Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur nightletter@web.de

 
Mark Ponzio

Ein Besuch beim König
 

 
Der Palast lag auf einem Hügel, der nach Westen hin steil abfiel. Auf der gegenüberliegenden Seite war das Meer, und die rechte Flanke war durch ihre natürliche Beschaffenheit unwegsam, so dass der einzige Zugang von der Nordseite her möglich war, wo eine breite, mit Kalksteinen bepflasterte Straße hinauf führte.

So war es jedenfalls damals, als ich mit meinem Begleiter, einem ortskundigen, aber nicht einheimischen, älteren Mann, dort gewesen bin. Kann sein, dass sich inzwischen einiges verändert hat, es ist sogar sehr wahrscheinlich. Denn die alten, ehemals berühmten Stätten sind alle nicht so geblieben, wie wir sie aus den Berichten kennen. Vieles ist zwar erhalten, jedoch kaum in seiner ursprünglichen Gestalt, mitunter nicht einmal in der originalen Anlage.

Ein Haus (und ein Palast ist nichts anderes als ein Haus) hat sozusagen ein Doppeldasein, welches zum einen durch die bestimmt wird, die in ihm wohnen. Früher waren das, anders als heute, über mehrere Generationen hinweg Menschen, die dem gleichen Geschlecht, genauer gesagt, dem gleichen Stamm oder der gleichen Sippe angehörten, deren Mitglieder sich alle auf ein und denselben Urahnen berufen konnten, der meistens männlich war; aber nicht immer und nicht unbedingt.

Sie waren in diesem Haus geboren worden, darin aufgewachsen oder durch Einheiratung in die Familie aufgenommen worden. Sie lebten darin, verließen es für eine Zeit, kehrten dahin heim, setzten sich da zur Ruhe. Sie feierten die Geburtstage, die Feste zu Ehren der Götter und Ahnen, die persönlichen Erfolge, schmiedeten die großen Pläne, und sie trauerten um die, welche gestorben waren. Einige, die fortgegangen waren, kamen nie wieder, und nur die Erinnerung an sie erfüllte die Räume.

Von jedem einzelnen dieser Menschen bekam das Haus seinen Teil geschenkt, und seien es auch nur die wenigen Atemzüge und Schreie gewesen, die ein Kind getan hatte, bevor es sogleich wieder dahinschied. Aus all diesen Nebenäußerungen seiner Bewohner setzt sich das Leben eines Hauses zusammen, und der Stein, aus dem es gebaut ist, erhält dadurch seine Seele.

Das geschieht übrigens ohne das willentliche Zutun des Menschen, und es geschieht auch bei den Häusern, in denen Menschen lediglich verkehren, ohne darin zu wohnen. So kommt es, dass manche Häuser auf uns einen anziehenden, einen behaglichen, einen heiligen Eindruck machen, wie zum Beispiel ein Tempel, und andere uns dagegen abschrecken, verängstigen oder erniedrigen, wie ein Gefängnis.

So kommt es, dass manche Häuser schön zu nennen sind und manche hässlich, und selbst ihre Baumeister haben am Leben dieser Häuser mitzutragen. Aber niemandem sollte es einfallen, dem Gebäude die Schuld dafür zu geben, ob wir es lieber betreten oder es fliehen wollen, denn sein Charakter ist nicht das Werk eines einzelnen Mannes oder einiger geschickter Handwerker, sondern es ist stets die Auswirkung des Lebens der Menschen, die in ihm wohnten, die Folge ihres Auslebens.

Ich sprach von seinem Doppeldasein, und neben diesem ersten gibt es ein zweites, das beginnt, wenn das Haus nicht mehr bewohnt ist, wenn seine Räume leer sind, leer von Menschen, leer von Atem und Stimmen, leer von Leben. Dann beginnt der Verfall des Hauses, ein Verfall, wie ihn alles Irdische ereilt. Von den Wänden bröckelt der Putz, durch die Löcher im Dach regnet es herein, Türschlösser verrosten und müssen aufgebrochen werden, falls es noch jemanden gibt, dem es das wert ist. Die Wände, Decken, Mauern stürzen ein, die brauchbaren Steine werden allenfalls woanders weiterverwendet, und die Seele des Hauses wird zerrissen.

Irgendwann vielleicht forscht einer nach, wo und wann dieses Haus da gestanden hat, aber ein solches Interesse ist vergleichsweise unwahrscheinlich, und vor der Beachtung und Bedeutung, die der steinerne Bau verdient, kommt immer zuerst die Bedeutung der Menschen, die darin wohnten, und das ist völlig recht so, denn nichts verdient mehr Interesse auf dieser Welt als ein Menschenleben.

Ich will nicht behaupten, dass ich solche Gedanken hatte, als ich damals mit meinem ortskundigen Begleiter die Straße zu der Burg hinaufging, vielleicht unbewusst, mit der Idee, sie irgendwann einmal an passender Stelle auszusprechen, was hiermit geschehen sein soll. Viel eher war es so, dass ich ziemlich aufgeregt war, dem alten König Theseus zu begegnen und mit ihm das Gespräch zu haben, um das ich ihn einige Wochen zuvor gebeten hatte. Es war ebenfalls ein Gefallen meines Begleiters, eines weisen Mannes, den er mir tat, als er meinen Besuch arrangierte, und er schenkte mir überdies auch noch einige aufschlussreiche Informationen über Theseus und über Aricia, die zu der Zeit ebenfalls hier im Palast wohnte.

Dass der König seine Herrschaft förmlich auf seinen Sohn übertragen und sich aus dem Alltagsgeschäft längst zurückgezogen hatte, das war allgemein bekannt. Doch Theseus wäre nicht der Monarch gewesen, als der er schon zu Lebzeiten eine Art Staatsgott wurde, wenn er nicht, solange sein Herz schlug, über alles, was in Reichweite seines Eingreifens lag, mit der Klugheit und Entschlossenheit eines wahren Heros hätte obwalten wollen.

Allein die Legenden, die sich um seine Abenteuer rankten, forderten, wie alle echte, unvergängliche Kunst und Gunst der Musen, dass er nicht aufhörte, ihnen gerecht zu sein und nicht etwa Angelegenheiten dem Geschick anderer überlässt, wo er selbst, er allein, den Lauf der Dinge regeln sollte. Daher wollte ich zu gern wissen (wenn es so wäre), inwieweit Theseus trotz seines hohen Alters in die Staatsvorgänge eingreift, ohne doch für einen Außenstehenden jeglichen Anschein von Bevormundung seines Sohnes und amtierenden Königs oder dessen Vertrauten erkennen zu lassen.

Doch da dämpfte mein Begleiter gleich mein Bestreben, und zwar mit der simplen Gegenfrage, wozu das nützlich sei zu wissen? Worauf ich allerdings nichts zu entgegnen wusste, außer dass es meine Neugier befriedigen würde, was mir in dem Augenblick klar wurde und was ich ungern eingestanden hätte. Es hatte mir aber ein guter Geist wirklich einen trefflichen Begleiter an die Hand gegeben, der mir nicht nur meine letztlich törichten Fragen ausredete, sondern mein ganzes Nachsinnen auf die Geschichte lenkte, deren Geschehen nun beinahe zehn Jahre zurücklag und die dem Theseus, der damals schon eine Menge unerhörter Sagen auf sich verbuchte, noch ein Kapitel unermesslich tiefen menschlichen Lebens und Leidens hinzufügte, wie es eben nur den ganz großen Helden und Heldinnen gewidmet wird. Mein Begleiter meinte damit natürlich jene Ereignisse um Phaedra, des Theseus zweite Ehefrau und um Hippolyt, seinen Sohn aus erster Ehe, fatale Ereignisse, die mit beider Tod endeten.

Es sei angemerkt, dass zu der Zeit meines Besuchs, der wie gesagt, auch schon wieder lange her ist, die Geschichte von Phaedra und Hippolyt noch nicht so bekannt war wie heute, jedenfalls nicht überall. Auch die besten Geschichten, auch die ewig aktuellen, verbreiten sich nur allmählich, wenngleich dies wie ein Widerspruch klingt. (Den Grund dafür glaube ich in der Übermacht der minderwertigen Geschichten zu sehen, die allenthalben aus niederen Affekten, meist aus geschäftlichem Eigennutz oder auch einfach aus Dummheit, unters Volk gestreut werden.

Aber das ist ein anderes Thema, das ich vielleicht später einmal ausführlicher bearbeiten werde.) So war es für mich in großen Stücken durchaus neu, was mir mein Begleiter erzählte, und ich durfte ihn nicht nur in jener Gegend, sondern auch in der Historie bewandert nennen, was ihn mir noch sympathischer machte.

Theseus war ein schöner Mann. Er war kräftig gebaut, doch auf den ersten Blick fiel mir auf, dass er kleiner war, als ich ihn mir vorgestellt hatte und ich ward an die Szene erinnert, die der Onemisos auf einer seiner Schalen darstellt und die den Helden in Gesellschaft Athenas und der Nereustochter Amphitride zeigt: von knabenhafter Gestalt und ganz das Gegenteil eines muskelbepackten Recken. Wie man mir bestätigte, war Theseus nicht nur vom Körperbau, sondern auch von gewissen Charaktereigenschaften her dem Herakles sehr verschieden.

Manche sagen, dass sich die beiden gerade wegen ihrer Verschiedenheit so gut miteinander vertragen haben, indem sie sich ergänzten. Aber Herakles war ebensowenig der geistig minderbemittelte Kraftprotz wie andererseits Theseus der elegante Bezwinger war. Hippolyt hatte, wenn man den Berichten glauben darf, gemeint, auf die Kunde von Theseus Taten hin, habe sich Herakles eine Ruhepause gegönnt, eine sehr originelle und sicherlich auch wahre Vorstellung, und noch dazu eine schöne Würdigung des Vaters.

