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Richard Koenig

Aus dem Leben des Georg Heinrich Kanoldt
 

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Es war später Nachmittag geworden, als sie durch die Straßen von Hamburg fuhren, und es war noch hell genug, damit die Stadt in ihrer ganzen Pracht vor Georgs Augen stand. Alles war hoch und lang und breit, zahllos und ohne Ende. Alles schien in ununterbrochener, pulsierender Bewegung zu sein. Er wusste nicht, wohin er zuerst den Kopf wenden sollte, und alle paar Meter wurde er von irgendetwas abgelenkt, das er noch nie zuvor geschaut oder gehört hatte. Auf einem kurzen Stück des Weges glaubte er so viele Menschen gesehen zu haben, wie bei sich zu Hause in einem halben Jahr.

Und je weiter sie in die Stadt hinein fuhren, immer tiefer in die Häuserschluchten gerieten, als wäre jeder Rückweg abgeschnitten, desto mulmiger wurde es Georg, und er spürte ein banges Gefühl, das sich vom Magen her ausbreitete. Er erinnerte sich für einen Moment daran, wie er mit dem Großvater im Obstgarten am Schuppen gesessen und Trillerpfeifen aus Holunderholz geschnitzt hatte, und er wusste, daß es niemals wieder so sein würde. "Ganz schön gewaltig das alles", sagte er schüchtern zu Moritz, aber der Kutscher knurrte nur und bahnte sich angestrengt den Weg.

Sie suchten das Haus des Christoph Daniel Schultz, jenes Kaufmanns, der für die nächsten Jahre Georgs Lehrmeister sein sollte. Der Kutscher verirrte sich einige Male, fand aber schließlich zum Ziel am Wandsbeker Graben. Dort wurde Georgs Ankunft ohne jede Überraschung oder Aufregung wahrgenommen, genau gesagt war überhaupt nur der alte Folkerts da, der den Jungen zwar freundlich, aber nicht überschwänglich begrüßte und ihm sein Quartier anwies. Es war ein Zimmer, das nur ein paar Häuser weiter im zweiten Stock lag und von wo aus Georg schon nach drei Tagen einen Schleichweg erkundet hatte, über den man auf der Hinterseite Schultzes Geschäftshaus durch den Hof und die Lagerräume erreichen konnte.

Später im Sommer machte es ihm Vergnügen, nach Arbeitsende zwischen den Gärten und durch das brache Gelände zu seiner kleinen Wohnung zu gehen, und wenn die Abende lang waren, durchstreifte er in weitem Bogen die Wohnviertel in der Nachbarschaft. Das Zimmer war bescheiden eingerichtet, dafür sauber, trocken und im Winter warm. Es stand noch ein zweites Bett darin, und in der ganzen Zeit teilte er nur einmal für etliche Wochen die Unterkunft mit einem Jungen, der so unscheinbar und schweigsam war, daß sich Georg danach nicht einmal mehr an seinen Namen erinnerte.

Der Kaufmann Schultz hatte Georg am nächsten Tag für nachmittags um fünf Uhr zu sich bestellt, und dieser hatte sich gefragt, warum er ihn erst so spät empfangen wollte, obwohl Georg den ganzen Tag über zur Verfügung stand. 'Er hat einfach zu viel zu tun', sagte er sich und beschloss, unterdessen einen Brief nach Hause zu schreiben. Darin berichtete er den Eltern vom unbeschwerten Verlauf des zweiten Teils der Reise, wobei er sich auf eine Aufzählung der wichtigsten Stationen beschränkte und alle Zwischenfälle unerwähnt ließ. Er schilderte in groben Zügen die äußeren Bedingungen, unter denen er hier Aufnahme gefunden hatte, und versicherte der Mutter ausdrücklich, daß es ihm gut gehe und es vorläufig an nichts fehle.

