| Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur | nightletter@web.de |
| Jerome Le Brag |
| Genua - zwei Tage älter |
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| FIESCO: Leonore, erfüllen Sie mir eine kleine kindische Bitte. LEONORE: Alles, Fiesco, nur nicht Gleichgültigkeit. FIESCO: Was Sie wollen, wie Sie wollen. Bis Genua um zwei Tage älter ist, fragen Sie nicht! Verdammen Sie nicht! Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua |
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Jakob Hausmann wusste noch genau, was der Engländer gesagt hatte: "Bei mir beginnt jedes neue Jahr mit einem Toten." Die um ihn herumstanden, taten so, als habe er seine Bestürzung in Worte fassen wollen, aber seine Miene war dabei gar nicht verstört, sondern unverzagt, höchstens ein wenig skeptisch, als spreche er über die unberechenbaren Geschäfte an der Londoner Börse. Nur die Gräfin von Sennelob ließ einen kurzen, scharfen Lacher hören, der an und für sich ebenso unpassend klang wie die ironische Bemerkung des Duke of Peterborough.
Die Gräfin von Sennelob trug, wie alle anwesenden Damen, ein schwarzes Kleid, aber es hatte am Kragen, an den Enden der Ärmel und am Saum einen tiefroten Spitzenbesatz, ein Tiefrot, das aus dunklen, unendlichen Weiten herauszuleuchten schien und das wie eine zauberische Glut an ihr schimmerte. Sie war Ende zwanzig, sehr hübsch und verheiratet mit dem Grafen von Sennelob, der sich die meiste Zeit mit seiner Pferdezucht auf einem Gestüt in Mecklenburg beschäftigte. An diesem Januartag war es draußen sehr kalt, und der Diener Hasemeier schleppte Arme voll Buchenscheite heran, um den Ofen damit zu füttern, der bullerte gewaltig los und fing an, bedrohlich zu surren und zu pfeifen, als wollte er gleich auseinanderplatzen. An den Fenstern waren Eisblumen, und in den Vorzimmern und auf der Galerie konnte man sich nicht lange aufhalten, weil es einen schnell fröstelte. Noch bei Tisch mokierte sich die Gräfin über den Duke. "Ist das der berühmte britische Humor", meinte sie. Und da die andern gleichgültig blieben, fügte sie hinzu "Wie kann man nur so geschmacklos sein." Einige der Herren nickten aus Gefälligkeit. Das Fräulein von Kemp, Hofdame der Herzogin, welche sie zur persönlichen Verfügung der Prinzessin abgestellt hatte, sagte vorsichtig "Er wollte eigentlich gar nicht mehr hier sein." "Ach so?" "Er war zur Niederkunft unserer seligen Louise hergekommen, mit den besten Grüßen und Glückwünschen des Königs Georg. Die Herzogin hat ihn überredet, die Weihnachtsfeiertage hier in Gotha zu verbringen. Aber da - das Fräulein von Kemp seufzte und Tränen traten ihr in die Augen, sie suchte nach einem Taschentuch, fand aber keins, und die Sennelob gab ihr das ihre, ein weißes Tuch aus feinstem Kattun mit ebenderselben tiefroten Spitze, die aber nicht genauso leuchtete wie auf ihrem schwarzen Kleid; das Fräulein schneuzte sich ungeniert und fuhr fort - aber da verschlimmerte sich ihr Zustand, und Weihnachten war dieses Jahr für uns kein Fest der Freude." Sie schüttelte den Kopf. "Eher ein Fest der Trauer." "Oder sagen wir es mal so", meinte die Dame ihr gegenüber, "das Kindlein ward geboren zur Heiligen Nacht, aber die Mutter hat das freudige Ereignis nicht überstanden." Die Kemp lächelte matt. "Es ist ja auch ein Mädchen", äußerte ein Herr, und die Sennelob, als wäre sie mit anderen Gedanken beschäftigt, meinte "Wie kann man so einen Menschen überreden?" "Bitte?" "Diesen Duke von Peterborough ..." "Er heißt Lord Jack Stanhope." "Er macht mir nicht den Eindruck, als ließe er sich zu etwas überreden." "Was wollen Sie damit sagen?" "Nichts. Ich traue ihm bloß nicht." "Aber er genießt das Vertrauen unserer Herzogin, und natürlich das des Herzogs, denn König Georg ist bekanntlich sein Cousin, und wenn der den Lord hierher schickt, gewissermaßen an seiner statt, dann gibt es nichts an ihm auszusetzen." "Ich habe auch gar nicht gesagt, daß ich etwas an ihm auszusetzen hätte. Ich finde lediglich, daß er sich nicht in diese Umgebung einpasst." "Das ist aber vielleicht auch gar nicht seine Schuld." "Wollen Sie damit andeuten, wir würden es Fremden bei uns schwermachen?" "Aber nicht doch. Wenn das so wäre, wie erklären sie sich dann dieses Lächeln auf seinem Gesicht." "In der Tat, als ich mich vorhin mit ihm unterhielt, kam ich mir auf einmal vor wie auf einer ... auf einer Teegesellschaft." "Er gehört eben nicht zur Familie. Vielleicht fällt es ihm bloß nicht so leicht, seine Trauer zu zeigen, die Engländer sind doch angeblich so halsstarrig." Ein halbes Jahr vor der Geburt der Prinzessin Luise und