| Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur | nightletter@web.de |
| Nikolai Novadin |
| Dostojewski in Dresden |
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Die antirussischen Pamphlete konnten natürlich unmöglich alle aus der Herzen'schen Redaktion stammen, nicht einmal die meisten davon. Aber Preguschin vertrat die Devise, wir müssten uns auf die stürzen und sie zu packen versuchen, welche unter ihresgleichen am stärksten und einflussreichsten sind; "Denen müssen wir das Genick brechen! Die Kleinen gehen dann von selbst ein, wenn sie sehen, daß die Großen verschwunden sind."
Die ganze Zeit über sagte ich kein Sterbenswort über meine Londoner Bekanntschaften, ausgenommen den sächsischen Gesandten Friedrich Graf von Beust, weil ich damit bei Preguschin Eindruck machen wollte. Und als er mich fragte, ob mir denn in London irgendetwas aufgefallen sei, das auch nur im entferntesten mit der Tätigkeit der Exilanten zu tun haben könnte, sagte ich nein, ich hätte mich voll auf die Konferenz und die dänisch-deutsche Angelegenheit konzentriert. Ich habe im Nachhinein daran gedacht, daß es möglich sein könnte, der Sektion sei bei der Vorbereitung meiner Entsendung ein Fehler unterlaufen und man habe vergessen, mich mit dem Fall "Orset House" vertraut zu machen. Aber alle diesbezüglichen Unterlagen kamen erst nach meiner Rückkehr in unsere Sektion, ganz so, als hätte man so lange gewartet, bis ich wieder da bin. Ich kann mich schlecht verstellen und noch schlechter lügen, wer mich aufmerksam dabei beobachtet hätte, wie ich von meinem Aufenthalt in London sprach, der hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit bemerkt, daß ich nicht alles erzähle, was ich dort erlebt hatte oder was mir nebenbei aufgefallen war. Ich muss gestehen, ich war die ganze Zeit während der Londoner Konferenz meinem Dienstherrn, Baron Meridanow, keine sonderlich große Hilfe (abgesehen vielleicht von dem ersten Abend). Meridanow war ein milder, kluger und nachsichtiger Mensch und Russe - er ist es noch, denn wie ich zuletzt hörte, verbringt er gegenwärtig auf einem Landhaus bei Dorpat seinen wohlverdienten Lebensabend. Er schien mir manchmal etwas kauzig, und seine "Rücksichtnahme" beim Tod seiner Gemahlin bringt mich auch heute noch zum Schmunzeln. Aber er hielt sich auch nicht für unverbesserlich, er nahm einen ehrlich gemeinten Rat gern an, zumindest nahm er ihn entgegen, und er hörte sogar mir zu, wenn ich ihm meine Meinung zu dieser oder jener Angelegenheit mitteilte. Freilich, wenn ich es recht bedenke, so tat er das eben auch mit jener nachsichtigen Miene, die zugleich etwas von Resignation hat, und einmal sagte er zu mir: "Nun, junger Mann, wenn Sie sich so lange auf dem diplomatischen Parkett getummelt haben wie ich, dann werden Sie womöglich zu der gleichen Erkenntnis kommen, daß sich das meiste in der Welt von selbst erledigt. Je weniger wir darin eingreifen, umso weniger haben wir hinterher zu bereuen." Vielleicht lag in dieser Maxime die weise Voraussicht begründet, welche Rumi an dem Abend in der Küche an seinem Herrn pries. Auch wenn Meridanow den Vorschlag von Beust's zu einer Volksabstimmung unterdrückt hatte, so war er, wie schon erwähnt, von dessen staatsmännischem Auftreten durchaus angetan. Ich glaube, er fand den wortgewaltigen Sachsen sympathischer als die Herren aus Preußen oder Österreich mit ihrem distinguierten Wesen. Er schätzte vor allem seine Aufrichtigkeit, die Meridanow als etwas ebenso Seltenes wie Heilstiftendes in der Politik bezeichnete. Der Baron machte mich mit etlichen subalternen Mitarbeitern der anderen Konferenzteilnehmer bekannt, also mit jenen, die in der gleichen Stellung und ähnlichen Funktion wie ich anwesend waren. Und das war wirklich ein Glück für mich. Auf diese Weise lernte ich den Legationsrat Hoffmann kennen, der dem Grafen von Beust zur Seite stand und der in Dresden im Ministerium einer seiner engsten Vertrauten war. Ich weiß nicht genau zu sagen, woran es lag, ob am etwa gleichen Alter oder an gewissen gleichen Vorlieben und Aversionen (was wir freilich erst im Laufe unserer Bekanntschaft feststellten), jedenfalls verband uns praktisch vom ersten Moment an eine freundschaftliche Neigung. Graf Beust hatte sich über Lord Clarendon um einen Besuch bei der Königin Victoria bemüht. Der Lord zeigte sich, wie mir Hoffmann jetzt freimütig erzählte, zunächst wenig zugänglich, hatte aber offenbar die Königin davon unterrichtet, und übermittelte zwei Tage später von Beust die herzliche Einladung der Queen, die von Beust einen alten, guten Bekannten nannte! Der Prinzgemahl Albert war vor einigen Jahren gestorben (er war nur 42 Jahre alt geworden). Er stammte bekanntlich aus dem Herzogshaus Gotha und Coburg. Die Königin war seit seinem Hinscheiden in Trauer, sie trug nur noch schwarze Kleider und hielt sich die meiste Zeit in Osborne auf der Insel Wight auf. Es hieß, daß viele ihrer Untertanen ihre strikte Zurückgezogenheit als übertrieben empfanden, aber sie war ja der öffentlichen Welt nicht völlig entrückt, und nach Osborne war es beinahe nur ein Katzensprung. Hoffmann stellte