Theodor Storm Der Schimmelreiter als E-Book

Der Schimmelreiter

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Was ich zu berichten beabsichtige, habe ich vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen, erfahren, während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen einer in eine blaue Mappe eingebundenen Zeitschrift beschäftigte, ich vermag mich nicht mehr zu entsinnen, ob von den "Leipzigern" oder von "Pappes Hamburger Lesefrüchten".

Noch fühle ich es gleich einem Schauer, wie dabei die Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haar ihres Urenkels strich. Sie selbst und jene Zeit sind längst begraben, vergebens auch habe ich seitdem jenen Blättern nachgeforscht, und ich kann mich daher ebensowenig für die Wahrheit der Tatsachen verbürgen, als - wenn jemand mich eines Besseren belehren wollte - dagegen etwas einwenden; nur so viel kann ich versichern: daß ich sie seit jener Zeit, obgleich sie durch keinen äußeren Anlass in mir aufs neue belebt wurden, die Geschichte niemals aus dem Gedächtnis verloren habe.

* * * * *

Es war im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, an einem Oktobernachmittag - so begann der damalige Erzähler - als ich bei starkem Unwetter auf einem nordfriesischen Deich entlangritt. Zur Linken hatte ich jetzt schon seit über einer Stunde die öde, bereits von allem Vieh geleerte Marsch, zur Rechten, und zwar in unbehaglichster Nähe, das Wattenmeer der Nordsee. Zwar sollte man vom Deich aus auf Halligen und Inseln sehen können, aber ich sah nichts als die gelbgrauen Wellen, die unaufhörlich wie mit Wutgebrüll an den Deich hinaufschlugen und mitunter mich und das Pferd mit schmutzigem Schaum bespritzten. Dahinter wüste Dämmerung, die Himmel und Erde nicht unterscheiden ließ, denn auch der halbe Mond, der jetzt in der Höhe stand, war meist von treibendem Wolkendunkel überzogen.

Es war eiskalt. Meine verklommenen Hände konnten kaum den Zügel halten, und ich konnte den Krähen und Möwen nachfühlen, die sich fortwährend krächzend und gackernd vom Sturm ins Land hineintreiben ließen. Die Nachtdämmerung hatte begonnen, und schon konnte ich nicht mehr mit Sicherheit die Hufe meines Pferdes erkennen; keine Menschenseele war mir begegnet, ich hörte nichts als das Geschrei der Vögel, wenn sie mich oder meine treue Stute fast mit langen Flügeln streiften, und das Toben von Wind und Wasser. Ich leugne nicht, ich wünschte mich jetzt lieber in ein sicheres Quartier.

Das Wetter dauerte den dritten Tag, und ich hatte mich schon länger als geplant bei einem Verwandten auf seinem Hofe aufgehalten, den er in einer der nördlicheren Harden besaß. Heute aber musste ich weiter, ich hatte Geschäfte in der Stadt, die auch jetzt wohl noch ein paar Stunden weiter südlich vor mir lag; und trotz aller Überredungskünste des Vetters und seiner lieben Frau, trotz der schönen selbstgezogenen Perinette und Grand-Richard-Äpfel, die noch zu probieren waren, am Nachmittag war ich davongeritten. "Warte nur, bis du ans Meer kommst", hatte er mir an seiner Haustür noch nachgerufen, "du kehrst doch wieder um! Wir werden dir das Zimmer freihalten."

Und wirklich, in einem Augenblick, als eine schwarze Wolkenschicht es pechfinster um mich machte und gleichzeitig die heulenden Böen mich samt meiner Stute vom Deich herabzudrängen suchten, fuhr es mir durch den Kopf "Sei kein Narr! Kehr um und setzt dich zu deinen Freunden ins warme Nest." Dann aber fiel's mir ein, der Weg zurück war wohl noch länger als der nach meinem Reiseziel, und so trabte ich weiter, den Kragen meines Mantels um die Ohren ziehend.

Jetzt aber kam mir auf dem Deich etwas entgegen. Ich konnte nichts hören, aber als der halbvolle Mond ein karges Licht herabließ, glaubte ich immer deutlicher eine dunkle Gestalt zu erkennen, und bald, da sie näher kam, sah ich es: sie saß auf einem Pferd, einem hochbeinigen hageren Schimmel, ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern, und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus bleichem Antlitz an.

Wer war das? Was wollte der? Und jetzt fiel mir auf, daß ich keinen Hufschlag, kein Keuchen des Pferdes vernommen hatte, dabei waren Ross und Reiter doch dicht an mir vorbeigekommen!

In Gedanken darüber ritt ich weiter, aber ich hatte nicht lange Zeit zum Denken, schon brauste es von rückwärts wieder an mir vorbei, mir war, als streifte mich der fliegende Mantel, und die Erscheinung war, wie das erste Mal, lautlos an mir vorübergestoben. Dann sah ich sie fern und ferner vor mir; dann war's, als säh' ich plötzlich ihren Schatten an der Binnenseite des Deiches hinuntergehen.

