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Warm und sonnig war der September in diesem Jahr gewesen, und ganz im Gegensatz dazu brachte der darauffolgende Monat ein scheußliches Wetter ins Land. Über die Felder fegte ein kalter, nasser Wind, der die tiefhängenden Regenwolken antrieb und die Bäume binnen kurzer Zeit ihres Laubes beraubte; ihre kahlen Äste ragten bebend und schwankend in den grauen Himmel. Abends aber und in der Nacht braute sich in der Aue des Flusses düsterer Nebel zusammen, als stiege aus dem sumpfigen Boden die letzte aufbewahrte Wärme des Sommers hoch und suchte in dichten, lichtlosen Schwaden das Weite.
Michael hatte den Stall für die Schafe notdürftig ausgebessert, es war kein Holz mehr da, um die Seite, die beim letzten Sturm eingebrochen war, ordentlich zu erneuern; und die Bretter von dem Stapel hinter dem Schuppen waren selbst morsch geworden und taugten zu nichts mehr, außer als Schutz für einiges Viehzeug, das sich darunter versteckte.
Von den Schafen waren allein in den letzten zwei Wochen fünf verendet, eine Krankheit grassierte, deren Ursache noch niemand im Dorf herausgefunden hatte. So war der Stall nun zu groß für die übriggebliebenen, und mit Blick auf den kommenden Winter hatte Michael eine provisorische Zwischenwand eingebaut und an die abgewandte Seite Stroh aufgehäuft, das einzige, was noch reichlich vorhanden war.
Am Abend war er heimgekommen in das Häuschen, das als letztes an der Dorfstraße stand, die von da aus über Felder, durch den Wald und über die steinerne Brücke in Richtung Wolfenhausen führte und immer weiter bis in die Stadt, wohin sie höchstens zwei, dreimal im Jahr kamen, zuletzt als sie Erikas Vater hinbegleitet hatten, weil er wegen seines sich verschlimmernden Augenleidens einen Arzt aufsuchte, der nur für kurze Zeit in der Stadt war und der angeblich hervorragende Fähigkeiten hatte.
Sie beide, Erika und Michael waren mit ihm hin gefahren, mit dem Leiterwagen, den sie sich vom alten Mühlenpächter geborgt hatten. Vater Wetzmann war nur widerwillig aufgestiegen, hatte sich schließlich der Anordnung seiner Tochter gefügt, seine schlimmen Augen behandeln zu lassen, ohne Regung, so wie er sich die ganze Zeit vorher in die Krankheit mit ihren Kopfschmerzen und der schwindenden Sehkraft gefügt hatte, ohne zu jammern.
Aber er war auch noch aus anderem Grund nur wortlos und mit grimmiger Miene gefolgt, er konnte nämlich seinen Schwiegersohn nicht ausstehen, und dass Michael nun den Wagen lenkte, der ihn zu dem Arzt bringen sollte, das missfiel dem Vater sehr. Als sie wieder zu Hause gewesen waren, hatte sich der Alte schnell wieder in seine Hütte verdrückt, eine von den Katen, die in einer krummen Reihe an der Friedhofsmauer unter hohen Kastanienbäumen standen und die der Graf Bernstorff vor vielen Jahren als Armenkaten hatte bauen lassen. Einige davon standen leer.
Erika hatte das Abendessen bereitet, eine Suppe mit Wurzelgemüse, Teignudeln und ein paar Brocken Rindfleisch, von der die beiden schon die ganze Woche zehrten, und heute hatte sie einen halben Laib frisches Brot besorgt. Michael wischte sich Gesicht und Hände mit einem nassen Tuch ab und setzte sich an den Tisch. Sie löffelten die Suppe. Er sprach von dem ausgebesserten Stall und meinte, die Schafe wären gesund; wenn nicht ein großes Unglück geschieht, würden sie den Winter überstehen.
"Ich habe heute mit der Schierlicher gesprochen", sagte Erika. "So? Über was?" "Du weißt doch, sie hat mal erwähnt, dass sie jemanden sucht für die Kinder." "Hat sie immer noch diese Meute um sich." "Na klar. Solange wir keinen Lehrer haben, muss sie sich um die Kinder kümmern." "Und was ist mit der Frau Gräfin?" "Die kommt so schnell nicht zurück, sagt man." "Der arme Bernstorff, das hat er nicht verdient." "Schon möglich, aber er kann sich ja eine Neue suchen." "Eine Neue? So eine wie die findet man nicht so leicht." Erika lachte. "Warum lachst du?" fragte er. "Erst nimmst du ihn in Schutz und dann lobst du sie." "Na ja, das ist eben das Unglück der beiden, vielleicht wussten sie gar nicht, was sie aneinander hatten." "Mag sein", sagte Erika und schöpfte noch mal Suppe auf Michaels Teller.
"Ich wollte eigentlich von der Schierlicher sprechen." "Ja, was ist mit ihr?" "Also, sie hat gemeint, sie könnte sich gut vorstellen, dass ich ihr bei den Kindern eine Hilfe wäre." "Wirklich? Wo sie uns doch nicht beachtet." "Freilich beachtet sie uns, so wie jeden anderen im Ort. Das ist nur, weil du mal die Kinder aus dem Garten gejagt hast." "Die Meute? Die wollten Äpfel klauen." "Unsinn, es gab noch gar keine Äpfel; die wollten bloß Maikäfer fangen." "Maikäfer gibt's auch anderswo."
