| Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur | nightletter@web.de |
| Nikolai Novadin |
| Dostojewski in Dresden |
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In der Nacht hatte Tauwetter eingesetzt, die Temperatur stieg über den Gefrierpunkt, und das Eis auf den Kanälen bekam Risse und brach, und am Morgen trieben schon die Schollen auf dem Wasser. Den ganzen Vormittag ging das so weiter, aber nachmittags regnete es, und es wurde wieder kalt und das Straßenpflaster überzog sich mit einer tückischen Glätte, aber der Fluss blieb offen.
Kurz nach Einbruch der Abenddämmerung kommt ein Schlitten, gezogen von einem altersschwachen Gaul, aus einer der Nebenstraßen auf die Torgowaja im Kolomenski Viertel und bewegt sich in westlicher Richtung auf die Fontanka Mündung in die Newa zu. Auf dem Schlitten sitzen drei Männer, ein weiterer vorn hält die Leine vom Pferd in Händen; außerdem befindet sich ein großes schweres Ding darauf, das mit einer Zeltbahn abgedeckt ist, aus der oben durch ein Loch ein gusseiserner Hebel mit Handgriff emporragt. Wie der Schlitten auf die breite Straße einbiegt, kommt ihm ein Fahrzeug im flotten Tempo entgegen, da sitzt ein Herr im dicken Mantel drin, und eine Mütze auf dem Kopf, und er ruft seinem Kutscher zu "Schneller! Schneller! Wir sind spät dran." Und die mit dem großen, schwerbeladenen Schlitten versuchen auszuweichen und geraten an den Bordstein und da prallt der Schlitten ab und wird erst recht in die Fahrbahnmitte geschoben, und der andere schreit "Seid ihr verrückt geworden da vorn! Aus dem Weg!" Der ist in voller Fahrt, und das Pferd, wahrhaftig das reinste Rennpferd, jagt in letzter Sekunde auf der andern Seite vorbei. Aber da auf dem Gehweg steht ausgerechnet ein altes Mütterchen, das macht einen Satz und purzelt auf den Boden, in den schmutzigen Schneematsch breit hinein und bleibt da liegen und rührt sich nicht mehr. Oben vom Schlitten flucht einer dem Flüchtigen hinterher "Du Teufel! Du hast sie umgebracht! Bleib stehn!" Aber der andere sagt zu ihm "Hör auf herumzuschreien, Jakow! Du lockst uns noch den Gendarm auf den Hals." Einer steigt ab und beugt sich über die alte Frau. "Mütterchen, sind Sie verletzt?" "Was fragst du noch, du Narr!" krächzt sie von unten. "Beide Beine hab' ich mir gebrochen, mein Lebtag werd' ich nicht wieder gehen und stehen können!" "Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf." "Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe, du Schinder!" "Was ist los, Anton?" ruft einer vom Schlitten herab. "Wir müssen weiter. Es ist doch nichts passiert." "Wartet einen Moment." "Herrgott, du gefährdest die ganze Aktion!" "Schschschttt!" macht der Kutscher. Der unten fasst die Frau unterm Arm, sie richtet sich auf. "Sidonia Iwanowna!" ruft der Helfer. "Ich wusste ja nicht, daß Sie es sind", sagt er kleinlaut. "Ach sieh an! Anton Petrowitsch, du Tunichtgut. Du kommst mir gerade recht. Nun sag' nur noch, daß Pawel auch hier ist." "Ähm ..." Sie zieht sich an ihm hoch und steht mit zitternden Beinen. "Es ist Sidonia Iwanowna", sagt er zu den anderen gewandt und hält dabei die Handfläche an den Mund, als solle sie es nicht hören. "Beim heiligen Seraphim. Das hat uns gerade noch gefehlt. Sagt mir jetzt mal einer, wie wie hier wieder unbemerkt wegkommen?" Sidonia Iwanowna spät nach oben, da sitzt einer, der den Jackenkragen hochgeschlagen und die Mütze tief ins Gesicht gezogen hat. "Pawel!" ruft sie. "Du Nichtsnutz! Erkannt hab' ich dich längst. Überall sucht man dich." "Wer sucht ihn?" fragt der Kutscher erschrocken. "Was geht dich das an, du Klotz! Du hättest mich hier liegen lassen." "Ganz bestimmt", brummt er in seinen Bart. "Ich komme sofort nach Hause, Tante Sidonia", lässt sich Pawel vernehmen, "sobald ich mit der Arbeit fertig bin." "Du sollst nicht nach Hause kommen, sondern bei Dimitri Wassiljewitsch erscheinen!" "Bei welchem Dimitri Wassiljewitsch?" "Bei Dimitri Wassiljewitsch Jasykow, du Faulpelz! Vergessen hast du wohl, daß er dir eine Stelle anbietet." "Das, wovon Papa gesprochen hat?" Sie gibt einen unschönen Laut von sich. "Dein Vater redet seit zwanzig Jahren nur Unsinn. Die Stelle haben wir für dich beschafft, Adwotja und ich, vergiss das bloß nie! Du musst dich bei ihm vorstellen." "Ja, ist gut, Tante. Ich gehe sofort zu Dimitri Wassiljewitsch, wenn ich hiermit fertig bin." "Also los, Anton, steig auf, damit wir fortkommen." Anton steigt auf. "Was