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| Alexander Fuchs |
| Zu beiden Seiten der Anden |
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Valparaíso
An diesem Februarmorgen steht der Vollmond hell über Santiago de Chile. Es verspricht, ein schöner Sommertag zu werden. Mein Bus nach Valparaíso geht um halb sieben, die Fahrkarte habe ich vor zwei Tagen schon gekauft, um jeden Stress zu vermeiden. Ich habe es mir zur Maxime gemacht, lieber eher da zu sein, und es macht mir überhaupt nichts aus, dann eine oder anderthalb Stunden zu warten, es gibt immer so viel zu beobachten und es ist eines der besten Gefühle, wenn man weiß, daß man seinen Bus hundertprozentig nicht verpassen wird. (Dieses Gefühl kann nur dann jäh erstickt werden, wenn man merkt, daß man im falschen sitzt.) Mein Zeitplan war demnach folgender: Ich stelle meinen Wecker - ja ich habe einen Wecker dabei - auf um fünf, damit ich eine Metro eher erwische. Fünf Stationen bis Baquedano, dort umsteigen in Richtung San Pablo bis Terminal de Buses de Santiago. Als ich Irene, meiner Zimmerwirtin sage, wann ich fahren will, meint sie, daß die Metro morgens erst ab sechs fährt. Das haut mich um - und meine ganze Planung über den Haufen. In der Landeshauptstadt? Das kann nicht sein, ich denke, da fahren sie rund um die Uhr. In einer halben Stunde bis zum Terminal ist unmöglich, und ein Taxi würde ein Vermögen kosten und es dennoch nicht schaffen. Irene ist sich nicht ganz sicher, sie versucht, bei den Verkehrsbetrieben anzurufen, aber da hört keiner. Ich versuche also mein Glück, und - was soll ich sagen - die Metro fährt ab fünf. An meiner gewohnten "Basisstation" mit dem schönen Namen Rodrigo de Araya haben - obwohl es noch ziemlich dunkel ist - ein paar Frauen ihre Imbißstände aufgebaut, wo man Sandwich und Kaffee mitnehmen kann. Ich habe mir aber - wie immer - Brote geschmiert. Am Terminal de Buses herrscht schon reger Betrieb, ich glaube, ich bin einer von den wenigen Touristen. Ich bilde mir aber schon gelegentlich was drauf ein, daß ich nicht als solcher auffalle, was in Wahrheit nicht weiter schwierig ist, wenn man nicht sein ganzes Gepäck mitschleppen muss, sondern eben nur einen Rucksack. Jedenfalls sehe ich aus wie jeder andere. Aber ich schaue mir Sachen an, die sonst keiner betrachtet, und das verrät mich vielleicht doch. Am Terminal hängen von oben herab wie in einer Messehalle große Plakate mit den einzelnen Regionen des Landes. Chile hat seine Provinzen römisch durchnummeriert, angefangen mit der ersten im Norden bis zur zwölften, Region de Magallanes, die besser bekannt ist durch den südlichsten Zipfel, Tierra del Fuego - Feuerland. Während ich also erhobenen Hauptes, als säße ich im Kino in der ersten Reihe, diese Plakate betrachte, passiert es unweigerlich, daß ich mit jemandem zusammenstoße, den ich - ist das Zufall? - kenne. Aber es ist nicht Cornelia Herold, meine Banknachbarin in der siebten Klasse, die ich schon dreimal an den entlegensten Orten getroffen habe, sondern Daniel, den wissbegierigen Studenten aus der Nationalbibliothek, wo er so freundlich war, mir die dortigen Gepflogenheiten zu erklären. Er fährt zu seiner Familie nach San Felipe, und ich sage ihm, daß ich heute primera vez - zum ersten mal - den Pazifik sehen werde. Einer der schönsten Augenblicke beim Busfahren ist der, wenn er startet und langsam, weich und schwer, rückwärts von der Plattform wegrollt. Alle Busse in Argentinien und Chile fahren rückwärts im Bogen heraus, und es ist erstaunlich, daß sie sich