Sie schwiegen, dann fragte Michael "Und sie sagt, du kannst das?" "Hm. Und ich sage auch, ich kann das. Im Frühjahr könnte ich bei ihr anfangen." "Was bezahlt sie?" "Nicht viel." "Wieviel?" "Haben wir noch nicht genau beredet." "Solltest du aber." "Ja." Dann sagte er "Wenn du das machen willst, dann tu's nur. Aber nicht für umsonst", setzte er hinzu und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab.
In der Nacht wachte Michael plötzlich auf, er hatte einen unangenehmen Geruch in der Nase. Er ging hinaus, der Brandgeruch kam von der Wassermühle her, der Wind wehte in die andere Richtung, deshalb spürte er ihn nur ganz schwach. Er zog sich etwas über und lief über die Wiese. Es war stockdunkel und er stolperte mehrmals. Dann sah er den Feuerschein hinter dem Abhang zur Mühle. Er rannte schneller. Der Schuppen stand in Flammen, eine Seitenwand war völlig weggebrannt, die Reste der anderen stürzten gerade ein.
Der Schuppen war fast leer, Michael wusste, dass Beilschmidt, der Mühlenpächter, alles verkauft hatte, was nicht niet- und nagelfest war. Er konnte nirgends einen Menschen sehen, nur Beilschmidts Köter fing auf einmal wie von Sinnen an zu kläffen, man konnte nicht sehen, wo er steckte. Das Schuppendach hing schief, neigte sich immer mehr und fiel dann in die Flammen. Feuerglut stiebte in die Höhe. Da sah Michael, dass hinter den beiden Fenstern am Mühlenhaus ein orangeroter Schein aufleuchtete, und im nächsten Moment zerplatzten die Scheiben von der Hitze, die im Innern herrschte. Da drin brannte schon alles. Aus den leeren Fensterrahmen schlugen die Flammen nach draußen und langten an der Außenwand hinauf, und es dauerte nur ein paar Sekunden, da brannte auch das Dach, das an etlichen Stellen dick mit Teer abgedichtet worden war, der vom Feuer jetzt in Windeseile aufgefressen wurde. Die Holzschindeln bogen sich und brachen und zerfielen zu Asche. Irgendetwas war auf dem Dachboden gelagert, das zischte auf, und dann gab es ein paar mächtige Donner und eine Funkensalve schoss in die Luft und prasselte im dichten Wirbel zu Boden. Da unten stand Rotter mit einem Ledereimer voll Wasser, den er hilflos im hohen Bogen vor sich ausschüttete, es landete nicht mal im Feuer.
Michael schrie zu ihm hin, aber Rotter konnte ihn nicht hören. Er lief wieder zum Fluss, um den Eimer zu füllen. Indem war Michael den Abhang hinuntergerutscht, er kam zu nah heran und die ungeheure Hitze nahm ihm den Atem. Es schleuderte ihn zurück, er rappelte sich auf. Rotter kam, er hatte in jeder Hand einen vollen Eimer. Er rief "Da liegen noch welche." Michael schnappte sich zwei der Ledereimer und tauchte sie in den Fluss, einer war undicht. Vom Feuerschein war es fast taghell, aber die Augen schmerzten und die Haut im Gesicht spannte, als wollte sie zerreißen. "Geh' nicht zu dicht ran", sagte Rotter, und es klang wie die Warnung vor einem aufgescheuchten wilden Tier. Der Hund bellte nicht mehr.
"Wo ist Beilschmidt?" Rotter antwortete nicht, sondern lief wieder weg. "Das ist doch sinnlos", sagte Michael, "wir können es nicht löschen." Er sah in Rotters rußgeschwärztes Gesicht, und er sah die furchtbare Wut in seinen Augen. "Warum kommt denn keiner, verflucht?" fragte Michael. Er dachte, er müsste die anderen im Dorf alarmieren, aber er konnte den Rotter nicht allein lassen. Der war jedoch verschwunden. Michael gab es auf, Wasser in die Flammen zu schütten. Er ging um das brennende Gebäude herum, und da sah er, dass dahinter schon alles weg war, nur die Vorderfront hielt sich noch auf eine paar Stützen. Dort stand Rotter und blickte wie gebannt auf die bizarren Stümpfe der Pfosten und Balken, die dem Feuer kein Futter mehr gaben und nur noch glühten und knisterten.
Und dann packte ihn Rotter plötzlich am Arm und riss ihn zur Seite, sie stürzten hin und glitten aus in einem Schlammloch, das sonst vom Flusswasser gefüllt war. Da kippte die Vorderfront um, und wenn die beiden dort gestanden hätten, wären sie erschlagen worden. Es gab ein letztes Krachen, brennendes Holz sauste durch die Luft, ein Stück traf Michael im Rücken, er spürte ein paar glühendheiße Funken im Gesicht, er legte den Arm über die Augen und kroch weiter weg. Er bemerkte, dass es regnete, aber über dem Feuer war die Nässe sofort verdunstet. Rotter drehte sich um und stützte sich auf, er schaute zu ihm herüber, dann ließ er sich in den Morast fallen.
