Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur nightletter@web.de

 
Fabio Paulfeld

Johann Zelters Reise ans Ende der Welt
 

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Die Mutter ist an einem Sonntagvormittag gestorben. Während der Doktor den Totenschein ausfüllt, meint er "Man sagt, es wird Krieg geben." Dann krempelt er die Hemdsärmel wieder herunter und zieht sein Jackett an. "Ja, das habe ich auch gehört", meint Johann. Der Doktor sagt "Bei der jetzigen Lage in Europa wäre das keine Überraschung mehr." Die Wanduhr tickt. "Nein, man muss sich darauf einstellen."

"Ich schicke die Leute von der Pietät her." Er nennt den Namen des Bestattungsunternehmens. "Die erledigen alles zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Zelter, und sie hauen einen nicht übers Ohr, Sie wissen, was ich meine." Es klingt, als wäre er an dem Geschäft beteiligt. "Sind Sie damit einverstanden?" fragt er nach, als er sieht, daß Johann nicht bei der Sache ist. Der wirft einen Blick auf die Wanduhr. "Welche Zeit haben Sie eingetragen?" "Zehn Uhr." "Ah ja, gut."

Die Glocken der Marienkirche fangen an zu läuten. "Stimmt", sagt er und meint die Uhrzeit. "Das ist der erste Todesfall in meiner Familie. Obwohl ich nicht mehr der jüngste bin." Der Doktor nimmt seine Tasche. "Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, mag sein, daß er noch lebt, aber es ist doch unwahrscheinlich. Was meinen Sie?" Der Doktor schaut hinüber zu der Toten auf dem Bett. "Ich schicke die Leute gleich her, dann können Sie Ihre Frau Mutter heute nachmittag photographieren; ich nehme an, daß Sie das tun wollen." Die Glocken der Marienkirche scheinen heute heftiger als sonst zu läuten. "Ja, natürlich", sagt Johann, "ich werde ein Abschiedsphoto machen, ein Erinnerungsphoto sozusagen."

Der Doktor geht hinaus. "Übrigens, meine Nichte hat im nächsten Monat Konfirmation, könnten Sie da ..." "Selbstverständlich." Sie gehen die Treppe hinab. An der Haustürschwelle bleibt er stehen. "Ach so", sagt Johann, "was bekommen Sie jetzt von mir?" "Wie viele Photos machen Sie bei einer Konfirmation gewöhnlich?" "Eins. Ich meine, wenn es gewünscht wird, dann ..." "Sagen wir vier?" "Verschiedene? Ja, natürlich." "Plus Abzüge." Der Doktor schaut zum Himmel.

"Und wann, meinen Sie, wird es Krieg geben?" fragt Johann. "Schätze, sehr bald." "Man sollte sich darauf einstellen." "Bleiben Sie im Haus." "Bitte?" "Ich schicke die Leute von der Pietät gleich her." "Ja, natürlich. Ich bin da." Er reicht dem Doktor die Hand, aber der wendet sich ab und geht; er hält seine Tasche fest in der Hand. Das Geläute von Sankt Marien wird leiser. Johann kann zuletzt die kleine Glocke heraushören, die den Namen Jubilate trägt.

Er geht wieder hinauf. Er betrachtet das Gesicht der toten Mutter. Es hat einen friedvollen Ausdruck, die Augen sind geschlossen, die schmalen Lippen nur ein wenig zusammengepresst, die Wangenknochen stehen hervor; sie war zuletzt sehr abgemagert. Alles in allem friedvoll, denkt er. Man sollte das in die Todesanzeige schreiben: ein friedvolles Leben.

Er ist ihr einziger Sohn, das einzige Kind. Er hat eine Halbschwester, sie lebt in Hamburg, sie ist die Tochter seines Vaters, er hat sie zwei- oder dreimal gesehen, sie ist jünger als er. Es ist so gut wie sicher, daß sie nicht zur Beerdigung kommen wird. Dennoch wird er sie benachrichtigen. Er wartet auf die Leute von der Pietät. Dann denkt er 'Man könnte jetzt schon eine Photographie von der Mutter machen. Wozu warten, bis ihr Antlitz noch ein bisschen verschönert ist, jetzt ist es natürlich genug. Jetzt ist der Augenblick, da sie noch nahe ist, sich noch nicht so weit entfernt hat. Wenn die Leute kommen, wird ihre Seele diesen Ort schon verlassen haben, jetzt ist sie gerade dabei, ihn zu verlassen, und man kann noch einen Hauch davon auf der Photographie einbehalten.' Trotzdem rührt er sich nicht vom Fleck, und er zuckt zusammen, als unten die Tür geht.

Christiane kommt ins Zimmer. Sie hat einen Termin beim Pfarrer vereinbart. Sie geht ans Bett und beugt sich über die Tote. Er will sagen, daß sie friedvoll aussieht, aber stattdessen fragt er "Hat der Pfarrer was gesagt?" "Was soll er gesagt haben?" "Ich meine, weil Mutter keine Kirchgängerin war." "Er kannte sie trotzdem, und sie war getauft." "Richtig, sie war schließlich getauft, da gehört man doch irgendwie ein Leben lang zur Gemeinde."