mich Friedrich von Beust vor, wir sprachen über Petersburg, ihm war ein Besuch der Eremitage in schöner Erinnerung geblieben. Ich erwähnte meine sächsischen familiären Wurzeln. Dann sagte er von sich aus "Hoffmann hat mir gesagt, Sie würden uns gern nach Osborne begleiten?" "Überaus gern, Euer Hochwohlgeboren." "Kennen Sie die Königin?" "Nein, nicht persönlich." "Wie sollten Sie auch, so jung wie Sie sind." Er lächelte milde. "Und haben Sie mit Ihrem Kaiser Alexander schon das Vergnügen gehabt?" "Während einer Audienz, ja." "Nun, dann werde ich mich mit Ihnen wohl nicht blamieren." "Ich verspreche Ihnen, Euer Hochwohlgeboren, das wird nicht passieren." "Gut, Sie dürfen also mitkommen. Und nennen Sie mich nicht Hochwohlgeboren, ich bin Graf von Beust." Ich bedankte mich artig und freute mich wirklich aus ganzem Herzen auf den Besuch bei der Königin. Osborne ist ein liebliches Anwesen im ländlichen Stil, dabei mit allem Luxus ausgestattet, der sich für das Königshaus gehört, nur dient dieser Luxus, wie mir scheint, nicht der Repräsentation, sondern einer gewissen inneren Souveränität der Bewohner. Ich konnte gut nachvollziehen, daß die Königin nur ungern diesen Ort verlassen wollte, denn hier hat sie alles, was ihr wirklich gehört, einschließlich dem Andenken an ihren seligen Gemahl. Das Wetter war großartig: Sonnenschein, klare Luft, eine angenehme Wärme und eine leichte, erfrischende Brise, die vom Meer herüberwehte. Hinter dem Haupthaus (oder eigentlich vor seiner Vorderfront, denn man betritt es durch den Eingang auf der Rückseite) erstreckt sich ein parkähnlicher Garten im typisch englischen Stil. Lord Clarendon (sehr schweigsam und sehr förmlich) führte Graf von Beust und uns Begleiter auf einem mit feinem Kies befestigten Weg über den gepflegten Rasen zu einem offenen, weißen Pavillon, in dem sich die königliche Gesellschaft befand. Weiter unten, in einer flachen Senke war ein Karee mit gelben und roten Bändern eingegrenzt, auf dem einige Herren Kricket spielten, während am Rande die Damen in hellen Kleidern und mit Sonnenschirmen zuschauten. Königin Victoria saß im dunklen Kleid mit dunkler Haube im Kreise ihrer Vertrauten und engen Freunde. Sie war ein bisschen füllig geworden, pausbäckig und sah sehr zufrieden aus, als wäre sie eins mit sich und der Welt. Sie lächelte Beust an, als er sie respektvoll und galant begrüßte. "Mein deutscher Freund", sagte sie, "wie geht es Ihnen und Ihren Lieben?" "Ihre Aufmerksamkeit erfüllt mich mit großer Freude und tiefer Verbundenheit, Eure Majestät. Es ist alles zum Besten bestellt, und was etwa zu wünschen übrig wäre, das möge uns, mit Ihrem Segen, die Zukunft bescheren." "Ich, eine Segensspenderin? Wahrlich, ich glaube, Sie überschätzen meine Fähigkeiten, guter Beust. Aber ich würde es Ihnen gönnen. Lord Clarendon sagte mir, Sie wären der brave Hirte, der die Herde seiner Bundesgenossen beisammen hält." "Der deutsche Bundestag übertrug mir diese Aufgabe." "König Johann ist sicher stolz auf Sie." "Ich bemühe mich, seinen Erwartungen zu genügen." "Und Fürst von Bismarck? Unterstützt er Ihre Ambitionen? Oder ist er ...", die Königin wandte sich an Lord Clarendon: "... wie nennt man diese Rasse?" "Schäferhund", sagte der Lord trocken. "Ja, ist Bismarck Ihr Schäferhund?" fragte sie lächelnd. Beust erwiderte "Auch die Preußen haben Interesse an einer vorteilhaften Lösung auf der hiesigen Konferenz." "Ein Vorteil für den einen ist meistens ein Nachteil für einen anderen. Wollen Sie alle zufriedenstellen?" "Die Positionen sind zweifellos unterschiedlich, nicht alle haben die gleiche Aussicht auf Erfolg. Unsere Zeit ist voll von Veränderungen und auch von Umbrüchen, sie zwingen uns manchmal schweren Herzens zu Entscheidungen, die unpopulär sind und nicht auf Anhieb jedem gefallen." "Ja, da haben Sie wohl recht, lieber Beust, manches erklärt sich einem erst viel später. Aber oft gefällt es dann immer noch nicht." Zu beiden Seiten der Königin standen zwei von ihren Töchtern, Helena und Louise, beide noch keine zwanzig, bezaubernde Geschöpfe von feiner Natürlichkeit und goldiger Gelassenheit und in einigen Zügen, zum Beispiel mit dem niedlichen Schmollmund oder den wachen Kulleraugen, ihrer Mutter sehr ähnlich. Man konnte es der Königin anmerken, daß sie diesen Auftritt kalkuliert hatte, als sie sagte "Graf von Beust, ich möchte Ihnen den zukünftigen Gemahl meiner Tochter Helena vorstellen." Sie machte ein Zeichen ohne sich umzuwenden, und aus der Gruppe hinter ihr trat ein etwa dreißigjähriger, schneidiger Mann hervor. "Prinz Christian von Schleswig Holstein Sonderburg Augustenburg." Beust gab dem Prinzen die Hand und verbeugte sich ehrerbietig, auch der Prinz ließ eine höfliche Verneigung erkennen. "Es ist mir eine Ehre und ein besonderes Vergnügen", sagte Beust. Es war ihm nicht entgangen, mit welcher Betonung die Königin die Namen Schleswig Holstein ausgesprochen hatte, gleichsam wie ein Wort. "Ich schlage vor, Sie unterhalten sich ein wenig und vertiefen Ihre neue Bekanntschaft", sagte die Königin an beide gerichtet. "Es würde mich freuen und stolz machen, wenn Wir hier von Osborne