Wie ich ihn vor mir sah, mit weißem lockigem Haar, mit dem feingeschnittenen Gesicht, den klaren Augen, wie er mir die schmale Hand reicht und ein Lächeln über sein Antlitz huscht wie der Schatten eines auffliegenden Vogels, da fragte ich mich im stillen durchaus, ob man sich nicht viel mehr gewundert hätte über seine siegreichen Kämpfe gegen alle möglichen Bösewichter und Ungeheuer, wenn man ihn mit eigenen Augen gesehen hätte. Kaum zu glauben, was man diesem Mann zutrauen musste. Und dabei waren diese Kämpfe alles andere als langwierig gewesen, er hatte seine Gegner stets wie im Handstreich niedergemacht, manchmal, wie beim Sinis, dem Fichtenbieger, so rasch, dass die Erzähler nicht einmal genau wissen, wie er ihm den Garaus gemacht hat.

Unter seinem langen, etwas zu weiten Gewand musste ein Körper verborgen sein, der über außerordentliche Beweglichkeit, Schnelligkeit und Elastizität verfügt, und was ihm, etwa im Vergleich mit Herakles, an Muskelmasse fehlte, das machte er durch eine schier übersinnliche Wahrnehmung und durch blitzartige Reaktionen mehr als wett. Auch hatte man ihn häufig den Wurfspieß mit solcher Wucht und Treffsicherheit schleudern sehen, wie sie nicht mit dem gepriesenen kretischen Bogen erreicht werden konnte. Er konnte besser riechen als jeder Hund, besser hören als jede Fledermaus und besser sehen als jeder Falke, und als wir auf der Terrasse seines Palastes standen und aufs Meer hinausblickten, machte er uns auf den Klang einer Flöte aufmerksam, die wir beide, mein Begleiter und ich, nur mit großer Anstrengung glaubten hören zu können. Theseus summte gar die Melodie nach. Und er machte auch irgendeine Bemerkung zu dem Lied, die mir aber entfallen ist.

Ich hatte bereits seinen klaren, leuchtenden Blick erwähnt. Er hatte, anders als der troizenische Menschenschlag gemeinhin, helle Augen, von bläulichem Grau, das sehr transparent wirkte, als würde es aus seinem Innern heraus mit weichem Licht strahlen. Und er hatte auch in jenen Tagen noch diesen verführerischen Blick, von dem man mir etwas vorgeschwärmt hatte und der, in irgendeiner nicht in Worte zu fassenden Verbindung mit kaltblütiger Entschlossenheit auf seinen Gegenüber einen unauslöschlichen Eindruck machen musste.

Freilich, er schaute nicht immer und unentwegt so drein, aber selbst bei unserer aufgelockerten Unterhaltung brach es manchmal durch und flammte auf, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Wie muss Ariadne, des Minos' schöne und bedauernswerte Tochter von diesem Blick getroffen und entzündet worden sein! Wie muss sie davon, mehr als durch alle Rituale und geheiligten Handlungen an den Jüngling, als der er sie seinerzeit entführte, verfallen, auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden worden sein. Ohne Abschied von ihrer Familie folgte sie ihm. Er überließ sie dem Dionysos, dem sie gefiel, und dem man lieber nichts verwehren sollte; er ließ sie auf Naxos zurück, stahl sich heimlich davon, als sie noch schlief.

"Frauen sind mein Schicksal", sagte Theseus nicht ohne einen scherzhaften Unterton, und er fügte hinzu "ich habe sie immer für mich gewonnen und stets an andere verloren." Ich schwieg, und er sagte "Vielleicht haben mir das die Leute übelgenommen. Ich habe immer für Gerechtigkeit und gegen das Böse gekämpft und mit Erfolg. Aber den Frauen gegenüber war ich als Schwächling gescholten. Nicht in meiner Manneskraft, verstehen Sie mich richtig, ich könnte Ihnen von manchem Abenteuer auf meinen Fahrten mit Herakles oder mit Peirithoos erzählen, von dem die Welt noch nicht erfahren hat. Aber das geschah in der Ferne, aus Lust und zu meiner eigenen Befriedigung."

Man hörte eine Stimme aus dem Palast rufen, und Theseus antwortete mit einer Handbewegung, ohne weiter darauf einzugehen. "Als König", so fuhr er fort, "kann man sich nicht länger wie ein Prinz benehmen und schon gar nicht wie ein ungestümer Liebhaber, das will das Volk nicht haben. Leider musste ich das erst spät erkennen, und ich entbehrte auch der Berater, die es mir hätten sagen können. Ein König hat entweder prächtige Kinder und kein Weib, das akzeptiert man. Oder er hat ein Weib, das so begehrenswert ist, dass er es scharf bewachen muss wie der Argos die Io. Nur dem Zeus höchstpersönlich dürfte sie erliegen. Die anderen aber, die weder bereits in der Schattenwelt weilen noch darauf gefasst sein müssen, dass sich ihnen der Donnerer nähert, die schmälern stets das Ansehen ihres Gatten, sie machen ihn in den Augen seiner Untertanen zu einem gewöhnlichen Menschen, und ein gewöhnlicher König ist beinahe schon ein betrogener König."

Wie er das sagte und mich anschaute, da dachte ich, der wahre Kern dieses knabenhaft anmutenden Helden mit dem ewig strahlenden Blick besteht aus lauter Erwartung, und ich meine, dass Theseus zumindest in seiner Jugend und in den Jahren seiner Fährnisse, als er noch über keine Erfahrung verfügte, außer vielleicht der, wie man die Waffen am zweckdienlichsten gebraucht, und er in seinem Tatendrang stets nur danach Ausschau hielt, wo etwas überwältigt werden kann; dass Theseus in jenem Anbeginn leicht hätte ausgenutzt werden können von denen, die zwar seine vielversprechenden Eigenschaften und Fähigkeiten erkannten (und wer konnte sie leugnen?), die aber in ihm niemals den künftigen Heldenkönig von Attika vermutet hätten, der einem Herakles den Rang streitig machen könnte.

Damals, so erinnere ich mich ziemlich deutlich, empfand ich das unglaublich Liebenswürdige, das von ihm ausging, für einen Moment tatsächlich als Nachgiebigkeit, bevor sie sich gleich darauf in Überlegenheit wandelte, eine Überlegenheit, wie sie ein kultiviertes Wesen gegenüber der ungezähmten Natur besitzt. Die Dimension seines Handelns, dessen Notwendigkeit und Zweck, auch sein Ansporn haben sich später gründlich geändert und alles Wahllose oder Überschwängliche ist gewichen; doch von jener unbefangenen Erwartung ist in seinem Blick noch etwas lebendig geblieben wie ein Omen, wie ein Lichtschein, der ihn eines Tages möglicherweise dahin zurückführen wird, von wo er einst aufgebrochen war.

Da kam Aricia aus dem Haus zu uns auf die Terrasse. "Hast du mich nicht rufen hören, Vater?", fragte sie lächelnd, und man sah, dass sie nicht daran zweifelte. "Das Gastmahl ist bereitet." Theseus küsste sie auf die Stirn und stellte uns Aricia vor. Meinen Begleiter kannte sie vom Hörensagen, er hatte irgendwann einmal für den Garten, der sich hinter dem Palast befand, bestimmte Beerensträucher besorgt. Wir begrüßten sie ehrerbietig. Sie war wunderschön anzusehen. Sie war schlank, hatte rotbraunes, glänzendes Haar und ein rundes, mädchenhaftes Gesicht.

Sie musste damals an die dreißig sein, wirkte aber viel jünger, und später, als sie von Hippolyt erzählte, schien es mir, als wäre die Zeit an ihr stehengeblieben oder als würde sie mit ihrer Erinnerung auch ihr Antlitz, ihr ganzes Äußeres zurückversetzen können. Aber das konnte auch eine Maske sein, hinter der sie ihren Schmerz zu verbergen suchte, denn bei aller Frische und Jugendlichkeit, mit der sie uns gegenübertrat, spürte man, vor allem wenn man genau auf ihre Gesten achtete, eine tiefe Beschwernis.

"Wer ist das, der dort auf der Flöte spielt?", fragte Theseus und wies in die Richtung. Obwohl gerade wirklich nichts zu hören war, wusste Aricia Bescheid. "Das ist ein Mädchen in Bura, man spricht schon überall von ihrer holden Kunst, sie ist noch ganz jung, sie hat sich das Flötenspiel ganz allein beigebracht." "In Bura, sagen Sie", meinte mein Begleiter und dann nannte er die Entfernung, in der dieses Dorf lag.

"Sie wundern sich, wie gut der alte Herr hören kann?", sagte Aricia. "Früher hat er manchmal fürchterlich über einen Hund geschimpft, der ihm mit seinem Gebell den Schlaf raubte; niemand außer ihm konnte etwas davon vernehmen. Nicht wahr, Vater?" "Es war sein herzzerreißendes Jaulen", erwiderte Theseus, "es erinnerte mich an eine andere Kreatur." "Nun lasst uns hineingehen", sagte sie, hakte sich an Theseus' Arm unter und wir begleiteten sie an beiden Seiten ins Haus.

Im Innern war es angenehm kühl, und dieser Seitenflügel des Palastes war so gebaut, dass das Sonnenlicht an mehreren Stellen indirekt auf die weißen, glatten Wände fiel und den Raum auf eine Weise erhellte, die ihn fast fließend mit dem Draußen verband und doch den Gast, oder jeden, der hereinkam, wie an einem Ort empfing, wo man sich gern eine Rast gönnte. Irgendwelche beweglichen Accessoires, die man nicht erspähen konnte, zauberten kleine Schattenspiele auf den Boden, die mit dem Lauf der Sonne selber mitwanderten. Verlor man sich in ihrem Anblick, so schien es, sie würden den Gesang der Vögel und Grillen untermalen, die selbst im Raum nicht geduldet waren.