Er beschrieb sogar den Kaufmann Schultz, obwohl er ihn noch gar nicht kennengelernt hatte, mit lobenden Worten und gab, nun an den Vater gerichtet, seiner Zuversicht Ausdruck, daß es gewiss eine kluge Entscheidung war, ihn nach Hamburg und gerade zu diesem ehrenwerten Manne zu schicken, von dem er die beste Ausbildung erwarte, die man sich wünschen könne. Dann dachte Georg, daß er zu dick aufgetragen hatte, und weil man damit rechnen musste, daß der Vater hinter den Sätzen und zwischen den Zeilen verborgene Botschaften hineindeutete, ließ er es dabei bewenden und beklagte sich zum Schluss noch über das scheußliche Wetter. Weil gerade, als er das schrieb, ein Sonnenstrahl durchs Fenster fiel, beendete er schnell den Brief, verschloss und adressierte ihn und steckte ihn in die Jackentasche, von wo er dann erst fast eine Woche später mit einem Bündel von Schultzes Geschäftspost abging.

Auf die Minute pünktlich stellte sich Georg bei Christoph Daniel Schultz im Büro vor. Schultz war ein kleiner, fülliger Mann mit kurzen Beinen und Armen, doch dabei beweglich, oft hastig, von sonderbarer Unruhe erfasst, als befürchte er, ein anderer könnte ihm zuvorkommen. Sein Haar hatte sich schon gelichtet, und auf der glatten, hellen Stirn, die bis zum Scheitel hinaufreichte, standen, wenn er sich anstrengte, die Schweißperlen.

Er besaß die erstaunliche Eigenschaft, um sich herum so viel freien Raum zu schaffen, daß er darin wie etwas sehr Wichtiges zur Geltung kommen konnte. Dennoch hatte Georg anfangs ständig das Gefühl, an seinem Wesen etwas zu vermissen, das doch irgendwie dazugehört; wie eine leere Stelle mit dem Hinweis darauf, was dort eigentlich sein sollte. Übrigens war er keineswegs immer so unruhig, später fand ihn Georg manchmal vor, wie er träge, fast lethargisch an seinem Schreibtisch saß und ins Leere oder auf einen imaginären Punkt im Raum starrte.

Jetzt empfing Schultz ihn in aufgekratzter Stimmung, als wäre etwas Bedeutsames geschehen, als hätte sich eine schicksalhafte Voraussage erfüllt. Georg dachte hinterher, er habe sich nur verstellt, weil er glaubte, dem fremden, neuen Lehrling gegenüber so auftreten zu müssen, wie er sich das ausgedacht oder wie er es von irgendwem übernommen hatte. Denn er war ständig darum bemüht, sich alle möglichen Grund- und Leitsätze für seine Vorgesetzten- und Führungsrolle, ja sogar sich die modernsten Erkenntnisse der Erforschung der menschlichen Wesenhaftigkeit anzueignen, bis hin zu Lavaters Physiognomiestudien.

Allerdings war sein Studium immer sehr oberflächlich und er verlor schnell die erforderliche Geduld. Den Lavater schätzte er deshalb, weil er sich an den komischen Fratzen belustigen konnte; Schultz war kein nachdenklicher Typ, sondern einer, der sich vor Lachen gern auf die Schenkel klopft. Aber für den Neuankömmling war das durchaus befremdlich, ja beängstigend, und Georg bezweifelte fast, daß es dieser Mann sei, den der Vater für seine Ausbildung gewählt hatte. Schultz stand in der Mitte seines Büros, das sich in dem Zwischenbereich von Ladengeschäft und Warenlager befand, und hieß Georg sich hinzusetzen. Er hielt ein aufgeschlagenes Buch im Quartformat in Händen, Georg konnte nicht erkennen, um welchen Titel es sich handelte, und es schien ihm, als ob Schultz dieses Büchlein wie einen Schatz, zumindest wie eine Seltenheit behandelte und es vor fremden, neugierigen Blicken verbarg, als würde es davon Schaden nehmen.