Christiane hat sich wieder von der Toten abgewendet, sie sagt "Du solltest dich erkenntlich zeigen." "Bitte?" "Dem Pfarrer gegenüber; mit einer Spende für die Gemeinde." "Natürlich, das werde ich tun, das ist das Mindeste was getan werden kann. Wo ist Annemarie?" "Ich habe sie zu Tante Helgard gebracht. Sie kommen am Nachmittag herüber." "Gut. Der Doktor schickt die Männer von der Pietät her, ich warte hier." "Ja. Ich geh' nochmal weg, ich bin in einer Stunde wieder da." "Ja, lass dir Zeit, wir sollten alles in aller Ruhe tun."

Plötzlich fällt ihm Christiane um den Hals, sie schluchzt einmal auf und sagt "Ach, Johann, es tut mir so leid." Er streicht mit der Hand über ihren Rücken. "Es ist gut, Christiane. Es war nun vorauszusehen." Wie er das sagt, fällt ihm wieder der Doktor mit dem Krieg ein. "Wir haben uns damit abfinden müssen", fügt er hinzu. Nie zuvor hat er solche Sätze formuliert. Christiane hat sich von ihm gelöst.

Als sie weg ist, kann Johann etwas von ihrem Parfüm an seinem Kragen riechen, ein frischer, beinahe fröhlicher Duft von Veilchen. Er holt die Kamera aus dem Atelier. Vom Bahnhof Reiherstor kann man den Mittagszug hören, die Räder quietschen. Während die Dampflok hält, kommen ein paar dumpfe Stöße aus dem Kessel, dann fährt sie fauchend und mit einem langgezogenen Pfiff wieder an. Etwas später ziehen die Dampfwölkchen am Fenster vorbei.

Johann hat dem Pfarrer die wichtigsten Etappen und Ereignisse aus Mutters Leben mitgeteilt. Die hat er in seine Trauerrede eingeflochten. Es sind etwas mehr als ein Dutzend Leute anwesend. Mutters alte Freundinnen von der früheren Rommérunde, von der nun noch zwei übriggeblieben sind. Johanns und Christianes Nachbarn mit ihrem mongoloiden Sohn, der ganz hinten sitzt und ununterbrochen an seinen Hosenträgern zupft. Der Friseur Ludwig, seit siebzehn Jahren im Ruhestand, zu dem Mutter eine freundschaftliche Beziehung gehabt hat. Eine alte Arbeitskollegin aus der Zeit, als sie in der Näherei beschäftigt gewesen war. Sie erscheint in Begleitung einer hochgewachsenen, hageren Frau mit einer sehr dunklen Brille, die immer wieder den Blick rundherum schweifen lässt, als müsste sie sich davon überzeugen, daß alles ordnungsgemäß abläuft. Aus dem Waisenhaus ist eine Schwester mit drei schweigsamen Mädchen erschienen, die alle drei Zöpfe haben und das gleiche Kleid tragen. Annemarie, die neben Tante Helgard ganz vorn sitzt, dreht sich ein paar mal zu den Mädchen um. Schließlich sind da noch einige vereinzelte Personen, die Mutter möglicherweise gekannt haben oder die vielleicht auch gewohnheitsmäßig zu Beerdigungen gehen. Hernach spricht die Schwester aus dem Waisenhaus Johann ihr Beileid aus, und er erfährt zum erstenmal davon, daß Mutter die Einrichtung mit regelmäßigen Spenden unterstützt hat.

Die Mahlzeit zum Gedenken an die Verstorbene findet anschließend im Hotel am Neuen Teich statt. Irgendetwas an dem Essen schmeckt angebrannt, aber der Pudding, den es zum Nachtisch gibt, ist ausgezeichnet, und gegen Ende der Tafel fangen die drei Waisenmädchen an zu tuscheln. Es ist schönes Wetter, und auf dem Heimweg machen die Hinterbliebenen einen kleinen Spaziergang um den Teich, Christiane und Annemarie Arm in Arm vorneweg, Johann und Helgard hinterdrein.

Johann braucht drei Wochen, um Mutters Sachen zu ordnen. Er scheut sich davor, irgendetwas davon wegzuwerfen, und er ist froh, als er schließlich für die Wäsche einen Abnehmer findet, der ihm sogar mehr dafür bezahlt, als es ein Lumpensammler getan hätte. Das Geld spendet er dem Waisenhaus. Er findet auch ein paar Briefe seines Vaters, die aber lapidar und belanglos sind und denen Johann nichts Näheres über das Schicksal des Vaters entnehmen kann. Er befürchtet auch, daß Mutter sie aufbewahrt hat, weil sie selbst womöglich keine andere greifbare Erinnerung an ihn besaß.

Christiane ist immer öfter und länger außer Haus, und Johann ist es eigentlich ganz recht, daß sie ihm beim notwendigen Umräumen nicht zur Seite steht. Die Mutter hatte in der oberen Etage zwei Zimmer bewohnt und das obere Bad mit Toilette benutzt, das komfortabler war als das untere, in das sich die drei hineinteilen mussten seit Annemaries Geburt, also seit nunmehr elf Jahren. Er denkt zuerst daran, in Mutters Wohnzimmer ein zweites Atelier einzurichten (Christiane hat nichts dagegen), entscheidet sich dann jedoch für eine Art Salon mit ganz neuen Möbeln. Christiane ist verblüfft von seiner Idee, sie lacht sogar kurz auf, wie man über etwas Törichtes lacht, ist dann aber auch damit einverstanden.

Er lässt ein paar starke Männer kommen, und die schleppen Mutters alte Möbel in den Schuppen hinterm Haus. Das leere Zimmer legt er zuerst mit einem neuen Teppich, einem farbenprächtigen Täbris, aus. Er holt aus dem Atelier den großen Lehnstuhl, stellt ihn mitten hinein, öffnet das Fenster und setzt sich hin. Draußen grünt und blüht alles, und die Sonnenstrahlen bringen die Farben auf dem Teppich zum Leuchten. 'Man sollte es am besten so lassen', denkt er, 'wenn es nur immer so schön wäre wie zu dieser Jahreszeit!'