dabei nicht in die Quere kommen. Ich entdecke, daß es außer Mercedes Bussen auch ein chinesisches Fabrikat gibt, das man in Deutschland nicht kennt; ich notiere mir den Namen (in lateinischer Umschrift), und später werde ich feststellen, daß es eine der vielen Notizen ist, die ich vielleicht nie wiederfinden werde. (Solche Notizen können einen das ganze Leben lang begleiten - als wirklich miese Freunde, die nie da sind, wenn man sie braucht.) Eine halbe Stunde von Santiago weg wird es plötzlich diesig und fängt an zu regnen, überhaupt kein Ausflugswetter. Man kann von der Landschaft nichts sehen, wolkenverhangene Berge, graue Straßenränder, Tropfen, die an der Scheibe entlangrutschen, bis der Wind sie mitreißt. Keinen von den Passagieren scheint das zu stören - mich schon. Was ist, wenn ich in Valparaíso ankomme und eine Stadt im Nebel vorfinde, den der Sturm vom Meer gegen die Küste drückt? Eine Art Trondheim des Südens. Was ist, wenn ich klitschnass bin, bevor ich - irgendwo da drüben muss er sein - am Hafen stehe, am Tor zum Pazifik, an diesem legendären Ort aller Südamerika-Seefahrer. Einen Wecker habe ich auf meine große Reise mitgenommen, aber keinen Schirm, für einen Globetrotter ist ein Schirm natürlich uncool, da könnte ich gleich noch die Payback Karte von real einstecken. Seit drei Monaten kenne ich nur noch Sonne pur, dreißig Grad, strahlendblauer Himmel, ich weiß gar nicht mehr, wie sich Regen anhört. Und nun das, auf der Fahrt in einen trostlosen Tag, vielleicht nur der erste einer nicht enden wollenden Folge trostloser Tage. Ich rutsche immer tiefer in meinen Sitz und denke, wie träumerisch war mir seit jeher bei dem Gedanken an Valparaíso zumute. Dabei weiß ich gar nicht genau, woher diese Sehnsucht rührt. Meine Frau hat mir während unserer Studentenzeit einmal zum Geburtstag ein Album geschenkt, Recuerdos de Chile, Grüße aus Chile, mit Schwarzweiß Fotos aus den zwanziger oder dreißiger Jahren. Valparaíso war für mich immer ein Synonym für die sogenannte Neue Welt, obwohl ich nicht mal genau wusste, ob ich jene Stadt an der chilenischen Küste meine, denn es gibt in Lateinamerika mehrere Orte, die für sich in Anspruch nehmen, ein paradiesisches Tal zu sein. Ruben, der Mann von Irene, hat gesagt, eigentlich erstrecken sich die Anden bis an die Küste, und bis Valparaíso geht es tatsächlich fast nur bergab, wenn auch ziemlich sachte. (In Wirklichkeit gibt es eine Küstenkordillere parallel zum großen Gebirge.) Aber in den Ort fährt man durch ein Tal zwischen Hügeln, und später habe ich gelesen, daß man die Stadt auch als ein natürliches Amphitheater bezeichnet hat, was denn doch etwas weit hergeholt ist, was aber verdeutlichen soll, daß die ursprüngliche Küste dort ziemlich steil und der Uferstreifen schmal war. Deshalb kleben alle Häuser an den Hängen, wohin die Bewohner im Laufe der Zeit immer weiter hinauf- und hinausgerückt sind. Auf alten Stichen kann man die unbebauten kahlen Hügel noch gut erkennen. Andererseits muss es für die ersten Seefahrer gute Gründe gegeben haben, daß sie gerade hier mit ihren Schiffen anlanden konnten, vielleicht war das Wasser tief genug und es gab wenig gefährliche Klippen. Das Wetter hat sich gebessert, als wir ankommen, und sofort kehrt mein Frohsinn zurück. Der Busbahnhof ist allerdings fürchterlich heruntergekommen, und es stinkt nach Fäkalien. Wie immer suche ich als erstes nach einem Stadtplan. Ich finde einen aufgestellt in einer Ecke hinter dem Gebäude, wo es noch mehr nach Urin stinkt, was ein untrügliches Zeichen