dem Tod ihrer Mutter im Kindbett war auf den Cousin des regierenden Herzogs Ernst Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg, auf König Georg von England ein Attentat verübt worden. Während einer Aufführung von Shakespeares "Sommernachtstraum" hatte sich ein Mann von hinten dem König genähert und mit einem Messer zweimal auf ihn eingestochen. Er wurde sofort überwältigt. Der König blutete stark aus der Wunde am Hals (der andere Stich hatte das Schulterblatt getroffen). Glücklicherweise war auch ein Arzt, Doktor Humphrey, bei der Vorstellung zugegen. Er war Schiffsarzt mit Rang eines Majors im Dienst Admiral Nelsons, er wusste mit Stichverletzungen umzugehen. Er unterdrückte, während der König fürchterlich stöhnte und seltsam mit den Augen rollte, an der richtigen Stelle den Blutstrom in der Ader, und er nahm aus einer Ledertasche, die er immer bei sich hatte, das nötige Material, um einen Schnellverband anzulegen. Ein Theaterdiener, welcher den Attentäter sich in die Loge hatte schleichen sehen, war ihm gefolgt und konnte jetzt, weil er früher einmal im Hospital St. James in der Rose Lane als Pfleger gearbeitet hatte, den Doktor bei der Notversorgung unterstützen. "Gott sei Dank", sagte Humphrey, "die Aorta ist nicht getroffen." "Sehen Sie, Doktor", erwiderte der Diener, "die Tatwaffe scheint mir sehr kontaminiert." Humphrey warf einen flüchtigen Blick darauf, es war ein Fleischermesser, wie es auf dem Freibankmarkt gebraucht wurde, es war alt, abgenutzt, und als der Diener das Blut abwischte, konnte man nicht nur Roststellen an der Klinge erkennen, sondern auch Spuren von altem, angetrockneten Fleisch. "Entwürdigend!" sagte einer der beistehenden Herren. Es bestand die Gefahr, daß die Wunde durch das schmutzige Messer infiziert werden könnte. Befremdlich, aber letztlich bedeutungslos war es, daß die Vorstellung auf der Bühne zunächst noch weiterging, obwohl einige Zuschauer das Stöhnen des Königs gehört hatten und zu ihm hinaufschauten; aber man ahnte ja nicht, was vorgefallen war. Erst als laute Rufe "Aufhören! Aufhören!" erschallten, verstummten die Schauspieler und das Stück brach an der Stelle ab, als Oberon im Begriff war, Titanias Augen mit dem Zauberkraut zu berühren, während der eselhafte Zettel neben ihr schnarchte wie eine Horde volltrunkener Wikinger. Womöglich war er es auch mit seinem übertriebenen i-a! i-a!, der vorhin die Vorgänge in der Königsloge übertönte, zumal sich das Publikum köstlich darüber amüsierte und ihn noch anfeuerte. Der König, der zwischenzeitlich in einen Dämmerzustand fiel, wurde nach Hause geschafft und sofort von seinen Ärzten behandelt; beide Wunden wurden genäht, und Georg konnte für die nächsten vierzehn Tage nur auf seiner linken Seite liegen. Dem Attentäter war es noch im Gebäude gelungen, sich loszureißen (die ihn festhielten, waren gewöhnliche Besucher) und zu flüchten. Aber auf der Straße stieß er mit einer Pferdedroschke zusammen und stürzte, so daß seine Verfolger ihn abermals ergreifen und der inzwischen herbeigerufenen Polizei übergeben konnten. Wäre dieses Unglück nicht geschehen, so wäre König Georg wahrscheinlich selbst nach Gotha gereist, um der Niederkunft der Prinzessin Louise beizuwohnen. Schließlich hatten alle auf das freudige Ereignis gehofft. Der Erbprinz August hatte die Prinzessin drei Jahre zuvor geheiratet. Die Hochzeit hatte in Schwerin stattgefunden, in der elterlichen Residenz der Braut. In der "Nationalzeitung der Deutschen" wurde ausführlich darüber berichtet, der Chefredakteur selbst war vor Ort. Herzog Friedrich Franz, der Brautvater, gab seiner Tochter anstatt der ihr zustehenden zwanzigtausend Taler das Doppelte, in bar und in "unzertrennter Summe". Er liebte seine Tochter Louise über alles; und ihr neuer Schwiegervater liebte sie ebenfalls. (Er wollte ihr einen seiner größten Schätze vermachen, den Englischen Garten an der Südseite des Schlosses, in dem, wie man so sagt, sein ganzes Herzblut steckte; und er wusste, daß seine Schwiegertochter darüber sehr glücklich sein würde, und daß dieses Geschenk sie vielleicht über den schmerzlichen Verlust seines Dahinscheidens hinwegtrösten kann.) Sie war die Liebenswürdigkeit in Person, jung, lebenslustig, schlau, ein wenig verschmitzt und von einer beinahe erschreckenden Ahnungslosigkeit. Warum, so dachte der Minister Jakob Hausmann jetzt, als er sich, mehr als fünfundzwanzig Jahre nach diesen Geschehnissen daran erinnerte, warum sterben manche Frauen just in dem Augenblick, wenn sich die Blüte ihres Lebens vollkommen entfaltet? Und nicht nur die Lebensblüte Louises, sondern auch die Blüte ihrer