Etwas zögernd ritt ich hinterher. Als ich jene Stelle erreicht hatte, sah ich am Deich im Kooge unten das Wasser einer Wehle blinken, so nennen sie dort die Brüche, welche von den Sturmfluten in das Land gerissen werden und die dann meist als kleine, aber tiefgründige Teiche stehenbleiben.

Das Wasser war auffällig ruhig, der Reiter konnte es nicht in Bewegung versetzt haben, obwohl ich ihn an dieser Stelle verschwinden sah. Aber ein anderes bemerkte ich jetzt mit Freuden: vor mir, von unten aus dem Kooge, schimmerten eine Menge zerstreuter Lichtscheine zu mir herauf. Sie schienen aus jenen langgestreckten friesischen Häusern zu kommen, die vereinzelt auf mehr oder minder hohen Werften liegen. Dicht vor mir auf halber Höhe des Binnendeiches stand ein großes Haus derselben Art, an der Südseite, rechts von der Haustür, sah ich alle Fenster erleuchtet, und dahinter gewahrte ich Menschen und glaubte trotz des Sturmes sie zu hören.

Mein Pferd war schon von selbst auf den Weg am Deich hinabgeschritten, der mich vor die Tür des Hauses führte. Ich sah wohl, daß es ein Wirtshaus war, denn vor den Fenstern waren die sogenannten "Ricks" angebracht, das heißt auf zwei Ständern ruhende Balken mit großen eisernen Ringen zum Anbinden des Viehes und der Pferde, die hier haltmachten.

Ich band das meine an einen derselben und überließ es dann dem Knecht, der mir beim Eintritt in den Flur entgegenkam. "Ist hier eine Versammlung?" fragte ich ihn, da mir jetzt deutlich ein Geräusch von Menschenstimmen und Gläserklirren aus der Stubentür entgegendrang.

"Is wull so wat", entgegnete der Knecht auf plattdeutsch und ich erfuhr nachher, daß dieser Dialekt neben dem Friesischen hier schon seit über hundert Jahren im Gebrauch ist. "Diekgraf und Bevollmächtigten un wecke von de annern Interessenten! Dat is um't hoge Water!"

Als ich eintrat, sah ich etwa ein Dutzend Männer an einem Tisch sitzen, der an der Fensterfront stand; eine Punschbowle stand darauf, und ein besonders stattlicher Mann schien die Regie zu führen.

Ich grüßte und bat, mich zu ihnen setzen zu dürfen, was bereitwillig gestattet wurde. "Sie halten hier wohl die Wacht", sagte ich, mich zu jenem Manne wendend, "es ist böses Wetter draußen, die Deiche werden was auszuhalten haben."

"Gewiss", erwiderte er. "Wir hier an der Ostseite aber glauben, jetzt außer Gefahr zu sein. Nur drüben an der anderen Seite ist's nicht sicher, die Deiche sind dort meist noch mehr nach alter Bauart, unser Hauptdeich ist schon im vorigen Jahrhundert umgelegt. Uns ist vorhin da draußen kalt geworden, und Ihnen", setzte er hinzu, "wird es ebenso gegangen sein. Aber wir müssen hier noch ein paar Stunden aushalten, wir haben ein paar Leute draußen, die uns Bericht erstatten." Und ehe ich meine Bestellung bei dem Wirt machen konnte, war mir schon ein dampfendes Glas Punsch hingeschoben.

Ich erfuhr, daß der freundliche Herr der Deichgraf sei. Wir waren ins Gespräch gekommen, und ich hatte ihm meine seltsame Begegnung auf dem Deiche geschildert. Er wurde aufmerksam, und ich bemerkte plötzlich, daß alles Gespräch umher verstummt war. "Der Schimmelreiter!" rief einer aus der Gesellschaft, und eine Bewegung des Erschreckens ging durch die übrigen.

Der Deichgraf war aufgestanden. "Ihr braucht nicht zu erschrecken", sprach er über den Tisch hin, "das ist nicht bloß für uns. Anno siebzehn hat es auch denen drüben gegolten, mögen sie auf alles gefasst sein." Mich wollte nachträglich ein Grauen überlaufen. "Verzeiht", sagte ich, "was ist das mit dem Schimmelreiter?"

Abseits hinter dem Ofen, ein wenig eingesunken, saß ein kleiner hagerer Mann in einem schon etwas abgetragenen schwarzen Anzug, die eine Schulter schien ein wenig ausgewachsen. Er hatte mit keinem Wort an der Unterhaltung der andern teilgenommen, aber der aufmerksame Blick aus seinen Augen zeigte deutlich, daß er nicht etwa geschlafen hatte.

Der Deichgraf wies mit der Hand auf ihn. "Von uns allen", sagte er mit erhobener Stimme, "wird Ihnen das unser Schulmeister am besten erzählen können. Freilich in seiner eigenen Weise und nicht ganz so, wie zu Hause meine alte Wirtschafterin Antje Vollmers es tun würde."

