| Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur | nightletter@web.de |
| Roderik Rayven |
| Die Verstädterung von Tieren |
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Wenn mich jemand fragt, ob Roderik Rayven mein wahrer Name ist, dann kann ich mit einiger Berechtigung antworten: nein. Aber ich benutze ihn, weil er mir gefällt und weil es gewisse Gründe dafür gibt, daß ich meinen wahren Namen vorläufig nicht nenne.
Es geschehen gerade ein paar seltsame Dinge, die das notwendig machen, damit sich über das, was ich zu tun gedenke, vorerst der Mantel der Verschwiegenheit breitet und der Erfolg meiner Aktion nicht gefährdet wird. Das ist nur eine der Nebensächlichkeiten, denen man zu oft viel zu viel Bedeutung beimisst. Aber wie das Leben so spielt: Nebensächlichkeiten sind machmal eben doch wichtig, zumal wenn es darum geht, ein Verbrechen aufzuklären, das überdies zu einer bestimmten Art von Verbrechen gehört. Ich spreche hier natürlich von Mord!
* * * * *
Er erinnert mich nämlich an einen Urlaub, den ich mit Mam und Dad in Holland verbracht habe. Es war wunderschön dort. Wir haben in einem kleinen, dunkelrot gestrichenen Holzhaus gewohnt, zwischen gelben Sanddünen mit stacheligem grünen Gras, nahe an einem Strand, der wahrscheinlich zu einer Art Holland Bucht gehörte. (Obwohl der Professor sagen würde, es muss Holländische Bucht heißen.) Ich bin mir auch nicht sicher, ob es wirklich in Holland war, vielleicht fiel der Name Holland später mit meiner Erinnerung an diesen Urlaub zusammen und ich habe es so gelassen und denke seitdem immer, es war in Holland. Inzwischen bis ich mir fast sicher, es war Dänemark, aber was soll's, jetzt bleibt es dabei. Es war die schönste Erinnerung für eine lange Zeit danach, möchte fast sagen: bis heute. Dad hat morgens frische Brötchen geholt, Mam ist fast jeden Morgen hinunter an den Strand gegangen, und meistens war sie sogar im Wasser (wenn sie wiederkam, fönte sie sich ihre Haare trocken und summte dabei das Lied vor sich hin, das morgens im Radio lief). Ich habe noch im Bett gelegen und ein "Lustiges Taschenbuch" gelesen, obwohl ich dafür vielleicht schon zu alt war, und als ich aufgestanden bin, war die Sonne schon hoch über den Dünen und es war sehr warm draußen. Nach dem Frühstück haben wir immer irgendwas unternommen, es gab da einen kleinen Fischerhafen, wo haufenweise leere Krabbenschalen herumlagen, diese roten und weißen Schalen, manche so groß wie eine Hand, und auch Scheren mit zwei Gelenken, die man einknicken konnte. Diese Scheren hatten manchmal noch was von dem Krabbenfleisch dran, und deshalb haben sie gestunken. Ich hab' sie trotzdem eingesammelt und dann in der Sonne getrocknet. Da war auch ein Museum, wo sie ein versunkenes Schiff vom Meeresgrund heraufgeholt und ausgestellt hatten. Das war so alt wie Davy Jones und es war ein richtiges Piratenschiff gewesen oder jedenfalls ein Piratenjäger Schiff. Es waren jede Menge Sachen ausgestellt, die sie heraufgeholt hatten, sogar das Geschirr aus der Kapitänskajüte. Und es gab eine Liste, wo die Namen der Besatzung draufstanden, das waren über zweihundert Leute gewesen, und sie sind alle ertrunken. Dad hat mit dem Finger drauf gezeigt und gesagt, schau mal, da war ein Junge dabei, der war genauso alt wie du. Ein Stück weg zwischen den Dünen stand ein anderes Ferienhaus, das war blaugestrichen und nicht ganz so groß wie unseres. Da tauchte dann eine Familie auf, es waren ein Junge und ein Mädchen dabei, die waren ungefähr so alt wie ich, die Felice war ein Jahr älter, und Justin war noch nicht so alt. Die waren kaum da, und wir haben uns schon angefreundet, und die Eltern von den beiden waren glaube ich ganz froh, daß sie mal ihre Ruhe hatten. Ich habe jedenfalls nie gesehen, daß Justins Dad Brötchen geholt hat oder daß seine Mutter frühmorgens zum Strand ging. Das hätte Mam vielleicht auch nicht gepasst. Ich will nicht behaupten, daß mir Felice sofort gefallen hat, sie war eigentlich nicht mein Typ. Aber als ich eine Weile darüber nachgedacht habe, fiel mir auf, daß ich mich gar nicht so richtig auf einen bestimmten Typ festlegen konnte. Als sie mich fragte, wie ich heiße, habe ich gesagt, mein Name ist Roderik Rayven, ich bin mir nicht sicher, ob sie's geglaubt hat. Sie hat dann Mam gefragt "Wie heißt Ihr Sohn?" "Das kannst du ihn doch selber fragen." "Hab' ich schon." "Manchmal", sagte ich, "nenne ich mich Roderik Rayven, das ist mein Pseudonym." "Wofür brauchst du denn so was?" "Wenn ich Krimis schreibe zum Beispiel." "Du schreibst Krimis?" Das fand sie cool. "Kannst du mir mal was vorlesen?" Ich las ihr den Anfang vor, den ihr auch schon kennt. Felice war enttäuscht. Besonders der eine Satz gefiel ihr gar nicht. "Wer redet denn so? 'Mantel der Verschwiegenheit', 'was ich zu tun gedenke', 'Erfolg meiner Aktion', ziemlich blöde Ausdrücke. Ich denke, ein Krimi soll spannend geschrieben sein." "Soll er ja auch." Vielleicht war das ein Grund, weshalb ich meinen Krimi vorerst nicht weitergeschrieben habe. Dad hat damals eine Menge Geld verdient, er war ein richtiger Boss von einer Firma, die jede Menge Kohle einfährt, buchstäblich an jedem Tag. Mehr wusste ich darüber eigentlich nicht. Mam brauchte nicht zu arbeiten, und wir wohnten in einer richtig guten Gegend. Es war wirklich schwer für uns, als wir aus unsrer Wohnung raus mussten. Wir hatten eine Köchin und jemand, die zweimal die Woche zum Saubermachen kam (außer in meinem Zimmer). Eine Zeitlang hatte Mam sogar einen Chauffeur, der sie überall hingefahren hat, zum Einkaufen oder ins Fitness Center oder zu ihren Freundinnen. Bei mir waren auch immer Freunde zu Besuch, nachmittags nach der Schule war das ganz normal, daß irgendjemand mit zu mir kam. Aber ihr solltet nicht denken, daß ich so einer war, der ununterbrochen vor seinen Freunden zeigen muss, was für ein toller Typ er ist und der bloß Freunde hat, weil er immer und überall bezahlt. Ich war auch bei den anderen zu Hause, und ich kann eigentlich sagen, daß ich derjenige war, der immer bei jedem eingeladen war, wenn's eine Party gab. Eines schönen Tages, als ich von der Schule heimkam, saß meine Mutter in der Küche und hatte ganz verheulte Augen und ein zusammengeknülltes Taschentuch in den Händen. Ich habe es gleich gesehen, aber aus irgendeinem Grund ließ ich mir nichts anmerken und ging einfach zum Kühlschrank, um was zu nehmen. Ich weiß nicht, warum ich mich so blöd verhielt, wahrscheinlich war die Situation so überraschend und so ungewohnt, der Anblick von Mam, wie sie da saß und flennte, war so unwirklich. Anstatt irgendwas Vernünftiges zu tun, fragte ich bloß "Hast du mein Sportzeug gewaschen?" Denn ich hatte zweimal die Woche Training, Fußball und Judo. Mam sah mich an, und es war so ein unangenehmer Blick kann ich euch sagen, daß ich froh bin, sie nur dieses eine Mal mit einem solchen Blick gesehen zu haben. Es war, als hätte ihr der Arzt gesagt, daß sie Kopfkrebs hat und man müsste jetzt die ganze linke Hälfte von ihrem Gesicht operieren und es wäre danach bestimmt angenehmer für sie, wenn sie bis zum Ende ihres Lebens eine Maske trägt. So ungefähr war ihr Ausdruck in diesem Moment. Und meine Mutter, das kann ich euch versichern, ist eine ziemlich attraktive Frau. "Na ja, nicht so schlimm, zieh' ich eins von den alten Trikots an." Ich wollte sie jetzt doch irgendwie aufheitern, aber mir fiel nichts ein, und in Mathe hatte ich heute eine vier gekriegt, und ich dachte, das ist wahrscheinlich keine so gute Nachricht. Dann bekam ich selber einen Schreck. "Ist was mit Dad?" Sie nickte und da kamen noch mehr Tränen aus ihren Augen. "Was ist los?" "Wir müssen hier raus." "Wie, wir müssen hier raus?" "Wir müssen uns eine andere Wohnung nehmen." "Aber wieso denn? Es ist doch schön hier." (Wieder ein Wasserfall von Tränen; und von dem Taschentuch tropfte es auch gleich.) "Hat es was mit Dad zu tun?" Sie nickte. Und da durchschoss mich ein Gedanke, der mir wahrscheinlich schon lange im Kopf herumgespukt ist, den ich aber nie richtig ernstgenommen hatte. "Ist was mit seinem Job?" Sie nickte. Unbewusst hatte ich mich nämlich schon manchmal gefragt, ob das mit rechten Dingen zugeht, daß er unentwegt so ein Haufen Geld verdient. Nicht daß ich was dagegen gehabt hätte. Dad war immer der großzügigste Mensch gewesen, den ich kenne, und außerdem war er der beste Vater, den ich mir wünschen konnte. Aber gerade deshalb hatte ich ein bisschen Angst, es könnte eines Tages was passieren, denn man muss kein Krimiautor sein, um zu wissen: wer viel Geld hat, der hat auch viele Feinde. "Geht es ihm gut?" fragte ich, und das war die erste vernünftige Frage, die ich stellte. Mam bewegte den Kopf. Auch wenn ich jetzt erleben musste, daß mein Vater ohne Zweifel in einem besch... Schlamassel steckt, so war ich doch irgendwie froh. Worüber? Na darüber, daß es nicht