Der Morgen dämmerte; Nebelschwaden kamen vom Fluss herauf und vermischten sich mit dem Qualm aus den Trümmern. Es war ein fürchterlicher Gestank und der Regen hatte die Asche in braune Schmiere verwandelt. Aus dem Dorf war niemand zur Mühle gekommen. Rotter knurrte bloß, der Mühlenpächter sei fortgegangen, als Michael nach ihm fragte. Ob der selber das Feuer gelegt habe? Rotter zuckte mit den Schultern. Er war mit dem Beilschmidt verwandt, es war irgendein entfernter Onkel von ihm, und Rotter hatte bei der Mühle als Gehilfe gearbeitet, aber Beilschmidt hat ihn schlechter behandelt als den Hund, dessen Überreste jetzt unter dem glimmenden und qualmenden Haufen da lagen.
Auch Rotter hätte Grund gehabt, das Haus anzuzünden. Die Mühle hatte ausgedient, spätestens seit die Neue Brücke gebaut worden war und die Furt, die hier durch den Fluss ging, nur noch selten und nur von den Einheimischen genutzt wurde. "Du siehst aus wie ein Schwein", sagte Rotter und machte sich über den andern lustig. Michael begriff nicht, wie er jetzt lachen konnte, aber Rotter hatte so ein verzerrtes Gesicht, als wäre er schon nicht mehr ganz bei Verstand. Oben am Rand des Abhangs erschien einer aus dem Dorf, er war zu Pferde her gekommen. Er schaute auf die Brandstätte, das Pferd scheute und drehte sich. Er schien die beiden nicht zu sehen. Michael rief ihm zu, aber da zog ein Nebelfetzen zwischen ihnen hin, und danach war der Reiter verschwunden.
"Ich muss heim", sagte Michael, "Erika weiß nicht, wo ich bin." "Meinst du, die haben es mitgekriegt?" "Natürlich." "Das ist allen egal, was?" Rotter sagte das, als wäre es ihm selbst egal. "Ja, geh' nur. Bedanken brauche ich mich ja nicht." "Was machst du nun? Willst du deinem Onkel hinterher?" Rotter spuckte aus. "Dem Mistkerl? Weshalb? Um ihm den Schädel einzuschlagen?" "Nehme an, er schuldet dir Lohn." "Lohn?" sagte Rotter voller Hohn und Verachtung. "Von dem habe ich nie so was gekriegt, der Teufel soll ihn holen." Michael wurde es plötzlich kalt und er fröstelte; er stellte fest, dass ihre Sachen völlig durchnässt waren. "Komm' mit, du musst dich auch erst mal waschen." "In Ordnung", sagte Rotter, und Michael war froh, dass er anscheinend wieder klar denken konnte.
Da standen auf einmal die Soldaten vor ihnen. Es waren drei, sie hatten abgesessen und führten die Pferde am Zügel. Dann kamen noch drei von links aus dem Wäldchen, und als sich Michael instinktiv umdrehte, stand einer hinter ihnen, der vom Pferd herab sein Gewehr mit dem Bajonett nach vorn streckte. Es waren Preußen, aber zwei davon und der hinten sahen anders aus, und Michael sollte bald erfahren, dass es Russen waren.
"Habt ihr wieder mal heimlich ein Pfeifchen geraucht?" sagte der Anführer wie zu zwei Lausbuben, die er endlich erwischt hat. Er trug einen blauen Mannschaftsrock, der vorn mit Messinghaken geschlossen war. Über seiner Brust kreuzten sich mehrere schmale und breite Gurte, die auf den Schultern zum besseren Halt unter zwei Klappen hindurchführten, die aber keine Schulterstücken waren. Nur an seinem Filzhut war ein Emblem. An den Gurten hingen zu beiden Seiten Taschen, wohl für Munition und Verbandszeug. Das Gewehr hatte er am Riemen quer überm Rücken; außerdem links einen Säbel und rechts eine Pistole. Er war im mittleren Alter, und sein Gesicht war durch einen ungepflegten Bart und durch tagealten Schmutz dunkel, fast finster. Aber er zeigte blendend weiße Zähne, und sie wirkten sehr seltsam, als würden sie etwas von seiner raffinierten Hinterhältigkeit verraten, die sich unter seinem gewöhnlichen Äußeren verbarg.
Michael bemerkte, dass die anderen zur Eile drängten, womöglich hatten sie sich im Nebel verirrt. Rotter dachte wohl dasselbe und sagte "Die Brücke ist dreihundert Schritt weiter unten." "Hat dich jemand gefragt", brüllte ihn der an, der zur Linken des Anführers stand. Ein anderer grinste. Der hinter ihnen rief etwas, das die beiden nicht verstanden. Sie machten einen merkwürdigen Eindruck, ihre Uniformen waren sehr verschieden, zusammengestückelt aus Einzelteilen, die einem jeden am besten passten, das wenigste davon war wohl ursprünglich für die Leute gefertigt worden. Die Nässe hatte ihnen schon längere Zeit zugesetzt, sie mussten dauernd unterwegs gewesen sein.
Der Rotter angeschnauzt hatte, war ein Bär von einem Mann, er hatte einen langen, dicken Mantel an, und um seinen Hals war bestimmt dreimal ein wollener Schal geschlungen, der ihn so dick wie ein Baumstamm machte. Von den dreien im Hintergrund sahen zwei wie Brüder aus, aber sie hatten einen Gesichtsausdruck, der nichts Gutes ahnen ließ. Einer zerschnitt mit einem großen Messer einen Apfel, den er wahrscheinlich drüben unter den Bäumen aufgelesen hatte, wo immer noch einige im Gras lagen. Er gab seinem Begleiter davon ab. Neben ihnen der glotzte nur blöde vor sich hin, und der auf der anderen Seite vom Anführer stand, war sehr jung, und seine Augen verfolgten alles was geschah und gingen ständig hin und her. Außerdem hatte er die rechte Hand verbunden, aber die Finger ragten vorn heraus. Sie waren alle bis an die Zähne bewaffnet, und die Waffen waren ebenso bunt gemischt wie ihre Montur.