"Sie scherzen, Deichgraf", kam die etwas brüchige Stimme des Schulmeisters hinter dem Ofen hervor, "daß Sie mich mit Ihrem dummen Drachen vergleichen." "Ja, ja, Schulmeister", erwiderte der andere, "aber bei den Drachen sollen derlei Geschichten angeblich am besten aufgehoben sein."

"Freilich", entgegnete der kleine Herr, "sind wir hierin nicht ganz derselben Meinung", und ein überlegenes Lächeln glitt über das feine Gesicht. "Sie sehen wohl", raunte der Deichgraf mir ins Ohr, "er ist immer noch ein wenig eingebildet. Er hat in seiner Jugend Theologie studiert und ist nur einer verfehlten Heirat wegen hier in seiner Heimat als Schulmeister hängen geblieben."

Er war inzwischen aus seiner Ofenecke hervorgekommen und hatte sich neben mich an den langen Tisch gesetzt. "Erzählen Sie nur, Schulmeister", riefen ein paar der Jüngeren aus der Gesellschaft.

"Nun ja", sagte der Alte, zu mir gewandt, "das würde ich gern tun. Aber es ist viel Aberglaube mit im Spiel, und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, es ohne diesen zu erzählen." "Ich bitte Sie, ihn nicht auszulassen", erwiderte ich, "trauen Sie mir nur zu, daß ich schon selbst die Spreu vom Weizen trennen werde."

Der Alte sah mich mit nachsichtigem Lächeln an. "Nun also", begann er, "in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, oder vielmehr, um genau zu sein, vor und nach derselben, gab es hier einen Deichgrafen, der von Deich und Sielsachen mehr verstand, als Bauern und Hofbesitzer sonst zu verstehen pflegen. Aber es reichte dennoch nicht aus, denn was die studierten Fachleute darüber niedergeschrieben hatten, davon hatte er wenig gelesen. Sein Wissen hatte er sich, und zwar von Kindesbeinen an, nur selber angeeignet.

Sie hörten vielleicht schon, mein Herr, daß die Friesen gut rechnen können, und haben auch wohl schon von Hans Mommsen von Fahretoft reden hören, der bloß ein Bauer war und der dennoch etwas von Kompassen und Seeuhren, Teleskopen und sogar Orgeln verstand. Nun, ein Stück von solch einem Manne war auch der Vater des nachherigen Deichgrafen gewesen, freilich wohl nur ein kleines.

Er hatte ein paar Fennen, wo er Raps und Bohnen baute, auch eine Kuh graste dort. Er ging im Herbst und Frühjahr auch zum Landvermessen aus und saß im Winter, wenn der Nordwest aufkam und an seinen Fensterläden rüttelte, in der Stube über seinen Zeichungen. Sein Junge saß oft dabei und las in seinem Schulbuch oder in der Bibel und beobachete den Vater, wie er maß und rechnete, zeichnete und notierte.

Und eines Abends fragte er den Alten, warum denn das, was er eben hingeschrieben hatte, gerade so sein müsse und nicht anders, und stellte dann eine eigene Meinung darüber auf. Aber der Vater, der es nicht erklären konnte, schüttelte den Kopf und sprach "Das kann ich dir nicht sagen, es ist eben so, und du selber irrst dich. Aber wenn du es besser wissen willst, so suche morgen aus der Kiste, die auf unserm Boden steht, ein Buch heraus, das ist von einem Mann, der Euklid hieß. Daran kannst du dir die Zähne ausbeißen."

Der Junge war tags darauf zum Boden gelaufen und hatte auch bald das Buch gefunden, denn allzu viele Bücher gab es nicht in dem Hause. Der Vater lachte, als er es vor ihm auf den Tisch legte. Es war ein holländischer Euklid, und Holländisch, wenngleich es doch in manchem dem Deutschen ähnlich ist, verstanden alle beide nicht. "Ja, ja", sagte er, "das Buch ist noch von meinem Vater, der konnte es lesen."

Der Junge sah den Vater schweigend an und sagte nur "Darf ich's behalten?" Und als der Alte nickte, wies er noch ein zweites, halbzerrissenes Büchlein vor. "Das auch?" fragte er wieder. "Nimm sie alle beide", sagte Tede Haien, "einerlei, ob sie nun auf dem Dachboden herumliegen oder hier unten."

Das zweite Buch war eine kleine holländische Sprachlehre, und da der Winter noch lange nicht vorüber war, so hatte es, als endlich die Beeren in ihrem Garten wieder blühten, dem Jungen schon so weit geholfen, daß er den Euklid, welcher damals stark im Schwange war, größtenteils verstand.

Es ist mir durchaus bekannt, mein Herr", unterbrach sich der Erzähler, "daß dieser Umstand auch von jenem berühmten Hans Mommsen erzählt wird; aber vor dessen Geburt ist hier bei uns schon die Sache von Hauke Haien - so hieß der Knabe - berichtet worden. Sie wissen wohl auch: es braucht nur einmal ein Größerer zu kommen, so wird ihm alles zugeschrieben, was mancher seiner Vorgänger schon vermocht hat.