Ganz in Gedanken versunken bemerkt er gar nicht, daß Annemarie hereingekommen ist. "Papa, ich soll dich abholen, wir gehen alle zusammen mit Meyers essen." Johann reckt sich wie nach einem Schlummer, dann streckt er die Arme aus und sagt "Ah, komm' her, mein Schatz, mein Goldkind, setz' dich zu mir." Annemarie schaut sich um. "Nennst du das einen Salon? Mit einem einzigen Stuhl?" Er zieht sie an sich heran. "Hier, setz' dich auf meine Knie, genieße mit mir die herrliche Aussicht." "Dafür bin ich schon zu groß." Er lacht. "Wofür?" "Um auf deinen Knien zu sitzen." "Ach was, mach's trotzdem, mir zuliebe."

Sie setzt sich, legt einen Arm um seinen Hals und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. "Ich soll dich abholen." "Wohin?" "Wir treffen uns mit Meyers zum Mittagessen." "Meyers? Der Apotheker am Schmalen Rain?" "Häh? Die wohnen doch unten am Park." "Ach ja, tatsächlich? Sind sie umgezogen?" "In einem riesengroßen Haus. Mama und ich sind fast jeden Tag dort. Ich habe mich mit Clarissa angefreundet, sie ist ein Jahr älter als ich, also nicht ganz ein Jahr." "So. Wie schön." "Was?" "Ich meine, daß du eine neue Freundin hast." "Kommst du nun endlich mit? Ich muss nämlich wieder los, die warten schon alle."

Sie steht auf. Er sagt "Ja. Ach, weißt du was, geht ihr mal essen, ich komme dann nach." "Du weißt doch gar nicht wo." "Ich denke bei Meyers." "Ja, aber essen tun wir im Restorang." "In welchem?" "Weiß nicht, wie das heißt." Vorm Haus hupt ein Auto. "Papa, ich muss jetzt wieder los, der Herr Oskar wartet unten." "Wer?" "Das ist irgendein Verwandter von denen, musst du Mama fragen." "Der hat dich hergefahren?" "Na ja, um dich abzuholen, aber wenn du später kommst, sag' ich's den anderen." "Ja, tu' das." Es hupt wieder, Annemarie springt die Treppe hinunter, und einen Moment später hört Johann, wie der Wagen wegfährt.

Er geht auch nach unten. Die Meyers und das Mittagessen hat er gleich wieder vergessen. Dann kommt ein Ehepaar mit einem Buben, die ein Familienphoto machen lassen wollen, sie haben einen Termin mit Johann vereinbart, und der tut so, als habe er sie erwartet. Aber dann kommt außerdem ein junger Soldat, der sich ein Weilchen gedulden muss. Er setzt sich auf einen Stuhl in der Ecke und zündet sich eine Zigarette an. Johann sagt ihm, daß man hier im Atelier nicht rauchen dürfe, worauf der Soldat verschwindet.

Für derart Familienphotos benutzt er den Lehnstuhl, auf dem der Vater Platz zu nehmen hat und von der Gemahlin auf der einen, dem Nachwuchs auf der anderen Seite flankiert wird. Als er ihn von oben holen will, meint der Vater, sie könnten sich ebensogut hinstellen, "schließlich bin ich noch kein alter Opa", und der Junge muss lachen. Er stellt sich vor seine Eltern, und der Vater legt die Hand auf seine Schulter. Es ist fast noch besser gelungen als mit dem Lehnstuhl.

Als Johann die drei hinausbegleitet, steht der Soldat vor dem Schaufenster und raucht immer noch. "Das ist nicht gut für die Gesundheit, junger Mann", sagt Johann. "Ja, ich weiß", erwidert er. Als das Photo fertig ist, sagt er "Ich möchte Sie darum bitten, das Photo an folgende Adresse zu schicken, würden Sie das tun? Ich bezahle auch das Briefporto." "Wie Sie wünschen." Es ist für eine Frau hier in Seligenbrunn bestimmt. Als der Soldat bezahlt, fragt er "Heben Sie eigentlich alle Photoplatten auf?" "Eine gewisse Zeit lang."

Da kann man das Signal des Mittagszuges hören, der sich dem Bahnhof nähert. Der Soldat hat es plötzlich eilig, und Johann bemerkt erst jetzt den Tornister, den er draußen im Flur abgelegt hatte. 'Wahrscheinlich ist er vollgepackt mit Zigaretten', denkt er, geht nach oben, schließt das Fenster und bringt den Lehnstuhl mit herunter. Es ist schon dunkel, als Christiane nach Hause kommt. Annemarie schläft wieder bei Tante Helgard.

Johann hat den Eindruck, als habe Christiane seit dem Dahinscheiden der Mutter an Frische und Optimismus dazugewonnen. Das hätte ihn einerseits betrüben sollen, muss er sich doch schließlich eingestehen, daß das Verhältnis der beiden Frauen zueinander nicht eben das glücklichste gewesen war. Andererseits ist Christianes Aufblühen für ihn ein Trost und eine Art Beruhigung, was ihm hilft, den Fortgang der lieben Mutter etwas leichter zu verkraften.