"Ich bin kein Mann großer Worte", sagte er und es klang wie der Anfang einer Konfirmationsrede. Georg machte eine aufmerksame Miene. "Ich besitze wenig rhetorische Kenntnisse, weniger als du, Georg Kanoldt, und selbst wenn mir der ganze Reichtum sprachlichen Ausdrucks geläufig wäre, fehlte mir die Zeit und die Muße, mich seiner zu bedienen, so wie es diese Kunst ermöglicht und verlangt. Ich bin Kaufmann und kein Dichter. Und dennoch war mein Leben angefüllt von großen und kleinen Ereignissen, die es wert sind, mit Worten festgehalten zu werden. Und auch meine eigene Person, so gering und gewöhnlich sie sei, hat bemerkenswerte Seiten, an die zu erinnern eine ebenso lehrreiche wie vergnügliche Geschichte ergäbe."

Schweiß trat auf seine Stirn. Georg konnte nicht erkennen, worauf das hinauslaufen sollte, aber er befürchtete einen Monolog mit hohem Ermüdungsgrad. Schultz fuhr fort "Aus den genannten Gründen oder besser gesagt Einschränkungen erschien es mir daher am besten, auf ein literarisches Werk aus der Feder eines Berufenen zurückzugreifen - dabei klappte er, den Daumen zwischen die Seiten gesteckt, das Buch kurz zu und warf einen Blick auf den Einband, der aber keinerlei Beschriftung hatte - welches dem, was ich selbst dazu zu sagen hätte, wenn ich könnte wie ich wollte, am nahesten kommt."

Dann unterbrach er die Vorrede und schaute Georg direkt an. "Damit will ich dir, Georg, eine kleines und durchaus vorläufiges Bild von mir selbst geben, damit du weißt, mit wem du es zu tun hast." Er setzte seine Lesebrille auf und begann, aus dem Buch etwas vorzulesen, das man als Reflexionen eines einfühlsamen Zeitgenossen bezeichnen konnte und das Georg schon nach wenigen Sätzen den Schlaf in die Augen trieb, dem er sich nur mit größter Mühe erwehren konnte.

"Es gibt Menschen", so sprach Schultz, "deren Bedeutung weniger von ihren Tugenden oder auch ebensogut von ihren Lastern ausgeht, als vielmehr von der natürlichen Beschaffenheit ihrer Umgebung, die sozusagen auf diesen Menschen abstrahlt, ihn in ins rechte und günstige Licht rückt, dessen Quelle er selber gar nicht ist, ja in dessen Glanz er nur rein zufällig und mit schier bewundernswerter Blindheit tritt. So wie der Mond, der selbst bloß ein stummer, langweiliger Steinklumpen ist, durch das Licht der Sonne und in dessen Wechselspiel zu einem leuchtenden, herrschaftlichen Gestirn wird, so gibt uns ein solcher Mensch Anlass zu ehrfürchtiger Betrachtung, zum Studium des ihm innewohnenden Charakters und, wo es beliebt, zum Bestreben seiner Nachahmung.

Ohne Donner, ohne schweren Schlag, ohne Sturm und Beben, mit denen die göttliche Dramaturgie das Leben berühmter Helden und Herrscher zum Schauplatz ihrer Werke wählt, ohne Sensationen und Kapriolen verläuft das Dasein des einfachen Mannes in schlichter Bahn und folgt dem innerlichen Triebe der Zufriedenheit und der Suche nach dem häuslichen Glück.

Eine sorglose Kindheit, ein trautes Elternhaus, schätzenswerte Geschwister, an jedem Tag ein gedeckter Tisch und fröhliches Spiel, ernste Schule, daran der erwachende Geist, das zartgrünende Gemüt sich bilden und zu messen wagen, all' das sammelt sich im Menschen zur fortdauernden wie unwiederbringlichen Zeit seiner frühen Stunden, die er mit unbeschränkt neugierigem Sinn durchläuft.

Im Herzen und in der Seele, jenem untrennbaren Paar von Organischem und Überirdischen, bewahrt der Mensch die Augenblicke der Unschuld und des Verlangens, hegt darin die Träume des Wachens und des Schlafs, auf daß dereinst ihre edelsten Blüten hervortreiben und vom Licht der Welt erschauet werden und es wider erschauen.