fahrt ihr denn da durch die Gegend?" "Eine Maschine, Sidonia Iwanowna, und jetzt müssen wir wirklich weiter." Sie winkt ab. "Eine Maschine! Wenn's eine Maschine wäre, würdet ihr damit arbeiten und euer Brot verdienen, und nicht auf einem Schlitten damit umherfahren!" "Puh", macht der Kutscher und bringt den Gaul in Trab, "grade nochmal gutgegangen." "Ja", sagt Pawel und legt seine Hand auf die Zeltbahn über der Maschine. "Meine Tante hat ganz recht, was für eine Dummheit, das schöne Stück in der Newa zu versenken, anstatt sie zu benutzen." "Jetzt fang' nicht wieder damit an", entgegnet Jakow, "willst du vielleicht lieber die nächsten zehn Jahre im Kerker verbringen? Da kannst du deine schöne Druckerpresse auch nicht bedienen." "Oh ja, ich habe gehört, da gibt es eine Anstaltsdruckerei", sagt Pawel ganz ernsthaft. Der Kutscher dreht sich um. "Kann mal jemand nachsehen, ob der Junge Fieber hat. Ich für mein Teil will jedenfalls nicht bis ans Ende meines Lebens Rechenfibeln und Gesangbücher drucken." Er knallt mit der Peitsche und treibt das Pferd an, daß die andern sich festhalten müssen. "Und außerdem, Pawluschka, wäre dann die schöne Stelle bei Dimitri Wassiljewitsch futsch." "Mach dich nicht lustig." "Wer ist eigentlich diese Adwotja?" "Meine Cousine, kennst du nicht." "Na, wenn ich sie kennte, würde ich ja nicht fragen." So geht das noch den ganzen Weg. Und dann begegnet ihnen an der Ecke Rodschinskaja doch noch eine Gendarmenpatrouille zu Pferde. Der Kutscher entdeckt sie trotz der Dunkelheit gottseidank noch rechtzeitig, sie biegen in die Twerskaja ein und schleichen sich durch die kurzen Zwischenstraßen, bis sie am Petrowski Platz wieder an den Kanal kommen, und zehn Minuten später sind sie endlich am Kai, ungefähr an der Stelle, wo der Ingenieur Bresanow sein seltsames Rettungsboot ausprobiert hat. Da ein Stück auswärts gibt es nämlich eine ziemlich tiefe Stelle, das wusste Jakow von irgendwoher, und da konnten sie bis an die Kante heranfahren und dann die Druckerpresse vom Schlitten schieben, bis sie zwischen den kleinen Eisschollen ins Wasser geplumpst ist. So war das, mehr kann ich dazu nicht sagen. Am nächsten Tag sind bekanntlich Petraschweski, Kaschkin, Dostojewski und die andern alle verhaftet worden. Das ist der Bericht von einem gewissen Michail Pawlowitsch Dubinski. Er befindet sich in dem Konvolut der Dokumente über den Petraschewski Prozess, in einer Mappe mit der Aufschrift LK-78-C4, welche im wesentlichen die Protokolle der Verfahren gegen Miljukow und Sotow enthält. Dubinski hat seine Aussage unterschrieben, aber wann genau er sie gemacht hat, das geht aus den Akten nicht hervor. Es gibt eine nachträgliche Notiz, genauer gesagt, mehrere einzelne Bemerkungen, sie sind mit einem violettfarbigen Tintenstift geschrieben, wie man sie seinerzeit in der Sektion III verwendet hat und die schon lange nicht mehr im Gebrauch sind. Die eine Bemerkung ist der Name Pawel Filippow. Eine zweite besteht bloß aus dem Namen Jakow und einem Fragezeichen dahinter, was wohl bedeutet, daß man keinen Familiennamen zuordnen konnte. Die Worte ... gefährdest die ganze Aktion ... sind unterstrichen und mit einem Sternchen versehen, das am Ende wieder aufgeführt ist, dabei steht: "Miljukow hat bestritten, davon überhaupt gewusst zu haben". Eine weitere Erläuterung betrifft die "Maschine", demnach handelte es sich offenbar um eine Hebelpresse der Firma Sutter aus Berlin. Welche Rolle dieser Dubinski bei der ganzen "Aktion" spielte, hat sich mir nicht erschlossen. Er schildert die Geschehnisse, als wäre er dabeigewesen, aber er hat sich ja nicht mal selber mitgezählt. Wenn er dagegen alles bloß aus anderer Quelle erfahren hat, ist sein Hang zur Ausschmückung überdeutlich, mithin der Wahrheitsgehalt mit Vorsicht zu bewerten. Vielleicht wussten die Kollegen der Sektion III auch nicht so recht, was damit anzufangen sei. Dieser Pawel Filippow war nachweislich beteiligt. Er war es, der die Idee von Petraschewski, den Brief Belinskis zu vervielfältigen und zu verbreiten, mit Feuereifer aufgriff und unterstützte. Davon spricht auch Fjodor Michailowitsch in seinen Aussagen. Dann hat man angeblich hin und her überlegt, mit welcher Technik man dies am besten bewerkstelligen könnte, manche waren für eine lithographische Vervielfältigung, andere für einen Druck wie bei Flugblättern. Filippow brachte die Hebelpresse ins Gespräch. So eine Druckerpresse ist sehr teuer, man