Das Mahl war üppig und für die wenigen Personen, die wir waren, viel zu reichlich. Unter den Speisen gab es eine Fleischpitta gefüllt mit Lamm-, Kalb- und Rindfleisch. Desweiteren wurde Fisch serviert, wahrscheinlich ein Seehecht, mit einer sehr kräftig gewürzten Mayonnaise; der Fischkörper war in kleine Stücken zerlegt und mit verschiedenem Gemüse gemischt und das ganze wieder zwischen Kopf und Schwanz gelegt worden, so dass er seine ursprüngliche Form wiedererhalten hatte. Aricia forderte uns auf, von den "kleinen Schuhen" zu probieren, es waren halbierte Auberginen, gefüllt mit einer Paste und mit dem köstlichen Kefalotirikäse. Dazu tranken wir einen trockenen Hymettos aus der Athener Gegend.

Theseus fragte meinen Begleiter nach der Situation auf dessen Landgut in Epidauria, das im letzten Sommer von einer Dürre heimgesucht worden war. Mein Begleiter nannte die Maßnahmen, mit denen er den Zustand inzwischen wieder verbessern konnte. Ich verstehe nichts vom Landbau, hörte aber zunächst der Höflichkeit halber zu und steuerte auch zwei oder drei allgemeine Feststellungen bei, die nicht falsch sein konnten. Ich bemerkte, dass das Thema auch Aricia wenig ansprach, und so begann ich mit ihr eine kleine Unterhaltung hauptsächlich über die Königsburg und alles, was man erblicken konnte, wenn man zum erstenmal hierher kam.

Aricia lächelte viel und zeigte ihre makellosen Zähne; sie schaute einen immer direkt an, ohne Scheu, anscheinend ohne jeden Hintergedanken, und es kam mir so vor, als würde sie gespannt auf jede weitere Frage warten, um dann wie aus dem Nichts heraus eine Antwort zu erfinden, die so klug und auch hübsch formuliert war, dass sie sich offensichtlich selber darüber freute. Schließlich wurde sie ein bisschen unernst.

Natürlich unterließ ich es nicht, ihre Konversation zu loben, und sie winkte kokett ab. Es fehle ihr eigentlich an Gelegenheit, sich darin zu üben. Da mischte sich Theseus ein und sagte, in Wahrheit wären jeden Tag Gäste hier im Haus. Ja, das schon, entgegnete sie, aber die kämen entweder zu ihm, Theseus, oder zu seinem Sohn, jedenfalls wegen irgendwelcher politischer Angelegenheiten, von denen sie keine Ahnung habe. Theseus nannte einen, der kürzlich nicht deswegen gekommen war, einen Künstler, einen Bildhauer aus Theben. "Den Numenios?", fragte Aricia. "Mag sein, dass er ein bedeutender Bildhauer ist, ein beeindruckender Mensch ist er nicht. Außerdem war er so gesprächig wie dieser Fisch hier."

Von der Seite kamen plötzlich Stimmen und es erschien eine Gruppe von Männern, deren erster ein wenig verdutzt war, als er Theseus und Aricia hier mit uns sitzen sah. "Vater", rief er und musterte mich und meinen Begleiter mit einem kurzen, nicht allzu freundlichen Blick, "ich wusste nicht, dass du Besuch hast, ich möchte nicht stören, wir gehen hinüber in den Taubenschlag." Ich wandte mich fragend zu Aricia, sie lachte und erklärte "Der Taubenschlag ist ein Anbau da drüben, wir nennen ihn so, weil die Kinder am liebsten dort spielen, und dann geht es da zu wie im Taubenschlag."

"Wo sind die Kinder?", wollte ich wissen. "Heute sind sie unterwegs, sie machen einen Ausflug, man hat am Strand einen Meeresdrachen gefangen, oder er ist angespült worden, ich weiß nicht genau, und jetzt ist er eine Attraktion, alle wollen ihn bestaunen, vor allem natürlich die Kinder." "Einen Meeresdrachen?" "Ja. Haben Sie schon mal einen gesehen?" "Ich war auf Telos, dort haben sie auch so etwas zur Schau gestellt, aber ich muss sagen, es sah mir nicht so aus, als würde dieses Ungeheuer schwimmen können." "Vielleicht werden sie ja deshalb ans Land gespült. Das war eben übrigens Theseus' Sohn", setzte sie unvermittelt hinzu. "Der König?" "Ja", sagte sie und schaute neugierig zu den Männern hinüber, die nun doch nicht in den Taubenschlag gegangen waren, sondern auf die Terrasse, wo man ein großes Sonnensegel aufgespannt hatte.

Sie konnte schlecht verbergen, wie gern sie erfahren hätte, was man dort beredete, und auch Theseus wandte den Kopf mehrmals zu ihnen hin. Ich glaubte auch zu sehen, wie er sich mit Aricia durch Blicke verständigte. Als die Bediensteten das Geschirr abtrugen, flüsterte ich meinem Begleiter zu, ob es besser wäre, wenn wir uns für eine Weile entfernen, wir könnten ja den Garten besichtigen. Theseus schien meine Verlegenheit zu ahnen, er sagte "Eins von den üblichen verschwörerischen Treffen, man sollte die Herren gar nicht beachten. Ich war auch nur überrascht, weil Keleos ein blaues Auge hat." Tatsächlich hatte einer der Männer einen Bluterguss im Gesicht.

Theseus' Sohn hatte eine untersetzte Gestalt, ein großes Haupt mit hoher Stirn und nur noch wenigen Haaren an den Seiten, die Kopfhaut glänzte hell. Er hatte einen Bart wie die alten Philosophen und seine Augen gingen, soweit ich das von meinem Platz aus sehen konnte, unruhig hin und her, von einem zum anderen, als nähme er ihre Berichte entgegen. Ich wagte Theseus oder Aricia nicht nach den anderen Männern zu fragen, und auch des Keleos' blaues Auge, das offenbar von einer Schlägerei herrührte, wurde nicht weiter erörtet.

Es war die Zeit, als in Athen ziemlich heftige Machtkämpfe ausgebrochen waren nach einer relativ langen Phase der politischen Ausgewogenheit zwischen den verschiedenen Gruppen. Einiges darüber war mir bekannt, aber ich bin nie Athener gewesen und für einen Unbeteiligten haben alle menschlichen Verhältnisse stets einen anderen als den wahren Charakter. Mein Begleiter klärte mich über einiges auf. Die vergangenen Jahre hatten Athen einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, wie man ihn bis dahin nicht erlebt hatte. Die Stadt zog immer mehr Menschen an, an allen Ecken und Enden wurde gebaut, es gab Arbeit für jeden, und Krieg und Eroberungszüge waren nicht mehr länger die Hauptquelle des Reichtums.

Der König hatte es geschafft, viele der attischen Fürsten, die auf ihren riesigen Landgütern lebten, zu sich in die Stadt zu holen und ihnen hier alle erdenklichen Privilegien eingeräumt. Sie fanden das Stadtleben angenehm (bis auf ein paar uralte autochthone Sonderlinge, die keinen Fuß mehr vor die Tür setzten.) Auf diese Weise flossen die Erträge der Verbündeten nach Athen, zwar nicht direkt in die Königskasse, aber eben in die Wirtschaft, und die Stadt festigte binnen weniger Jahre ihre zentrale Stellung im Land.

Merkwürdigerweise wurden, als es allen so gut ging wie nie zuvor, Stimmen laut, die dem König vorwarfen, er habe die Fürsten und wiederum deren Untertanen ihrer Freiheit und ihrer alten, angestammten Rechte beraubt. Sie wären von ihren ländlichen Gütern, aus ihrer Heimat sozusagen und von ihren Heiligtümern fortgelockt worden und hätten dabei nicht gemerkt, in welche Abhängigkeit vom König sie sich begeben. Diese Leute sprachen angeblich im Interesse der Fürsten, aber wenn man einen von denen daraufhin ansprach, wehrte er ab, er habe damit nichts zu tun. Andererseits hinderte auch keiner diese Demagogen an ihrem Treiben, außer natürlich der König und seine Getreuen selbst.

Am bekanntesten war der Menestheus, ein begnadeter Redner und Schönling, der, egal, mit wem er es zu tun hatte, immer die besten Worte und den richtigen Ton fand, um den anderen von seinen Ansichten zu überzeugen und jeden als willfährigen Handlanger für seine Sache zu gewinnen. (Ich möchte dazu sagen, dass diese Einschätzung mein Begleiter getroffen hat, der den Menestheus persönlich kannte und, wie er versicherte, genug Gelegenheit hatte, Einblick in sein Wesen zu bekommen, woran ich bei der Begabung meines Begleiters diesbezüglich nicht zweifle.) Es gab anfangs im Umfeld des Menestheus selbst Abweichler, die mit ihm und seinen Zielen, sofern er sie überhaupt einmal eindeutig aussprach, nicht einverstanden waren, aber diese Leute verstummten bald und einige wurden sogar gewaltsam zum Schweigen gebracht, so dass Menestheus endlich der Anführer der Bewegung gegen den König war.