Als der Alte sah, daß der Junge weder für Kühe noch Schafe Sinn hatte, und kaum darauf achtete, wenn die Bohnen blühten, was doch die Freude von jedem Marschmann ist, und weiterhin bedachte, daß die kleine Wirtschaft wohl mit einem Bauer und einem Jungen, aber nicht mit einem Halbgelehrten und einem Knecht bestehen könne; daß er zudem auch selber nicht auf einen grünen Zweig gekommen sei, so schickte er seinen Sohn an den Deich, wo er mit andern Arbeitern von Ostern bis Martini Erde karren musste. "Das wird ihn hoffentlich von seinen Flausen kurieren", sprach er bei sich selber.

Und der Junge schuftete, aber den Euklid hatte er allzeit in der Tasche, und wenn die Arbeiter ihr Frühstück oder Vesper aßen, saß er auf seinem umgestülpten Schubkarren mit dem Buch in der Hand. Und wenn im Herbst die Fluten höher stiegen und manch ein Mal die Arbeit eingestellt werden musste, dann ging er nicht mit den andern nach Hause, sondern blieb, die Hände über die Knie gefaltet, an der abfallenden Seeseite des Deiches sitzen und sah stundenlang zu, wie die trüben Nordseewellen immer höher an die Grasnarbe des Deiches hinaufschlugen, und erst wenn ihm die Füße überspült waren und ihm der Schaum ins Gesicht spritzte, rückte er ein paar Fuß höher und blieb da wieder sitzen.

Er hörte weder das Klatschen des Wassers noch das Geschrei der Möwen und Strandvögel, die um oder über ihm flogen und ihn fast mit ihren Flügeln streiften, mit den schwarzen Augen in die seinen blitzend. Er sah auch nicht, wie vor ihm über die weite, wilde Wasserwüste sich die Nacht ausbreitete. Was er allein hier sah, war der brandende Saum des Wassers, der, als die Flut stand, mit hartem Schlage immer wieder dieselbe Stelle traf und vor seinen Augen die Grasnarbe des steilen Deiches auswusch.

Nach langem Hinstarren nickte er wohl langsam mit dem Kopf oder zeichnete, ohne aufzusehen, mit der Hand eine weiche Linie in die Luft, als ob er dem Deiche damit einen sanfteren Abfall geben wollte. Wurde es so dunkel, daß alle Erdendinge vor seinen Augen verschwanden und nur die Flut ihm in die Ohren donnerte, dann stand er auf und trabte halb durchnässt nach Hause.

Als er so eines Abends zu seinem Vater in die Stube trat, der an seinen Messgeräten putzte, fuhr dieser auf "Was treibst du draußen? Du hättest ja ersaufen können, die Wasser beißen heute in den Deich."

Hauke sah ihn trotzig an. "Hörst du mich nicht? Ich sag, du hättest ersaufen können." "Ja", sagte Hauke, "ich bin aber nicht ersoffen." "Nein", erwiderte nach einer Weile der Alte und sah ihm wie abwesend ins Gesicht, "diesmal noch nicht." "Aber", sagte Hauke wieder, "unsere Deiche sind nichts wert." "Was für was, Junge?" "Die Deiche, sag ich." "Was ist mit den Deichen?" "Sie taugen nichts, Vater", erwiderte Hauke. Der Alte lachte ihm ins Gesicht. "Was denn, Junge? Du bist wohl das Wunderkind aus Lübeck!"

Aber der Junge ließ sich nicht beirren. "Die Wasserseite ist zu steil", sagte er, "wenn es einmal kommt, wie es schon mehr als einmal gekommen ist, so können wir alle hier hinterm Deich ersaufen."

Der Alte holte seinen Kautabak aus der Tasche, drehte einen Schrot ab und schob ihn hinter die Zähne. "Und wieviel Karren hast du heut geschoben?" fragte er ärgerlich, denn er sah wohl, daß auch die Deicharbeit bei dem Jungen die Denkarbeit nicht hatte vertreiben können.

"Weiß nicht", sagte dieser, "so, was die andern machten, vielleicht ein halbes Dutzend mehr. Aber die Deiche müssen anders werden." "Nun", meinte der Alte und stieß ein Lachen aus, "du kannst es ja vielleicht zum Deichgraf bringen, dann mach' sie anders." "Ja, Vater", erwiderte der Junge. Der Alte sah ihn an und schluckte ein paarmal, dann ging er hinaus, er wusste nicht, was er dem Jungen entgegnen sollte.

Auch als Ende Oktober die Deicharbeit vorbei war, blieb der Gang nordwärts nach dem Haff hinaus für Hauke Haien die beste Beschäftigung. Den Allerheiligentag, um den herum die Äquinoktialstürme zu tosen pflegen, und von dem viele sagen, daß Friesland ihn bloß beklagen mag, erwartete er wie andernorts die Kinder das Christfest.