kann also davon ausgehen, daß sie nicht nur für einen einmaligen Gebrauch vorgesehen war. Aber weder Fjodor Michailowitsch noch einer der anderen hat bestätigt, daß eine solche Presse auch tatsächlich vorhanden war. (Das beweist natürlich nicht zwangsläufig, daß es sie nicht gab.) Fjodor Michailowitsch oder sein Bruder hätten vielleicht die Möglichkeit gehabt, etwas drucken zu lassen, auch ohne daß man eigens dafür eine teure Presse anschaffen musste, aber die Druckereien für die Oteschestweny sapiski oder für den Petersburgski sbornik würden einen solchen Auftrag sicher nicht ohne weiteres ausgeführt haben, wenn sie gesehen hätten, worum es sich handelt. Im übrigen gibt es kein Exemplar des Belinski-Briefes, das aus einer Druckerpresse der Petraschewzen stammt. Woher und warum also dann die Geschichte dieses Dubinski? Immerhin ist es möglich, daß wir, ich meine die damaligen Kollegen der Sektion III, der ganzen Vervielfältigung und Verbreitung zuvorgekommen sind, und nicht nur der Druck des Belinski-Briefs unmittelbar geplant war, sondern auch der von zahlreichen anderen Flugblättern und Propagandaschriften, wie sie dann an den Universitäten auftauchten, und vor allem, wie sie während der Bauernunruhen tausendfach im Umlauf waren. Daß Fjodor Michailowitsch bei den Vorbereitungen oder der Durchführung solcher Aktionen nicht unmittelbar involviert gewesen wäre, muss nicht verwundern. Der Kreis um Petraschewski war völlig inhomogen, sowohl was die politischen Ansichten anbetraf, als auch die Herkunft und die Profession der einzelnen Leute. Fjodor Michailowitsch sagte selbst "Es gab nicht die geringste Geschlossenheit, nicht die geringste Einheit im Denken und in der Richtung der Gedanken." Gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß Petraschewski im Umgang mit seinen Gästen sehr geschickt und überlegt vorgegangen ist, daß er aber in jedem Fall genau wusste, mit wem er es zu tun hat und wofür dieser oder jener ihm nützlich sein könnte. In Fjodor Michailowitschs Schilderung über die Abende bei Petraschewski fällt mitunter auf, mit welcher Unbedarftheit er dort verkehrt. Man könnte meinen, er wäre gerade von der Straße hereingekommen, weil ihn jemand vor dem Haus angesprochen und gesagt hat: "Sind Sie nicht der Schriftsteller Dostojewski? Der Autor von Arme Leute? Haben Sie Lust, mit zu einer Versammlung bei Petraschewski zu gehen? Sie werden erstaunt sein, was für außergewöhnliche Menschen man dort trifft." Es ist pure Neugier, wie er betont, die ihn dorthin treibt, er findet alles überraschend, eigenartig, ja exzentrisch, oder aber, auf der andern Seite, widersprüchlich, nichtssagend, gar (ausgerechnet beim Belinski-Brief!) abstoßend. Wenn er selber etwas zum Besten gibt, geschieht dies angeblich spontan oder weil er dazu aufgefordert wurde, ohne Überlegung, unbestimmt oder rein auf die Literatur bezogen. Es entgeht ihm keineswegs, daß bei Petraschewski eigentlich nur unentwegt gestritten wird, er sagt darüber aus: "Es schien ein Streit zu sein, der, einmal begonnen, niemals enden sollte. Um dieses Streites willen versammelte sich denn auch die Gesellschaft; es sollte endlos gestritten werden, denn fast jedesmal ging man mit dem Vorsatz auseinander, den Streit beim nächsten Mal mit frischer Kraft wiederaufzunehmen, weil man spürte, man habe nicht den zehnten Teil dessen gesagt, was man habe sagen wollen." In der Mappe mit der Aufschrift LK-78-C4 lag noch ein anderes Blatt, das beidseitig beschrieben ist. Leider fehlt jegliche Angabe für seine Zuordnung. Es ist unklar, wer das verfasst hat (die Handschrift habe ich nirgendwo sonst gesehen), es ist auch unklar, ob es sich um eine protokollierte Aussage handelt, oder um einen Kommentar wessen auch immer. Überdies beginnt der Text mittendrin, das heißt, es muss noch ein vorhergehendes Blatt gegeben haben, das jedoch unauffindbar ist. Ich gebe diese Ausführungen hier wortwörtlich wieder: "... verlangen danach, wenigstens einen in ihrer Mitte zu einem Schiedsrichter zu machen, zum Richter wohlgemerkt, nicht zum Schlichter. Denn jeder will natürlich Recht behalten, aber dazu muss er Recht bekommen. In diesen schrecklich hitzigen Diskussionen, die nicht selten mit solchem Zorn und solcher Unerbittlichkeit geführt wurden, daß man, wenn man sich nicht geschlagen gab, Angst haben musste, hinterrücks angefallen zu werden, sobald man das Haus verlassen und in die nächste dunkle Gasse eingebogen ist, da