aus die Verhandlungen in London befördern könnten." Beust sagte, indem er vor ihr die gleiche Geste wiederholte "Was für ein glücklicher Umstand und welch' günstige Gelegenheit für mich, die Auffassungen des Bundes einem hohen Vertreter des dänischen Hauses direkt vortragen zu dürfen." "Ja, aber hören Sie sich seine auch an", ermahnte ihn die Königin wie einen Schuljungen. Beust lächelte. "Selbstverständlich, Eure Majestät. Ich habe für alle ernsthaften Vorschläge ein offenes Ohr." Prinz Christian geleitete den Grafen zur Seite, und aus der Gesellschaft löste sich eine Gruppe von Damen und Herren, welche ihnen folgten, auch Hoffmann und ich schlossen uns an. Man plauderte sogleich munter durcheinander, manche waren offenbar froh, aus der Staffage bei der Königin entlassen zu sein. Prinz Christian fragte den Grafen, ob er gern zur Jagd gehe, und Beust antwortete "Leidenschaftlich gern, Eure Hoheit." "Wo denn?" "In der Gegend von Moritzburg, zirka fünf Meilen nördlich der Dresdner Residenz." Dann musste er dem Prinzen ausführlich beschreiben, wie es sich dort jagen ließe, und im Nu begannen die beiden Männer zu fachsimpeln, wie es unter Jägern überall auf der Welt üblich ist. Hoffmann und ich nahmen indes mit den anderen Vorlieb, unter denen keineswegs nur Adlige waren, sondern auch einige Londoner Bürger, wie zum Beispiel der Bankierssohn Richard Maddock und sogar ein Schauspieler vom renommierten Shakespeare Theater am Trafalgar Square. An seinem Arm untergefasst ging seine Frau, wie ich erfuhr, ebenfalls eine Aktrise; die beiden waren sehr schön, vornehm und ein bisschen kostümhaft gekleidet, sie sahen aus wie auf einem Bild eines französischen Rokokomalers. Irgendwo unterwegs kam von der Seite ein Grüppchen anderer Spaziergänger auf uns zu, und jemand rief "Hopeman! Hopeman! Wait! It's me, Marek!" Hoffmann erkannte die Stimme des jungen Mannes, es war Marek Podbielski, ein Pole, der, wie mich Hoffmann dann aufklärte, nach dem polnischen Aufstand in der Nationalarmee unter General Mieroslawski zum Kommandeur eines Freiwilligenbataillons ernannt worden war, in der Woiwodschaft Augustow den russischen Einheiten des Großfürsten Constantin ordentlich eingeheizt hatte und dann, als eine Art militärischer Berater nach London geschickt worden war, von wo aus der Widerstandskampf gegen die russische Verwaltung wenn nicht koordiniert, so zumindest mit vehement unterstützt wurde. Hoffmann hatte Marek in Dresden kennengelernt, wo er kurzzeitig zum Kreis eines angesehenen polnischen Schriftstellers gehörte, der auf der Nordstraße sein Haus hatte. Die beiden begrüßten sich überschwänglich, und Hoffmann stellte auch mich vor. Marek war stark, lebhaft, mit einem breiten, gutmütigen Jungsgesicht und blonden Haaren, die über die Ohren und in die Stirn fielen. Ich staunte darüber, mit welcher Härte er und seine Kameraden gegen Constantins Soldaten gekämpft hatten, wie mir Hoffmann berichtete. Marek selbst sprach, zumindest in meiner Gegenwart, nicht darüber, wahrscheinlich hatte er diesbezüglich einen Vorbehalt gegen mich. Nichtsdestoweniger legte er mir mehrmals freundschaftlich den Arm um die Schultern, wobei er unter anderem sagte "Nikolai, Nikolai, der russische Zar wird das polnische Volk niemals unterkriegen, warum lassen Sie uns nicht gleich hier Frieden miteinander schließen und diese unselige Unterdrückung beenden!" Ich antwortete "Ich hätte nichts dagegen, Marek, aber leider bin ich von meinem Kaiser nicht dazu bevollmächtigt." Er lachte und meinte, ich würde auf ihn den Eindruck machen, als könnte ich durchaus auf eigene Faust Entscheidungen treffen." "Das traue ich mir auch zu", erwiderte ich, "aber keine, die mich wissentlich ins Verderben stürzen." Er schaute mich herausfordernd an. "Nun, dann ist es mit Ihrer Friedensliebe doch nicht weit her." Ich wusste nicht, wie ernst er das gemeint hatte und sagte "Ich habe jedenfalls bisher nur ein einziges Mal eine Waffe auf einen andern Menschen gerichtet, und das war in einer rein privaten Angelegenheit." Ich konnte nicht vermeiden, daß Marek sich wegen der etwaigen Anspielung auf sein militärisches Engagement brüskiert fühlt, aber er (und übrigens auch der Schauspieler von Shakespeare Theater) rief sogleich "Nikolai, was war da vorgefallen? Das müssen Sie uns unbedingt erzählen!" Gott sei Dank wurden wir von einer Schar Kinder abgelenkt, von denen eins im Vorbeirennen hinstürzte und uns dann unter herzzerreißendem Geheul seine aufgeschürften Knie hin hielt. Am Ende dieses Aufenthalts in Osborne hatten sich einige Leute (darunter Hoffmann und ich) zu einer Schiffspartie auf der Themse verabredet, die dann am Wochenende vom Zollhaus aus startete und mit einem der Dampfschiffe nach Gravesend gehen sollte. Gleich uns unternahmen an diesem Tag hunderte frohgelaunte Einheimische und Besucher Ausflüge auf dem Fluss, die meistens bis zu einem der hübschen Örtchen am Ufer führen, wo man zwei, drei Stunden umherschweifen oder in einem sauberen, netten Gasthof einkehren kann. Ein Mann namens Alfred Jemenys, der ein Bekannter von irgendwem war, hatte für uns (wir waren ungefähr zehn Damen