Freilich hat niemand eine so innige Beziehung zu diesem Menschen gehabt wie er, was ja auch ganz natürlich ist. Dennoch wirft die Wandlung trotz ihrer positiven Seite einen - wie soll er sagen - nachträglich dunklen Schatten auf die vergangenen Jahre. Sollte Christiane etwa viel mehr unter Mutters Anwesenheit im Haus gelitten haben, als sie es sich hatte anmerken lassen? Sollte er das niemals richtig wahrgenommen oder gar unbewusst ignoriert haben? Wenn ja, dann wäre es jetzt am besten, Christianes zurückgewonnener Lebensfreude freien Lauf zu lassen und auch nicht zuviele Erklärungen oder Begründungen für ihre derzeitigen Stimmungen und Beschäftigungen zu verlangen.

In manchen Augenblicken jedoch wünschte sich Johann ein offenes Gespräch mit ihr. Und selbst, wenn sie sagen würde, daß sie Mutter gehasst habe, würde er das akzeptieren, denn ihr Tod hatte doch wie durch höhere Gewalt alle Feindseligkeit, die etwa im Hause herrschte, aufgelöst.

Immer häufiger benutzt er das obere Badezimmer und die Toilette dort und überlässt Christiane und Annemarie jenes im Erdgeschoss. So hat bald jeder sein eigenes, und die Putzfrau, die zweimal die Woche kommt, wird angewiesen, Waschlappen, Handtücher etc. entsprechend auf beide Plätze zu verteilen.

Johann bemerkt auch, daß Christianes Migräneanfälle seit einiger Zeit ausbleiben. Als er sie daraufhin anspricht, meint sie bloß, Doktor Rheinländer habe ihr ein neues Medikament verschrieben. Das ist nicht der Arzt, der so viele Jahre für sie da war, wenn sie ihn brauchten, nicht der, welcher Mutters Totenschein ausgestellt hatte, sondern ein anderer, ein neuer, und Johann wundert sich, warum sie darüber kein Wort verloren hat.

Eines Morgens beim Frühstück meint Johann, sie könnten doch alle zusammen eine kleine Urlaubsreise machen, zum Beispiel an die Ostsee. Christiane lacht; es ist wieder dieses Lachen wie über eine Schnapsidee, als habe sie es in der Vergangenheit Dutzende Male erlebt, wie solche kühnen Pläne kläglich endeten. Aber sie sagt "Ja, warum nicht. Es gibt nur ein Problem: Annemarie hat keine Ferien." "Ach was", entgegnet er, "wir lassen sie freistellen für eine Woche."

Annemarie ist begeistert, Christiane wiederholt "Wir lassen sie freistellen? Du machst das?" "Ja." "Kennst du denn überhaupt ihren Lehrer?" "Herrn Kleinhempel? Natürlich. Den werde ich schon überzeugen." "Aber Papa, Herr Kleinhempel ist gar nicht mehr an unserer Schule." Christiane nimmt sehr deliziös einen Schluck Kaffee aus der Tasse. Dann sagt sie "Ich werde das übernehmen." "Großartig", ruft er, und Annemarie klatscht in die Hände.

"Dann kümmere ich mich um alles andere. Wir müssen eine Liste machen - ich muss eine Liste machen mit allen Sachen, die wir brauchen." Er wirft die Serviette auf den Teller und holt Papier und Stift. Vormittags kommen drei Kunden zum Photopraphieren, und Johann empfindet sie als lästige Störung bei der Erstellung seiner Liste. Sie ist erst am Mittag fertig. Die Hälfte von allem, was er notiert hat, ist wieder durchgestrichen, und mit dieser kritischen Auswahl und der Beschränkung auf das Nötigste, ohne dabei ein gewisses Maß an Komfort zu unterschreiten, ist Johann besonders zufrieden.

Sie nehmen ein Hotelzimmer im Seebad Binz auf der Insel Rügen. Das Doppelbett ist schmal, Annemarie schläft auf einer Art gepolsterter Pritsche. Nachts war Johann aufgewacht und hätte gern mit Annemarie die Plätze getauscht. Das Wetter ist herrlich; die Dünen, der Strand, das Meer, alles ist wie dafür geschaffen, Leiden und Sorgen zu vertreiben und sich nur dem Wohlgefühl und guter Laune zu überlassen.

Sie mieten zwei Strandkörbe und packen jeden Tag einen großen Korb voll Proviant, von dem Annemarie immer einige Weißbrotkrumen an die Möwen verfüttert, die im Flug laut kreischend danach schnappen. Johann genehmigt sich stets eine Flasche Bier, die eine Weile im feuchten Sand eingegraben und gekühlt wird. Es macht ihn so schön schläfrig; und einmal nachmittags wacht er auf, und Annemarie liegt in unmöglicher Positur im anderen Strandkorb und liest. Wo Mama sei, fragt er. Die wäre im Hotel, knurrt Annemarie, hätte Leute kennengelernt. "Und du? Bist nicht dabei?" "Das sind nur so blöde Kerle." Er gähnt. "Na ja, dann bleib' hier bei mir, hier ist es auch schön, nicht wahr?" "Ja, sicher", knurrt sie, und beim Umblättern reißt die Seite ein.

Als sie wieder zu Hause in Seligenbrunn sind, rieselt überall aus den Sachen noch Sand heraus. Johann stellt fest, daß das Fernglas, das er im Koffer gesucht hatte, daheim liegen geblieben war, und Christiane vermisst eine Haarspange.