dafür sein mag, daß dieses Informationsangebot kaum von Touristen, dafür aber umso mehr von Einheimischen genutzt wird, denen der Weg zur nächsten Toilette zu weit war. Weil ich den Gestank nicht länger aushalte, bleibt meine Orientierung lückenhaft und ich verlaufe mich auch promt. Ich weiß nicht, ob es in Valparaíso ein Hafenviertel gibt wie z.B. in Hamburg, aber es gibt jedenfalls einen Fischmarkt, da gerate ich nämlich hin. Es ist gegen zehn Uhr vormittags, und die Fisch- und Gemüsehändler fangen eben an, ihre Geschäfte zu öffnen. Das heißt, sie spülen mit Wasserschläuchen erst mal den ganzen Kehricht vom Vortag fort. Manch ein Köter, der sich darüber hermacht, kommt so nebenbei zu einer kalten Dusche. Im übrigen ist auch hier die Luft geschwängert von jener unverwechselbaren Duftnote, einer Mischung aus Milchsäure und faulem Eiweiß, die von Fisch und Gemüse im Endstadium ihres Daseins ausgeht. Abgesehen - oder abgerochen - davon, ist alles ganz einzigartig. Es ist kein Markt Platz, sondern ein paar Straßenzüge, und ein Laden neben dem anderen. Einige sehen im Innern so aus, als hätten sie vorige Woche das hundertfünfzigjährige Eröffnungsjubiläum begangen, und zwar mit dem originalen Sortiment in der originalen Aufmachung. Regale bis an die Decke, mit Büchsen, Flaschen, Kistchen, Gläsern, als wäre alles gerade mit dem Schmugglerschiff angekommen. Schinken an der Stange, Käse unter der Glocke, Gebäck auf Blechen, Fische in Wannen, Muscheln in Körben; Bohnen, Reis, Mehl, Zucker lose in Säcken; Bananen, Äpfel, Pfirsiche, Aprikosen in Haufen, Knoblauch im Bund, Kartoffeln in der Stiege, Wein in - nein, nicht in Schläuchen, das wäre zuviel der Nostalgie. Als würde Helligkeit alles leichter verderblich machen, beschränkt man sich bei der Beleuchtung auf das Tageslicht, das durch die offene Tür hereinkommt. Der diffuse Halbschatten war mir schon in Santiago auf dem zentralen Gemüsemarkt aufgefallen, dessen Treiben übrigens - so möchte ich es mal zurückhaltend formulieren - zur mitteleuropäischen und speziell zur deutschen Einkaufskultur der Supermärkte durchaus einen bemerkenswerten Kontrast bildet. Aber was die Lichtverhältnisse angeht, so ist unbetritten, daß es im Schatten immer kühler ist. Und auch in die engen Straßen unten am Hafen von Valparaíso fallen die Sonnenstrahlen nur zur Mittagsstunde. Viele Gebäude zeigen deutlich den Einfluss der iberischen Gründerzeit Architektur, mich erinnern sie an Straßenzüge in polnischen Städten der Vorwendezeit. Ihre Fassaden sind alt, staubig, streng, stellenweise notdürftig instandgehalten, hinter vielen Fenstern gähnt schwarze Leere. Manchmal stützen steinere Figuren einen Balkon oder ein Portal, und sie wirkten vielleicht einmal athletisch, ja kiegerisch oder - die weiblichen Gestalten - erotisch unnahbar, wie die Mutter aller Keuschheit, heute aber starren sie mit einem müden, resignierten Ausdruck teilnahmslos vor sich hin. Ich fotografiere die Fassade eines Nachtclubs namens Keop's, mit bunten Motiven wie aus dem Grab eines Pharaos, alles hinter dem obligatorischen Eisengitter. So ein Gitter hätte womöglich manches Pharaonengrab vor Räubern geschützt. Mich zieht es zum Wasser, man kann es schon riechen, aber ich suche vergeblich nach einer Uferpromenade, nach einem Kai, nach Anlegestellen, nach bärtigen, wankenden Kapitanos und munteren Seeleuten beim Landgang - nichts von all dem, nicht einmal kreischende Möwen in den Lüften. Es gibt kaum einen größeren Unterschied als zwischen einem Flughafen und einem Seehafen. Einen