Alexander Fuchs : Neue deutsche Literatur nightletter@web.de

 
Mark Ponzio

Girolamo - ein Gelehrter der Renaissance
 

 
Nachdem, wie man mir erzählt hat, vergebens Abtreibungsmittel angewandt worden waren, kam ich zur Welt im Jahre 1500, am 24. September, als die erste Stunde der Nacht noch nicht vollendet, nur wenig mehr als zur Hälfte, aber noch nicht zu zwei Dritteln verflossen war. Die wichtigste Stellung der Figuren des horoskopischen Aspektes war so, wie ich sie im 8. Kapitel des als Anhang zu meinem Kommentar der vier astronomischen Bücher des Ptolemaeus gegebenen Buches der 12 Nativitäten mitgeteilt habe.

Ich habe festgestellt, dass damals die beiden großen Gestirne unter bestimmten Winkeln niederstiegen und dass keiner von ihnen den Ort des Horoskopes beschaute, da sie sich an der 6. und an der 12. Stelle befanden. Es konnte auch, mit dem gleichen Resultat, einer von ihnen an der 8. Stelle stehen; er wäre dann im Sinken begriffen gewesen, ohne dass ein Winkel gegeben war, so dass man hätte sagen können: er steigt nieder außerhalb des Winkels. Und standen auch sonst keine unglückverheißenden Sterne innerhalb dieser Winkel, so schadete doch der Mars den beiden großen Sternen wegen der Ungunst ihrer Stellung, und da er vollends mit dem Mond im Geviertschein stand, so konnte ich sehr wohl missgestaltet zur Welt kommen.

Desweiteren aber, weil der Ort der vorhergehenden Konjunktion unter dem 29. Grad der Jungfrau lag, die den Merkur beherrscht, und da weder der Merkur, noch der Ort des Mondes, noch der meines Horoskopes zusammenfielen und keiner von ihnen den vorletzten Grad der Jungfrau beschaute, so hätte es auch leicht geschehen können, dass ich zerstückt aus dem Leibe meiner Mutter kam; nur wenig hat gefehlt. So ward ich denn geboren, oder vielmehr aus der Mutter herausgezogen, fast wie tot, mit schwarzem, krausen Haar.

In einem Bad heißen Weines, das einem anderen hätte gefährlich werden können, kam ich zu Kräften. Drei volle Tage war meine Mutter in schweren Geburtswehen gelegen. Schließlich kam ich doch lebend davon.

Aus der Lebensbeschreibung des Girolamo Cardano





Vorbemerkung des Herausgebers


Es gibt Menschen, die wegen ihrer Taten im Gedenken anderer unsterblich geworden sind. Es gibt Menschen, denen zu Lebzeiten höchste Ehren und Ruhm zuteil werden und deren Namen keiner mehr nennt, noch bevor die ersten Blumen auf ihren Gräbern verwelkt sind. Es gibt auch solche, die wegen einer kleinen Auffälligkeit in ihrem irdischen Leben, beinahe wegen eines Ausrutschers oder eines Missgeschicks bei Vielen in nachsichtiger, liebevoller Erinnerung bleiben. Und es gibt jene unzähligen Menschen, die Großes vollbracht haben, von denen man aber nie erfahren hat, ganz zu schweigen von denen, die sagenhafte Fähigkeiten oder Talente ahnen ließen, jedoch vorzeitig aus der Welt schieden.

Man sollte meinen, jeden einer bestimmten Klasse zuordnen zu können, aber wie man weiß, ist die Welt so vielfältig, dass bei jeder Ordnung, die erfunden wird, um sie darin unterzubringen, jede Menge Unordnung übrigbleibt. Seltsamer- oder vielmehr bezeichnenderweise bleiben solche Menschen übrig, die man in keine verfügbare Schublade stecken könnte, und seien ihre Kriterien auch noch so ausgefallen. Und noch merkwürdiger ist, dass es solche gibt, die man überall hineinstecken könnte, sich aber nicht entscheiden kann, wohin sie gehören.

In jenem Zeitalter der Menschheit, das wir die Renaissance nennen, gab es vielleicht mehr Genies als in der ganzen Zeit davor zusammengenommen. Über einige herrscht eine geteilte Meinung, andere sind über jedes Urteil erhaben, und wieder andere sind noch heute Gegenstand der Forschung. Auch auf Girolamos Leben bin ich durch einen Vortrag über ihn gestoßen, und er löste in mir einen Gedanken aus, der so ganz anders war als das, was ich bis dahin, hauptsächlich durch Schule und Universität vermittelt, über die Renaissance und ihre Repräsentanten zu wissen glaubte.

Ich war fasziniert von der unerhörten geistigen Beweglichkeit und Fülle dieses Menschen bei dem gleichzeitigen völligen Fehlen irgendeiner Art von Ethik. Und ich werde seitdem das Gefühl nicht los, dass die Genialität, die diese Epoche auszeichnet, die Unerschöpflichkeit des Geistes und die Zeitlosigkeit, in die er sich kleidet, zu einem großen Teil mit dem Mangel an Ethik, ja mit der Abscheu vor ihr wie vor etwas Wildem, Archaischem, Unzivilisiertem einhergeht, und dass dies womöglich ein Grund dafür ist, warum uns die Renaissance manchmal so übermächtig und mysteriös erscheint.

Als ich den vorliegenden Text über einen Renaissancegelehrten zum Lesen bekam, sind mir diese Gedanken wieder eingefallen. Vielleicht findet er in unserem Publikum weniger Freunde als andere Texte aus unserem Haus. Man möge ihn annehmen als eine Reminiszenz an jene Menschen, bei denen auch lange, lange Zeit nach ihrem Tod es immer noch ein Rätsel bleibt, wie sie dem Vergessenwerden widerstehen.




 
Girolamo - ein Gelehrter der Renaissance


Über dem Bett auf einem schmalen Sims stand eine Vase mit einem verwelkten Rosensträußchen, und dahinter lehnte an der Wand ein Bild mit der Darstellung des heiligen Petronius im Bischofsgewand, gemäß der Legende barfuß; eine Handteller große Malerei hinter Glas, die angeblich von einem armen Bauern stammte, der einmal eine Erscheinung des Heiligen gehabt haben soll, die er dergestalt festhielt, und welche Signora Valeria vor vielen Jahren an einem Donnerstag auf dem Markt gekauft hatte.

Signora Valeria achtete sehr darauf, daß dies kleine Bildnis immer ordentlich auf dem Sims stehen blieb, und der Heilige eine freie Sicht auf die ganze Einrichtung des Zimmers hatte, und insbesondere die Röschen ihn nicht verdeckten und andererseits auch nahe genug bei ihm standen, weil sie zu ihm gehörten, obwohl sie nicht von demselben Markt stammten und natürlich auch nicht von dem Bauern, der nichts weniger als ein Rosenzüchter gewesen war, wie sich Signora Valeria erinnerte. Aber während sie Girolamo wieder und wieder die Herkunft des Bildes verriet, schwieg sie sich über diejenige des Sträußchens aus, und Girolamo interessierte sich auch nicht weiter dafür.

Er hatte es sich angewöhnt, ebenfalls auf dem Sims eine brennende Kerze aufzustellen, weil er bemerkte, daß sie von dort einen vortrefflichen Lichtschein verbreitete, in dem Girolamo in den langen Nachtstunden des Dezembers gut in seinen Büchern lesen konnte, vor allen in dem Werk des Antonius Cizzos über die Algebra, in das sich Girolamo ein ums andere Mal vertiefen und dabei alles um sich her vergessen konnte. Der Wahrheit halber sei gesagt, daß dieses Buch das einzige war, das ihm von seiner einst nicht unbeträchtlichen Sammlung verblieben war, nachdem er alle anderen verkaufen musste, um nicht Hunger zu leiden.

Denn der Senat von Bologna hatte ihn seines Amtes als Rektor der Universität enthoben, das Schurkenstück einer Verschwörung, die seine Feinde und Neider gegen ihn angezettelt und leider auch zu ihrem Vorteil ausgeführt hatten. Nicht wenige im Senat, so wusste Girolamo mit Gewissheit, mussten erst bestochen werden, damit sie ihm ihre Fürsprache entzogen und ihren Schutz verweigerten, bis er alsdann unter den erniedrigenden und erdrückenden Verleumdungen weichen musste und sein Amt niederlegte. Seitdem war weniger als ein halbes Jahr verstrichen, und nicht einmal in dieser Zeit hatte auch nur einer seiner einstigen Kollegen ihm wenigstens einen Gruß gesandt, geschweige sich nach seinem Befinden erkundigt, das allerdings nicht zum Besten stand.

Wenn Girolamo in diesen Nächten des Dezembers 1547 über den Formeln des Antonius Cizzos grübelte, und besonders über seinen raffinierten Geistesgängen zur Lösung von Gleichungen höheren Grades, dann überlief ihn manchmal zwischendrin ein Gefühl, das ihn in seiner Überzeugung bestärkte, die Algebra, und vor allem die, welche von den primitiven Wucher- und Schacherrechnereien der Juden auf dem Markt und in den Wechselstuben so weit entfernt war wie ein frisches Brot vom alten Stein, eben diese Algebra, für die man, um sie recht zu betreiben, erst eine eigene Sprache mit Zeichen, Symbolen und Anweisungen wie Rezepte eines Arztes erfinden musste, sie wäre etwas, auf das man sich voller Tatkraft und froher Zuversicht einlassen kann, eine Wissenschaft und eine Kunst zugleich, welche nährende und gebährende Substanz nicht bloß für Tage, Wochen, Monate und Jahre enthält, sondern für ein ganzes strebendes Leben.

Was waren Ämter, Ansehen, Vermögen und Macht im Vergleich zu diesem Kosmos, mit dem man als menschliches Wesen sich anfreunden konnte, ohne alle äußerlichen Vorbedingungen, ohne die Fähigkeiten und Befugnisse, die man sich erkaufen muss, sondern nur ausgerüstet mit einem klaren Verstand und mit reiner Neugier. Eine Neugier, die Girolamo mitunter in seinen Träumen seit der Zeit, als er sich vom Kind zum Knaben wandelte, in seinem Innern erschaute, etwas, das tief und sicher in ihm verborgen oder geborgen lag, manchmal eine Stelle, ein Ort, ein fensterloser Raum, eine offene Landschaft, dann wieder eine Bewegung, ein Laufen, ein Aufsteigen, ein Fliegen, oder aber ein Ding, ein Behältnis, ja ein ganzes, selbständiges Organ in seinem Körper, ein Organ, das ihn lebenslang mit Neugier versorgte und sich selbst davon erhielt.

Signora Valeria, die Wirtin, sah es nicht gern, wenn die Kerze auf dem Sims stand und am Morgen fast völlig heruntergebrannt und das Wachs drumherum hinabgetröpfelt und am Stumpf zu Klümpchen erstarrt war. Ihrer Meinung nach könnte die Kerze viel zu leicht von dem schmalen Brettchen herunter fallen. Einen kleineren und schlichteren Kerzenhalter, den Girolamo daraufhin von ihr verlangte, hatte sie jedoch auch nicht zur Verfügung. Dieser hier war aus Eisen geschmiedet, eher für einen Altar geeignet und mit einem kunstvoll geschwungenen Griff versehen, an dem man ihn zwar unmittelbar anfassen konnte, der aber - wie Girolamo an einem trüben, melancholischen Vormittag einmal untersucht und herausgefunden hatte - den Schwerpunkt des ganzen Geräts ein Stück weit nach außen verlagerte, wodurch er leicht in Gefahr kommen konnte, umzufallen.