Des Königs Berater versuchten die Gründe für Menestheus' Einfluss herauszufinden, und es gab Anzeichen dafür, dass unter den Fürsten, die einst nach Athen gekommen und sich dort niedergelassen hatten, ein Streit entbrannt war, in dem es letztlich um Vorherrschaft und um einträgliche Geschäfte ging. Da sich diese Männer untereinander misstrauten, sie aber andererseits schon soweit waren, dem König ihre Unterstützung (von Treue konnte vielleicht niemals die Rede sein) zu versagen, so einigten sie sich auf den Menestheus als ihren Strohmann, den sie gegen den Monarchen ins Feld schicken konnten. Ob ihre Wahl wirklich so klug war, würde sich nur in Zukunft herausstellen können, denn Menestheus war bestimmt nicht nur das willige Werkzeug, das sich die meisten von ihnen wünschten, sondern er hatte seine eigenen ehrgeizigen Pläne, über die er sich natürlich ausschwieg.

Sein größter Makel, der ihm anhaftete, war seine Besitzlosigkeit, und daraus resultierte sein Neid ebenso wie seine Gier. Aber seine Wirkung auf andere war phänomenal, und in den wenigen Worten, die Aricia bei unserem Besuch über den Menestheus äußerte, konnte ich etwas von dieser Wirkung erspüren, Aricia musste sich sehr beherrschen, um nicht in Begeisterung zu geraten. Das hätte mich umso mehr wundern müssen, war dieser Menestheus doch ein Feind des Königs.

Mein Begleiter verriet mir im Nachhinein etwas, das bei dieser ganzen Geschichte nicht außer acht gelassen werden sollte. Wenn er auch unvermögend war, so hatte er doch einen bedeutenden Vorteil für sich zu verbuchen, er war der Sohn des Peteos, der seinerseits ein Urenkel (andere sagten ein Ururenkel) des Erechtheus war, jenes legendären Königs von Athen, um den sich die Göttin Athena gekümmert hatte. Auch wenn diese Sippe längst in alle Winde zerstreut war, so konnte Menestheus belegen, dass er im Grunde der Nachfahre der uralten Aristokraten war, denen einst der Grund und Boden Athens gehört hatte. Diese Abstammung hatte die unleugbare Folge, dass Menestheus nicht nur bei den Fürsten, sondern vor allem beim Volk geradezu wie ein Wiederkehrender aus dem goldenen Zeitalter angesehen wurde. Und das, wie gesagt, zu einer Zeit, als die Stadt im Wohlstand blühte.

Während die Männer um den jungen König draußen debattierten und Theseus uns eine Episode aus seinem Feldzug gegen die Amazonen schilderte, kam eine Frau herein und brachte der Aricia die Nachricht, dass unten am Meer sich eins der Kinder verletzt habe. Aricia entschuldigte sich bei uns, sie müsse sofort an den Strand und sich um den Jungen kümmern. Ich bot ihr meine Hilfe an, da ich einige Kenntnis bei der Behandlung von Unfällen dieser Art hatte; sie war darüber froh, und ich begleitete sie dorthin.

Der Junge war beim Spiel einen steilen Abhang hinunter gestürzt, hatte sich den Arm aufgeschürft und den Fuß derart verstaucht, dass er nicht mehr stehen und gehen konnte. Es schmerzte sehr und er biss die Zähne zusammen, um vor den anderen, die sich tröstend um ihn scharten, nicht als Memme dazuliegen. Ich beauftragte welche von ihnen, Blätter eines Strauches zu holen, die wir dann auf die Schürfwunden legten und ein Tuch drumherum wickelten. Was den Knöchel betraf, so musste er geschient werden. Aber da fiel der Junge kurzzeitig in eine leichte Ohnmacht und ich nutzte den Moment aus, um die offensichtlich verrenkten Knochen zu richten, was man anderenfalls auf später hätte verschieben müssen. Von dem Schmerz erwachte er sofort wieder, fühlte sich danach aber erleichtert.

Wir bauten aus Ästen und Zeug eine Trage und schafften ihn hinauf zur Burg. Unterwegs fragte ich Aricia, weshalb sich so viele Kinder im Königspalast aufhielten, sie könnten doch kaum alle zur Familie gehören. Sie lachte und sagte "Nein, nicht alle. Die meisten kommen aus den Dörfern ringsum. Irgendwann haben wir mal welche aufgenommen, die nirgends untergebracht werden konnten, es waren auch Waisenkinder darunter, und im Laufe der Zeit ist das sozusagen zu einer ständigen Einrichtung geworden. Manche ihrer Eltern sind gezwungen, sich außerhalb Arbeit zu suchen und können sich nicht um ihre Kinder kümmern, manche haben nur noch einen Vater, der im Krieg ist, es gibt alle möglichen Gründe, einige kommen auch nur her, weil die anderen da sind. Es gibt aber auch solche, die zur Familie gehören", sagte sie und hob freundlich ihre Stimme.

"Dieser kleine nette Junge hier zum Beispiel ist Theseus' Sohn." Sie deutete auf einen lockenköpfigen Knaben an ihrer Hand, der artig neben ihr herging und mich etwas argwöhnisch anschaute, als von ihm die Rede war. Mir fiel sofort die Ähnlichkeit in den Gesichtszügen zwischen ihm und Aricia auf, aber ich schwieg, und dann war unser Verletztentransport auch schon beim Palast angekommen und Aricia verschwand mit dem Jungen auf der Trage, nachdem sie einen Boten losgeschickt hatte, der den Arzt benachrichtigen sollte.

Hatte ich bereits gesagt, dass Aricia Theseus stets "Vater" nannte? In den Berichten anderer Besucher, von denen ich gehört hatte, redete sie ihn mit "Herr" an. Hinsichtlich der Altersspanne, die zwischen ihnen lag, war die Anrede "Vater" durchaus rechtens. Ihr Verwandtschaftsverhältnis war das einer Nichte zu ihrem Onkel. In einer der ersten Aktionen, die Theseus durchführte, als er von Troizen, wo er seine Jugend verbracht hatte, nach Athen kam und König wurde, ließ er die Söhne seines Bruders, also Aricias Geschwister, liquidieren, um deren Thronfolge zu verhindern. Die Zahl von fünfzig Jünglingen ist sicher übertrieben, Aricia hat selbst irgendwann einmal von sechs Brüdern gesprochen, deren Tod sie zu beklagen hatte.

Sicher ist auch, dass sie die jüngste von des Pallas' Kindern war, und die Ermordung geschah, als sie so klein war, dass sie davon kaum etwas bewusst mitbekommen hat. Aber solche Schicksalsschläge in der Familie wirken bekanntlich selbst über mehrere Generationen hinweg auch in Lebensläufe, die sich nicht überschneiden. Kein Fluch und keine Rache kennt eine natürliche Grenze, die etwa Geburt oder Sterben ziehen kann, sondern setzt sich darüber hinweg wie ein durch nichts aufzuhaltender Sturm.

Theseus hatte gegen die Amazonen gekämpft, jene kriegslüsternen Weiber, die versklavte Jünglinge missbrauchten und sich angeblich eine ihrer Brüste amputierten, damit sie den Bogen besser spannen können (obwohl ich noch kein Bild von ihnen gesehen habe, wo dies der Fall war). Dort hatte Theseus die Antiope erobert, eine Frau von königlichem Geblüt, und hatte sie mit nach Athen gebracht, wo sie ihm den Sohn Hippolyt gebar.

Hippolyt und Aricia trennten nur wenige Jahre, und während der Sohn in Troizen, an der Südwestspitze der Argolis, aufwuchs, lebte Aricia in Athen nach der Auslöschung ihrer Geschwister quasi als eine Gefangene unter Theseus' strenger Aufsicht. "Auf ewig soll der Name ihres Stammes mit ihr begraben werden", sagte Hippolyt über sie und interpretierte damit die rigorose Entscheidung des Vaters, Aricias Vormund zu sein bis zu ihrem Tode und zu verhindern, dass aus der Familie seines Bruders Nachkommen entspringen. Sie fügte sich, ja, sie konnte Theseus dankbar sein, dass er sie verschont hatte; daher wohl die Ansicht, sie habe ihn am ehesten mit "Herr" angeredet anstatt mit "Onkel" oder gar mit "Vater". Man sagt aber auch, sie sei während des Massakers nach Eleusis in den heiligen Tempel geflüchtet und habe sich dort versteckt. Da sie ein Kind war, das die Bedeutung dieses Ortes unmöglich erfassen konnte, erklärte man die Handlung als göttliche Fügung, wahrscheinlich unter der Protektion der Artemis, die auch dem Hippolyt zugeneigt war. Wie auch immer, sie war dort sicher, niemand, dem sein Leben lieb war und der die Strafe der Götter fürchtete (und so einer war selbstverständlich auch Theseus) hätte einem Menschen in dem heiligen Bezirk von Eleusis auch nur ein Haar gekrümmt.

Wieder andere meinen, Theseus hätte sie rücksichtsvoll behandelt, weil er die Blutrache für seine frevelhafte Tat fürchtete, ja, er hätte Aricia sogar als Geisel bei sich behalten, falls irgendwer aus des Pallas' Sippe, der ihm entkommen war, auf die Idee käme, ihn zu bedrohen. Diese Vermutung kann wohl selber nur von den übriggebliebenen Pallantiden stammen, denn ein Heros von Theseus' Größe ließ sich weder zu solch schäbigen Maßnahmen herab noch hätte er seine Feinde jemals gefürchtet, wer immer sie auch sein mochten.

Den Ratschluss der Götter kann man nur sehr schwer ergründen, und meistens bringt einen die Vernunft dabei auf eine völlig falsche Spur. Ihre Motive liegen im Dunkeln, und wenn ich behauptete, dass ihre göttliche Gesinnung immer dann gefährlich gereizt wird, wenn ein Sterblicher auf die Idee kommt, sich in ihre Höhen aufzuschwingen, um es ihnen gleichzutun, dann könnte ich dafür zwar etliche Belege anführen, ob dies jedoch das Hauptmotiv ihres Schaltens und Waltens sei, wäre damit kaum zu beweisen. Auch untereinander gibt es bei den Göttern genug Reibereien und Streit, welche, man kennt auch das zur Genüge, auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden.