Flughafen betritt man durch irgendein Terminal mit Türen, die von selbst auf und zu gehen. Es ist Platz ohne Ende, man kann sein Gepäck auf Wagen laden, man kann selber auf einem Laufband fortbewegt werden, man kann jede Menge Snacks zu sich nehmen und Ansichtskarten kaufen, hübsche Frauen informieren einen über alles, was man wissen sollte, und man kann von einer Terrasse aus den Flugzeugen beim Starten und Landen zusehen. Bei einem Schiffshafen einen Eingang zu finden, ist schwierig, weil er keinen hat. Entweder man läuft kilometerweit an einem Maschendrahtzaun entlang, hinter dem riesige Container bis in den Himmel gestapelt sind, oder man kommt schließlich an ein großes Tor, das sogar offensteht, aber man riskiert sein Leben, wenn man hineinginge, weshalb auch unübersehbare Schilder mit allerlei furchteinflößenden Piktogrammen davon abraten. Es gibt in einem Schiffshafen nichts, das einem Besucher auch nur eine Andeutung von "Herzlich Willkommen, schön, daß Sie sich für uns interessieren" entgegenbringt, dafür aber alles, um ihn fernzuhalten wie einen Einbrecher. (Eine Ausnahme ist die Hafenrundfahrt, die aber eigentlich nur eine geschickt getarnte Festnahme ist, damit man nicht etwa irgendwohin läuft, wo man nichts zu suchen hat.) Dafür ist es in einem Schiffshafen im Gegensatz zum Flughafen merkwürdig ruhig. Alles scheint so verlassen und erstarrt, als hätte sich eine Giftgaswolke auf das Gelände gelegt. Kein Schiff bewegt sich rein oder raus, die Kräne stehen still, als wären sie eingerostet, die Container sind so mit anderen Containern verbaut, daß kein Mensch jemals mehr heran kommt, und in Wahrheit steht das Tor offen, seitdem zuletzt 1976 eine Schulklasse nach einer Betriebsbesichtigung hier wieder hinausgelassen wurde. Ganz und gar wie Totenschiffe wirken aber die Marinekreuzer. Davon liegen auch ein paar vor Valparaíso. Von Matrosen weit und breit keine Spur. Was aber, so lautet mein Fazit, letztlich ein gutes, nämlich ein friedliches Zeichen ist. Und allein die Tatsache, daß es hier keine Buddelschiffe zu kaufen gibt und man keine abgetakelten Segler besichtigen kann, schmälert sicher nicht die glorreiche Geschichte dieses Ortes. Ein bisschen mehr Hafenantmosphäre a la Francis Drake hätte ich mir am Ufer des großen Ozeans doch gewünscht. Ich kehre um, weil ich glaube, in die falsche Richtung zu laufen. Am Straßenrand haben irgendwelche namenlosen Vertreter jener unsäglichen, menschenverachtenden Architektur einen Winkel zum Ausruhen geschaffen: drei Bänke aus Beton, die aussehen, als könnte man gut Opfertiere darauf schlachten. Wer immer sich hier hinsetzt, um sich zu erholen, er muss gerade Furchtbares erlebt haben. Ich beschließe, nach einem Quartier zu suchen, damit ich morgen mehr Zeit habe, die schönen Stellen von Valparaíso, sozusagen das Paradiesische zu erkunden. Es ist nicht so einfach, ein Hostel zu finden, ganz im Unterschied zu einem anderen Küstenort wie beispielsweise Cartagena. Endlich sehe ich ein Schild "Hostel Wind of the Sea". Ich folge dem Pfeil und muss zunächst per steinerner Treppe mehrere Höhenkilometer überwinden, bis ich vor dem Haus stehe. Ich klingel, und oben schaut eine Senora heraus, die gleich darauf die Tür öffnet. Es ist eine geräumige Wohnung (mit noch einer Treppe), in einem Zimmer stehen vier Doppelstockbetten mit blanken Matratzen. Der Preis ist ok, die Senora lässt sich viel Zeit, bis sie sich mit mir befasst. Ein junger Mann checkt aus, die beiden verabschieden sich, als würde sie ein gemeinsames Hobby verbinden. Im