Den Griff nach der Wand hin zu drehen, war dagegen auf dem Brett unmöglich, ohne daß der Leuchter bedrohlich über den Rand hinausragte. Und da um seinen Sockel zur Zier ein Eisenband mit einem Muster gewunden war, dessen Ende ein Schlangenköpfchen bildete, sah es fast so aus, als lugte das Tier aus dem Schattenkreis am Fuße der Kerze heraus und halte Ausschau nach einer Stelle auf der Bettstatt darunter, auf die es sich selbst mitsamt des Leuchters und seiner Flamme hinabstürzen könnte.

Girolamo hatte mehrere Stellen in Cizzos' Algebra gefunden, die ihm unverständlich, genauer gesagt, irreführend formuliert, und einige andere, die offenkundig fehlerhaft waren. Als er quasi über Nacht aus Bologna flüchten musste, weil der niederträchtige Giampietro Pocobello - der Teufel möge ihn mit Aussatz überschütten - einen Trupp Soldaten zu ihm nach Hause geschickt hatte mit dem Befehl, ihn gefangenzunehmen, da hatte Girolamo in allerletzter Minute durch die Hintertür entschlüpfen können, alles, aber auch alles außer dem Hemd und der Hose auf seinem Leib zurücklassend; Fabrizio, sein jüngerer Sohn und dessen Frau Taddea, die sich gerade bei ihm zu Besuch aufhielten, ahnungslos den Schergen des Senats ausgeliefert.

Und diese Banausen, als sie sahen, daß er fort war, hatten nichts Übleres zu tun, als in seinem Studierzimmer herumzutoben und seine Manuskripte zu zerreißen. Darunter befanden sich aber einige Ausführungen zum Problem der kubischen Gleichungen und zur Art und Weise ihrer Auflösung, die ihm nach der Lektüre des Cizzos gleichsam im Schlaf geoffenbart worden waren. Darüber hatte er dem Antonius Cizzos geschrieben und die Fehler in seinen Rechungen bloßgelegt. Leider waren seine eigenen Manuskripte wie gesagt von den Soldaten und letzlich von den Professoren der Universität, die den Befehl dazu gegeben hatten, vernichtet worden; es sei denn, seine Kinder hatten davon etwas retten können.

Aber wie sollte Fabrizio in der Eile und Überraschung die richtigen und wichtigen Papiere erwischt haben können? Verstand er doch außerdem leider so gut wie nichts von Mathematik, dafür aber anscheinend umso mehr vom Glücksspiel. Und Taddea war im siebenten Monat schwanger; ein Verbrechen war das, die Soldaten in stockfinsterer Nacht auf ein schwangeres Weib zu hetzen wie Hunde auf eine trächtige Hirschkuh.

Hingerissen von der Schlüssigkeit seiner Rechnungen, die er einmal bereits ausgeführt und niedergeschrieben vor Augen gehabt hatte, konnte Girolamo die Kritik an Cizzos' Theorie nicht bloß in einem simplen Brief formulieren, den der Cizzos womöglich gar nicht gelesen hätte, denn er war bekannt für seine Arroganz und für seine krankhafte Sorge, seine Schriften vor jeder Veränderung (und sei sie auch eine Verbesserung) zu schützen. Girolamo konnte, ohne Gefahr zu laufen, bloße Behauptungen aufzustellen, deren Beweise er schuldig bliebe, seine Rechnungen selbst in einem Traktat veröffentlichen, das er in einer Auflage von sechshundert Stück in Venedig drucken ließ, und das dem Antonius Cizzos und allen Gelehrten der mathematischen Welt Augen und Ohren öffnete über eine Art von Algebra, wie sie seit Diophantos nicht mehr praktiziert worden war.

Um das Gezeter von Signora Valeria zu vermeiden, nahm Girolamo die Kerze morgens vom Sims; das vergaß er jedoch immer öfter, und die Wirtin, wenn sie das Zimmer aufräumte, tat es selbst und sparte sich damit jedesmal eine weitere Ermahnung auf, die sie ihm bei nächster Gelegenheit unter die Nase reiben würde. Seiner Überzeugung nach kamen ihr, die in Girolamos Augen ein überaus streitsüchtiges Weib war, solche Nichtigkeiten gerade recht, und er war nahe daran, ihr zu drohen, er werde ausziehen, wenn sie nicht ihr Maul hält.

Aber ihre Worte waren schon lange nicht mehr so laut und grob wie früher, vielmehr schien es, sie würde anfangen, ihm Manieren beibringen zu wollen. Sie erbot sich, ihm bei seinen täglichen Verrichtungen behilflich zu sein, beim An- und Auskleiden etwa, schließlich sogar beim Waschen, was er mit dem größten Nachdruck zurückwies. Durchlebte er doch gerade eine Phase, in der seine schöpferischen Kräfte und mehr noch die wundersame Entfaltung seines Ruhmes (wofür jene Kräfte lediglich wie hilfreiche Accidenzien wirkten) in ungeahntem Ausmaß spürbar wurden; eine Phase, in der er auf nichts weniger acht gab, als auf einen aufgeräumten Wandsims und die Ordnung überhaupt in seiner kümmerlichen Klause.

War es doch schlimm genug, diese beengenden, unwürdigen Verhältnisse seines aufgezwungenen Exils ertragen zu müssen, in einem Zimmer zu hausen, das mehr einer Abstellkammer auf dem Dachboden glich, als dem Arbeitsort eines Menschen, der zum Großen geschaffen war. Nicht einmal das Fenster konnte man zum Lüften öffnen, weil dann der Gestank der Kloake von unten heraufstieg und Girolamos Sinne mit Teufelsatem vergiftete, der imstande war, die unsinnigsten Gedanken heraufzubeschwören und die trefflichen, zu denen Girolamo den widrigen Umständen zum Trotz seinen Geist anspornte, mit unauslöschlichen Flecken der Trivialität, ja der Einfältigkeit zu beschmutzen. Das hier, so wusste er, ist die wahre Unordnung, der die Menschen verfallen, wenn sie anfangen, sich in ihrem Leben einzurichten, als würde es ab jetzt von Dauer sein.

So hatte er seinem Traktat einen zweiten Teil hinterhergeschickt, da die unverschämte Reaktion des Cizzos auf den ersten dies unvermeidlich erscheinen ließ. Und darin hatte er, Girolamo, wenn auch nur andeutungsweise und um seine Aufrichtigkeit und mehr noch seine Unerschütterlichkeit gegenüber allen Schmähungen zu unterstreichen, zu einer Probe auf seine Rechenkunst herausgefordert; Cizzos und alle Mathematiker oder die sich dafür halten, mögen ihm, Girolamo, ein halb Dutzend Aufgaben stellen, die er nach seiner Methode lösen werde, ohne dafür auch nur soviel Zeit aufwenden zu müssen, wie die Sonne für ihren Lauf zwischen Morgen und Abend benötigt.

Cizzos selbst ging anscheinend auf diese Herausforderung nicht ein, verkündete lauthals, es würde ihm zwar keineswegs Mühe kosten, auch die doppelte Anzahl solcher Aufgaben zu stellen, allein, sie wären eines Scharlatans, wie Girolamo es sei, unwürdig. Das wäre gerade so, als würde man einen Aussätzigen nach einem Rezept für eine wirkungsvolle Arznei gegen die Krätze befragen. Dieser Spruch Cizzos' machte in Bologna schnell die Runde; er spielte auf zwei Dinge an: einmal auf die leider unglücklich verlaufene Behandlung des Kaufmanns Benedetto Eufomia, der von einem ungewöhnlichen Hautausschlag befallen gewesen war, welcher ihn in hohes Fieber schlug, worin er schließlich nach vierzehn qualvollen Tagen und Nächten verstarb, ohne daß Girolamo, der als letzte Hoffnung herbeigerufen worden war, nachdem alle anderen Ärzte versagt hatten, ihn davor hatte bewahren können.

Daß Cizzos von der Krätze sprach, sollte Girolamo, der allerdings seit einiger Zeit infolge der miserablen Lebensumstände, in die er unverschuldet geraten war, eine wenig angenehme äußere Erscheinung bot, welche sich mit jedem Tag zu verschlimmern schien, auf pöbelhafte Weise verspotten. daß Girolamo des Nachts an der Rückseite des Palazzo Borghia, wo er an den Kanal grenzte, den hinausgeschütteten Abfall nach Essbarem durchwühlte, das war eine infame Lüge, die sich Cizzos nicht selbst ausgedacht haben konnte, denn bei allem Scharfsinn, den man ihm zugestehen musste, mangelte es ihm an jeglicher Phantasie, sobald von etwas anderem die Rede war als von rohen, spröden Zahlen und den Zeichen, die um sie herum verstreut waren wie aus Brettern herausgezogene krumme Nägel. Cizzos' Manuskripte und Blätter mit den Rechnungen sollen, das wusste Girolamo aus zuverlässiger Quelle, aussehen wie von Kinderhand oder von der eines Idioten bekritzelt, und es war ein Wunder, wie daraus ein druckfertiges Buch wie seine Algebra hervorgegangen sein konnte.

Ohne Zweifel war Cizzos selbst es gar nicht wert, daß ihm die gleichen mathematischen Erkenntnisse zufielen, die Girolamo in den nächtlichen Stunden beim Schein der Kerze in dem Schlangenleuchter eingegeben wurden. Vieles davon war Girolamo bekannt, ja vertraut, auch wenn er oftmals auf anderem Rechenweg zur Lösung gekommen war. Anderes, und das waren eben jene Stellen, an denen er seine Kritik angesetzt hatte, erschien nur andeutungsweise, als hätte Cizzos so formuliert, daß man über seine Rechenkunst staunen musste und dabei doch nicht dahintersteigen konnte, wie sie eigentlich funktionierte.

Nun war solche Praxis wohl nicht neu, und auch Girolamo musste sich eingestehen, daß er das gleiche raffinierte Gemisch aus Erklärung und Verschleierung, welches an Geheimniskrämerei grenzte, schon oft gebraucht hatte. Denn das war inzwischen fast zum Berufsethos der Mathematiker geworden: daß sie immer gerade so viel verrieten, damit es ausreichte, einen als großen Wissenschaftler erscheinen zu lassen, dem kein anderer, selbst wenn er über dasselbe Wissen verfügte, das Wasser reichen konnte.

Und dabei steckte das Geheimnis ihrer Lösungswege oft, nachweislich in all den Fällen, wo es endlich offenbar geworden war, in kleinen, unscheinbaren Nebenrechnungen, die so schnell vollzogen waren wie die Handgriffe eines Zauberers, denen die Augen des staunenden Publikums nicht zu folgen vermochten, geschweige denn ihr Verstand sie erklären konnte.

Daher auch die liederlichen Aufzeichnungen des Cizzos, die in die Irre führen sollten. Und weil er - wie sie alle - in der wahnhaften Angst lebte, man könnte ihm das Erstlingsrecht an seinen Entdeckungen streitig machen. Denn die Sprache selbst konnte zum Verrat am Gedanken werden, wenn man um seine eigene Ehre fürchten musste.

Auch als Girolamo, als des Cizzos' Reaktion auf seine Ankündigung so läppisch ausfiel, versprach, er werde die Aufgaben für nicht mehr als zehn Gulden lösen, im Falle aber, daß es ihm nicht gelänge, er den zehnfachen Betrag selber zahlen würde, hielt sich Cizzos bedeckt, wohl weil er nun von Girolamos Entschlossenheit beeindruckt und beunruhigt war und erkennen musste, daß es nicht bloß leere Versprechungen und Prahlerei waren, die Girolamo zu dem Angebot veranlassten.