Zwischen ihrem Dasein und dem Leben, das die Menschen führen, klafft ein tiefer, unüberbrückbarer Spalt oder dehnt sich ein endloser Ozean, auf dem es einem Menschen, der stark und verwegen genug wäre ihn zu durchkreuzen, nicht einmal gelingen würde, durch Umkehr sich zu retten. Denn man sucht in dieser Weite zwischen Göttern und Menschen einen Ausweg vergebens, weil man nicht weiß, wo man sich gerade befindet;es gibt höchstens ein Hier und ein Anderswo, aber kein Vorwärts und Zurück.

Was wir von den Seligen erfahren, sind Nachrichten aus ihrer Welt, die keiner von uns jemals betritt. Für einen Gott oder eine Göttin dagegen ist es ein Leichtes, nicht nur in unsere Lebenssphäre einzudringen, sondern sich hier auch jeder Verkleidung oder jeder Gestalt zu bedienen, wie es ihnen passt, und darin anzustellen, was ihnen einfällt, ohne den Vorschriften und Gesetzen auch nur die geringste Beachtung zu schenken, von denen unsere Existenz auf Gedeih und Verderb abhängt. Freilich, manchmal scheint es, als wären die Götter gleichgültig gegen das irdische Elend, als würden sie des Menschen Leid und seine Schlechtigkeit befördern, wo es doch zweifellos in ihrer Macht läge, beides zu mindern. Aber was hilft es, ihnen deswegen Vorwürfe zu machen, das ist allenfalls etwas für das Ungestüm der Jugend.

Was meine Person betrifft, so habe ich nach Zeiten der tränenreichen und vergeblichen Klage (und auch Anklage) mich immer mehr darauf konzentriert zu erkennen, wo sich die Götter den guten und schönen Momenten des Menschen und seines knapp bemessenen Lebens annähern, sich dem widmen, was ihm selber zu einem besseren und edleren Menschsein verhilft oder was, und das ist vielleicht noch bedeutender, ihn tröstet und ihm die Ahnung vermittelt, es könnte das Leben unter anderen Umständen ein anderes sein, mit mehr verdienter Zufriedenheit und größerem Glück, wie man es nach all der so lange gehegten Hoffnung und auch der Überzeugung, dass die Quellen dafür in vielen, vielen Millennien unermüdlichen Schaffens zum Fließen gebracht worden sind, mit Recht beanspruchen kann. Eines dieser Momente, ob es nun mit göttlicher Wesenhaftigkeit etwas zu tun hat oder nicht, das uns Menschen stets wieder mit Kraft und mit dem Empfinden für eine vorherbestimmte Harmonie erfüllt, ist nämlich die Liebe, der auch die Götter, erst recht, nachdem sie selbst ihre Herrschaft befestigt hatten, ihr Mitgefühl niemals verweigern.

Was lag näher als die Annahme, dass Theseus' Sohn Hippolyt und Aricia, die Geschwisterkinder, sich in Liebe zueinander versetzt finden würden, und dass ihre Liebe ungeachtet des nötigenden Beschlusses des Vaters und ihrer räumlichen Trennung unwiderstehlich geworden wäre. Beides Letztgenannte hätte die Liebenden ja noch angespornt in ihrem Wunsch sich nahe zu kommen, oder etwa nicht?

Da fällt mir ein, dass ich einmal gelesen habe (die Stelle weiß ich nicht mehr), Aricia hätte reichlich Grund gehabt, Hippolyt zu lieben oder zumindest ihn für sich zu gewinnen, um somit des Theseus' schmachvolle Willkür zunichte zu machen. Das wäre wohl ein Triumph über ihn gewesen. Aber ein Triumph der Liebe über die Ungerechtigkeit? Oder eher ein Triumph der weiblichen Natur über anmaßende Männlichkeit? Welchem Gott, welcher Göttin hätte das gefallen? Wo sie dergleichen so oft auf Erden finden konnten.

Von vielen anderen Frauen in ähnlichen und doch nicht vergleichbaren Situationen hätte man ein solches Verhalten erwarten können, aber nicht von Aricia. Wer sie, wie ich, jemals leibhaftig erlebt hat, auch nur einen Tag lang und trotz aller Unverbindlichkeit und höflichen Distanziertheit einen Blick in ihre Seele werfen konnte, der weiß, dass sie nie einen Menschen, ob Mann oder Frau, hintergehen oder einen anderen ausnutzen könnte, und würde man ihr auch die triftigsten Gründe dafür liefern und die überzeugendsten Argumente, dass ihr Handeln richtig sei. Wo bei manchen anderen Frauen pure Berechnung dahintersteckt, da konnte man bei ihr höchstens eine leichte Übertreibung bemerken, so wie man sie von Kindern kennt, die sich in ein Spiel hineinsteigern; und wo andere die Genugtuung über ihre gelungenen Kabale und Anschläge auskosten, da musste man über ihre Naivität staunen, mit der sie jedes Urteil über sich aufnahm.

Mehrmals hatte ich das an diesem Tag bei unserem Besuch wahrgenommen, und ich will nicht verhehlen, dass mir der Verdacht kam, Aricia hätte ihr Wesen ihrer Rolle angepasst, mit einer Vollkommenheit und Tadellosigkeit, die all die furchtbaren Ereignisse ihrer Vergangenheit vergessen machen mussten. Ich sprach bereits von der Maske, die sich ein Mensch in ihrer Lage womöglich aufgesetzt hätte, um hinter dem fröhlichen Gesicht das todtraurige zu schützen. Am Ende musste ich eingestehen, dass es diese Maske nicht gibt, und ich war froh darüber.

Ich glaube, der Grund, weshalb die Liebe zwischen ihr und Hippolyt sich nicht über ein gewisses Maß hinaus entwickelt hat, liegt darin, dass sie beide, Aricia wie Hippolyt sich näher waren, als es zwei Menschen verschiedenen Geschlechts und vom gleichen Blut sein können. Sie waren rein und unschuldig wie die Geschöpfe einer nimmermüden Naturgewalt, wenn sie von einem milden, müßigen Hauch besänftigt und angerührt wird, Geschöpfe, die immer ein bisschen so sind, als wären sie zufällig auf die Welt gekommen und beständig auf der Suche nach einem tieferen Sinn dafür.

Tatsächlich waren Hippolyt und Aricia mehr wie Bruder und Schwester, und in meinen Gedanken passt zu ihnen die Geschichte, wie sie verabreden, jeder an verschiedenen Orten einen Auftrag zu erledigen, und die Erfüllung beider Aufträge wird den alten Fluch brechen, der auf ihnen lastet und ihnen ihr Leben schwer macht. Ich weiß, das klingt ein wenig märchenhaft, und ich hätte davon vor Aricia und Theseus keine Silbe verloren. Aber ich versuche nur, mir darüber klar zu werden, warum es mit den beiden nicht geklappt hat, um es mal etwas lakonisch auszudrücken. Warum es nicht geklappt hat, obwohl einer des anderen ersehnter Gefährte, die vollendete Ergänzung, ja die Rettung aus aller Not und Düsternis gewesen ist.

Alles hätte sich wunderbar fügen können: Aricia, allein, ihrer Familie beraubt und der Demütigung durch den Despoten ausgeliefert, aber mit unbeschädigtem Lebenswillen, da ihr selbst eigenes Scheitern nicht widerfahren war und sie sich dem Arrest und der Unmündigkeit, in die sie völlig überraschend geraten war, im richtigen Augenblick entledigen kann, und zwar, wenn sie dies mit der ihr eigenen Naivität macht, ohne jemand anderes dabei ernstlich zu verletzen. Eines Morgens wäre sie nicht mehr im Haus gewesen, und Theseus hätte eine Nachricht in ihrem Zimmer gefunden, in der sie ihn um Verständnis bittet für ihren Schritt. In der sie ihm vielleicht sogar das Versprechen gibt, niemals etwas gegen ihn und seine Königsherrschaft zu unternehmen.

Ich bin sicher, Theseus hätte mehr traurig als wütend darauf reagiert, und wahrscheinlich hätte er, als man ihn fragte, ob seine Soldaten die Flüchtende verfolgen sollen, schweigend abgewinkt. Was er aber in diesem Moment nicht weiß ist, dass an einem anderen Ort Hippolyt in derselben Nacht fortgegangen ist, allerdings ohne eine Erklärung zu hinterlassen. War das abgesprochen? War es lange geplant und, trotz der unspektakulären Art und Weise, lange vorbereitet worden?

Die hervorstechendste Eigenschaft, die man immer wieder hören und lesen kann, wenn es um Hippolyt geht, ist sein Jagdeifer, seine Vorliebe, mit dem Bogen bewaffnet durch die Wälder zu streifen und dem Wild nachzustellen. Das scheint nun überhaupt nicht ins Bild passen. Der weltabgewandte Jüngling, der alle Tage am Busen der Natur verbringt, während anderswo Feinde besiegt, Schätze erbeutet, Gefangene befreit oder verschleppt werden; der die Rehe auf der Lichtung beobachtet und den Adler am Himmel, während am Königssitz um die Macht gerangelt wird oder der Mob sich empört wegen zu hoher Steuern.