Dann sind regulär Schulferien; Annemarie präsentiert den Eltern ein hervorragendes Zeugnis und darf sich dafür etwas wünschen. Sie zieht zuerst ein neues Fahrrad in Erwägung, aber da ihre Freundin keins hat, entscheidet sie sich für ein Paar modische Schuhe für junge Damen. Sie bekommt eine dicke Blase am rechten kleinen Zeh, doch als das überstanden ist, läuft sie jeden Tag darin umher. Sie übernachtet häufig bei Tante Helgard und manchmal bei Clarissa, mit der sie ständig zusammen ist.

Wenn Johann keine Aufnahmen macht, überholt er seine Photoausrüstung, es gibt hier und da etwas zu reparieren oder zu erneuern. Mutters Zimmer ist bis auf den schönen Teppich immer noch leer. Die Putzfrau schlägt vor, es zu möblieren und dann zu vermieten, und Johann denkt eine Stunde lang darüber nach, ohne zu einem Entschluss zu kommen.

Christiane erscheint eines Tages in Begleitung eines Herrn, der sich das Zimmer anschaut. Johann trifft die beiden oben an, wie sie mit großzügigen Handbewegungen eine Einrichtung in die Luft zaubern. Sie stellt ihn Johann vor als einen Innenarchitakten, und der Innenarchitekt nimmt von Johann kaum eine Notiz. Christiane meint, sie hätten einen Entwurf, der ihm, Johann, bestimmt auch gefallen wird, und der Innenarchitekt sagt, der Teppich sei viel zu groß und überdies zu "grell", man bevorzuge jetzt allgemein dezente Farben. "So was finden Sie sonst nur noch im Puff", sagt er und schaut das einzige Mal Johann ins Gesicht.

Am Nachmittag - der Innenarchitekt ist längst gegangen - überkommt Johann eine Begierde, die er nicht bändigen kann. Die Hände, mit denen er eine Photoplatte hält, fangen an zu zittern, und zwischen den Beinen zieht es sich zusammen, als würden alle Säfte seines Körpers dorthin angesaugt. Christiane sitzt im Gartenstuhl auf der Veranda. Er geht zu ihr hin, packt sie und zieht sie hinein, sie plumpsen auf's Sofa. Christiane lacht. Er raffelt ihren Rock hoch, und sie lacht noch mehr, und es ist diesmal ein fröhliches Lachen, das ihn antreibt und ihm signalisiert, daß es ihr gefällt. Sie kann sich gar nicht wieder beruhigen, es ist beinahe wie ein Anfall. Er reißt wild an ihrer Wäsche herum, aber bevor er ihren Schlüpfer heruntergezogen hat, ist es bei ihm schon passiert, und er sinkt mit einem Seufzer auf ihren weichen Busen, auf dem er von ihren Lachstößen durchgeschüttelt wird. Später am Abend fragt er nach den Entwürfen für das Zimmer, und Christiane erwidert "Beim nächsten Mal werden wir dich gewiss einweihen."

Aber beim nächsten Mal werden schon die ersten Möbel gebracht. Eine kleine Kommode, ein Schrank mit einer Front aus Glasfensterchen, ein zierlicher Sekretär, dann eine schmale Chaiselongue. Die Schubkästen der Kommode haben kaum Tiefe, und wollte man auf der Schreibplatte des Sekretärs einen Brief schreiben, müsste man das Blatt quer legen. "Das ist auch nur, um die Schroffheit der Wände abzumildern", erklärt Christiane, "damit das Fluidum besser vom Boden hinaufgleiten kann." "Was für ein Fluidum?" Sie erkundigt sich beim Innenarchitekten und antwortet Johann "Das Fluidum, das jeden Raum erfüllt."

Er glaubt kein Wort, aber es erheitert ihn plötzlich und er sagt "Dieses Fluidum, kann man das auch eindampfen?" Christiane wird zornig. "Bist du mit deinem Salon auch nur einen Schritt vorangekommen?" Da bemerkt er, daß sie den Teppich entfernt haben, er findet ihn zusammengerollt auf Mutters alten Möbeln im Schuppen. Der Händler, bei dem er ihn kaufte, hatte gesagt "Und noch einen Hinweis, Herr Zelter: Teppiche werden niemals gerollt, sondern zusammengefaltet."

Am nächsten Morgen hat Christiane schon beim Frühstück rotgeweinte Augen. Annemarie umschlingt sie mit den Armen und versucht, sie zu trösten. Johann fragt, was los sei. "Ach", sagt Christiane, und die Tränen kullern über ihre Wangen, "ich weiß doch auch nicht, ob ich das alles richtig mache." "Was meinst du?" Sie weist nach oben. "Mit Mutters Zimmer. Ich will doch nur, daß wir es schön haben im Haus." Johann hat Mitleid mit ihr, und zum erstenmal hat sie "Mutters Zimmer" gesagt. "Es ist schön bei uns zuhause." Er nickt Annemarie zu, die streichelt Christianes Gesicht und sagt "Ja, Mama, mir gefällt es auch hier."

Christianes Lächeln wird von einem Seufzer erstickt. "Ja, aber du sollst das letzte Wort haben, Johann, das ist mir wichtig." "Wobei?" "Papa! Bei der Einrichtung von dem Zimmer natürlich." "Meine liebe, gute Christiane, ich verstehe etwas vom Photographieren, aber für Inneneinrichtungen bin ich wahrscheinlich nicht der richtige Mann." "Warum hast du dann das gestern gesagt?" "Was?" "Das mit dem Eindampfen." "Aber das war doch nur Blödsinn." "Es hat uns verletzt." "Ich bitte dich, das war nur Blödsinn." Sie schweigt. Schließlich sagt er "Möchtest du, daß ich mich dafür entschuldige? Ist dann wieder alles gut?" Sie nickt mit einiger Bestimmtheit. "Es tut mir leid."