mochte mancher gewissermaßen vorsorglich die Anerkennung eines allseits geachteten Oberhauptes in diesem Durch- und Gegeneinander für sich erkämpfen. Was mich betrifft, so habe ich mich nie um Zustimmung bemüht, nicht aus Furchtlosigkeit (denn wenn man das Flackern in den Augen dieser anscheinend zu allem entschlossenen Rebellen sieht, musste man wirklich davor erzittern), nein, ich beharrte auf meinem Standpunkt aus einer, wenn Sie so wollen, naturgegebenen Unanfechtbarkeit heraus, welche mir seit meinen frühesten Tagen eigen ist und die ich mir glücklicherweise bis heute erhalten habe. Mehr möchte ich darüber nicht sagen. Männer wie Petraschewski, geborene Aufrührer oder Umstürzler, sind meistens in ihrer Kindheit schon kleine Streithammel gewesen, die sich gegen alles auflehnen, alles sabotieren müssen. Mit den andern Kindern mag so einer nicht spielen oder jedenfalls nicht das, was sie spielen wollen; seinen Eltern will er nicht gehorchen, die Geschwister verpetzt er, wo er nur kann, die Verwandten äfft er nach und verleumdet sie. Was ihm vor allem fehlt, ist die Bereitschaft sich unterzuordnen, die Fähigkeit, einer Gemeinschaft zu dienen. Leider wird auf die Entwicklung dieser Fähigkeit auch in unseren heutigen Schulen viel zu wenig eingegangen. Womit ich nicht behaupten will, daß eine nachlässige Schule leicht einen Querulanten erzieht? Petraschewski war nicht der erste mit diesem markanten Charakter, den ich kennengelernt habe, während meines Studiums in Moskau und auch in Deutschland habe ich gleichartige Männer getroffen, und ich konnte mir eine eigene Meinung über diesen Typ von Anführer und Aufwiegler bilden. Er ist auffällig ohne überheblich zu sein, unverdrossen bis verwegen, er ist fast immer schlau, manchmal schön, aber meistens etwas kraftlos, niemals gewöhnlich und immer unberechenbar. Er kann einen leicht begeistern, und es passiert oft, daß man glaubt, seine Bekanntschaft würde einem selbst den Anstoß zu etwas Anderem, etwas Ungewöhnlichem und Neuem im eigenen Leben und Denken geben, etwas, wovon man immer schon eine unbestimmte Ahnung hatte, worauf man aber erst durch ihn gebracht wird. Dafür erntet er immer Dank und Zuwendung. Man lernt diesen Menschen ausschließlich durch andere kennen, die von ihm sprechen wie von einem überaus fachkundigen Arzt oder weitgereisten Forscher. Man würde ihn nie, wie zum Beispiel eine schöne Frau, nachmittags um vier auf dem Newski Prospekt treffen, man trifft ihn immer auf Vermittlung und im Kreise seiner Bekannten in irgendeinem Wohnzimmer, das viel zu eng wirkt für die Tragweite der Dinge, über die darin debattiert wird. Außerhalb dieser Gesellschaft gibt es offenbar niemand, der zu ihm gehört, anscheinend hat er keine Familie, keine Angehörigen, keine Blutsverwandten, denn niemals erwähnt er sie auch nur mit einem Wort. Es gibt nicht einmal Photographien aus seiner eigenen Vergangenheit. Dennoch ist er niemals allein (obwohl er natürlich in Wahrheit auch wenigstens zeitweise allein ist). Schon die Vorstellung, er könnte allein sein oder sich gar einsam fühlen, ist ein Verrat an ihm, und seltsamerweise gibt es, wenn man so einen Menschen erst einmal zu seinen Freunden, seinen echten Freunden rechnet, eine ganze Reihe solcher "falscher" Vorstellungen, für die man alsbald anfängt, sich zu schämen. Irgendwann ist man unablässig damit beschäftigt, sein Bild von ihm immer von neuem ins Besondere, ins Außergewöhnliche, ins Gute zu korrigieren. Das ist der Zeitpunkt, wo er beginnt, einen auszunutzen für seine ureigene Absicht, die er vielleicht Sendung nennt oder Vision, und die nur einen einzigen Zweck verfolgt: andere Menschen von sich abhängig zu machen und seinem Willen zu unterwerfen. Viele, sehr viele Menschen lassen sich mit ihm ein, sie mögen ihn, sie beherzigen seine Worte, befolgen seine Ratschläge und schließlich auch seine Befehle, die nicht Befehle genannt werden, sondern Wünsche oder noch gelinder gesagt: Erwartungen. Seine Ideen sind originell, sozusagen unerhört, aber oft unausgegoren, fast abstrus, meistens archaisch in der Wortwahl, dabei entweder leicht fasslich oder aber sehr bedeutungsschwanger, was kein Widerspruch ist, denn es gibt Menschen, die das Einfache mögen, und solche, denen das Verschlungene besser gefällt. Beide finden sozusagen in seinen Ideen Nahrung für ihr Bewusstsein. Nicht selten wird ein solches Subjekt wirklich geliebt von seinen Anhängern, und das Verrückte