Merkwürdigerweise war es Signora Valeria, die (als er ihr in einem Anfall von Redseligkeit, wie ihn einsame Menschen mitunter über sich ergehen lassen müssen, davon berichtete) sich darüber verwunderte, weshalb es ein Zeichen von meisterlichem Können sei, irgendetwas in möglichst kurzer Zeit oder zu einem möglichst geringen Preis auszuführen, was zu beherrschen ihn doch selbst so viel Lebenskraft gekostet habe. Girolamo wusste hierauf nichts zu erwidern, war dann aber froh, daß sich jemand fand, der bei seinem Angebot dagegenhielt.

Das war der Ciacomo Buonafede, ein bis dahin gänzlich unbekannter unter den Gelehrten niederen Ranges in der Universität, dessen Gebiet nicht einmal eigentlich die Mathematik war, sondern der, wie Girolamo herausfand, noch bis vor kurzem als ein Bauernsohn auf dem väterlichen Hof in Leonessa zu Hause war, wo er durch die tägliche Hofwirtschaft einige Kenntnis im Umgang mit dem Vieh erworben hatte, weswegen man ihn jetzt an der Universität als ein Doktor der Anatomie führte und er Vorlesungen über Geburtsheilkunde hielt, welche Kenntnisse er wohl nirgends anders, als bei den Kühen und Sauen in seinem heimatlichen Stall gelernt haben mochte.

Ausgerechnet der erschien eines Morgens in Begleitung einer Schar Studenten, die natürlich nur als Zeugen gedungen waren, bei Girolamo mit einer Liste von sieben Aufgaben und der erklärten Absicht, bis zum Abend vor Girolamos Haus zu harren, um, wenn es sich denn so verhielte, wie er verkündet hatte, die Lösungen in Empfang zu nehmen. Ob er, Girolamo, auch genug Geld im Hause habe, sagte einer der jungen Burschen höhnisch, damit er die Schuld von hundert Gulden hernach begleichen könne; und ob er, so ein anderer, genug Wein im Hause habe, damit ihm die Rechnerei flüssiger von der Hand ginge, womit er freilich auf jenes Gerücht anspielte, Girolamo würde sich seit einiger Zeit von morgens bis abends betrinken und könnte die Feder schon nicht mehr ruhig übers Blatt führen, bevor ihm der erste Viertelliter nicht die Kehle hinabgeflossen sei.

Die Truppe benahm sich selber überaus unanständig und rücksichtslos, wartete nicht, wie abgemacht, vor dem Haus und ließ Girolamo nicht in Ruhe rechnen, sondern nahm den ganzen Hausflur, es waren ihrer zehn oder zwölf Mann, in Beschlag und schlichen sich, ach was, sie trampelten durch die Küche und die Zimmer hindurch, sogar die Treppe hinauf und wieder hinunter, ohne ersichtlichen Grund, nur um Lärm zu machen und zu stören. Ein Teil von ihnen lungerte vor dem Haus herum, wo sie alle Vorbeikommenden in laute Gespräche und wenn es ihnen nicht laut genug schien, in Streitereien verwickelten, nur damit Girolamo dadurch abgelenkt werde.

Einige andere hatten es sich hinten im Garten bequem gemacht und von Girolamos Wirtin gefordert, sie möge die Besucher mit Speise und Trank bedienen, so daß die arme Frau, trotz Girolamos vehementem Einspruch dagegen, nicht anders konnte, als ihrem Drängen nachzugeben. Allerdings bezahlten sie für ihren Verzehr, und zwar nicht schlecht. Schließlich ließen sie auch noch Mädchen kommen, gar drei Musikanten, die ihnen zum Tanz aufspielen mussten.

Daran erkannte Girolamo, daß unmöglich dieser Ciacomo Buonafede selbst, geschweige denn seine flaumbärtigen Buben, ihm, Girolamo, wegen dieser Angelegenheit zu Leibe zu rücken ein eigenes Interesse gehabt haben konnten. So wie der Haufen flegelhafte Studenten von dem Buonafede wahrscheinlich eben auf der Straße zusammengelesen worden war, als sie vor ihm katzbuckelten, so war Buonafede selber von niemand anderem als von Cizzos aus dem Kreis seiner Stiefellecker ausgewählt und hierher geschickt worden.

Denn weder er, noch diese jämmerlichen Dummköpfe wären auf die Idee gekommen, im Haus und Hinterhaus Girolamos ihr Geld zu verprassen, das sie mit Sicherheit gar nicht besaßen. Selbst wenn sie auf die hundert Gulden spekulierten, die als Preis oder besser gesagt als Entschädigung ausgesetzt waren, mussten sie doch so dumm sein, daß sie nicht die geringste Ahnung davon hatten, worum es sich hier in Wahrheit handelte.

Und als Girolamo zum Schein den Buonafede fragte, was diese unleserliche Zahl in der sechsten Aufgabe hieße, da glotzte der ihn nur an und meinte, das wisse er doch nicht und sei er ja nicht der, der von sich behauptete, der große Rechenkünstler zu sein. Girolamo überließ ihn und seine Kumpane ihrem Treiben, und es gab für ihn auch keine Unklarheit in dieser Aufgabe, aber an ihren verdutzten Gesichtern konnte er mit großer Genugtuung erkennen, daß sie ihres Erfolges bei diesem Feldzug gegen ihn nicht mehr so sicher waren, denn es schlug indem Mittag und Girolamo hatte natürlich nicht ohne Grund von der sechsten, also von der vorletzten Aufgabe gesprochen. Tatsächlich hatte er bereits alle gelöst, aber er wollte sich für das unverschämte Benehmen dieser Halunken rächen und sie ein wenig zum Narren halten, soweit man das bei so einfältigen Menschen überhaupt bewirken kann.

Daß es ihm so wenig Schwierigkeiten bereitete, führte er auf die Zuverlässigkeit und vor allem auf die Stringenz seiner Rechenweise zurück, die sich einmal mehr bewährt hatte und die ihm mit jedem Mal, da sie ihn auf sicherem Pfad zur richtigen Lösung führte, nicht nur klar und ohne jede Unbestimmtheit erschien, sondern ihm gleichsam voller Reinheit und Eleganz dünkte, als wäre sie die Gabe einer Muse oder gar Göttin, welche ihm die Formel in den Geist gelegt habe.

Wie leicht fiel es ihm, damit ausgestattet, allen Lärm, ja alles Leben um sich her zu vergessen und in die raum- und zeitlose Sphäre der Zahlen, Größen und Proportionen und weiter noch bis zu den hellichten Erscheinungen eines Ganzen und seiner Teile einzudringen, dort wie vor einem Altar ein Ritual zu vollziehen und auch wieder sicher und wie von höherer Hand geleitet zurückzugelangen in die schmutzige, verdorbene und eitle Wirklichkeit dieser Welt. Niemand von denen, die ihn da draußen belauerten und belästigten, hatte auch nur einen Funken Vorstellung von dem, was Girolamo in seiner Seele begegnete, wenn er in seinem Innern wandelte wie auf Wegen, die zwar nicht ganz ungefährlich, aber vorgezeichnet waren, und wo er manchmal glaubte, seine eigenen Spuren wiederzuerkennen.

Nach dieser Anstrengung war er auf der Stelle in seinem Arbeitszimmer in einen tiefen Schlaf gefallen, war vom Stuhl gerutscht und hatte unter dem Tisch gelegen, wo ihn weder seine Haushälterin noch sein Sohn Fabrizio noch auch die auf die Kunde des siegreichen mathematischen Wettstreits herbeigeeilten Gaffer fanden. Nur der Hund Ritus, ein ewig verlauster und ängstlicher, aber unglaublich anhänglicher Köter schnüffelte an ihm herum, und konnte sich wohl nicht erklären, wieso der gelehrte Herr so reglos, mit einem fast stillstehenden und selbst für einen Hund nur schwerlich erkennbaren Atem auf dem Boden lag.

Ungewollt war bei dieser Gelegenheit wohl allerlei Ungeziefer von dem Tier auf den schlafenden Girolamo übergesprungen und hatte sich hier, und nicht erst spätabends und an den folgenden Tagen und in den Nächten, als er in den Spelunken in den Gassen hinter der Piazzale Monte Grappa abgetaucht war, in Girolamos Kleider eingenistet. Bis zu diesem Triumph über den Cizzos und seine Kumpane und über alle, die dem unliebsamen Konkurrenten etwas am Zeug flicken wollten, hatte er durchaus noch seine imposante, ja gravitätische äußere Erscheinung wahren können, obschon ihn die dürftigen Lebensumstände und vor allem die stetig anwachsenden Schulden, die ihn drückten, kaum mehr die nötige Muße gönnten, sich seinem eigenen Wohlergehen mit der erforderlichen Sorgfalt zu widmen.

Gottseidank war er selber Arzt und konnte sich selbst um seine Gesundheit kümmern und den Quacksalbern und Pfuschern, die anfingen, ihm die Tür einzurennen, eine Fratze schneiden und sie mit den wüstesten Beschimpfungen, die ihm einfielen, fortjagen. Die verfehlten nicht ihre Wirkung, die Beschimpfungen. Nach drei Tagen schien es, als kämen die Doctores extra zu ihm, um seine Hasstiraden über sich ergehen zu lassen, um seinen Schwall von - unter gesitteten Umständen unaussprechbaren - Schimpfwörtern, die er ihnen aus dem Fenster im zweiten Stock auf ihre Glatze niederschüttete, geradezu demütig zu empfangen, als würde er sie mit Weihwasser und nicht mit seinem Speichel bespritzen. Aber er sah wohl, daß ihre Mienen nicht zu dem Spiel passten, und daß sich die meisten von ihnen die Wut ebenso wie das Lachen verkneifen mussten, die ihnen am liebsten herausgeplatzt wären, während sich Girolamos Fäkalvokabular auf sie ergoss.

Das waren auch wohl nicht die Doctores, die er kannte, jene Fettwänste, die kaum ihren eigenen Namen schreiben konnten und nicht einmal das kleine Einmaleins beherrschten, aber die mit ihren undurchschaubaren Behandlungen und mit Lug und Trug aus ihren hilflosen Patienten ein Vermögen herausgepresst hatten, deren sogenannte Heilkunst ein Sammelsurium bedrohlicher Symptome und deren noch erschreckenderer Bezeichnungen war, von Banausen fabriziert für Idioten.

Die wären, bei aller Sensation, die er, Girolamo, in diesen Tagen erregt hatte, kaum vor die Schwelle seines Hauses getreten. Nein, man machte sich einen Spaß daraus, einzelne Leute, die sich als wohlgesonnene Ärzte ausgaben und die sich sogar als solche verkleideten, zu ihm hin zu schicken, um ihn zu provozieren und ihm wie ein Rudel von Hyänen seine Nerven herauszureißen und ihn wie eine Schar seelenloser Teufel um seinen Verstand zu bringen, der ihm bis dahin so zuverlässig gedient hatte.

Am Tage, als Girolamo Abwechslung und Zerstreuung in den Hinterstuben und Kellern der Gassen an der Piazzale Monte Grappa suchte, da konnte man ihm nicht auflauern und ihn dreist belästigen noch dazu bringen, daß er sich herabließ, mit Leuten zu reden, die ihm ganz bestimmt nichts zu sagen hätten, das für ihn bedeutungsvoll gewesen wäre. Dort war auch viel zu wenig Platz und zu wenig Licht, als daß er in den stinkenden und verräucherten Quartieren eine erstaunliche und vergnügliche Vorstellung für Narren geboten hätte. Und auch hätte ihn dahin niemand verfolgt oder wäre aus Mitgefühl dorthin gegangen, der nicht, wie jene falschen Doctores, nur seine Schande und Schmach im Sinn hatten und nur darauf sannen, sie irgendwie zu vergrößern.