irgend so eine Ehekatastrophe war, ein Familienstreit, der damit anfängt, daß die Milch sauer ist und damit endet, daß einer in der Familie alle andern (einschließlich der Haustiere) umbringt und sich anschließend selbst die Rübe wegballert. Über so was wäre ich nie hinweggekommen, denn wir waren immer eine perfekte Familie gewesen, und glaubt mir, ich kann spüren, wenn es wirklich so ist. Meine Mutter hatte die Sprache wiedergefunden. "Dein Vater muss für eine Weile weg, und wir können erst mal nicht mehr hier wohnen, verstehst du." Ich schüttelte den Kopf. "Ist aber besser, wenn du das verstehst." "Ja, klar, ich verstehe, wenn wir das tun müssen. Aber aus welchem Grund? Heißt das, Dad musste verschwinden, und wir müssen uns verstecken?" "Er musste verschwinden, ja. Aber wir nicht." "Er musste also 'untertauchen', stimmt's?" Bei dem Wort lief mir ein Schauer über den Rücken. "Je weniger wir darüber Bescheid wissen, umso besser ist es", sagte Mam. "Okay. Wie lange wird er wegbleiben?" Sie zuckte mit den Schultern. "Er gibt uns Bescheid." "Heißt das, wir stehen mit ihm in Verbindung?" Sie schüttelte den Kopf. Zwei Tage später hielt neben mir am Straßenrand ein Wagen, und der Fahrer ließ die Scheibe runter und fragte mich, ob ich Roderik Rayven wäre. Ich war völlig perplex; er sagte, er habe eine Nachricht für mich, von Edgar. (Edgar heißt mein Vater.) Ich sagte, ja, das bin ich, und er gab mir einen Briefumschlag und machte sich gleich wieder aus dem Staub. Ich wusste nicht, ob ich ihn sofort lesen oder lieber Mam geben sollte. Jetzt fiel mir ein, daß der Mann im Auto wie ein Ausländer wirkte, jedenfalls war er kein Deutscher. Und er sah auch nicht gerade so aus wie ein Chorleiter. Ich dachte, vielleicht ist das eine Art Erpresser Schreiben, in dem steht, daß sie eine Million Euro für Dads Freilassung verlangen und wenn wir nicht bis übermorgen reagieren, schneiden sie ihm zuerst den Daumen ab und schicken ihn uns, damit wir sehen, daß sie es ernst meinen. Ich machte ihn auf und schaute hinein und sah, daß es tatsächlich Edgars Handschrift war. Es waren auch keine Blutflecken oder so etwas darauf. Ich gab ihn Mam, und die drehte ihn erst zweimal um und schaute mich zwischendurch an, und ich sagte "Ist vielleicht wichtig", aber mir zitterten die Knie. "Ist es ein Erpresser Schreiben?" fragte ich, nachdem sie angefangen hatte zu lesen. "Nein." Ich glaube, unter uns die konnten hören, wie zwei schwere Steine von unseren Herzen plumpsten, wenn unter uns jemand gewohnt hätte, denn noch waren wir ja in unserem richtigen Haus, und ich schöpfte auch gleich Hoffnung, daß Dad vielleicht schreibt, wir bräuchten doch nicht auszuziehen. "Er schreibt, es ist alles in Ordnung, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen." "Was?" rief ich, und regte mich gleich ein bisschen auf, nachdem also klar war, daß wir erst mal keinen Daumen von ihm oder so was ähnliches geschickt kriegen. (Irgendwo hatte ich zwar gelesen, daß man abgetrennte Gliedmaßen auch wieder annähen kann, wenn man sie frisch hält, also zum Beispiel in den Kühlschrank legt, da fließt dann das Blut nicht mehr weiter raus. Aber wir wussten ja nicht, wie lange Dad wegbleibt, und es war ehrlich gesagt keine besonders angenehme Vorstellung, die ganze Zeit Edgars Daumen im Kühlschrank liegen zu haben. Man hätte ihn natürlich auch ins Tiefkühlfach legen können, unter den Tofu, den isst sowieso keiner in unserer Familie. Außer Dad selber.) "Wir sollen uns keine Sorgen machen?" wiederholte ich. "Und wie nennt er das hier?" "Still", zischte Mam, die zu Ende lesen wollte. "Können wir hier bleiben?" Sie schüttelte den Kopf. "Nein." "Mist." Sie faltete den Brief zusammen und steckte ihn in den Umschlag, dann schaute sie sich um. "Tja, also. Ich denke, wir packen nur das wichtigste ein." "Und dann?" "Dein Vater hat uns eine andere Wohnung besorgt." "Wo?" Sie nannte den Stadtteil. "Was? In dieser Proletengegend?" "Wer sagt denn sowas? Es gibt da sogar einen Park mit Eisbahn." "Ja, aber zufälligerweise spiele ich Fußball, und es gibt keinen Sport, der 'Eisfußball' heißt." "Vielleicht bald. Dann kommst du ganz groß raus", sagte Mam und stand auf, fest entschlossen, die Sachen für unseren Umzug zu packen. Ich glaube, in diesem Moment schluckte sie ihre ganze Verzweiflung runter und nahm sich vor, kühl und überlegt zu handeln. Sie war die beste Frau, die sich Dad in seiner Lage wünschen konnte. Ich versuchte, es ihr nachzumachen, aber die ganze Sache hatte mich doch zu sehr überrascht, und ich war noch nicht bereit dafür, ich meine innerlich. Äußerlich sowieso nicht. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was ich mitnehmen soll. "Woran arbeitest du denn gerade?" fragte Mam. "Was?" "Wenn du das mitnimmst, woran du gerade arbeitest, fällt dir die Umstellung nicht so schwer." "Woran ich arbeite? Ich gehe in die Schule, wie du vielleicht weißt." "Na ja, aber du machst doch auch noch was anderes", sagte sie und verschwand wieder. Ich überlegte lange, aber dann stellte ich fest, daß es eigentlich nichts gibt, 'woran ich arbeite'. Und das deprimierte mich plötzlich mindestens genauso sehr wie dieser blöde Umzug. Mam dagegen tat so, als ginge es ins Pfadfinder Lager (als ich in die Küche kam, holte sie gerade eine große Rolle Bindfaden aus der Schublade.) Ich sagte "Charlotte - so heißt meine Mama, und ich nannte sie bisher nur in außergewöhnlichen Fällen bei ihrem Namen - kannst du mir helfen bei meinen Sachen?" "Aber klar doch, mein Sohn", sagte sie und verschwand wieder. Ich setzte mich an den Küchentisch und wartete, und ich schreckte irgendwie davor zurück, mir was aus dem Kühlschrank zu nehmen. Dann kam sie und suchte noch was anderes, ganz unten in dem Schränkchen mit dem Werkzeug. Ich sagte "Felice findet, daß ich meinen Krimi nochmal umschreiben soll." "Bitte? Weißt du, wo diese Zange ist, mit der man alles machen kann? Wer ist Felice?" "Felice, die aus Holland, du erinnerst dich doch, als wir in Holland waren, da hat Felice nebenan gewohnt." "Ja, ich erinnere mich." Sie lag auf den Knien und wühlte unentwegt in dem Schränkchen herum, ihr kurzer Rock war hochgerutscht. "Mam, man kann deinen Slip sehen", knurrte ich. "Ich hab's gleich, sie muss hier sein", dann sagte sie "kann mich nicht erinnern, daß sie Krimis geschrieben hat." "Nee. Ich habe einen geschrieben." "Toll. Da ist sie! Da musst du mir bald mal mehr davon berichten", sagte sie und verschwand wieder. So ging das noch den halben Tag lang. Dann telefonierte sie überall herum und wollte uns einen Transporter bestellen, mit dem wir die Sachen da hin bringen konnten; ihre zweite Frage war immer, was es kostet, und das gab mir zu denken. Ich spielte daraufhin an, und Mam sagte, daß es nicht so schlimm wäre, aber wir sollten uns 'fortan ein wenig einschränken', was immer das bedeutete. Nachdem das mit dem Transporter geregelt war, bestellten wir uns abends noch zwei Pizzas, und als wir am Küchentisch saßen und unsere Pizza mampften, war gar keine so schlechte Stimmung angesichts der Ereignisse. Mam kam nochmal auf die Geldfrage zurück und sagte, Dad habe geschrieben, daß er was für uns hinterlegt hat, und zwar in einem Waschsalon in der Berliner Straße, und ob ich das morgen nach der Schule dort abholen könnte. Ich sagte klar kann ich das, und ich freute mich irgendwie, daß ich jetzt auch was Nützliches tun konnte. Ich hatte mich immer noch nicht getraut, Dads Brief selber zu lesen, und es war besser so, wenn Mam es mir stückchenweise mitteilt, denn irgendwie musste ja doch einer von uns die Sache leiten. Sie verriet mir auch, daß es da irgendwelche Leute gibt, die Edgar an den Kragen wollen, und daß er - na sagen wir mal - in gewisse Geschäfte verwickelt ist, die ihm auf einmal schwer zu schaffen machen. Ich reimte mir das so zusammen: daß die Geld von ihm fordern, und zwar eine Menge Geld. Und daß da außerdem auf einmal noch andere Leute sind, die auch jede Menge Geld haben wollen, und deshalb war es angebracht, wenn wir, also Edgar, Charlotte und ich, wenigstens nach außen hin so tun, als müssten wir uns ein bisschen einschränken, wie Mam das genannt hatte. Es dauerte aber nicht lange, und ich musste feststellen, daß wir tatsächlich keine Kohle mehr hatten. Und damit nahm dann sozusagen das Unheil seinen Lauf. Ich ging also in diesen Waschsalon, wo Dad das Geld für uns hinterlegt hatte. Ich konnte nicht recht erkennen, ob es einer von diesen Selbstbedienungs Waschsalons war, jedenfalls war da niemand bis auf einen Burschen, der mit seiner Wäsche an einer der Maschinen hantierte. Er hatte ein schwarzes Piratentuch mit kleinen Totenköpfen um den Kopf gebunden und ein weißes T-Shirt an, auf dem stand: ELVIS! MELDE DICH. Ich fragte ihn, ob es hier so was wie einen Chef gibt, und er sagte "Ja freilich, der weiße Riese, dem gehört hier der Laden." Der wollte