Oh, bedächte man, daß jeder Lebenstag, alles Können, alles Vermögen erst recht nur freundliche Leihgaben der Natur sind, ein Geschenk, das man oft selbst vom Weg aufgehoben hat, nachdem man darüber gestolpert und beinahe zu Fall gebracht worden ist, so würde man auch in seinem eigenen Spiegelbilde nur das Unberechenbare und Launische der Natur sehen, die sich an einem erprobt.

Wie dieser Mensch jeden Tag aufs Neue sein Glück versucht, wie er den Fehlschlägen und Niederlagen trotzt, er und sein unbeugsamer Wille, sie sind es zu... - Schultz stockte bei dem Wort und las es dann silbenweise: zu-aller-erst, was man an ihm bewundert. Man staunt über ihn weniger wegen seines Talents oder der Erfolge seines Handelns - denn mit beidem ist er, wie man bei näherer Betrachtung feststellt, nur spärlich gesegnet, und auch das Wenige, das er geschaffen, wird von den Leistungen anderer leicht und weit übertroffen - nein, man staunt vielmehr darüber, mit welch' einfachen Mitteln, mit welcher Beschränkung, mit welcher Geringfügigkeit jener Mann sein Tagwerk in Angriff zu nehmen befähigt ist, da ihm die Natur das Großartige verwehrt. Und doch ist's dieser Mangel, der die Aufmerksamkeit auf ihn lenkt, und man kann gar nicht anders, als an ihm haften zu bleiben, solange man das Geheimnis seines Erfolges nicht kennt.

Das Leben und Streben dieses bescheidenen Menschen hat etwas Festes, Standhaftes, Zuverlässiges, was jeder in seiner Zunft an ihm schätzt, und am Ende aller Anstrengung, am Ende aller mit erbitterter Härte geführten Kämpfe steht die Hochachtung vor dem einzelnen, einsamen Kämpfer, eine Hochachtung, wie sie sich selbst unversöhnliche Feinde einander nicht versagen."

Damit beendete Schultz seinen Vortrag und schwieg. Es entstand eine Pause, und Georg konnte nicht sagen, wie lange sie gedauert hatte, denn erst Schultz' Frage weckte ihn wieder auf. "Nun, mein junger Geselle, was hält er davon?" In diesem Fall konnte man von Glück sagen, daß Schultz kurzsichtig war und er deshalb nicht bemerkt hatte, wie Georg über seinen Ergüssen eingeschlafen war. "Sehr aufschlussreich, Herr Schultz", beeilte er sich zu antworten. "Ich habe bislang noch keine so gelungene Variation über ein Thema gehört seit der letzten Predigt unseres Pfarrers Stötzer in der Schlosskirche. Besonders der Vergleich mit dem Mond hat mir gefallen." Das war ungefähr das letzte gewesen, was Georg noch deutlich vernommen hatte. Schultz hatte das Büchlein zugeklappt und betrachtete es wie das persönliche Geschenk des Dichters. "Das ist erst der Anfang", sagte er und Georg verkündete "Es macht jedenfalls neugierig auf die Fortsetzung."

Georg hatte den Verdacht, dieses literarische Kunststück könnte eine Art Bekenntnis Schultzens sein, und er würde es als Produkt eines anderen ausgeben, um es dadurch legitimieren oder aus der Distanz selbst besser verstehen zu können. Er dachte sogar für einen Moment, Schultz leide an einer Gemüts- oder Geisteskrankheit, die lediglich durch eine überwiegende, robustere Seite seiner Persönlichkeit im Zaume gehalten wurde. Es war ihm die erste Zeit unangenehm, mit Schultz allein zu sein und weitere Lesungen aus den Gesammelten Werken wessen auch immer befürchten zu müssen. Aber es wiederholte sich nicht, und Georg sollte es ein Rätsel bleiben, was er mit diesem Auftritt bezweckt hatte.

Schultz hingegen schien sehr zufrieden mit dem Verlauf der einseitigen Unterhaltung, und als wäre damit immerhin andeutungsweise ein Grundstein gelegt, auf dem sich die weitere Zusammenarbeit gestalten könnte, ging er mit Eifer daran, für Georg einen Ausbildungsplan zu erstellen.