Denn die Mathematik, die wie eine Göttin oder wie die heilige Jungfrau Gnade und Eingebung dem gewährte, der sie mit reinem Herzen und kristallklarem Verstand verehrte, diese Mutter aller Gedanken über die Welt, diese Wissenschaft aller Wissenschaften, sie konnte man nicht missbrauchen, um Frevel und Zwietracht zu schüren, jedenfalls nicht, ohne dafür früher oder später bestraft zu werden. Und das wusste auch Cizzos, der wie gesagt, nicht dumm war und geistig denen weit überlegen, die er für seine gehässigen Unternehmungen benutzte. Zweifellos hatte er eingesehen, daß Girolamo der Sieg im Streit über die Algebra gebührte, mit welcher er die verzwicktesten, ja in einigen Fällen willkürlich und künstlich in die Irre führenden Aufgaben gelöst hatte. Zugeben konnte er es niemals, und Girolamo stellte sich einen Moment lang vor, was seine verrohten und törichten Freunde ihm wohl rieten zu tun und zu äußern.

Aber er hüllte sich weiter in Schweigen, behauptete, er habe keine Zeit, sich mit derartigen Bagatellen zu befassen, da er über einem sehr ernsten Problem grübele, vor dessen Aufklärung er unmittelbar stünde. Was das sei, hatte ihn Girolamo öffentlich gefragt, etwa die Frage, wo die Scheidegrenze verlaufe, an der aus einem Rülpsen unwiderruflich ein Furzen wird? Damit spielte er freilich auf die Sauf- und Fressgelage der Senatoren an, bei denen Cizzos seit einiger Zeit als Gast geladen war, angeblich, weil er die Finanzen des Schatzmeisters und damit den Haushalt der Stadt auf so hervorragende Weise bilanziert hatte, in Wahrheit aber wohl, weil er der geistige Urheber der rabiaten Steuererhöhungen war, mit denen die Senatskasse und vor allem die Taschen ihrer Verwalter wieder gefüllt werden sollten.

Zu solchem Amte hatte man Girolamo selbstredend nicht bestellt, wenngleich er die Dienste hätte ebensogut leisten können wie ein Cizzos, der dabei noch überdies wie man sich denken konnte einen hübschen Anteil ganz unauffällig für sich selbst abzwackte. Das eben lag in des Cizzos' Natur: daß er sich bei jedermann beliebt machen konnte, ohne dafür auch nur den kleinen Finger zu rühren; während Girolamo, wie es ihm selbst schien, mit ebensolcher Selbstverständlichkeit von aller Welt gehasst ward. Doch was konnte man dem Schicksal, und selbst dem, das man einmal erkannt hatte, entgegensetzen? Man muss es ertragen und erdulden; und auch ein langes Leiden kann zum Ruhm führen, eben dadurch, daß es sich dem Untergang so lange widersetzt hatte.

Cizzos' Schweigen war noch unerträglicher als seine Streitsüchtigkeit; diese beherrschte er nicht gut genug, wie alle Männer von weichlichem Wesen. Auf dem Felde konnte Girolamo ihn mühelos besiegen, wenn er, er selbst, es denn bis zum letzten darauf angelegt hätte, was aus vielerlei Gründen gar nicht nötig war. Cizzos machte oft den Fehler, noch da über die Mathematik zu streiten, wo man, wie das ergötzte Publikum rasch mitbekommen hatte, sich längst über Privatsachen stritt, die im Grunde niemanden etwas angingen.

Nur Cizzos bekam das offenbar nicht mit, denn er hatte zwar einen gründlichen, jedoch auch einen schwerfälligen Verstand; ja er war meistens plump und wenig originell, was man schon am Stil seiner Traktate erkennen konnte. Las man sie daraufhin mit Augenmerk, konnte man glauben, Cizzos gebrauche die Rhetorik wie der Holztischler den Knochenleim, der zwar fürchterlich stinkt, dafür aber alle Teile so fest miteinander verbindet, daß man das Ganze nur mit Gewalt zerbrechen könnte.

So einen Panzer wie aus erhärtetem Knochenleim hatte Cizzos sich zugelegt in der Zeit, seit er zum ersten Mal als Magister die Universität betrat und anfing, seine ach so beliebten Vorlesungen zu halten. So einen Panzer, das konnte man bei Cizzos wie an einem lebenden Exemplar erkennen, musste man haben, wollte man auch nur ein einziges Jahr an der Universität bestehen können und nicht auf die rücksichtsloseste und schändlichste Weise von denen niedergemacht und umgebracht werden, die sich wenigstens einen Tag länger dort aufrecht gehalten hatten als ihre Opfer.

Und selbst das, seine Stellung, sein Ansehen, seine Beliebtheit waren gleichsam auf sein Haupt niedergefallen wie ein Regen von Kirschblütenblättern, welche der sanfte Frühlingswind abgelöst und hergetragen hat. Und so sah er in Wirklichkeit auch aus, der fette, im Innern verweichlichte Cizzos, eingezwängt in einen schützenden Panzer und bedeckt von verzärtelnden Blüten; kein Wunder, daß es ihm an knabenhaften Studenten nicht fehlte, von denen er sich liebkosen ließ und die er, wie den Ciacomo Buonafede dazu benutzte, seinen Mangel an Selbstvertrauen, unter dem er zweifellos litt, durch Gönnerhaftigkeit und den Schein von wahrer Freundschaft wettzumachen.

Daß er nun schwieg, konnte Cizzos nur eben solchen Vertrauten wie dem Ciacomo Buonafede zuliebe tun, der ihm höchstwahrscheinlich ins Gewissen geredet hatte, Girolamo gegenüber vorsichtiger zu sein, allzumal Buonafede Girolamo selbst in seinem Haus erlebt hatte und gesehen haben musste, mit welcher Kühnheit, welchem Schwung und mit welcher durch nichts Aktuelles und niemand Anwesenden behinderten Geisteskraft er an Probleme heranging, die seit Jahrhunderten der Lösung harrten.

Denn daß Buonafede nebenbei, ach was, hauptsächlich in Girolamos Haus bloß spioniert hatte, das musste auch dem gutgläubigsten Zuschauer aufgefallen sein, zumal Buonafede der einzige in jenem Pulk von Affenstudenten war, der sich nicht wie diese aufführte, als wären sie in Zanolinis Badestube und nicht bei einem der größten Gelehrten, die diese Stadt je zu ihren Einwohner zählen durfte.

Er, Girolamo, hatte das betretene Schweigen, das auf seine grandiose Rechenvorstellung gefolgt war, zu seinen Gunsten ausgenutzt und da hinein seinen Traktat veröffentlicht, um zu zeigen, daß die Lösungen der gestellten Aufgaben nicht bloß einer ephemeren Eingebung zu verdanken gewesen waren, sondern daß Girolamo über die allgemeinen Lösungsformeln verfügte, namentlich um die Wurzeln aus den Gleichungen dritten Grades zu ziehen. Darum beneideten ihn alle, (selbst die, welche nicht schreiben und rechnen konnten), als sie sahen, wie seine Ergebnisse großes Aufsehen erregten und wie jene Leute, die man für die berühmtesten Meister ihres Faches hielt, anfingen darüber zu rätseln, welches Verfahren Girolamo angewendet hatte, um in so kurzer Zeit ans Ziel zu gelangen.

Es war, nebenbei gesagt, nicht nur die Schnelligkeit und Zuverlässigkeit, mit denen einer in dieser Angelegenheit zu Werke ging, sondern vielmehr die Tatsache, daß sein Algorithmus einem zugrundeliegenden Zusammenhang, einem Gesetze entsprang, das niemand vor ihm entdeckt hatte und wovon nicht einmal bei Diophant, dem Vater aller Algebra, auch nur ein Hinweis oder eine Vermutung zu finden war.

Es war dies, so stellte Girolamo (natürlich ohne sich etwas anmerken zu lassen) zu seiner eigenen Verwunderung fest, als habe sich eine völlig neue Art und Weise aufgetan, wie man Algebra, wie man Mathematik überhaupt betreiben könne, und das mit den Mitteln, die seit Diophants Zeiten und schon tausend Jahre früher zur Verfügung standen. Als wäre all' das so lange übersehen und außer acht gelassen worden, bis einer wie er gekommen ist und daraus seine Schlüsse gezogen hat. Über dem Streit mit Cizzos und durch die Hastigkeit, zu der Girolamo unentwegt gezwungen war, seine Ergebnisse zu präsentieren, kam er selber nicht dazu, länger darüber nachzudenken, was unbedingt erforderlich gewesen wäre, bevor es ein anderer tat.

Denn das war leider die unausweichliche Folge seiner Arbeit: man würde ihn rasch nachahmen können. Nirgends sonst, außer vielleicht in der Kunst, dachte Girolamo, war die Suche nach den gültigen Wahrheiten so mühselig, ja, konnte einen um den Verstand bringen; und nirgends sonst als eben in der Kunst erstrahlten diese einmal gefundenen Wahrheiten in so großer Einfachheit. Da zeugte wohl die Mathematik wie die Kunst von der Weisheit, der Unfehlbarkeit und vom Können des allmächtigen Schöpfers. Ja, aber es besteht, so dachte Girolamo auch, ein Unterschied darin, ob man, wie ein Gott, ein Großes Ganzes aus dem Nichts erschafft und sich gleichsam alle Handgriffe, die dabei ausgeführt werden, nur gut zu merken braucht, um alles zu behalten; oder ob man, wie ein Wissenschaftler, sich dem Großen Ganzen als ein Fertiges gegenüberstehen sieht und anfängt, es zu erforschen, ohne seine Entstehung zu kennen.

Einer wie Cizzos würde zweifellos solche Überlegungen verstehen, hatte sie vielleicht selbst schon gehabt. Und daß er schwieg und scheinbar auf seine liebedienerischen Gefährten hörte, das konnte nur heißen, daß er sich über die Bedeutung von Girolamos Entdeckung und über den Anstoß, den sie bewirkten, vollkommen bewusst war. Weil er ihm, Girolamo, aber nicht mehr zuvorkommen konnte, und weil andererseits solche einfältigen und halbgebildeten Männer, die an seinen Lippen hingen, um jedes seiner Worte aufzuschnappen, unfähig waren, andere Worte, die sie nicht gewöhnt sind, zu begreifen, so war es zwecklos, mit ihrer Hilfe gegen Girolamo zu Felde zu ziehen ohne sich dabei zu blamieren.

Oh, wie musste es Cizzos quälen und niedergeschlagen machen, wenn er mitansah, wie nicht er, sondern ein anderer die Früchte der Jahrhunderte langen Arbeit, welche auf diese Wissenschaft verwendet worden war, erntete. Noch dazu jemand, den er gewiss nicht seinen Freund nennen konnte, jemand, den Cizzos selbst, im Verein mit den arroganten, gewissenlosen Professoren der Universität vor kurzem aus Amt und Würden gejagt hatte wie einen schmutzigen, diebischen Hund. Von denen war sich kaum einer des Fehlers bewusst, den sie damit begingen, geschweige der Schuld, die sie auf sich luden.

