innenarchitekten, was Johann damit gemeint haben könnte, und daraufhin zieht sich die Planung etwas in die Länge. Die Parties finden also nach wie vor in der Suite petít statt, und es gibt ein paar neue Gäste. Eines Sonntags beim Frühstück sagt Johann, er trage sich mit dem Gedanken, für ein halbes oder ein ganzes Jahr nach Südamerika zu gehen, um dort Land und Leute zu photographieren. Er schaut Christiane ins Gesicht, nach einer kleinen Pause sagt sie "Hast du dir das auch gut überlegt." "Mit solchem photographischen Material könnte man danach hier in Deutschland eine Menge Geld machen", sagt er und denkt 'ihre Antwort bedeutet: solange für uns gesorgt ist, kannst du unternehmen, was dir gefällt.' Die Mutter hatte Johann eine nennenswerte Summe Geld sowie Schmuck und Wertpapiere vermacht. Er war dadurch kein reicher Mann geworden, aber sie hätten sich ruhigen Gewissens etwas leisten können. Der Schmuck blieb unangetastet. Wegen der Wertpapiere hatte Johann einen Finanzexperten konsultiert, der ihm riet, sie abzustoßen und später in eine Kriegsanleihe zu investieren, die wahrscheinlich in Kürze ausgegeben werde. Johann befolgte es und ließ ihm dafür freie Hand. Abzüglich des üppigen Honorars kam durch den Erlös noch ein fünfstelliger Betrag zum Vermögen hinzu. Christianes Umgestaltungen im Haus, die Neueinrichtung und letztendlich freilich auch ihre ganzen Vergnügungen waren von Johanns Konto bezahlt worden. Jetzt, da er seine Reise plant, wird für Christiane ein Limit festgelegt, bis zu dem sie davon abheben kann. Der Finanzverwalter findet das Limit zu großzügig, aber Johann besteht darauf. Schließlich stimmt er einer Klausel zu, nach der von Christianes Mitteln Annemarie ein bestimmter monatlicher Betrag zusteht. Alles wird zunächst für ein Jahr vereinbart. Johann schafft sich einige neue Ausrüstungsgegenstände an. Er verpachtet das Atelier an einen befreundeten Photographen, der dort seinen gerade fertig ausgebildeten Lehrling einsetzt. Dann kümmert er sich nur noch um seine Reise, welche Schiffahrtsgesellschaft, welche Route, welches Datum und so weiter und so fort. Er findet eine Firma, die sich auf Überseereisen dieser Art spezialisiert hat. Vier Männer kommen mit einem Lastwagen, auf dem glattgehobelte, helle Bretter, Holzwolle, große Platten Buchbinderpappe, Leinwand, Ölpapier auf Rollen, meterweise Band, Strick und was noch alles geladen ist, das man zum Verpacken benötigt. Der Schuppen wird leergeräumt, und die Leute brauchen eine Woche, bis Johanns Gepäck in acht großen Kisten verstaut ist. Eigentlich hätten sieben gereicht, aber Christiane meint, das brächte Unglück, und so darf Annemarie für die achte Kiste Sachen aussuchen, die Johann ihrer Ansicht nach gebrauchen könnte oder die, wie jene handbemalte Sammeltasse mit dem Stadtwappen von Seligenbrunn, ihn stets an zu Hause erinnern sollen. Ob Annemarie wirklich versteht, was jetzt geschieht, darüber ist sich Johann seinerseits nicht ganz sicher. "Du schreibst mir doch mal, Papa", sagt sie, und er verspricht es. Als Handgepäck nimmt er den Lederkoffer seiner Mutter, aber der Haufen Reisepapiere und persönliche Dokumente machen eine extra Tasche nötig. Immerhin ist darin noch Platz für den Proviant, den ihm Christiane für die Bahnfahrt bis Hamburg mitgibt. Die beiden bringen ihn zum Bahnhof Reiherstor, er steigt ein, und sie winken sich zu. "Wo soll's denn hingehen?" erkundigt sich der Reisende, der Johann gegenüber sitzt. "Nach San Gabriel." "Dann befinden Sie sich auf einer Wallfahrt?" "Nein", sagt er und schaut aus dem Fenster; oben am Wilhelmsberg entschwindet gerade das Schloss aus dem Blick. "Aber was für eine Reise das wird, kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich wieder zurück komme." Als Johann in Hamburg an Bord des Amerika-Dampfers "Oceana" geht, deutet in Europa alles auf einen Krieg hin. Während der Überfahrt ereignet sich in Sarajewo das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Kronprinzen Franz Ferdinand. Daraufhin erklärt Österreich