Stand eine Springflut bevor, so konnte man sicher sein, er war trotz Sturm und Wetter weit draußen am Deiche mutterseelenallein unterwegs. Und wenn die Möwen gackerten, wenn die Wasser gegen den Deich tobten und beim Zurückrollen ganze Fetzen von der Grasdecke mit ins Meer hinabrissen, dann hätte man Haukes zorniges Lachen hören können.

"Ihr könnt nichts rechtes", schrie er in den Lärm hinaus, "so wie die Leute hier auch nichts können!" Und endlich, oft im Finstern, trabte er aus der weiten Öde den Deich entlang nach Hause, bis seine hochgewachsene Gestalt die niedrige Tür unter seines Vaters Rohrdach erreicht hatte und darunter durch in das kleine Zimmer schlüpfte.

Manchmal hatte er eine Faust voll Tonerde mitgebracht. Dann setzte er sich neben den Alten, der ihn gewähren ließ, und knetete bei dem Schein der dünnen Unschlittkerze allerlei Deichmodelle, legte sie in ein flaches Gefäß mit Wasser und suchte darin die Ausspülung der Wellen nachzumachen, oder er nahm seine Schiefertafel und zeichnete darauf das Profil der Deiche nach der Seeseite, wie es nach seiner Meinung sein müsste.

Mit denen zu verkehren, die mit ihm auf der Schulbank gesessen hatten, fiel ihm nicht ein. Auch schien es, als ob denen wiederum an dem Träumer nichts gelegen sei. Als es Winter geworden und der Frost hereingebrochen war, wanderte er noch weiter, wohin er früher nie gekommen, auf den Deich hinaus, bis die unabsehbare eisbedeckte Fläche der Watten vor ihm lag.

Im Februar bei dauerndem Frostwetter wurden angetriebene Leichen aufgefunden; draußen am offenen Haff auf den gefrorenen Watten hatten sie gelegen. Eine junge Frau, die dabei gewesen war, als man sie in das Dorf geholt hatte, berichtete dem alten Haien "Glauben Sie nicht, daß sie wie Menschen aussahen", rief sie, "nein, wie die Seeteufel! Sooo große Köpfe", und sie hielt die ausgespreizten Hände von weitem gegeneinander, "gnidderschwarz und blank, wie frischgebackenes Brot! Und die Krabben hatten sie angeknabbert, und die Kinder schrien laut, als sie sie sahen!"

Dem alten Haien war so was nichts Neues. "Sie haben wohl seit November schon in See getrieben", sagte er gleichgültig.

Hauke stand schweigend daneben, aber sobald er konnte, schlich er sich auf den Deich hinaus. Es war nicht zu sagen: wollte er nach weiteren Toten suchen, oder zog ihn nur das Grauen, das noch jetzt über den verlassenen Stellen brütetete? Er lief weiter und weiter, bis er einsam in der Öde stand, wo nur die Winde über den Deich wehten, wo nichts war, als die klagenden Stimmen der großen Vögel, die rasch vorüberschossen. Zu seiner Linken die leere weite Marsch, zur andern Seite der unabsehbare Strand mit seiner jetzt vom Eise schimmernden Fläche der Watten. Es war, als liege die ganze Welt in weißem Tod.

Hauke blieb oben auf dem Deiche stehen, und seine scharfen Augen schweiften weit umher, aber von Toten war nichts mehr zu sehen. Nur wo die unsichtbaren Wattströme sich darunter drängten, hob und senkte die Eisfläche sich in stromartigen Linien.

Er lief nach Hause, aber an einem der nächsten Abende war er wiederum da draußen. Auf jenen Stellen war jetzt das Eis gespalten, wie Rauchwolken stieg es aus den Rissen, und über das ganze Watt spann sich ein Netz von Dampf und Nebel, das sich seltsam mit der Dämmerung des Abends mischte. Hauke sah mit starren Augen darauf hin, denn in dem Nebel schritten dunkle Gestalten auf und ab, sie schienen ihm so groß wie Menschen. Würdevoll, aber mit seltsamen, erschreckenden Gebärden, mit langen Nasen und Hälsen, sah er sie fern an den rauchenden Spalten auf und ab spazieren. Plötzlich begannen sie wie Narren unheimlich auf und ab zu springen, die großen über die kleinen und die kleinen gegen die großen, dann breiteten sie sich aus und verloren alle Form.

"Was wollen die? Sind es die Geister der Ertrunkenen?" dachte Hauke. "Hoiho!" schrie er laut in die Nacht hinaus, aber die draußen kehrten sich nicht an seinem Schrei, sondern trieben ihr wunderliches Wesen fort.

Da kamen ihm die furchtbaren norwegischen Seegespenster in den Sinn, von denen ein alter Kapitän ihm einst erzählt hatte, die statt des Angesichts einen stumpfen Pull von Seegras auf dem Nacken tragen. Aber er lief nicht fort, sondern bohrte die Hacken seiner Stiefel fest in die Erde des Deiches und sah starr dem possenhaften Unwesen zu, das in der einfallenden Dämmerung vor seinen Augen fortspielte. "Seid ihr auch hier bei uns?" sprach er mit harter Stimme. "Ihr sollt mich nicht vertreiben!"