mich veralbern, aber er war irgendwie nicht unsympathisch. "Soll ich dir einen von meinen Overalls borgen?" fragte er. "Wozu?" "Ich dachte, du willst deine Sachen waschen, wirst doch solange nicht nackig hier rumsitzen wollen, oder stehst du drauf?" "Ich bin gar nicht zum Wäschewaschen hier." "Ach so." Er schaute sich um. "Was kann man denn hier noch machen?" "Hör mal, ich hab's ziemlich eilig. Wenn du mir sagen könntest, ob es hier irgendeinen Angestellten gibt, wäre ich dir ..." Da ging eine Tür auf, wo "Kein Zutritt" draufstand, und es kam ein fetter Glatzkopf mit bunt tätowierten Armen heraus. "Was willst du, Kleiner?" "Ich will was abholen, für ... Roderik Rayven." "Verpiss' dich", sagte er und drehte sich wieder um. "Moment mal, hier ist etwas hinterlegt worden, von meinem ... von einem Mann namens Edgar, ich weiß es genau." Er beachtete mich nicht weiter und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. "Verdammt", fluchte ich und dachte, daß ich keinesfalls so zu Mam zurückkommen kann, es war schließlich mein Auftrag, unser Geld abzuholen. "Handelt es sich um Wäsche?" fragte der andere beiläufig. "Was? Nein", brummte ich und überlegte. "Ist doch auch albern, wegen was anderem hier reinzukommen außer wegen Wäsche." "Jetzt geh' mir nicht auf den Sack mit deiner Wäsche, ich muss mir was einfallen lassen." "Ja, klar." Er holte schweigend seine Sachen aus der Maschine und stopfte alles in eine schwarze Reisetasche. "Oh Schitt", sagte er und schaute auf einen blauen Overall, auf dem dunkle Flecken zurückgeblieben waren. Ich war ganz erschöpft vom Nachdenken, und als ich hinsah, zuckte mein Krimi Nerv sofort zusammen. "Sieht ja aus wie Blut", sagte ich. "Farbe", sagte er schnell. Er hatte alles verstaut und zog den Reisverschluss zu. Ich stand immer noch da wie ein Ersatzspieler in der siebzigsten Minute. "Ich kann dir vielleicht helfen, daß du dein Was-auch-immer-es-sein-mag wiederkriegst." "Wie denn?" "Reden wir zuerst über den Preis." "Was für'n Preis?" "Den Wiederbeschaffungs Preis natürlich. Ich vermute, du willst das unbedingt haben, was der bemalte Buddha da nicht rausrückt." Ich nickte. "Ist es was, das man auch als Geld bezeichnen könnte?" "Möglich." "Zwanzig Prozent." "Das kann ich nicht entscheiden, ich muss meine Mutter fragen." "Ah, ja", sagte er gedehnt, "deine Mutter regelt bei euch das Geschäftliche." "Im Moment, ja." "Solange der Herr Papa nicht da ist." "Woher weißt du das?" Er zuckte die Schultern. "Kommt bei uns auch manchmal vor. Na dann ruf' sie an." "Ich hab' mein Handy nicht dabei." "Nimmst du meins." Er reichte es mir hin. Ich wollte es schon nehmen, aber da durchzuckte es mich wieder: er wollte natürlich nur unsere Nummer haben. Außerdem kam ich mir blöd vor, warum sollte ich das nicht allein entscheiden können, ich wollte Mam zeigen, daß sie sich auf mich verlassen kann. "Eigentlich brauche ich sie gar nicht anzurufen, ich sage okay, du kriegst zwanzig Prozent." "Wieviel ist es?" "Ähm, das weiß ich nicht genau." "Oh. Dann könnten es auch hundert Euro sein?" "Nein, es ist bestimmt mehr, es sind so um die tausend." "Weißt du was? Verarschen kann ich mich selber", sagte er, hängte sich die Reisetasche über die Schulter und ließ mich stehen. Ich hatte wirklich vergessen, Mam zu fragen, wieviel es ist. Aber vielleicht stand das auch gar nicht in Dads Brief. Sie hatte bloß gesagt, daß es ein verschlossener gelber Umschlag ist, so eine Art Versandtasche oder wie die Dinger heißen. Da kamen zwei Frauen herein, jede mit mindestens einer Tonne Wäsche, und dazu mit Kindern, die quer im Wagen hingen und bläkten. Sie gingen gleich an die Automaten und warfen die Wäsche ein und schnatterten dabei ununterbrochen. Ich wollte gehen, da kam der Typ mit dem Piratenkopftuch zurück, ohne seine Tasche. "Ich habe mir's überlegt, ich helfe dir." "Okay." "Wenn du mitmachst." "Was soll ich tun?" Er schaute zu den Muttis rüber, die hatten nicht bemerkt, daß da noch jemand außer ihnen existiert. Trotzdem hielt er es für besser, zu flüstern. "Ich hab' ein Fenster entdeckt, wo man in dem sein Kabuff gucken kann." "Liegt da so ein gelber Umschlag auf dem Tisch?" "Was?" "Das ist meiner." "Ja. So ein dicker gelber Umschlag. Also hör zu, da ist auch eine Hintertür, die ist offen, ich denke mal, durch die müsste man auch in das Büro kommen." "Soll ich da reingehen?" "Nein, nein, ich mach' das für dich." "Danke." "Du musst den Fettsack bloß ablenken." "Wie?" Er zeigte auf die Kein Zutritt Tür. "Du klopfst hier und rufst nach ihm." "Was soll ich sagen?" "Mann! Machst du sowas zum erstenmal?" "Eigentlich schon." "Erzähl ihm irgendwas, scheißegal, sag' dasselbe nochmal, Hauptsache, er ist solange nicht hinten, halt ihn auf, kapiert?" "Ja." Er warf einen Blick auf die Muttis und drehte sich um, ich sagte "Hey, wo treffen wir uns?" "Links, zwei Straßen weiter ist ein Stehcafé, ich warte da. Jetzt ruf' den Kerl raus." "Okay." Ich klopfte und rief "Hallo?" Ich schaute dabei zu den Muttis rüber, ob sie was mitkriegen, die schnatterten in der Endlosschleife, ich glaube, die hätten mich nicht wahrgenommen, selbst wenn ich mit einer Panzerfaust auf ihre Kinder gezielt hätte. Ich war viel zu leise. Ich donnerte gegen die Tür und konnte gerade noch rechtzeitig zurückspringen, als sie aufgerissen wurde und der Glatzkopf erschien. "Was willst du, Kleiner?" fragte er genau wie vorhin. "Sie haben einen gelben Briefumschlag, der mir gehört." "Das hier ist ein Waschsalon und kein Postamt?" "Ich weiß es. Er ist für mich abgegeben worden, für Roderik Rayven." "Schrei' hier nicht so rum, ich bin nicht taub." Tatsächlich hatte ich besonders laut gesprochen, um damit eventuell die Geräusche zu übertönen, die der Kopftuch Bursche hinten verursacht, klirrende Fensterscheiben, eine aufgeschreckte Katze, eine Vase, die herunterfällt, eben lauter so Sachen, auf die man als erfahrener Krimischreiber vorbereitet ist. "Verpiss dich!" sagte er und wollte mir die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber ich hielt blitzschnell meinen Fuß dazwischen und schrie "Aua!" "Was soll das, du Idiot." "Rücken Sie den Umschlag aus, oder ich ..." "Na was? Häh?" Ich streckte den Arm aus. "Da drüben die Frauen, die eine ist meine Schwester." Er sah mich entgeistert an. Und die beiden Muttis schauten wirklich her. "Hi Mario", rief die eine freudig. "Hi Michelle." "Sehen wir uns Freitag?" "Klar doch." Mein Fuß begann höllisch zu schmerzen. Ich bückte mich und befühlte ihn und merkte, wie er anschwillt, daß der Schuh gleich platzt. "Nimm deine Birne weg, sonst klemmst du die auch noch ein", sagte er (nicht mal unfreundlich) und schob mich zurück. Aber in dem Moment gab es hinten einen Krach, von was weiß ich bis heute nicht. Er drehte sich um, aber ich konnte nicht so schnell gucken, wie er mich am Kragen packte und festhielt wie einen Sack voll Trüffel. Er schleifte mich nach hinten, und man konnte die offene Tür sehen und in seinem Büro waren die Schubladen vom Schreibtisch aufgerissen, und auf dem Boden lag ein zehn Euro Schein. Der Fettsack rief "Ihr verfluchten Diebe!" und ließ mich automatisch los, um wenigstens den Geldschein zu retten, den der Kopftuch Bursche wohl verloren hatte. Geistesgegenwärtig sprang ich hinaus, das heißt, springen konnte man es nicht nennen, denn mein Fuß hing inzwischen an mir dran wie eine Eisenbahnschwelle und schmerzte ganz fürchterlich. Ich schaffte es aber trotzdem, durch die Hintertür zu entwischen. Ich schleppte mich zwei Straßen weiter zu dem Stehcafé, wo wir uns treffen sollten. Aber da war kein Stehcafé weit und breit, und ich dachte, lange kann ich hier auch nicht bleiben, denn wahrscheinlich ruft der Dicke aus dem Waschsalon gleich die Polizei. Trotzdem hielt ich noch ein paar Minuten Ausschau nach dem anderen, konnte ihn aber nirgends entdecken. Schließlich machte ich mich auf den Heimweg. Es war inzwischen schon dunkel, und mir fiel ein, daß der Transporter mit unseren Sachen für nachmittags um vier bestellt gewesen war, und ich wollte Mam natürlich dabei helfen. In unserem (ehemaligen) Haus brannte kein einziges Licht mehr, nur die Gartenbeleuchtung, die eine Zeitschaltuhr hatte. Wir hatten unter einem bestimmten Blumentopf immer einen Schlüssel liegen, aber der war weg. Abgesehen davon, daß ich nicht reinkam, hatte ich zwei weitere Probleme: dummerweise hatte ich die Adresse von unserer neuen Wohnung nicht im Kopf (denn ich hatte mich darauf verlassen, mit Mam dorthin zu fahren), und zweitens hatte ich wie schon erwähnt kein Handy einstecken, damit ich sie anrufen könnte. Plötzlich kläffte mich von hinten ein Hund an und jemand rief "Hallo, was machen Sie da!" Ich drehte mich um und wurde von einem Taschenlampen Strahl geblendet. "Kevin, du bist das", sagte der Mann, der unser Nachbar war. "Ist alles in Ordnung?" "Ja, Herr Willmann, seit wann haben