Dann frühstücken sie, und Annemarie erzählt von einem Erlebnis mit ihrer Freundin Clarissa. Sie redet wie ein Wasserfall und ihr Blick geht ständig zwischen den Eltern hin und her, und dann bringt sie die beiden zum Lachen. "Jetzt müsst ihr euch einen Kuss geben", fordert sie. Johann erhebt sich, geht zu Christiane hin, küsst sie auf den Mund und streicht dabei über ihr Haar.

Den ganzen Tag hat er im Atelier zu tun, es kommt ein Kunde nach dem anderen. Er ist nicht sehr gesprächig. Gegen Abend geht er zum Schuppen, zerrt den Teppich von den Möbeln herunter, rollt ihn auf dem Rasen aus, faltet ihn dann Hälfte auf Hälfte zusammen und wuchtet das Paket wieder hinein.

Das Zimmer füllt sich noch mit ein paar Möbeln, ebenso klein und unpraktisch wie die ersten. Dann wird ein kolossaler Kronleuchter angeliefert, und der Innenarchitekt heuert einen Elektriker an, der gemeinsam mit zwei Gesellen das Gehänge an der Decke befestigt. Als sie es einschalten, fliegen die Sicherungen raus. Johann ist in der Dunkelkammer und bekommt davon nichts mit.

Irgendwann kommt Christiane mit einem schwarzen Seidenschal zu ihm und sagt feierlich "Es ist soweit." Er muss sich die Augen verbinden lassen und wird die Treppe hinaufgeführt. Christiane löst das Tuch von seinem Kopf, und der Innenarchitekt legt die Nadel vom Grammophon auf die Platte, es erklingt der Triumphmarsch aus Aida. Aus irgendeinem Grund, aber bestimmt nicht, weil er von dem Anblick überwältigt ist, treten Johann die Tränen in die Augen.

In der folgenden Woche regnet es täglich viele Stunden lang. Die Kunden bringen an ihren Schuhen eine Menge Schmutz ins Atelier, und die Putzfrau muss öfter als sonst saubermachen. Johann legt eine alte Matte unter die Garderobenhaken und stellt einen Schirmständer in den Flur. Am Mittwoch, bei strömendem Regen, kommt ein fremder Herr zu ihm. Er hat einen leichten Regenmantel an und einen Hut mit breiter Krempe auf, aber er ist offensichtlich draußen vom Regen nicht im geringsten nass geworden. Er legt nicht ab, stellt sich nicht einmal vor, sondern holt unterm Arm eine Ledermappe hervor und bittet Johann, einen Blick auf den Inhalt zu werfen.

Sein Gesicht hat eine dunkle Farbe, beinahe wie Bronze, denkt Johann, aber es kann auch vom Schatten unter der Krempe herrühren. Dieser Hut scheint wohl aus Schafwolle gefertigt zu sein, so einen hat Johann einmal in einem Geschäft gesehen, er war sehr dicht gewebt, gut wasserabweisend und ziemlich teuer. "Was ist das?" fragt Johann. "Photographien, die Sie vielleicht interessieren", antwortet der Mann.

Er folgt Johann ins Atelier, zieht einen Stapel Photographien auf feinem, weißen Karton aus der Mappe und legt ihn auf den Tisch. Sie stehen sich gegenüber. Auf dem obersten Bild ist eine Steppenlandschaft zu sehen, mit ein paar vereinzelten Rindern, die offenbar an einer Wasserstelle weiden; im Hintergrund erheben sich schneebedeckte Berge. Es ist keine mitteleuropäische, allenfalls eine südliche Landschaft, vielleicht in Spanien.

Johann will es näher betrachten, aber er zögert. Von dem Stapel geht ein eigenartiger Geruch aus, als wären die Photos parfümiert, doch es ist eher ein herber Duft wie von einem Kraut oder Gewürz. Der Mann spricht kein Wort, und da Johann bereits die Hand ausgestreckt hat, will er nicht unhöflich erscheinen und nimmt das erste Bild auf. Obwohl der Karton eine gewisse Stärke hat, ist er federleicht. Und als wäre ihm das, was darauf zu sehen ist, anscheinend völlig gleichgültig, fragt er "Was für ein Karton ist das?" "Bitte?" "Ein solcher Karton ist mir noch nicht vorgekommen." Es klingt, ungewollt oder nicht, ein bisschen misstrauisch. Geht hier etwas nicht mit rechten Dingen zu?

"Schauen Sie sich die anderen an", sagt der Mann. In Windeseile hebt Johann ein Photo nach dem anderen ab, ohne irgendeins genauer in Augenschein zu nehmen. Nur bei einer Aufnahme hält er einen Moment länger inne, und der Mann murmelt ein paar Worte, die aber Johann überhört, denn er zwingt sich sogleich, dieses eine Bild unter den anderen wieder verschwinden zu lassen.

"Und warum zeigen Sie mir das?" fragt er. "Ich möchte Ihnen die Photos verkaufen." "Verkaufen?" Er schiebt den Stapel ein Stück von sich weg. "Mein Herr, ich verkaufe meine eigenen Photographien." "Diese Aufnahmen sind einmalig, möglicherweise wertvoll." Johann denkt 'Warum kommt denn kein anderer Kunde, damit ich diesen Mann rasch wieder los werde.' "Ich bestreite gar nicht, daß sie einmalig sind, aber wertvoll? Wem sollten hier diese öden Landschaften oder diese Maultiertreiber gefallen?" Der andere schweigt wie abwartend.