Kein Professor irgendeiner Hohen Schule hat jemals die Bedeutung auch nur der geringsten Sache einer Wissenschaft überhaupt erfasst oder sich nur einen einzigen Gedanken darüber gemacht, in welchem Zusammenhang sie mit dem Anderen und Ganzen stehen könnte. Dafür sind sie viel zu träge im Geiste wie am Leib, alle, wie sie unter Last ihrer Titel und Meriten schwitzen. Sobald sie in ihrem Amt sitzen, versiegt die Quelle ihres Denkens, die in den meisten Fällen auch vorher schon nur ein dürftiges Rinnsal gespeist hatte.

Nun aber, wenn sie ihre Bestallung sicher haben und ihre Anmaßung offen zu Schau stellen können und für ihre Überheblichkeit auch noch öffentlich verehrt und für ihre kümmerlichen Verrichtungen, die im Grunde aus lauter Dummheit bestehen, gelobt und als leuchtendes Vorbild gepriesen werden, nun verharren sie ganz und gar im Nichtstun und beginnen, alles abzulehnen und zu bekämpfen, was sich auch nur cum grano salis von ihrem eigenen dumpfen Gemüt und ihrem zusammengeschrumpften Verstand unterscheidet. Leider, leider, so dachte Girolamo nun nicht zum ersten Mal, hätten diese Philister keinen Nerv und keine Ader mehr, die in Unruhe gerieten, wenn sie etwas zutiefst bedauern und bereuen müssten, so daß sie gar nicht merken würden, wenn dies geboten wäre.

Und deshalb, und weil sie, selbst wenn sie dazu fähig wären, sich selbst und anderen niemals einen Fehler eingestehen würden, betrachten sie ihn, Girolamo, wie das entzündete Geschwür einer tückischen Krankheit, das man entfernen muss, bevor es noch mehr Schaden anrichtet. Denn eine Universität ist der letzte Ort, und ihre Professoren sind die letzten Menschen, welche eine neue Erkenntnis der Wissenschaft akzeptieren und es vergehen erst viele Jahre, bis auf vielen Umwegen diese Erkenntnis Einzug in ihre vermoderten Stuben und ausgehöhlten Köpfe hält.

Bedauerlicherweise war dann alles so schnell gegangen, daß Girolamo wie schon gesagt, seine Manuskripte nicht hatte retten können und Fabrizio, der gerade zu Hause war, seine hochschwangere Taddea angesichts der randalierenden Senatsbüttel beruhigen musste. Und als dann das Feuer ausbrach, war es ohnehin zu spät, von den Bergen von Papier, die sich überall häuften, irgendetwas in Sicherheit zu schaffen; wo einer wie Fabrizio doch gar keinen Ein- oder Überblick hatte, was davon mehr oder was weniger wichtig war.

Auf dieses katastrophale Ereignis, jenes unselige Feuer kam jetzt Signora Valeria immer wieder zu sprechen, vornehmlich wenn es um die Kerze auf dem schmalen Brett an der Wand ging, von der sie behauptete, sie würde sie jeden Tag beim Aufräumen ein Stückchen mehr zurückschieben, und aus ihren Worten klang so etwas wie die sichere Prophezeihung, diese Kerze werde auch in ihrem Haus ein Feuer entfachen, und die Verwunderung darüber, daß das nicht schon längst geschehen war. Wenn die Kerze auf dem schweren Halter mit der gewundenen Schlange nicht zweifellos Signora Valerias Eigentum gewesen wäre, so hätte sie wohl behauptet, Girolamo habe sie mit ins Haus gebracht, um damit Unheil zu stiften, habe damit wie mittels eines verfluchten Gegenstandes dem Teufel selber Einlass verschafft. Nur deshalb stellte sie das Bildnis des heiligen Petronius immer unmittelbar daneben, daß er seinen Blick auf jenes vermaledeite Ding richte und so den Leibhaftigen daran hinderte, Böses zu tun.

Daß dies alles ihre eigene Angelegenheit war, die aus ihrer eigenen Einbildung geknüpft war und sich nach ihren eigenen düsteren Ahnungen hin zur notorischen Angst auswuchs, das hatte Girolamo rasch erkannt, es aber unterlassen, sie deswegen zurechtzuweisen und jede noch so fürchterliche Voraussage, mit der Signora Valeria die Zukunft ausmalte, zu erwidern. Geduldig ertrug er ihr Schimpfen mit einem Lächeln, das er allerdings wohlweislich vor ihren Augen verbarg; er wendete sich dabei ab, hielt sich die Hand vor den Mund, und nur das leise Schüttern seiner Schultern verrieten seine fast schadenfrohe Erheiterung.

Er wusste, wie man nur irgendetwas sicher wissen konnte, daß sich ein solches Unglück, wie es ihm widerfahren war, als sein Haus bis auf den Grund abbrannte, niemals in seinem Leben wiederholen würde, und nicht nur deswegen, weil er nun gar kein Haus mehr hatte. Nicht zweimal in Dasselbe, sagten die Römer, und er ergänzte das Wort: Unglück. Denn wenn auch, wie mit ziemlicher Gewissheit zu vermuten war, der Lauf dieser Welt in ständiger Wiederholung stattfand, so waren doch die Ereignisse darin einmalig, ja sie mussten es sein, wenn sich die Leben auch nur zweier Menschen darüber hin erstrecken, weil jedes Leben eines jeden einzelnen Menschen von dem anderen getrennt ist und es nichts in der Welt gibt, das außer mit sich selbst auch noch mit einem zweiten oder gar dritten identisch wäre.

Mit solcherart Einsichten Signora Valeria von ihren Befürchtungen zu befreien, schien Girolamo indes wenig sinnvoll, war sie doch, wie die meisten Weiber unempfänglich für die Philosophie. Und außerdem konnte man nie wissen, wodurch ihre geflissentlichen Vorkehrungen gegen drohendes Ungemach, welche ihr tägliches Aufräumen und Saubermachen begleiteten, ersetzt werden und Girolamo in dem kläglichen Rest seiner gegenwärtigen wissenschaftlichen Arbeit nur noch mehr stören würden.

Diese Frau meinte es im Grunde gut mit ihm, und von solchen Menschen war ihm nach seiner überstürzten Flucht aus Bologna keiner mehr begegnet. Weil er sich bei seiner Ankunft hier in Schweigen gehüllt, und mehr noch weil ihn die Härte der jüngsten Schicksalsschläge quasi hatten verstummen lassen, erfuhr Signora Valeria, die er anfangs für nichts weiter als ein unfreundliches, dummes Weib gehalten hatte, nichts von ihm über seine eigene Person, als gerade mal seinen Namen und die Absicht, vorläufig für die nächsten Monate hier in ihrem Haus Quartier zu nehmen.

Sie wäre jedoch keine echte Wirtin gewesen, hätte sie darauf verzichtet, mehr, ja möglichst alles über diesen Mann zu erfahren, der mit ihr unter einem Dach wohnt. Seine ganze Habe hatte auf einen Eselskarren gepasst. Woher er kam und die Umstände seines Fortgangs hatte Signora Valeria bald herausgefunden. Was war mit seiner Familie geschehen? Seine Frau, die zu der Zeit an hartnäckigen Unterleibsbeschwerden laborierte, hatte er in einem entfernten Ort auf dem Lande untergebracht, zusammen mit ein oder zwei kleineren Kindern.

Aber er sprach von seiner Gemahlin noch weniger als sonst von etwas, und die spärlichen, knurrigen Antworten, die sie ihm mit ihrer unnachgiebigen Fragerei aus der Nase zog, brachten ihr keine Klarheit, nicht einmal einen Zusammenhang in die Geschichte. Dafür sagte Girolamo ihr ins Gesicht, sie wäre aufdringlicher als der Richter Lanizario in Pavia, worauf sie augenblicklich verstummte und ihn fortan für einen entlaufenen Verbrecher hielt. Worin sein Verbrechen bestand, das wollte sie schon noch herausbekommen.

Seltsamerweise machte sie keine Anstalten, sich etwa vor ihm zu fürchten oder gar ihn anzuzeigen. Im Gegenteil, sie fing, wie bereits erwähnt, an, sich auf eine Weise um ihn zu kümmern und für ihn zu sorgen, durch die sie in eine Doppelrolle als Mutter und Ehefrau schlüpfte und aus ihm, wenn es so weitergegangen wäre, einen bemitleidenswerten, klugen und stolzen Mann gemacht hätte, welcher es nicht verdiente, in beinahe völlig zerlumpter Kleidung und mit der Miene eines Gehetzten irgendwo Unterschlupf zu suchen und der es zugleich sehr wohl verdiente, von ihr, der Valeria, in Obhut genommen, ja, von ihr vor seinen Feinden, die ihm nachstellten, versteckt und beschützt zu werden. Aber dagegen wehrte sich dieser Mann, indem er sie auslachte, bis sie sich selbst vorkam wie eine der törichten Jungfrauen.

Ihr Verhalten änderte sich, sie erforschte nicht mehr seine Vergangenheit, bis auf ebenjene Tat, deren er sich zweifellos schuldig gemacht hatte. Aber sie ging sehr behutsam vor, fast als wäre es ihr lieber, weniger oder nichts darüber zu wissen, als zu erfahren, daß es sich um irgendein Bagatelldelikt, einen kleinen Diebstahl, eine langweilige Erbschaftsstreitigkeit handelte oder daß Girolamo (wie es ja in Wahrheit der Fall war) vor seinen Gläubigern hatte fliehen müssen, nachdem er seinen gesamten Besitz verloren hatte.

Girolamo dankte ihr, zunächst ohne jedes weitere Zugeständnis, ihre gezügelte Neugier, indem er von sich aus immer häufiger mal einen ganzen Satz zu ihr sagte, mal fast ein kleines Gespräch mit ihr führte, mal an ein solches vom Vortag anknüpfte und in dem Maße, wie die Valeria, dieses raffinierte Weibsstück, ihm Gehör schenkte, er immer mitteilsamer wurde, wobei sie freilich bemerkte, daß er oft mehr zu sich selbst sprach als zu jemandem, auf dessen Erwiderung er Wert gelegt hätte.

In Gedanken war er dennoch immer anderswo, wie das seit jeher seine Gewohnheit war, eine Gewohnheit, die an Manie grenzte, eine Form ständiger Abwesenheit im Geiste, wenn er im Grunde, im Innern hochkonzentriert und dabei unbewusst über irgendein Problem grübelte, das zu lösen ihm anscheinend ein Dämon aufgebürdet hatte, der in einem unzugänglichen Winkel des Weltgefüges hauste und ein Handvoll Geheimnisse hütete, die er sich zusammengestohlen hat.

Die Valeria konnte ihm überhaupt nicht folgen bei seinen Worten, die er aussprach, als würde er sie gerade neu erfinden. Aber daß diese Redeweise, wie er ihr als eine der ersten Vertraulichkeiten offenbarte, ein Sprachfehler sei, der ihm angeboren wäre und über den sich in seiner Kindheit alle belustigt hätten, das fand Signora Valeria unzutreffend und unglaubwürdig; ja, es war dies ebenfalls das erste Mal, daß sie Girolamo nach ihrer eigenen Anschauung beurteilte und nichts mehr auf die Meinung anderer Leute, zum Beispiel der Nachbarn, über ihn gab.