Sie denn einen Hund?" "Na so was, den haben wir doch schon seit drei Jahren, und außerdem heißen wir immer noch Willberg." "Ach ja, richtig. Hab' Sie jetzt nicht gleich erkannt. Könnten Sie mir einen Gefallen tun und mich mal bei Ihnen telefonieren lassen? Ich habe nämlich meinen Schlüssel verloren, und meine Mama ist nicht zu Hause." "Hat das was mit der Spedition zu tun, die heute nachmittag hier war?" "Mit was?" "Deine Mutter hat lauter Sachen eingeladen und ..." "Nein, damit hat es nichts zu tun, das war bloß für den Müll, ich meine, einen Teil haben wir gespendet, abgegeben, an die Kirche." Er ließ mich mit rüberkommen und seine Frau stand hinter der Gardine und hatte alles beobachtet. Sie hielt das Telefon in der Hand, ihr Daumen war direkt neben der riesigen roten Notruftaste. "Hallo Kevin, was ist denn los bei euch?" "Alles in Ordnung, Schatz", antwortete ihr Mann wie jemand, der gerade ein paar Viehdiebe erledigt hat. Ich sagte ihr dasselbe wie ihm. "Da müssen wir aber sofort die Polizei rufen." "Wieso denn, Frau Willberg?" "Ein verlorener Hausschlüssel ist keine Kleinigkeit, mein Junge." "Sie hat recht", meinte ihr Mann, "aber die Polizei ist vielleicht nicht nötig." "Ganz sicher nicht." "Man muss zuerst einen Schlüsseldienst rufen, der das Schloss auswechselt. Das ist wie wenn einem die Kreditkarte abhandengekommen ist, dann muss man sofort das Konto sperren." Dazu muss ich sagen, daß wir so was mit dem Schlüsseldienst schon mal durchgemacht hatten, als Mam aus Versehen den Schlüssel von innen hatte stecken lassen. Das ging wirklich ganz problemlos: der Mann vom Schlüsseldienst kam, steckte so ein Ding ins Schloss, das aussah wie die kleine Säge, mit der sie beim Impfen die Ampullen köpfen, und zwei Sekunden später war die Tür auf. Es kostete einhundertfünfundachtzig Euro, und Mam war heilfroh, daß alles so schnell gegangen war. Angesichts der Tatsache, daß ich ungefähr vier Euro sechzig bei mir hatte und die Sache mit der Geldabholung schief gelaufen war, fand ich die Idee mit dem Schlüsseldienst jetzt nicht so gut. Ich sagte "Ich habe den Schlüssel nicht verloren, ich hab' ihn meiner Mama gegeben, als ich zum Fußballtraining gegangen bin, und jetzt wollte ich sie anrufen." "Spielt ihr denn so? In Straßensachen?" fragte Frau Willberg und hielt immer noch das Telefon mit dem roten Knopf hoch, als wollte sie gleich eine Sprengung auslösen. "Nein, ich habe ..." "Mein Gott, Junge, was ist denn mit deinem Fuß passiert?" fragte ihr Mann. "Ja, eben, ich habe mich verletzt, gleich am Anfang." "Das sieht aber nicht gut aus." "Halb so schlimm. Wenn Sie mich jetzt endlich telefonieren lassen würden." Der Frau ging vor Schreck der Mund auf, so deutlich hatte ich mich ausgedrückt, aber sie reichte mir sofort das Telefon und ich rief Mam an. Sie war gar nicht sauer, daß ich nicht mit geholfen hatte, und ich war so froh, ihre Stimme zu hören, kann ich euch sagen. Sie fragte auch nicht wegen der Geldsache. Sie beschrieb mir den Weg zu unserer Wohnung, genauer gesagt, mit welcher Buslinie ich fahren und wo ich aussteigen soll, sie sagte, sie würde da hin kommen, sie würde in einer halben Stunde losgehen. Es war blöd, daß ich mir nichts notieren konnte, weil die beiden Willbergs daneben standen und genau aufpassten, was ich zu sagen habe. Ich bedankte mich, aber Frau Willberg sagte "Welches Netz hat deine Mutter eigentlich?" "Bitte?" "Es gibt jetzt solche Netze, die sehr teuer sind, wenn man da hinein anruft." Ich wusste nicht, welches Netz Mam hat, ich sagte "Meine Mama hat einen Mondschein Tarif, da ist alles noch mal um die Hälfte billiger." Ich konnte sehen, wie Frau Willberg drauf und dran war, aus dem Fenster zu gucken, ob der Mond scheint, aber ihr Mann sagte "Dann ist ja noch mal alles gutgegangen. Willst du solange hier warten?" "Wieso?" "Bis deine Mutter kommt." Langsam strengte es mich an, eine Ausrede nach der andern zu erfinden. "Danke. Ich warte drüben bei uns vorm Haus. Ich habe Ihnen schon genug Umstände bereitet." Frau Willberg war geschmeichelt, aber jetzt kam wieder was von ihm: "Wo ist denn Edgar? Wir haben ihn die letzten Tage gar nicht gesehen." "Der ist ... auf Geschäftsreise." "Wo?" Das geht euch einen Scheißdreck an, hätte ich beinahe gesagt, aber ich riss mich zusammen. "In Japan, glaube ich. So jetzt muss ich aber los, vielen Dank nochmal." "Ja, immer gern." Als sie mich hinausließen, tauchte plötzlich der Hund wieder auf und knurrte mich böse an. Ich nahm den Bus. Es tat mir gut, jetzt einfach so dazusitzen, obwohl mein Fuß immer noch wehtat. Dann fiel mir aber wieder der tätowierte Bulle im Waschsalon ein. Er hat mich gesehen, sagte ich zu mir. Wenn es zu einer Gegenüberstellung käme, würde er mich wiedererkennen. Mit kriminalistischem Scharfsinn begann ich, alles gegeneinander abzuwägen. Er hatte mich zwar gesehen, aber offenbar beim zweiten Mal nicht wiedererkannt, vielleicht hat er also ein miserables Personengedächtnis. Andererseits hat er die eine Mutti sofort erkannt, wusste sogar ihren Namen. Selbst wenn er mich wiedererkennt, bedeutet das nicht zwangläufig, daß ich was mit der Sache in seinem Büro zu tun habe. Angenommen, der Kopftuch Bursche hat unseren Umschlag gefunden und mitgenommen - was hätte ich damit zu tun? Der Dicke kann mich gar nicht verdächtigen, und der Kopftuch Bursche kann mich nicht verraten, weil ich ja wirklich nicht hinten dabei war. Was ist aber, wenn der Kopftuch Typ mich bloß reingelegt hatte, wenn es gar keinen Umschlag dort gab und der Dicke recht hatte. Ich war mir sicher: wenn Dad es so organisiert hatte, dann musste das Geld auch dort gewesen sein. Die Frage war nur, wo ist es jetzt? Mam wartete wie verabredet an der Haltestelle. Ich fiel ihr um den Hals und (warum soll ich es nicht zugeben) beinahe hätte ich geheult. "Es wird dir gefallen", sagte sie, und wir mussten nicht weit gehen. Ich dachte, ich kann ihr auch morgen noch erzählen, wie die Sache abgelaufen ist. Die Wohnung war schrecklich. In der Küche roch es aus dem Abfluss von der Spüle, an der Decke hing eine nackte Glühbirne. Das Bad hatte kein Fenster und bloß eine Dusche, der Vorhang hatte unten jede Menge Flecken. Im Wohnzimmer war ein plüschiger Teppichboden, und draußen donnerte alle paar Minuten die S Bahn vorbei. "Der Bus ist verkehrstechnisch günstiger gelegen", versicherte Mam. "Und das ist dein Zimmer." Es war ein schmaler Schlauch, vorne ein Schreibtisch, dann ein Schrank, hinten ein Bett, am andern Ende ein Fenster. "Nur gut, daß ich gerade an nichts Großem arbeite", sagte ich, und wir mussten beide lachen. Mam war nicht direkt sauer auf mich, weil ich die Sache mit dem Geld vermasselt hatte, aber sie war freilich nicht gerade begeistert. Sie war natürlich auch davon überzeugt, daß Dad alles richtig organisiert hatte und daß es nicht an ihm lag, wenn der Kerl aus dem Waschsalon angeblich nicht Bescheid wusste. Ich hatte ihr alles haarklein erzählt und ihr den Fettsack beschrieben, und danach meinte sie, er habe ganz bestimmt versucht, mich zu betrügen, Mam sagte, er wollte "uns" betrügen, und das tröstete mich über meine Niederlage hinweg. "Du hast ganz recht daran getan, die Situation nicht eskalieren zu lassen", sagte sie. "Was meinst du damit?" (Mam konnte manchmal ziemlich merkwürdig reden, ohne es zu wollen. Dad fand, das läge an ihrer guten Bildung, aber ihrer eigenen Meinung nach hatte sie gar keine gute Bildung, sondern kam aus "einfachen Verhältnissen". Sie wollte damit wohl andeuten, daß sie es auch ohne fremde Hilfe zu etwas bringen konnte. Und wenn Dad dann lachend fragte, zu was sie es denn gebracht habe, dann erwiderte sie meistens "Ich habe dich geheiratet", und das war's, was Dad gefiel.) "Was meinst du damit?" fragte ich also, und Mam sagte "Es war klug von dir, dich nicht in eine Schlägerei mit ihm einzulassen." "Du meinst, er hätte mich verprügelt?" "Weiß ich nicht. Aber so hast du dich geschickt aus der Affäre gezogen." Da dachte ich dann aber doch für einen Moment, sie hätte mir nicht richtig zugehört. "Und was ist mit meinem Fuß?" "Tja, das war nicht so gut." "Glaubst du, daß er mich verfolgt?" "Dieser Kerl aus dem Waschsalon?" "Ja, wer sonst?" "Warum denn?" "Weil er annimmt, daß ich mit dem anderen unter einer Decke stecke. Und ihn hat er nicht gesehen." "Ach, ich glaube nicht, daß er was unternimmt. Schließlich sind wir es ja, die unser Geld zurückhaben wollen." Damit hatte sie völlig recht. Mam hat mich auch noch ganz doll gedrückt und gesagt, daß sie sehr froh ist, mich bei sich zu haben und daß ich mich wie ein richtiger Mann verhalte, jetzt wo die Sache mit Dad "unsere Familie auf eine harte Probe stellt." An die neue Wohnung konnte ich mich trotzdem nicht gewöhnen, ich fand sie grässlich und nachdem ich eine Nacht in meinem Bett geschlafen hatte, wurde ich das Gefühl nicht mehr los, daß alle möglichen