Serbien den Krieg. Als das Schiff in Buenos Aires anlegt, kämpft Deutschland bereits als Verbündeter Österreichs gegen Russland. Aber die Zeitungen in Buenos Aires berichten auf der Titelseite über den Gesundheitszustand des Präsidenten Roque Saenz Pena, und noch bevor Johann die Hauptstadt verlässt, um ins Landesinnere weiterzureisen, ist der Präsident gestorben. Sein Nachfolger heißt Victorino de la Plaza. Alles Namen, die Johann nie gehört hat, aber die Orte an der deutsch-russischen Front waren ihm ebenso unbekannt. Er beschließt, vorerst überhaupt keine Zeitung mehr zu lesen. Seine Kisten sind zwar ausgeladen und in einem Lagerhaus der Zollbehörde abgestellt worden, aber die Herausgabe verzögert sich um zwei Tage; den Grund dafür kann er nicht in Erfahrung bringen. Der Zollbeamte hatte ihm eine wortreiche Erklärung gegeben und ihn für übermorgen wieder herbestellt. Johann übernachtet in einem Hotel; das Zimmer ist auf den ersten Blick abstoßend hässlich und äußerst dürftig eingerichtet. Es hat neben dem Bett nur einen Hocker, auf dem eine Schüssel mit einer Wasserkanne steht. Ganz hinten auf dem Gang gibt es eine Toilette, die man von innen nicht verriegeln kann. Dort ist auch ein Wasserhahn. Johann fragt nach einer Möglichkeit, zu Abend zu essen, aber die Frau, die unten an der Tür in einem Kabuff sitzt, versteht nicht, was er will. Er kämpft mit dem Hunger und kann sich, erschöpft wie er ist, doch nicht überwinden, irgendwo in den Straßen nach einem Restaurant zu suchen. Zudem ist es dunkel und er könnte sich verlaufen. Spät abends klopft es an die Zimmertür. "Quien es?" ruft Johann. Jemand antwortet, er kann das Wort aleman heraushören. Er öffnet. Auf dem Gang steht ein Mann mit einem Holztablett vorm Bauch. "Cocina aleman", sagt er, "kutsche dutsche." Er lüftet das Tuch, das darübergedeckt ist, und präsentiert etwas zu essen, das irgendein Zwischending aus belegten Brötchen und gefüllter Teigtasche ist, im fahlen Licht der einzigen Lampe kann man es nicht genau erkennen, aber es duftet ganz appetitlich. Er nimmt zwei davon. Der Mann zieht unter dem Brett ein Stück Papier heraus und wickelt freihändig die Teigtaschen darin ein. Johann setzt sich auf die Bettkante, breitet das Papier auf den Knien aus und lässt es sich schmecken, sie sind wirklich nicht übel. Als er die zweite verzehrt, sieht er, daß jemand einen Namen und eine Adresse auf eine Ecke vom Papier notiert hat. "Jeder echte Reisende ist abergläubisch", hatte er in Mahlbergs Reisebericht über Südamerika gelesen, mit dem er sich über seine eigene kundig machen wollte. Viel Praktikables hatte er dem Buch nicht entnehmen können. Es sei denn, denkt Johann, daß sich der Wert von Mahlbergs Ratschlägen erst vor Ort erweist. "Jeder echte Reisende ist abergläubisch" - sollte heißen: Man weiß nie, wann eine auf ein Stück Papier gekritzelte Adresse einem nützlich sein kann. Beim zweiten Mal ist der Zollbeamte in eine hitzige Diskussion mit einem Mann verwickelt, der sich anscheinend über irgendetwas beschwert. Sie wollen beide nicht nachgeben und fallen einander ständig ins Wort. Nach einer Weile merkt Johann, daß keiner von ihnen wirklich wütend ist, im Gegenteil, man kann ab und zu auf ihren Gesichtern ein angedeutetes Lächeln erkennen, als würde es ihnen Spaß machen, sich mit einem endlosen Hickhack die Zeit zu vertreiben. In dem Raum ist es ziemlich stickig, der Ventilator an der Decke steht still. Johann wartet vor der Tür, die beiden streiten sich unermüdlich weiter. Dann kommt jemand, der auch ins Zollbüro will, er fragt Johann, ob er wartet. Er sagt ja. "Warum gehen Sie nicht rein?" "Wie Sie hören können, ist jemand drin." "Aber wenn Sie nicht reingehen, werden die heute nicht mehr fertig, Sie müssen sich schon bemerkbar machen." "Aha." "Sie sind noch nicht lange hier?" "Seit zwei Tagen." "Hier herrscht das Gesetz der Verdrängung, verstehen Sie, einer verdrängt den andern, und wenn man nicht aufpasst, wird man selbst verdrängt." "Ich verstehe, aber ich will