daran ist, daß man ihn sogar liebt um seiner Schwäche willen, seines Scheiterns wegen und weil angeblich die ganze übrige Welt ungerecht zu ihm ist. Ich weiß, das dies so klingt, als würde man einen solchen im Grunde unguten Menschen in die Nähe eines Heiligen rücken." Ich habe in Erwägung gezogen, daß diese Ausführungen von Fjodor Michailowitsch selbst stammen, aber mein Vorgesetzter und Führungsoffizier, den ich zu Rate zog, meinte, das sei ausgeschlossen, es sei ja nicht einmal Dostojewskis Handschrift. Das ist ein triftiges, aber kein zwingendes Gegenargument. Dann meinte er, der Verfasser sagt, daß er in Deutschland studiert habe, und das trifft auf Dostojewski nicht zu. Ich nickte zustimmend, ich hatte das glatt überlesen! (Heute würde ich sagen, ich könnte es am Stil erkennen, ob ein Text von Dostojewski stammt oder nicht.) Mein Vorgesetzter sagte "Wenn Sie sich über das alles wirklich noch eingehender informieren wollen, Novadin, dann sollten Sie den Major K. aufsuchen, der kann Ihnen bestimmt einiges erzählen, was Sie sonst von keinem erfahren können." Ich fragte ihn, wo ich diesen Major K. finde, und er gab mir die Adresse. "Sagen Sie ihm, Preguschin schickt Sie, nennen Sie die Parole 'Belaja goluba', dann lässt er Sie herein, das heißt, wenn er will." Bevor ich auf meinen Besuch bei Major K. eingehe, sollte ich darauf hinweisen, daß der Prozess gegen Dostojewski und die Petraschewzen fast fünfzehn Jahre zurücklag, als ich jetzt in die Operation "Roulette" einbezogen wurde. Dies geschah für mich relativ überraschend, aber ich hatte keine andere Wahl. Bis dahin wusste ich über Fjodor Michailowitsch nicht viel mehr als - so will ich behaupten - die meisten anderen meiner Generation (ich bin zwanzig Jahre jünger als er). Mir war der Ruf Dostojewskis als Schriftsteller und ehemaliger politischer Häftling unter Kaiser Nikolai zwar bekannt, aber ich hatte bisher nichts von ihm gelesen, und seine Bücher waren auch nicht sehr verbreitet, geschweige denn populär. Als ich zur Sektion VIII kam, einer Sonderabteilung der Geheimen Kanzlei des Kaisers, erwartete man von mir, daß ich mich mit den Ereignissen von damals vertraut mache, mit Fjodor Michailowitsch's Vorgeschichte also. Ich kämpfte mich durch die Prozessakten hindurch, auch durch die nebensächlichen, wovon ich eben eine Kostprobe gegeben habe, und ich begann, nach und nach seine Bücher zu lesen, angefangen von Arme Leute und Weiße Nächte, über Erniedrigte und Beleidigte, das Totenhaus, bis hin zu den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch und etliches von den kleineren Stücken. (Schuld und Sühne, der Spieler und der Idiot waren damals noch nicht erschienen.) Mein Hauptmotiv für die Mühe und den Eifer, die ich dabei an den Tag legte, war: ich wollte bei meinen Vorgesetzten einen guten Eindruck machen, denn ich wusste, daß ich nur auf Bewährung hierher versetzt wurde, und daß über mir gewissermaßen immer noch die unheilbringenden Wolken meines Vergehens schwebten, das ich mir kurz zuvor hatte zuschulden kommen lassen. (Darüber vielleicht später mehr.) So nahm ich also den Rat meines Chefs bereitwillig an und machte mich auf den Weg zu Major K., um mein Wissen über den Petraschewski Prozess und Dostojewskis Rolle zu vervollständigen. Er wohnte in Petrowskoje, ich brauchte zwei Stunden bis dorthin. Hier laufen die Gänse auf der Straße, und an den Teichen wird geangelt. Er hatte ein hübsches Häuschen mit einem Vorgarten, den ein scheckiger Hund halbherzig bewachte. Eine Parole war nicht vonnöten, ich sagte ihm, ich käme auf Empfehlung Preguschins, und der Major musterte mich kurz von oben bis unten. Dann sagte er "Lebt der alte Knabe noch, wie geht es ihm?" (Preguschin war Mitte vierzig.) Ich sagte, er wäre wohlauf und lasse ihn grüßen. "Das hat er Ihnen ganz gewiss nicht aufgetragen", entgegnete der Major. Ihn selbst auf sein Alter zu schätzen, war schwierig. Er war mittelgroß, schlank, man bezeichnet so eine Gestalt manchmal als drahtig. Er trug eine graue Hose und eine bequeme Armeejacke ohne Dienstabzeichen, seine bloßen Füße steckten in Bastschuhen, an denen ein breiter, roter Streifen die Sohlen säumte. Er hatte helles, kurzes Haar und einen leichten Bart, flinke graue Augen und eine spitze Nase. Seine Hände waren ziemlich mager, aber er hatte einen kräftigen Druck. Er bat mich hinein, es war einfach, fast rustikal eingerichtet. Wir setzten uns an den Tisch in der Stube, an