Nebenzimmer ist eine Art Salon eingerichtet, alles furchtbar plüschig, ein alter Mann mit einem grünen, offenen Hemd und krausem Brusthaar und eine aufgedonnerte Blondine sitzen auf dem Sofa und lachen mir zu. Die Senora zeigt mir, wo man sich waschen kann. Das Badezimmer ist noch plüschiger; ein dunkelblauer Vorleger mit langen, weichen Wollfusseln vor der Badewanne, ein ebensolcher Bezug auf dem Klodeckel. Die Wasserbrause ist ein großes lateinamerikanisches Mysterium. Ich weiß nicht, wie viele Aufenthalte auf diesem Kontinent man braucht, um beim Duschen auf Anhieb heißes und kaltes Wasser in einer angenehmen Mischung zu bekommen, aber ich vermute, daß man erst die einheimische Staatsbürgerschaft erlangen muss, um nicht jedesmal verbrüht zu werden oder einen Kälteschock zu erleiden. Es nützt auch nichts, wenn man verstandesmäßig herangeht und zuerst das kalte Wasser aufdreht, um es dann nach und nach mit dem heißen anzureichern. Denn irgendwie vertragen sich die beiden nicht, ja sie fechten geradezu einen erbitterten Kampf auf Sein und Nichtsein miteinander aus. Ganz plötzlich gewinnt immer eins die Oberhand und das andere zieht sich völlig zurück, und alles, was man erlernen und dagegen tun kann, um beim Duschen nicht getötet zu werden, ist, diesen plötzlichen Umschlag des Kriegsglücks eine Millisekunde früher zu erahnen und die Brause schnell genug abzuwenden. Ich habe das Zimmer mit acht Betten für mich allein - dachte ich. In der Nacht stellt sich heraus, daß ich es mit ungefähr fünftausend Mücken teile, die offenbar seit zwei Wochen kein menschliches Blut mehr zu sich genommen haben. Ich hülle mich so mit meiner Reservewäsche, meinem Handtuch und sogar mit Plastiktüten ein, daß mir gerade noch ein Loch zum Atmen freibleibt. Keine Chance. Ich schwitze bloß wie ein Schwein und muss befürchten, daß ich, falls ich wirklich Schlaf finden sollte, in eine Art Blutmangelkoma fallen werde. Endlich dämmert der Morgen. Ich lebe noch, ich weiß noch meinen Namen und wo ich bin. Ich frühstücke in dem Salon. Die Blondine kommt dazu, im Morgenmantel, der gut zu dem Vorleger im Bad passt. Sie grüßt mich sehr freundlich. Sie nimmt sich Kaffee und fragt mich, ob ich eine Zigarette hätte. Ich gebe ihr eine von meinen argentinischen. Sie fragt, woher ich komme und so weiter, ich leiere meine Sprüche herunter. Dann sagt sie, ich würde sie an jemanden erinnern, den sie mal kannte. Ich frage, ob sie auch so viele Mücken im Zimmer hat, aber das war wohl sprachlich nicht ganz korrekt. Sie stutzt und sieht mich an wie einen überfahrenen Polizisten. Dann bricht sie in schallendes Lachen aus und verlässt mich, mit dem Kaffeebecher in der einen, der Zigarette in der anderen Hand. Ich steige die Treppen hinab zur Unterstadt. Mein Weg führt mich auf der Uferstraße entlang, die linker Hand stellenweise von schroffen Felswänden gesäumt ist. Auf der anderen Seite gehen flache Steinklippen ins Meer, auf denen reglose Pelikane stehen, als würden sie auf die Fähre nach Pelikan Island warten. Nach einem Pavillon mit Seebad Ambiente, der aber sicher auch schon bessere Zeiten gesehen hat, kommt tatsächlich, eigentlich schon außerhalb der Stadt, ein kleiner Strand. Der Strandkiosk ist geschlossen, und auf dem, reichlich mit Steinen durchsetzten Sand hat sich, im Schutz eines Sonnenschirms ein älteres Paar zum Picknick niedergelassen. Er mit unübersehbarem Bierbauch und käsweißen Beinen. Sie in Khaki Shorts, Bikini Oberteil und Sonnenbrille. Die beiden erinnern mich auf überraschende Weise an Winnie und