mich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen." "Nun, dann werde ich das für Sie tun, Sie erlauben." Er geht an Johann vorbei, öffnet die Tür zum Büro und verschwindet darin. Dann hört man, wie er die beiden unterbricht und den Zollbeamten etwas fragt, der antwortet kurz und bündig, beinahe kleinlaut. Kurz darauf kommt der andere wieder heraus, er schenkt Johann keine Beachtung mehr. Der geht abermals hinein. Sei es nun, daß sie durch die Störung den Faden verloren haben, oder daß der Zollbeamte durch den Mann von eben wieder an seine Dienstpflichten erinnert wurde, jedenfalls fertigt er den Streithahn kurzerhand ab, drückt einen großen Stempel auf ein Dokument, setzt sein Signum darunter und händigt es ihm aus. Der bedankt sich mit zufriedener Miene, als habe die Regelung seiner Angelegenheit keine drei Minuten gedauert. Der Beamte kann sich sehr gut an Johann erinnern. "Senor Zelter, es gibt ein kleines Problem mit ihren Kisten." "Was für ein Problem?" Er nimmt sich vor, seinen Ton etwas zu verschärfen; der Beamte hat dafür ein feines Gehör. "Kommen Sie mal mit", sagt er. Sie gehen nach hinten in den eigentlichen Lagerraum, der über und über mit Frachtgut vollgestopft ist, wie es mit den Schiffen aus aller Herren Länder im Hafen von Buenos Aires ankommt. Johann kann seine Kisten nirgends entdecken. "Dies hier", erläutert der Beamte, "ist natürlich nur einer von vielen Lagerräumen unserer Behörde, Sie können sich sicher vorstellen, daß bei uns jeden Tag so viel ankommt, wie allein hier hineinpasst. Unglücklicherweise ist eine andere Lagerhalle ... im Umbau, man kann sie vorübergehend nicht abschließen, was natürlich unbedingt nötig ist bei den Werten, die hier herumliegen ... schauen Sie bloß mal dort ..." "Senor", unterbricht ihn Johann, "was ist mit meinen Kisten?" "Das erkläre ich Ihnen ja gerade." "Nein, Sie haben mir erklärt, daß eine Ihrer Lagerhallen nicht genutzt werden kann." "Eben. Und daher ist es unumgänglich, daß wir hier noch zusätzlich Frachtgut unterbringen müssen, deswegen ist es momentan auch so voll. In den letzten zwei Tagen ist allerhand hinzugekommen, dadurch ist der Zugang zu Ihren Kisten vorübergehend versperrt, aber ich versichere Ihnen, Senor Zelter, sie sind alle noch da, und sobald die anderen Sachen abgeholt sind, kommen wir wieder heran." "Wo stehen sie?" "Da drüben." "Was ist das für Zeug, das davor steht?" "Links das ist von einem Italiener, er hat ein Geschäft in Rosario, er holt seine Waren in spätestens zwei Tagen ab, Sie können sich darauf verlassen." "Und das auf der anderen Seite?" "Die Fässer? Ach, das ist nicht so wichtig, wenn die Sachen von dem Italiener weg sind, dann kommen wir an Ihre Kisten heran, da stören die Fässer gar nicht." "In zwei Tagen, sagen Sie?" "Ja, zwei oder drei Tage." "Zwei oder drei?" fragt Johann scharf. "Na, ich sagte, in zwei Tagen. Sie sehen doch, was hier los ist." "Ich komme übermorgen wieder." "Gut. Das würde ich Ihnen auch empfehlen, denn wie Sie wissen, erhöhen sich die Lagergebühren mit jedem weiteren Tag um fünf Prozent." "Wie bitte?" "Nun, schauen Sie, Senor Zelter, wenn wir diese Bestimmung nicht hätten, dann würden einige Leute es ausnutzen, hier zu günstigen Konditionen ihre Waren unterzustellen, Sie verstehen, so sicher wie hier beim Zoll sind sie kaum irgendwo, in ganz Buenos Aires nicht." "Soll das heißen, ich muss für die zwei Tage Lagergebühren bezahlen?" "Für vier Tage. Sie haben doch gewiss die Bestimmungen gelesen, sie stehen auf der Rückseite der Bescheinigung, die Ihnen bei ihrer Ankunft ausgehändigt wurde." Johann spürt, wie er wütend wird, der Beamte sagt "Gedulden Sie sich bis übermorgen, Senor Zelter, ich bin sicher, daß der Italiener pünktlich seine Sachen abholt", und es klingt so, als könne er, falls es Johann in den Sinn käme, sich zu beschweren, auch dafür sorgen, daß die Sachen des Italieners gar nicht so einfach hier herauszuschaffen sind, wie man sich das zuerst dachte. An diesem Abend kommt der Mann mit den Teigtaschen nicht vorbei, und Johann schläft mit