den beiden Fenstern hingen Blümchengardinen und in einer Nische dazwischen stand ein Porzellanengel mit einer abgebrochenen Schwinge. Auf dem Tisch lagen eine Zeitung, drei Äpfel und eine deckellose Zigarrenkiste mit Utensilien zum Reinigen einer Handfeuerwaffe. (Ich kannte mich damit aus seit meinem unglücklichen Vorfall.) Eine Frau, die seine erwachsene Tochter sein konnte und die er mit Jelena anredete, brachte uns Tee. "Sie arbeiten also bei Preguschin?" fragte mich der Major und schaute mich dabei an, als hätte er vorhin nicht alles erfasst. Ich bejahte es. "Dann schützen Sie unser heiliges Russland vor den Vaterlandsverrätern", sagte er mit einem Lächeln, wohl wegen der etwas hochtrabenden Worte. "Ich bin erst seit kurzem in unserer Sektion." "Und wo waren Sie vorher?" "Im Landwirtschaftsministerium." Er zog die Brauen hoch. "Ein ungewöhnlicher Wechsel." "Ja, das kommt nicht oft vor." Ich sah, daß er gern mehr über die Gründe erfahren hätte, aber er fragte: "Da haben Sie Miljutins Reformen unter die Bauern gebracht? Wie war das?" "Eine Herausforderung." Er lachte. "Ja, das glaube ich gern. Aber vielleicht gerade das Richtige für einen jungen Mann im Staatsdienst." "Eine wichtige Erfahrung auf jeden Fall." Dann sagte er plötzlich "Wie kommt es, daß Sie so einen eigenartigen Akzent haben?" "Habe ich den?" "Ja. Es klingt so etwas Deutsches in Ihrer Aussprache mit." "Meine Mutter ist deutscher Abstammung." "Aha, da haben wir's. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", zitierte er auf Deutsch. "Aus welcher Gegend?" "Aus Sachsen." "Schauen Sie", sagte er und wies hinter mich, ich drehte mich um und sah an der Wand die Kuckucksuhr. "Ein Andenken aus Deutschland, aus dem Schwarzwald." "Sie ist sehr schön." "Ich habe noch etwas, eine Weihnachtspyramide aus Seife." "Bitte?" "So ein Turm mit mehreren Scheiben, auf denen kleine Figuren ..." "Ach, Sie meinen aus Seiffen", sagte ich und musste schmunzeln. "Ja, sie ist sehr lustig, aber sie kommt natürlich nur zu Weihnachten auf den Tisch." Bei diesem Wort fiel sein Blick auf die Zigarrenkiste, er schob sie ein Stück beiseite und fragte "Haben Sie eine Dienstpistole?" "Nein." "Sollten Sie aber, wir leben in gefährlichen Zeiten. Früher war das vielleicht nicht nötig, und trotzdem hatte ich immer eine. Wollen Sie den Kaiser mit Ihren bloßen Fäusten verteidigen?" "Wie meinen Sie das?" "Vielleicht gibt Ihnen morgen Preguschin den Auftrag, den Kaiser nach Warschau zu begleiten, da müssen Sie auf alles gefasst sein." "Ich denke, dann würde ich mit einer Waffe ausgestattet werden." Der Major K. lachte beinahe höhnisch. "Mit einer Waffe ausgestattet! Das war aber wirklich eine typisch deutsche Formulierung. Das klingt wie: Reichen Sie mir bitte das Feuerzeug, Herr Rittmeister!" "So habe ich es nicht gemeint." "Ich weiß, mein Junge, ich auch nicht. Aber im Ernst: Glauben Sie, der Kaiser hätte ein gutes Gefühl, wenn er wüsste, was für ein mieser Schütze Sie sind?" "Ich habe schon geschossen." "Aber haben Sie auch Übung?" "Nein", gab ich zu. "Na lassen wir das. Denken Sie darüber nach." "Tue ich." "Weshalb sind Sie eigentlich hergekommen?" Ich atmete erleichtert auf, als er das Thema wechselte. "Nikita Jefremowitsch hat mir gesagt, Sie wüssten mehr über den Fall Petraschewski." "Mehr als wer?" "Mehr als andere Mitarbeiter, die damit befasst waren." "Dann mag wohl was dran sein, wenn Nikita Jefremowitsch das sagt." "Stimmt es denn?" fragte ich ein bisschen herausfordernd. Der Major schien darauf anzuspringen, er beugte sich vor, legte beide Hände auf den Tisch und sagte, als offenbare er mir ein Geheimnis: "Ich habe Petraschewski und seine ganze Bande zur Strecke gebracht!" "Meine Hochachtung", sagte ich aufrichtig. "Was willst du darüber wissen, Junge?" Er kam mir auf einmal vor, als hätte er auch schon die Dekabristen ans Messer geliefert. Ich zeigte ihm einige Dokumente, unter anderen die anonyme Beurteilung Petraschewskis und jenen "Bericht" von Dubinski von der Versenkung der Druckerpresse in der Newa. Major K. brauchte nicht lange, um sie mit einem Blick zu überfliegen, er schien sie tatsächlich alle zu kennen. "Dieser Dubinski war ein Spinner", sagte er knapp. "Das heißt, es hat keine Druckerpresse bei den Petraschewzen gegeben?" "Man hat keine gefunden." "Sie schließen es also nicht aus?" "Was würde das ändern, wenn wir wüssten, daß es eine gab?" "Woran ändern?" fragte ich zurück. Er zögerte einen