Rotter hatte sich nicht abschrecken lassen, im Gegenteil, es schien, als habe ihn der Bär stark beeindruckt. Er fragte "Zu welcher Einheit gehört ihr?" Einer der Apfelesser fand die Frage offenbar so dreist, dass er die Pistole aus dem Gürtel zog, aber sein Bruder beschwichtigte ihn. "Lass das Arschloch quatschen" raunzte er. Der Anführer schaute abwechselnd auf Michael und auf Rotter, als würde er sie mustern, dann sah er zu dem Bärenmann und der schien seinen Blick zu erwidern. Natürlich hatte keiner die Absicht, Rotters Frage zu beantworten.
Der Junge fragte "Bei der Mühle gibt es eine Furt." Es war weniger eine Frage als vielmehr eine Feststellung. Er musste die Gegend kennen oder zumindest darüber Bescheid wissen. Michael dachte: 'Klar, sie würden nicht über die Brücke gehen, solche Leute benutzen nicht die Brücke.' Sie konnten zu einem der Streifkorps gehören, wie schon mal eins durchs Dorf gezogen war. Sie waren auf dem Weg an die französische Front, aber sie hingen weit hinten im Schlepptau der Koalitionsarmee, und es hieß, dass sie von den preussischen Kommandeuren immer wieder ins Hinterland geschickt wurden, auf Streife eben und mit bestimmtem, nicht näher bekanntem Auftrag. Es kamen auch ständig Russen nach und waren auf dem Weg westwärts, gut möglich, dass die hier so schnell wie möglich da hin wollten, wo man dem Franzmann die Hölle heiß machte.
"Die Furt, die gibt es noch", sagte Rotter, warf einen Blick abseits auf die Brandtrümmer und meinte "im Gegensatz zu der verdammten Mühle." Es klang beinahe wie ein leiser Triumph; und Rotter fasste irgendwie Mut. "Und du hast wohl gar nichts zu sagen", fragte der Anführer Michael. "Was soll ich sagen?" "Warum habt ihr die Hütte abgefackelt?" "Haben wir nicht." "Man wird euch dafür aufhängen." "Mich hängt keiner mehr auf", sagte Rotter fest, und die anderen lachten, weil es sich unfreiwillig so anhörte, als wäre das schon mehrmals mit ihm geschehen.
Der Anführer gab dem Jungen ein Handzeichen, und der holte mit seiner verbundenen Hand vorn unter seiner Jacke ein zusammengefaltetes Papier heraus. "Ist das die Karte?" fragte Rotter, und Michael sah ihn verwundert an. Der Bär lachte und bebte dabei. "Ja, die Eintrittskarte. Für unsere kleine Theatertruppe, eine Art Wanderzirkus, nicht wahr, Kameraden." Die Brüder lachten, und auch der Glotzäugige zeigte eine Regung. Aber der Junge blieb ernst und faltete das Papier auseinander. "Habt ihr hier gearbeitet?" fragte er und deutete auf die einstige Mühle. "Ich ja", sagte Rotter, "es war eine Scheißarbeit." "Dann habe ich da was besseres für dich."
Michael sagte schnell "Wir arbeiten jetzt beim Schmied in der Werkstatt." Rotter sah ihn an "Beim Schmied? Seit wann?" Die anderen schauten auf Michael, und ihre Mienen sagten 'Du willst uns doch wohl nicht reinlegen?' "Ne, ich arbeite bei keinem Schmied, hab' ich auch nicht vor." "Und was hast du vor?" "Weiß nicht. Ist bei Euch noch Platz?" "Rotter!", sagte Michael scharf, aber der beachtete ihn nicht mehr. "Ich sehe mal in meiner Liste nach", sagte der Junge. Der Apfelesser rief "Vielleicht für den Gilles, den hat's letzte Woche nämlich ..." Der Anführer drehte sich zu ihm um und der andere schwieg sofort.
In dem Moment krachte hinter ihnen ein Schuss, dass Michael zusammenfuhr. Der auf dem Pferd hatte abgedrückt, und von oben kam ein großer pechschwarzer Vogel wie ein Steinbrocken herunter und fiel dumpf zwischen ihnen auf die Erde. Der Mann hinten sagte etwas auf Russisch und es klang sehr grob. Rotter war gar nicht erschrocken und staunte über den Schuss. "In Ordnung", sagte der Junge, "wir nehmen euch." "Einverstanden", erwiderte Rotter, obwohl er gar nichts verlangt hatte. "Ich gehe nicht mit euch", sagte Michael und fügte schnell hinzu "und wie soll er fortkommen? Etwa zu Fuß?" "Mach dir darüber keine Sorgen, du Großmaul", schnauzte der Bär, und zu Rotter gewandt: "Im nächsten Dorf kriegst du ein Pferd." "Unterschreibe hier", sagte der Junge. "Mit was?" fragte Rotter. Er schaute sich um, dann holte er einen verkohlten Span und sagte "Damit wird's gehen, ich kann nur so'n Krakel machen." "Das reicht völlig aus."