Sie setzten sich morgens ins Büro, und Schultz nahm einen großen Bogen Papier und teilte ihn mit Federstrichen in eine Art kalendarische Übersicht ein, mit zwölf Feldern für die Monate ab dem laufenden sowie mit separaten Abschnitten für die Wochen. "Wenn man das ganze nicht von Anfang an zielstrebig plant, dann weiß man am Ende, wenn das Jahr um ist, gar nicht, was man geschafft hat und wundert sich höchstens, daß die Zeit so schnell vergangen ist", sagte er erläuternd, und Georg machte sich schon auf das Schlimmste gefasst. Es dauerte bis zur Frühstückspause, das Gerüst aus Linien und Kästchen ordnungsgemäß zu beschriften, wobei Schultz sehr konzentriert zu Werke ging, und Georg nichts dazu sagte, daß er "März" mit e und tz schrieb und im "September" das p und b vertauschte. "So. Nachher werden wir es mit Leben füllen." "Mit Arbeit", meinte Georg freudig. "Mit Leben und Arbeit, genau." Damit gingen sie frühstücken.

Danach war Schultz wegen anderer Verpflichtungen unabkömmlich, und gegen Mittag, als Georg ihn wieder allein sah, sprach er ihn wegen des Plans an, den sie fortzuschreiben gedachten. Schultz schien einen Moment zu überlegen, was Georg meinte, dann rief er "Der Plan, natürlich, dein Ausbildungsplan, hast du ihn schon fertiggestellt, daß ich ihn prüfen kann?" Georg war ein wenig verwirrt und erwiderte "Ich habe mir die wichtigsten Inhalte zunächst im Kopf zurechtgelegt."

Schultz lächelte und tippte an Georgs Stirn. "Im Kopf also, na ja, aber wichtiger ist, daß sie auf dem Papier stehen. Das ist wie ein Vertrag, an den man gebunden ist, verstehst du. Jemand hat einmal gesagt: Was du bist, das bist du durch Verträge, na, das kommt später. Also lass uns sehen. Zuallererst musst du etwas über den Warenverkehr und die lückenlose Registrierung lernen." "Ich habe bei meinem Vater einigemal bei der Inventur geholfen." "Das ist großartig, da können wir uns auf das Wesentlichste beschränken, ja es genügt sogar nur eine Wiederholung. Ich werde mit Folkerts darüber sprechen, du musst ihm lediglich genau sagen, was du kannst und ihn fragen, wenn du was nicht weißt, er ist hier dein erster Ansprechpartner, nach mir natürlich."

Er überlegte und sie schauten beide auf das Blatt. "Hm", machte Schultz nachdenklich. "Es ist freilich schwierig, einen brauchbaren Plan zu formulieren, wenn ich nicht genau weiß, was du schon beherrscht und wo du noch Defizite hast. Jetzt schreibe ich hier was auf, und nachher ist das ganz unnötig, und anderes, wovon du noch nie was gehört hast, das vergessen wir womöglich." Er sah Georg unschlüssig an, und der sagte "Stimmt. Wir müssen erst einmal herausfinden, wie mein Kenntnisstand ist."

Schultz nickte mehrmals langsam, als müsste eine sehr grundsätzliche Entscheidung getroffen werden, für die aber nicht ausreichend Zeit bleibt. Dann sagte er sehr bestimmt "Wenn ich diesen Ausbildungsplan für dich mache, was unbedingt erforderlich ist, wie wir gesehen haben, tja, mein lieber Georg, dann kommen wir nicht umhin, dich zuerst einer Prüfung, schriftlich oder mündlich, zu unterziehen. Ich glaube, das sind wir der gemeinsamen Sache, unserer Verantwortung und auch deinem werten Herrn Vater gegenüber schuldig."