Je rätselhafter ihr das erschien, womit sich Girolamo beschäftigte und was er äußerte, um so besser passte sie sich der Aufgabe an, die sie ihm gegenüber bewältigen zu müssen glaubte. Auch wenn sie kaum einen Bruchteil von seiner sogenannten Wissenschaft begreifen konnte, fühlte sie sich doch immer stärker als seine Mitwisserin, zumal ihr schien, daß vieles von diesem unbegreiflichen und bruchstückhaften Durcheinander von Formulierungen und Notizen (Girolamo zeigte ihr sogar dann und wann seine nächtlichen Aufzeichnungen, in denen die Valeria, die nicht schreiben und nur mühsam lesen konnte, weder Anfang noch Ende erblickte) nicht der obskuren Wissenschaft selbst, sondern dem ungeheuerlichsten Jähzorn, den sie jemals an einem Menschen gesehen hatte, entsprang, einem Jähzorn, der das Gefühl schlimmster Nutz- und Wertlosigkeit und den Wahn von größtem Verdienst und Ruhm in sich vereinte, und der hinter einer, wie aus dem Karneval entlaufenen Fratze, aus dem Antlitz Girolamos, ja aus seiner ganzen Person ein Wesen schuf, von dem man annehmen musste, es gehöre in eine andere als die Menschenwelt und würde daher hier niemals gut gelitten sein.

Aber mehr und mehr fühlte sich Valeria von diesem Scheusal fasziniert; und schließlich war ihre körperliche Nähe zueinander so erdrückend, daß es nur noch der Gelegenheit bedurfte, damit sich die Anspannung entlud und sie ihrer fleischlichen Lust wie in einem Kampf wilder Tiere freien Lauf ließen.

Begreiflicherweise fragte sie ihn fortan nicht mehr nach seiner Familie und seiner in der Ferne weilenden Frau; er dagegen berichtete ihr, daß ein geschlechtliches Gebrechen ihn bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr an der Liebe gehindert habe, worüber sie sehr staunen musste und angesichts seiner unwiderstehlichen Leidenschaft und der Gründlichkeit, mit der er es ihr ein um das andere Mal besorgte, zu dem Schluss kam, daß er alles, was ihm in dieser aufgezwungenen Enthaltsamkeit verwehrt und vorenthalten worden war, nur durch maßlose Ausschweifung hatte wiedergutmachen können.

Doch auch dies wollte und sollte dieses arme Weib nicht aus seinem Munde erfahren, als vielmehr während seiner besinnungslosen, an nicht endenwollende Torturen grenzenden Begattungsakte erleben, in denen sich die Valeria manchmal wünschte, vernichtet zu werden, um ihrer eigenen, immer weiter anschwellenden Begierde zu entrinnen.

Andererseits behandelte Signora Valeria ihn wie einen ungelehrigen und ungehorsamen Jungen oder einen Mann, dessen Verhalten im krassen Widerspruch zu seinem tatsächlichen Alter und dem, was man dementsprechend erwarten konnte, stand. Ein Verhalten, ein Charakter, eine Lebensweise und eine jedermann, der Ansehen und einen guten Ruf für eine natürliche Folge von Vernunft und Einsicht hält, erschreckende Erbärmlichkeit, über die man nur noch den Kopf schütteln konnte.

Wegen ihrer Abscheu vor so viel Verkommenheit, in die ein Mann solchen Formats zusehends geriet und weil sie nicht mitansehen konnte, daß dies in ihrem Haus geschah, hielt sie ihm täglich Moralpredigten und unterwies ihn in, ihrer Meinung nach unerlässlichen, Verhaltensmaßregeln, von denen indes keine bei ihm anschlug.

So kleinlich und naiv ihre Anweisungen auch erschienen, so steckte darin doch ein ernster und abergläubischer Kern, und indem Signora Valeria, ohne sich selbst dessen bewusst zu sein, durch ihre halb hilfreichen halb abwehrenden Vorschriften als Hausherrin die Lage beherrschte, so beherrschte sie zugleich diesen fremden Mann, bei dem man nicht sicher sein konnte, ob er zumindest zeitweilig vom Teufel geritten würde oder ob er womöglich gar selbst der Teufel wäre, der mit ihr, einer armen, einfachen Wirtin und einer Frau, an der die Blütezeit des Lebens vorübergegangen war wie ein kalter, verregneter Frühling, sein gehässiges Spiel trieb.

Was das Feuer betraf, so behauptete Girolamo irgendwann, es wäre gar nicht sein eigenes Haus abgebrannt, sondern eins in derselben Gasse und die Leute hätten im Nachhinein das Unglück mit ihm in Verbindung gebracht, und zwar, wie er ausdrücklich hinzufügte, weil die meisten von ihnen der Überzeugung waren, daß ihm nach allem, was er erlitten hatte, auch das nicht erspart bleiben sollte. Vielleicht bildete er sich das nur selbst ein; auf Hilfe konnte er jedenfalls nicht rechnen. Seine Frau war nun in ihr Elternhaus zurückgekehrt, auf unbestimmte Zeit und ohne ihm ein Ultimatum zu setzen, was bedeutete, daß sie sich über die Zukunft ihrer Ehe keine Illusion machte.

Durch einen Advokaten ließ sie Girolamo ihre Forderungen überbringen, auch dies mit der beleidigten Attitude einer Geschädigten, die wusste, daß bei dem Schuldner nichts zu holen sei. Fabrizio aber war Hals über Kopf verschwunden, ohne seinem Vater oder sonst jemandem eine Nachricht zu geben; und eines Tages kam Girolamo auf den ungeheuerlichen Gedanken, Fabrizio habe sich die unersetzlichen Manuskripte unter den Nagel gerissen und will sie nun verhökern. Seine schwangere Frau Taddea hatte er sitzengelassen, und die Leute begannen zu reden, das Kind wäre in Wahrheit von Girolamo, der sich hinter dem Rücken des Sohns an dem Mädchen vergangen hätte.

Was konnte man von einem Dummkopf wie Fabrizio auch anderes erwarten als seine Nächsten um ihre Leistungen zu bestehlen; in seinen Augen war der Vater lediglich eine Person, die man wegen ihrer Arglosigkeit besonders leicht überrumpeln konnte. Von dem, was in den Manuskripten stand, begriff er noch weniger als eine Signora Valeria, die sich vielleicht wenigstens noch ein paar Sachen auf ihre Art zusammenreimen und darüber den Kopf schütteln konnte.

Fabrizio hatte die Arbeit des Vaters schon als Kind nur geringgeachtet, sich nie dafür interessiert, niemals darüber gestaunt oder sich auch nur darüber gewundert, wie es Girolamo von einem Kind erwartet hätte; denn schließlich gab es nicht viele Söhne im Land, welche auf ihren Erzeuger und Vater so stolz sein konnten wie Fabrizio. Zudem war er in der Rangordnung in der Familie aufgestiegen nach dem frühen Tod des Erstgeborenen. Aber anstatt sich dementsprechend zu benehmen, machte er der Familie Unehre so viel und wo immer er konnte.

Für den Druck seines Traktats hatte Girolamo dreihundert Gulden benötigt, so viel Geld, wie er seit den Tagen seiner Reisen nicht mehr besessen hatte. Nach vielen vergeblichen Bemühungen konnte er das Geld auftreiben, und das Buch erschien zu der Zeit, da sein Disput mit Cizzos und den anderen Mathematikern von Rang und Namen noch aktuell war. Niemand von ihnen kam umhin, es zur Kenntnis zu nehmen und sie mussten ihre widerliche Ignoranz, mit der sie allem und jedem begegneten, das ihnen nicht unmittelbar nützte, ablegen und zugeben, daß der Verfasser über außerordentliche mathematische Einsichten und Fertigkeiten verfügt.

Einige sprachen verhohlen vom "Verfasser", als scheuten sie sich, Girolamos Namen, der unübersehbar auf dem Titel geschrieben stand, auszusprechen. Dennoch schafften sie es kraft ihres unbesiegbaren Eigendünkels, den Erfolg von Girolamos Traktat zu schmälern und wiederum einige von ihnen behaupteten dreist, viele der Rechenwege und Lösungen gingen genau besehen nicht über das hinaus, was sie selbst schon vorzeiten entdeckt und ausprobiert hatten, und von dessen Veröffentlichung sie die eigene Bescheidenheit und der unbedingte Anspruch des Wissenschaftlers an sich selbst, nur Ausgereiftes an den Tag zu legen, abgehalten habe.

Leider fanden solche Bekrittelungen dadurch ihre Berechtigung, daß sich Girolamo an einigen, allerdings im ganzen gesehen, entscheidenden Stellen über wesentliche Zwischenschritte und aufschlussreiche Nebenrechnungen ausgeschwiegen hatte oder jedenfalls stillschweigend darüber hinweggegangen war, häufig mit der Bemerkung, daß dieser und jener Sprung von einem Teilergebnis zu einem anderen, von einem Ausdruck zu seiner nächsten Umformung mit Leichtigkeit zu vollziehen sei und man sich daher in diesem Punkt mit weiterer Erörterung nicht aufhalten lassen müsse, da die Zeit kostbar und besser bei anderen Fragen aufgewändet werden würde.

Das, obwohl es, wie bereits erwähnt, gängige Praxis war in dem von Überheblichkeit der Lehrer und Verachtung der Schüler geprägten Stil wissenschaftlicher Abhandlungen, war natürlich nur ein Vorwand, denn nichts anderes als Zeit hat ein Wissenschaftler, und ein Mathematiker zumal, so sehr im Überfluss zur Verfügung. Gerade deshalb beklagt er ja unentwegt seinen Mangel an ihr.

Girolamo gestand sich selber ein, daß seine damalige Wette gegen Cizzos, in welcher er eine atemberaubende Frist zur Lösung der Aufgaben gesetzt hatte, nur ein alberner Trick war, wie ihn die Taschenspieler benutzen, um in ihrem Spiel ganz andere Umstände und Bedingungen vorzutäuschen, als sie in Wahrheit gegeben sind. Sich wider besseres Wissen darauf einzulassen, Zwänge zu erfinden, wo keine sind, Hypothesen aufzustellen, wo gar nichts fraglich, Beweise zu führen, wo alles evident ist, das hatte sich Girolamo erst von seinen Neidern und Widersachern abgeguckt, und zwar schon vor der Zeit seiner Querelen an der Universität von Bologna.

Dort nämlich hatte ihn einmal einer ins Vertrauen gezogen und bemerkt, es sei unter ihresgleichen eine Praxis gang und gäbe, wie sie die Auguren in antiker Zeit pflegten, welche die Zukunft vorherzusehen behaupteten und dabei dem staunenden Publikum bloß etwas vorgaukelten, das nur ein Hirngespinst war.

Denn darauf laufe alle Wissenschaft hinaus, wenn sie einen Mann ernähren soll: man muss sich nur einbilden, es gebe eine Erklärung für die Welt und ihre Phänomene und es gebe Lösungen für die Probleme, welche die Menschen bedrücken und sie am Glücklichsein hindern. Man fördere nicht die Wissenschaft, noch weniger die menschliche Vernunft, sondern bloß die Einbildungskraft des Publikums, sich die Existenz solcher Erklärungen und Lösungen vorzustellen, und das genügt, ein Leben lang daran zu glauben und danach zu forschen, diese Forschung vor jeder Kritik erhaben zu machen und dafür am Ende, wenn man sich dabei nicht ganz dämlich anstellt, auch noch ordentlich Lob zu ernten.

So hatte ihm jener geraten: Mache niemals über Nacht eine Entdeckung, für die man genausogut zwanzig Jahre benötigen kann; die Entdeckung dankt dir ohnehin keiner, aber deine redliche Bemühung darum wird dir stets gelohnt werden.