Der Junge verstaute das Papier wieder in seiner Jacke. Der Anführer wollte etwas sagen, da hörte man jemanden Michaels Namen rufen. Er wollte sich schnell entfernen, aber Erika war schon den Abhang heruntergekommen, sie dachte beim ersten Anblick, es wären alles Männer aus dem Dorf, die neben der abgebrannten Mühle standen. Sie hielt sich ein Tuch vor Mund und Nase, und Michael bemerkte erst jetzt den beißenden Gestank, der von den verkohlten Resten ausging. "Michael, was ist passiert?" rief sie. Sie schaute sich um, und man sah, dass sie es mit der Angst bekam. Einer aus der Schar pfiff durch die Zähne, als er die Frau erblickte, und da wusste Michael, dass die Sache nicht gut enden würde.
Der Apfelesser kam an Erika heran und riss ihr die Hand mit dem Tuch vorm Gesicht weg. "Hola, was für eine hübsche Metze." "Lass sie in Ruhe, sie ist meine Frau", sagte Michael. Rotter schwieg, die anderen warteten ab, was passieren würde. Erika begriff nicht gleich, was los war, dann fielen ihr die Uniformen und die Waffen auf, und sie erkannte, dass es völlig fremde Männer waren. Sie stieß den Kerl weg, aber der hatte mit einer Kopfbewegung den Glotzäugigen herangewinkt, und der packte sie am Arm und wollte sie festhalten. "Ich leihe sie mir mal für ein paar Minuten aus", sagte der andere zu Michael gewandt. Die Söldner lachten, der Bär sagte wie eine Weisung des Anführers: "Beeil' dich, wir haben schon lange genug hier herumgetrödelt."
Da trat Rotter auf die andere Seite hinüber. Michael stand allein, Erika rang mit den beiden Männern und schaute hilfesuchend zu ihm hin. Sie wollten sie abseits zerren, sie wehrte sich und kratzte, der Glotzäugige schlug ihr ins Gesicht. Michael war schneller als die Blicke der anderen. Im nächsten Augenblick stand er bei dem Kerl, hatte ihn von hinten umschlungen und hielt ihm sein eigenes Messer, mit dem der eben den Apfel zerschnitten hatte, an die Kehle. Er drückte es so dicht dran, dass schon das Blut zum Vorschein kam. Erika schlug dem andern mit voller Wucht die Faust auf die Nase und befreite sich aus seinem Griff. "Lauf weg", sagte Michael, "lauf!" Sie drehte sich um, rannte los, stolperte, blickte immer wieder zurück. Einer wollte ihr hinterher, Michael schrie "Bleib' wo du bist!" und presste die Klinge noch fester an den Hals. Der röchelte schon.
Erika hatte mit Müh und Not den Abhang erklommen, Schlamm und Steine rutschten unter ihren Schuhen hinab. "Hör auf mit dem Unfug", sagte Rotter zu Michael. Der erwiderte mit zitternder Stimme "Und du kommst jetzt auch wieder mit mir." Das war wenig überzeugend, und Rotter schüttelte unmerklich den Kopf, als würde er sich über den alten Bekannten sehr wundern.
Der mit dem Messer an der Kehle nutzte die Ablenkung, rammte seinen Ellenbogen in Michaels Magen und drückte gleichzeitig seinen Arm nach vorn. Er fasste Michaels Unterarm und zog und schleuderte ihn über seine Schulter, dass er im Bogen vor ihm auf der Erde landete. Aber der Wurf war so ungestüm, dass er selber mit heruntergezogen wurde, und Michael war sogar zuerst wieder auf den Beinen, nahm des anderen Arm und drehte ihn am Handgelenk herum. Man hörte die Knochen krachen, der Mann schrie auf und sank auf die Knie, Michael ließ voreilig los, und da standen zwei vor ihm und hielten ihre Pistolen feuerbereit auf ihn gerichtet. Der eine spannte schon den Hahn, der Kerl hockte am Boden und jammerte, Michael schaute zum Abhang hoch, er glaubte, Erika ein letztes Mal zu sehen.
Da sagte der Anführer viel zu leise "Lasst ihn leben." Die beiden hatten es gehört und gehorchten. Der Glotzäugige, dem die Nase angeschwollen war, gab Michael von hinten einen Schlag, daß ihm die Tränen in die Augen schossen, aber er blieb stehen. Seine Arme wurden nach hinten genommen und gefesselt. Der mit der gebrochenen Hand rappelte sich auf und stieß mit seinem Knie in Michaels Geschlecht, drehte sich auf dem Absatz und ging weg. Michael krümmte sich. Der Anführer trat auf ihn zu und sagte sehr ruhig: "Ist dir klar, was du da eben getan hast? Du hast Soldaten der königlichen Armee angegriffen und einen von ihnen schwer verletzt. Das ist ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wird, und zwar auf der Stelle."