knurrendem Magen ein. Am nächsten Morgen sucht er ein Restaurant in der Nähe, frühstückt dort ausgiebig und läuft den Weg zum Hotel langsam zurück, um ihn sich für abends einzuprägen. Dann geht er zum Bahnhof, um die Fahrkarte zu lösen und den Transport seines Gepäcks zu organisieren. Er denkt sich, wenn damit alles klar ist, könnte er den Zollbeamten eventuell unter Druck setzen, falls der die Herausgabe seiner Kisten weiter verzögern will. Am Fahrkartenschalter verlangt er ein Billett nach San Gabriel. "Welches San Gabriel?" fragt der Mann freundlich, "San Gabriels gibt es mehrere. Wir haben eins im Norden, eins am Rio Parana, eins in Patagonien, eins auf der Strecke nach Santa Rosa, eins auch ganz in der Nähe." "Es hat eine Bahnstation", sagt Johann. "Senor, die San Gabriels, die ich meine, haben alle eine Bahnstation. Die, ich weiß nicht, wie vielen anderen, kommen für uns doch gar nicht in Betracht, oder?" "Ja, das ist richtig. Ich habe hier ein Photo, vielleicht können Sie besser als ich erkennen, um welches San Gabriel es sich handelt." Der Bahnbeamte nimmt ohne ein Zeichen von Verwunderung darüber, daß der andere gar nicht genau weiß, wohin er will, das Photo und schaut es sich an. "Einen Moment, Senor", sagt er dann und geht damit ins Hinterzimmer, wo er zwei Kollegen zu Rate zieht. Es geht reihum und wird aufmerksam begutachtet, und offenbar weiß jeder von ihnen zweifelsfrei, welches San Gabriel darauf zu sehen ist, allerdings meint jeder ein anderes. Der Bahnbeamte kommt zurück zum Schalter, er fragt Johann, ob er vielleicht noch ein anderes Photo habe. Er gibt ihm eins mit einem markanten Berg in einer Ebene, und diesmal ist sich einer der drei Männer absolut sicher. "Das ist der Cerro Blanco. Mein Bruder ist selbst schon dort gewesen. Das ist das San Gabriel am Rio Altanero." Er weiß es am besten, und die anderen geben ihm recht. "Wann wollen Sie fahren?" fragt der Bahnbeamte, nachdem er Johann die Photos zurückgegeben hat. "Das kommt darauf an, wie ich mein Gepäck mitnehmen kann." "Wieviel Gepäck haben Sie?" "Acht Kisten." "Wie groß ist eine einzelne Kiste?" Johann nennt Breite und Höhe. "Das ist kein Problem. Allerdings werden die Kisten in einem separaten Güterzug transportiert, der nächste fährt morgen früh." Johann erklärt ihm, wie es sich mit der Zollbehörde verhält. "Dann übermorgen früh, sechs Uhr dreißig. Sie können die Kisten morgen abend verladen lassen. Sie können dann selbst übermorgen zehn Uhr den Zug nach San Juan nehmen, dort übernachten und am nächsten Tag nach San Gabriel weiterfahren." "Wie weit ist das von hier?" "Von Buenos Aires nach San Gabriel am Rio Altanero?" Hinter Johann hat sich eine Schlange gebildet. Der Bahnbeamte hat es eine Weile ignoriert, jetzt schaut er über Johanns Schulter hinweg, es scheinen ihm zu viele zu werden. Er ruft einen Kollegen, der seinen Platz übernimmt und sagt zu Johann "Kommen Sie mal herein, gehen Sie dort durch diese Tür." In dem Büro hängt eine Karte von Argentinien an der Wand, auf der das Eisenbahnnetz des Landes eingezeichnet ist. "Hier ist Buenos Aires." Sein Finger geht über die ganze Breite der Karte hinweg bis fast an die westliche Grenze. "Und dort liegt San Gabriel, das sind etwa tausend Kilometer." Johann versinkt in die Betrachtung der Karte. Schließlich sagt der Beamte. "Was wollen Sie denn mit Ihren Kisten in San Gabriel am Rio Altanero, wenn ich fragen darf?" "Ich bin Photograph, ich möchte dort ein photographisches Atelier eröffnen." "Das ist eine famose Idee", sagt der andere. "Allerdings könnten Sie das auch hier in Buenos Aires tun; Sie ersparen sich die lange Reise und Sie finden hier gewiss sogar eine bessere Räumlichkeit. Außerdem haben Sie in der Hauptstadt mehr Kunden. Ein Verwandter von mir ist Heiratsvermittler, der kann sich vor Interessenten kaum retten, und jeden Tag kommen mit so vielen Schiffen immer neue Männer an, von denen viele eine Frau zum Heiraten suchen. Überlegen Sie doch mal: die wollen alle ein Hochzeitsphoto haben." "Ja, das klingt