Schönheit war es, die gerade so strahlend aufgegangen war und nun so abrupt verschwand. Der erste Sommer dieses neuen Jahrtausends, so erinnerte sich Hausmann, war fürchterlich heiß gewesen. Die Lauschaer Glasbläser hatten dem Herzog ein Thermometer überreicht, wie man es noch nicht gesehen hatte. Es war eine geschlossene Glasröhre, etwa eine Elle hoch und mit einer klaren Flüssigkeit, vielleicht Wasser, gefüllt. Darin befanden sich zehn Glaskugeln, jede von einer andern Farbe. Sie waren nicht ganz rund, sondern hatten eher die Form der kleinen gelben Äpfel, wie sie an den Bäume hingen, die halbwild in manchem Garten wuchsen. Es war recht hübsch anzusehen, aber man wusste es nicht zu bedienen. Louise hatte es entdeckt, wie es auf dem Tisch im Kabinett des Herzogs stand. Es gefiel ihr so sehr, daß Herzog Ernst es ihr überließ. Er sagte, sie solle damit zum Zach gehen, vielleicht könnte der ihr erklären, wie es funktioniert. Der Diener Hasemeier wurde mit dem Gerät vorausgeschickt. Sie überredete August, ihren Gemahl, sie zu begleiten, nachdem er sich erfolglos geweigert hatte. Er wusste nicht, wovon sie redete, und es war, obwohl erst gegen zehn Uhr vormittags, schon so unerträglich warm draußen, daß einem der Schweiß lief, wenn man bloß atmete. Außerdem war grade kein Fahrzeug da, mit der einen Kutsche war die Herzogin Mutter in Meiningen, die andere wurde repariert; in Wahrheit war August aber zu faul, einen Finger zu rühren. Und Louise war im vierten Monat schwanger. Xaver von Zach, der herzogliche Astronom, war in diesen Tagen fast ununterbrochen auf der Sternwarte auf dem Seeberg. Er arbeitete, wie es sich für einen Astronomen gehört, hauptsächlich nachts. Das große Fernrohr war ein Passageinstrument, das heißt, man konnte immer nur den schmalen Streifen des Sternenhimmels betrachten, der zu einer bestimmten Stunde vor dem Objektiv vorbeizog. Deshalb war Zach die ganze Nacht, insoweit sie vollkommen dunkel und klar war, zu Gange. Und seit fast drei Wochen hatte sich kein Wölkchen am Himmel blicken lassen, dafür aber tagtäglich der Feuerball, der die Erde unbarmherzig mit seiner sengenden Hitze wie mit siedendem Öl übergoss. Louise trotzte dem Wetter (ihre Schwiegermutter hatte es "eine Demmse" genannt), sie zog ein luftiges Kleid an, dazu leichte Lederschuhe, die sie sonst im Haus trug, und setzte einen Strohut auf. Das Fräulein von Kemp an ihrer Seite, marschierte sie los. Murrend und knurrend folgte ihr August. "Doktor Fritzwald hätte dich eingesperrt, wenn er rechtzeitig von diesem Ausflug gehört hätte", meinte er. Louise lachte. "Drinnen ist es doch noch weniger auszuhalten." Der Fahrweg zur Sternwarte verlief beinahe schnurgerade den Berg hinauf. August und das Fräulein von Kemp staunten nicht schlecht, als Louise einen Weg einschlug, der an der Südseite im Schatten der Laubbäume entlangging und der eine kaum merkliche Steigung hatte, irgendwann einen scharfen Knick machte und ebenso bequem bis auf die Höhe führte. "Woher kennen Sie den?" fragte die Kemp. "Bleibt mein Geheimnis", erwiderte sie. August meinte "Hier ist seinerzeit der Iffland mit seinen Freunden spazierengegangen." "Hier?" fragte Louise, "deine Mutter hat mir erzählt, die wären immer auf der andern Seite bis zu dieser Quelle gewandert." "Ja, auch." Der Iffland und seine Konsorten, dachte Jakob Hausmann einmal rückblickend, die sind in Gotha auch nicht lange geblieben. Haben sich in alle Winde zerstreut, er selber ist nach Berlin gegangen, ein preußischer Staatsschauspieler ist er geworden, nur noch mit Paraderollen und der lohnenden Gunst des Publikums. Und der Schiller, der die großartigen Stücke schrieb, und der von seinem knappen Hofratsalär sich und seine Familie über Wasser hielt so gut es ging, der Schiller, das wusste Hausmann aus dessen eigenem Munde, hat den Iffland einen schwulen Gockel genannt. Hausmann musste lachen bei dieser Erinnerung, er stellte sich vor, wie jener reagiert habe, wenn ihm das zu Gehör gekommen ist, und dafür hat man bestimmt gesorgt. Es gab seinerzeit einige bösartige Gerüchte, die jungen Männer würden nur deshalb so gern und oft auf den Seeberg wandern, um es im Wald ungestört treiben zu können. Die Sonnenstrahlen fielen allenthalben durch die Baumkronen der Buchen und Eschen und ließen goldene Flecken auf dem Boden aufleuchten. Oben war der Hügel kahl, damit nichts die freie Sicht versperrt. Und obwohl er nur mäßig hoch war, konnte man vom Seeberg weit in die Runde blicken, nach Osten bis ins Weimarer Land, nach Süden auf die Höhen des Thüringer Waldes, nach Westen bis zur Wartburg und nach Norden bis zum