Michael schwieg, er sah den anderen nicht einmal an. "Ob dir das klar ist", brüllte der und hob Michaels Gesicht am Unterkiefer hoch, als könnte er ihn zerdrücken, wenn er wollte. "Ich werde dich jetzt dort an den Baum stellen und erschießen lassen, ich habe dazu das Recht. Ich werde dir dann höchstpersönlich noch eine Kugel in die Stirn jagen, und deine liebe Frau kann dich hier abholen und dich begraben, wo immer sie will. Hast du das verstanden!" "Ja." "Wir könnten ihn brauchen", sagte Rotter, als würde er schon ewig zur Truppe gehören. "Ihr habt ja gesehen, daß er nicht feige ist und kämpfen kann." Der verletzte Mann warf ihm einen bösen Blick zu und spuckte auf den Boden. Der Bär lächelte kaltblütig.
Der Anführer schien einen Moment zu überlegen. Dann rief er "Alles aufsitzen! Wir ziehen weiter." Und zu Rotter sagte er im Befehlston "Du nimmst ihn an deine Seite." "Jawohl", sagte Rotter und nahm stramme Haltung an. "Und wenn du ihn entwischen lässt, schneiden wir dir Ohren und Nase ab und jagen dich davon." Rotter wollte etwas versprechen, aber es stockte ihm die Stimme. Er ergriff das Ende des Seils, mit dem Michaels Hände gebunden waren und sagte "Komm jetzt." Der ließ es geschehen.
Sie saßen alle auf den Pferden und preschten los. "Na, was wird denn", rief einer den beiden zu, "soll ich euch erst Beine machen." Sie mussten rennen. Die beiden Brüder blieben ganz hinten, der eine hatte dem verletzten auf die Schnelle einen Ast als Schiene und einen festen Verband angelegt. Plötzlich hörte man ein Schreien und Klagen durch die feuchte Luft hallen. Michael wandte sich jäh um. Er erkannte Erikas Stimme, sie hatte wahrscheinlich aus einem Versteck alles beobachtet. "Hör' nicht drauf", sagte Rotter, als er merkte, daß Michael Widerstand leistete. Er zog stärker an dem Strick. Die beiden Reiter hatten auch zurückgeschaut, sie verständigten sich mit einem Blick, dann rief einer nach vorn "Wir sind gleich wieder da, wir holen euch ein." Der Anführer hob nur kurz die Hand. Michael schrie mehrmals "Nein, nein, tut das nicht." Rotter sagte "Halt's Maul!" und zerrte ihn mit aller Gewalt den Voranreitenden nach.
Erika lag am Boden und heulte und schluchzte. "Wir sind's noch mal, wir haben uns noch nicht verabschiedet", sagte der eine und grinste. Sie reagierte nicht. Er packte sie am Kragen und schleifte sie aus dem Dreck aufs nasse Gras. Sie jammerte, wehrte sich aber nicht mehr. "Ich zuerst", sagte der mit der geschienten Hand, "Rache ist süß. Halt sie fest." Er beugte sich über sie und machte mit einer Hand seine Hose auf. "He", sagte da der andere, der Erikas ausgebreitete Arme niederdrückte. "Was ist?" fragte der erste und hob den Kopf. Er blickte genau in die Mündung eines Flintenlaufs, der unruhig wackelte. Er ragte dem anderen über die Schulter nach vorn. "Mensch, Alter, was soll das denn? Willst du uns den Spaß verderben? Oder willst du selber mal ran?" sagte der, der zwischen Erikas Beinen kniete. Ganz plötzlich griff der andere nach dem Gewehr, aber der Alte, der damit auf sie zielte, war schneller, riss es hoch, trat zwei Schritt zurück und drückte ab. Die beiden waren verdutzt über die Behändigkeit des Alten, und der mit der verletzten Hand hatte sich erhoben, und als er das harte Klicken des sich spannenden Hahns hörte, hielt er den Arm quer über die Augen. Der andere starrte bloß mit offenem Mund. Aber der Schuss fiel nicht, das Gewehr versagte. "War wohl nichts", rief der, der am nächsten beim Alten war, erleichtert. Er wandte sich um und wollte ihn mit seiner gezogenen Pistole erledigen.
Da sprang aus dem Gebüsch eine furchtbar aussehende Kreatur hervor, ihr Atem ging rasselnd und man sah in einen weit aufgerissenen Rachen mit beinahe Daumen langen spitzen Zähnen. Es war der Mühlenhund, der anfangs im Feuer gebellt und gejault hatte. Sein Fell war versengt und der Rest hing in Fetzen an ihm; er war schwarz und grau von Asche beschmiert wie eine Brandleiche, und er hatte überall Blutflecken, die, obwohl ganz zufällig verursacht, seinen Leib wie mit abschreckenden Zeichen überzogen.
Er machte einen Satz direkt auf den mit der Pistole zu, und traf ihn mit solcher Wucht, daß er umfiel und die Waffe wegflog. Er bohrte seine Zähne in sein Fleisch zwischen Hals und Schulter, und der Söldner hatte großes Glück, daß er die Ader verfehlte. Er schrie und rief "Knall die Bestie ab!" Aber der Hund, als hätte er es verstanden, wandte sein Haupt mit dem blutigen Gebiss dem andern zu, der im Begriff war, auf ihn zu feuern. Und wie von dem Blick aus den höllischen Augen getroffen, erstarrte er für einen Moment, und als das Tier auf ihn losgehen wollte, drehte er sich um und rannte so schnell, wie er sicher noch nie im Leben gerannt war. Er rettete sich zum Pferd, das selbst gerade aus der Gefahr losreißen wollte, sprang auf und jagte davon.