verlockend. Aber ich habe mich nun mal für diesen anderen Ort entschieden." "Sie haben recht, Senor, ein Mann sollte zu seinem Entschluss stehen. Lassen Sie sich nicht von einem alten Eisenbahnangestellten beschwatzen. Im übrigen können Sie ja jederzeit hierher zurückkehren. Dann werde ich Ihnen jetzt die Fahrkarte ausstellen. Den Frachtschein für das Gepäck erhalten Sie, wenn Sie es hier abgeben, ich reserviere schon den Wagen dafür." "Muchas gracias. Können Sie mir eventuell auch einen Transport von der Zollbehörde zum Bahnhof vermitteln?" "Acht Kisten, sagten Sie?" Er überlegt kurz. "Ich schicke Ihnen einen Kutscher mit einem Gespann dorthin, um welche Uhrzeit?" "Um zwölf. Mein Name ist Johann Zelter." "Ihre persönlichen Angaben brauche ich jetzt sowieso für die Fahrkarte." "Ja, natürlich." Abends hat das Restaurant, das er sich vorgemerkt hatte, geschlossen, an der Scheibe hängt ein Zettel, auf dem irgendetwas von einer Familienfeier steht, drinnen ist alles dunkel. Zum Glück findet er zwei Straßen weiter ein anderes, das ihm sogar besser gefällt, es ist geräumiger. Es ist ein langgestreckter Saal mit schlanken, marmorierten Säulen im vorderen Bereich, zwischen denen verschnörkelte Ringe mit erleuchteten Glaskugeln herabhängen. Um runde Tische herum stehen einfache Caféhausstühle; wer es bequemer haben möchte, kann sich auf einem der Sofas zu beiden Seiten niederlassen, die mit tiefrotem Samt überzogen sind und über denen schmale Spiegel mit vergoldeten Rahmen an der Wand hängen. Halbhohe Paravents aus Streifen von hellen Palmblättern geben jeder dieser gemütlichen Nischen etwas Apartes, und das gedämpfte Licht der kleinen Tischlampen mit grünem Schirm lässt manchen Gast im Halbdunkel verschwinden. Je weiter die Stunde vorrückt, umso munterer und turbulenter wird es draußen auf der Straße, und durch die großen Fensterscheiben, auf denen mit goldener Schrift der Name "Bonafide" steht, kann Johann auf den Strom der Passanten blicken. Noch vor einer knappen Stunde, als er ins Restaurant gekommen war, saßen drei, vier Gäste an den Tischen, und ein Kellner machte gemächlich seine Runde. Jetzt bietet sich ein ganz anderes Bild. Das Lokal füllt sich, weiter hinten wird Licht gemacht, und der Kellner bedient längst nicht mehr als einziger die Gäste. Eine ganze Truppe mit weißen Hemden und roten Westen ist emsig in Bewegung. Es wird warm und wärmer hier drin, und Johann hängt sein Jackett über den Stuhl. Von der Küche her durchziehen immer neue Wohlgerüche den Raum, und an der Bar neben der kleinen Tanzfläche sind bereits die meisten Hocker besetzt, und drei Barkeeper mit etwas ernster Miene servieren Cocktails in allen Farben. Nach dem reichlichen Essen mit zwei Glas rotem Wein hat Johann einen Kaffee bestellt, dann überredet ihn der Kellner, noch einen anderen Wein zu probieren, der auch vorzüglich ist, und Johann hat ein weiteres Glas davon getrunken, als wie aus dem Nichts an seinem Tisch eine Dame auftaucht und sich an seine Seite setzt. Sie legt eine Hand auf Johanns Unterarm und sagt "Wissen Sie eigentlich, Senor, warum Männer wie Sie immer allein an einem Tisch sitzen?" "Weil sie es genießen?" stellt er die Gegenfrage. Sie lacht, klopft auf seinen Arm und lehnt sich zurück, ihr Lachen klingt ein wenig geringschätzig. Dann beugt sie sich wieder vor, und Johann überlegt, ob der mit Alkohol angereicherte Atem zwischen ihnen von ihr oder von ihm oder von beiden stammt. "Nein, mein Lieber", sagte sie und fasst seine Krawatte knapp unterm Knoten, "ich sage dir, warum: weil solche Männer keine Aura haben, deswegen ist so viel Platz um sie her." Sie lässt seine Krawatte wieder los und macht eine ausholende Geste. "Männer mit Aura scharen andere Männer um sich." "Und Frauen", ergänzt Johann. "Und Frauen natürlich. Siehst du den dort, den Fetten mit der Glatze? Siehst du, wie viele Leute um den herumhocken wie um einen Wahrsager? Der hat Aura. Der hat jede Menge Aura." "Vielleicht ist er tatsächlich ein Wahrsager." Sie prustet heftig und schaut Johann