Harzgebirge; wenn man Glück hatte, konnte man den Brocken sehen. Xaver von Zach empfing das herzogliche Paar, er fand offenbar nichts ungewöhnliches daran, daß die werdende Mutter sich solcher Beschwerlichkeit aussetzt, aber wahrscheinlich fiel ihm das gar nicht ein, denn er dachte bekanntermaßen immer nur an die "Bewegungen des Himmels", wie es die Herzogin einmal ausdrückte. Noch in den schlimmen, gewalttätigen Tagen in Neapel, als die Revolte losbrach und Napoleons König von Neapel gestürzt wurde, versäumte es Zach nicht, jeden Morgen seine Messungen durchzuführen, und er fluchte dabei auf Ungarisch, seiner Muttersprache, über die Kanonen, die draußen donnerten, weil die Erschütterung seine Instrumente wackeln ließen. Daß die Herzogin, mit der er zehn Jahre zuvor Gotha verlassen hatte, ihm inzwischen nicht mehr, wie früher, bei seinen Berechnungen behilflich war, störte ihn nicht, sie waren so und so, trotz der Logarithmen, die sie wenigstens abzukürzen halfen, eine langweilige Seite der Wissenschaft, und er hatte sich immer sehr darüber gewundert, daß Charlotte dafür überhaupt Interesse aufbringen konnte. Auch in seiner Gothaer Zeit konnte man ihn übrigens mitunter fluchen hören, keiner verstand es, weil keiner Ungarisch konnte, aber irgendwer hatte behauptet, daß die ungarische Sprache die meisten und besten Kraftausdrücke hätte, und man konnte durchaus vermuten, daß der sonst so beherrschte und ein wenig unnahbare Xaver von Zach, der nämlich vor seiner Karriere als Astronom ein Offizier der Kavallerie gewesen war, also zweifellos etwas vom heißen Blut eines Magyaren in seinen Adern hatte, sich mit solchen Schimpfwörtern Luft machen konnte, wenn ihn die Wut auf etwas packte. Er war, mit Hilfe seines Assistenten und des Dieners Hasemeier, der das komische Thermometer wohlbehalten hergebracht hatte, gerade dabei, es in einer Wasserwanne zu versenken, er hatte sich dazu die Ärmel hochgekrempelt, und man sah den dichten, rötlichen Haarflaum auf seinen Unterarmen. "Ist es ein Wasserthermometer?" fragte Louise. Zach verneinte, hob das Gerät aus der Wanne und stellte es auf den Tisch. Während er sich Hände und Arme abtrocknete, erklärte er "Es ist so warm, daß dieses Thermometer die Temperatur nicht mehr anzeigt, deshalb habe ich es im Wasserbad ein wenig abgekühlt." Sie standen drumherum und schauten darauf. "Wie funktioniert es?" fragte August. "Es ist ein sogenanntes Galilei-Thermometer, es reagiert auf die Veränderung der Dichte dieser Flüssigkeit bei veränderter Temperatur der Außenluft." "Phantastisch", sagte die Prinzessin, die kein Wort verstand. "Wenn es wärmer ist", fuhr Zach fort, "verringert sich die Dichte der Flüssigkeit." "Sie dehnt sich dann aus, nicht wahr?" sagte August, und Louise sah ihn erstaunt an. "Richtig, und umgekehrt zieht sie sich zusammen." Louise rief "Da, seht nur! Die rote Kugel bewegt sich." Tatsächlich begann sie zu schweben, und auch die andern Kugeln veränderten ihre Lage. "Ändert sich die Dichte der Flüssigkeit, so ändert sich der Auftrieb. Da die Kugeln unterschiedlich kalibriert sind, reagiert jede anders. Die eine steigt, die andere sinkt, und diese hier schwebt." "Und wieviel Grad sind es nun?" "Das ist nicht ganz leicht zu ermitteln, es kommt darauf an, welche von den oberen Kugeln zuunterst ist, beziehungsweise sich zwischen den anderen befindet." Er betrachtete die Kugeln näher. "Sie sind mit Gradzahlen gekennzeichnet, sehen Sie, die blaue hat zwanzig Grad, und die gelbe ..." "Da! Sie bewegen sich schon wieder. Das ist ja richtig unheimlich. Wie kommt denn das?" Zach streifte die Ärmel nach unten und knöpfte die Manschetten zu. "Es reagiert sehr träge, aber wenn es gut gebaut ist, sehr genau." "Das ist auf alle Fälle gut gebaut." "Ja, es scheint so." "Sie könnten ja bei den Glasmachern auch so eins bestellen, Herr Zach", sagte die Prinzessin. "Ja, ich werde mir das überlegen." Er ging hinüber zur Wand. "Bis dahin benutze ich mein altes." Er warf einen Blick darauf. "Großer Gott, es sind siebenundzwanzig Grad, und wir haben noch nicht mal Mittag." Als die Prinzessin gestorben war, erschien Xaver von Zach in einem schwarzen Mantel aus bester Wolle mit einem Kragen aus Zobelfell. Er trug einen hohen Zylinder und schwarze Handschuhe aus Ziegenleder, und er hatte einen Stock mit einem Drachenköpfchen aus Elfenbein und einer Messingspitze. Sein Gesicht war blass, und seine Nase von der Kälte gerötet. In seinen Augen standen Tränen. Er umarmte den Prinzen August, der dauernd von Gefühlsausbrüchen überwältigt wurde. Mal schluchzte er, kniff die Augen zusammen und heulte mit offenem Mund, an