Erst als die Finsternis alles bedeckte, schritt er steifen, langsamen Schrittes heimwärts. Aber hinter ihm drein kam es wie Flügelrauschen und hallendes Geschrei. Er sah sich nicht um, aber er ging auch nicht schneller, und er kam erst spät nach Hause. Doch niemals soll er seinem Vater oder einem andern davon erzählt haben.

Erst viele Jahre später hat er sein blödes Mädchen, das ihm der Herrgott aufbürdete, um dieselbe Tages- und Jahreszeit mit sich auf den Deich hinausgenommen, und dasselbe Wesen soll sich derzeit draußen auf den Watten gezeigt haben. Aber er hat ihr gesagt, sie solle sich nicht fürchten, das seien nur die Fischreiher und die Krähen, die im Nebel so groß und fürchterlich erschienen, die holten sich die Fische aus den offenen Spalten.

Weiß Gott, Herr", unterbrach sich der Schulmeister, "es gibt auf Erden allerlei Dinge, die einen ehrlichen Christen verwirren können, aber der Hauke war weder ein Narr noch ein Dummkopf."

Da ich nichts erwiderte, wollte er fortfahren, aber unter den übrigen Gästen, die bisher lautlos zugehört hatten, nur mit dichtem Tabaksqualm das niedrige Zimmer füllend, entstand eine plötzliche Bewegung; erst einzelne, dann fast alle wandten sich dem Fenster zu. Draußen man sah es durch die unverhangenen Fenster trieb der Sturm die Wolken, und Licht und Dunkel jagten durcheinander. Aber auch mir war es, als hätte ich den hageren Reiter auf seinem Schimmel vorbeisausen gesehen.

"Warten Sie einen Augenblick, Herr Schulmeister", sagte der Deichgraf leise. "Sie brauchen nichts zu fürchten, Deichgraf", erwiderte der kleine Erzähler, "ich habe ihn nicht geschmäht, und habe auch dafür keinen Grund." Und er sah mit seinen kleinen, klugen Augen zu ihm auf.

"Ja, gut", meinte der andere, "nehmen Sie sich noch ein Glas Punsch." Und nachdem das geschehen war und die Zuhörer, manche mit etwas verdutzten Gesichtern, sich wieder zu ihm gewandt hatten, fuhr er in seiner Geschichte fort:

"So für sich, und am liebsten nur mit Wind und Wasser und mit den Bildern der Einsamkeit verkehrend, wuchs Hauke zu einem langen, hageren Burschen auf. Er war schon über ein Jahr lang eingesegnet, da geschah etwas Seltsames mit ihm. Und das kam von dem alten weißen Angorakater, welchen der alten Trin' Jans einst ihr später verunglückter Sohn von seiner spanischen Seereise mitgebracht hatte.

Trin’ Jans wohnte ein gut Stück hinaus auf dem Deiche in einer kleinen Kate, und wenn die Alte in ihrem Hause herumwerkelte, so pflegte dieses Prachtexemplar von einem Kater vor der Haustür zu sitzen und in den Sommertag und nach den vorbeifliegenden Kiebitzen hinauszublinzeln. Ging Hauke vorbei, so mauzte der Kater ihn an, und Hauke nickte ihm zu, die beiden wussten, was sie miteinander hatten.

Nun aber war's einmal im Frühjahr, und Hauke saß nach seiner Gewohnheit oft draußen am Deich, schon weiter unten dem Wasser zu, zwischen Strandnelken und dem duftenden Seewermut, und ließ sich von der schon kräftigen Sonne bescheinen. Er hatte sich tags zuvor droben auf der Geest die Taschen voll von Kiesel gesammelt, und als in der Ebbezeit die Watten bloßgelegt waren und die kleinen grauen Strandläufer schreiend darüber hinhuschten, holte er einen Stein hervor und warf ihn nach den Vögeln.

Er hatte das von Kindesbeinen an geübt, und meistens blieb einer auf dem Schlick liegen, aber ebenso oft kam er mit dem Leben davon. Hauke hatte schon daran gedacht, den Kater mitzunehmen und ihn zum Apportieren abzurichten. Aber es gab hier und da feste Stellen oder Sandlager, und er lief selber hinaus und holte sich seine Beute. Saß der Kater bei seiner Rückkehr noch vor der Haustür, dann schrie das Tier vor kaum unterdrückter Gier so lange, bis Hauke ihm einen der erbeuteten Vögel zuwarf.

Als er heute, seine Jacke auf der Schulter, heimging, trug er nur einen ihm noch unbekannten, aber wie mit bunter Seide und Metall gefiederten Vogel mit nach Hause, und der Kater mauzte wie gewöhnlich, als er ihn kommen sah. Aber Hauke wollte seine Beute - es mag ein Eisvogel gewesen sein - diesmal nicht hergeben und gab dem aufdringlichen Tier eine Abfuhr. "Umschicht!" rief er ihm zu, "heute mir, morgen dir, das hier ist kein Futter für dich." Aber der Kater kam ganz vorsichtig herangeschlichen und blieb mit erhobener Tatze vor Hauke stehen, die scharfen Augen auf den Vogel gerichtet, der an seiner Hand hing.