Mit einer etwas ungestümen Bewegung langt Johann abermals nach dem Stapel und blättert ihn noch schneller durch als vorhin. "Allenfalls für diese Gebirgsansichten fände sich vielleicht ein Käufer." "Es sind die Anden", sagt der Mann, "genauer gesagt, die Cordillera de los Andes." "So, so. Aber das hier, ein zusammengestürztes Haus, was bitte soll daran Besonderes sein?" "Das war das Erdbeben in Los Alamos." "Ein Erdbeben?" sagt Johann vorsichtig, und die beiden Männer schauen sich an. Der andere hat dunkle, braune Augen, von einer ungewöhnlichen Tiefe, als würde darin ganz weit nach hinten gerückt all' das, was auf diesen Bildern festgehalten wurde, sich in diesem Moment abspielen. "Wo liegen die Anden? In Peru?" "Diese hier in Argentinien, an der Grenze zu Chile." Johann senkt den Blick, und in seiner Hand hält er wieder das eine Photo, das ihm zuerst aufgefallen war.

Er reicht den Stapel zurück. "Nein, mein Herr, ich habe dafür keine Verwendung. Tut mir leid, vielleicht versuchen Sie es woanders." "Das geht nicht", erwidert der andere ruhig. "Wieso nicht? Es gibt noch andere Photographische Anstalten in der Stadt. Oder wenden Sie sich ans Historische Museum, die besitzen eine photographische Sammlung." Ein mildes Lächeln huscht über das Gesicht des Mannes. "Ich bin nur noch eine Stunde hier", sagt er und es klingt, als würde dann eine bestimmte Frist abgelaufen sein.

"Ah, ich verstehe", sagt Johann erleichtert; er würde also Gott sei Dank nicht wiederkommen. "Sehen Sie, wenn Sie sich länger hier aufhielten, dann bestünde die Möglichkeit, daß man die Photos im Schaufenster ausstellt, und wenn jemand Interesse ..." "Danke für Ihre Bemühungen", unterbricht ihn der andere, "wie gesagt, daraus wird nichts." "Nun, dann möchte ich Sie nicht unnötig aufhalten", sagt Johann und geht zur Tür. Der Mann hebt nur leicht die Hand zum Gruß, Johann schaut zum Himmel und meint "Es hat etwas nachgelassen." "Es scheint so." "Hat mich gefreut", sagt Johann und schließt die Tür.

Er geht zurück ins Atelier, auf dem Tisch liegt eine einzelne Photographie aus dem Stapel, mit der Rückseite nach oben. Seine Hand zittert, als er danach greift. 'Ich werde sie nicht umdrehen', denkt er. Er tut es doch. Es ist der Ausblick auf eine Schlucht, auf deren Grund sich ein silbrig glänzender Fluss schlängelt. Er schnuppert an dem Karton, er riecht nach diesem seltsamen Gewürz. Er eilt zur Tür. Der Mann steht draussen, ohne Hut. Johann fragt ihn, wieviel er für die Photos verlangt. Der Mann nennt den Preis. Es ist so wenig, daß Johann es mit den paar Scheinen, die er stets in seiner Hosentasche hat, bezahlen kann. "Leben Sie wohl", sagt der Mann und verschwindet hinter der nächsten Ecke.

Christiane hat immer häufiger Gäste im Haus. Es fing an mit 5-Uhr Tees, zu denen sie im oberen Zimmer einlud. Es wird jetzt übrigens als "Suite petít" bezeichnet. Dann folgten Soirees und Matinees, und ein paar Mal blieben zwei von ihren Freundinnen auch über Nacht. Johann ist es ein Rätsel, wo und wie sie eigentlich schlafen; er findet sich damit ab, daß ihm Christiane zeitweilig Toilettenverbot für die obere Etage erteilt, er benutzt dann ihre, und es ist ihm lieber, als einer von den Damen in unpassenden Augenblicken zu begegnen.

Nachmittags darf manchmal auch Annemarie mit dabei sein, wenn wieder irgendein lustiges Würfelspiel ausprobiert wird, von denen, so scheint es Johann, drei neue pro Woche herauskommen. Einmal liegt eines der zusammenklappbaren Spielfelder aus Pappe auf dem Tisch herum, und Johann erkennt darauf das alte Fuchs und Gans Spiel, nur sind es neuerdings deutsche und französische Soldaten, die sich gegenseitig an der Nase herumzuführen versuchen. Besonders originell findet er das nicht.

Christiane (und auch manche ihrer Gäste) haben Johann ein paarmal aufgefordert, ihnen Gesellschaft zu leisten, aber er schützt die Arbeit vor, es seien noch jede Menge Photoplatten bis zum nächsten Tag zu entwickeln, und ein Vetter des Apothekers Meyer, der häufig mit von der Partie war, meint "Na, mein lieber Zelter, dann rühren Sie mal ihre Chemikalien zusammen, und wir mischen uns derweil einen Cocktail", womit er die Lacher auf seiner Seite hat.