Die meisten von denen, die so handelten, hatten jedoch auch in den zwanzig Jahren keine Entdeckung gemacht und überdies leidlich davon gelebt, so daß es schien, die Sache müsste noch primitiver sein, als es jener Professor hinter vorgehaltener Hand darstellte, und sein sogenanntes Geheimnis selbst wäre wiederum nur Lug und Trug.

Girolamo wollte nicht gelingen, was diesen Eseln mit den Doktorhüten auf dem Kopf und dicken Büchern auf dem Katheder gelang, denn als er in seinem Traktat dem Publikum künftig eine vollkommen neue Lösung zu präsentieren versprach, wo sie gerade jetzt vonnöten war, verübelte man ihm das sehr und unterstellte ihm, eine solche Lösung gar nicht zu wissen und derlei Versprechungen bloß des Amtes wegen zu machen, in das er dadurch an der Universität erhoben zu werden hoffte.

Freilich waren die kleinen Proben seiner Rechenkunst immer noch gut genug, daß sie die wenigen wirklich kundigen Mathematiker überraschten, aber die Mehrzahl verleumdete und beschimpfte ihn, und der, welcher ihm zuvor den vertraulichen Rat gegeben hatte, meinte nun, sein Misserfolg sei offensichtlich der Unfähigkeit geschuldet, das rechte Maß zu treffen. Was für ein Maß, hatte Girolamo gefragt, und jener hatte erwidert: das rechte Maß zwischen Gottesfurcht und Verschlagenheit, wie es das Publikum am liebsten mag.

An Gottesfürchtigkeit freilich hatte er es fehlen lassen, aus keinem anderen Grund, als daß sie hier nichts zu suchen und nichts zu bewirken hatte. Es war der Statthalter von Mailand, der Fürst Ferrante Archinti gewesen, der Girolamo das Geld für den Druck vorstreckte, großzügig, ohne nach Details zu fragen, wahrscheinlich sogar mit der Ahnung, er würde es nie wiederbekommen. Aber der Archinti, als Statthalter ein Kaiserlicher, war mit dem Papst verfeindet, was Girolamo nicht wusste oder in seiner Bedrängnis nicht bedachte.

Was für den Fürsten ein bedauerlicher Missgriff war, den er abschreiben und rasch vergessen konnte, das bedeutete für Girolamo ein Stein auf dem Weg seiner Gelehrtenlaufbahn, über den ihn seine Feinde stolpern ließen. Allein mit dem Vorwurf, er habe in seiner Abhandlung nicht mit einem einzigen Wort des Schöpfers und des Herrn gedacht, der über aller Vernunft und Weisheit stehe, dem man nicht nur die Welt und mit ihr das Reich der Zahlen verdanke, sondern auch alle Erkenntnis darüber, habe er, Girolamo (und hier nannten sie ihn plötzlich beim Namen) sich frevelhaft verhalten und die Wissenschaft als Emanation des höchsten Geistes mit roher und gemeiner Eitelkeit befleckt.

Und das waren diesselben Schreihälse, die beinahe im gleichen Atemzug seinen Scharfsinn gelobt hatten, und warum? Weil sie selbst schlau genug waren zu wissen, daß man einen Menschen am besten aus der Gemeinschaft verstößt, wenn man ihn nicht einfach verurteilt (denn das könnte noch seine Fürsprecher heraufbeschwören) sondern sich tief von ihm enttäuscht zeigt. Dadurch erwecken sie den Anschein, Girolamo habe sich nicht nur schlecht verhalten, sondern sie dabei auch noch ausgenutzt und niemand kann es ihnen verübeln, ihn zu verstoßen.

Da nun war der Zeitpunkt gekommen, sich seiner Manuskripte zu bemächtigen, denn natürlich waren die, welche ihn bis aufs Blut bekämpften, davon überzeugt, daß seine Ankündigung betreffs einer neuen Algebra kein leeres Geschwätz war, sonst hätten sie sich ja gar nicht mit ihm abgegeben. Im Grunde war ihre Missgunst und Feindschaft der eindeutigste Beweis für seine Genialität gewesen, dachte Girolamo. Niemand hatte es neben ihm lange ausgehalten, ohne von Neid und Rancune befallen zu werden. Nicht einmal seine eigenen Familienangehörigen, gerade sie nicht, weil sie am engsten mit ihm zusammen waren. Und Fabrizio war der erste, der versuchte, ihn zu stürzen, nachdem vielleicht schon der erstgeborene Sohn, obwohl er noch so jung war, an Kummer zugrundegegangen war darüber, es dem Vater niemals gleichtun zu können.

Der Fürst Archinti hatte Girolamos Druckkostenrechnung nicht direkt aus eigener Tasche beglichen, sondern einen Wechsel für einen Mailänder Bankier ausgestellt, den Girolamo, wie er sich jetzt schwach erinnerte, in der Eile unterzeichnet hatte. Nun forderte der Bankier sein Geld, und er war, nebenbei gesagt, nicht der einzige, vor dem er sich verstecken musste.

Die Taddea, von Fabrizio schmählich verlassen, erlitt kurz darauf eine Fehlgeburt, fast vor Girolamos Augen, der es versäumt hatte, nach Fabrizios Verschwinden auch sein Weib kurzerhand vor die Tür zu setzen. Nun war sie durch das Gesetz geschützt und an ihn gebunden, denn sie brachte es, der Teufel weiß wie, zustande, daß es wie eine normale Geburt aussah, und das Kind, das in Wahrheit gestorben war, lebte noch eine Zeitlang. Es hätte auch nicht viel gefehlt und Girolamo wäre der Kindstötung angeklagt worden, denn er hatte die unausstehliche Taddea in den Keller gesperrt, als er ihr Jammern und Klagen und vor allem ihre Vorwürfe an ihn wegen seines missratenen Sohnes nicht mehr ertragen konnte. Den Hund Ritus hatte er vorsichtshalber miteingesperrt und ihr damit gedroht, der Hund, dem er sein Fressen entzogen hatte, werde sie auf seinen, Girolamos Befehl, schmerzhaft beißen, wenn sie nicht still sei.

Wann genau in diesem Wirrwar das Feuer ausgebrochen oder Taddea das Kind verloren, Fabrizio seine Manuskripte gestohlen, der Senat ihn hatte verhaften wollen, die Gläubiger ihr Geld verlangten oder sein Weib, das ja auch noch da war, ihn verlassen hatte, das konnte keiner mehr sagen.

Der besonders kalte und dunkle Winter trieb Girolamo in den folgenden Wochen in die Spelunken am Kanal, wo es zwar unsäglich schmutzig war und nach allem stank, das stinken konnte, wo es aber, wegen der Menschen, Hunde und Katzen, die sich gegenseitig auf den Leib rückten, wärmer war als in irgendeiner Kammer, wo sich der eigene Atem in Wassertröpfchen verwandelt, die sich an der Scheibe niederschlagen. Diese Wärme war es, die Girolamo den natürlichen Ekel vor den Kreaturen und die Angst vor Ansteckung überwinden ließ und für die er sogar auf einen Teil seiner Würde und Überlegenheit verzichtete.

Außer dem bisschen Geborgenheit, die er hier gratis erhielt, und die er tatsächlich bis dahin, also bis er sie am eigenen Leib verspürte, hier am allerwenigsten vermutet hätte, brachten ihm diese Wochen sogar in seiner wissenschaftlichen Arbeit einige hübsche Resultate, da er nämlich bei dem stunden- ja tagelangen Würfelspiel wie nebenbei - und natürlich für andere unbemerkt - erst seine kleinen, aber äußerst erfolgreichen Manipulationen, welche er in früherer Zeit, als er ein junger Draufgänger war, erlernt hatte, systematisch anwendete, und sie dann vervollkommnete durch allgemeine Überlegungen hinsichtlich des Zufalls und der Möglichkeiten von günstigen und ungünstigen Würfen mit diesen beinernen oder steinernen, schwarzgepunkteten Dingerchen, die über den Tisch holperten wie kleine Geschöpfe und die, bei aller Mühe, die sich ein lustiger Gott mit ihnen gab, niemals aus eigener Kraft hätten bestimmen können, auf welcher ihrer sechs Seiten sie liegen bleiben.

Jetzt, da Girolamo bei der Signora Valeria logierte, und nachdem die Geschehnisse in Bologna ein jähes Ende gefunden hatten, das im Grunde keiner bedauerte, jetzt und hier war er seiner Leidenschaft erneut verfallen und war binnen kurzem ein so guter Spieler geworden, daß er in den Spelunken gefürchtet war und nur neue, ahnungslose Fremde oder Reisende, die sich übrigens gar nicht so selten hier blicken ließen, von ihm und seinen drei, vier Mitspielern, die er in seinen Dienst gestellt hatte, in eine Partie verwickelt werden konnten.

Da es sich dabei meist um Männer mit Geld handelte, die eigentlich wegen der Huren oder wegen irgendwelcher Geschäfte hergekommen waren und hier allzeit unerkannt blieben, und da man diese Leute, aus welchem Grund oder mit welcher Rücksicht auf den sonderbaren Gelehrten auch immer, niemals davor warnte, sich mit ihm einzulassen, erwarb der im wahrsten Sinne abgebrannte Girolamo wieder ein kleines Vermögen.

Dies behaupteten jedenfalls jene, die dabeigewesen waren. Aber es versetzte ihn kaum in seine alte, bessere Lage zurück, denn er gab sein ganzes Geld für irgendetwas aus, das man trotz aller Bemühungen jener, die nach ihm sein Leben bis ins Detail erforschten, noch nicht herausgefunden hat.

Eines Tages jedoch war es beim Spiel zum Streit gekommen, der in eine fürchterliche Prügelei ausartete, bei der Girolamo den Galeazzo Morone so schwer verletzte, daß er leblos liegen blieb und den Girolamo schon die Rufe "Mörder" und "Rache" verfolgten, als er im letzten Moment durch die Tür entfloh. Er suchte aber nicht das Weite oder versteckte sich irgendwo, sondern ging wie gewohnt zurück in seine Stube in Signora Valerias Haus, setzte sich an den Tisch, schlug Cizzos' Rechenbuch auf und stellte fest, daß seine Hände kein bisschen zitterten nach der Rauferei. Die Valeria sah seine Schrammen und Wunden und versorgte ihn, und dann schliefen sie miteinander, und sie wunderte sich, wie sanft und zärtlich er ist und sie sagte zu sich: was auch immer passiert war, das ihn womöglich in schlimme Bedrängnis gebracht hat, sie wollte ihn bei sich behalten und nicht mehr fortlassen.

Am nächsten Morgen kamen die Freunde des Galeazzo Morone zu ihm, und Girolamo und die Valeria befürchteten schon das Schlimmste. War es nun, daß Girolamos Aussehen durch die Schwellungen in seinem Gesicht etwas Ungeheuerliches und Abschreckendes bekommen hatte, das die anderen davor zurückhielt, sofort über ihn herzufallen, und sie stattdessen in einigem Abstand fast ehrerbietig, wie die Valeria hinterher sich ausdrückte, stehenblieben. Oder war es, daß ihnen daran gelegen war, im Auftrag des Morone selbst, über den Vorfall Stillschweigen zu breiten, weil ihm andernfalls Unannehmlichkeiten entstehen können, die die Sache nicht wert war.