Hippolyt hat sich nie für die Vorgänge an seines Vaters Hof interessiert, und Theseus scheint seinerseits nicht darauf bedacht gewesen zu sein, den Sohn als seinen Nachfolger heranzuziehen. Er gab ihm den Theramenes zum Lehrer, der sicher ein gebildeter Mann und guter Pädagoge war, jedoch nur zweifelhafte Referenzen hatte, manche nannten ihn liederlich, kein geeignetes Vorbild für einen Prinzen.

Dass Hippolyt als König nicht in Frage kam, hatte wohl seine Begründung in seiner Herkunft. Der Sohn einer Amazone, die zwar, ich erwähnte es kurz, eine Königin war, deren Königswürde aber unter athenischen Verhältnissen nichts galt: bei den Barbaren dürfen sich alle König oder Königin nennen, das ändert nichts an ihrer Minderwertigkeit. Zudem hatten die Amazonen gegen Athen Krieg geführt, nun ja, kein großer Krieg, vielmehr ein kleiner Rachefeldzug, der mühelos abgewehrt wurde. Dabei war Antiope, Hippolyts Mutter, ums Leben gekommen.

Von offizieller Seite hieß es, sie habe mit den Athenern gegen die ehemals eigenen Gefährtinnen gekämpft, was nicht so ungewöhnlich ist, wie es zuerst scheint. Sie hat auch wahrhaftig nichts unternommen, um die Amazonen zu begünstigen, von denen sie schließlich getötet wurde. Aber es blieb auch danach in den Augen der Athener etwas Verdächtiges, etwas Unwürdiges an ihr haften, das natürlich auf den Sohn übertragen wurde.

Soweit man das aufgrund der Tatsachen einschätzen kann, dürfte Hippolyt seine Mutter kaum gekannt haben. Sie hat ihn gelegentlich in Troizen besucht, weilte dort immer mal ein paar Tage, vielleicht ein, zwei Wochen. Einmal, so heißt es, ist sie wegen einer Erkrankung längere Zeit dort gewesen, wohlgemerkt: sie war erkrankt, nicht Hippolyt. Als er in das Alter kam, in dem man sich fragt, wer eigentlich die Personen sind, die einen umgeben, war Antiope nicht mehr unter den Lebenden.

Etwa zur gleichen Zeit erwachte in ihm die Leidenschaft zur Jagd. Sollte er unter dem Verlust der Mutter schwerer gelitten haben, als man es ihm ansehen konnte? Wollte der Knabe in der freien Natur der Bedrückung seines Herzens Luft machen? Sollte er die Menschen, die ihm ohnehin fremd sein mussten, gemieden und sich zu der Stille des Waldes oder den Stimmen der Tiere, dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des Baches hingezogen gefühlt haben?

Die liebliche und gütige Artemis nahm sich seiner an, und das ist nebenbei gesagt, ein Indiz dafür, dass Hippolyt nicht der wilde Jäger war, dessen Seelenschmerz oder seine Eigenbrötlerei ihn zu einem boshaften und jähzornigen Mann gemacht hätte. Wen Artemis mit ihrer Freundschaft beglückt, der muss ein herzensguter, ein unschuldiger und in seiner Unschuld vielleicht auch hilfloser Mensch sein, einer, der sich in der bewohnten Welt nicht gut zurechtfindet und der deshalb am liebsten die Wildnis durchstreift. Der kein anderes Dach überm Kopf braucht als das Firmament oder die beblätterten Zweige des Baumes; kein anderes Lager als das büschelige Gras oder gehäuftes Stroh unter der groben Decke. Hier fühlte er sich wohl, als gerngesehener Gast in Artemis' Reich. "Bleib' so lange du willst", mag sie ihm zugeflüstert haben, als sie ihm mit der Schar ihrer Begleiterinnen begegnete, "und komm' wieder, wenn dich danach verlangt."

Er wuchs zu einem stattlichen, schönen Jüngling heran. Niemand anderes als Aricia selbst beschrieb ihn mir so anschaulich, als ich sie nach ihm fragte, und ich erinnere mich noch heute mit einem großartigen Gefühl der Bewunderung daran, Bewunderung für ihn, den ich nie kennengelernt habe, und Bewunderung für sie, wie sie über ihn sprach, mit dem Wohlklang einer reinen Stimme und der dezenten Wahl von Worten, die ich an dem Tag unseres Besuchs nur in diesem Moment erlebte. Was mich jedoch nachdenklich machte, war die weitläufige Meinung, dass Hippolyt nicht nur die Welt scheute, sondern auch die Menschen, und dass er offenbar keine Empfindung, keine Zuneigung zu Mädchen und Frauen entwickelte, dass aber nun Aricia so von ihm sprach, als wäre er von einer verborgenen Liebe erfüllt gewesen.

Ich kann das an dieser Stelle nicht im einzelnen darlegen, nur soviel sei gesagt: Aricia sprach von Hippolyt wie von einem Menschen, den nur sie allein kennt und nur sie allein in seiner seelischen Verfassung zu durchschauen in der Lage sei. Nicht etwa, dass sie dies selber behauptete. Im Gegenteil, sie äußerte sich ja überhaupt sehr zurückhaltend, und nur meine (wie ich gestehe, scheinbar belanglosen, aber mit Absicht gestellten) Fragen entlockten ihr schließlich einige Offenbarungen über ihr Verhältnis zu ihm, die eigentlich nicht dafür bestimmt waren, jemals zutage zu kommen.

Wenn ich sage, es machte mich nachdenklich, was ich erfuhr, dann meine ich das aus den Beweggründen des Chronisten und Biographen heraus, als der ich mich fühle, der die Beziehungen zwischen den Menschen verstehen will, wie immer sie auch geartet sein mögen. (Dass man hierbei manchmal etwas über das Ziel hinausschießt in seinen Schlussfolgerungen, ist ganz natürlich. Wie vieles von dem, was nicht uns, sondern zu einem anderen Menschen gehört, über das wir aber etwas Gültiges sagen zu können glauben, entzieht sich letztlich unserem Urteil; ein Urteil, das doch fast immer bloß ein übertragenes ist und in den seltensten glücklichen Fällen ein unverwechselbares.)

Wie konnte Aricia über Hippolyt Dinge sagen, die nur jemand wissen kann, der lange Zeit, sozusagen tagtäglichen Umgang mit ihm pflegte? Sie beschrieb mir sogar beiläufig die Art und Weise, wie er den Bogen spannte, wie er beinahe in einer einzigen Bewegung den Pfeil aus dem Köcher nahm, ihn auflegte und ihn mit zwei Fingern und mitsamt der Sehne zurückzog. Ich fragte sie, ob sie das ebenfalls versucht habe, ob er es ihr beigebracht habe? Aber sie merkte sofort, wie hartnäckig meine Frage war und ließ sich nicht weiter darüber aus, sondern schüttelte den Kopf.

Natürlich habe ich versucht, herauszubekommen, bei welchen Gelegenheiten sich Aricia und Hippolyt begegnet sind, wann und wo sie zusammen waren, und ich zog dabei (unter vier Augen selbstverständlich) auch meinen Begleiter zu Rate. Dabei hatte ich aber am Ende so viele widersprüchliche Angaben, dass ich schon von einer Schwester der Aricia träumte, die sich mit einem Jüngling namens Hippolytos heimlich in Thestia getroffen hat; in Thestia in Aetolien, weiß der Kuckuck, weshalb mir gerade dieser Ort einfiel.

Weder Aricia noch Theseus bestätigten übrigens die schroffe Haltung Hippolyts gegenüber Frauen, sie meinten, jeder mit eigenen Belegen dafür, aber doch beide übereinstimmend, beinahe wie abgesprochen, Hippolyts Streifzüge zur Jagd haben ihm fast keine Zeit für andere Beschäftigungen gelassen, und außerdem sei er niemals besonders mitteilsam, gar redselig gewesen und hätte sich nicht wie andere Jünglinge mit Liebesabenteuern gebrüstet.

Dies letztere erklärte Theseus, der insgesamt wenig über seinen Sohn sagte und stets versuchte, von dem Thema wegzukommen. Aricia half ihm dabei ohne dass wir es bemerken sollten. Dagegen hielt uns Theseus einen kleinen Vortrag über die Erziehung der Jugend in Troizen und in Methana, wo sich eine Schule befand, in welcher die Knaben in den athletischen Disziplinen unterwiesen wurden, und auch im Pankration, jenem Faust- und Ringkampf, den Theseus selbst als erster praktiziert hat.

In einer Schar solcher Kämpfer kam Hippolyt nach Attika, um die eleusinischen Weihen zu empfangen. Ob ihn hier Phaedra, Theseus' Gemahlin und somit Hippolyts Stiefmutter zuerst gesehen hat, oder ob sie schon in Troizen vom Tempel der Aphrodite aus den Jüngling bei seinen Übungen im Stadion beobachtete, wie manche Zeitgenossen und Spätere sagen, sei dahingestellt. In dem Augenblick, als ihn Phaedra gewahr wird, entbrennt sie in unauslöschlicher Liebe zu Hippolyt. Eine Liebe, über die sie schier verrückt werden soll, die ihr Herz zwischen Begierde und Schuldgefühl zerreißt und die sie schließlich in den Tod treibt.

Als Phaedra erkennt, dass Hippolyt ihre Gefühle nicht erwidert und er darüber so bestürzt ist, dass er Hals über Kopf flüchtet, wird sie jeglicher Vernunft beraubt, wie es jedem Sterblichen widerfährt, der gezwungen wird, gegen sein eigenes Dasein zu kämpfen, bei dem die Götter (oder vielleicht auch nur eine einzelne Gottheit unter ihnen) auf einen tragischen Abgang durch Selbstzerstörung sinnen.