Willie aus Becketts "Glückliche Tage", ganz mit der ungetrübten Gewissheit, sie hätten sich in dem Stück alles gesagt. In ihrer Nähe strolcht ein kleiner Junge mit einem Hund herum. Mit mir sind wir also zu fünft an diesem Sommertag am Strand von Valparaíso. Winnie und Willie futtern ihre Sandwiches und trinken Kaffee aus der Thermoskanne. Der Junge hat irgendwie das Bedürfnis, dem Hund Manieren beizubringen, und der lässt es sich gefallen, er muss sich ihm gegenüber auf den Hintern setzen und sie schütteln sich die Hände, respektive Pfote, wie zwei treue Freunde beim Abschied. Nach einer Weile trudelt eine Gruppe Kampfschwimmer in schwarzen Taucheranzügen ein, für die heute wohl so was wie eine Übung auf dem Plan steht. Es folgt ein Jeep mit der Ausrüstung und einem Offizier, der die ganze Zeit abwechselnd in ein Funkgerät spricht und ein Handbuch studiert. Der Junge mit dem Hund interessiert sich natürlich auch für die muskulösen Kämpfer, nur Winnie und Willie bleiben völlig unbeeindruckt. Es dauert dann ungefähr eine weitere Stunde, bis die Taucher ihre Sauerstofflaschen in einer Reihe aufgestellt und die Trageriemen und Schläuche geordnet haben. Der Offizier hat sich lässig in den Jeep gesetzt und liest Zeitung. Es sieht ganz so aus, als wäre heute kein feindlicher Angriff zu erwarten, und warum sollte man sich dann unnötig verausgaben. Ich habe in der Zwischenzeit am Wasser ein paar Steine aufgelesen, von denen ich dann die drei schönsten als Andenken mitnehme. Ich muss bei dieser Angewohnheit immer an Goethe denken, wie er sich beim Aufbruch nach Italien geschworen hat, seine Sammelleidenschaft zu beherrschen und sich und sein Gepäck - wie sehr es ihn auch danach verlange - nicht mit Steinen zu beschweren. Ich kann mir kaum vorstellen, daß man in Valparaíso als Architekt oder Bauingenieur seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Ein Blick auf die urbanisierten Hügel genügt, um zu erkennen, daß hier jeder so baut, wie ihm das vorschwebt und sich niemals in seine architektonischen Visionen reinreden lassen würde. Man könnte es statt Häuser eher Behausungen nennen, die lediglich einigen statischen Gesetzen gehorchen müssen, für die man aber keinen Fachmann braucht. Ein Fußboden, sprich eine Decke sollte eine horizontale Fläche sein, die etwas aushalten kann, Wände sollten einigermaßen gerade stehen, und ein Dach ist unentbehrlich, damit es nicht reinregnet. Das wars dann eigentlich schon. Ach so, ja, und bauen kann man da, wo Platz ist. Wie das mit der ganzen Versorgung und Entsorgung funktioniert, das bleibt - genau wie dem Betrachter dieser abenteuerlichen Siedlungen - sowieso ein Geheimnis, auf das man nur wenig Einfluss hat. Da die Hanglagen stellenweise ein beträchtliches Gefälle haben, sind viele Häuser mit Pfählen abgestützt, was ihre Stabilität keineswegs sicherer erscheinen lässt. Man wundert sich, daß nicht unentwegt die Feuerwehr unterwegs ist, um Menschen zu retten, die mitsamt ihrer guten Stube in die Tiefe gestürzt sind. Keine Stadt im ganzen Land hat angeblich so viele Treppen wie Valparaíso, und diese Treppen winden sich im Zickzack durch die Viertel wie die Serpentinen über einen Alpenpass. Irgendwo zwischen zwei Hauswänden führen ein paar Stufen irgendwohin hinauf oder hinab, und man fragt sich, ob die Postboten so etwas wie Treppenzuschlag bekommen. Seit 2003 hat Valparaíso den Status einer Weltkulturerbe Stadt der UNESCO. Ist das ein Segen oder ein Fluch? Alle historische und sicher auf ihre Art auch einmalige, ja grandiose Baukultur