dem sich dünne Speichelfäden zwischen den Lippen spannten. Er raufte sich mit seinen Händen die Haare. Dann verstummte er ganz plötzlich, wischte sich übers Gesicht, und seine Miene nahm einen seltsam verklärten Ausdruck an, bis er schließlich mit einem verzerrten, aber beinahe triumphierenden Lächeln sagte "Wir sind alle sterblich" und im nächsten Augenblick wieder von einem Weinkrampf durchgeschüttelt wurde, als zuckten elektrische Stöße durch seinen Körper. Noch inniger lagen sich Zach und der Herzog in den Armen. Sie schwiegen, sie klopften sich auf die Schulter, sie sahen aus wie Brüder. Der Herzog war sehr gefasst, es schien, als wäre mit dem Tod der Prinzessin etwas in ihm erloschen, das er über sein eigenes Leben hinaus weitergegeben hätte. Zach legte seine Sachen ab, er erkundigte sich bei der Kammerfrau, wo die Herzogin sei. Man hatte das neugeborene Kindlein aus dem Palais Friedrichstal, dem Wohnsitz des jungen Paares, hinauf ins herzogliche Schloss gebracht und dafür auf die Schnelle ein Zimmer hergerichtet, vor allem ordentlich eingeheizt. Die kleine Luise war drei Wochen alt, sie lag, dick eingemummelt, in einer Wiege aus Birkenholz, die mit bunten Blümchen bemalt war. Eines Tages im September war der Tischlermeister Braugelt und sein Geselle mit einem Karren vor dem Palais Friedrichstal erschienen, um eine Wiege abzuliefern. Sie war so groß, daß ein ganzes Schaf hineingepasst hätte. "Meine Güte", sagte die Prinzessin, "wir sind doch keine Riesen." Der Tischlermeister Braugelt war beleidigt. Er knurrte etwas von "Auftrag" und "Absprache" und "Maße", die er nicht hatte nehmen können, und August, der inzwischen hinzugekommen war, fuhr ihn an, er solle still sein und die Durchlauchtigste Prinzessin das Möbel in Ruhe inspizieren lassen. Die ging - man hatte die Wiege vom Karren heruntergehoben - rundherum und besah sie sich von allen Seiten und strich mit den Fingern über das glatte, dunkle Holz. Sie war sehr massiv gebaut, und ließ sich nur schwer bewegen, stand auch sogleich wieder still, und war insgesamt kantig und klobig. "Sie ist so ... so düster." "Für gewöhnlich macht mer'se noch drabbirt", sagte Braugelt vorsichtig, aber nicht unfreundlich. "Was macht man damit?" "Drabbirt. Mit feinen Zeuch." "Ach, drapiert!" "Ja." "Na, ich weiß nicht, ob das noch was hilft." "Haben Sie nur die eine?" fragte August den Tischlermeister. "Na ja, freilich. So war der Auftrag, ich kann's Euer Durchlauchd schriftlich geben." "Ja, ja." "Werden's denn jetzt zwei Kinner?" Louise lachte hell auf, August sagte "Sie muss auf jeden Fall kleiner sein. Und nicht so dunkel, nicht wahr, Louise?" "Ja." Der Tischlermeister kratzte sich am Kopf. "Nehmer'se wieder mit. Ich mein', kleiner machen kann ich'se, und wenn ich das Holz abschleife, wird'se heller, soll'se so werden?" "Ja. Und dann bringen Sie sie wieder her und wir schauen sie uns an." "Ttttssss." "Weißt du was, August, wir können doch bei dem Herrn ... wie war Ihr Name?" "Braugelt Heinz, Tischlermeister in der dritten Genrazion." (Er machte eine tiefe Verbeugung.) "... bei dem Herrn Braugelt selber vorbeischauen und in seiner Werkstatt etwas aussuchen." "Nein. Das ist nicht üblich." "Ach komm! Nicht üblich." Dem Tischlermeister gefiel die Idee auch nicht. "Euer Durchlauchdichsde Prinzessin: in meiner Werkstatt isses für Sie viel zu gefährlich." "Wie, gefährlich? Was tun Sie den Menschen denn zu Leide, die zu Ihnen kommen?" "Nee, so mein' ich das nich. Bloß, da haben Fraunsbilder nichts zu suchen." "Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt. Wenn ich das will, dann gehe ich überall hin!" "Jawohl!" "Jawohl! Und zwar gleich morgen." "Jawohl. Um welche Uhrzeit?" "Das werden Sie schon sehen. Wenn wir da sind, sind wir da, so einfach geht das." "Ganz einfach, Euer Durchlauchd. Dann werden'mer jetzt schleunichst wieder abziehen, damit'mer die Nacht durcharbeiten können, damit'mer die Wieche fertichkriechen." "Tun Sie das." Die beiden Handwerker luden die Wiege wieder auf den Karren und zogen davon. August schaute seine Frau an, sie war sichtlich erregt und hatte rosa Flecken im Gesicht. Dann sagte er "So kannst du nicht mit den Leuten reden, Louise. Überlass das lieber mir." Sie wollte etwas erwidern, verkniff es sich aber, raffte ihr Kleid und ging ins Haus. An der Seite war ein Gartenjunge beschäftigt, August rief ihn her. "Lauf' den beiden mit dem Karren nach und frage, wo die Tischlerei ist." Wer denn das Möbelstück überhaupt in Auftrag gegeben habe, wollte August dann wissen. Und ein Kammerdiener konnte ihm hierüber Auskunft geben: es sei "der General" gewesen. Der