krank machenden Bazillen in den Ritzen lauern und nur darauf warten, über mich herzufallen und mich anzustecken. Ich musste mich andauernd kratzen und schüttelte mich vor Ekel. Ich hatte das Verlangen, mich vorsichtshalber morgens und abends zu übergeben; und auf einmal wusste ich, was Michael Jackson dazu getrieben hat, sich alle zehn Minuten die Hände zu waschen. Mam schlug vor, die Wohnung gründlich zu putzen. (Eine Putzfrau konnten wir uns jetzt nicht mehr leisten.) "Wir sollten vielleicht auch einen Kammerjäger rufen." "Einen was?" "Einen Kammerjäger. Das ist einer, der Wanzen und Schaben und dieses ganze Ungeziefer beseitigt." Ich war erstaunt, daß Mam wusste, was ein Kammerjäger ist, wo sie doch eigentlich bis dahin nie mit so was zu tun hatte. Sie nahm die Gelben Seiten und telefonierte rum, und ihre zweite Frage war immer, was es kostet. Kennt jemand den Unterschied zwischen einem Kammerjäger und einem Schlüsseldienst? (Kleiner Tip: es ist nicht der Preis.) Der Schlüsseldienst kommt mit einer Umhängetasche, und sein Arbeitsgerät ist kaum größer als eine Nagelschere, auch wenn er mindestens zwanzig verschiedene Ausführungen davon hat. Der Kammerjäger, der zu uns kam, hatte seine Ausrüstung wahrscheinlich seit dem Tag, als sie die Sachen aus den "Ghost Buster" Filmen versteigert haben. Und er hatte sie alle. Er sagte, wir müssten für mindestens eine Woche woanders wohnen, und Mam lachte daraufhin laut auf. Er sagte, zuerst müsste er Köderdosen aufstellen, um das Ungeziefer anzulocken, das würde allein schon zwei Tage beanspruchen. "Eigentlich wollen wir das Zeug ja loswerden", entgegnete Mam, aber er sah sie nur verständnislos an. Dann sagte er, das Gas, das er benutzt, wäre das wirkungsvollste, "das zur Zeit auf dem Markt" ist, und er hätte zudem "ein besonderes Spezialgemisch" erfunden, das jedes, aber auch jedes unterentwickelte Lebewesen liquidiert. Bis zu welcher Stufe man denn von einer Unterentwicklung spreche, wollte Mam wissen, die ihn nicht ganz ernst nahm. Er fand das aber gar nicht spaßig. Es handele sich hier um eine "befallene Wohnung", das sei doch richtig, oder? "Wir wollen nur sichergehen, daß es sauber ist und wir uns wohlfühlen", erwiderte Mam. "Ich kann auch das Gesundheitsamt verständigen", sagte er eiskalt, "die geben dann dem Wohnungsamt Bescheid, und ruck zuck wird die Bude dichtgemacht." Bei diesen Worten gefror Mams Lächeln auf ihrem Gesicht, sie holte tief Luft und sagte mit einem Ton in der Stimme, die den Kammerjäger zusammenzucken ließ. "Verstehe ich Sie recht? Sie wollen uns drohen? Sie schnappen sofort Ihre ganze bescheuerte Bewaffnung und verschwinden! Und falls Sie irgendeine Behörde hierher schicken, dann wird es die sicher auch interessieren, daß Sie selbstgepanschte Mittel verwenden." Nachher saßen wir beide in der Küche, und Mams Hände zitterten vor Aufregung, aber sie beruhigte sich schnell. Ich glaube, sie hatte sich vorgenommen, ab jetzt selbst dafür zu sorgen, daß wir nicht noch tiefer abstürzen. Am nächsten Tag klopfte es, und es war ein Mann, der sich als Herr Tromenda vorstellte und sagte, er wäre hier so etwas wie ein Hausmeister. "Aber denken Sie bitte nicht", setzte er hinzu, "daß ich den Aufpasser spiele. Ich helfe Ihnen nur, wenn Sie es wünschen." "Ist gut. Danke", sagte Mam, und er gab uns seine Telefonnummer. Mam und ich saßen öfter in der Küche und überlegten, wie es weitergehen soll, aber jeder hoffte, daß der andere eine prima Idee hat, und es kam nichts rechtes dabei heraus. "Ist in der Schule alles in Ordnung?" fragte sie mich, und ich sagte "Ja, alles okay, mach' dir keine Sorgen." Wenn ich heimkam, saß Mam in der Küche und las Zeitung, sie hatte immer dieses Kleid an, das sehr hübsch war, in dem sie aber nie das Haus verlassen würde, das wusste ich. "Gibt's was Neues?" fragte ich und setzte mich zu ihr. Sie las meistens die Stellenangebote, und dann fing sie an, bestimmte davon mit einem rosa Textmarker einzukringeln. "Wo ist die Nummer von diesem Herrn Dromedar?" fragte sie. "Er heißt Tromenda." "Sag' ich doch." "Hängt da an der Pinwand." Sie rief ihn an, und er kam sofort. "Wir wollten hier eigentlich erst mal richtig saubermachen", erklärte sie. "Ja, ich hatte gehört, daß der Kammerjäger hier war." Mam zog die Stirn zusammen, der spionierte uns doch nicht etwa nach? "Denken Sie nicht, ich würde Ihnen nachspionieren. Es ist nur so, daß ich unwillkürlich mitkriege, wer hier ein und aus geht, weil ich unten direkt neben dem Eingang wohne. Aber es geht mich nichts an." "Ich wollte nur wissen, ob Sie uns einen guten Rat geben können." "An und für sich ist dieses Haus sauber, wir haben noch nie Ratten oder so was hier gehabt, auch nicht im Keller oder bei den Abfalltonnen." "Es gibt einen Keller?" "Zu jeder Wohnung, ja. Haben Sie denn keinen Schlüssel?" "Doch, sicher, wir hatten bloß noch keine Zeit." "Und die Waschküche ist auch unten." "Aha." "Ja, diese Wohnung stand eine Weile leer, da ist es schon möglich, daß sich irgendwelches Getier hier tummelt." "Bitte?" "Schaben gibt es überall, wo was zu holen ist." "Wir haben aber an Schaben nichts zu vergeben." Herr Tromenda lächelte, und es war ein mildes Lächeln. "Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen ... ich habe da noch eine Flasche Fesiaform." "Was ist das?" "Noch aus früherer Zeit, fast reines Formaldehyd, wurde als Desinfektionsmittel verkauft. Ist aber ziemlich stark und es reizt die Atemwege." "Gibt es auch was Leichteres?" "Holen Sie sich einfach einen Chlorreiniger aus dem Supermarkt, der genügt fürs erste. Was machen Sie eigentlich beruflich?" "Ich danke Ihnen für Ihre Auskunft, Herr Tromenda. Und wenn ich wieder mal etwas brauche, frage ich Sie." "Natürlich, ich bin ja da." Wir holten uns dieses Zeug und wischten damit die Fußböden, und es roch wie im Schwimmbad. Aber der plüschige Teppichbelag im Wohnzimmer machte uns Angst, besonders abends beim Lampenlicht hatte er so einen abstoßenden grauen Schimmer wie das Fell eines toten Tieres, daß man kaum wagte, einen Fuß darauf zu setzen. Mit Herrn Tromendas Hilfe rupften wir ihn fetzenweise heraus, und es staubte dabei ungeheuer. Herr Tromenda sagte "Millionen von Milben werden sich ein neues Heim suchen müssen." "Wie bedauerlich", murmelte Mam. Wir suchten aus einem Katalog einen hellen Belag aus, der uns beiden gefiel, maßen mit einem Zollstock den Fußboden ab und bestellten etwas mehr. Herrn Tromendas Neffe schnitt ihn zu und legte ihn aus; er nahm dafür zwanzig Euro. Er hieß Frank und er fragte Mam, ob er sie mal zum Essen einladen darf, und sie sagte ja vielleicht. Als er weg war, prustete sie los und rief "Was bildet sich das Bübchen denn ein!" Zugegeben, er war jünger als Mam, aber soviel nun auch wieder nicht. Mir fehlten allerhand Sachen, die wir aus unserer alten Wohnung nicht mitgenommen hatten, und Mam suchte auch ständig irgendwas, das gar nicht da war. Zum Beispiel brauchte ich dringend mein Fahrrad. Ich sagte "Mam, es nützt alles nichts, ich muss mein Bike holen, niemand wird es merken, wenn ich mich bei Dunkelheit reinschleiche." "Ist gut", sagte Mam und schrieb auf einen Zettel alle die Dinge, die wir außerdem noch brauchten. "Wie soll ich das denn alles wegtragen? Den Staubsauger zum Beispiel?" Das war der große Vorwerk Staubsauger, mit dem Tania, unsere russische Putzfrau, immer saubergemacht hat. "Hm", machte Mam. Dann rief sie Herrn Tromenda an und sagte, da hätte sich eine Ecke von dem Teppichbelag gelöst und ob sein Neffe nochmal herkommen und es festkleben könnte. Er kam auch gleich am nächsten Tag, wahrscheinlich machte er sich Hoffnung wegen Mam, und sie erklärte ihm, daß mein Onkel (sie sprach immer von meinem Onkel anstatt von ihrem Bruder, der er ja gewesen wäre, wenn es ihn gegeben hätte), also daß dieser "Onkel" ein paar Sachen übrig habe, die er uns für unsere neue Wohnung schenken will. Der Neffe meinte, er könnte einen Lieferwagen besorgen. Er fragte nicht nach der Bezahlung, und Mam bestand darauf, daß er zwanzig Mäuse dafür nimmt, plus Benzingeld. Ich sagte dann, daß es ungünstig wäre, die Sachen im Dunkeln zu holen, wahrscheinlich würden ja auch die Willbergs mit ihrem Hund hinter der Gardine lauern und das Haus observieren. Wer denn die Willbergs wären, fragte der Neffe, und ich sagte, die würden sozusagen auf das Haus von meinem Onkel aufpassen, wenn er nicht da ist. Also fuhren wir vormittags hin, und wir hielten direkt vor der Einfahrt. "Wow!" machte der Neffe, "gehört der Schlitten deinem Onkel?" "Was? Ja ja", sagte ich, weil ich damit beschäftigt war, die Lage bei den Nachbarn zu checken. Er deutete auf einen schwarzen Mercedes SE, der auch fast direkt vor der Einfahrt parkte. "Nicht schlecht. Dein Onkel scheint ja ziemlich vermögend zu sein." "Nein! Ich meine, keine Ahnung, wem der gehört. Also, mein Fahrrad steht in der Garage, alles