Der Bursche schien seinen Katzenfreund nicht gut genug zu kennen, denn während er ihm den Rücken zugewandt hatte und eben davongehen wollte, fühlte er mit einem Ruck die Jagdbeute entrissen, und zugleich schlug eine scharfe Kralle ihm in die Hand. Ein Zorn, wie gleichfalls von einem Raubtier, schoss dem jungen Menschen ins Blut, er drehte sich wie rasend um und hatte den Kater schon am Genick gepackt. Mit der Faust hielt er das mächtige Tier empor und würgte es, daß ihm die Augen aus den Fell hervorquollen, nicht darauf achtend, daß die starken Hintertatzen ihm den Arm zerfleischten. "Hoiho!" schrie er und packte ihn noch fester. "Wollen sehen, wer's von uns beiden am längsten aushält!"

Plötzlich fielen die Hinterbeine des Katers schlaff herunter, und Hauke ging ein paar Schritte zurück und warf ihn mit voller Wucht gegen die Wand von Trin' Jans Kate. Da er sich nicht mehr rührte, wandte er sich ab und setzte seinen Weg nach Hause fort.

Aber der Angorakater war das Kleinod seiner Herrin, er war ihr Geselle und das einzige, was ihr Sohn, der Matrose, ihr hinterlassen hatte, nachdem er hier an der Küste seinen jähen Tod gefunden hatte, da er im Sturm seiner Mutter beim Porrenfangen hatte helfen wollen. Hauke mochte kaum hundert Schritte weiter gegangen sein, während er mit einem Tuch das Blut aus seinen Wunden stillte, als schon von der Kate her ihm ein Geheul und Zetern in die Ohren gellte.

Als er sich umdrehte, sah er das alte Weib am Boden liegen, das weiße Haar flog ihr im Winde um das rote Halstuch. "Tot!" rief sie, "tot!" und erhob drohend ihren mageren Arm gegen ihn: "Du sollst verflucht sein! Du hast ihn totgeschlagen, du nichtsnutziger Strandläufer! Du warst es nicht wert, ihm das Fell zu kraulen." Sie warf sich über das Tier und wischte zärtlich mit ihrer Schürze das Blut ab, das noch aus Nase und Ohren rann; dann fing sie aufs neue an zu zetern.

"Bist du bald fertig?" rief Hauke ihr zu, "dann lass dir sagen: du solltest dir einen Kater anschaffen, der mit Mäusen zufrieden ist!"

Darauf ging er, scheinbar auf nichts mehr achtend, davon. Aber der tote Kater musste ihn doch nicht losgelassen haben, denn er ging, als er zu den Häusern gekommen war, an dem seines Vaters und auch an den übrigen vorbei und eine weite Strecke noch nach Süden auf dem Deich der Stadt zu.

Eine Weile später lief auch Trin' Jans auf demselben in der gleichen Richtung. Sie trug in einem alten blaukarierten Kissenüberzug eine Last in ihren Armen, die sie sorgsam, als wär's ein Kind, umklammerte. Ihr wirres Haar flatterte in dem leichten Frühlingswind. "Was trägst du da, Trina?" fragte ein Bauer, der ihr entgegenkam. "Mehr als dir dein Haus und Hof wert sind", erwiderte die Alte; dann ging sie eilig weiter. Als sie sich dem unterhalb liegenden Haus des alten Haien näherte, ging sie den Akt, wie man bei uns die Trift und Fußwege nennt, die schräg an der Seite des Deiches hinab oder hinauf führen, hinunter.

Der alte Tede Haien stand vor der Tür und schaute ins Wetter. "Na, Trina", sagte er, als sie pustend vor ihm stand und ihren Krückstock in die Erde bohrte, "was bringt Sie Neues in Ihrem Sack?" "Erst lass mich in die Stube, Tede Haien, dann soll du's sehen." Und ihre Augen sahen ihn mit seltsamem Funkeln an. "So komm' mit rein", sagte der Alte. Was sollte der irre Blick des dummen Weibes schon bedeuten? Und als sie drinnen waren, befahl sie "Räum' das Zeug vom Tisch, mach' Platz!" Tede Haien, der beinahe neugierig wurde, tat, was sie sagte. "So, und nun wisch ihn sauber ab!"

Dann nahm sie den blauen Überzug bei beiden Zipfeln und schüttete daraus den großen Katerleichnam auf den Tisch. "Da hast du ihn!" rief sie. "Dein Hauke hat ihn totgeschlagen." Hierauf begann sie bitterlich zu weinen. Sie streichelte das dicke Fell des toten Tieres, legte ihm die Tatzen zusammen, neigte ihre lange Nase über seinen Kopf und raunte ihm unverständliche Worte ins Ohr.