Phaedra, die andere Tochter des Minos, des Königs von Kreta, wo Theseus einst den Minotauros, den stierköpfigen Riesenmenschen im Zweikampf besiegte. Phaedra, die Ärmste, die sich schuldig macht durch einen Ehebruch, den wirklich zu vollziehen ihr nicht einmal vergönnt ist. In ihrer Verzweiflung und Verwirrung verleumdet sie Hippolyt bei ihrem Gemahl Theseus, er habe sie verführen wollen. Theseus glaubt ihr, und man wird später sagen, ihm sei des Sohnes Frauenscheu plötzlich als Täuschung und als Ablenkung von seinem wahren Trieb bewusstgeworden. Aber sowenig Phaedras unheilvolles Verlangen sich je zu etwas Bösartigem oder Unmenschlichem auswächst, sowenig verfällt Theseus je der Niederträchtigkeit. Ein Heros wie er begreift die Welt nur mit den eigenen Sinnen und dem eigenen Verstand, deshalb nehmen sich die Götter seiner an.

Ein Weib wie Phaedra lebt denselben Göttern die menschliche Schwäche und noch mehr ihr Getriebensein, ihre Raserei des Herzens vor, gegen die jene ohnmächtig sind, so wie Phaedra ohnmächtig ist gegen der Götter wechselhaftes Für und Wider. Und dazwischen schweben und weben Legionen von Halbwesen, aus deren Zauberkasten der folgenreichen Illusionen das Missverständnis und die Leichtgläubigkeit nur zwei von vielen sind, mit denen sie die Menschen auf ihrer irdischen Bühne bezirzen und behexen. Schnell erkennt Theseus seinen Irrtum und die Wahrheit, doch da ist es zu spät. Der Fluch, den er im Zorn auf seinen Sohn ausstieß, hat diesen vernichtet, währenddessen Phaedra sich selbst das Leben nimmt.

Obgleich mich mein Begleiter darin bestärkt hatte, Theseus um den Besuch bei ihm zu bitten in der Absicht, genaueres über Phaedra zu erfahren, deren Person mich in meinen Studien mehr und mehr faszinierte, habe ich in Theseus' Haus und in seiner und Aricias Gegenwart rasch realisiert, dass dies nicht der Ort ist, wo mein Begehren ertragreich wäre. Phaedras Geist weilte nicht mehr in diesen Mauern, und Aricia machte mir das klar, vielleicht, weil sie bemerkte, worauf ich es abgesehen hatte. Als wir von unserem Spaziergang durch den Garten ins Haus zurückkehrten, tippte sie mich am Arm und fragte, ob ich einen Blick in jenen Raum werfen will, wo sich Phaedra damals erhängt hat. Ich schluckte, bekam ein trockenes Gefühl im Hals, es war, als sollte ich urplötzlich selbst zu einer Richtstätte geführt werden.

Aber Aricia ging wie die ganze Zeit über leichten Schrittes vorneweg, durch Zimmer hindurch, einen Korridor entlang und eine Treppe hinauf, bis wir, nur sie und ich, in der Tür zu der besagten Kammer standen, die ein verhältnismäßig großes Fenster hatte, durch das strahlendes Sonnenlicht hereinkam. Sie war völlig leer, und ich hob unwillkürlich den Blick zur Decke, zu dem dicken Holzbalken, der quer verlief und an dem fast genau in der Mitte ein eiserner Haken angebracht war, zweimal gewunden wie ein Schweineschwanz. Ich befürchtete, der Anblick werde mich so ergriffen machen, dass mir schwach zumute wird, aber es geschah nichts dergleichen, einige Sekunden verstrichen in einer seltsamen Leere.

Dann ging Aricia zum Fenster und sagte "Schauen Sie hinaus, von hier hat man eine fabelhafte Aussicht auf die ganze Küste hinter den Sandwällen." Sie hatte Recht, man konnte über die hügelige Graslandschaft blicken, die hier und da mit Sträuchern, in den Senken mit dichtem Gebüsch bewachsen war, Ziegenherden weideten an den Hängen. Weiter weg dehnte sich das Meer bis zum Horizont, Schaumkronen glitten über seine Wellen hinweg, kleine Fischerboote schaukelten auf dem Wasser. Wie schwer muss es einem fallen, hier zu sterben, dachte ich. Oder wie groß muss das Leid sein, das einem diesen friedlichen Anblick unerträglich macht.

Aricia zeigte mir noch zwei, drei andere Räume, die auch nur spärlich eingerichtet waren. Dann wollte sie mich aufs Dach führen, aber die Luke dahin war verschlossen, und ich sagte, vielleicht kann ich es mir beim nächsten Mal anschauen. "Wenn wir dann noch hier wohnen", erwiderte sie und erklärte mir freimütig, dass Theseus längst erwogen hat fortzugehen; wahrscheinlich nach Gargettos, fügte sie auf mein Nachfragen hinzu.

Wir gingen wieder hinunter zu den anderen. Es war die Stunde der größten Nachmittagshitze; man hatte an Fenstern und Torbögen feuchte Leinentücher an Seilen aufgespannt, die sich sachte in einer Brise wiegten und die Luft etwas kühler machten. Theseus zeigte meinem Begleiter gerade eine neue Vase aus seiner Sammlung; er selbst war darauf abgebildet mit Athena, die den Speer trägt. Auf der anderen Seite war eine Frau zu sehen, welche zwei Knaben an eine Nymphe übergibt. Theseus hatte die Darstellung eben erläutert, und ich vergaß, meinen Begleiter danach zu fragen, dieses Bild auf der Rückseite war etwas rätselhaft.

Die Männer auf der Terrasse waren verschwunden, nebenan im "Taubenschlag" machten die Kinder Lärm, und eine alte Dienerin ermahnte sie leiser zu sein. Theseus hatte Wein aus dem Keller bringen lassen, einen großen vollen Krug und zwei Schläuche. Aricia holte Becher, Wasser und ein Gefäß zum Mischen, und wir kosteten davon, er war sehr erfrischend und hatte einen angenehmen Beigeschmack von Aprikosen. Der Weinbauer, der ihn hergeschafft hatte, blieb noch einen Moment da, und unterhielt sich mit uns. Ich betrachtete wieder Theseus und er kam mir immer schöner vor. Auch war es eine Freude, sein Mienenspiel zu verfolgen, selbst dann, wenn er nicht redete und den anderen zuhörte, es schien, als wäre alles, was jemand in seiner Gegenwart vorbrachte, durch ihn begünstigt.

Wie hatte dieser Mann vorsätzlich seinen Sohn ins Verderben stürzen können? Der gewaltige Poseidon, von dem Theseus göttlicherseits abstammte, gab ihm drei Wünsche frei, einen davon verwendete Theseus, als er glaubte, Hippolyt habe Phaedra geschändet, um ihn zu bestrafen. Vielleicht hatte er nicht die Absicht, ihn zu töten, aber soll man annehmen, Poseidon hätte bei der Erfüllung seines Auftrages gepfuscht? Und das, was als schmerzhafte Verwundung gedacht war, wäre versehentlich zum tödlichen Unfall geraten? Vor dem Stier, den Poseidon an den Hörnern jäh aus den Wellen ans Land schleuderte und der sich fürchterlich aufbäumte, scheuten die Pferde an Hippolyts Wagen, als er vom Ort des Unheils weg flüchtete. Die Rosse gingen durch, und der Jüngling, der sie am Zügel zu halten suchte, wurde vom Gefährt heruntergerissen, verfing sich in den Riemen und wurde auf der harten Erde mitgeschleift, bis keine Haut und kein Knochen an seinem Körper mehr heil waren.

Da war niemand, der ihn retten konnte, und auch der mächtige Poseidon musste seinem selbst heraufbeschworenen Drama den Lauf lassen. Als man die wildgewordenen Gäule endlich zum Stehen brachte, lag Hippolyt im Sterben. Blutüberströmt und grässlich entstellt stammelte er die letzten Worte, sie waren an den Vater gerichtet, er wollte nicht mit dem Vorwurf der Blutschande belastet ins Schattenreich gehen. Sein Atem reichte noch so lange, bis Theseus, von den Freunden gerufen, bei ihm eintraf. Und mit ihm Aricia, die Hippolyts zerschundenes Haupt hielt, als er die Augen schloss und seine Seele aushauchte.

Die Betrübtheit, die ich in Aricias Wesen zu erkennen glaubte, musste wohl aus diesem entsetzlichen Abschied herrühren. Aus Pietät hatte ich mich um Hippolyts tragisches Ende schweigend herumgemogelt, doch Theseus gedachte seiner und gestand, dass dies der schlimmste Augenblick seines ganzen Lebens war. An einem einzigen Tag hatte er den Sohn und die Gemahlin verloren, beide auf grausame Weise, beide im Hader mit sich selbst. Denn Theramenes, des Sohnes Lehrer, verriet Aricia, dass Hippolyt in sie verliebt gewesen war, jedenfalls wurde es so allgemein bekannt.

Mein Begleiter deutete die Mitteilung etwas anders: Theramenes, der ein kluger und mitfühlender Mann war, hatte voraussehen können, was geschieht, wenn das Gerücht einer heimlichen Beziehung zwischen Aricia und Hippolyt unter den Leuten aufkeimt und sich verbreitet. Und was gehörte weiter dazu außer einem, der es zuerst ausspricht? Also kam er allen üblen Nachreden, die das Volk, ob aus Unwissenheit oder aus Gehässigkeit faselt, zuvor und gab das Geheimnis, das nur er kannte, selber preis, damit es alle hören konnten. Hippolyt war dadurch entschuldigt, dass er seiner Leidenschaft widerstand, denn er hatte die Begegnung mit Aricia vermieden, teils um die Order des Theseus zu respektieren, teils aus seiner auferlegten Entsagung heraus und wegen seiner unbedingten Ergebenheit gegenüber der jungfräulichen Artemis.