ungläubig an. "Kennst du den nicht?" Er schüttelt den Kopf. "Das ist Fernando Fox, ein Abgeordneter der Ultraliberalen." "Ah, ein Politiker, na gut, dann hat er auch etwas von einem Wahrsager, solange ihm die Leute glauben." Sie lachen, er fragt "Und warum sitzen Sie nicht auch da drüben, sondern bei mir und sagen mir so wenig schmeichelhafte Dinge?" "Ich habe dich schon eine Weile beobachtet", sagt sie und nimmt einen Schluck von seinem Wein. "Ach ja, wirklich?" erwidert er unbeeindruckt, dann meint er "soll der Kellner noch ein zweites Glas bringen?" "Bis der mal hier vorbeikommt, bin ich längst verdurstet." "Dann trinken Sie weiter aus meinem." "Ja, danke. Ich heiße Carmen." "Johann. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen." "Don Juan." "Ich fürchte, dafür fehlt mir die nötige Aura." "Ja", lacht sie, "und ich habe auch kein Messer dabei." Sie blickt hinüber zu dem umlagerten Politiker, und Johann betrachtet sie. Sie ist jung und hübsch, sie hat schwarzes Haar, glatt nach hinten gekämmt und zu einem Knäuel gebunden, es glänzt im Lichtschein wie Tinte. Über ihrem rechten Ohr steckt eine weiße Blüte. "Warum starrst du mich so an?" sagt sie. "Nur so, weil du da bist." Er spürt, wie der Wein anfängt, ihm die Sinne zu verdrehen. "Gefalle ich dir etwa nicht?" fragt sie, und da erst kommt er auf den Gedanken, sie könnte eine Prostituierte sein. "Nein, ja ... ich meine ... das ist eine dämliche Frage." "Ja, sie ist wirklich dämlich. Ich stelle sie auch nur, um zu erkennen, wie dämlich der ist, der auf sie anspringt." "Ah, dann ist das jetzt so etwas wie ein Intelligenztest? "Ich habe mich auch schon mit Männern abgegeben, die weniger Grütze im Kopf hatten als du, bilde dir also nicht zuviel darauf ein." "Schade, ich hatte gerade damit angefangen." Sie lacht wieder, es scheint ihr zu gefallen, wie er mit ihren Grobheiten umgeht. Auf einem Podest neben der Tanzfläche haben ein paar Musiker angefangen zu spielen und locken sogleich einige Paare an, die sich in dem schummerigen Licht dort hinten in sanften Bögen über das abgewetzte Parkett schwingen. "Wollen wir tanzen?" fragt er Carmen, und sie sagt "Ja gern", aber indem sie sich erheben, kommt ein kleiner, älterer Herr mit einem Spitzbart und einer Brille mit sehr dicken Gläsern heran, blickt zwischen den beiden hindurch und ruft "Carmen, bist du hier? Oh, du Treulose! Du hast dich nicht an unsere Abmachung gehalten, schäm dich, Töchterchen." Dann bemerkt er Johann. "Wer ist das?" fragt er. Carmen sagt "Das ist ein alter Freund von mir." "Ich heiße Johann Zelter, ich bin aus Deutschland." "Aus Deutschland? Ah, prekrasno! Ich heiße Jewgeni Schavelson, ich bin Russe, sehr erfreut." "Ganz meinerseits." "Du hast mir nie von deinem deutschen Freund erzählt." "Wir hatten uns aus den Augen verloren." "So, dann feiert ihr jetzt schönes Wiedersehen." Während er spricht, starrt er durch seine Brillengläser ins Leere, es sieht aus, als würde er alles hinter sich wahrnehmen. "Er kennt Lenin", flüstert Carmen. "Wen?" fragt Johann. "Lenin, den Führer der russischen Bolschewiken." "Aha." "Was hast du gesagt?" "Ich habe gesagt, daß du Lenin kennst." "Ja, das stimmt, aber diese Bekanntschaft hat mir schon eine Menge Ärger eingebracht." "Nun übertreibe nicht, Jewgeni. Ohne deine Bolschewiken wärst du niemals bis nach Buenos Aires gekommen." "Das war auch gar nicht meine Absicht." "Manche behaupten, Jewgeni arbeitet hier für die Kommunistische Internationale", sagt Carmen, als habe er ihnen den Rücken zugekehrt. Aber er blickt immer zwischen ihnen hindurch. "Was hast du gesagt?" fragt Jewgeni; er scheint auch schlecht zu hören. "Hüte deine Zunge, mein Töchterchen, und außerdem bist du mir noch eine Erklärung schuldig." Sie prustete wieder wie vorhin und lacht ihn aus. Da kommt ein junger blonder Mann und sagt "Jewgeni Andrejewitsch, Sie sind uns noch eine Erklärung schuldig!" Carmen lacht von neuem. "Ist das dein neuer Geliebter?" Der Blonde schaut sie entgeistert an; Jewgeni spricht geradeaus gegen