Georg kippte beinahe aus den Schuhen. Er musste sich erst wieder fassen, dann fragte er "Was ist, wenn ich diese Prüfung nicht bestehe?" Das schien für Schultz ein echtes Problem zu sein; er antwortete ausweichend. "Das wollen wir beide nicht hoffen, nein, das ist bestimmt ganz ausgeschlossen. Aber du musst verstehen, daß ich dir im Interesse deines Vaters nur dann etwas beibringen kann, wenn ich weiß, wie ich es richtig anstellen muss, und das hängt allein von dir ab." Georg hätte nie geglaubt, daß er so bald schon wieder an die Heimkehr denken würde.

Und dabei war er auch noch selbst daran schuld, warum hatte er so dummes Zeug über sein Bildungsniveau gefaselt. 'Einmal dämlich angestellt reicht fürs ganze Leben' hatte Großvater immer gesagt. Hätte er das jetzt nur beherzigt, nun konnte er zusehen, wie er aus der Klemme heraus kommen sollte. Schultz sagte "Wir verbleiben für heute folgendermaßen: bis zum Feierabend wirst du zu Folkerts abgestellt, und morgen früh leiten wir die Maßnahmen wegen einer Prüfung in die Wege." "Ist es nicht besser, wenn ich heute noch Zeit habe, mich darauf vorzubereiten?" fragte Georg kleinlaut. "Aber nicht doch, das würde die Tatsachen nur verfälschen. Außerdem solltest du dir eines merken: meine Entscheidungen sind immer unwiderruflich."

Georg verzichtete begreiflicherweise auf das Mittagessen, weil ihm die drohende Prüfung zu sehr auf den Magen geschlagen war. Am Nachmittag meldete er sich sehr förmlich bei Folkerts, der ihm entgegnete "Mensch Junge, du kennst deinen Platz, musst dich nicht an und abmelden." "In Ordnung, Herr Folkerts, werde mir's merken." Er gab sich ganz besondere Mühe bei der Arbeit. Er sollte Zinknägel abwiegen und in Tüten verpacken. Dann spitzte er Schaufelstiele zurecht, die zu dick waren und nicht in die Schäfte passten. Dazu ging er auf den Hof vor einen der Geräteschuppen, und es ging ihm alles so leicht von der Hand, daß er die schreckliche Prüfung darüber ganz vergaß.

Später fand er Folkerts, der sich am Kopf kratzte und über einem Problem grübelte. In einer seiner Listen waren kohlensaures Kalium und kohlensaures Natrium verzeichnet, womit Folkerts nichts anzufangen wusste. "Wer hat denn das geschickt?" fluchte er. "Kein Mensch versteht das. Sind wir hier eine Alchimistenwerkstatt oder eine Handelsfirma?" "Lassen Sie mal sehen", sagte Georg und schaute auf die Liste. "Also, kohlensaures Kalium ist Pottasche." "Pottasche, sage ich's doch, warum schreiben die nicht gleich Pottasche hin, soll man es erst übersetzen. Dann kann das andere nur ..." "Das ist Soda." "Soda, freilich, da weiß man, woran man ist. Danke dir mein Junge, scheinst Ahnung zu haben, so jemand können wir immer gebrauchen." Da dachte Georg, wenn solche Fragen geprüft würden, dann hätte er keine Schwierigkeiten, und er war guten Mutes.

Doch am Ende passierte ihm ein Missgeschick, das ihn um den Schlaf bringen sollte. Beim Abfüllen verwechselte er die Behälter mit dem Distelöl und dem Rizinus, und Folkerts bemerkte es erst, als die Flaschen schon fast alle in den Kisten verstaut waren. Dabei hätte Georg schwören können, daß er das Öl ohne weiteres am Geruch unterschieden hatte. Sollte er Folkerts bitten, Schultz nichts davon zu sagen? Dann hätte er auch von der Prüfung erfahren, und wer weiß, was Folkerts, so angenehm mit ihm zu arbeiten war, sich dafür ausdenken würde. So gut wie der Tag begonnen hatte, so schlimm endete er. Georg wälzte sich im Bett hin und her und kam am nächsten Morgen ganz zerknautscht ins Geschäft.