Überhaupt wird viel getrunken in der Suite petít, und wenn Johann der Putzfrau begegnet, klemmen stets leere Sektflaschen zwischen ihren Fingern. Abends wird zur Musik vom Grammophon getanzt, und wenn Mitternacht ist und jemand hat Geburtstag, gibt es großes Hallo und ein Liedchen wird gegrölt. Einmal ist der Feinkostladenbesitzer Persicke, ein junger Mann, der das Geschäft kürzlich vom Vater übernommen hat, so aufgedreht, daß er das Fenster sperrangelweit aufreißt und mehrere Schüsse aus seinem Revolver in die Nacht hinausfeuert.

Das ist Johann zuviel, er steigt die Treppe hinauf, um das ganze Pack rauszuwerfen. Sie sind alle erschrocken über Persickes Unfug, er selbst hängt sternhagelvoll über dem Sekretär und kotzt in den Sektkühler. Es gelingt Christiane und ihren Gästen, Johann zu beschwichtigen, und ein wenig später löst sich die Gesellschaft in etwas betretener Stimmung von allein auf. Man macht sich bei den folgenden Treffen einen Spaß daraus, den Persicke auf (unerlaubtes) Waffentragen zu visitieren.

Persicke versorgt die Leute immer mit leckeren Salaten, und manchmal findet Johann auf dem Frühstückstisch zwei oder drei halbleere Schüsselchen mit Geflügel- oder Käsesalat, bei dem die Mayonnaise langsam anläuft. Das sei übriggeblieben, erklärt Christiane im Vorbeigehen. "Ihr könnt das alles essen", fügt sie hinzu, "ich hab' genug von dem fetten Zeug." Daraufhin verzichtet Annemarie natürlich auch.

Christiane achtet jetzt sehr auf ihre gute Figur, aber es fällt ihr schwer, und wenn es früher die Migräneanfälle waren, die sie heimsuchten, so ist es jetzt mitunter eine Mischung aus Hysterie und Verzweiflung, die sie aufregt und ihr scharlachrote Flecken auf Hals und Gesicht verpasst. Sie und ihre Freundinnen wetteifern um die meiste Attraktivität, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Schönheitscreme, ein Schlankheitsmittel oder ein Pulver ausprobiert wird, welches in einem Glas Wasser aufgelöst und dreimal täglich getrunken, dem Haar mehr Fülle und Glanz verleihen soll.

Einmal, als oben wieder munteres Treiben ist, klopft es an Johanns Ateliertür und herein kommt das Fräulein Wabersich, das noch nicht allzu lange "dabei" ist, aber über hervorragende Beziehungen zu allen möglichen Leuten in der Stadt verfügt. "Darf man eintreten?" fragt sie, und Johann kann es ihr schlechterdings nicht verwehren. "Ich bin die Felicitas, wir kennen uns vom Sehen." "Ja, ich erinnere mich", erwidert Johann, nicht ohne eine Spur von Ironie, die sagen soll, daß er sich schon seit einiger Zeit nicht mehr darum kümmert, was in der Suite vor sich geht.

"Ich wollte Sie mal fragen, ob Sie auch Nacktaufnahmen machen." "Nachtaufnahmen?" "Wie bitte?" "Was haben Sie gefragt?" "Ob Sie auch Nacktaufnahmen machen." "Wovon?" "Wovon? Von einer Person zum Beispiel." "Ich dachte, Sie meinten Nachtaufnahmen." Sie muss sehr lachen. "Sie meinen jetzt den Mond, wenn er am Himmel steht." "Ja, oder wenn sich in der Rosengasse im Laternenlicht die langen Schatten übers Straßenpflaster strecken." "Huh, das ist ja ganz schön schaurig", sagt Felicitas, kreuzt die Arme vorm Busen und reibt sich die Schultern. Dann kommt sie näher heran, und als sie sagt "Aber Sie haben mich schon richtig verstanden, Johann", da lässt sie ihren Mund etwas offen, und die Zungenspitze gleitet zwischen ihren feuchten Lippen einmal hin und einmal her.

"Wo machen Sie das? Hier auf dem Sofa?" Da spürt Johann, wie es am Hals zu pochen anfängt. "Ähm, ja, für gewöhnlich." Sie drückt leicht mit der Handfläche auf das Sofapolster, das federnd nachgibt. "Und wie machen Sie's ungewöhnlich?" "Tja, also ...", sagt er und sieht, daß Fräulein Wabersich wie mit einem Zauberstreich ihr Kleid fallen lässt. Das Weiß ihrer Unterwäsche steht im reizenden Kontrast zu den schwarzen Strümpfen, die mit schmalen, elastischen Bändern oben gehalten werden. Sie legt einen Fuß nach hinten aufs Sofa und beginnt, ihr Mieder vorn aufzuschnüren. Johann steht da wie erstarrt. "Wollen Sie nicht schon mal Ihren Apparat aufbauen?" meint sie und legt ihre milchweißen Brüste mit rosigen Nippeln frei.

Doch da ruft von oben jemand hinunter "Felicitas! Wo steckst du denn bloß, wir wollen anfangen." Dann hört man Schritte auf der Treppe. Johann eilt zur Tür, Felicitas zieht rasch ihre Sachen wieder an. "Lassen Sie nur, Johann", flüstert sie und ruft nach oben "Ich komme." Der Rufer kehrt wieder um. "Manchmal könnte man die alle auf den Mond schießen", sagt sie, "mach' mir mal das Kleid hinten zu." Johann tut es, und er ist ganz geschickt dabei. "Danke." Sie gibt ihm einen Klaps auf die Wange. "Dann verschieben wir das aufs nächste Mal, einverstanden?" Und sie schlüpft an ihm vorbei zur Tür hinaus.




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