und Herren) Plätze auf der "White Eagle" gebucht, aber es stellte sich heraus, daß die Reservierung fehlgelaufen war. Während sich Alfred lauthals beschwerte und mit einem der Schiffsleute am Zollhaus herumstritt, machte sich Richard Maddock, der Bankier, auf die Suche nach einem schnellen Ersatz für uns. Wir landeten schließlich auf der "King George", einem nicht ganz so großen, aber - wie man auf einer Messingtafel lesen konnte - mit einer leistungsstarken oszillierenden 2 Zylinder Zwillingsdampfmaschine mit Einspritzkondensation ausgerüsteten Dampfer, auf dem ebenfalls eine andere Gesellschaft unterwegs war. Sie hatte auf dem Deck ein offenes Zelt aus weißem Segeltuch errichtet, unter dem ein opulentes Buffet aufgetischt war. Als wir ein Stück flussabwärts gefahren waren, begann eine kleine Musikkapelle zu spielen. Alfred hatte sich immer noch nicht wieder beruhigt wegen des Zwischenfalls, er war sichtlich bemüht, jedes Verschulden daran von sich zu weisen. "Das kann schon mal passieren", meinte Richard Maddock, "davon geht die Welt nicht unter." "Und das Schiff auch nicht", meinte die Aktrise vom Theater, die in Begleitung ihres Mannes oder Freundes oder Schauspieler Kollegen mit dabei war. Die beiden hatten ihre "Kostüme" gewechselt: er sah aus wie ein englischer Archäologe auf einer Ägyptenexpedition, mit hohen, engen Wickelgamaschen und einer khakifarbenen Jacke mit zahlreichen Taschen, und sie wirkte wie eine Pflanzertochter aus Neuengland, mit Schlapphut und einer Art Schürze vor dem Kleid, aber beide dabei sehr attraktiv. "In Ihrer Bank, Richard, wird ja auch nicht vom falschen Konto das Geld abgebucht", sagte Alfred. "Nein, natürlich nicht. Aber was hat das mit den Passagierplätzen auf einem Ausflugsdampfer zu tun?" Jemand hatte eine diesbezügliche Erfahrung gemacht. "Auf einem meiner Bankkonten war vor einigen Jahren einmal ein Betrag eingegangen, ich konnte mir nicht erklären, woher das Geld kam." "War es viel?" wollte eine Dame wissen, die ihren leichten, offenen Sonnenschirm an die Schulter gelehnt drehte. "Oh, eine nicht unerhebliche Summe", sagte er mit britischer Genauigkeit. "Das lässt sich doch zurückverfolgen, oder Mister Maddock?" "Normalerweise ja." "In meinem Fall aber nicht so leicht. Einzig der Einzahlungsort war angegeben: Madras." "Wo liegt das?" "An der indischen Ostküste." "Vielleicht hatten Sie mal einen Onkel, der dorthin gegangen ist", sagte die Aktrise. Der Herr sah sie erstaunt an. "Woher wissen Sie das?" "Ist mir nur so eingefallen." "In der Tat war es so." Die Dame mit dem Schirm sagte zur Schaupielerin "Sie sollten einen Finderlohn fordern." "Wofür denn?" "Dafür, daß Sie den Absender gefunden haben." "Nun, er war es nicht selbst, der das Geld überwiesen hatte. Er war, wie sich herausstellte, dort verstorben, hatte keine Hinterbliebenen in Madras, und der einzige Mensch, der offenbar näheren Umgang mit ihm pflegte, war sein Barbier. Dieser Barbier war es auch gewesen, der sich um seine Bestattung kümmerte, seinen Haushalt auflöste und so weiter. Er fand unter den Papieren meines Onkels, übrigens war es ein Großonkel, zufälligerweise meine Londoner Adresse mit Namen und Bankverbindung, es stand alles auf einer meiner Geschäftskärtchen, die der Onkel besaß, ich war eine Zeitlang im Baumwollhandel tätig." "Alle Achtung, das war aber ein ehrlicher Mann." "Wer?" "Na dieser Barbier." "War es ein Barbier oder ein Friseur?" "Da gibt es doch keinen Unterschied, und in Indien schon gar nicht, da machen sie alles." "Wie, alles?" "Haare schneiden, rasieren, Maniküre, Pediküre." "Manche ziehen auch Zähne heraus." "Um Himmels Willen, wieso denn das?" "Doch nur, wenn es erforderlich ist!" "Vermutlich war dieser Barbier auch ein guter Freund Ihres Onkels." "Na, das ist doch aus dem Gesagten ziemlich deutlich geworden." "Ich meinte noch etwas anderes." Die meisten der Herren mussten schmunzeln, dann sagte die Dame mit dem Schirm "Mein verflossener Gemahl hatte auch einen Freund in Indien. Er ist sogar mal auf einem Elephanten geritten." "Wer jetzt?" "Mein Mann, ich habe noch ein Photo davon." "Und Sie waren nicht dabei?" "Das war vor unserer Ehe, ich war noch ganz jung." "Mit Verlaub, Madame, Sie wirken auch jetzt noch sehr jugendlich." "Oh danke, aber die Vergangenheit hat mich doch auch etwas mitgenommen." "Das haben Sie schön formuliert", meinte die Schauspielerin. Marek fragte "War es eigentlich Ihre Bank, Mister Maddock, wo letztes Jahr eingebrochen wurde?" "Nein, zum Glück nicht." "Hat man die Räuber gefasst?" "Nein, soviel ich weiß, noch nicht. Aber die Polizei hält sich bedeckt." "Warum das?" "Vermutlich aus ermittlungstechnischen Gründen." Eine Dame in einem hellblauen Kleid mit weißen Seidenstrümpfen und ebensolchen hauchdünnen Handschuhen fragte "Ist in Ihrer Bank auch schon mal so etwas vorgekommen?" An ihrer Seite war ein Mann von wahrhaft ritterlicher Gestalt, hochaufragend mit gerecktem Kinn und einem Adlerblick, vielleicht nicht mehr ganz jung, aber offensichtlich von bester Gesundheit. Richard Maddock antwortete auf ihre Frage. "Über dergleichen Vorfälle herrscht allgemein Stillschweigen, meine