Moment. "An der Tatsache, daß zum Beispiel der Belinski-Brief vervielfältigt wurde." Ich verstand nicht. "Aber, wenn keine Druckerpresse da war, wie kann man dann ..." "Auch eine Abschrift ist im Sinne des Gesetzes bereits eine Vervielfältigung", schnitt er mir das Wort ab. "Entscheidend ist doch, daß eine Kopie eine Weiterverbreitung darstellt, das Gesetz fragt nicht danach, in welcher Anzahl die Vervielfältigung erfolgt, verstehst du, Junge, eine einzige Abschrift genügt. Und du hast sicher auch gelesen, daß der Originalbrief an Mombelli weitergegeben wurde, damit der ihn kopiert." "Ja, aber es existiert keine Kopie." "Es ist auch keiner dafür angeklagt und verurteilt worden!" versetzte der Major scharf. Er brachte mich völlig durcheinander, ich sagte "Warum hätte man dann die Druckerpresse beseitigen sollen, wenn sowieso keine ..." "Ich sage doch, dieser Dubinksi ist ein Spinner, er sollte Dubiosi heißen." Ich schob ihm das beidseitig beschriebene Blatt hin und sagte "Ich habe nicht ermitteln können, von wem das stammt." "Da kann Ihnen niemand ein Vorwurf machen", meinte er und siezte mich auf einmal wieder, "das weiß der, der es geschrieben hat." Ich traute mich und sagte "Ich möchte nicht indiskret sein, Herr Major, aber ist das von Ihnen?" Er zuckte nicht mal mit der Wimper. "Nein." "Sie haben auch nicht die leiseste Vermutung, von wem?" "Anonyme Informationen stammen fast immer von einem Denunzianten, und Denunzianten sind nicht einmal als Zeugen verwendbar." "Wie finden Sie es? Ich meine, trifft es Petraschewski?" "In manchen Zügen schon." "In welchen?" Ich glaubte an seiner Miene erkennen zu können, daß er unser Gespräch hier abbricht, ich bin mir sicher, er dachte daran. Aber dann wurde er sogar noch ausführlich. "Es gibt drei Typen von politischen Verbrechern. Der erste ist der Verzweifelte - der ist mir übrigens immer noch der liebste. Er besitzt kein besonders hohes intellektuelles Niveau und er kommt auch selten aus gehobenen Kreisen. Er ist ein einfacher Mensch, aber ein leidenschaftlicher. Seine Leidenschaft besteht darin, auf etwas, das er nicht mehr länger ertragen kann, einen unbändigen Widerwillen zu entwickeln und es anzugreifen, um es zu vernichten, um sich von seinem Druck zu befreien, den er nicht länger aushält. Man könnte es eine natürliche Gegenwehr nennen, wie sie jeder normale Mensch entwickelt, aber das ist es nicht, denn er schlägt auch zu, wenn die Umstände objektiv nicht bedrohlich, nicht einmal beschwerlich sind." Der Major klopfte mit der Faust auf seine Brust. "Hier, hier drin fühlt er die Bedrohung, alles spielt sich bei ihm hier drin ab, und wenn die ganze Welt sich an Sonnenschein und Frühlingsduft erquickt, um es mal metaphorisch auszudrücken, dann sieht er Gewittersturm und kalte Flut. Denn das ist das Wesen der Verzweiflung: daß man mit der Welt nicht übereinstimmt. Manche von diesen Leuten werden Dichter, natürlich armselige, unbeachtete, was aber nicht heißt, schlechte. Eine Menge Anarchisten sind von diesem Typus. Sie finden keinen Platz, keinen Halt mehr in der Welt; sie haben an nichts mehr Freude, sie verspüren nicht einmal mehr Hunger und Durst. Der Anblick der flanierenden Menschen auf dem Newski Prospekt ist ihnen genauso zuwider, wie die marschierenden Kadetten, die ein munteres Lied schmettern. Die Verzweiflung bringt sie dazu, diese Menschen, ob nun Spaziergänger oder Soldaten oder auch den Kaiser höchstpersönlich, wie er in der Kutsche vorüberfährt, in die Luft zu jagen, nur damit dieser Anblick vor ihren Augen verschwindet. Sie haben fast nie ein Programm oder eine Überzeugung, auch keinen Glauben. Wenn man sie fragt, warum sie die Bombe geworfen oder die Menschen getötet haben, dann zucken sie mit den Schultern, und wenn der Geistliche in ihre Zelle kommt, dann sagen sie bloß 'Fahr zur Hölle!' Im Grunde wünschen sie sich, hingerichtet zu werden, damit ihrer Qual ein Ende gemacht wird." "Warum mögen Sie diesen Typ?" fragte ich Major K. "Ich sagte nicht, daß ich ihn mag, sondern daß er mir lieber ist als die andern. Warum? Wahrscheinlich wegen seiner enormen Entschlossenheit. Ebenso wenig wie er andere verschont, so wenig verschont er sich selbst, mitunter ist er sogar tapfer und niemals feige, er ist der ideale Selbstmord Attentäter, ich sage, der ideale, denn unter denen gibt es auch andere. Ich mag den Feind, den ich nicht verachten oder bemitleiden muss. Ich mag den Feind, der unter der