Schultz hatte zu tun. Folkerts war muffelig wie jeden Morgen. Georg machte dort weiter, wo er gestern aufgehört hatte. Es wurde Mittag, Schultz hatte nichts von sich hören lassen. Schließlich kam er mit einem der anderen Arbeiter ins Warenlager, und die beiden besprachen etwas mit Folkerts. Dann suchten sie in einem Regal nach einem Erzeugnis. Im Hinausgehen kam Schultz bei Georg vorbei und sie grüßten sich. Aber da blieb Schultz stehen, als wollte er sich auf etwas besinnen, und Georg wusste selber nicht, wieso er sagte "Herr Schultz, wegen der Prüfung habe ich einen Vorschlag zu machen." "Richtig, die Prüfung. Folkerts, können Sie Georg für ein Weilchen entbehren?" "Schwerlich." "Es muss sein."

Er nahm ihn mit ins Büro, und noch ehe er redete, sagte Georg "Ich habe mir überlegt: um diese Prüfung effektiv zu gestalten, wäre es gut, wenn ich für Sie alles notiere, was ich weiß und was nicht, damit man daraufhin die Fragen optimal stellen kann." Schultz sah ihn an und schwieg, und Georg fügte hinzu "Dadurch wird Ihnen die Arbeit als Prüfer erleichtert."

Jemand klopfte flüchtig an die Bürotür und kam herein, Schultz sollte irgendwas unterschreiben, aber er fand einen Fehler in dem Dokument, und die beiden Männer debattierten darüber. Der andere ging wieder hinaus, aber Schultz war in Gedanken noch woanders, und als derselbe Mann gleich darauf wieder erschien, sagte Schultz kurzerhand "Georg, wir können das jetzt nicht klären, schreibe die Prüfungsfragen auf und lege sie mir morgen vor, verstanden." "Die Prüfungsfragen oder den kompletten Ausbildungsplan?" "Den Ausbildungsplan natürlich, aber bitte komplett."

Damit widmete er sich wieder den Schriftstücken, in denen der andere heftig herumsortierte. Georg verschwand aus dem Büro wie eine Katze. Vor Freude klopfte er Folkerts auf die Schulter. "Also Herr Folkerts, wo machen wir weiter?" "Herrgott, nun nicht so stürmisch. Übrigens war das gestern nicht deine Schuld, die Etiketten kleben an den falschen Ölbehältern."

In dem Schrank, in dem die Formulare und der ganze andere Papierkram lagen, fand Georg ein Heft, in dem auf wenigen Seiten in Stichworten etwas über die Ausbildung eines Kaufmannslehrlings in einem modernen Handelsunternehmen stand. Georg konnte es gar nicht fassen, daß ihm der Zufall gerade in diesem Moment die Übersicht in die Hände gab. Da stand etwas von Warenkunde und Buchführung, von Korrespondenz und kaufmännischem Rechnen, von Diskont und Bonifikation. Es gab Hinweise zum Geld und Kreditverkehr und zum System der Maße und Gewichte, darüberhinaus einen Abschnitt zum Wechselrecht, den Georg überhaupt nicht verstand.

Auf einem losen und offenbar abgerissenen Blatt war ein Rezept für ein Schlankheitsmittel notiert, das aus Extrakten von Aloe, Rhabarber, Wacholderöl und Blasentang bestand, hinter welch letzterer Zutat auch eine Bezugsquelle in Ostfriesland angegeben war. Alles in allem war es genau das, was Georg benötigte, um Schultz einen perfekten Plan zu übergeben.

Er fragte Folkerts, woher das Heft stammte und zu welchem Zweck es verwendet würde. Folkerts blätterte darin, als sehe er es zum ersten Mal und meinte dann "Das muss wohl von Overbeck sein, als der hier seine Lehre gemacht hat." "Wer ist das?" "Arnold Overbeck? Bist du ihm noch nicht übern Weg gelaufen, so ein Langer mit Bürstenhaarschnitt. Er hat vor ein paar Jahren hier angefangen wie du. Dann ist er woanders hin gewechselt, weiß nicht genau wo. Seit einiger Zeit taucht er immer mal hier auf, arbeitet auf eigene Faust. Er kennt 'ne Menge Leute und hat auch irgendwie ein Gespür für Sachen, die sich lohnen; er und der Chef machen öfter was gemeinsam, aber er ist'n knallharter Bursche." Mit 'was gemeinsam machen' meinte Folkerts Geschäfte, bei denen für beide etwas heraussprang. Nach Folkerts Beschreibung glaubte Georg, diesen Overbeck schon bei Schultz im Büro gesehen zu haben.