andere ist drinnen." Wir gingen rein, Mam hatte mir den Schlüssel mitgegeben. Der Neffe kam nicht mehr aus dem Staunen heraus. "Meine Fresse, ist das nobel! Kann mir gar nicht vorstellen, daß dein Onkel auf irgendwas davon verzichten will." "Es ist ihm zuviel", sagte ich, und irgendwie kam es mir auch schon ein bisschen fremd vor, oder genauer gesagt: unheimlich. "Wohnt er ganz allein hier?" "Ähm, nein, er ist verheiratet, aber seine Frau ist schwerkrank, sie ist die meiste Zeit in einem Sanatorium." "Oh, das tut mir leid." "Ach, das geht schon lange so. Ich schau dann mal nach den Sachen. Ich hatte ... hat dir meine Mama den Zettel gegeben?" "Welchen Zettel?" "Mist." Ich wusste nicht, ob ich noch alles aus dem Kopf zusammenkriege. "Ist das dein Onkel?" Er zeigte auf die Fotos, die auf dem Kaminsims standen. "Ähm, ja, das ist er." "Wieso ist er überall bloß mit dir und deiner Mam drauf?" "Na, er ist ihr Bruder!" Er verzog das Gesicht, ich sagte "Das hat mit der Krankheit von seiner Frau zu tun, sie ist furchtbar lichtscheu, sie hat diese seltene Lichtkrankheit, deshalb kann sie sich nicht fotografieren lassen, und mit Blitzlicht schon gar nicht, nur ein Blitz - und sie wäre hinüber." Ich räumte die Bilder ab und ließ sie in meinem Rucksack verschwinden. "Also, zuerst den Staubsauger." Im selben Moment hörte man in Dad's Arbeitszimmer den Staubsauger angehen. Der Neffe war begeistert. "Mann, das ist ja wie bei Bill Gates zu Hause: ein Wort und das Ding springt an, hätte nie geglaubt, daß so was wirklich funktioniert." "Hat es bis jetzt auch nicht", sagte ich fassunglos und lief ins Arbeitszimmer. "Tania! Was machen Sie hier? Hat Ihnen meine Mama nicht gesagt, daß wir ..." "Ah, Kevin, schön dich sehen. Da koneschna, Charlotta mir Bescheid gesagt, Tania weiß Bescheid über alles, aber ... - sie legte den Zeigefinger an die Lippen - pssst, niemand darf erfahren!" Was mich noch mehr verwunderte, war die Tatsache, daß Tania im Morgenmantel Staub saugte und ihre Haare voll mit bunten, russischen Lockenwicklern waren. Sie schob den Vorwerk über den Perser und zog das Kabel hinter sich her. "Tania nichts angehen dieser ganze Bullschit." Wie sie es aussprach, klang es wie ein russisches Nationalgericht. "Aber Tania haben oft zu deine Vater gesagt: Das nicht gut gehen, oh, oh, oh, nimmt schlimmes Ende!" Sie bekreuzigte sich und rückte ihre Lockenwickler zurecht. Dann sah sie mich an und war selber erschrocken über ihre düstere Prophezeiung. "Ach Kevin, mein Liebling! Brauchst dir nicht machen Sorgen, alles werden gut. Siehst du, ich machen sauber zweimal in Woche, alles in Ordnung, charascho." Da kam der Neffe und sagte "Es hat geklingelt." "Was? Tania, machen Sie den Staubsauger aus. Was ist los?" "Es hat geklingelt, an der Tür sind zwei Männer, ich glaube, die gehören zu dem Mercedes draußen." "Wer ist das?" "Ach, das sind die Tschetscheny", sagte Tania. "Bekannte von Ihnen?" "Oh, Gott bewahre! Wer die hat zu Bekannte, der ist schlechter Mensch." "Ja, aber was wollen die?" "Wollen zu Edgar. Stehen schon drei Tage vor Haus." "Sie suchen meinen ... sie suchen Edgar?" Ich gab Tania mit dem Blick ein Zeichen wegen dem Neffen, und Tania schien es zu verstehen, obwohl es wahrscheinlich nicht leicht zu deuten war. "Ist Edgar dein Onkel?" "Ja", sagte ich und überlegte angestrengt. "Hat er was mit der Russenmafia zu tun?" Ich musste nachdenken und antwortete nicht sofort, Tania zog das Kabel aus der Dose und ließ es aufrollen. "Wer sagt denn, daß die von der Russenmafia sind", meinte ich, "hast du auf einmal Schiss?" Es klingelte mehrmals. Ich fühlte mich plötzlich in den Waschsalon zurückversetzt und hatte das Gefühl, diesmal alles besser machen zu müssen. Aber Tania strafte mich mit einem Blick. "No no Kevin, dieser Junge ist doch Freund von dir, oder?" "Wovor sollte ich Schiss haben? Von mir wollen die nichts." "Okay", lenkte ich ein, "was machen wir nun?" "Ich gehen hin", sagte Tania und stellte den Vorwerk beiseite. "Kein Problem, ich reden mit diese Gangster." "Tania, wir wollten eigentlich ein paar Sachen holen." "Ja, charascho, ihr könnt nach hinten hinaus", erklärte sie, als wenn sie die Hausherrin wäre. "Mein Fahrrad." "Ja, ja, charascho, nimm Fahrrad lieber mit." Es klingelte Sturm an der Tür. Tania rückte an den Lockenwicklern und zog den Gürtel vom Morgenmantel fester. "Und den Staubsauger", sagte ich. Sie warf mir einen scharfen Blick zu. "Der Staubsauger bleibt hier! Muss ich zweimal in Woche saubermachen, sonst niemand da, der sich kümmert." Sie pochten mit den Fäusten gegen die Tür. "Jetzt ihr verschwindet!" "Ja, los komm'", sagte der Neffe, "hol das verdammte Fahrrad aus der Garage, sie lenkt die Männer solange ab." "Ja, fort, fort!" rief Tania und scheuchte uns davon. Ich war ziemlich niedergeschlagen, daß auch diese Aktion so schiefgelaufen war. Alles, was ich ergattern konnte, war mein Bike. Ich hatte es unbemerkt aus der Garage holen können, und dann hatte ich dem Neffen gesagt, er soll mit dem Lieferwagen abhauen, ich fahre selber nach Hause. Das fand ich noch ein einigermaßen cleveres Ende, aber es tröstete mich kaum über die neuerliche Blamage hinweg. Mam war abermals die mütterliche Liebe in Person. Sie nahm mich in die Arme und sagte "Ich mochte diesen Staubsauger sowieso nicht, er ist so altmodisch." Aber die Sache mit den Männern beunruhigte sie, das konnte ich deutlich sehen. Ich sagte "Wenn sie nach Dad suchen, heißt das doch, daß sie ihn nicht haben." Mam nickte, und im nächsten Moment heulte sie los. Gott sei Dank war es nicht das erste Mal, und sie hatte auch nicht wieder diesen wirklich verzweifelten Blick, der einen vor Hilflosigkeit umbringen konnte. Dann fand ich sie jedesmal am Küchentisch, wenn ich aus der Schule kam, und sie studierte die Stellenangebote. Sie hatte nicht mal was zu Mittag gegessen. Und ich auch nicht. In unserem früheren Leben hatten wir natürlich eine Köchin, Margarete Schimmelmann, ich weiß, daß klingt unglaublich, aber sie hieß wirklich so und war eine richtige Köchin, sie hatte sogar ein Kochbuch geschrieben über alles, was man aus Hühnern machen kann. Kurz bevor die Sache mit Dad geschah, hatte sie sich den Fuß gebrochen, gottseidank nicht in unserer Küche, und seitdem hatten wir sie nicht mehr gesehen. Jetzt fiel mir etwas ein. "Mam", sagte ich, "glaubst du, daß Frau Schimmelmann etwas mit der Sache zu tun hat?" "Wer?" "Frau Schimmelmann, unsere Köchin." "Ach, Schimmy? Wie kommst du denn darauf?" "Weil sie seitdem auch verschwunden ist." "Sie hatte gekündigt, hast du das nicht gewusst?" "Ich dachte, sie hat sich den Fuß gebrochen." "Ja, das auch, aber erst danach." "Warum haben wir sie gekündigt?" "Ihr gekündigt, es muss heißen: ihr gekündigt." "Und warum?" "Das ist der Dativ." "Ich meine, warum haben wir ihr gekündigt, sie hat doch immer prima für uns gekocht." "Findest du? Ich hab' ihr gesagt, sie könnte auch mal was anderes machen, als immer nur Huhn, da war sie beleidigt und ist patzig geworden und hat gesagt, dann sollte ich doch mein Essen selber kochen." "Genau das hast du nun davon." "Jetzt fang du auch noch so an." "Ich mein' ja nur." "Das kommt schon wieder alles auf die Reihe, keine Sorge, ich brauche bloß einen Job." Sie tippte mit den Fingern auf die Zeitung, ich sagte "Ja, ich weiß", und schaute ihr eine Weile bei der Stellensuche zu. "Und das war alles Huhn?" "Jedenfalls das meiste daran." Dann hatte Mam wirklich einen Job gefunden, und ich fiel ihr um den Hals und drückte sie, weil ich so froh war, daß es uns wieder gut geht. Sie war Kassiererin im Drogeriemarkt, sie konnte ja schon immer ganz gut rechnen, sie nannte es "mit Zahlen umgehen". Sie bekam vier Euro fünfundsiebzig die Stunde, sie sagte, es würden ungefähr drei Euro fünfzig übrigbleiben, und was ich jetzt am dringendsten bräuchte, für die Schule und so. Ich sagte "Ich hab' alles, gönn' du dir mal was." Mam lachte. "Du redest ja wie dein Vater." Ich überredete sie, Franks Angebot anzunehmen und mit ihm auszugehen. "Welcher Frank?" "Der Neffe von Herrn Tromenda." "Der Junge?" "Was ist daran komisch? Außerdem sieht es nicht so aus, als würdest du fremdgehen." "Ach so?" Ich sagte ihm Bescheid, und er kam Freitagabend und führte Mam aus, und als sie um halb zwei immer noch nicht wieder da war, wurde mir mulmig. Und gegen drei ging die Wohnungstür, und Mam kam reingeschlichen und ich stand auf und ging zu ihr in die Küche, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Sie war ganz schön angetüdelt, aber bester Laune. Sie zog mich zu sich ran und gab mir einen Kuss und sagte, sie hätte sich "seit Ewigkeiten" nicht mehr so amüsiert. Zwei Wochen, nachdem sie als Kassiererin angefangen hatte, war sie total geschafft, sie schimpfte über die Kunden, die sich dauernd beschwerten und dann doch den größten Mist kauften, und über den Chef vom