Folter nicht anfängt zu heulen und nach seiner Mutter ruft. Oh, Verzeihung, es gibt bei uns natürlich keine Folter. Aber wie Viele habe ich gesehen, die beim ersten peinlichen Verhör eingeknickt sind wie eine Papirossa im Aschenbecher. Dieser, der Verzweifelte, bleibt aufrecht bis in den Tod, nichts und niemand kann ihn brechen." "Was ist mit dem andern Typ?" fragte ich den Major. "Der zweite ist der Freischärler. In ruhigen Zeiten ist er so etwas wie ein Volkstribun, der einen Sack voll ideologischer Schlagwörter hat, die er Theorie oder Weltanschauung nennt, und von denen er bei den politischen Debatten, die er über alles liebt, ganze Hände voll in die Menge wirft wie der Bauer die Saat in die Furche. Wenn es hart auf hart kommt, oder wenn er die rechte Gelegenheit für gekommen sieht, dann schart er eine Truppe Ergebener hinter sich, schnallt sich einen Säbel um und stürmt das Schloss. Er lässt den Fürsten aufhängen, seine Familie liquidieren, und seine eigenen Leute plündern, damit werden sie ausbezahlt. Dann macht er sich selber zum Hausherrn, widmet sich mit verdoppelter Kraft wieder seiner Theorie, schreibt ein Pamphlet nach dem andern, in denen allen von einer neuen Gesellschaft die Rede ist. Dieser Typ ist an sich harmlos, man wird leicht mit ihm fertig, man braucht ihn eigentlich bloß abzuknallen, dann zerstreut sich der Pöbel binnen null Komma nichts." "Ich vermute", sagte ich, "Petraschewski gehört Ihrer Ansicht nach nicht zu diesen beiden Typen." "Nein, er gehört zu den Verführern. Er hat mit Politik oder mit dem Staatswesen eigentlich bur wenig am Hut. Er macht sich keine Gedanken über die menschliche Geschichte, über arm und reich, die Lage der Bauern interessiert ihn sowenig wie die Bewaffnung des Heeres oder der Arbeitslohn. Seine einzige Lebensaufgabe sieht er darin, Zwietracht unter die Menschen zu bringen, sie gegeneinander aufzuhetzen und sich dann mit wahrhaft sadistischer Lust daran zu weiden, wie sie sich gegenseitig zerfleischen. Er ist ein Schwindler und Scharlatan ohnegleichen, er besitzt weder Gefühl noch Verstand, bloß einen todsicheren Instinkt, er ähnelt einem Tier, dem die Natur die Gabe verliehen hat, andere Tiere anzulocken, vielleicht weil sie es mit ihm treiben wollen, vielleicht auch, um ihn zu fressen. Ganz gleich, mit welcher Absicht sich die anderen ihm nähern, es gelingt ihm, sie zu manipulieren, sie zu verhexen, ihr Sinnen und Trachten in die gewünschte Richtung zu lenken und sie glauben zu machen, seine Befehle zu befolgen wäre unzweifelhaft der Weg zu ihrem Heil." Ich wies auf das Blatt und sagte "Das sind die Befehle, von denen hier die Rede ist." "Ja", bestätigte der Major K. "Es ist, als hätte dieses Tier einen Giftstachel, mit dem es die anderen sticht und ihnen das Gift einflößt, das sie, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es merken oder nicht, seinem Willen gehorsam macht." "Ich nehme an, Sie sind nie ein Opfer dieses Giftes geworden?" "Wie Sie sehen, nein." "Verraten Sie mir, wie Sie sich davor geschützt haben?" "Nein", sagte der Major, und hinter mir kam der Kuckuck aus seinem Türchen und rief zwölfmal; der Major hob den Zeigefinger zum Achtungzeichen und lauschte und freute sich dabei wie ein Großvater beim Anblick seiner Enkelkinder. Er lud mich zum Mittagessen ein, es gab ein schmackhaftes Gericht mit Fisch, den der Major selbst aus einem der kleinen Teiche geangelt hatte. Jelena gesellte sich zu uns, und nach dem Essen verschwand sie wieder, nachdem sie uns frischen Tee und etwas Gebäck gebracht hatte. Der Major zeigte sich sehr gastfreundlich. Beim Essen fragte ich ihn "Stimmt es, daß Sie nach dem Tod Seiner Majestät Nikolai um Ihre Entlassung aus dem Dienst ersucht haben?" "Und sie wurde genehmigt", erwiderte er. "Warum? Ich meine, warum sind Sie gegangen?" "Es war an der Zeit für mich." Das konnte ich ihm nicht abnehmen. Preguschin erzählte mir, der Major hätte sich mit einigen neuen Bestimmungen unter dem Kaiser Alexander nicht einverstanden erklärt, oder aber einige Mitarbeiter im Ministerium und in der Geheimen Kanzlei hätten gewisse Vorbehalte gegen ihn geäußert. Preguschin meinte, obwohl der Major seit seiner Dispensierung keinen Fuß mehr ins Ministerium gesetzt habe, verfüge er immer noch über großen Einfluss, und keiner wüsste so recht, wie er das bewirke. Übrigens nahm Preguschin sich und die Sektion VIII davon aus.
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