Gnädigste. Aber unter uns gesagt, es gab einmal den Versuch, in eine unserer Filialen einzubrechen." "Es hat nicht geklappt?" fragte Alfred. "Nein." "Warum nicht? Waren die Mauern zu dick?" wollte Hoffmann wissen. "Die Räuber wurden gestört, durch eine Polizeistreife." "Aber nicht gefasst?" "Sie konnten fliehen, durch die Kanalisation." "Wie bitte?" "Sie waren auf diesem Weg auch bis zu unserem Gebäude vorgestoßen." "Nicht möglich, auf was für Einfälle diese Verbrecher kommen." Der Begleiter der Blauen Dame sagte "Eine Kanalisation kann manchmal auch einem anständigen Menschen nützen." "Ja, zum Beispiel, um seinen Unrat zu beseitigen", sagte die Schauspielerin, und die Blaue Dame wandte ein "Mein Freund meint etwas anderes, nicht wahr, Heinrich?" Sie schaute ihn an, und er schüttelte sachte den Kopf, als wollte er sich aus Bescheidenheit nicht weiter erklären. Marek fragte "Was meinen Sie denn?" Die Blaue flüsterte, nicht ohne Nachdruck und Erregung: "Mein Freund ist einmal auf diese Weise der Todesgefahr entronnen." Diesmal musste die Aktrise ein Lachen unterdrücken, es war ihr peinlich, und sie holte schnell aus ihrer Schürzentasche ein Tuch hervor, mit dem sie sich schneuzte. "Ich konnte während der badischen Revolution", sagte der Ritter, "aus dem eingekesselten Rastatt durch eine Wasserleitung fliehen." "Meine Güte", sagte die Dame mit dem Schirm, "bei Ihrer Größe sicher kein leichtes Unterfangen." "Ich trug ein paar Schrammen davon", erwiderte er gelassen, "das war allerdings, wie Sie begreifen werden, leicht zu verschmerzen, verglichen mit den Kugeln, die meine Brust durchbohrt hätten, wenn ich vor's Standgericht gekommen wäre." "Heilige Johanna! Was für eine Kühnheit." "Und das war noch gar nichts", sagte die Blaue Dame, jetzt vor Stolz auf ihn ganz rot im Gesicht. "Ach lass' doch, Angelica", wehrte er ab. "Er hat daraufhin einen Kameraden aus dem Kerker befreit", fuhr sie fort, und man sah, daß sie noch jetzt bei dieser Vorstellung um ihn bangte. "Was für ein Kerker war das?" fragte Marek. "Es handelte sich um das Gefängnis in Berlin Spandau", sagte der Ritter. "Eine richtige Festung", ergänzte sie. "Das war doch nicht etwa der Friedrich Kinkel, den Sie da rausgeholt haben?" rief Hoffmann. "Ebenderselbe." "Ach, dann sind Sie Heinrich Kurtz, das Phantom? Es stimmt, man sagte, Sie wären in London untergetaucht." "Na ja, er war ja auch in Deutschland zum Tode verurteilt worden", erklärte Angelica und streichelte seine Schulter. "Aber man hat mich nicht erwischt." Hoffmann besann sich. "Allerdings hieß es zuletzt, Sie seien nach Amerika gegangen. Dann war das wohl eine Finte?" "Nein, auch ich war in Amerika." Daraufhin entspann sich ein lebhaftes Streitgespräch über die Lage auf dem nordamerikanischen Kontinent, und man philosophierte über die Demokratien und die Revolutionen auf dieser und auf jener Seite des Atlantik, über die Emanzipation und den Spekulationsgeist, über religiösen Fanatismus und über modernes Sklaventum, und Heinrich Kurtz erörterte das Prinzip der individuellen Freiheit "bis zu den letzten ihrer Konsequenzen". Aber er suchte nach den richtigen Worten und es schien, als sehnte er sich zurück zu den Zeiten, in denen ein Mann damit glänzte, sich mit bloßen Händen aus allerlei lebensbedrohlichen Situationen zu befreien. Während der letzten Minuten hatte die Musikkapelle aufgehört zu spielen, und das Stimmengewirr der anderen Gesellschaft übertönte das gleichmäßige Stampfen der oszillierenden 2 Zylinder Zwillingsdampfmaschine. Dann kam von der Heckseite ein melodisches Mundharmonikaspiel herüber, und kurz darauf erschien bei uns ein Herr in Frack und Zylinder und mit einem beeindruckenden Schnurrbart, und meinte, die Herrschaften (drüben) würden sich freuen, wenn wir uns zu ihnen gesellen wollen, das Buffet wäre üppig, und bis Gravesend hätte man Gelegenheit, sich "unterzumischen". Er hatte wohl schon ein paar Drinks intus, bewahrte aber tadellose Haltung und bot, mutig voran, der Dame mit dem Sonnenschirm sogleich seinen Arm zum Geleit, worauf sie sich mit einem honorigen Lächeln einließ. Der Harmonikaspieler war wirklich hörenswert, er schaffte, wie mir schien, sogar mehrstimmige Stücke auf seinem Instrument, und als er in flottere Weisen verfiel, und die Kapelle ihn dezent begleitete, wagten einige Paare ein Tänzchen auf dem Deck. Unsere Leute hatten sich tatsächlich untergemischt, ich stand in Betrachtung der Szene versunken am Geländer und lauschte den Klängen, als jemand zu mir sagte "Spielt er nicht phantastisch?" Es war Emily Dawson, ihre blonde Haarmähne wehte in der sanften Brise und ihre Augen strahlten vor Lebenslust, sie sah hinreißend aus. Auf dem Arm trug sie einen weißen Pudel. "Miss Dawson!" rief ich völlig perplex. "Was machen Sie hier?" "Ich habe ihn vermittelt", sagte sie und meinte den Harmonikaspieler. "Eins von Ihren Nebengeschäften?" "Ach, nur ausnahmsweise, der arme Kerl hat letzte Woche noch in der Gosse gelegen, die Mundharmonika haben wir aus dem Pfandhaus geholt, der Anzug ist geliehen. Sein Gebiss konnten wir nirgends auftreiben, aber er spielt auch so wie der