Dass er dennoch die Zuneigung zu Aricia verspürt hatte, führte er selbst auf äußeren Einfluss zurück, wie Theramenes seinen vertraulichen Worten entnommen hatte und worüber dieser nichts Näheres sagte. Aber vieles sprach dafür, dass die allmächtige Kypris ihre zarten Hände im Spiel hatte, denn dem Dichter war sie, im Reigen der Musen, erschienen und hatte ihm zugeflüstert: "In die Höhe hebe ich jene, die in Ehrfurcht sich vor mir verneigen. Die mir trotzen, stoße ich kalt in die Tiefe hinab." Auch Theseus kannte diesen Spruch, der so leicht verständlich ist, der jedoch so viele von uns durch alle Zeiten hindurch in die wunderlichsten und auch erschreckendsten Abenteuer verstrickt hat. Kaum ein anderer hat eindringlicher Bekanntschaft mit der Liebesgöttin gemacht als Theseus.

Er hat, scheint es, ihre Launenhaftigkeit und ihre Unerbittlichkeit zu seinen Gunsten ertragen können. Wenn er sagte, dass er die Frauen, die er für sich erobert hatte, wieder verloren habe, so hat er dabei wohl verschwiegen, dass er aus kluger Berechnung, nicht etwa aus Schwäche, darauf verzichtete, sie in seinem Besitz zu halten. Selbst Ariadne, die der Dionysos begehrte, gab Theseus wahrscheinlich um Aphrodites Willen wieder her, weil er wusste: wenn es zwischen ihr und dem Urgott zum Streit kommt, dann hätte er, Theseus, nichts mehr zu lachen. Dionysos kann versöhnlich sein, wenn man ihm den eigenen Verstand opfert. Aphrodite dagegen nimmt niemals, niemals Opfer an, weil sie sich durch keines Sterblichen Eitelkeit ihr Wohlwollen erkaufen lässt. (Und als einen Versuch dazu hat sie seit je alle Opfer aufgefasst.)

Ich habe vorhin die Mimik des Theseus erwähnt, seine Eigenart, die Rede eines anderen mit unmerklich wechselndem Antlitz zu begleiten. Ich möchte ergänzen, dass dies auch zu beobachten war, wenn er selbst sprach, und dass dabei seine Mimik (und zum Teil auch seine sanften Gesten) jene Meinung zum Ausdruck brachte, die er nicht durch Worte äußerte. Sie begleitete seine Rede, als hätten die einzelnen Worte und Sätze eigene Schatten, die das Licht seines Geistes an ihnen wirft.

Als er von Hippolyt erzählte, wurde so unausgesprochen seine Gewissheit deutlich, dass Aphrodite den Tod des Jünglings geplant hat und dass wahrscheinlich sie den Pferden an seinem Wagen durchzugehen und Hippolyt mit sich fortzureißen befahl. (Wie oft kann man solch ein Vorgehen bei ihr ausmachen, wenn sie Hemmungen im Herzen eines Sterblichen, die stärker sind als ihr Zauber, einfach durch wildgewordene Kreaturen beseitigen lässt.) Und weil Theseus diesen Zusammenhang ahnte, war er froh, dass dadurch ein Teil seiner Schuld am Tod des Sohnes von ihm weg genommen ward, aber er war gleichzeitig aus Erfahrung vorsichtig genug, die Urheberin des Unheils nicht offen beim Namen zu nennen. Denn ebenso, wie die Menschen die Absichten der Götter nie vorhersehen können, so können die Seligen jenen nichts anhaben, solange sie ihre wahren Überzeugungen im Innern behalten und sich nach außen hin in Geduld und Bescheidenheit üben.

So kamen Theseus nach den verhängnisvollen Ereignissen keine Beschimpfung oder Beleidigung gegen die Schicksal lenkenden Mächte über die Lippen, und er verfiel auch nicht in Selbstanklage oder in Depression, wie manche, die jeden Tag aufs Neue ergebnislos über ihrer Misere grübeln. Auch in dieser Lage war er ein Heros, und in seinem Gleichmut wahrscheinlich sogar dem Freunde Herakles voraus. Immerhin kann man sich fragen, wie Theseus denn darauf gekommen sei, dass hinter der Peinigung und dem Tod der beiden liebsten Menschen ein anderes, überirdisches Schauspiel abläuft, bei dem er zwar mitwirkt, in das er aber nicht eingeweiht wurde.

Sollte ihm Poseidon einen Wink gegeben haben? Und den Rat, darüber zu schweigen. Der einzige Mensch, dem er sich anvertrauen konnte, war Aricia, und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, die überall dort unverzichtbar ist, wo Tiefe und Erhabenheit einer Geschichte nach einem Ausgleich fürs Gemüt verlangen. Wie soll man es anders denn als Ironie bezeichnen, dass allein Aricia, die Theseus dazu verdammt hatte, ihre Sippe aussterben zu lassen, ihn tröstete, als er die Seinen verloren hatte.

Ich weiß, es gab (und gibt) Theseus' Söhne, die aus seiner Ehe mit Phaedra entsprungen waren, ich habe sie nicht übersehen. Einen von ihnen hatten wir ja sogar kennengelernt und bei unserem Besuch tauchte er auch ein zweites Mal auf, als er Theseus bat, uns mit Aricia für einen Moment allein zu lassen, um mit ihm unter vier Augen zu sprechen. Sie entfernten sich nur ein paar Schritte, und Aricia verwickelte mich und meinen Begleiter in ein munteres Gespräch. Auch ein unaufmerksamer Beobachter hätte sehen können, dass es bei der Unterredung um Geld ging, um welches der Sohn Theseus bat, und die flüchtigen Worte, die man aufschnappen konnte, bestätigten das. Es war kein Geheimnis, Theseus unterstützte den jungen König nach Kräften, vor allem finanziell.

Der Menestheus, sein politischer Gegner, hatte reiche Fürsten auf seiner Seite. Es ging nicht mehr bloß um kleine Zuwendungen oder Bestechungsgelder, die im freundschaftlichen Rahmen lagen. Beinahe schon auf allen Gebieten wurde hinter der Fassade der öffentlichen Ordnung gegeneinander gekämpft. Gerade ging es darum, die beträchtlichen Öl- und Getreidelieferungen, die von einigen Ländereien nach Athen kommen sollten, an jene Händler in der Stadt abzugeben, die die großen Geschäfte betreiben. Sie bestimmen den Preis und haben damit erheblichen Einfluss auf das Volkswohl und die Stimmung unter der Bevölkerung. Der König war für die Versorgung verantwortlich, aber ob er sie auch noch fest im Griff hatte, das schien immer mehr fraglich.

Es war längst eine Zeit angebrochen, da Verdienste und Ehren, die in der Vergangenheit errungen worden waren, wenig zählten. Niemand hätte es zwar gewagt, Theseus' Ruhm schmälern zu wollen, aber er wurde nach und nach in jene unsägliche Form von Ruhm verwandelt, die der Philosoph den falschen, den gegenteiligen nennt: das blinde Huldigen, das Aufpolieren alten Glanzes, das zur Gewöhnlichkeit, schließlich zur Ignoranz führt. Der jetzige König hatte ein paar Mal versucht, aus dem Ansehen des Vaters für sein eigenes Nutzen zu ziehen, aber darauf waren die Leute nicht eingegangen. Alles, was Theseus nun seinen Nachkommen noch geben konnte, war das bare Geld, und das war nichts als die Bestätigung, dass er alles andere bereits eingebüßt hatte.

Wie immer nahm Theseus die Verhältnisse hin, ohne ihnen in Eifer oder Zorn eine Wendung geben zu wollen. Wenn sich bei den Menschen alles nur noch um Macht und Geld dreht, dann haben die Götter derzeit mit ihnen nichts zu schaffen; was sie gerade tun, ob sie sich vielleicht in einer anderen Welt herumtreiben, weiß niemand. Aber nichts ist für immer so wie es ist, und eines Tages, wenn alles Geld wertlos geworden und alle Macht in Stadt und Land zusammengebrochen sind, geschieht irgendwo etwas ganz Einfaches, Elementares, eine Geburt, eine Liebe, ein Raub, ein Opfer, und schon zeigen sich die Götter wieder, frisch und ungebärdig wie eh und je und wecken in den Menschen neue Lust und neuen Übermut.

Als ich mit meinem Begleiter den Königspalast verließ, schaute ich mich noch einmal um, und wie ich die weißen Mauern mit nicht geringerem Staunen als bei meiner Ankunft betrachtete, da kamen mir wohl die Gedanken über menschliche Behausungen, die ich an den Anfang dieses Berichts gestellt habe. Ich dachte daran, wie Aricia mir sagte, Theseus werde aller Voraussicht nach, diesen Ort bald verlassen, und so geschah es dann auch.

Ich habe vorgehabt, ihn einige Zeit danach wieder zu besuchen, aber ich wurde aus allen möglichen Gründen daran gehindert, und jetzt, da es in unserem Land nach Krieg aussieht, plagen mich ehrlich gesagt andere Sorgen. Ich brauche kaum hinzuzufügen, dass mein Besuch im Hause des Königs ein unvergessliches Erlebnis war, und oft lasse ich sozusagen jede Minute unseres Aufenthalts, jedes Gespräch und jeden Anblick im Geiste Revue passieren. Es gibt einiges, das ich versäumte zu erfragen, weil ich bei der Fülle der Eindrücke manchmal abgelenkt war. Ich hätte zum Beispiel gern gewusst, wer eigentlich die Mutter jenes kleinen Jungen war, den Aricia an der Hand führte, als wir vom Strand zurückkamen.





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