Drogeriemarkt, der sich nur blicken lässt, wenn er einen zusammenstaucht. Nach vier Wochen kam sie heim und heulte jedesmal in der Küche, und das konnte ich nun gar nicht ertragen, nachdem es uns doch wieder besser ging. Ich suchte Frank den Neffen, damit er Mam eventuell wieder etwas aufmuntern könnte, ich fand ihn endlich in einer Garage, die so eine Art Werkstatt war und wo alle möglichen Sachen aus unserer alten Wohnung rumstanden. "Das gehört alles uns", sagte ich. "Na freilich, das hab' ich letztens alles rausgeholt." "Als wir zusammen dort waren?" "Nee, danach." "Du warst nochmal da?" "Eure Putzfrau hat mich reingelassen und mir geholfen." "Warum hast du mich denn nicht gefragt?" "Willst du dich etwa von den Russen abmurksen lassen?" "Ach ja? Und dich haben sie nicht abgemurkst?" "Wie du siehst." "Trotzdem gehört es immer noch uns." "Deshalb steht es ja auch noch hier. Ansonsten hätte ich's längst verkauft." "Wo?" "Im An- und Verkauf oder auf'm Trödelmarkt." "Bist du oft auf'm Trödelmarkt?" "Mensch, davon finanziere ich praktisch meinen Lebensunterhalt", sagte er, als würde er eigentlich Philosophie oder Atomphysik studieren. "Und wenn wir's zusammen verkaufen und machen halbe-halbe?" "Okay." Wir stellten uns am Samstag auf den Trödelmarkt am Windener Platz und boten unser Zeug an. Es dauerte ungefähr drei Stunden, dann waren wir alles los. Das andere schafften wir in den An- und Verkauf: Stereoanlage, Fernseher, Mikrowelle, mein Yamaha Keyboard, Dads Golfausrüstung, Frank hatte wirklich nur das Beste mitgenommen. Wir bekamen etwas über zweitausend Euro raus. Zwei Riesen! Mann, ich hatte noch nie so viel Kohle in der Hand. Ich bedauerte gleich, daß ich gesagt hatte halbe-halbe, aber der Neffe war fair und meinte "Gib mir fünfhundert, und dafür kann ich nochmal mit deiner Mutter ausgehen." Erst eine Weile später kam ich mir vor wie ein Zuhälter. Aber weil ich nicht wissen konnte, wie sich ein Zuhälter wirklich fühlt, und weil es ja meine Mama war und nicht irgendeine Frau, ging es schnell vorbei. Ich gab Mam das ganze Geld und berichtete ihr, wie alles gelaufen war. Sie war erst sprachlos und glaubte mir nicht recht, dann wollte sie, daß ich alles genau aufzähle, was wir verkauft hatten, und bei den meisten Sachen nickte sie und murmelte "Weg damit." Nur bei Dads Golfausrüstung stockte sie. Ich sagte "Dad hat jetzt sowieso was anderes zu tun, als Golf zu spielen." "Ja, sicher", meinte Mam, "aber wir hätten ihn trotzdem fragen sollen." Ich schlug ihr vor, daß wir das Geld nutzen, damit sie sich einen neuen Job sucht, und das tat sie auch, sie kündigte im Drogeriemarkt (es war sowieso noch Probezeit) und studierte wieder fleißig die Stellenanzeigen, und mir gefiel es viel besser, wenn ich heimkam und sie saß in der Küche und schlürfte ihren Milchkaffee aus dem großen Becher mit Goofy als Feuerwehrmann drauf. Dann fand sie eine Stelle bei einem Pflanzenversand. Sie fragte mich, was ich davon halte. Ich sagte "Hast du denn Ahnung von Pflanzen?" Sie erklärte mir, daß es ein Job am Telefon wäre, in der Bestellannahme. "Die Leute rufen da an und bestellen die Pflanzen für ihren Garten, ich finde das toll! Stell dir vor, man kann sogar 'Pilzbrut' bestellen." "Was ist das?" "So eine Art Lauge, die schüttet man im Keller auf einen Haufen Stroh, und dann wachsen da nach einer Weile Pilze darauf." "Und was macht man damit?" "Na essen natürlich." "Woher weißt du das?" Sie zeigte mir den Katalog, auf den ersten zehn Seiten waren lauter Tulpen in allen möglichen Farben. "Das kommt daher, weil diese Firma in Holland ist", sagte Mam. "Holland?" rief ich, "Das Holland, wo wir mal im Urlaub waren?" "Waren wir dort?" "Na ja, freilich! Wo ich Felice kennengelernt habe." "Welche Felice?" "Der ich meinen Krimi vorgelesen habe." "Ach so, die Felice. Siehst du, das ist bestimmt ein gutes Zeichen." Ich fand auch, daß es ein gutes Zeichen sein könnte, und dann sagte Mam noch etwas, das mich vollends überzeugte. "Vielleicht arbeiten Felice' Eltern ja auch dort bei diesem Pflanzenversand." "Du meinst, sie züchten dort die Pflanzen, und du verkaufst sie hier." "Warum nicht?" Urplötzlich war also Felice wieder in mein Leben zurückgekommen, und ich steigerte mich so in den Gedanken an sie rein, daß es mir vorkam, als würde durch Mams Job in der Bestellannahme so eine Art geistige Verbindung zu Felice hergestellt werden. Dabei hatte ich nicht mal ihre Adresse. Oder doch, die hatte ich irgendwo, wo ich sie in tausend Jahren nicht wiederfinden würde. Es gab noch einen weiteren Vorteil: Mam konnte in Spätschicht arbeiten, das heißt, von Nachmittag bis abends um zehn, so lange konnte man da anrufen und bestellen. Aber sie war sich dennoch nicht ganz sicher. "Ich meine, so mit wildfremden Leuten am Telefon reden, ich weiß nicht, ob ich das kann. Man kann sich doch gar nicht anschauen." "Das ist ja eben der Vorteil", sagte ich, "da wirst du nicht abgelenkt, verstehst du, selbst wenn jetzt so einer anruft, der vielleicht so einen Zinken als Nase hat oder der sonstwie total eklig ist, dann siehst du das nicht." "Da hast du Recht, Kevin. Und irgendwie, ich denke, meine Stimme ist auch nicht gerade unangenehm." "Die ist doch nicht unangenehm!" "Das meine ich ja, die ist nicht unangenehm." Dann gab ich Mam noch einen Rat. "Ich würde bloß aufpassen bei den Leuten, die jetzt übermäßig viel von dieser Pilzbrut bestellen, ich finde, da ist irgendwas faul dran." Die ersten drei Tage waren prima, obwohl es einen Haken gab: Mam verdiente drei Euro fünfzig die Stunde, alles was dazu kam, musste man "auf Provision" herausholen. "Also für jede Bestellung mehr bekomme ich fünf Prozent", erklärte sie. "Das klingt doch gut", fand ich. "Na ja, aber die Kunden müssen erst mal was bestellen." "Das tun sie garantiert, du wirst sehen, Mam, du kannst dich bald nicht mehr retten vor Anrufen." Und so kam es auch, aber leider wurde Mams nicht unangenehme Stimme ihr zum Verhängnis. Es riefen nämlich dauernd die Leute an, die schon mal mit ihr gesprochen hatten, und das waren, erzählte Mam, hauptsächlich alte Männer, Rentner und so, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatten, als in ihrem Garten rumzukrebsen. Die riefen sogar abends an, wenns draußen schon dunkel war, und dann erst recht, weil sie Mams Stimme nicht unangenehm fanden und anfingen, ihr vom Garten zu erzählen, und daß es immer darauf ankäme, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, wenn man was pflanzen will. Die hörten gar nicht wieder auf, und wenn sie Schluss gemacht hatten, riefen sie zehn Minuten später wieder an, weil sie angeblich noch was vergessen hätten. "Zu bestellen?" fragte Mam. "Aber Fräulein", sagte einer, "Sie reden doch nicht nur mit Ihren Kunden, wenn sie etwas bestellen, oder?" Und Mam hätte am liebsten geantwortet "Doch! Und Ihr Gequatsche geht mir so was von auf den Pisser!" Na ja, Pisser hätte Mam nicht gesagt, aber Sack hätte sie ja auch nicht sagen können. Egal, sie durfte keins davon sagen, sondern musste immer ganz freundlich bleiben, denn es hätte ja sein können, daß dieser Blödmann noch ein paar Glockenblumen oder Schwertlilien oder einen Essigbaum oder besser noch zehn laufende Meter Heckenrose oder wenigstens fünf Stauden Chinesischen Flieder bestellt; Chinesischer Flieder und Echter Salbei waren richtig teuer, hatte ich im Katalog gelesen, da hätte Mam ordentlich Provision kassiert. Aber diese Knacker wollten bloß, daß ihnen jemand zuhört, weil sie wahrscheinlich seit ihrem neunten Geburtstag niemanden mehr dafür gefunden hatten. Oh, ich weiß! Roderick Rayven! Du kennst diese Menschen doch gar nicht, und du redest über sie, als wärst du was Besseres! Du merkst gar nicht, wie gut sie es im Grunde meinen und wie froh sie sind, daß sich jemand nicht gleich abwendet, wenn sie ihm ihr ödes Geseiche durch die Leitung gießen. Das muss ich mir immer wieder selbst sagen! Denn damals, als Mam dort anfing, fand ich das, was sie mir erzählte, eigentlich ganz lustig. Und sie erzählte mir alles, wahrscheinlich, weil sie es loswerden wollte und weil sie sich nirgends als bei uns daheim drüber aufregen konnte. Ich kannte bald ihre Stammkunden so gut, daß ich sie berichtigte, wenn sie jemanden verwechselte. Aber später, als ich Mams Job übernommen habe (den andern meine ich), da hab' ich solche Leute persönlich kennengelernt, und ich kann euch sagen: sie sind unausstehlich, und ich hätte das sicher keine drei Wochen durchgehalten, wenn ich nicht zufällig dem Professor Hegenbarth begegnet wäre und seine Vorträge über die "Verstädterung von Tieren" gehört hätte, denn das hat mir geholfen, alles besser zu verstehen, obwohl ich nur die Hälfte davon verstanden habe. Vielleicht hätte es Mam auch noch eine Weile dort ausgehalten, denn sie war eine gute Telefonbestellungsannehmerin, wenn da nicht die Idioten gewesen wären, die ihr die