Teufel." "Sie sind wirklich ein gutherziger Mensch. Und das ist, wenn ich nicht irre, der wiedererweckte 'Simson'?" "Wieso wiedererweckt?" "Zuletzt war er doch dem Kältetod nahe." "Natalja hat mich gefragt, ob ich ihn eine Weile aufnehmen kann, beim Baron im Haus ist er nur im Weg oder würde vielleicht vor Sehnsucht nach seinem Frauchen sterben, nicht wahr, mein Hündchen", sagte sie und kraulte ihn am Nacken. "Er bringt mir drei Schilling pro Woche. Nicht daß Sie denken, ich wäre nur so tierlieb. Eigentlich bezahlt der Baron fünf an Natalja, aber sie hat ja alle Hände voll zu tun. Außerdem hat sie zuhause trouble mit ihrem Freund, ein furchtbar eifersüchtiger Russe. Sagen Sie mal, Nikolai, sind alle russischen Männer so eifersüchtig auf ihre Frauen." "Meistens, wenn sie besonders hübsch sind", sagte ich. "Wären Sie eifersüchtig auf mich?" fragte sie, als sollte ich eine Bürgschaft für sie unterschreiben. "Soll das eine Aufforderung sein?" Sie lachte. Ich erklärte "Ehrlich gesagt wusste ich nie genau, was das heißt: eifersüchtig sein. Ich meine, auf wen ist man eigentlich eifersüchtig? Auf die eigene Geliebte oder auf den fremden Liebhaber?" "Das sind doch Ausreden", sagte sie. "Was für Ausreden?" "Mit denen Sie ablenken wollen von der Tatsache, daß Sie die Dinge nicht im Griff haben." "Oh je, Sie reden mit mir wie mit einem Schwächling. Dabei kennen Sie mich überhaupt nicht." "Ein bisschen schon." Ich schüttelte den Kopf, musste sie aber ungeniert anstarren, sie sah zu gut aus. "Auf wen ist man eifersüchtig? Auf sie oder auf ihn? Betrogen haben sie Sie beide. Das klingt, als würden Sie zu sich sagen: Einen von beiden muss ich dafür umbringen, aber wen?" "Immer sachte, Emily, ich habe von Eifersucht gesprochen, nicht von Rache." "Es geht um Ihre verletzte Männlichkeit, da ist nur das letzte Mittel das wirksamste." Das traf mich heftiger, als sie es gewollt hatte. "Was ist denn, Nikolai, ist Ihnen nicht gut? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?" "Es ist nichts." "Nein, ein Schwächling sind Sie bestimmt nicht, vielleicht ein bisschen verletzlich." "Das wäre mir aber neu. Ich habe außerdem ein dickes Fell." "Und was war das eben?" "Oh, das kommt vom Schlingern des Schiffs." Wir waren kurz vor Gravesend und der Dampfer begann mit dem Anlegemanöver. "Gehen Sie auch an Land?" fragte ich. Sie schaute hinüber ans Ufer, Simson hatte einen fremden Hund entdeckt und reckte begierig den Hals nach ihm. "Ich kenne da alles, und ich bin auch nicht zum Vergnügen hier." "Ich auch nicht ganz." "Ja, beim Baron hat mir jemand erzählt, was Sie hier tun." "So? Das ist aber schlimm für mich, denn ich bin in geheimer Mission hier", sagte ich halb im Scherz, aber auch, um mich vor ihr wichtig zu machen. "Keine Sorge, ich werde Sie nicht verraten." "Das sagen Sie jetzt, aber kann ich mich darauf verlassen? Eigentlich müsste ich Sie im Auge behalten." Sie lachte und zeigte ihre perlengleichen Zähne, aber ich bemerkte, wie sie errötete. "Ich habe schon jemand, der auf mich aufpasst." "Wen? Den Harmonikaspieler?" "Und Simson." Sie fasste seine Pfote und winkte damit. "Dann fahren Sie gleich wieder zurück?" "So sieht mein Plan aus." Warum war sie auf einmal so stur? Von dem gegenüberliegenden Ponton wurde eine Brücke zum Schiff geschoben. Die Passagiere waren in bester Laune. Drüben standen zwei, drei Cabriolets, aber keiner wollte fahren. Ich sah Hoffmann, Marek, das Schauspieler Pärchen und die andern, Hoffmann drehte sich nach mir um und rief "Nikolai! Wir treffen uns am Two Color Tree!" Ich machte ein Zeichen, daß ich verstanden habe. "Was ist der Two Color Tree?" fragte ich Emily. "Ein idyllisches Plätzchen, eine halbe Meile von hier. Dort steht ein Baum, der Blätter mit zwei verschiedenen Farben hat: dunkelrot und hellgrün, er ist sehr alt, manche sagen, über tausend Jahre." "Dann lohnt es sich, ihn zu besichtigen." "Auf jeden Fall, wann sonst kommen Sie dazu?" "In Ordnung. Hat mich gefreut, Sie nochmal getroffen zu haben, Miss Dawson, Emily." "Ja, mich auch." Ich ging über die Brücke. Ein Stück weiter unten am Ufer lagen etwa ein Dutzend Kähne, dazwischen ein paar Segelboote. Ich hörte, wie von dem einen ein Mann zu Emily hinüberpfiff, als er sie entdeckt hatte. Sie winkte ihm zu, und sie wechselten ein paar Worte, die ich nicht verstand. Dann kam sie mir auf einmal nachgelaufen. "Nikolai, haben Sie Lust auf eine Bootsfahrt?" "Ich habe gerade eine hinter mir." "Ach, das war doch gar nichts. Kommen Sie, ich kenne da jemand." "Aber ich bin mit meinen neuen Bekannten hier", entfuhr es mir gegen meinen Willen. "Was soll das denn heißen? Sie wollen doch viel lieber mit mir gehen", sagte sie wie selbstverständlich. Wir gelangten zu einem der Segelboote. "Darf ich vorstellen: Kapitän Olson - Nikolai Novadin." Er reichte mir seine Hand herüber, ich zögerte, ich befürchtete, er werde meine zerdrücken, so zupackend sah er aus. "Für Sie: Lars", sagte er, als würde er mich nun für drei Wochen zum Walfang begleiten. Er war mindestens einsneunzig groß, braungebrannt, mit einem weißen Vollbart und blauen Augen. Er trug eine Strickmütze und