General war Johann Eugen, der Bruder des Herzogs, der eine Zeitlang das Gothaer Regiment in der holländischen Armee befehligt und es dort bis zu ebendiesem Rang gebracht hatte. (Es gab allerdings in der holländischen Armee neben der offiziellen auch eine veraltete Hierarchie, die noch aus Spanien stammte und deren Dienstgrade nach absonderlichen Kriterien verliehen wurden.) Tatsache war, daß Johann Eugen zwar nie an einem nennenswerten Gefecht, geschweige denn einer Schlacht beteiligt gewesen war, daß er aber dennoch eine schlimme Verletzung erlitten hatte und seitdem am rechten Bein eine Holzprothese trug, wodurch er nur noch schleppend vorankam. Er wurde deswegen auch manchmal "der fliegende Holländer" genannt, was natürlich ein bitterböser Spottname war. Denn Johann Eugen war, ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Ernst Ludwig, ein unliebsamer Mensch, der alles und jeden in den Dreck zog und nichts gelten ließ außer drei Dingen: die Biographien von Plutarch, ein Glas Madeira vor dem Schlafengehen und Feuerwaffen. Er hatte es so ziemlich mit allen aus seiner Umgebung verschissen, auch dadurch, daß es unmöglich war, sein Vertrauen zu gewinnen; es gab kaum noch jemanden, der bereit gewesen wäre, sich für ihn aufzuopfern, denn er war undankbar und dabei selber geizig. Einzig sein Bruder hatte ein gutes Verhältnis zu ihm, und es war kein Geheimnis, daß er ihn finanziell unterstützt. Sein Engagement bei den Holländern wurde ihm niemals gelohnt, im Gegenteil, er verlor dort am Ende sein bestes Pferd, das bis dahin zu Nummer vier seiner über alles geschätzten Dinge gehört hatte. Aber er war auch ein undurchschaubarer Mensch. Aus Holland zurückgekehrt, packte er ein paar Koffer und Kisten und ging nach Italien, "auf Studienreise", wie er verkündete. Während der Vorbereitungen las er Winckelmanns Beschreibungen der antiken Kunstwerke und fertigte Listen davon an, als wollte er sie erbeuten. Er rügte seinen Bruder wegen dessen Hang zur Naturwissenschaft und zur Mathematik. "Ein stinkender Haufen seelenloser Zwänge" nannte er das ganze, wobei unklar blieb, was genau er damit meinte. Und über das Büchlein, das Ernst Ludwig über ein Schachproblem, speziell den Rösselsprung, verfasst hatte, konnte er sich ausschütten vor Lachen. "Mein Lieber, in England bauen sie jetzt Automaten, die so etwas in zwanzig Minuten lösen, ganz ohne Hirn und Geist, ein paar Zahnräder ins richtige Verhältnis gesetzt und eine Uhrfeder, die alles antreibt, und schon macht es 'Pling!' und eine Zange setzt den Springer aufs richtige Feld. Du kannst dabei die Zeitung lesen. Wozu zerbrichst du dir den Kopf über Probleme, die andere für dich lösen können?" Die Wiege für das junge herzogliche Paar, die der General bei dem Tischlermeister Braugelt in Auftrag gegeben hatte, war wohl seiner Art zu verdanken, andere Menschen, vornehmlich aus der eigenen Verwandtschaft mit seinen Einfällen zu beglücken, die ihn überkamen, wenn er sein Faible für irgendetwas Außergewöhnliches entdeckt hatte. Worin es in diesem Fall bestand, darüber konnten August und Louise nur rätseln. Die Herzogin Mutter, die für ihren Schwager ohnehin nicht gerade die wärmsten Gefühle hegte (Jakob Hausmann hatte früher vermutet, daß Charlotte in Johann Eugen einen Taugenichts und einen Hochstapler gesehen hat und froh darüber war, daß sein Bruder in der Erbfolge vor ihm gestanden hatte) sie tippte sich mit dem Finger an die Stirn und murmelte "Eine Wiege? Ich weiß schon, woher er das hat." Aber mehr verriet sie nicht. Es war allerdings ungewöhnlich, den herzoglichen Nachwuchs in eine Wiege zu betten, die - "Drabbierung" hin oder her - eine ordinäre Holzkiste war, die in den Keller gehörte, wo man im Sommer das Eis und im Winter die Kartoffeln darin aufbewahrte. Natürlich hatte man für das Kind bereits ein wunderschönes Bettchen mit Seidenkissen und einem Baldachin besorgt, von einem französischen Möbelhändler in Frankfurt am Main. Daß sich Louise so mit dem Tischlermeister Braugelt angelegt hatte, wunderte August, er kannte sie nicht mit dieser Rage, und es ging doch eigentlich um gar nichts. Und fast noch mehr wunderte er sich, als Louise, nachdem seine Mutter den Schwager mit einem "Vogelzeichen" bedacht hatte, darauf entgegnete, sie fände die Idee gar nicht so schlecht; die Madame de Rameau habe letztens über einen französischen Philosophen berichtet, der eine moderne Erziehung der Kinder propagiert, wozu auch gehöre, sie auf möglichst einfache und natürliche Weise zu behüten. Charlotte sah sie mit großen Augen an. Derartige Gedanken waren ihr fremd. Aber sie war sehr