soll erhalten bleiben, aber wie, in aller Welt, will man in zwanzig oder in hundert Jahren noch in einer Stadt leben wollen, die dann eben um diese Zeit hinter jeder vernünftigen Modernisierung zurückgeblieben ist? Vielleicht kennt jemand die beiden Standseilbahnen in Dresden Loschwitz. Valparaíso hat mehrere davon. Mit einer fahre ich auf einen Hügel, wo in einem großen, weißen, beinahe klassizistischen Gebäude das Marine- und Meeresmuseum untergebracht ist. Historische Kanonen stehen davor, Fahnen flattern im Wind, Sprenkler berieseln den kurzgeschnittenen Rasen. An der Seeseite ist eine Terrasse mit Geländer, das durchaus zweckmäßig ist, denn dahinter geht es steil in den Abgrund. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick über die Stadt und über die ganze Bucht auf den Badeort Viņa del Mar, die mondäne Schwester von Valparaíso, und bis weit aufs Meer hinaus, das still und glatt im Sonnenglanze ruht, man kann sich kaum daran sattsehen. Wer dennoch genug hat, der kann sich auf dem Souvenir Basar tummeln, und hier spüre ich auch so etwas wie einen Funken touristischen Eifer, der Valparaíso als einer Weltkulturstadt ganz gut ansteht. Ich kaufe für Julia, die schöne Nichte meiner Wirtin, einen Kaffeebecher mit einer bunten Bemalung, die anmutet, als hätte eine kleine chinesische Fabrikarbeiterin einen Hundertwasser kopiert. Dann steige ich auf den Hügel und betrete den Innenhof des Museums. Im Gegensatz zu dem Gewimmel auf dem Basar, ist es hier bis auf ein paar Handwerker und die Leute vom Personal fast menschenleer. Oben auf einer Ballustrate erscheint der eine oder andere Besucher, und in einer Ecke sitzt vor einem Kaffeekiosk eine Familie, die Kinder werfen den Vögeln Krümel hin, und diese bedanken sich dann durch ein munteres Gezwitscher, das im Hof widerhallt. Ich kaufe mir ein Bilett und schlendere durch die Ausstellungsräume, eine Geschichte der chilenischen Marine, die irgendwie gleichbedeutend ist mit der Nationalgeschichte, mit schönen Schiffsmodellen und den Porträtgemälden hochverdienter Politiker, die gegen das Vergessenwerden ankämpfen. Ein Raum widmet sich der Geschichte der "Kaphoorniers", das ist der exklusive Kreis jener Seefahrer, die das Kap Hoorn, die südlichste Spitze des Kontinents umfahren haben. Ein hübsches Relief wie von einer Modellbau Ausstellung zeigt, daß Kap Hoorn eigentlich nur ein winziges Eiland ist, mit einer in der Tat hornähnlichen Erhebung, die zwar der liebe Gott weithin sichtbar gemacht, der Teufel aber leider oft in dichtesten Nebel gehüllt hat. Übrigens gab es schon ab 1853 eine regelmäßige monatliche Segellinie von Hamburg nach Valparaíso, unterhalten von der Firma D.F.Weber. Und 1869 fuhr der erste Dampfer von Hamburg hierher an die Westküste Amerikas, er hieß "Bío Bío" wie der Fluss im Süden, bis zu dem seinerzeit die Expedition Diego de Almagros vorgedrungen war. Nach dem deutsch-französischen Krieg entwickelte sich der Verkehr sprunghaft, bis er wiederum durch den chilenisch-peruanischen Krieg eingeschränkt wurde. (Diese und viele andere Informationen kann man der "Hamburgischen Festschrift zur Erinnerung an die Entdeckung Amerikas" entnehmen, welche 1892 bei L.Friedrichsen & Co. in Hamburg erschienen ist.) In meinen "Recuerdos de Chile", die ein Geschenk meiner Frau waren, und die mir daher bei unserer Scheidung zugesprochen wurden, ist ein Foto mit dem Denkmal einer Persönlichkeit und der Unterschrift "Monumento Prat". Erst heute, fünfundzwanzig Jahre später, erfahre ich, daß es sich dabei um einen Mann