Johanns Brust. "Was habe ich?" Der Blonde sagt etwas vorsichtiger "Jewgeni Andrejewitsch, Sie haben uns noch nicht verraten, weshalb die Bauern sich niemals auf die Sozialdemokraten verlassen dürfen." Jewgeni hebt den Zeigefinger wie ein kleiner Oberlehrer. "Sie dürfen schon, aber sie sollten nicht. Ah, frag' doch den Senor hier, er ist aus Deutschland, frag' ihn, wie sich die Sozialdemokraten verhalten, wenn es drauf ankommt. Nicht wahr, Senor ..." "Zelter, Johann Zelter." "Senor Zelter, was haben die deutschen Sozialdemokraten getan, um den Krieg zu verhindern?" Der Blonde schaut Johann an, der sagt "Es tut mir leid, aber ich bin vollkommen unpolitisch, ich bin Photograph." "Photograph?" sagt der Blonde voll Bewunderung, "was photographieren Sie?" "Alles, was gewünscht wird." "Könnten Sie ein Photo von mir machen?" Es verwirrt Johann. "Ja, warum nicht, allerdings bin ich nicht mehr lange hier und muss noch einige Dinge erledigen." "Dann machen wir es gleich." "Was?" Johann schaut sich um, im "Bonafide" ist es jetzt wie in einem Hexenkessel. "Wie stellen Sie sich das vor, ich habe gar keine Kamera dabei." "Worum geht es denn?" fragt Jewgeni dazwischen. Er klärt ihn über die Sozialdemokratie auf", sagt Carmen und zwirbelt Jewgenis Haare zwischen den Fingern. "Ach, verlorene Mühe", winkt er ab, "die Sozialdemokratie ist für das Proletariat, was die Babylonische Gefangenschaft für die Juden war: man kann damit leben, aber man kann sich nicht davon befreien." "Ich wollte gerade mit der Senora tanzen", erklärt Johann, aber der andere lässt nicht locker. Er wohne hier ganz in der Nähe. "Jewgeni Andrejewitsch, dürfen wir für eine Stunde Ihr Auto nehmen?" "Sie fahren Auto?" fragt Johann den Russen. Der sagt irgendwas. Johann hat eine Kamera im Handgepäck, das Hotel ist gleich um die Ecke. Er sieht Carmen an, sie lacht. "Na los doch, in einer Stunde sind wir wieder hier." "Du kommst mit?" "Wir kommen alle mit." Sie hakt Jewgeni unterm Arm ein, und der Blonde verschwindet für einen Moment. Zwei Minuten später steigen sie in Jewgenis Auto. Am Steuer sitzt ein anderer junger Mann, im Schein der Straßenlaternen kann man sein hübsches Gesicht erkennen. "Hola Carmen, que tal?" sagt er. "Hola José, esta bien." Der Blonde setzt sich auf den Beifahrersitz, Jewgeni klemmt sich hinten zwischen Carmen und Johann. "Ist das mein Wagen?" fragt er. Johann wird es unterwegs übel. Im Hotel beugt er sich über das Klosettbecken, Carmen und der Blonde stehen hinter ihm. "Welches Zimmer ist es?" fragt sie. "Das mit der blauen Tür", röchelt er. Sie holen seine Kamera. "Das Stativ und das kleine Blitzlicht auch", ruft er. Es geht ihm wieder besser, und dann fahren sie weiter. Sie halten in einer Seitenstraße, der Blonde stürmt vorneweg und zieht Johann mit sich. José muss die ganze Ausrüstung schleppen, aber das Zeug gefällt ihm. Carmen hat Jewgeni am Arm. Sie durchqueren drei Hinterhöfe und biegen nach links in einen Gang ein, den fahles Licht beleuchtet. "Das hier kenne ich", meint Jewgeni, während er starr vor sich hinblickt wie ein nachtblindes Tier. Sie steigen eine Treppe hinauf bis in den dritten Stock. José kommt keuchend oben an. "Wohin jetzt damit?" Carmen tätschelt ihm die Wange. Eine Wohnungstür steht offen, Stimmen und Musik dringen heraus, dann erscheint eine dralle Frau im Unterkleid, sie spricht Jewgeni an. "Wer ist das?" fragt er Carmen; die Frau langt hinab und kneift ihn in den Hintern, daß er meckert wie eine Ziege. Der Blonde führt alle in ein Zimmer, wo über eine ganze Wandbreite eine bemalte Leinwand hängt wie die Kulisse in einer Oper; sie zeigt eine Landschaft, wie sie Johann von den Photos her kennt, hügelig und steinig, mit kargem Bewuchs und mit einem Tal, das zu schneebedeckten Bergen hin führt. "Ist das nicht prächtig?" sagt Carmen. "Wir brauchen mehr Licht." "Mehr Licht!" ruft Jewgeni theatralisch, und José muss lachen. Der Blonde schaltet alle Lampen an und sagt "Ich ziehe mich um, ich bin gleich wieder da." Die Frau im Unterrock kommt herein, mit