verständnisvoll, und nicht ein einziges Mal - so dachte Jakob Hausmann jetzt - hatte er erlebt, daß sie auf etwas, das ihr fremd war, mit wirklicher Abscheu oder Verachtung reagierte. Ihre Auffassungen waren immer ein wenig konventionell gewesen und geblieben, und sie besaß beileibe nicht das überschäumende Temperament ihres Vaters, aber sie hatte einen feinen, sehr persönlichen Zug von Ironie, und nicht selten nahm sie die Dinge, die sie nicht verstehen konnte, einfach mit einem Achselzucken hin, denn noch größer als ihr Verständnis war ihre Friedfertigkeit. "So? Die Rameau hat das also gesagt?" meinte Charlotte, und Louise nickte. "Und dazu gehört wohl auch, daß man ein Neugeborenes zum Schlafen auf Holzbretter legt, um es möglichst früh abzuhärten?" "So ist es gar nicht! Die Wiege wird doch allerbestens ausgepolstert, man kann auch die Kissen und Decken von dem französischen Bett nehmen." "Und warum dann nicht das Bett selbst?" "Es schaukelt nicht", sagte August, und war über sich selber verwundert, daß er seine Gemahlin bei diesem absonderlichen Plan unterstützte, wahrscheinlich war er auf einmal von der Idee angetan. "Es schaukelt nicht? Dein Bettchen hat auch nicht geschaukelt, und hat es dir geschadet?" "Aber Mama, das ist doch gar nicht die Frage." Louise meinte "Diese sanfte Bewegung ist für das Kind sehr angenehm, es ist wie wenn es in einem kleinen Boot auf den Wellen schaukelt." "Ja, in der Tat", ergänzte August, "wie Moses im Weidenkörbchen auf den Wellen des Nils." Die beiden bedachten sich mit einem rührenden Blick, während die Herzogin Mutter wiederholte "Moses im Weidenkörbchen. Aha. Ihr werdet es aber nicht auf dem Leinakanal aussetzen wollen?" "Mama!" Der Tischlermeister Braugelt hatte wirklich die halbe Nacht geschuftet, um die Wiege den Wünschen gemäß umzugestalten. August und Louise, sowie der Hofmeister Renger und der Diener Hasemeier waren am Nachmittag gegen zwei bei der Werkstatt vorgefahren, die sich am Sieblebener Tor befand, dort, wo der Weg zum Paul'schen Freigehege abging und wo die Häuser nach hinten große Gärten hatten, die mit üppigen Obstbäumen bepflanzt waren. Daß seine Tischlerei kein Ort für feine Damen sei, hatte Braugelt natürlich ernst gemeint; Louise musste sich die Ohren zuhalten, als sie sich näherten, denn eine kreischende Säge machte höllischen Lärm. Es war eine Kreissäge, ein englisches Fabrikat, von einer kleinen Dampfmaschine angetrieben, die Braugelt aus der Konkursmasse eines Sägewerks in Luisenthal aufgekauft hatte. Sie war eigentlich für seine Tischlerei schon eine Nummer zu groß, aber er bot ihre Nutzung den Leuten an, die ihr Feuerholz kleinschneiden wollten, und das ging ruck zuck. Als das Durchlauchtigste Prinzenpaar eintraf, wurde die Säge sofort abgeschaltet, und es dauerte einige Minuten, bis sich das riesige Sägeblatt nicht mehr drehte. Eigentlich hatte der Braugelt kaum noch damit gerechnet, daß Ihre Durchlaucht die Ankündigung wahrmacht, aber er war darauf vorbereitet. Mit Hilfe seiner Gesellen und der Familie hatte er im Garten eine Kaffeetafel aufgebaut, und seine Frau und die älteste Tochter hatten extra ein großes Blech mit Pflaumenkuchen gebacken. Der kleine heftige Wortwechsel vom Vortage zwischen der Prinzessin und dem Tischlermeister war längst vergessen. Man führte die Herrschaften vorsichtig durch die Werkstatt und die Tochter, die Agnes hieß und etwa genauso alt war wie Louise, sprach ein paar freundliche Worte und lud alle, mitsamt dem Hofmeister Renger und dem Diener Hasemeier und sogar den beiden Kutschern, ein, Platz zu nehmen. Man habe leider nur Malzkaffee anzubieten, aber der schmecke vorzüglich, und - Agnes warf einen Blick auf die Prinzessin - er sei auch gesünder als der Bohnenkaffee, der bloß aufs Herz schlage. Für das herzogliche Paar hatte man Tassen und Teller aus Porzellan besorgt, die zwar nicht zusammengehörten, aber ein schönes Dekor hatten. Es waren allerdings winzige Mokkatassen, in denen nicht mal ein Ei bis auf den Boden gerutscht wäre, und als Louise sah, daß die Tischlersleute aus irdenen Bechern tranken, in die außer dem Kaffee auch noch ein ordentlicher Schluck Milch passte, wollte sie auch lieber so einen haben. Und auch dieses klebrige, braune Zeug wollte sie probieren, das, wie der Hofmeister Renger erklärte, Zuckerrübensirup ist, "mit dem hierzulande die ... die einfachen Leute all' ihre Speisen und Getränke süßen." Der Kuchen war ausgezeichnet, und der Tischlermeister Braugelt traute sich, unterm Tisch eine Flasche hervorzuholen und dem Prinzen einen Schnaps anzubieten, der mit den "besden Gräudern aus Wald und Flur" gemacht