Der Alte hatte seine Flinte abermals geladen und drückte das Ende dem Gebissenen, der am Boden lag, genau aufs Auge. Der hielt die Hand auf die Wunde und zwischen den Fingern quoll das Blut hervor. Er strampelte mit den Beinen und suchte Halt mit den Füßen, um sich wegzuschieben. Und tatsächlich zögerte der Alte ihn zu erschießen, weil er befürchtete, die anderen würden zurückkommen. Das war eine kluge Überlegung. Der Söldner kroch auf allen Vieren ein Stück, quälte sich dann hoch, erreichte sein Pferd und folgte seinem Kameraden. Der Hund war ebenso plötzlich verschwunden wie er aufgetaucht war. Der Alte half Erika hoch und stützte sie. "Vater, was ist passiert?" fragte sie leise. "Es ist vorbei", sagte der Alte. Sie stammelte: "Das Feuer. Die Leute. Soldaten. Sie waren hier. Wo ist Michael? Wo ist mein Mann? Wo ist mein Mann?"
* * * * *
Unter den Kindern, die bei der Schierlicher lebten, war ein Mädchen mit Namen Luise. Sie war eigentlich schon aus dem Kindesalter heraus und fast erwachsen, und sie hätte sich einen Mann suchen und eine Familie gründen können, aber sie war bei der Schierlicher geblieben und stand ihr hilfreich zur Seite und war für die anderen Kinder das, was die Schierlicher viele Jahre lang für sie selbst gewesen war, zwar nicht die echte Mutter, aber doch eine Person, ein Mensch, der eine Mutter so gut wie jede wahre sein konnte.
Je größer die Luise wurde, umso mehr Burschen aus dem Dorf und sogar aus der Umgegend verliebten sich in sie. Die Schierlicher konnte und wollte Luise nicht für alle Zeit bei sich halten; hatte sie doch ihre Schützlinge immer entlassen, sobald sie für sich selbst sorgen konnten. Andererseits wurde auch die Schierlicher älter und gebrechlicher. Und aus diesem Grund und weil ihr die Erika von ihrem Wesen her sympathisch war, bemühte sie sich darum, daß Erika Luises Stelle einnehmen sollte.
Jetzt, als das Unglück geschehen war und die Soldaten Michael fortgeschleppt hatten, und als Erika daraufhin sehr krank wurde, für viele Tage darniederlag und der alte Wetzmann, ihr Vater, schon um ihr Leben bangte, da kümmerte sich Luise um sie, pflegte die ständig halb bewusstlose Frau, wachte nachts an ihrem Bett, versuchte durch sanfte Worte und durch Essen, das sie kochte, ihr neues Leben einzuflößen. Im Winter, der früh hereinbrach, hielt sie die Stube warm, und es fand sich immer ein kräftiger Junge, der ihr zuliebe im Stall bei den Schafen für Ordnung sorgte oder Brennholz heranschaffte oder was sonst nötig war. Und als Erika sich erholte, da plauderte Luise unbekümmert und scheinbar unerschöpflich manche Stunde mit ihr, auch um sie von den schrecklichen Erinnerungen abzulenken.
Aber natürlich kreisten Erikas Gedanken ständig um ihren lieben Mann, der sie nicht nur vor Schmerz und Schande bewahrt hatte, sondern der nun selbst in Todesgefahr schwebte, wenn er nicht gar schon sein Leben verloren hatte. Zunächst rätselten alle darüber, was für Soldaten das eigentlich gewesen waren und wohin sie wollten. Niemand, der einigermaßen über den Krieg der Koalitionsarmee gegen die Französische Republik Bescheid wusste, konnte Genaues darüber sagen, aber das plötzliche Auftauchen eines solchen Streifkorps, für welches der alte Wetzmann die Soldaten richtigerweise hielt, passte ins Bild und die Berichte von den Überraschungen, welche der Krieg auch weit entfernt von der Front bereithielt.
Luise und der Vater sprachen in der Angelegenheit auch beim Grafen Bernstorff vor, der zwar nicht unmittelbar in der Politik des Sächsisch-Meiningischen Herzogs mithandelte, der aber zumindest gute Verbindungen zum Fürstenhof hatte. Er äußerte sein Bedauern über den Vorfall und gestand offenherzig ein, daß diese Sorte von Freischärlern zur übelsten des Krieges gerechnet werden müsse, die oft nur auf eigene Faust kämpften und Beute machten, wo sich die Gelegenheit bot. Dennoch haben diese Leute das Placet der obersten Kommandeure und selbst das königliche Recht verbrieft in ihrer Tasche. Und damit ausgestattet treiben sie es wie sie wollen, solange am Ende für ihre höchsten Herren ein Vorteil dabei herausspringt.
Leider sei er, der Graf selber, in der bedauerlichen Lage, weder selbst solche Einheiten in seiner Befehlsgewalt und damit wenigstens einen nennenswerten Einfluss zu haben noch könne er ihnen etwas entgegensetzen. Und so müsse er eben manchmal mitansehen, wie diese Söldner sich wie Raubritter auf seinem eigenen Besitz aufführen und könne nur froh sein, wenn sie sich schleunigst wieder verziehen. Vielleicht hätte der Graf nicht ganz so freimütig geredet, wenn Erika selbst vor ihm gestanden hätte. Aber die allgemeine Lage war nun mal nicht so beschaffen, daß das Schicksal Einzelner darin besondere Beachtung hätte finden können. Immerhin versprach Bernstorff, er werde im Falle des Michael versuchen herauszufinden, zu welcher Truppe die Reiter gehörten und vor allem, wohin sie weitergezogen sind.