zwei Gaslampen in Händen, Johann nimmt sie ihr ab und platziert sie günstig. Sie geht, Jewgeni ruft "Senora, un momento, por favor", und folgt ihr. Drei Kinder, zwei Mädchen und ein kleiner Junge tauchen auf und schauen neugierig zu. Indem es heller wird, kommen die Farben auf der Leinwand erst richtig zur Wirkung, es ist eine Landschaft unter sommerlicher Hitze, und der Schnee auf den Gipfeln leuchtet gegen das Blau des Himmels an. Johann ist sprachlos, er steht wie in Andacht vor einem Heiligenbild. José und Carmen fummeln hinten herum, und als sie sieht, wie ergriffen Johann ist, gebietet sie José Einhalt; die Kinder wundern sich. Plötzlich erscheint von der Seite ein General auf der Szene, und alle treten überrascht einen Schritt zurück. Es ist der General José de San Martin, er trägt eine dunkelblaue Uniform mit riesigen Epeauletten, die büschelartig über seine Schultern wallen; mit goldenen Knöpfen und einem breiten weißen Gürtel, auf dessen Schloss der goldene flammende Granatapfel prangt. Er trägt einen grazilen Säbel an der Seite, und quer über die Brust und um den Bauch ist eine hellblaue Schärpe gebunden, deren Enden mit langen Quasten herabhängen. Es ist nicht San Martin, denn der ist seit über sechzig Jahren tot; es ist der Blonde in seiner Gestalt, und er ist sehr darauf bedacht, seinen Auftritt auszukosten, ohne zu übertreiben, was ihm sichtlich schwer fällt. Er möchte kraftvoll, fest entschlossen und bescheiden zugleich erscheinen, aber obwohl ihm die Uniform wie angegossen passt, stolziert er darin umher wie ein verängstigter Hahn, dem sein Vorrang auf dem Hof verlustig ging. Carmen muss grinsen, und José fährt unbeeindruckt fort, sie zu befummeln. Johann lässt sich nichts anmerken und gibt dem General ein paar routinierte Hinweise, wie er sich hinstellen soll, aber der Jüngling macht nur süßliche Gesten daraus. Ein schlecht rasierter Mann, der nach Knoblauch riecht, schaut anscheinend nach den Kindern. Dann tritt er an Johann heran und flüstert "Da auf dem Gemälde, das ist der Ort, wo General San Martin gerastet hat, als er über die Anden zog." "Warum?" "Bitte?" "Warum ist er über die Anden gezogen?" "Es war Krieg", erklärt der andere und fügt mit einem Fingerzeig auf den Jüngling bedeutsam hinzu "Dies ist eine von den drei originalen Uniformen des Generals, die noch existieren." "Tatsächlich?" "Ja. Eine ist in Frankreich, die letzte, die er getragen hat, weil er dort gestorben ist; eine hat der argentinische Staat in der Schatzkammer; und diese hier hat Emilio." Johann macht eine weitere Aufnahme und fragt ebenso leise "Wie ist er dazu gekommen?" "Familienbesitz", deutet der andere an. "Aha." 'Es wird wohl einen Grund dafür geben', denkt Johann, 'daß er damit nicht zu irgendeinem Photographen geht.' Man hört José hinten stöhnen und Carmen lachen. Johann wendet sich um und sagt zornig "Also bitte, könnt ihr nicht einen Moment still sein!" Sie hören auf, die Kinder drehen ihre Köpfe wieder nach vorn, Emilio sagt "Eins noch. Es ist ungeheuer warm in dieser Uniform." Tatsächlich läuft ihm der Schweiß über die Stirn, und sein rechtes Bein zittert. Eine der Gaslampen verlöscht mit einem Zischen; Jewgeni kommt wieder und ruft "Wo steckt ihr denn nur, ich suche euch überall." Der Mann, der so genau Bescheid wusste, scheucht die Kinder vor sich her aus dem Zimmer; Johann packt die Photoplatten ein. "Ich schicke Ihnen die Photos hierher", sagt er freundlich zu Emilio, der sich ganz erschöpft auf einem Stuhl niedergelassen hat. "Ja, ist gut, ich danke Ihnen, gracias Senor ... ich weiß noch nicht Ihren Namen?" "Juan Zelter." 'Es war mir eine Ehre, Herr General' will er hinzusetzen, aber da bemerkt er, daß dem Jüngling vor Anstrengung die Tränen in den Augen stehen. Er schaut zu Johann hoch und sagt "Vielleicht ging doch alles ein bisschen zu schnell."
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Der ganze Roman erscheint voraussichtliche im Frühjahr 2012 auf www.orkankyril.de
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