Der Sprecher der Abordnung, ein außergewöhnlich hübscher Jüngling, den Girolamo, ohne die angespannte Situation zu berücksichtigen, beim ersten Anblick sich als seinen Sohn, und wenn das schon unmöglich war, dann als seinen Liebhaber gewünscht hätte, dieser Jüngling wandte sich im freundlichen Ton an ihn, und ohne auch nur mit einer Silbe auf die vergangene Nacht einzugehen, bat er Girolamo, nachdem er einige höchst glücklich gesetzte Worte über dessen Heilkundigkeit hatte verlautbaren lassen, seinen Herrn, den Galeazzo Morone, der, so sagte er mit vollendeter Höflichkeit, ihm, Girolamo, sicher bekannt sei, einen Besuch abzustatten, da er an einer Krankheit leide, bei der ihm die besten herbeigerufenen Ärzte nicht hatten helfen können und er nun seine letzte Hoffnung auf ihn setze.

Girolamo erwiderte mit Dankesworten das offenkundig in ihn gesetzte Vertrauen und meinte, er werde noch am Nachmittag zu dem Galeazzo Morone kommen. Da aber entgegnete der Jüngling im Namen aller, er erwarte, daß Girolamo sie von der Stelle dahin begleite, was Signora Valeria, welche die ganze Zeit anwesend war, veranlasste, Girolamo am Arm zu fassen, um ihn durch ein Zeichen davon abzuhalten. Auch er selbst war sich für einen Moment unschlüssig, ob nicht alles doch eine Falle war, in die sie ihn locken und umbringen wollten. Aber seiner und des Jünglings Blick begegneten sich wieder und unter ihm erweichte gleichsam Girolamos Herz und entbrannte zugleich wie im heißen Begehren, sich selbst und sein ganzes Können vor dem anderen unter Beweis zu stellen, auf daß er selber bewundert und begehrt werde.

Dies war der abermalige Beginn von Girolamos Tätigkeit als Arzt, welche er seinerzeit, als er in das Amt des Mathematikprofessors an der Universität eingetreten war, unterbrochen hatte. Die Heilkunst aber stand ihm in Wahrheit über allen Wissenschaften; mit ihr hatte er sich als erstes beschäftigt schon als er noch ganz vage Vorstellungen von den Anfangsgründen jeglicher Wissenschaft im speziellen und von der ganzen Metaphysik im allgemeinen hatte. Er behandelte den Morone, der, wie Girolamo bereits vermutet hatte, an einer Geschlechtskrankheit litt, nach Gutdünken mit Meerzwiebelessig und Tannenharz, und sein Zustand besserte sich tatsächlich, zumindest soweit, daß er ihm erlaubte festzustellen, er fühle sich dem Tod nicht mehr so nahe wie noch vor einigen Tagen.

Der Morone bezahlte ihn großzügig, und Girolamo, als er zu Signora Valeria ins Haus zurückgekommen war, leitete alles in die Wege, was für seine weitere Arbeit vonnöten war. Auch fertigte er eine Liste für Signora Valeria an, mit den Speisen, die er ab jetzt zu den Mahlzeiten serviert zu bekommen wünschte. Vor allem war dies Fisch, dessen Verzehr er sich noch vor der Beschäftigung mit Medizin und natürlich noch vor der Mathematik über alle Maßen hingeben konnte.

Und so schrieb er untereinander: Zungenfisch, Stachelflunder, Steinbutt, Grundling, Plötze, Rotbart, Meerbarbe, Steinbarbe, Rotauge, Seebrassen, Kabeljau, Seebarsch, Hecht, Karpfen, Schmerling, Drachenkopf, Thunfisch und Sardinen; und Signora Valeria hatte ihr Vergnügen daran, jedesmal und abwechselnd eine andere Sorte davon auf dem Markt aufzutreiben.


Nun soll unserer kurzen Beschreibung eines ungewöhnlichen Renaissancegelehrten noch eine Episode beigefügt werden, wie Girolamo einen kranken Knaben behandelte und dabei über alle Kritik erhaben war.

Eines Morgens kam ein Bote des Grafen Lamizario zu Girolamo, denn des Grafen Sohn, ein etwa dreijähriger Junge, lag krank darnieder, und der Graf hatte von Girolamos Heilkünsten gehört oder er hatte den Boten zu ihm geschickt, weil er ganz in der Nähe des gräflichen Stadthauses wohnte, wohin man den Jungen geschafft hatte, damit er von den Doktores behandelt würde. Tatsächlich kamen hernach auch weitere Ärzte hinzu, bezeichnenderweise zwei, die zu Girolamos gefährlichsten Kritikern zählten, und Girolamo, hätte er das vorausgesehen, wäre unweigerlich in einen Hinterhalt getappt, wenn er dem Ruf des Grafen gefolgt wäre. Aber er ahnte nicht, daß sie ihm aus der Behandlung des kranken Jungen einen Strick drehen wollen.

Dagegen hatte der Bote ihn unsanft aus dem Schlaf gerissen, und in Girolamos Kopf schwirrten noch grelle Fetzen eines Traumes von einer Schlange, riesengroß und tödlich, die gerade im Begriff war, über ihn herzufallen und ihn zu verschlingen, als es an der Tür schellte. Was für ein Zufall war es, als Girolamo dann in des Grafen Lamizarios Haus in dessen Wappen, das an mehreren Stellen die Wände zierte, eine Schlange entdeckte. Kein Zufall war das. Sondern wenn die dämonische Bösartigkeit es so anstellte, daß Girolamo in des Grafen Haus vernichtet werden sollte, so hatte ihm Gott zuvor im Traum diese Warnung geschickt, und der Bote hatte erst in dem Moment an der Glocke gezogen, als Girolamo über die Schlange Bescheid wusste.

Im Haus des Grafen sah er die Gräfin Lamizario, eine Frau von unvergleichlicher Schönheit und Grazie, die sich gerade oben auf dem Balkon befand, der zum Innenhof gerichtet war, wie sie einem Jungen beim Spiel mit dem Kreisel zuschaute. So dachte Girolamo beim sanften Anblick der reizenden Frau und des spielenden Kindes, es wäre ein kurzzeitiges Fieber gewesen, gar wohl nur eine Übelkeit, um derentwegen man nach einem Arzt gerufen hatte, welcher, wer immer es auch sein möge, umsonst gekommen war, und er redete mit der Gräfin im scherzhaften Ton.

Wie musste er aber staunen, als er wahrnahm, daß ihre Augen voller Tränen standen und sie Girolamo mit Vorwürfen überhäufte, warum er so lange gesäumt habe und ob es seine Art wäre, die Patienten länger leiden zu lassen. Aber er befinde sich doch inzwischen wieder wohlauf, entgegnete Girolamo und wies auf den Jungen im Hof, worauf die Gräfin Lamizario schrie, das sei ihr anderer Sohn, und er, Girolamo, könne wohl einen Dreijährigen nicht von einem Zehnjährigen unterscheiden. Man habe ihm nicht mitgeteilt, wie alt der Knabe ist, verteidigte er sich, aber die Gräfin stieß Girolamo vor sich her durch etliche Zimmer und Gänge hindurch, immer mit wüsten Beschimpfungen, die so gar nicht zu ihrer äußerlichen Anmut passten, bis sie am Krankenbett des Jungen angekommen waren.

Dort war auch der Graf anwesend, und er machte gegen Girolamo, ohne ihm ein Wort der Begrüßung zu gönnen, eine Geste, die aussah, als wollte er den Arzt an der Wand zerquetschen, wenn er auch nur den kleinsten Fehler macht oder in Ermangelung besseren Wissens auf Ausreden verfiele, wie man mit dem armen Kinde verfahren solle. Der Graf war wirklich von ungeheurer Gestalt, und Girolamo dachte später, warum in seinem Wappen nicht eher ein Bär auftauchte anstatt einer scheuen und kraftlosen Viper. Was den Jungen betraf, so konnte Girolamo beim besten Willen nichts Genaues feststellen, außer daß sein Puls wie es schien, nach jedem vierten Schlag aussetzte.

Die Gräfin forderte von ihm händeringend eine Erklärung, und Girolamo wandte sich sogar zum Grafen um, der hinter ihm stand, und bat um Ruhe, in der er sich, so glaubte er, besinnen könnte. Der Graf bedeutete seiner Frau zu schweigen, und man hörte nur das hastige Atmen des halb besinnungslosen Knaben. "Ich kannte damals Galens Bücher über die Erkenntnis der Krankheiten aus dem Pulsschlag noch nicht", schrieb Girolamo später in seinen Erinnerungen. Dennoch traf er die richtige Vermutung, daß den Jungen irgendein unbekanntes Übel befallen habe und er verordnete eine Arznei, welche Diarob genannt ward, vermischt mit Turbit. Die sollte das Kind in kleinen Mengen trinken. Der Graf schickte sofort einen Diener los, der das Mittel aus der Apotheke besorgen sollte.

Da fiel Girolamo plötzlich wieder der Traum von der Schlange ein und er dachte: 'Wer weiß, ob das Aussetzen des Pulsschlags nicht ein Anzeichen des nahen Todes ist?' Und als später die Bücher Galens bekannt wurden, erwies sich diese Frage als zutreffend, so daß man sagen kann, Girolamo kam unabhängig von Galen und aus eigener Anschauung zu dieser Erkenntnis. Da aber diese Diagnose noch unausgesprochen war, so dachte er weiter: 'Wenn der Junge stirbt, wird man die Ursache seines Todes zweifellos in der starken Arznei sehen, die ich ihm verordnet habe. Und die hiesigen Ärzte werden mich deswegen der Unfähigkeit bezichtigen und der Fahrlässigkeit anklagen, von dem gewalttätigen Grafen und seiner giftigen Frau ganz zu schweigen.'

Nun sieht man die außerordentliche Cleverness des Girolamo, der in dieser schwierigen Situation einen kühlen Kopf bewahrte. Er rief den Diener unter dem Vorwand zurück, es fehle noch etwas auf dem Rezept, zerriss heimlich den Zettel und schrieb einen neuen mit einem Pulver aus Perlen, Einhornbein und gewissen Edelsteinen, das, wie er wusste, bei allen möglichen Unpässlichkeiten verabreicht wurde und außer, daß es des Patienten Geldbeutel schröpfte, keinerlei Wirkung oder Nebenwirkung hatte.

Dieses Pulver schluckte der Knabe. Sein Zustand besserte sich aber nicht, und der Graf rief daraufhin noch zwei weitere Ärzte hinzu, eben jene Feinde Girolamos, die nur wie Hyänen darauf warteten, über ihn herzufallen, sobald er darniederliege. Freilich konnten sie nicht anders, als die Allerweltsmedizin, die Girolamo verschrieben hatte, gutzuheißen, denn sie selbst benutzten sie allenthalben, weil sie so teuer war und in großen Mengen verwandt werden konnte. Allerdings musste Girolamo ihnen zugestehen, daß sie das Pulver nochmals dem Jungen zu Schlucken gaben, und er gönnte ihnen nicht das Geld, das der Graf dafür zahlte. Doch was sollte Girolamo in seiner Lage anderes tun, als ihrem widerlichen Treiben zuzusehen und zu schweigen.

Der Junge starb, die Gräfin erlitt einen Nervenzusammenbruch, der Graf verfluchte die Ärzte, aber er konnte nicht Girolamo allein angreifen, der durch seine Schlauheit abermals seine Haut gerettet hatte. Immerhin gelang es dem Grafen Lamizario, Girolamos Ruf über die Grenzen der Stadt hinaus zu schädigen, so daß ihn eine Zeit lang kein Patient konsultierte. Doch Girolamo gewann auch dieser unverschuldeten Beschränkung seiner Arbeit einen Nutzen ab, indem er die freie Zeit für seine Studien verwenden konnte und ihn schließlich der Verlauf der ganzen Angelegenheit nicht zu reuen brauchte.





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