"Braucht er denn das da?" fragte er Folkerts und deutete auf das Heft. "Ach woher, der weiß längst nicht mehr, daß das hier 'rumliegt." Er schaute noch mal hinein und fügte hinzu "Und so'n trockenes Zeug interessiert den schon gar nicht." "Mir würde es was nützen. Meinen Sie, ich kann es mal mitnehmen?" "Nur weg mit dem Kram, hier ist sowieso manches nur 'n Staubfänger." Das sagte Folkerts über ein Heft mit zehn Seiten, während er sich von dem sperrigsten Gerümpel nicht trennen konnte. Bis spät in die Nacht saß Georg am Tisch in seiner Stube und schrieb den wahrscheinlich besten Ausbildungsplan, den Schultz je hatte, auch wenn er vermutete, daß ihn das gleiche Schicksal wie Overbecks Heftchen ereilen wird. Außerdem wagte er es, die Ausarbeitung der Prüfungsfragen klammheimlich zu "vergessen". Sollte Schultz darauf bestehen, würde er sie nachreichen. Aber er hätte schon fast darauf gewettet, daß die Prüfung gar keine Rolle mehr spielt.

Und so kam es auch. Als Georg bei Schultz im Büro anklopfte, saß der vor einer Partie Patience, die Karten wie eine Schlachtordnung vor sich liegend und angestrengt über die nächsten Schritte nachdenkend. Da dachte Georg, daß Schultz eine unbewusste Vorliebe für Pläne hat, die man auf dem Tisch ausbreiten konnte. "Komm nur herein", sagte er, "es ist schließlich Arbeitszeit, nicht wahr. Das ist der Vorteil, wenn man sein eigener Chef ist, da darf man auch mal zwischendurch Karten spielen. Ich hoffe, du machst das nicht etwa nach." "Ich kann leider nicht Patience legen, Herr Schultz." "Falsche Antwort. Darum ging es jetzt gar nicht." "Ich meine, selbst wenn ich es könnte, würde ich es niemals bei der Arbeit tun." "Schon besser. Für mich ist das nicht einfach ein Zeitvertreib, auch wenn es so aussieht. Es dient der Beruhigung, denn ich bin ein cholerischer Typ, manchmal sogar melancholerisch." "Das merkt man Ihnen nicht an." "Ja, solange ich die Karten habe. Möglicherweise bin ich sogar von ihnen abhängig, aber ich meine, es wäre ein vergleichsweise harmloses Laster, oder?" "Sicher." "Ich trinke nicht, oder nur wenig, ich rauche nicht und lebe auch sonst ... ach, wozu erzähle ich dir das alles. Erstens geht es dich nichts an, und zweitens langweilt es dich bloß." Georg nickte und schüttelte den Kopf fast in einem.

"Ich habe hier den Ausbildungsplan, den Sie angefordert haben." "Ach, hast du ihn endlich gefunden?" sagte Schultz, als wäre er schon lange fertig vorhanden gewesen. Georg sagte "Ja, mit Herrn Folkerts Hilfe." Schultz räumte die Karten beiseite, setzte die Brille auf und betrachtete die Tabelle auf dem Papierbogen. "Hm, genau, das ist er, danach können wir vorgehen, er hat sich bewährt." "Bei Herrn Overbeck", sagte Georg, doch das war überflüssig gewesen. Schultz sah ihn an und runzelte die Stirn. "Overbeck? Bei dem hat sich nur bewährt, daß man ihm genau auf die Finger schaut, nimm' dir den mal nicht zum Vorbild." "Jawohl."




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