Leitung blockierten. Und wenn die nicht dran waren, dann riefen solche Tussis an, die sich beschweren wollten, weil der Seidelbast, den sie erhalten haben, so ein mickriges Etwas ist, oder die Japanische Rosenquitte nur ein "vertrocknetes Stöckchen", oder weil sie statt der Riesenhyazinthe ein paar Zwiebeln gekriegt hatten (was völlig in Ordnung war, denn es waren ja Zwiebelgewächse, die man in die Erde stecken muss, damit sie daraus hervorwachsen). Erklär das mal so einer Tussi, die sich, kaum aus der Schule raus, einen von diesen Superkerlen geschnappt hat, der sich um alles kümmert. Aber eigentlich das Genick gebrochen hat Mam etwas anderes: Es gab bei diesem Pflanzenversand ein Gewinnspiel. Wenn man da mitmachte, konnte man entweder ein Garten-Set, ein hochwertiges Küchengerät oder einen Breitwandfernseher gewinnen. Man brauchte nur auf dem Bestellschein aus dem Katalog drei Felder blank zu rubbeln, und wenn dann zweimal dasselbe zum Vorschein kam, zum Beispiel zweimal Glücksklee oder zweimal rosa Schweinchen, hatte man schon gewonnen. Ich würde meinen Kopf verwetten gegen einen Bestellschein mit drei verschiedenen Bildchen. Das Garten-Set bestand aus einem Paar grüne Handschuhe, einem Schäufelchen, einer kleinen Harke und sieben Tütchen mit Gemüsesamen, und es war extra darauf hingewiesen, daß es kein Kinderspielzeug wäre. Das hochwertige Küchengerät war ein Handmixer, also ein Mixer, den man mit der Hand bedienen musste. Der Breitwandfernseher war ein richtiger Breitwandfernseher, den niemals jemand gewonnen hat. Aber alle, die an diesem beknackten Gewinnspiel teilgenommen haben, dachten, sie hätten den Fernseher gewonnen, es stand da nämlich, wenn man zwei gleiche Bildchen freigerubbelt hat, dann besteht garantiert Anspruch auf den Hauptgewinn. Natürlich riefen dauernd Leute an, die darauf warteten, daß ihnen der Fernseher zugeschickt wird; manche fragten auch, ob sie ihn selber abholen müssten. Aber das war nicht nötig, denn niemand hat jemals den Fernseher gewonnen. Alles, was man gewinnen konnte, war nämlich ein garantierter Anspruch auf den Gewinn. Versteht ihr das? Mam sagte zu mir "Das ist ungefähr so, wie wenn du beim Lotto Anspruch auf sechs Richtige hast. Den hat doch jeder, der mitspielt." Und neben den Gartenzwergen und den ahnungslosen Tussis musste Mam haufenweise Hauptgewinner abwimmeln, die meistens auch sofort die Geschäftsleitung sprechen wollten, als sie merkten, daß sie verarscht worden sind. Aber Mam und die andern dort an den Telefonen hatten strenge Anweisung, daß sie niemals einen Anrufer zur Geschäftsleitung durchstellen durften. Die war nämlich schwer beschäftigt, die hatte, erzählte Mam, eines Tages Spiegel verteilt, so groß wie ein Buch, und jeder musste sich den Spiegel so vor sich hinstellen, daß er beim Telefonieren sein eigenes Gesicht sieht, und dann gab die Geschäftsleitung einen Befehl dazu aus, der lautete: Ihr sollt immer ein freundliches Gesicht machen! Ich merkte, wie Mam das belastete. Nicht daß sie kein freundliches Gesicht machen wollte, das kam ja bei ihr praktisch von allein, zusammen mit ihrer nicht unangenehmen Stimme. Aber sie fühlte sich einfach nicht wohl dabei. Sie sagte, sie fühle sich "bevormundet". Ich liebte meine Mam wegen solcher Ausdrücke, sie waren so menschlich. Ich meine, ich liebe Mam auch heute noch, sie ist ja nicht tot oder so, aber damals liebte ich sie allein deshalb, weil sie sich nicht "bevormunden" lassen wollte, und ich hatte große Achtung vor ihr. Aber sie wollte auch ihren Job gut machen, sie wollte freundlich zu den Leuten sein und ihnen helfen, und sie wollte auch Geld dabei verdienen. Und alles unter einen Hut zu bringen, das schaffte sie wohl nicht. Ich konnte sehen, wie sie mit sich selber kämpfte, und ich überlegte, wie ich sie da rausholen könnte. Wir saßen in der Küche am Tisch, und da lag schon seit ein paar Tagen die Zeitung, zwar zusammengefaltet, aber ich wusste, daß Mam neuerdings wieder die Stellenanzeigen liest. Und auf dem Stapel lag auch der Katalog vom Pflanzenversand, und Mam schlürfte ihren Milchkaffee aus dem Goofy Becher, sie hatte noch Zeit, sie nahm immer den Bus Viertel vor drei. Ich angele mir den Katalog und blättere einfach so drin rum, und da entdecke ich diesen Maulwurfsvertreiber, den ich bis jetzt überblättert hatte. Eine technische Weltneuheit! Ein Maulwurfsvertreiber, der einen Piepton im Ultraschall aussendet. Der ist für Menschen nicht hörbar, aber für einen Maulwurf ungefähr so, wie wenn dir jemand einen laufenden Zahnarztbohrer ins Ohr hält oder wie wenn du von einer Krankenwagensirene direkt neben deinem Bett geweckt wirst. Das Teil sah aus wie ein eine Klobürste, nur mit einer Büchse statt der Borsten. In diese Büchse muss man zwei Batterien einlegen und sie dann in der Erde vergraben (der Stiel guckt raus, damit man die Stelle wiederfindet) und dann sendet sie diesen Ultraschallpiepton aus. Das ganze kostete einhundertneunundreißig Euro (ohne Batterien). Es hatte zwei Jahre Garantie, wahrscheinlich falls der Maulwurf in dieser Zeit zurückkommt. Das hätte mich nicht weiter gekümmert und ich hätte es wohl wieder überblättert, wenn mir da nicht eine Zeichnung ins Auge gefallen wäre wäre, auf dem ein Maulwurfsvater, das Gesicht vor Schmerz verzerrt, ein Wägelchen zieht, auf dem seine beiden schmerzverzerrtgesichtigen Maulwurfskinder sitzen, und von hinten, ebenfalls mit einem Gesicht voll unerträglichen Schmerzes, die Maulwurfsmutter schiebt; alle flüchten sie in panischer Angst vor dem Piepton. Ich kenne solche Bilder, ich habe immer Lustiges Taschenbuch gelesen. Da fliegen auch manchmal die Fetzen und jemand kriegt ordentlich eins auf die Birne. Aber darüber kann man lachen, und zwei Seiten ist wieder alles heil. Doch dieses Bild mit den kleinen Maulwürfen auf der Flucht, die nicht wissen, wie ihnen geschieht, erschütterte mich bis ins Mark und machte mich auf einen Schlag so traurig, daß mir die Tränen kamen. "Was ist denn?" fragte mich Mam, und ich zeigte ihr die Maulwurfsfamilie. Mam sagte "Ach das! Davon hat vorgestern der Hobmeier aus Sindelfingen gleich drei bestellt." "Aber Mam!" rief ich, "Wie kannst du so was verkaufen und dabei ein reines Gewissen haben!" "Wieso denn? Da verdiene ich zweifachen Stundenlohn pro Stück dran." "Mam! Charlotte! Das ist Anstiftung zur Tierquälerei, siehst du das nicht!" "Ach, Kevin!" erwiderte sie, aber sie drehte den Katalog zu sich herum und betrachtete das Bild mit den Maulwürfen, und sie schwieg, und dann sagte sie "Das ist doch auch nur Müll." "Es ist ja nur eine Zeichnung", fügte sie dann vorsichtig hinzu, "ist doch bloß Spaß." "Nein", entgegnete ich, "das ist kein Spaß! Oder wärst du bereit, für so einen Spaß hundertneununddreißig Flocken zu bezahlen?" "Ich glaube, du bringst da was durcheinander, Kevin." "Und ich glaube, die haben dich schon so weit gebracht, daß du nicht mal mehr Mitleid haben kannst." "Ich sollte Mitleid haben? Und wer hat Mitleid mit mir? Kannst du mir das auch sagen, du Neunmalschlau? Hör gefälligst auf, mir Vorwürfe zu machen. Ich versuche nach Kräften, uns durchzubringen, und was machst du? Regst dich über eine lächerliche Zeichnung auf, anstatt mich zu unterstützen!" Ich sprang auf, lief in mein Zimmer und knallte die Tür zu, Mam fuhr zur Arbeit. Im Halbschlaf hörte ich abends um elf die Wohnungstür. Als ich nach Mittag aus der Schule kam, war Mam nicht da. Ich nahm mir einen Pudding aus dem Kühlschrank. Da sah ich das Bild mit der Maulwurfsfamilie, Mam hatte es ausgeschnitten, auf ein Papier geklebt und mit Magnet an den Kühlschrank geheftet, und auf das Papier hatte sie vor die Maulwürfe einen Wegweiser gemalt, auf dem stand "HOME". Zwei Wochen lang war wieder alles beim alten, wenn ich von der Schule kam, saß Mam in der Küche und studierte die Stellenanzeigen. Sie kringelte zwar immer welche ein, aber ich merkte, daß ihr irgendwie die Kraft fehlte, sich da und dort zu bewerben. Dann entdeckte ich auf dem Nachhauseweg an einem Fenster einen Zettel, auf dem stand, daß sie jemanden für einen mobilen Pflegedienst suchen, auch ungelernte Leute. Ich sagte es Mam, und sie tat erst so, als hätte sie nur mit halbem Ohr zugehört, aber später fragte sie, wo der Zettel hängt, und sie ging hin. Am nächsten Tag fuhr sie in die Stadt rein, zum Büro von diesem Pflegedienst, und sie kam wieder mit einem Leinenbeutel, auf dem war ein grüner Baum aufgedruckt und darüber stand im Halbkreis "arbor vitae" und darunter "Häusliche Pflege". Und da drin hatte sie einen Prospekt, auf dem dasselbe stand, zusammen mit einem Foto von einer Oma im Rollstuhl, zu der sich gerade eine junge Krankenschwester ganz in Weiß hinabbeugt und ihr ein Glas Wasser reicht; sie lachen sich an und die Oma sieht aus, als hätte sie gerade die Fahrschulprüfung bestanden.
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