sei. "Sie leben aber hier wirklich sehr gesund", meinte Louise. August lehnte ab, er trinke keinen Alkohol, aber er gestattete den Männern, auf das Wohl des jungen Paares anzustoßen. "Woher kommen die köstlichen Pflaumen?" erkundigte sich Louise. "Aus unserm Garten", erwiderte Agnes. "Das ist ja herrlich einfach. Kann man ihn denn mal besichtigen?" "Selbstverständlich", sagte Agnes, stand sofort auf und ging mit ihr nach hinten zu den Beerensträuchern. Die anderen unterhielten sich inzwischen über Holzarten und Bretterzäune, und dann über den Unterschied von Schweinefleisch und Wildbret, und August konnte nirgends richtig mitreden. "Ihr werder Herr Onkel", sagte Braugelt, "ist ein düchdicher Jächer." "Ja, sogar ein leidenschaftlicher, leider hat niemand etwas davon." "Oh ja, ich hab' was davon", versicherte Braugelt, "Ihr Onkel hat bei mir fuffzehn Stück Wildbretwannen bestellt." "Wofür?" "Na, für die Viecher, wo er erlecht hat." "Ach so? Wo schafft er die denn hin?" "Weiß ich nich, aber manchmal kauft ihm der Fleischer Meerbach was ab." "Er verkauft das Wild, das er im herzoglichen Forst erlegt hat, an einen Metzger?" "Ja nun, wenn einer Erlaubnis hat, beim Herzoch was zu schießen, dann doch der Johann Eugen, ich meine Euer Durchlauchdichsder Onkel?" "Ja, ja." "Und jetzte hat er auch noch die Wieche bestellt." "Ach", sagte August, "jetzt verstehe ich: da haben Sie bei den Wildbretwannen Maß genommen?" "Freilich, da sinn ja auch welche vor die Füchse und Hasen dabei, die sinn ungefähr genauso groß wie so'n Neugebornes." "Aber die Wiege war bei weitem größer." "Na, wenn'se auf Hasenjachd gehn, Euer Durchlauchd, da kommen'se doch nich bloß mit eim Hasen heim, da passen ihrer fünfe in die Wanne." "Klar, sonst wäre es ja umständlich." "Genau. Euer Durchlauchd wissen Bescheid." Die beiden jungen Frauen waren wieder da. Louise sprang auf August zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. "Tatsächlich? Da kann man ja gratulieren." Agnes wurde auf einmal puderrot im Gesicht, Louise erklärte "Doch erst, wenn's soweit ist." "Nein, nein", sagte August auf einmal überschwänglich, "jetzt schon. Ich weiß doch, wie sehr sich jede werdende Mutter auf das große Ereignis freut", er schaute Louise mit zärtlichem Blick an, "und wie es sie mit Stolz erfüllt." Seine Worte fanden viel Beifall, und es schien, daß August nach der etwas plumpen Konversation von eben zu seinem eigenen Stil zurückgefunden hatte. Und er setzte noch eins drauf: "Wie wäre es, meine liebe Louise, wenn wir die Patenschaft für das Kind dieser jungen Frau übernähmen?" Louise klatschte in die Hände und gab ihm einen Kuss, aber Agnes ging auf den Prinzen zu und machte eine tiefe Verbeugung, aus der sie sich gar nicht wieder erheben wollte. Er reichte ihr die Hand. "Seien Sie vorsichtig, solche Devotion ist nicht gut für den Rücken." Alle lachten und jubelten und ließen das herzogliche Paar hochleben. Und so kam es, daß Louise in der Braugelt'schen Werkstatt jene Wiege entdeckte, die eigentlich für des Tischlermeisters Tochter bestimmt war, aus hellem Birkenholz, bemalt mit bunten Blümchen und Blättern und sogar zwei Vögelchen, die sich mit den Schnäbeln berührten. August verschwieg wohlweislich die Sache mit Johann Eugens Wildbretwannen und ihrer Ähnlichkeit mit der ersten Wiege, und als Louise jetzt diese wunderschöne andere sah, die sich so mühelos hin und herschaukeln ließ, da entschied er sich kurzerhand dafür, und Agnes war überglücklich, daß sie sich so schnell revanchieren konnte. (Für sie baute der Vater natürlich gleich eine neue.) Und als Xaver von Zach jetzt das Zimmer betrat, fand er die Herzogin Charlotte, die sich neben ebendieser Wiege niedergelassen hatte, in der ihre Enkelin gerade in sanften Schlaf gesunken war. Es war dämmerig und mollig warm, und außer der Kammerfrau und der Amme war auch die Tischlerstochter Agnes da, die sich gerade anschickte zu gehen, nachdem sie die kleine Luise gestillt hatte. (Ihr eigenes Kind, ein Junge, war bereits Anfang Dezember gesund auf die Welt gekommen, und Agnes hatte genug Milch, um beide zu versorgen. Sie lehnte es übrigens ab, dafür in irgendeiner Form belohnt zu werden.) Zach gab den anderen Frauen ein Zeichen, daß sie sich entfernen mögen. Charlotte schaute wie in Gedanken versunken auf das Baby. "Sie sieht Ihnen ähnlich", sagte Zach und strich mit dem Fingerrücken über die weiche, rosige Wange. Man sah, wie sich die Augen unter den Lidern bewegten. "Sie träumt", sagte Charlotte lächelnd, und Zach bemerkte, wie eine Träne über ihr Gesicht kullerte.
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