einen Rollkragenpullover aus Schafwolle (ich erkannte das an den vielen feinen Härchen). "Kannst du uns mitnehmen, falls du nach London fährst?" "Ich fahre dich, wohin du willst, meine Teuerste." Tatsächlich sah es so aus, als wollte er gerade ablegen. Ich verstehe nichts vom Bootsfahren, dieses hier hatte ein großes dreieckiges Segel und ein anderes, das sich nach vorn aufblähte, und damit bekamen wir, wie ich dann erstaunt sah, ein ganz schönes Tempo drauf. Ich hielt es für besser, zu sagen "Ich kann nicht schwimmen." Lars Olson lächelte in seinen Bart wie über eine bedauernswerte Landratte. Emily sagte "Ach, das hatte ich ganz vergessen, Sie kommen ja aus Russland, da gibt es nur Wälder und Schlitten, stimmt's." Olson gab mir so ein Ding, das bestand aus vier rechteckigen Korkplatten an Stricken, die man sich umhängen konnte, so daß jeweils zwei Hälften Rücken und Brust bedeckten. "Damit bleiben Sie immer obenauf", meinte er und band es mir um, er ruckte so sehr an den Stricken, daß ich jetzt schon beinahe aus dem Boot gefallen wäre. Emily drückte mir Simson in die Arme, der die Nase in den Wind hielt, und sie sagte "Sie dürfen ihn nicht loslassen, sonst hüpft er womöglich über Bord." Dann wandte sie sich an Olson "Hast du was zum Anziehen für mich?" Er war damit beschäftigt, irgendwelche Leinen festzuziehen und andere zu lockern, und er wies kurz mit dem Arm auf eine Kiste. "Da ist noch der Overall von Little Piper drin, der könnte dir passen." Sie klappte den Deckel auf und zog ein graues, schlauchartiges Etwas heraus. "Ist der noch beim Zirkus?" fragte sie Olson, der hin- und hersprang und zehn Handgriffe mit einem Mal ausführte. "Was?" "Little Piper, tingelt er immer noch mit dem Zirkus durch die Lande?" "Zuletzt wo ich ihn gesehen habe, war er in Greenwich auf'm Jahrmarkt und hat Kartentricks vorgeführt, hatte immer noch dieses dicke Negermädchen bei sich." "Dreht euch mal weg", sagte Emily, und im nächsten Moment hatte sie ihr Kleid aus- und den Overall übergezogen. Und dann ging sie Kapitän Olson zur Hand wie ein richtiger Schiffsjunge, und als ich sie so sah, wie sie sich streckte und reckte und mit einer katzenhaften Eleganz bewegte, kamen mir unwillkürlich gewisse Vorstellungen in den Sinn, und Simson jaulte auf, als ich meine Finger zu heftig in sein Fell grub. Olson nahm das Steuer in die Hand, und als würde es darauf wie durch ein Zauberwort geweckt, glitt das Boot sanft vom Ufer weg auf die Flussmitte zu. Nach einer ersten Wendung füllte der Wind schlagartig das bauchige Segel, und wir gewannen rasch Fahrt. Olson manövrierte, mit Emilys Hilfe, die jeden Augenblick an der richtigen Stelle zufasste, zwischen den entgegenkommenden Dampfschiffen hindurch. Beim ersten Schaukeln im Fahrtwasser wurde mir ganz anders, ich wollte mich festhalten, durfte aber Simson nicht loslassen, und so saß ich breitbeinig wie auf der Mitte einer Wippe und versuchte, mich im Gleichgewicht zu halten. Beim dritten Dampfer hatte ich den Bogen schon ganz gut raus. Nur einmal drohte Simson mir aus dem Griff zu schlüpfen, als er aus irgendeinem Grund den Steuermann eines Lotsenbootes ankläffte, der ihn jedoch keines Blickes würdigte. Übrigens hatte man so flach über dem Wasser einen ganz andern Blick auf die Uferlandschaft, als vom Deck des Dampfers aus. Man konnte zwar nicht in die Weite schauen, dafür wirkte aber alles viel unberührter, wilder, geheimnisvoller: Aus dem Ufersand entwurzelte Bäume, die ins Wasser gestürzt waren und deren kahle Äste sich wie Seeschlangen herauswanden; ein kleiner, glitzernder Bach, der es anscheinend kaum erwarten konnte, sich in den Fluss fallen zu lassen und darin unterzutauchen; große, magere, stolze Vögel, die mit Seelenruhe im seichten Wasser stolzierten; dann undurchdringliche Sträucher, manche mit roten, andere mit gelben, wieder andere mit violetten Blüten; ein steiler Abhang aus hellem Kalk- oder Kreidestein, in dem hunderte schwalbenartige Vögel ihre Nestlöcher gegraben hatten. Alles war ungeheuer beruhigend, wie es so eins nach dem andern vor den Augen vorbeizog. Kurz bevor wir die Anlegestelle bei Redmond erreichten, die ausschließlich für Segelboote vorgesehen ist, zog sich Emily wieder um. Ich gab Kapitän Olson die Korkweste zurück und bedankte mich bei ihm. Er nickte und meinte "Das nächste Mal könnten wir nach Southend schippern, dort wohnt meine Schwester Kirsten, ich glaube, die würde Ihnen gefallen." Emily lachte, und mir wurde klar, warum er mich unterwegs gefragt hatte, ob ich verheiratet sei. Emily sagte dann zu mir, falls ich wirklich Kirsten heiraten würde, müsste ich damit rechnen, mit ihr in eine von diesen Holzhütten in irgendeinem norwegischen Fjord zu ziehen, wo man den ganzen Tag Holz spaltet und Heringe räuchert. "Ich habe nicht vor, Kapitän Olsons Schwester zu heiraten." "Ach so? Sie sollten aber nicht zu lange herumsuchen, Nikolai, in Ihrem Alter kann es schnell passieren, daß man keine mehr abkriegt." "Woher wissen Sie das so genau?" "Ich kenne eine Menge dieser Männer, die sich um mich bemüht haben." "Vergeblich, nehme ich an." "Ich bilde mir gar nichts darauf ein, wie