handelt, der in Chile sehr verehrt wird, obwohl er starb, bevor er irgendetwas Großes vollbringen konnte. Arturo Prat, von Beruf Anwalt, war Fregattenkapitän im sogenannten Salpeterkrieg und führte 1879 im Seegefecht von Iquique das Kommando auf der Korvette Esmeralda gegen das Panzerschiff namens Huascar, das in Großbritannien gebaute größte Kriegsschiff der peruanischen Marine. Der Huascar war benannt nach dem Sohn des Inkakönigs, der sich mit seinem Bruder einen grausamen Krieg geliefert hat. Es hatte 200 Mann Besatzung, zwei 25,4 Zentimeter und zwei 12 Zentimeter Armstrong Kanonen und konnte auch als Rammboot eingesetzt werden. Die Marineschiffe jener Zeit des Übergangs vom Segel- zum Dampfschiff waren unausgereift und hässlich, ihre Konstrukteure hatten keine leichte Aufgabe zu bewältigen. Der Kapitän des Huascar war Miguel Grau Seminario. Arturo Prat versuchte, den Huascar zu entern und kam dabei ums Leben, woraufhin sein Schiff versenkt wurde. Militärisch gesehen war es für Prat eine große Niederlage, aber seine Tapferkeit und sein Kampfesmut haben ihn unsterblich gemacht. Die Fotografien von ihm zeigen einen sehr attraktiven Mann, der schon als zehnjähriger Kadett mit einer beinahe unwiderstehlichen Ausstrahlung besticht. Von nicht minderer Schönheit zeugen die Bilder seiner Frau Carmela und ihrer Kinder Blanca Estela und Arturo Héctor, alle wirken sie irgendwie so, als hätten ihnen die Götter zugeflüstert, daß sie eines Tages in diesem Museum den Betrachter in ihren Bann ziehen. Nach dem Rundgang beantragen meine Füße eine Erholungspause, die ihnen genehmigt wird. Ich kaufe mir einen Kaffee und setze mich auf eine Bank im Innenhof. Die Vögel zwitschern immer noch emsig, und von einem der Handwerker hört man irgendwo in den Räumen ab und zu ein paar Hammerschläge. Mir fällt Emilio ein, aus dem Goethe Institut in Mendoza, der nachmittags um drei hinter seinem Schreibtisch saß und sagte "Schläfrigkeit ist eine Form von Energie", und mich damit über das Wesen der Siesta aufklärte. Bei den Souvenirs am Eingang finde ich ein Basecap mit der aufgestickten Korvette Esmeralda und dem Schriftzug Armada de Chile, und ich denke, es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß es nicht die Handarbeit einer chinesischen Fabrikarbeiterin ist. Ich kaufe zwei Stück davon, eine für mich und eine für meinen Sohn. Ich fahre mit dem Bus zurück in das von der Abendsonne leuchtende Santiago. Irene sitzt im Garten und liest Saramago, den portugiesischen Nobelpreisträger. Sie sagt, manchmal gefällt er ihr überhaupt nicht, und dann wieder ist sie von ihm begeistert, und sie fragt sich, woran das liegen mag. Julia freut sich über mein Mitbringsel, ist aber gerade sehr mit Chatten im Internet beschäftigt. Beim Abendbrot fragt Ruben, warum ich nicht nach Viņa del Mar gefahren bin, wo dieser Tage ein großes Musikfestival stattfindet. Vielleicht war das ein Grund dafür, warum so wenig Leute am Strand waren. Und dann im Bett denke ich an die Blondine im "Wind of the Sea", an Winnie und Willie und den Jungen mit dem Hund, und an die Marinetaucher, die Chiles Küste so gut beschützen. Und ich denke an den Admiral Miguel Grau Seminario, der der schönen Witwe des Arturo Prat dessen Degen geschickt hat als Zeichen der Ehrerbietung vor seinem würdigen Gegner, und die ihn, Admiral Grau, daraufhin zu einem Caballero de los Mares, einem Ritter der Meere erklärte. Was für eine unglaubliche Geste gegenüber dem Bezwinger ihres geliebten Gatten.
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