Tede Haien sah dem zu. "So", sagte er, "Hauke hat ihn totgeschlagen?" Er wusste nicht, was er mit dem jammernden Weib machen sollte. Die Alte nickte ihn grimmig an. "Ja, ja. Das hat er getan." Sie wischte sich mit ihrer von Gicht verkrümmten Hand die Tränen aus den Augen. "Kein Kind, kein Lebendiges mehr!" klagte sie. "Und du weißt es ja auch wohl, uns Alten, wenn's nach Allerheiligen kommt, frieren abends im Bett die Beine, und statt zu schlafen, hören wir den Nordwest an unseren Fensterläden rappeln. Ich hör's nicht gern, Tede Haien, er kommt daher, wo mein Junge mir im Schlick versank."

Tede Haien nickte, und die Alte streichelte das Fell ihres toten Katers. "Der aber", begann sie wieder, "wenn ich winters am Spinnrad saß, dann saß er bei mir und spann auch und sah mich an mit seinen grünen Augen. Und kroch ich, wenn's mir kalt wurde, in mein Bett, es dauerte nicht lange, so sprang er zu mir und legte sich auf meine frierenden Beine, und wir schliefen so warm mitsammen, als hätte ich noch meinen jungen Schatz im Bett." Die Alte, als suche sie bei dieser Erinnerung nach Anteilnahme, schaute den neben ihr am Tische stehenden Alten mit ihren funkelnden Augen an.

Tede Haien aber sagte bedächtig "Ich weiß einen Rat, Trin' Jans", und er ging nach seiner Schatulle und nahm eine Silbermünze aus der Schublade. "Du sagst, daß Hauke das Tier umgebracht hat, und ich weiß, du lügst nicht. Hier ist ein Silbertaler, damit kaufst du dir ein gegerbtes Lammfell für deine kalten Beine! Und wenn unsere Katze nächstens Junge wirft, so magst du dir das größte davon aussuchen, das zusammen wird wohl einen altersschwachen Angorakater ersetzen. Und nun nimm das Vieh weg und bring es meinetwegen zum Abdecker oder begrab es hinter deiner Kate. Aber halte das Maul, daß es hier auf meinem sauberen Tisch gelegen hat!"

Während dieser Rede hatte das Weib schon nach dem Taler gegriffen und ihn in eine kleine Tasche gesteckt, die sie unter ihrem Rock trug. Dann stopfte sie den Kater wieder in das Bettzeug, wischte mit ihrer Schürze die Blutflecken von dem Tisch und stakte zur Tür hinaus. "Vergiss mir nur den jungen Kater nicht!" rief sie noch zurück.

Eine Weile später, als der alte Haien in der Stube auf und ab schritt, trat Hauke herein und warf seinen bunten Vogel auf den Tisch. Als er aber auf der weißgescheuerten Platte den noch erkennbaren Blutfleck sah, fragte er wie beiläufig "Was ist denn das?"

Der Vater blieb stehen. "Das ist Blut, das du vergossen hast." Dem Jungen schoss es heiß ins Gesicht. "Ist etwa Trin' Jans mit ihrem Kater hier gewesen?" Der Alte nickte. "Weshalb hast du ihn totgeschlagen?" Hauke entblößte seinen blutigen Arm. "Deshalb", sagte er. "Er hatte mir den Vogel fortgerissen."

Der Alte sagte nichts darauf. Er begann, eine Zeitlang wieder auf und ab zu gehen, dann blieb er vor dem Jungen stehn und sah eine Weile nachdenklich auf ihn. "Das mit dem Kater habe ich rein gemacht", sagte er dann. "Aber, siehst du, Hauke, die Kate ist hier zu klein, zwei Herren können darauf nicht sitzen. Es ist nun Zeit, du musst dir eine Stelle besorgen."

"Ja, Vater", entgegnete Hauke, "habe dergleichen auch gedacht." "Warum?" fragte der Alte. "Man wird grimmig in sich, wenn man's nicht an einem ordentlichen Stück Arbeit auslassen kann." "So?" sagte der Alte, "und darum hast du den Kater totgeschlagen? Das könnte leicht noch schlimmer werden." "Du magst wohl recht haben, Vater. Der Deichgraf hat seinen Kleinknecht fortgejagt, das könnte ich schon verrichten."

"Der Deichgraf ist ein Dummkopf, dumm wie eine Saatgans. Er ist nur Deichgraf, weil sein Vater und Großvater es gewesen sind, und wegen seiner neunundzwanzig Fennen. Wenn Martini herankommt und hernach die Deich- und Sielrechnungen abgetan werden müssen, dann füttert er den Schulmeister mit Gänsebraten und Met und Weizenkringeln und sitzt dabei und nickt, wenn der mit seiner Feder die Zahlenreihen hinunterläuft, und sagt 'Ja, ja, Schulmeister, Gott vergönn's dir. Wie gut du rechnen kannst.' Wenn aber einmal der Schulmeister nicht kann oder auch nicht will, dann muss er selber dran und sitzt und schreibt und streicht wieder aus, und der große dumme Kopf wird ihm rot und heiß, und die Augen quellen wie Glaskugeln, als wollte das bisschen Verstand da hinaus."




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