Sie jetzt vielleicht denken. Es war nur nicht der Richtige dabei." Sie sagte das durchaus ohne Arroganz. Ich fragte sie, wie ich am besten zu meinem Hotel in Primrose Hill käme, und sie erklärte mir, welche Kutsche ich nehmen und was ich dem Fahrer sagen müsste. "Sie können aber auch erst mit zu mir kommen", meinte sie, "von dort ist es auch nicht weit bis nach Primrose Hill." Ich tat so, als müsste ich es mir überlegen, dann ging ich auf ihren Vorschlag ein. Ihre Wohnung sah aus, als würde sie nicht in London, sondern in einem mondänen Viertel in Peking liegen, alles mutete chinesisch an: die Tapeten, die Teppiche, die Lampen (oder besser gesagt: Laternen), die Sitz- und Liegemöbel, die Vasen, das Geschirr, selbst die Uhr hatte einen sanften Gong als Stundenschlag. "Das ist ja unglaublich", sagte ich, "haben Sie hier alle Schätze Chinas zusammengetragen?" "Ach was! Einiges ist japanisch." "Sie haben mir letztens nicht meine Frage beantwortet, woher Sie chinenisch sprechen können?" "Mein Vater war Handelskaufmann in Schanghai, ich bin zeitweise dort aufgewachsen." (Bis nach Schanghai gekommen, aber angeblich nicht wissen, wo Petersburg liegt, dachte ich bei mir.) "Möchten Sie Tee trinken?" "Ich wette, es ist chinesischer." "Nein, aus Ceylon, den guten chinesischen kann ich mir momentan nicht leisten, und der billige schadet dem Magen." Während sie sprach, bereitete sie den Tee zu. "Was ist das, was hier so duftet?" "Räucherwerk, es besänftigt die Sinne." "Ist das Opium?" "Nein, es stammt von einer Baumrinde. Wollen Sie Opium rauchen?" "Oh nein ... ich meine ... nein, lieber nicht." "Haben Sie Angst, Sie vertragen es nicht." "Womöglich verliere ich die Kontrolle über mich und dann ..." "Was dann? Wollen Sie mich küssen?" "Bitte?" "Dann wollen Sie mich küssen?" "Wenn ich berauscht bin? Nein, ich dachte eher, ich würde Ihnen dann den buckligen Wanja vorspielen." Sie lachte. "Wer ist das?" "Aus dem Märchen von der Großmutter und ihrem Enkel Wanja." Ich erzählte es ihr in Kurzform, während sie, im Schneidersitz auf dem Boden, in kleinen Schlucken den Tee aus der Schale trank. "Ich kann Ihnen auch eine Geschichte zeigen", sagte sie dann und erhob sich. "Es ist sogar viel mehr als nur eine Geschichte, es ist Teil eines Kosmos!" "Das klingt gewaltig." "Ist es auch. Sehen Sie, hier." An der Wand hing ein großes, auf einen Rahmen gespanntes Seidentuch, das über und über mit wunderlichen Symbolen, Ornamenten, Figuren und Fabelwesen bemalt war, ich konnte auf den ersten Blick gar nicht alles erfassen. "Das ist ein Seelenbanner mit kosmologischen Mythen der Han Zeit", sagte Emily. "Es stammt aus den berühmten Mawangdui Gräbern, es ist eigentlich ein Grabtuch für eine verstorbene Frau, sehen Sie, hier: das ist die Frau, wie sie in der Küche steht." "In der Küche?" "In ihrem Haushalt besser gesagt, sie war natürlich eine hochgestellte Person, und das sind ihre Angehörigen." Obwohl diese Frau im Zentrum der Darstellung platziert war, hätte ich sie ohne Emily's Hinweis wahrscheinlich übersehen, so übervoll und detailliert war das Ganze. "Das hier ist die obere Welt der himmlischen Mächte, hier die Erde, und da die Unterwelt oder das Meer. Das hier sind Kraniche, kann man leicht erkennen, hier Leoparden, übergroße Tauben mit Menschenköpfen, das hier sind irgendwelche Katzenartige auf gepunkteten Pferden, das sind Schlangendrachen, die sich durch einen Jadering winden. Da oben, vor der Sonnenscheibe, das ist der schwarze Vogel, den der Jäger Yi erlegt hat, um der großen Dürre ein Ende zu machen. Und das gegenüber ist die dreibeinige Kröte auf der Mondsichel." Emily schwieg, als würde sie im Geiste Verbindung zu dieser Kröte herstellen, ich sah, wie Emily's Nasenspitze zuckte und sich dann ein entzückendes Lächeln auf ihre Lippen legte. Mich durchfuhr ein angenehmer Schauer. "Man sagt, sie wäre verantwortlich für die Mondfinsternisse, dann verschlingt sie nämlich den Mond und würgt ihn anschließend langsam wieder heraus. Das ist ein bisschen eklig, oder?" fragte sie und schaute mich an. "Ich kann mir nicht helfen, es ist irgendwie erregend", sagte ich. "Ja, nicht wahr, finde ich auch. Man sagt, sie wohnt im Palast des Dunkels und wird dort von wunderschönen Elfen und Feen gepflegt und bewirtet. Sie gilt als ein Wesen, das alle emotionalen Wünsche erfüllen kann." Ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde mich diese mysteriöse, übersinnliche Kröte mit ihren milchigen Glupschaugen, in denen flammend rote Pupillen leuchten, anstieren, und aus ihrem breiten, wulstigen, rosafarbenen Maul schoss eine lange, schwarze, giftig feuchte Pfeilzunge heraus und traf mich ins Herz. Ich sah Emily an, und sie streifte ihr Kleid, das wie ein blauschimmernder Nachthimmel ihren Körper verhüllte, über die elfenbeinhellen Schultern. Nichts konnte mich mehr zurückhalten.
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Lesen Sie bis dahin den Roman "Entkommen" : Die Erlebnisse des deutschen Ingenieurs Paul Kelling in Südamerika und seiner jüdischen Frau Esther im faschistischen Deutschland.
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