Luise übermittelte dieses Versprechen Erika, die daraufhin neuen Mut schöpfte und in den folgenden Wochen sogar selbst dreimal zum Grafen ging, um sich nach dem Stand der Sache zu erkundigen. Aber es war schwierig zu klären, welchen Weg die Söldner genommen hatten, und die Beschlagnahme zweier Pferde in einem Nachbarort war eigentlich der letzte gesicherte Hinweis auf ihre Spur, und den hatte man auch ohne des Grafen Hilfe erfahren. Naturgemäß hielten diese Krieger ihre weiteren Pläne und ihre Vorgehensweise geheim, wenn sie überhaupt so etwas hatten, was der alte Wetzmann bezweifelte. Für ihn waren es Landstreicher mit Erlaubnis zum Marodieren; unter dem Vorwand der Feindbekämpfung oder auch der Jagd nach Spionen und Verrätern konnten sie allerdings schalten und walten wie es ihnen einfiel.
"Was kümmert die der Krieg gegen die Franzosen", schimpfte er, "denen geht es nur ums eigene Wohl. Da gilt es Beute zu machen um jeden Preis, und ein Menschenleben ist ihnen gar nichts wert, ja, sie bringen sich sogar gegenseitig um, wenn sie in Streit geraten oder wenn ..." "Nun, Väterchen", unterbrach ihn Luise, "das wissen wir doch. Aber es hilft uns gar nichts." Sie sah, daß es Erika beunruhigte. In Wetzmanns Reden klang der abfällige Unterton mit, der seinem Schwiegersohn galt, und im Grunde machte er es ihm zum Vorwurf, daß er sich von den Soldaten hatte mitschleifen lassen und die Frau nun verlassen daheim saß. Wer weiß, wie lange der Krieg dauern würde, vielleicht Jahre? Wer weiß, ob Erika in dieser Zeit nicht durch Gram und Sorge ihre ganze Gesundheit und Weiblichkeit einbüßen würde und, selbst wenn der Mann zurückkehrte, dann nicht mehr zur Ehe taugte. Oder aber, daß Michael als Krüppel heimkam, der nicht in der Lage wäre, die Frau zu versorgen, von den Kindern, die sie gar nicht erst bekamen ganz zu schweigen.
Und dann verfiel er wieder in die alte Litanei, warum sie nicht zeitig genug ans Kinderkriegen gedacht haben, und warum sie, Erika, immer auf Michaels Einwände gehört habe, der irgendetwas von einem sicheren Auskommen gefaselt hat. "Natürlich macht jedes Kind viel Mühe", sagte der Alte, beinahe als wäre er selbst eine Hebamme gewesen. "Und es ist nie sicher", fuhr er fort, "ob es durchkommt. Aber gerade deshalb muss man viele davon zeugen und gebären, damit wenigstens ein paar überleben. Was glaubst du, wie viele eigene Kinder deine Mutter zu Grabe getragen hat?"
Erika brach in Tränen aus, und Luise sagte "Jetzt reicht es, Herr Wetzmann, halten Sie den Mund." "Du Bastard!" schrie er das Mädchen an. "Du willst mir in meinem eigenen Haus den Mund verbieten?" "Das ist mein Zuhause", presste Erika hervor und wurde noch unglücklicher dadurch, daß sie sich gegen den Vater wenden musste. Dem kamen ebenfalls die Tränen, er drehte sich auf dem Absatz um und ließ krachend die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Luise tröstete Erika. "Er meint es nicht so." Erika schluchzte. "Oh doch, er meint es so. Er konnte Michael noch nie leiden. Und mich bald auch nicht mehr", fügte sie hinzu. Sie wischte sich die Tränen fort. "Aber ich sage dir was, Luise, es ist mir egal, wie er denkt, es ist mir egal, wie alle denken; Michael und ich, wie gehören zusammen und ich warte auf ihn, und ich weiß, daß er wiederkommt, ich weiß es." Sie umarmten sich, und Luise sagte "Ich bete dafür."
Dennoch ließ das Gerede der anderen Leute Erika keine Ruhe. "Glaubst du", fragte sie Luise, "ob Michael auch so furchtbare Dinge tun muss wie die anderen?" Luise erkannte, daß Erika ihren Mann dazu nicht für fähig hielt, weil er ein guter Mensch war und niemandem etwas zuleide tun wollte. Aber unter Soldaten herrschten andere Gesetze, das wusste selbst Luise mit ihrer wenigen Lebenserfahrung. "Der Rotter ist doch bei ihm", sagte sie, aber es erschien beiden nicht überzeugend genug, ihre Befürchtungen zu zerstreuen.
Zwar wussten sie ja nicht, daß sich Rotter damals an der Mühle den Soldaten selber angedient hatte, aber er hatte schon lange keinen guten Ruf gehabt, und die Wahrheit war, daß man ihm zutraute, seinen Kameraden zu den schlimmsten Gräueltaten erst noch anzustiften, und sei es auch nur, um sich selbst davor zu drücken. Luise fiel etwas ein. "Es ist gar nicht gewiss, ob die beiden zusammengeblieben sind", sagte sie, als hätte das Michael vor einem Verbrechen bewahrt.
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